Theater in der Josefstadt: Der einsame Weg

November 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Klipp-Klapp-Tragödie mit drehbaren Türen

Ein Kommen und Gehen auf schmalem Gang: Therese Lohner, Marcus Bluhm, Alexander Absenger, Alma Hasun und Bernhard Schir. Bild: Astrid Knie

Vier hohe Türen, dahinter Fensterfronten, davor wie dazwischen ein enger Gang, den entlang die Darsteller im Wortsinn im Kreis gehen. Weil sich die Szenerie nach jeder Szene verschiebt. Was immer neue Perspektiven freigibt, immer neu gespiegelte Bilder einer in ihren selbstauferlegten Zwängen gefangenen Gesellschaft. Dieser Totentanz der drehbaren Türen ist die alles bestimmende Grundkonzeption von Mateja Koležniks Schnitzler-Interpretation am Theater in der Josefstadt:

„Der einsame Weg“. Von Anfang an ist klar, dass dieser hier auf kühl distanzierte Art abgeschritten werden wird. Keine Spur mehr von Schnitzlers Sehnsüchtlern, die durch dessen geschliffene Dialoge ihre psychischen Defekte schimmern lassen, das melancholische „Egoistenstück“ zum 90-minütigen Trauermarsch gekürzt. Dass Koležnik dem seelischen Stillstand ihrer Protagonisten die Bewegung der Bühne entgegensetzt, ist als Idee reizvoll, realiter mit der Zeit aber so spannend, wie die Beobachtung des Huhns auf dem Möbiusband.

Nun ist es nicht so, dass Koležnik für ihre radikalen Zugriffe nicht bekannt wäre. Auch weiß man, dass diese in der Regel in einer extremen Raumsituation stattfinden. Die slowenische Regisseurin räumt ihren Schauspielern so wenig Spielplatz wie möglich ein, ihr Kunstkniff, der dazu führt, dass die Figuren aufeinanderprallen müssen. Das hat im Vorjahr bei Ibsens „Wildente“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24871) im steilen Stiegenhaus ganz wunderbar funktioniert. Nun setzen die Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt und Kathrin Kemp erneut auf die bewährte taubengraublaue Optik, und aus der gleichen Farbpalette stammen auch die Kostüme von Alan Hranitelj – an denen sich unter anderem nicht erschließt, warum Felix‘ (Zwangs?-)Jacke hinten zu schließen ist -, man hat das alles also so oder so ähnlich bereits gesehen.

Maria Köstlinger und Ulrich Reinthaller. Bild: Astrid Knie

Bernhard Schir und Alma Hasun. Bild: Astrid Knie

Nur geht die angestrengt strenge Versuchsanordnung des Leading Teams diesmal nicht auf. Wenig bis gar nichts erfährt man über den fehlenden inneren Frieden der Figuren, von deren Selbstverliebt- und Verrücktheiten, über vergebene Lebenschancen und vergebliche Hoffnungen, Schuld und versuchte Sühne, und dass hier das Sterben als Thema über den Dingen schwebt, darf man sich bestenfalls dazu denken. Koležnik bedient sich einer Künstlichkeit, die einen nur schwer ins Stück lässt. Wo kompakt auch komplex bedeuten hätte können, wo etwa ein Belauschen und Belauern hinter den – so sie schon vorhanden sind – Türen möglich gewesen wäre, gibt sich Koležnik als Erfinderin der Klipp-Klapp-Tragödie. Die Verwendung von Mikroports und die gelegentlich knisternden Soundeffekte von Nikolaj Efendi sorgen für zusätzliche Verfälschung, Stimmen kommen aus dem Off oder als beiläufiges Beiseitereden zu bereits abwesenden Bühnenpartnern.

Diese Spielart kommt den Josefstädtern nicht zupass. Sie gestalten die Schnitzler’schen Charaktere seltsam blutleer, sind, statt diese aus Gründen der Konvention unterdrückend, einfach nur emotionslos, spröde, wo die Sprache schneidend, tief- und hintergründig sein sollte. Koležniks mangelnde Differenzierung ihrer Wachs-Figuren hinterlässt am Ende den Eindruck, diese würden ineinander verlaufen. Nicht nur was die Farbauswahl betrifft, verläuft der Abend ergo eintönig. Marcus Bluhm ist ein erstarrter Wegrat, Ulrich Reinthaller kämpft sich als Fichtner durch dessen mangelnde Sympathiewerte, Bernhard Schir nimmt man den todkranken Sala schlicht nicht ab, Peter Scholz als Doktor Reumann und Alexander Absenger als Felix finden genaugenommen gar nicht erst statt. Egal, was diese Einsamen auf ihrem Weg zittern, zögern, zagen und zetern, es hinterlässt einen ungerührt.

Alexander Absenger, Bernhard Schir, Maria Köstlinger und Ulrich Reinthaller. Bild: Astrid Knie

Am Schlimmsten treffen die Striche die Frauenfiguren: Therese Lohner als schnell hinscheidende Gabriele, Alma Hasun als Johanna und Maria Köstlinger als Irene Herms – sie alle bleiben blass. Hasun, die die ganze Aufführung über mit rätselhaften Tür auf-Tür zu-Ritualen beschäftigt ist, beschließt schließlich als Wasserleiche mit einem anklagenden, in dieser Inszenierung unverständlich pathetischen Über-die-Schulter-Blick ins Publikum das gar nicht tolle Treiben.

Dieser „Einsame Weg“ ist nicht das Beste, das man von Mateja Koležnik bisher sehen durfte, dennoch gab es freundlichen Premierenapplaus. Man wird einander bald wieder begegnen, im Sommer in Salzburg bei Gorkis „Sommergäste“ und mutmaßlich kommende Saison am Burgtheater.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=Dtmxz3Mtreo

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  1. 11. 2018

Kammerspiele: Suff

Februar 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dies Ärgernis ist kaum wegzuspülen

An die Gläser, fertig, los: Sona MacDonald, Elfriede Schüsseleder, Marianne Nentwich und Therese Lohner. Bild: Herwig Prammer

Prinzipiell nie kommt es vor, dass man die Kammerspiele der Josefstadt verlässt, und nicht weiß, wie man’s finden soll. Doch, diesmal. Thomas Vinterbergs wie immer gemeinsam mit Mogens Rukov verfasster Text „Suff“ hinterlässt einen rat- und sprachlos. Dabei sind es keine moralischen Überlegungen, die einen bei dieser Ode an den Alkohol ins Wanken bringen, da müsste man früh anfangen, Darstellungen des Trinkers gibt es seit der Erfindung von Kunst und Kultur, sondern jeglicher fehlende Mehrwert.

„Mehr Schicksal“, meinte eine Zuschauerin nach der Premiere, hätte sie sich gewünscht. Doch, nein, das ist es nicht. Nicht jeder, der säuft, hat „ein Schicksal“. Aber ein Ausloten der Figuren, ein Tiefergraben in Beziehungen, deren Motivation und Antrieb, hätte man sich wohl erwarten dürfen. „Suff“ ist ein schlechtes Stück. Und nur der Regie von Alexandra Liedtke und der schauspielerischen Leistungen von Sona MacDonald, Elfriede Schüsseleder, Therese Lohner, Marianne Nentwich und Martin Niedermair ist es zu danken, dass da irgendwas über die Bühne kommt.

Handlung? Gibt es. Vier in die Jahre gekommene Freundinnen versammeln sich regelmäßig, um sich zu betrinken. Kein Damenspitzerl ist es, was sie anstreben, sondern der echte, ehrliche Vollrausch. Das stellt der Sohn der Wohnungsinhaberin, in der derlei Bordeaux- und Cointreau-Orgien stattfinden, der Mutter ein Ultimatum: Nüchtern oder nicht mehr die Enkelkinder sehen. Raimund Orfeo Voigt hat dafür ein passendes Bühnenbild gefunden: eine viel zu hoch installierte Wohnzimmertür und einen Parcours aus leeren Flaschen.

Darin tummelt sich nun die MacDonald als Hedwig, um für Jacob/Niedermair und seinen Anhang ein Weihnachtsessen samt Karpfen zu servieren. Boykottiert wird sie von Schüsseleders Irma, die das eigene Weinglas in der Handtasche mit sich trägt, Nentwichs Marion, die stets die passenden Herren zum Amüsement wählt, und Lohners Constance, die gleich zu Beginn bei der Tür hereinkotzt. Man befindet sich in der besseren Wiener Gesellschaft, die Damen sind gewesene Ärztinnen, Pianistinnen und Balletttänzerinnen. Hedwig hat den Flaschenöffner als Kette um den Hals hängen.

Erst der Vollrausch macht den Mann: Marianne Nentwich, Elfriede Schüsseleder, Martin Niedermair und Therese Lohner. Bild: Herwig Prammer

So beginnt nun also der Streit, ob „Spaß haben“ nicht doch ein Selbstzerstörungsmodus ist; wo sich in der Realität Menschen Ängste und Ärgernisse wegspülen, gelingt Zweiteres hier nicht. Und am „Höhepunkt“ steht Sohn Jacob als der wahre Verlierer da, den Unzufriedenheit und Einsamkeit zerfressen. Also, schnell vier, fünf, sechs Martinis gekippt, dann traut er sich seinen Nebenbuhler windelweich zu schlagen und seine Frau zurückzugewinnen. Die seine neue Männlichkeit übrigens sehr goutiert.

Worauf das Alkoholikerinnenquartett natürlich anstoßen muss. Dem ist nichts hinzuzufügen …

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=K_fvi4I3Ukk

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  1. 2. 2018

Theater in der Josefstadt: Die Wildente

Mai 5, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schön in aller Schlichtheit

Familiendrama im Stiegenhaus: Raphael von Bargen, Gerti Drassl, Roman Schmelzer, Maresi Riegner und Siegfried Walther. Bild: Astrid Knie

An der Josefstadt hatte Ibsens „Die Wildente“ Premiere, dieser Dauerbrenner an heimischen Bühnen, man hat den einen und die andere diesmal Mitwirkende/n schon in früheren Inszenierungen in jüngeren Rollen gesehen, doch der Donnerstagabend war etwas sehr Besonderes. Regisseurin Mateja Koležnik, eine der wesentlichen Spielmacherinnen des slowenischen Theaters und ausgewiesene Ibsen-Expertin (ihre Vorjahresinterpretation der „Nora“ am Stadttheater Klagenfurt begeisterte derart, dass Martin Kušej die Aufführung ans Resi holte), gab ihr Wien-Debüt – und überzeugte auf ganzer Linie.

Sie hat Ibsen schlank und schlicht gemacht, und birgt in dieser Schlichtheit große Schönheit. Sie stemmt sich „einfach“ gegen Bedeutungsschwere und Pathos. Die nunmehr wie dahingesprochenen Sätze, die geflüsterten Geheimnisse, erzählen von einer unerträglichen, weil unechten Leichtigkeit des Seins, und die großartige Beiläufigkeit, mit der agiert wird, weist aus: Hier wird mehr aneinander vorbei gesprochen als tatsächlich miteinander geredet. Viel Falschheit wird mit nicht einem falschen Ton gesagt, die Lebenslügen, der Selbstbetrug, schneiden so erst recht ins Fleisch. Koležniks Arbeit tut weh.

Man spürt die unterschwelligen Aggressionen, die gutbürgerlichen Unzufriedenheiten – und brechen diese abrupt auf und aus, ist man durch das Hochbrausen der Emotionen an diesem stillen Abend umso mehr erschüttert. Für all das hat Koležnik mit Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt und Kostümbildner Alan Hranitelj eine Art Farbleitsystem erdacht, eine spezielle Farbästhetik von zinkgrau-zinskasernenen Kittelschürzen bis blauen Arbeits/Mänteln. Die Herren im Ensemble laborieren außerdem allesamt an einem Bad-Hair-Day, heißt: gatschbraunem Topfhaarschnitt.

Die Frage, wer tatsächlich Hedvigs Vater ist …: Maresi Riegner und Gerti Drassl. Bild: Astrid Knie

… treibt Hjalmar und Gina auseinander: Roman Schmelzer und Gerti Drassl. Bild: Astrid Knie

Gespielt wird in einem Stiegenhaus, diesem nachbarschaftlichen Begegnungsort, an dem sich’s trotzdem so trefflich anonym und unangetastet bleiben lässt. Die steilen, atemlos machenden Stufen, diese „Lebensleiter“, verbinden mutmaßlich die Ekdal’sche Wohnung mit dem Fotoatelier, im ständigen Treppauf-Treppab wird Geschäftigkeit, wird Bewegung simuliert, wo seit Langem seelischer Stillstand herrscht. Eine alle Heimlichkeiten wahrende Tür führt auf den mysteriösen Dachboden, der nicht nur den Wasservogel, sondern auch einige Tanzpaare beherbergt. Ibsens Hang zum Symbolismus, der mitunter unvermittelt seiner naturalistischen Beschreibung von Realität gegenübersteht, ist ja bekannt – und Koležnik trägt ihm mit ihrer aufs Kondensat eingedampften Arbeit und dem klaustrophobischen Bühnenraum Rechnung.

All diese wunderbar konzeptiven Ideen wären wenig wert, hätte man nicht Schauspieler, die diese auch in den Zuschauerraum zu übertragen wissen. Und Koležnik versteht sie exzellent zu führen und zu stärkster Wirkung zu bringen. Maresi Riegner, diese blutjunge Film- und Theaterentdeckung, ist eine formidable Hedvig, sehr naiv, sehr Mädchen, ein von den unerwarteten Umständen erschrecktes Kind, das sich zum Wohle der Eltern opfert. Gerti Drassl und Roman Schmelzer brillieren als Hjalmar und Gina Ekdal, die hantige Mutter und der gutmütige Vater, deren Existenz ein Mensch gewordener Jagdhund vernichtet, nur weil er seinem Wahrheitswahn und seinem übersteigerten Ehrbegriff folgen zu müssen glaubt.

Die Werles tragen ihren Vater-Sohn-Konflikt in der Familie Ekdal aus: Maresi Riegner, Michael König und Raphael von Bargen. Bild: Astrid Knie

Als dieser Gregers Werle ist Raphael von Bargen eine Idealbesetzung, herrisch bis zum Herrenmenschentum, von sich selbst und seinen Idealen überzeugt. Er will sein Gewissen heilen, indem er andere krank macht, er holt zum Rundumschlag aus, und will doch nur seinen Vater treffen. Selten war in einer Inszenierung so klar zu erkennen, dass Gregers über die Ekdals Vergeltung an Håkon übt. Wie Schmelzers Hjalmar mit dem Grad der Verzweiflung menschlich wächst, schrumpft von Bargens Gregers mit seinem Tun zusammen.

Großartig sein Aufeinanderprallen mit „Vater“ Michael König, er ein Paradebeispiel für Ibsens misstrauischen, schweigsamen und hartleibigen Menschenschlag, und Peter Scholz als abgeklärt-zynischem Dr. Relling. Siegfried Walther ist ein wunderbarer alter Ekdal, mittelschwer senil und mit einem Dachbodenparadies auf Erden. Susa Meyer hat einen prägnanten Kurzauftritt als Frau Sørby, ebenso Alexander Absenger als Molvik. „Die Wildente“ an der Josefstadt ist eine hochkonzentrierte, atmosphärisch dichte und beklemmende Aufführung. Am Ende wird Gina vom Tod ihres Kindes in einem gewaltigen, bleischweren Schlussbild überwältigt, ein letzter Schrei, bevor der Eiserne fällt – nicht nur Gerti Drassl brauchte beim wohlverdienten Applaus sichtlich, um aus dieser Situation wieder ins Hier und Jetzt zu finden – auch das Publikum hatte eine Schrecksekunde, eine Schweigeminute nötig, bevor der Jubel losging.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=WuF68lYg7T8

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Wien, 5. 5. 2017

Kammerspiele: Vater

Februar 12, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Erwin Steinhauer berührt als Alzheimer-Patient

Erwin Steinhauer mit Therese Lohner und Martin Niedermair Bild: Moritz Schell

Erwin Steinhauer mit Therese Lohner und Martin Niedermair
Bild: Moritz Schell

Ein Bub geht vorbei an Museumsschaukästen, darin die Uhr, die stets vermisste, ein Fotoalbum, ein Kinderanzug. Später wird der Bub ein alter Mann geworden sein und sich selbst in die Vitrine setzen. Da ist er nicht einmal mehr seine eigene Erinnerung und seine Welt so klein geworden wie dieser Glasschrank.

Alexandra Liedtke inszenierte an den Kammerspielen Florian Zellers Alzheimer-Stück „Vater“. Die Tragikomödie war in Frankreich ein Sensationserfolg und wurde 2014 mit dem Prix Molière ausgezeichnet und erweist sich auch in Wien, in Liedtkes Händen, als toller Text. Zeller beschreibt die Erkrankung aus der Sicht des Betroffenen. Der Zuschauer nimmt wahr, was der „Vater“ wahrnimmt, erkennt, wen er erkennt, muss glauben, was er glaubt. Das sorgt nicht nur für situationskomische Momente, sondern entwickelt sich wie ein Psychothriller, wie ein hitchcockiges Suspencespiel, in dem ein sinistrer Geheimdienst den Helden um den Verstand bringen will. Ist alles nur eine perfide Intrige der Tochter, um den Vater aus der schönen Altbauwohnung ins Pflegeheim zu treiben? Man weiß es, natürlich – aber …

„Vater“ ist der Abend des Erwin Steinhauer. Er ist als André von berührender Intensität, ist genau die Art liebenswertes Scheusal, die einem ein verständnisvolles Lächeln entlockt. Steinhauer lässt noch den früheren Patriarchen durchblitzen, das Familienoberhaupt, das gewohnt war über alle zu bestimmen; er ist herrisch und ungeduldig mit anderen, womit er anfangs seine Unsicherheiten geschickt überspielt. Steinhauer gibt auch den Charmeur alter Schule, wenn er die neue Pflegehilfe umgarnt. Wie er steppt, wie er fast einen Kopfstand probt, um sich als toller Hecht zu zeigen. Er produziert sich wie ein Kind, das sich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit weiß. Doch der Feind im Kopf ist da und er breitet sich unerbittlich aus. Wenn Steinhauer den Schalk macht, kann man gut mit ihm schmunzeln, wenn er weint, verzweifelt ist, Angst hat, dann ist es kaum zu ertragen; sein Spiel wechselt von reizend zu reizbar und retour. Eine preisverdächtige Darbietung.

Regisseurin Liedtke hat diesen geistigen Verfall behutsam in Szene gesetzt. Ganz zart und sachte nähert sie sich Zellers Figuren und führt die Schauspieler durch deren Geschichte. Ihre Arbeit legt sich wie ein Seidenschal über das menschliche Drama, und der Vergleich changierend durchscheinend passt, hat doch Raimund Orfeo Voigt eine ähnliche Bühne erdacht: Milchige Wände, die alles und zugleich nichts erkennen lassen; Silhouetten tauchen im Hintergrund auf, Schatten huschen vorbei, für André werden die Mitmenschen zu Schemen. Und je mehr sich sein Kopf leert, umso mehr auch die Bühne. Tische und Sessel verschwinden. Wie die Person auf einem Video. Gerade da, dann fort, es ist er selbst. Eindrückliche Bilder

André hat Familie. Tochter Anne, Schwiegersohn Pierre und Pflegehilfe Laura. Zeller hat für diese drei Rollen fünf Schauspieler vorgesehen. Als die für den Vater verschwimmenden Gesichter. Er sieht Fremde in der Wohnung. In seiner und in der der Tochter – auch der Ort löst sich auf und wird eins. Gerti Drassl spielt Anne, Therese Lohner „eine Frau“. Was freilich Verwirrung stiftet. „Machst du das mit Absicht?“, sagt Steinhauer-André einmal, als Anne-Drassl abgeht und Anne-Lohner auftritt. Drassl ist wie immer von großer Wahrhaftigkeit. Ihr Schmerz und ihre grüblerische Sorge scheinen, nein: sind echt. Nervös sprudeln die Worte aus ihr hervor, als Laura kommt. Deren Vorgängerin wurde nämlich mit der Vorhangstange verjagt. Doch Eva Mayer geht mit einer Gemütsruhe an die Sache heran, als hätte sie das Lied von Bernadette inhaliert. Therese Lohner ist außer Anne auch Laura und am Ende eine Krankenschwester, die Pragmatische im Damentrio, sozusagen berufsbedingt freundlich, aber bestimmt. Ihr Wechselspiel, diese mehreren Facetten eines Menschen, schildern die Schauspielerinnen mit großer Prägnanz.

Szenen driften auseinander und finden wieder zusammen, Sätze, Dialoge wiederholen sich. Immer wieder. Die „gestohlene“, heißt: verlegte Uhr, das fertige Huhn und der Rotwein, und die Diskussion, ob der Vater in eine Einrichtung muss. Zeller zeigt, wie eine Familie um Zusammenhalt ringt, und auch die Position des Partners. Als der sind Martin Niedermair und Oliver Huether zu sehen. Für André gleichsam Jekyll und Hyde. Und weil er nie weiß, ob er den derzeitigen oder den geschiedenen Mann der Tochter oder einen Lover vor sich hat, gibt es wunderbare Augenblicke wie den, wenn er Pierre – dem vermeintlich verflossenen – mit einem „Nur Mut!“ männlich auf die Schulter klopft. Huether verkörpert die genervte, verständlich unfreundliche Seite des Charakters, Martin Niedermair den, der noch Galgenhumor aufbringt. Pierre ist um Anne besorgt, die sich bis zur Selbstaufgabe aufopfert. Vor allem Niedermair zeigt mit dieser Rolle eine weitere Variante seines Könnens.

Lösungen werden in „Vater“ keine angeboten. Weder von Zeller noch von Liedtke. Das Ende ist so offen wie klar, und die Diskussion entfacht. Was würde man tun, wenn … 2050 wird es in Österreich etwa 230.000 Alzheimer-Patienten geben, das ist jeder Zehnte, der dann älter als 60 Jahre sein wird. Die Relevanz des Themas liegt auf der Hand. Es ist mutig und wichtig, dass sich die Kammerspiele der Sache auf diese verständnisvolle Weise angenommen zu haben. In einer großartigen Inszenierung mit einem überragenden Erwin Steinhauer.

Alexandra Liedtke im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17401

Trailer: www.youtube.com/watch?v=bCzG6G8ny5I

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Wien, 12. 2. 2016

Landestheater Niederösterreich: Die schmutzigen Hände

Februar 2, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Juergen Maurer in Sartres Partei-Satire

Juergen Maurer, Pascal Groß  Bild: Nurit Wagner-Strauss

Juergen Maurer, Pascal Groß
Bild: Nurit Wagner-Strauss

Die Partei frisst ihre Kinder. Oder: Nicht nur Geschichte, auch Partei wiederholt sich. Oder … Illyrien, das war einmal. Am Landestheater Niederösterreich inszenierte die Niederländerin Maaike van Langen Jean-Paul Sartres „Die schmutzigen Hände“ in einer Neuübersetzung von Eva Groepler und gibt mit ihrer Arbeit das Stück von 1948 zur Neubesichtigung frei. Es herrscht Bunkerstimmung bei den Linken. Soll man sich mit dem Regentensohn und dem faschistischen „Pentagon“ verbünden (1x links + 2x rechts = ??? Siehe die SP-Annäherungen an https://www.facebook.com/pegida.at bzw. https://www.facebook.com/pages/Pediga/1579663822267240) Der Realo sagt Ja, die Fundis sagen Nein. Zur Bunkerstimmung hat Raimund Orfeo Voigt ein Bunkerbühnenbild geschaffen. Graue, drehbare Wände, die zum Konferenzraum, zum Schlaf- oder Arbeitszimmer, zur Straße werden. Sie werfen Personen aus dem Rahmen, fegen neue hinein.

Politik ist ein Ringelspiel. Politik dreht sich. Immer um die eigene Achse: Markiert durch seine bourgeoise Herkunft bleibt der junge Hugo ein kleines Rädchen in der Kommunistischen Partei. Doch es herrscht Krieg und Hugo, der Intellektuelle, der an die reine Lehre, sprich die Diktatur der Partei glaubt, ist bereit für seine Ideale zu kämpfen und zu sterben. Wer nichts getan hat, ist niemand. Als Beweis seiner Entschlossenheit soll nichts Geringeres als ein Mord dienen. Er bietet sich an, den Parteisekretär Hoederer, der wegen der aktuellen politischen Situation eine Allianz mit reaktionären Kräften anstrebt, um den Krieg und die deutsche Okkupation heil zu überstehen und am Ende die Macht zu ernten, zu töten. Zusammen mit seiner sexy Frau Jessica, die den Zögerlichen zu einer Tat, egal welcher, bewegen will, wird Hugo (Deckname: „Raskolnikoff“) als Sekretär bei Hoederer eingeschleust. Anfänglich zu seinem Auftrag fest entschlossen, zieht ihn dieser aber mehr und mehr in seinen Bann – der geplante Mord wird immer weiter aufgeschoben. Schließlich vollzieht er den finalen Auftrag. Nach Jahren in Haft pocht Hugo darauf, Partei-Befehle ausgeführt zu haben. Allein die Situation hat sich mittlerweile verändert, Hoederer ist rehabilitiert und Hugo zur Persona non grata erklärt. Die Partei ist auf Hoederers Linie umgeschwenkt … und für Hugo rollt die nächste Kugel im Roulette. Der Mensch ist nichts anderes als wozu er sich macht.

Als Intellektueller im Zweiten Weltkrieg selbst von aktiven Sabotageakten im Widerstand gegen die Nazis ausgeschlossen (die Kommunisten, die nach dem Verbot von 1939 schon eine Widerstandsorganisation im Untergrund aufgebaut hatten, und die 1941 mit Attentaten auf deutsche Soldaten begannen, hielten ihn für einen anarcho-linken bürgerlichen „Dichter und Denker“, der für direkte Aktionen ähnlich unbrauchbar war wie seine spätere Figur Hugo), verarbeitet Nobelpreisträger und Philosoph Sartre seine Erfahrung in der Partei-Satire. Mit diesem Politthriller geht er aber auch der universelleren Frage nach der Unvereinbarkeit von politischer Praxis und moralischer Integrität nach, zeigt, wie abhängig Ideale und Überzeugungen von der Tagespolitik und auch von privaten Emotionen gemacht werden. Die ideologie ist vom Individuum nicht zu trennen. Man staunt, wie tief Menschen ihre Hände in Blut und ihre Hirne in Lügen tauchen können. Ein Glück. Van Langen hat Sartre verstanden und macht die Farce dort sichtbar, wo sie eine ist. Es ist, ja tatsächlich, zum Lachen. Die Regisseurin gewährt nicht nur den Schlüssellochblick in die neoideologistische, postdemokratische Jetzt-Zeit, sondern lässt auch eine Hintertür in den Humor offen. Der ist, wenn sie „spazieren“, marschieren, und man trotzdem … Nach dem „Wir kämpfen für …“ steht bei Van Langen nur noch ein Leerzeichen. Das trifft den Nagel – pardon für das Wortspiel – gerade am heutigen Tag auf den Kopf. Worte sind geladene Pistolen.

Das St. Pöltener Ensemble hat sich als Gast Juergen Maurer eingeladen. Er gibt den Hoederer zwischen gütigem Herrscher, Anschläge fürchtendem Angsthasen und lauerndem Raubtier. Alles in allem ist er aber ein desillusinierter Melancholiker, der zwar die Revolution von innen anstrebt, ein Überzeugungstäter, der für seine Überzeugungen stirbt, aber sich lieber einen hinter die Binde gießen als auf Polit-Parabel machen möchte. Doch mit der Hoffnungslosigkeit beginnt der wahre Optimismus. Pascal Groß ist als sein Mit- und Gegenspieler Hugo großartig. Im weißen „Intelligenzler“-Rollkragenpullover ist er hin- und hergerissen zwischen den Wahrheiten, die ihm aufgetischt werden. Ein trotziger Trotzkist. Doch was bringt ein Arbeiterrat, wenn der Arbeiter keinen Rat mehr weiß? Das steigert erst HugosVerzweiflung, dann die Wut, die ihn Richtung Hoederer abdrücken lässt, am Ende die Resignation. Loyalität, erkennt er, wird in dieser Welt nicht belohnt. Marion Reiser als Olga; Wojo van Brouwer, Tobias Voigt und Jan Walter überzeugen in verschiedenen Rollen. Höhepunkt des Abends ist aber Swintha Gersthofer als Jessica, die in verschiedenen „Edeloutfits“ und Perücken Hugos „Luxus“ gibt. Ein Weibchen, von dem man nie weiß, ob es spielt, „spielt“ oder mit dem Spiel gerade ernst macht. Sie will. Sich durchsetzen, Hoederer zwischen den Schenkeln, das Mannsbild im Bilde gegen das Männlein, das meist im Walde steht, austauschen. Auch sie wird scheitern.

Am Landestheater Niederösterreich wird wieder einmal Theater gemacht, wie man es sich nur wünschen kann. Intendantin Bettina Hering beweist einmal mehr nicht nur ein Händchen bei der Spielplangestaltung, sondern auch bei der Auswahl ihrer Protagonisten. Eine Ausnahmeproduktion. Empfehlenswert. Vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber diese ist die unsere.

www.landestheater.net

Wien, 2. 2. 2015