Andreas Vitásek wird 60 und verreist mit Alfred Dorfer

April 27, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Freitag im ORFeins-Porträt „Paris, Favoriten“

Bild: Robert Sattler, e&a-Film, ORF

Erinnerungsgrinser vor dem Eifelturm: Bild: Robert Sattler, e&a-Film, ORF

Am 1. Mai wird Andreas Vitásek 60 Jahre. Aus diesem Anlass blickt er auf sein künstlerisches Leben zurück. Und um nicht alleine in Gedanken zu schwelgen besucht er zusammen mit Alfred Dorfer Orte seiner Vergangenheit. Vom Käfig in Favoriten, in dem er täglich gekickt hat, über Paris, wo er in jungen Jahren die berühmte Schauspielschule LeCoq besuchte, bis hin zur Kulisse, einem Ort, der für Vitásek und Dorfer zu den Ursprüngen ihrer Kabarettkarriere zählt, und in dem Vitásek in seinen wilden Jahren ohnmächtig in Strapsen von der Rettung gefunden wurde. Später wurde er auch als Bühnendarsteller und Regisseur in Operette und Theater sowie Darsteller in diversen Kino- und Fernsehproduktionen bekannt. Doch das Gespräch der Humorkapazunder verweilt nicht nur in der Vergangenheit, sondern es stellt sich auch die Frage der Rolle des Kabarettisten in der bedrohlichen Gegenwart und Zukunft … Ein hintergründiges und humorvolles Porträt, das auch unbekannte Facetten des österreichischen Künstlers zeigt.

„Paris – Favoriten“ ist zu sehen am 29. April um 23.05 Uhr in ORFeins.

www.vitasek.at

Wien, 27. 4. 2016

Forum Frohner: Friedrich Cerha. Sequenz & Polyvalenz

Februar 10, 2016 in Ausstellung, Klassik

VON RUDOLF MOTTINGER

Der Komponist als bildender Künstler

Friedrich Cerha Bild: Hertha Hurnaus/Archiv der Zeitgenossen

Friedrich Cerha
Bild: Hertha Hurnaus/Archiv der Zeitgenossen

Am 17. Februar feiert Friedrich Cerha seinen 90. Geburtstag. Aus diesem Anlass zeigt das Forum Frohner in Kooperation mit dem Archiv der Zeitgenossen einen Aspekt des Œuvres dieses Ausnahmekünstlers, der der Öffentlichkeit bislang wenig geläufig ist: sein bildnerisches Werk. Mit der Schau „Sequenz & Polyvalenz“ , die am 13. Februar mit einem Werkgespräch zwischen dem Künstler und Dieter Ronte, dem Leiter des Ausstellungshauses, eröffnet wird, zeigt sich die Konsequenz, mit der der Komponist sein bildnerisches Schaffen seit vielen Jahrzehnten verfolgt. In Maria Langegg, nicht weit von Krems entfernt, sind die Arbeiten vorwiegend entstanden. Mit Niederösterreich verbindet Friedrich Cerha über seinen Wohnsitz im Dunkelsteinerwald hinaus auch eine Kindheit im Weinviertel: Adolf Frohner war in Kindertagen Spielgefährte. Und auch später verlor man sich nicht aus den Augen. Im Forum Frohner begegnen die Künstler nun einander im Werk, in ihrem Sinn für das Archaische und Materialhafte.

Parallel zu seinem bedeutenden musikalischen Schaffen hat Friedrich Cerha seit den 1950er-Jahren seine kontinuierliche Auseinandersetzung im visuellen Bereich vorwiegend in Form von Assemblagen, aber auch in Form von Malerei verdichtet. Reliefartige Oberflächen dominieren. Plastizität wird ebenso durch den Einsatz von Fundstücken erzeugt wie durch einen materialhaften Zugang zur Farbe. Friedrich Cerha, der in seinen Texten sprachgewaltig Bezüge zwischen den unterschiedlichen Disziplinen seines umfassenden künstlerischen Ausdrucks herstellt, verfolgt – in serieller Bearbeitung nachvollziehbar – gewisse Stränge über mehrere Jahrzehnte. Seine abwechslungsreiche Vertiefung und Fokussierung von Faktoren wie Rhythmus oder Polychromie strukturiert das mehr als 900 Objekte umfassende Werk.

Das Bild „Baals Frauen“, das im Forum Frohner zu sehen sein wird, kann als Angelpunkt zwischen bildnerischem und kompositorischem Werk, konkret der Oper „Baal“, betrachtet werden. Doch nicht nur in diesem Fall zeigt sich die Querverbindung zum musikalischen Schaffen deutlich. Dem 1969 entstandenen Stück für Kammerensemble „Catalogue des objets  trouvés“, das 1970 durch „die reihe“ uraufgeführt wurde, ging die Studie auf Bildebene voraus. Im Ensemblestück wie in vielen anderen Assemblagen wird Friedrich Cerhas Verhältnis zu Fundstücken erkennbar: „Ich hatte schon als Kind eine besondere Beziehung zu den kleinen Dingen, die uns umgeben. Und die ich schön und anziehend fand, habe ich gesammelt: Steine, Wurzeln, altes Holz, Metallteile, Samen, Baumrinde, Münzen … und ich habe mit ihnen gelebt.“

Die Ausstellung steht in Verbindung mit einem wissenschaftlichen Symposium, das im Archiv der Zeitgenossen stattfindet. Im Fokus steht der Komponist Friedrich Cerha als neugierig Experimentierender, der mit verschiedenartigem „Material“, sei es musikalischer, sprachlicher oder tatsächlich greifbarer Natur, künstlerisch arbeitet und sich von Denk- und Strukturmodellen unterschiedlicher Disziplinen inspirieren lässt.

Friedrich Cerha im Musikverein: Uraufführung durch das RSO Wien

Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Chefdirigent Cornelius Meister spielt an zwei Abenden Werke von Cerha: Am 3. März sind im Wiener Konzerthaus neben Joseph Haydns Ouverture zu „Acide e Galatea“ und Gustav Mahlers „Adagio“ Cerhas „Baal-Gesänge“ zu hören, es singt Jochen Schmeckenbecher Am 9. April steht im Musikverein die Uraufführung von Friedrich Cerhas „Drei Sätze für Orchester“  aus dem Jahr 2015 auf dem RSO-Programm, ein Auftragswerk der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Weitere Werke dieses Konzerts sind Joseph Haydns Symphonie Nr. 6 und Benjamin Brittens „Spring Symphony“. Es singen Eleanor Dennis, Alice Coote, Andrew Staples, die Wiener Sängerknaben und der Wiener Singverein.

Zum Künstler:

Friedrich Cerha zählt zu den bekanntesten Komponisten des Landes. Seine Opern „Baal“, „Der Rattenfänger“, „Der Riese vom Steinfeld“ werden an renommierten Bühnen gezeigt, seine Werke werden bei vielen internationalen Festivals und Konzertzyklen aufgeführt. Er leistete wichtige Pionierarbeit bei der Präsentation neuer Werke, aber auch der Musik der Klassischen Moderne, vor allem der Wiener Schule. Cerhas Herstellung einer spielbaren Fassung des 3. Akts der Oper „Lulu“ von Alban Berg (Uraufführung 1979 in Paris), hat der Musikwelt ein wesentliches Werk des 20. Jahrhunderts vollständig erschlossen. Im Alter von sechs Jahren begann Cerha Geige zu spielen, bereits als Zehnjähriger stellte er seine Kompositionen vor und erhielt auf eigenen Wunsch Unterricht in Kontrapunkt und Harmonielehre. Noch vor Abschluss des Gymnasiums leistete er als Luftwaffenhelfer aktiven Widerstand, desertierte zweimal von der deutschen Wehrmacht und erlebte das Kriegsende als Hüttenwirt in den Tiroler Bergen. Ab 1946 studierte er in Wien Komposition, Geige und Musikerziehung sowie Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaften. Gemeinsam mit Kurt Schwertsik gründete er 1958 das Ensemble „die reihe“ zur Schaffung eines permanenten Forums für Neue Musik in Wien. 1978 gründete er mit Hans Landesmann im Wiener Konzerthaus den Zyklus „Wege in unsere Zeit“. Lange Jahre war Friedrich Cerha Lehrer an der Hochschule für Musik in Wien, er war als Professor für „Komposition, Notation und Interpretation neuer Musik“ ein wichtiger Wegbereiter für viele junge Komponisten. Friedrich Cerha ist nach wie vor kompositorisch tätig. Aktuell entstanden etwa die komische Oper „Onkel Präsident“, die 2013 in München zur Uraufführung kam und auch an der Volksoper gezeigt wurde, und eben die „Drei Sätze für Orchester“, die das RSO im April erstmals zu Gehör bringen wird.

www.friedrich-cerha.com

www.forum-frohner.at

rso.orf.at

Wien, 10. 2. 2016

Claudia Kottal im Gespräch

November 6, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich bin gern die Super-Tschuschin“

Claudia Kottal: "Die Blonde, die Brünette und die Rache der Rothaarigen" Bild: Bettina Frenzel

Claudia Kottal: „Die Blonde, die Brünette und die Rache der Rothaarigen“
Bild: Bettina Frenzel

Auf ORFeins ist sie jeden Dienstag als Kripo-Beamtin Leila Mikulov in „CopStories“ zu sehen, doch gerade ist Drehpause und so macht Claudia Kottal Theater. Am 10. November hat im KosmosTheater „Die Blonde, die Brünette und die Rache der Rothaarigen“ Premiere. In der deutschsprachigen Erstaufführung des Stücks des Australiers Robert Hewett spielt sie sieben Rollen, sieben Menschen, die einander verraten, verlassen, lieben, vermissen. Denn Chrissie, blond, wird in einem Einkaufszentrum von einer Rothaarigen brutal attackiert, Rhonda, rothaarig, ist mit Graham verheiratet, Lynette, brünett, hat Graham mit einer Blonden gesehen, und alle Frauen haben ihre eigene Wahrheit dazu. Regie führt Christine Wipplinger. Claudia Kottal gründet außerdem gerade einen Theaterverein: „Migrationshintergrund am Arsch“. Warum der so heißt und, dass sie Mitwirkende für „Kottals Kapelle“ sucht, erklärt sie im Gespräch:

MM: Sie spielen am KosmosTheater „Die Blonde, die Brünette und die Rache der Rothaarigen“. Wie sind Sie zu diesem Stück gekommen?

Claudia Kottal: Ich kenne Regisseurin Christine Wipplinger schon seit Jahren, wir haben immer wieder gesagt, wir müssten was miteinander machen, aber es kam nie dazu. Christine hat einen Bruder, der in Australien lebt, und da ist sie wohl auf den Text des Autors Robert Hewitt gestoßen. Der hatte gar nie vor, dass er übersetzt wird, und wollte ihn außerdem nicht für ein so kleines Haus wie das KosmosTheater. In Australien wird sein Stück nämlich in 800-Leute-Häusern gespielt. Aber jetzt ist er ganz glücklich und kommt sogar auf eigene Kosten zur Premiere. Für mich ist das eine Riesenherausforderung, ich hätte nie gedacht, dass ich einmal ein Ein-Personen-Stück spiele. Ich bin schon sehr aufgeregt.

MM: Das kann man sich vorstellen. Den meisten Schauspielerinnen und Schauspielern graust schon vor einem Monolog, Sie gestalten sieben.

Kottal: Der Beruf ist ja eigentlich miteinander spielen, mit einem Bühnenpartner. Ich hasse sogar die Monologe, wenn ich wo vorspreche. Und nun das!

MM: Sieben Gestalten, sieben Ausdrucksweisen, sieben Sprachen – wie sehr stehen Sie schon am Rande der Schizophrenie?

Kottal (sie lacht)Ja. Ich versuche alles zu überblicken. Ich bin zum Glück sehr gesund, aber ich verstehe, wenn Leute in unserm Job ein bisschen verrückt werden. Im Prinzip erzählen sieben verschiedene Figuren einen Unfallhergang. Ich sage das zumindest so.

MM: Ich hätte gerne, dass sich die sieben am Ende als eine entpuppen und, dass der Unfall ein Mord ist.

Kottal: Ich sage nichts mehr. Ich möchte doch nicht die Spannung ermorden. Wir lassen das eine oder andere offen, ja? Für mich ist es jedenfalls sehr spannend von so vielen verschiedenen Blickwinkeln auf eine Situation zu schauen.

MM: Entwickelt man beim Proben eine Vorliebe für eine Figur? Ich frage mich oft, wie Menschen gegen sich selber Schach spielen können ohne parteiisch für eine Farbe zu sein, jetzt frage ich, wie spielt man mit sich selbst Theater?

Kottal: Ich spiele ja mit dem Publikum, nicht mit mir selber. Beim Lesen hatte ich tatsächlich eine Lieblingsfigur, sogar zwei, aber mittlerweile sind sie’s nicht mehr. Ich hatte auch eine, die ich gehasst habe, weil ich ihre Motive nicht verstand, aber jetzt mittlerweile finde ich’s gut, dass es so viele gibt, weil ich mich abwechseln kann.

MM: Eine Frauenfrage: Wenn man sich mit den unterschiedlichsten Perücken und Haarfarben sieht, kommt man da privat auch auf eine Idee?

Kottal: Nein, um Gottes Willen. Ich wollte einmal blond sein, das hat überhaupt nicht geklappt. Das war hier gelb, dort orange. Am nächsten Tag habe ich zurückgefärbt.

MM: Theater war Ihre erste Liebe, bevor Sie mit Film und Fernsehen bekannt geworden sind. Wie kam’s zu dieser Liebe?

Kottal: Kann ich gar nicht sagen, ich wollte das immer schon machen. Aber ich war mir lange nicht sicher, ob es das Richtige für mich ist, weil ich ein sehr schüchterner Mensch bin. Ich habe schon Schultheater gespielt, ich war so ein Kind, das kenne ich auch von Freunden, das alles rausgehaut hat, dann mit 16 in der Pubertät habe ich mir gesagt: Claudia, das kannst du nicht, mach’ das ja nicht. Und dann habe ich doch am Konservatorium Wien studiert. Aber ich habe lange gebraucht, um mich freizuspielen. Die vier Jahre Studium und die ersten vier Jahre im Beruf hat mir das Spielen überhaupt keinen Spaß gemacht. Ich fand mich nicht gut, und die Leute fanden mich auch nicht gut, das war ein bisschen schwierig.

MM: Sie sind aber zäh, wenn Sie trotzdem drangeblieben sind.

Kottal: Weil ich wusste, das ich das kann. Aber ich habe mich so lange nicht getraut. Ich war total verklemmt. Ich habe mir gesagt: Claudia, lass’ es. Warum was machen, was keinen Spaß macht, noch dazu, wo man am Theater kein Geld verdient? Dann habe ich mit Hans Escher bei den Wiener Wortstätten gearbeitet, „Das Stück“ hat das geheißen, da habe ich eine serbische Nutte gespielt, und der hat mir ins Gewissen geredet. Am Anfang war es furchtbar, aber dann habe ich mit Akzent gespielt – und es ging plötzlich. Mit Akzent habe ich mich getraut.

MM: Die serbische Nutte und die montenegrinische Kommissarin sind das Figuren, die Ihnen passieren? Das biber hat geschrieben, Sie seien eine „Super-Tschuschin“.

Kottal: Ja sicher, wenn die das schreiben sowieso. Ich habe kein Problem damit, ich bin gern die Super-Tschuschin. Der Beruf ist auf eine gewisse Weise äußerlich, Fernsehen noch viel mehr. Und ich kann halt sehr gut mit Sprachen und Akzenten. Ich habe allerdings keine jugoslawischen Wurzeln, sondern bin mütterlicherseits halbe Polin. Womit ich tatsächlich ein Problem habe, ist, dass sich Drehen und Theaterspielen so schwer vereinbaren lassen. Ich mache beides gern.

MM: Gedreht wird offenbar gerade nicht, weil Sie einen heißen Theaterherbst haben. Außer dem KosmosTheater sind Sie auch noch am Volkstheater als Salerl in Nestroys „Zu ebener Erde und im ersten Stock“.

Kottal: Und in der Wiederaufnahme der „Proletenpassion 2015 ff.“ im Werk X (eben erst ausgezeichnet mit dem Nestroy-Preis in der Kategorie „Beste Off-Produktion“, Anm., Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13411). Ja, es stimmt, wir haben „CopStories“, Staffel vier gedreht, jetzt ist Pause, also mache ich andere Sachen. Heute war erste Bühnenprobe im Volkstheater. Das ist schon was, das große Haus, der große Raum – diesbezüglich bin ich ein bisschen Anfängerin, was für mich immer schwierig ist, wieder Anfängerin zu sein. Aber die Kollegen sind alle nett und Regisseurin Susanne Lietzow sowieso, ich fühle mich also sehr gut aufgehoben. Und Anfang April mache ich dann noch „Das Spiel: Die Möwe“ mit Arturas Valudskis im TAG, da spiele ich die Mascha. Darauf freue ich mich schon sehr, weil Valudskis eine ganz besondere Art hat, Theater zu machen. Ich habe schon einige Produktionen von ihm gesehen, aber wir kennen einander noch nicht wirklich.

MM: War’s das?

Kottal: Eigentlich nicht. Soll ich noch was sagen?

MM: Bitte.

Kottal: Ich gründe gerade einen Theaterverein, der heißt „Migrationshintergrund am Arsch“. Wir machen im OFF-Theater ein Stück von István Örkény, „Familie Tót“, das ist eine Farce über einen Offizier im Zweiten Weltkrieg, der auf Urlaub zu seiner Familie ins Dorf heimfährt. Und die Familie will alles für ihn tun, damit er den Krieg gesund übersteht. Es ist wahnwitzig lustig, aber auch sehr tragisch. Regie führt der Musiker Imre Lichtenberger-Bozoki, es spielen nur Frauen, auch die Männerrollen, also ich spiele einen Mann. Mit dabei sind Julia Schranz, Suse Lichtenberger, Anna Kramer und Constanze Passin. Das Stück ist in Ungarn sehr bekannt, der Stoff ist auch ein Filmklassiker, nur in Österreich wurde es noch nie gespielt. Das ist eben das, was wir mit dem Verein tun wollen: Ich kenne so viele tolle Stücke aus Osteuropa und will noch mehr entdecken, meine Tante ist auch Schauspielerin in Polen, die will ich nach Österreich holen. Ich spreche polnisch, Imre serbisch und ungarisch, da sind wir punkto übersetzen schon ganz gut aufgestellt.

MM: Sie machen es sich gern ein bisschen schwer, oder? Sie sagen beim Theater verdient man nichts. Und kaum verdienen Sie beim Fernsehen was, pulvern Sie es in einen Theaterverein.

Kottal: Jahaha. Na ja, wie’s halt kommt. Im Sommer drehe ich hoffentlich wieder. Wir sind aber dankenswerter Weise auch vom Kulturamt der Stadt Wien subventioniert.

MM: Sie haben über sich einmal geschrieben „Jeder Muskel meines Körpers verspannt sich, wenn er beim gegenüber ein ,Du musst’ entschlüsselt. Also müssen Sie aus eigenem Antrieb?

Kottal: Klingt wie ein Problem mit Vorgesetzten, oder? Das ist der Vorteil, wenn man frei und überall zu Gast ist oder eigene Projekte macht. Dass man allein entscheiden kann, ist aber auch eine Utopie, es gibt immer einen, der einem sagt, wo’s langgeht. Früher wollte ich immer in einem fixen Ensemble sein, dort hat man ein soziales Auffangnetz, wenn was schiefgehen würde. Darüber mache ich mir schon Sorgen, keine schlaflosen Nächte, aber ich mache mir Gedanken, wie’s laufen soll, wenn es einmal nicht mehr läuft. Aber mittlerweile sage ich nichts mehr zu, was ich nicht wirklich machen will.

MM: Und mit „Migrationshintergrund am Arsch“ wollen Sie uns was sagen?

Kottal: Das ist ein Begriff, den so viele Leute hassen. Ich ja gar nicht. Ich kenne Leute, die sich aufregen, wenn sie gefragt werden, woher sie kommen; ich finde, das ist keine Beleidigung, ich finde die Vielfalt schön. Für mich soll der Name sagen, wir beschäftigen uns mit Theater aus dem Ausland, das aber eigentlich nicht aus dem Ausland ist, weil wir alle aus dem Ausland, also Migranten, sind. Falls ich das so erklären kann … Als nächstes habe ich ein serbisches, dann ein polnisches Stück im Kopf. Irgendwo muss man sich positionieren, und das ist die Position, mit der ich am besten leben kann.

MM: Zu dieser Position gehört auch, nach Traiskirchen zu fahren?

Kottal: Wir haben einfach nur Spenden vorbeigebracht. Das war Kleidung, die wir sowieso der Caritas geben wollten. Aber dann haben wir gesehen, wie viele dort frieren, also sind wir noch einmal losgefahren und haben noch mehr gebracht. Wir waren auch am Westbahnhof, weil ich gern mehr machen wollte. Die Leute in der Theaterszene sind ja sehr aktiv, und auch die „Cops“ haben einen Bus besorgt, mit dem warme Sachen hingebracht wurden. Es ist ein Wahnsinn, was da gerade in der Welt passiert …

MM: Gibt’s eigentlich schon so was wie den Kottal-Effekt? Dass die Leute, die Sie aus dem Fernsehen kennen, ins Theater Kottal-Schauen kommen?

Kottal: Das werden wir hier im KosmosTheater ja jetzt sehen. Es gab schon mit der „Laura Rudas“ in den „Staatskünstlern“ so einen Medienhype, da habe ich mir immer gesagt: Gewöhn’ dich nicht daran, gewöhn dich nicht daran … So viel mehr Rollen habe ich deswegen auch nicht bekommen, also mal sehen, wie es weitergeht. Wenn ich lese, dass eine Kollegin das oder das macht, denke ich mir, Jössas, und ich mache nichts, wenn ich nichts zu tun habe. Weil man Angst hat, die ist einfach mit dabei.

MM: Ein positives Ende? Ich mag nicht fragen, ob Sie mit Ihrem Hund polnisch sprechen und wie es Ihnen mit der Zahnlücke geht.

Kottal: Zu erstem: Ja. Zum zweiten: Meine erste Agentin wollte, dass ich sie entfernen lasse, aber ich weiß gar nicht, ob das geht, und bin mittlerweile froh, dass ich sie habe. Positiv: Eine Band wär’ cool. Ich mache gerne Musik, ich singe, und suche Musiker für eine Band. Ich habe schon einmal einen Aufruf gemacht, und niemand hat sich gemeldet.

MM: Na, dann wiederholen wir das doch!

Kottal: Ja, also bitte melden für „Kottals Kapelle“. Das hat der Wiener damals geschrieben.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=g7Cud_uN1CQ

www.claudiakottal.com

www.kosmostheater.at

Wien, 6. 11. 2015

Altes Geld

November 3, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Frei von der Leber weg? Es war fad.

Manuel Rubey als Jakob Rauchensteiner Bild: ORF/Superfilm

Ein finsterer Geselle als Lichtblick: Manuel Rubey als Jakob Rauchensteiner
Bild: ORF/Superfilm

Im anschließenden Kulturmontag kam ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner das Wort Überhöhung über die zugespitzten Lippen. Ja, wenn’s denn so … Wochenbeginn war’s und „Altes Geld“ war und bin ich böse, weil mir das Herzerl nicht übergegangen ist? Frei von der Leber weg: Es war fad.

Nun ist es natürlich ein guter Schmäh, vor der Fernsehausstrahlung die DVDs rauszubringen, die freilich Platin holen, weil die Leute schneller sein wollen als der Küniglberg sein kann, und David Schalko kaufen, wenn David Schalko draufsteht. Nun ist es der noch viel bessere Schmäh, auf stattgefundenen Flimmit-VoD-Erfolgen rumzureiten, also quasi im Öffentlich-Rechtlichen einen aufgewärmten Schas zu trommeln, den sich die letzten, also ich, die’s noch nicht gesehen haben, anschauen, weil die Zuschauer ob des bisherigen Hypes David Schalko sehen wollen, wo David Schalko drin ist. Die Leber galt, nur so nebenbei, den alten Griechen als Sitz des Lebens; heute gilt als verstorben, wer hirntot ist. Man spricht dann auch von „coma dépassé“, einem irreversiblen Koma.

Apropos, „Altes Geld“. Das ist sehr langsam und ziemlich leise. Vermutlich, weil der Zynismus selten schnell und nie laut ist. Bis sich was entwickelt, und es entwickelt sich kaum was, und das in Nichtlustig, weil bei keinem Tempo auch keine, so sie vorhanden gewesen wären, Pointen zünden können, kann man getrost drei Mal Limonade holen und vier Mal Lulu gehen. Oder je nach Blase umgekehrt. Die Lücke der dafür privat zuständigen, beim ORF fehlenden Werbepausen ist somit praktisch gefüllt. Es gibt viele Stehsätze. „Es gibt keine Pazifisten, nur Menschen ohne Waffen“. „Ich will nicht deinen Tod, ich wünschte es hätte dich nie gegeben“. „Humanismus ist, was übrigbleibt, wenn Effizienz weg fällt“. Vastehst, Oida? Pampf! Irgendwo kränzelte einer den Lorbeer „Altes Geld“ sei der heimische Denver-Clan, und wiewohl der schon eine Fernsehflatulenz, ich komm‘ einfach nicht von heißer Luft und Wind machen los – bitte um Verzeihung, war, ist „Altes Geld“ doch eher Rosamunde-Pilcher-Dynasty. Fallon und Jeff verlassen die Party und gehen mit der Kippe in den Garten an der Klippe. Fallon beginnt den Joint zu rauchen.  Jeff: „Das ist ja Stoff, Fallon.“ Fallon:“Da hast du recht.“ Jeff: „Was ist, wenn uns jemand sieht?“ Fallon:“Keine Sorge, ich habe genug, das reicht für alle.“ So viel zu Serien – high – light.

Zurück zu „Geld. Macht. Liebe.“ Das topbesetzte Schauspielerensemble agiert als die typischen Stereo-Typen. Udo Kier, sprachlos hinter Sonnenbrillen, teilt sich den einen irren Blick brüderlich mit Robert Palfrader, der als Psychopath auftritt. Ebenso überraschend der Einsatz von Nicholas Ofczarek als Arsch vom Dienst und von Thomas Stipsits als Hoperdatsch. Herbert Föttinger ist ein versoffener, süffisanter Bürgermeister, Simon Schwarz ein geschmeidiger Grüner. Immerhin zukunftsvisionärrisch sah Schalko das Gesundheitsressort schon wie Nieren wandern. Es kann aber statt Verkehr auch Bildung werden. Johannes Krisch, Florian Teichtmeister, Cornelius Obonya und Ursula Strauss spielen außerdem mit. Michael Maertens gibt einen Dr. Seltsam. „Hier bringt sich erstaunlicherweise niemand um“ ist ein Serienzitat. Sunnyi Melles spielt die upperclassig Unterkühlte und Nora von Waldstätten kann punkto Gesichtsfarbe sogar noch blasser sein als sie.

Nur Manuel Rubey erfindet sich mit blonder Perücke beißend neu, als Apfel, der dann doch nicht so weit vom Stamm gefallen ist, ein raubtiergefährlich Schimmernder unter aalglatter Oberfläche; er ist auf den ersten Licht-Blick nur an der Stimme identifizierbar. Ah ja, Dr. Seltsam: Worum geht’s? Der Kier hat Geld und braucht eine neue Leber und wird sein Vermögen dem vererben, der ihm eine bringt. Der Kier ist Nazi-Bub mit Führerfahrzeug im Fuhrpark und jüdischer Schwester am Telefon, sein Vater passender Weise mit Gas, für den Entweichler kann ich aber nix, reich geworden. Außerdem gibt’s Ost-Ganoven, Afrika und Analverkehr und eine Kampfszene in Peckinpah-Zeitlupe. Untertourig fast voll aufs Pedal steigen soll angeblich Sprit sparen.

Was gefällt, außer dem Dark-Duck-Club und seinem Codesatz „Hedy Lamarr ist eine geile Sau“, ist dieses Wien und Umgebung ohne Wiedererkennungswert, dieses nirgendwo überall in seinen kalten Farben, das seine Schattenspiele auf den Gesichtern aufführt, die unkonventionellen Kameraperspektiven, die schiefen Winkel und die schrägen Einstellungen. Es kann nur besser werden. Wöchentliche Ausstrahlung heißt ja, dass man sich an alles gewöhnt. Nach den ersten beiden Folgen gilt für das als „auf eine krude Art lustvoll“ angepriesene, aber noch: Eh, für die Masochisten unter den Serientätern.

Zum Nachjammern: tvthek.orf.at/program/Altes-Geld/10856047/Altes-Geld-1-Folge-Buschtrommeln/10892981

tvthek.orf.at/program/Altes-Geld/10856047/Altes-Geld-2-Folge-Alpha/10893003

Wien, 3. 11. 2015

Theater an der Wien: Hans Heiling

August 18, 2015 in Klassik, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Saisonstart mit Anne Frank und einem Erdgeist

Bild: Theater an der Wien

Bild: Theater an der Wien

Das Theater an der Wien startet mit der romantischen Oper „Hans Heiling“ von Heinrich Marschner in die neue, seine zehnte, Opernsaison. Premiere ist am 13. September. Intendant Roland Geyer selbst inszeniert, Constantin Trinks dirigiert. Michael Nagy singt den Hans Heiling, Katerina Tretyakova seine Braut Anna, Angela Denoke ist die Königin. Mit dem ORF Radio Symphonieorchester Wien und dem Arnold Schoenberg Chor.

Hans Heiling möchte der vereinnahmenden Liebe seiner Mutter entkommen und zieht in ein Dorf, wo er sich in Anna verliebt. Für sie ist er bereit, sein Leben völlig zu ändern. Annas Mutter ist von Heilings teuren Geschenken angetan und ermutigt ihre Tochter, den Fremden zu heiraten. Allerdings fühlt sich die junge Frau in Gegenwart des geheimnisvollen und besitzergreifenden Mannes nicht wohl. Sie hat noch einen anderen Verehrer: den feschen Konrad. Heiling beansprucht seine Braut stets für sich. Er scheut die Gesellschaft der Dorfgemeinschaft und will nicht, dass Anna auf einem Fest tanzt. Heilings Mutter sucht Anna auf, enthüllt das wahre Wesen ihres Verlobten – er ist ein Erdgeist aus der Unterwelt – und bedroht sie, damit sie von der geplanten Heirat lasse. Anna löst die Verlobung und wendet sich Konrad zu. Heiling entbrennt voll Eifersucht, stellt Konrad und sticht ihn im Streit nieder. Danach lassen ihn seine inneren Stimmen über seine Tat zweifeln. Er wird darüber fast wahnsinnig …

Im Juli 1831 erhielt Heinrich Marschner ein anonymes Libretto zugesandt. Diesen „Hans Heiling“ betitelten Text, der auf einer böhmischen Sage basiert, fand Marschner sofort inspirierend und forschte nach dem Autor: es war Eduard Devrient, Bariton an der Berliner Oper. Binnen eines Jahres war die Komposition fertig, im Mai 1833 kam sie mit grossem Erfolg zur Uraufführung in Berlin – Devrient verkörperte die Titelfigur. Marschner war bereits durch seine Opern „Der Vampyr“ (1828) und „Der Templer und die Jüdin“ (1829) bekannt, „Hans Heiling“ vertiefte sein Ansehen als Nachfolger von Carl Maria von Weber. Das romantische Sagenthema gab Marschner Gelegenheit zu strukturellen Experimenten, er verwendete konventionelle und völlig neue Formen nebeneinander. Einem durchkomponierten Vorspiel folgt die Ouvertüre, in der eigentlichen Oper sind die Nummern teils durch Dialoge, teils durch Rezitative miteinander verbunden. Die musikalische Ausleuchtung von Heilings komplizierter Psyche zwischen Sehnsucht nach Liebe, Eifersucht, Wut und Traurigkeit ist richtungsweisend: Wagner verfolgt diese Ideen mit seinem „Der fliegende Holländer“ weiter.

Saisoneröffnung an der Wien ist am 10. September mit dem Konzert „Das Tagebuch der Anne Frank“. Grigori Frids Monooper wird Strawinskis Suite „L’Histoire du Soldat“ vorangestellt. Es spielen die Wiener Virtuosen unter der Leitung von Leo Hussain.

www.theater-wien.at

Wien, 18. 8. 2015