mumok: Pattern and Decoration

Februar 20, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Kunst, die es versteht, Grenzen zu öffnen

Brad Davis: Night Cry, 1979. mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1991. Bild: mumok © Brad Davis

Ornament als Versprechen. So könnte das Motto der US-amerikanischen Bewegung Pattern and Decoration lauten, die sich Mitte der 1970er-Jahre formierte. In Abwandlung der bekannten Maxime von Adolf Loos –„Ornament undVerbrechen“– führt die Ausstellung „Pattern and Decoration. Ornament als Versprechen“, die ab 23. Februar im mumok zu sehen ist, die Bestände des Sammlerpaares Peter und Irene Ludwig zur größten Präsentation im deutschsprachigen Raum seit den 1980er-Jahren zusammen. Mit orientalisch anmutenden Mosaiken, monumentalen Textilcollagen, Malereien, Installationen und Performances.

So verfolgten feministisch engagierte Künstlerinnen und Künstler wie Miriam Schapiro, Joyce Kozloff, Valerie Jaudon oder Robert Kushner das Ziel, Farbe, Formenvielfalt und Emotion in die Kunst zurückzuholen. Das Dekorative und ihm nahe kunsthandwerkliche Techniken spielten dabei eine große Rolle: Unterschiedliche ornamentale Traditionen – von der islamischen über die nordamerikanisch-indianische bis zur Artdéco – fanden Eingang in die Werke und öffneten den Blick über den geografischen und historischen Tellerrand hinaus. Die Nähe zu Folklore und Kitsch wurde dabei nicht nur in Kauf genommen, sondern als Gegenentwurf zum „Purismus“ der Kunst der 1960er-Jahre ausdrücklich gesucht.

Pattern and Decoration lässt sich als paradigmatische Kunstströmung der 1970er-Jahre beschreiben, jenes schwer zu fassenden Jahrzehnts der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüche, in dem die sozialen und politischen Utopien auf erste Vorboten eines aufkeimenden Neoliberalismus trafen. Als „promisk“ kritisierte der amerikanische Kunsthistoriker Hal Foster die Kunst jener Dekade in seinem Artikel „The Problem of Pluralism“. Nach den „puren“Bestrebungen der 1960er-Jahre, allen voran der Minimal Art, mangle es der Kunst der 1970er-Jahre sowohl an Stil als auch an kritischem Bewusstsein.

Pattern and Decoration allerdings war aus Überzeugung „promisk“: „Wir weigerten uns, Kunstformen einer Hierarchie zu unterwerfen“, so beispielsweise Joyce Kozloff. „Für uns gab es weder Grenzen zwischen den Kunstformen der Welt noch ‚High‘ oder ‚Low Art‘.“ Und Robert Kushner: „Wir wollten das Spektrum dessen, was im offiziellen Kunstlexikon zugelassen war, erweitern. Textilien, großartig. Quilts – ja. Keramik – aber sicher. Teppiche – warum nicht. Wir schauten uns all diese Objekte im Hinblick auf ihren ästhetischen Wert und ihre reichen visuellen Vorzüge an und wollten, dass andere sie auch als Kunst wahrnahmen.“ Und schließlich Robert Zakanitch: „Die strikten Parameter der Moderne verloren ihre Bedeutung, und jenseits davon gab es prächtige Dinge zu erfühlen und zu malen – feine Muster, Ornamente, Designs aus allen Kulturen der Welt, Volkskunst – Dinge und Themen, die als zu feminin erachtet worden waren und daher als trivial galten.“

Kim MacConnel: Squid Decoration, 1979. Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen. Bild: Carl Brunn / Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen © Kim MacConnel

Ned Smyth: Portale Fish & Fabric, 1979. mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1991. Bild: mumok © Ned Smyth

Geboren aus Diskussionen von miteinander befreundeten und bekannten Künstlern sowie der Kritikerin Amy Goldin, stellt Pattern and Decoration die vielleicht letzte Kunstbewegung des 20. Jahrhunderts dar – und zugleich die erste, die über die Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten dekorativen Traditionen eine tatsächlich globale Perspektive verfolgte. Die egalitären, kollektiven und lebenspraktischen Dimensionen, die Goldin als Eigenschaften des Dekorativen definierte, stehen dabei stellvertretend für das Programm von Pattern and Decoration: nämlich, was konventionell als „nieder“ eingestuft wurde – die Kunst von Frauen, Kunsthandwerk, Volkskunst und so weiter –, möglichst laut zu feiern.

Der österreichische Architekt Adolf Loos kriminalisierte das Dekor in seiner berühmt-berüchtigten Streitschrift „Ornament und Verbrechen“, die 1908 in Reaktion auf den Wiener Jugendstil entstand. Seine Abwesenheit sei Indikator einer hohen Kulturentwicklung; seine Fertigung ein „Verbrechen an der Volkswirtschaft“. Ornament als Versprechen, der Untertitel der Ausstellung, verkehrt die Loos’sche Polemik im Sinne der Anliegen von Pattern and Decoration: Tritt die eine Position in unverkennbar misogynem und kolonialistischem Tonfall für eine „High Art“ein,so wird auf der anderen Seite nach Alternativen zu den Werten der westlichen Industriestaaten gesucht – nach anderen Geschlechterverhältnissen und kulturellen Identitäten und nach einem neuen Kunstbegriff.

Joe Zucker: Two Malay Pirates in the South China Sea, 1978. Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen. Bild: Carl Brunn / Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen© Joe Zucker

Peter und Irene Ludwig haben den Wert dieser Kunst schon früh erkannt und Pattern and Decoration durch systematische Ankäufe zu einem der Schwerpunkte ihrer Sammlung ausgebaut: Auf ihren Reisen in die USA Ende der 1970er-Jahre erwarben sie etwa siebzig Arbeiten, von denen sich heute der Großteil im Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen und eine ebenfalls umfassende Werkgruppe im mumok –Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien befindet.

Das in Kooperation realisierte Projekt führt die Bestände der beiden Museen erstmals wieder zusammen, was ermöglicht, dass diese Kunstform mehr als vierzig Jahre nach ihrer Gründung einer Neubewertung unterzogen werden kann. Denn die Fragen, die die Künstlerinnen und Künstler stellten, erfahren heute, in einer noch viel stärker globalisierten und von Machtasymmetrien gekennzeichneten Welt, eine brisante Aktualisierung. Zu einem Zeitpunkt, da sich Gräben vertiefen und Grenzen schließen, erinnert Pattern and Decoration daran, was es zu gewinnen gilt, wenn die Kanäle offenbleiben.

www.mumok.at

20. 2. 2019

MAK: Josiah McElheny „The Ornament Museum“

April 22, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Mit einer Performerin durch den Pavillon lustwandeln

Josiah McElheny: Scheerbart Hand-Colors Taut’s Glass House, 2014. Bild: © Josiah McElheny

Josiah McElheny: Scheerbart Hand-Colors Taut’s Glass House, 2014. Bild: © Josiah McElheny

Josiah McElheny. Bild: © MAK/Bärbel Vischer

Josiah McElheny. Bild: © MAK/Bärbel Vischer

Ab 27. April zeigt das MAK Josiah McElhenys „The Ornament Museum“. Für seine erste Einzelausstellung in Österreich, einer eigens für das Haus entwickelten Installation, entwirft der New Yorker Künstler ein Museum im Museum, einen begehbaren Pavillon aus bemaltem Holz und Glas, mit dem er Bezug auf die Wiener Moderne um 1900 nimmt.

McElhenys ist für seine Arbeiten mit Glas bekannt, und so fordern auch hier große, mit ornamentalen Mustern überzogene Fensterpaneele die Besucher zum Hin- und Durchschauen auf.  Das in Zusammenarbeit mit dem Chicagoer Architekten und Ausstellungsdesigner John Vinci entworfene Werk erinnern an Josef Hoffmanns österreichischen Pavillon für die „Exposition internationale des Arts décoratifs et industriels modernes“, die 1925 in Paris stattfand und Visionen einer neuen Moderne zeigte.

Hoffmann gestaltete den originalen Pavillon als Sinnbild zeitgenössischer Architektur mit aufwendig verziertem Holz, Paneelen aus klarem Glas und elektrischer Beleuchtung. Mit ihm inszenierte er sein Ideal des Gesamtkunstwerks, mit dem er in der ästhetischen Auseinandersetzung in Wien um 1900 eine oppositionelle Haltung zu klar funktionalen Designansätzen anderer Architekten, wie etwa Adolf Loos, einnahm.

Die komplexen geometrischen und floralen Elemente von Hoffmanns Gestaltung standen in Gegensatz zu der in vielen anderen nationalen Pavillons dominierenden Formensprache industrieller Materialien.

Im MAK nun sind die Betrachter eingeladen, McElhenys Pavillon zu betreten und durch die Fenster in eine szenische Landschaft aus ornamentalen Mustern zu blicken. Mehr als 100 einzelne Glastafeln hat der Künstler mit sieben verschiedenen Ornamenten versehen, die Feinheit der Arbeit erinnert an Studien Koloman Mosers über das Ornament. McElheny möchte aber auch eine Verbindung zur Entwicklung der modernen Psychologie von Sigmund Freud und anderen herstellen. Das Ornament der Wiener Moderne, das alle Arten von Oberflächen und Medien wie Papier, Textilien, Schmuck, Möbel, Wände und architektonische Elemente überflutete, beeinflusste nach seinem Credo das psychische Befinden der Menschen, die sich in diesen gleichsam psychedelischen Räumen bewegten.

Als Einführung in die Ausstellung weist eine Texttafel auf die grundlegende Psychologie der Ornamente hin. Diese Aussagen werden bei Performances durch eine Darstellerin wiederholt. Die Performerin trägt ein fantastisches Kleid, eine Nachempfindung eines Entwurfs der Designerin Emilie Louise Flöge aus dem Jahr 1908. Sie führt die Besucher durch den Pavillon und erklärt die verborgenen und unbewussten Bedeutungen der Muster.
.
.
Wien, 22. 4. 2016