Wiener Festwochen: Macbeth

Mai 26, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die schottischen Clanchefs als kongolesische Warlords

Die drei Hexen Bild:  Nicky Newman

Die drei Hexen
Bild: Nicky Newman

Es wird am Ende der diesjährigen Wiener Festwochen eine der besten Produktionen gewesen sein, die zu sehen waren: Brett Bailey und sein Third World Bunfight aus Kapstadt, die Wien schon mit Aufführungen wie „Big Dada“, „Orfeus“ oder der Performanceinstallation „Exhibit A“ beglückten, kommen diesmal klassisch. Verdi. Macbeth. Der belgische Komponist Fabrizio Cassol hat das Werk auf zwölf Musiker vom No Borders Orchestra eingerichtet; stimmlich tadellos sind Owen Metsileng als Macbeth, dessen sotto voce, seine gedämpfte Stimme, beeindruckend dunkel tönt, Nobulumko Mngxekeza als seine Lady mit starkem Sopran und Otto Maidi als Banquo; den Rest der Rollen bestreitet ein ebenfalls tadelloser Chor. Man singt italienisch.

Nun aber Bailey. Er verlegt die Handlung vom schottischen Hochmoor in die Demokratische Republik Kongo. Und bald wundert man sich: War sie dort nicht schon immer angelegt? Warlords bestimmen das Geschehen. Eine Million Hutu flüchtet aus Ruanda über die Grenze. Da erscheinen dem Macbeth die drei Hexen, heißt: weißgesichtige „Businessmen“, vermummt wie der Ku-Klux-Klan, mit ihren (Un-)heilsversprechen. „Invest in Africa“ wird später auf der großen Vidiwall stehen. Denn die bösen Geister wollen Coltan, Gold und Kupfer. Eines der ärmsten Länder der Welt ist reich an Bodenschätzen. Macbeths Preis der Macht sind die Handys, Laptops und Spielkonsolen der Ersten Welt. Kinder – „Negerpuppen“, leblos, tot, die von den Hexen achtlos weggeworfen werden, schlachten die „alten (zwei, drei, um Gottes willen: gar vier?) Jahre alten Geräte aus. (Der Laptop auf dem diese Zeilen entstehen ist übrigens zehn Jahre alt und die Wartungsfirma hat seinen Sarg schon bestellt. Doch noch ist Leben in dem alten Mann!)

Bald nicht mehr so in König Duncan. Ein Blauhelm filmt das Begräbnis, auf seiner Kopfbedeckung steht „Monusco“. Die friedenssichernde Einheit der UNO filmt greift nicht ins Stück ein, dafür, dass sie den Schutz der Zivilbevölkerung vor Rebellen im Kongo nicht gewährleistet, ist die UNO in den letzten Jahren wiederholt kritisiert worden. Bailey macht Politik. Wie stets. Für ihn gibt es keinen Maulkorb. Und über die Vidiwall regnen die Dollarzeichen. Und die Handaufhalter. Von Mord zu Mord – Banquo, dessen Brut laut Prophezeiung herrschen wird, Macduff – da wird gleich ein ganzes Dorf geopfert – wird die Lady mondäner, machthungriger, aber auch verwirrter. Die Übertitelübersetzungen sind jetzt bei „Fuck“ und „Echt irre!“ und „Bullshit“ angelangt. Der König ist verängstigt. Zu viel Blut fließt. Großartig, wie Bailey Nachrichtenmeldungen via Leinwand übermittelt. „Global Witness“ berichtet von abertausenden Toten, Massenfluchten, Massenvergewaltigungen. Berggorillas werden im Nationalpark Virunga Opfer von Wilderern. Die Macheten liegen bereit. Bailey projeziert Fotos von Leichen, Kindersoldaten, Verhungernden. Noch nie ging einem Verdis Schöngesang so unter die Haut.

Doch, man weiß es ja: Der Wald rückt näher. Und der nicht von einem Weib Geborene.  Und die Botschaft bleibt bestehen: Die Saat ist gesät, Nachtmahr entsteht. Mit bisher 5,4 Millionen Toten tobt in der Demokratischen Republik Kongo einer der schlimmsten Bürgerkriege unserer Zeit.

Für Brett Bailey und sein Team gab’s minutenlang Standing Ovations.

www.festwochen.at

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-2014

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-geschichten-aus-dem-wiener-wald/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-bluthaus/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-titkainkunsere-geheimnisse/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-stavangera-pulp-people/

26. 5. 2014

Salzburger Pfingstfestspiele

Mai 14, 2013 in Tipps

Cecilia Bartolis Thema ist „das Opfer“

Keine Honorarpflicht bei aktueller Berichterstattung über die Salzburger Festspiele und Nennung des Fotocredits.

Cecilia Bartoli und John Osborn
Bild: © Hans Jörg Michel

Von 17. bis 20. Mai finden die diesjährigen Salzburger Pfingstfestspiele statt. Die beherrschende Thematik im neuen Programm ist der Begriff des „Opfers“. Besonderes Interesse hat Cecilia Bartoli, die Künstlerische Leiterin der Pfingstfestspiele, an der Doppeldeutigkeit, die sichtbar wird, wenn man das deutsche Wort „Opfer“ übersetzt: „So bedeutet es zum Beispiel im Englischen ebenso ,sacrifice‘ wie ,victim‘. Doch ist der Unterschied in Tat und Wahrheit nicht in den meisten Fällen einer der Perspektive? Schließlich gibt es kein Opfer ohne Geopfertes, ohne Opfergabe – die Frage ist nur, auf welcher Seite man sich wiederfindet“, so die Bartoli. Die Begriffe umfassen die unterschiedlichen Aspekte von Opferung, Opfersein und Hingabe und spiegeln sich in den verschiedenartigen Veranstaltungen der Pfingstfestspiele wider. Unter dem Übertitel LiebesOPFER singt Bartoli selbst die Titelheldin in der Oper „Norma von Vincenzo Bellini, die erstmals szenisch auf historischen Instrumenten und in einer neuen kritischen Edition von Riccardo Minasi und Maurizio Biondi in Salzburg aufgeführt wird. Giovanni Antonini übernimmt die musikalische Leitung. Moshe Leiser und Patrice Caurier werden die Oper inszenieren. Mit ihrer Stückauswahl wollte Cecilia Bartoli den grundlegenden Konflikt zwischen Pflicht und Herzenswünschen einer jeden Person zum Thema machen. Die Hauptfigur befindet sich genau in diesem Zwiespalt und entscheidet sich letztlich für die Selbstopferung auf dem Scheiterhaufen. Mit Bartoli auf der Bühne: Rebeca Olvera, John Osborn, Michele Pertusi, Liliana Nikiteanu und Reinaldo Macias.

In sechs weiteren Programmen unter den Titeln MusikalischesOPFER, FrühlingsOPFER, BiblischesOPFER, PolitischesOPFER, ReligiösesOPFER und VersöhnungsOPFER sind als Mitwirkende unter anderem András Schiff, Valery Gergiev mit dem Ballett, Chor und Orchester des Mariinski-Theaters aus St. Petersburg, Diego Fasolis, Franco Fagioli, Javier Camarena, Roberta Invernizzi, I Barocchisti, Vadim Repin, Ildar Abdrazakov, das Hagen Quartett und Alfred Brendel, René Pape, den Wiener Singverein, Daniel Barenboim und sein West-Eastern Divan Orchestra zu erleben. Zum ersten Mal wird bei den Salzburger Pfingstfestspielen ein zweites Werk szenisch aufgeführt: Igor Strawinskys Ballett „Le Sacre du printemps“ ist genau 100 Jahre nach seiner skandalträchtigen Uraufführung in der rekonstruierten Originalfassung von Vaslav Nijinskys Choreografie und in der archaischen, von fauvistischen Farbkombinationen beherrschten Ausstattung von Nicholas Roerich, vereint mit weiteren Meisterwerken aus dem Erbe der Ballets Russes mit Künstlern des Mariinski-Theaters, St. Petersburg, zu erleben.

Begleitend zeigt DAS KINO den Film „Offret“ (Opfer) von Andrei Tarkowski, dessen Filmstills die Bildsprache des Pfingstprogrammes prägen. In der Rauchmühle wird als VisuellesOPFER zudem eine multimediale Ausstellung des Philharmonia Orchestra und Esa-Pekka Salonen präsentiert.

www.salzburgerfestspiele.at

www.salzburgerfestspiele.at/spielplan-pfingsten

http://salzburgerfestspiele.at/Portals/0/Pfingsten_2013_Programm_Web.pdf

Von Michaela Mottinger

Wien, 14. 5. 2013