Projekttheater im Werk X: Foxfinder

November 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch ist des Menschen Fuchs

Der Foxfinder nistet sich auf dem Bauernhof der Coveys ein: Marc Fischer, Martina Spitzer und Rafael Schuchter. Bild: Marie Luise Lichtenthal

„Es gibt hier keine Situation“, sagt Marc Fischer als Farmer Samuel Covey zu Anfang. Welch ein Irrtum. Die Situation, wie künstlich auch immer kreiert, wird ihn nämlich mit sich reißen, auch seine Frau, die Nachbarin, bis schließlich … Das Vorarlberger Projekttheater ist endlich wieder in Wien, und zeigt im Werk X seine fulminante Inszenierung von Dawn Kings „Foxfinder“. Regisseurin Susanne Lietzow hat die groteske Parabel der britischen Autorin in Szene gesetzt.

Diese eine Dystopie über Totalitarismus und Überwachungsstaat, Entsolidarisierung und das Schaffen von Feindbildern. In einem postapokalyptisch anmutenden England geht es den Menschen nicht gut. Das Bauernehepaar Samuel und Judith Covey hat wegen der Überschwemmung der Felder mit einer Missernte zu rechnen. Aber sie lassen die Arbeit ohnedies schleifen, nach dem Ertrinkungstod des vierjährigen Sohnes und der darob „Erkrankung“ des Mannes. Da platzt der Foxfinder William Bloor in die bescheidene Welt der beiden – und er hat den Feind sozusagen im Handgepäck: Der Fuchs ist an allem schuld, er verseucht die Höfe, macht das Wetter schlecht, manipuliert den Verstand, tötet die Kinder. Der Fuchs ist das Böse, „die Bestie“, die allerdings noch niemand, auch der Foxfinder nicht, zu Gesicht bekommen hat.

Ausstatterin Marie Luise Lichtenthal hat für diese aberwitzige Ausgangssituation ein so atemberaubend schönes wie beklemmend düsteres Bild erdacht, in dem sich die Darsteller bewegen, als würden sie sich durch einen Albtraum tasten: eine Sumpflandschaft, morastig und wehmütig, dahinter der mystische Wald von Markus Orsini-Rosenberg, in Bahnen abgehängt wie Altarbilder, inmitten all des Wassers, wie eine gottverlassene Insel, die Stube. Martina Spitzer und Marc Fischer als die Coveys, Maria Hofstätter als Nachbarin Sarah Box und Rafael Schuchter als Bloor gestalten in diesem Setting ihr Spiel.

Aus Freundinnen werden Verräterinnen: Maria Hofstätter und Martina Spitzer. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Auf der Jagd nach dem Fuchs trifft es die Kaninchen: Marc Fischer. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Gegenstände gibt es keine. In einer beeindruckend präzisen Choreografie, dies der erste von vielen Aha-Effekten fürs Publikum, werden das Rücken von Tellern, Suppe schöpfen, Türen öffnen, das Ticken seiner Taschenuhr, sobald Samuel den Deckel aufschnappen lässt, ausschließlich zu deren Geräuschen ausgeführt. Einziges Requisit ist ein Gewehr, und wie man von Tschechow weiß: Wo eine Waffe ist, wird geschossen werden …

Förmlich-höflich stellt sich der Foxfinder vor. Rafael Schuchter zeigt ihn mit seiner ruhigen, tiefgründigen Art als einen pedantischen Menschen, der aber bald im Befehlston zum unangenehmen Fragensteller wird. Immer wieder deckt Schuchter neue Schichten an diesem Charakter auf. Von Kindheit an in einem geheimnisvollen „Institut“ indoktriniert, ist Bloor dessen Glaubenssätzen soldatisch hörig. Alles deutet auf eine pseudoreligiöse Sekte hin – vor allem, als sich der Foxfinder als Flagellant enttarnt -, deren oberste Maxime Wirtschaftswachstum ist, weil „die Nation nur mit vollem Magen marschiert“. Den Lebensmittelproduzenten, heißt: Bauern, wird bei Nichterfüllung vorgegebener Quoten mit Enteignung und Zwangsarbeit in Fabriken gedroht.

Der Wald steht unter Wasser: Rafael Schuchter und Martina Spitzer. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Der Foxfinder fügt sich gern selbst Ungemach zu: Rafael Schuchter. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Die Coveys sind ein einsilbiger, in sich gekehrter Menschenschlag. Marc Fischer spielt Samuel verhalten aggressiv, Martina Spitzer die Judith dem Fremden gegenüber um Freundlichkeit bemüht, aber ängstlich. Spitzer ist ganz großartig, so durchscheinend ist ihr Spiel dieser Figur Judith, die in der Beziehung die Starke sein muss, und nicht weniger leidet als Samuel, der mit seiner Schuld am Tod des Kindes hadert. Maria Hofstätters Sarah ist da deutlich resoluter, widerständiger, die Hofstätter in ihrer Darstellung authentisch wie immer.

Bald schafft es Bloor mit seiner krausen Ideologie, mit den „Zeichen“, die er überall wahrnimmt, das soziale Dorfgefüge zu destabilisieren. Die drei von ihm Heimgesuchten werden zu Denunzianten wider Willen und besseres Wissen, aus Freundschaft wird Verleumdung und Verrat, die Nachbarn spielen sich gegenseitig aus, das Misstrauen herrscht. Der Mensch wird des Menschen Fuchs, und einer als Mitläufer im System erscheint sogar fanatischer als der Foxfinder. Mehr und mehr wird unklar, wer dessen Theorien tatsächlich anhängt, wer sich in ihnen verfängt, wer seine Überzeugung nur vorgaukelt. Das Ende ist – überraschend.

Dawn King, und mit ihr das Projekttheater, erzählen eindrücklich davon, was mit einer Gesellschaft passiert, wenn die Politik wahre Ursachen für Probleme mit Parolen und Phrasendrescherei gegen frei gewählte Sündenböcke verschleiert. Im Staat „Schuld sind immer die anderen“ wird Kings absurdes Drama zur schaurigen Realität. Die Wien-Premiere von „Foxfinder“ wurde mit viel Applaus bedankt.

Zu sehen bis 6. November.

new.projekttheater.at

werk-x.at/

  1. 11. 2018

Das TAG: Torvald

November 26, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Rollenspiel, ein Mann zu sein

Bild: © Judith Stehlik

Bild: © Judith Stehlik

Man hat sie auf so viele Weise ihren Mann verlassen sehen. Frei und emanzipiert. Ehehafen und Kinder zurücklassend. Von den Wiener Festwochen bis Tokio richtete sie auch schon eine Waffe gegen sich. Dabei hat’s Ibsens „Nora“ in ihrem Puppenheim immer nur gut gemeint. Geld vom miesen Krogstad geliehen, um ihrem Torvald die teure Sanatoriumsgenesung zu finanzieren – und blieb am Ende immer über. Angeklagt vom eigenen Mann.

Der darf nun im TAG in der Uraufführung von „Torvald“ seine eigene Medizin kosten. Rachelle Nkou, Tänzerin, schweizerische Wahlösterreicherin mit Wurzeln in Kamerun, und ihre Gruppe DAS GUT, haben in ihrer Version Ehemann Torvald ins Zentrum gestellt. Am Zenit seiner Karriere als Bankdirektor verliert er plötzlich die Bodenhaftung in seinem Leben und gerät im Spannungsfeld zwischen männlicher Identitätskrise und Bournout-Syndrom ins Schleudern. Ibsens Figuren-Tableau ist verrutscht und der Kampf so herzzerreißend wie aussichtslos. Das Bekannte, das von den Vätern noch Gelebte, driftet ihm sukzessive immer weiter weg. Konfrontiert mit einer Vielzahl neuer Anforderungen und  Bedingungen, sieht er zumeist nur schemenhaft neues Land.  Wie’s der Grönemeyer singt: Wann ist ein Mann ein Mann? Als hätten Frauen heute viel mehr Lebensmöglichkeiten, als der Indianer, der immer noch keinen Schmerz kennen darf.

In einer postmodernen Leistungsgesellschaft, in der alle blond sind und graue Anzüge tragen, leben Torvald (Alexander Braunshör) und Nora (Birgit Linauer) den perfekten Power-Wellness-Jetset-Lifestyle. Kapitalismus pur, auf der Bank wie im Bett ist von Torvald männliche Härte gefragt. Nkou inszeniert rasant, ironisch, mit verfremdeten Popsongs und einer steifen Prise Dystopie. Und mit hervorragendem Ensemble. Alle bewegen sich zwischen Kaufrausch und Konsummüdigkeit, ein Erschöpfungsfuror, ein Marktbeschleuniger, für den es keinen Bremsschuh gibt. Selbstausbeutung mündet in Entlassungsangstgesängen. Mantraartig wird rezitiert, was im Leben wichtig ist: Fleiß und Arbeit und dabei Fröhlichkeit. Instant-Tipps für alle Lebenslagen gibt „Studio Linde, die Empfangsdame deiner Seele“ – eine elektronische Seelsorgerin mit Telefonschleifenstimme (Johanna Orsini-Rosenberg). Kein Wunder, dass Krogstad (Julian Loidl) kein sinistrer Obskurant mehr ist, sondern eine Art Weihnachtsmann. Lauf, lauf, kauf, kauf. Die Funktion der fünften Figur, Rank (Martin Bergmann) benannt, bleibt unklar.

Am Ende ist Torvald am Ende. Die Puppe, die in sich zusammensackt. „Das Mannsein ist mir unerträglich.“ Und man fragt sich, ob M(m)an(n) so agieren muss. Torvald Helmer war immer eine hoch interessante Figur, meist ein wenig unter- beziehungsweise fehlbelichtet. Und es ist schön, dass gerade eine Frau sich des männlichen Egos annimmt. Doch noch ist es der weibliche Part in Familien, Kinder und „Karriere“ zu schaukeln, noch schneidet die Einkommensschere tief ins Frauenfleisch. Das soll weder Nkous Arbeit schmälern, noch ihr den tosenden Schlussapplaus missgönnen. Aber: Realität sieht anders aus. Oder (böse!): Torvald tut sich halt so leid, wie sich Männer gerne leid tun … Der Arme.

www.dasTAG.at

Trailer: http://vimeo.com/112493842

Wien, 26. 11. 2014

Winterpalais: Der Zorn der Eleonore Batthyány

März 26, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

In Abwesenheit des Prinzen Eugen

Der Zorn der Eleonore Batthyány Foto: Natascha Unkart, © Belvedere, Wien

Der Zorn der Eleonore Batthyány
Foto: Natascha Unkart, © Belvedere, Wien

Das neu renovierte Winterpalais, Barockjuwel im Herzen Wiens, bildet die einzigartige Kulisse für einen besonderen Theaterabend. Der Autor Erwin Riess hat mit „Der Zorn der Eleonore Batthyány“eine Begegnung des Prinzen Eugen mit seiner heimlichen Geliebten für die Bühne zum Leben erweckt. In einem Monolog gewährt Johanna Orsini-Rosenberg in der Rolle der Eleonore Batthyány Einblick in die politisch motivierten Intrigenspiele am Wiener Hof, die sich gegen den hochdekorierten Savoyer richten.

Regisseur Karl Baratta setzt das packende Psychogramm einer starken Frau in der männerdominierten Barockgesellschaft meisterhaft in Szene.

Am 2. April entführt Orsini-Rosenberg als charismatische „Lori“ erstmals an den originalen Schauplatz ihrer Zusammenkünfte mit dem Prinzen, ins Eugen’sche Winterpalais. Dort zieht sie Bilanz über ihre Beziehung zu  einem der erstaunlichsten Menschen jener Zeit. Autor Erwin Riess hat mit diesem Monolog tief in die Seele der Battyány geblickt, die heimliche Geliebte, Seelenverwandte und Gefährtin des Prinzen Eugen. Der sich mehr mehr für Gärten (und Gärtner?) als für Damen interessiert haben soll.

„Was immer geschieht: Heute noch werden Sie die Größe haben, mir Rede und Antwort zu  stehen! Über jene Frage, die seit Jahren in mir wohnt und doch nur als ein Blick, ein Hauch, ein Seufzen auf sich aufmerksam machte.“ Diese leidenschaftlichen Worte richtet Eleonore Gräfin Batthyány an Prinz Eugen von Savoyen, während dieser bei Kaiser Karl VI. eine Intrige der spanisch-katholischen Partei aufdeckt, die ihn zu vernichten droht. Die schöne Gräfin hat für  ihn spioniert und ihm das Material geliefert, die Anschuldigungen der Intriganten  zurückzuweisen. Eleonore ist zu diesem Zeitpunkt schon viele Jahre verwitwet und gilt als  emanzipierte und kultivierte Frau auf der Höhe ihrer Zeit. Ihr halbes Leben widmet sie der Nähe zu Eugen, zittert und triumphiert mit ihm in zahlreichen Gefahrensituationen seiner  Laufbahn. Sie blickt hinter die brillant komponierte Fassade der historischen Persönlichkeit auf  die Verletzlichkeit des Prinzen. Vor dem Hintergrund der politischen Krise verlangt sie von ihm  eine private Entscheidung. Für mehr als zwei Jahrzehnte ist sie die  heimliche Herrscherin des Reiches. Im Jahre 1719 kommt es zu jener berühmten Affäre, die beinahe mit der Vernichtung des Prinzen Eugen endet. Kaiser Karl VI. lässt Eugen und Eleonore bespitzeln. Ziel ist es, Eugen zu unterstellen, er sei Eleonore Batthyány hörig, und ihn dadurch als Politiker und Präsident der Geheimen Konferenz unmöglich zu machen. Die Entscheidung über die vorbehaltlose Rehabilitierung des Prinzen oder seine Vertreibung aus Österreich und den Verlust seines gesamten Vermögens drängt. Eugen wird vorgelassen, Eleonore jedoch in ein Kabinett verwiesen. Die Stunde des Wartens gerät ihr zu einer schonungslosen und leidenschaftlichen Abrechnung mit dem Prinzen und dem Kaiser.

www.belvedere.at

Wien, 26. 3. 2014

„Being Else“ im Kosmos Theater

Juni 10, 2013 in Tipps

Einblick in verwirrte Gehirnwindungen

Bild: © Judith Stehlik

Bild: © Judith Stehlik

Ab 13. Juni zeigt das Wiener Kosmos Theater „Being Else – ein multiples System“, eine Musiktheater-Koproduktion mit DAS GUT nach dem Originaltext  von Arthur Schnitzlers „Fräulein Else“. Schnitzlers Novelle  erzählt vom inneren Kampf einer jungen Frau, die sich im Auftrag ihres in Geldnöte geratenen Vaters an einen wohlhabenden „Freund“ der Familie wenden und sich von diesem einen großen Geldbetrag beschaffen soll. Die unterschwellige Aufforderung zur Prostitution, die Erpressung des Familienfreundes und die eingeforderte Loyalität ihren Eltern gegenüber lösen in Else einen tiefschürfenden Konflikt und einen Prozess der Verzweiflung aus, der sie dem Suizid entgegentreibt. Daraus wird nun der atemlose Kampf einer multiplen Persönlichkeit, die versucht dem Missbrauch zu entrinnen.

„Fräulein Else“ alias “Being Else“ ist gezwungenermaßen „being (somebody) else” – „Andere sein“, um es zu ertragen. Persönlichkeitsspaltung als typischer Moment im Leben eines missbrauchten Menschen. Acht Performerinnen (eine Gesangsrolle, eine Tanzrolle, sieben gemischte Rollen) und die Musik als Teilpersönlichkeiten von Else werden zu einem allmählich immer fataler werdenden Diskurs, dessen Dynamik fortwährend ansteigt und der schlussendlich auf dem Höhepunkt implodiert. „Being Else“ ist ein Blick ins Gehirn, durchsichtig und doch undurchdringlich. In der Regie von Rachelle Nkou spielen Johanna Orsini-Rosenberg, Birgit Linauer, Rita Dummer, Sascia Ronzoni, Eli Veit, Ursula Wiednig, Anna Hein, Rachelle Nkou und Alexander Braunshör.

Die Produktion ist im Finale der World Stage Design 2013  im englischen Cardiff.

www.kosmostheater.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 10. 6. 2013