Bruseum: Damage Control

November 6, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Body Art and Destruction 1968-1972

Günter Brus, Zerreißprobe, 1970 Bild: Klaus Eschen Fotografie, BRUSEUM/Neue Galerie Graz, UMJ

Günter Brus, Zerreißprobe, 1970
Bild: Klaus Eschen Fotografie, BRUSEUM/Neue Galerie Graz, UMJ

Das BRUSEUM, Neue Galerie Graz, zeigt ab 14. 11. die Schau „Damage Control“. Im Jahr 1970 hat Willoughby Sharp im kurzlebigen Museum of Conceptual Art in Chicago eine Ausstellung kuratiert, die unter dem Namen Body Works erstmals die gerade im Entstehen begriffene Tendenz einer körperzentrierten Kunst – die später unter dem Namen Body Art firmieren wird – einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt hat. Die präsentierten Videoarbeiten von Vito Acconci, Terry Fox, Bruce Nauman, Dennis Oppenheim, Keith Sonnier und William Wegman zeigten im Wesentlichen „the use of the artist’s own body as sculptural material“. Sie zeigten jedoch auch bereits die Dekonstruktion und Destruktion dieses neuen skulpturalen Materials und damit die Selbstverletzung der Künstler als künstlerischen Akt: Acconci brannte sich die Haare von den Brustwarzen, Oppenheim ließ sich durch den Sand schleifen und Wegman steckte sich 11 Zahnstocher in den Gaumen. Als das Museum of Contemporary Art in Chicago fünf Jahre später unter demselben Ausstellungstitel einen erneuten Rückblick wagte, war die Künstlerliste bereits um europäische Protagonisten wie Günter Brus, Joseph Beuys, Gina Pane, Urs Lüthi oder Rudolf Schwarzkogler erweitert.

Aus Anlass der Ausstellung „Damage Control: Art and Destruction Since 1950“, die im Herbst im Kunsthaus Graz gezeigt wird, widmet sich das BRUSEUM jenem Aspekt künstlerischer Zerstörung, den die vom Hirshhorn Museum in Washington konzipierte Schau vernachlässigt: der Body Art in ihrer Anfangszeit unter dem speziellen Blickwinkel der aktionistischen Selbstverletzung. Damit bietet sich die einmalige Gelegenheit, die späten Aktionen von Günter Brus im internationalen Kontext zu verorten und zu überprüfen, ob er wirklich der erste war, der seinen Körper im Rahmen einer Performance verletzte und damit als „Begründer der Body Art“ gelten kann, als der er immer wieder bezeichnet wird. Die Ausstellung nähert sich dem Phänomen selbstverletzender Körperkunst nicht nur aus einer historischen Perspektive, sondern auch unter dem Gesichtspunkt einer „Ästhetik des Erhabenen“, wie dies die Österreichische Akademie der Wissenschaften in einem ihrer jüngsten Forschungsprojekte initiiert hat. Ausgangspunkt der These ist die Annahme, dass sowohl die Body Art als auch die Idee des Erhabenen die Beherrschung des Körpers und der mit ihm assoziierten Gefühlswahrnehmungen ins Zentrum stellen.
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Die Ausstellung zeigt Arbeiten unter anderem von Vito Acconci, Günter Brus, Chris Burden, Terry Fox, Stephen Laub, Barry LeVa, Dennis Oppenheim, Gina Pane, Larry Smith, VALIE EXPORT und William Wegman.

Wien, 6. 11. 2014

Meret Oppenheim Retrospektive

März 20, 2013 in Ausstellung

Im Kunstforum der Bank Austria

„Die Perversion existiert für mich nicht. Das ist ein Wort, das von engstirnigen Geistern erfunden wurde. Sehr naiv.“
Meret Oppenheim
Meret Oppenheim im Bank Austria Kunstforum

Meret Oppenheim
Porträt mit Tätowierung, 1980
Privatsammlung, Bern
Foto: Heinz Günter Mebusch, Düsseldorf
© VBK, Wien, 2013

Ab 21. März zeigt das Kunstforum der Bank Austria eine Meret Oppenheim Retrospektive. Oppenheim (1913 -1985) zählt zu den bedeutendsten und eigenwilligsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Anlässlich ihres 100. Geburtstags präsentiert das Bank Austria Kunstforum die erste museale Retrospektive dieser Schweizer Künstlerin in Österreich, die im Anschluss im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen sein wird. Mit 200 Leihgaben aus verschiedensten europäischen Museen und Privatsammlungen bietet die Ausstellung die Gelegenheit, das gesamte künstlerische Spektrum des mehr als fünf Jahrzehnte umfassenden Schaffens kennenzulernen, das in seiner Unabhängigkeit und Vielgestaltigkeit bis heute wegweisend ist. Die Aussstellung soll dazu beitragen, Oppenheims einseitige Rezeption als „Muse“ der Surrealisten sowie als Schöpferin der legendären Pelztasse (1936) zu überwinden, die bis heute den Blick auf ihr vielseitiges Gesamtwerk verstellt. Oppenheims künstlerische Position erweist sich als souverän eigenständig.

Die künstlerischen Anfänge Meret Oppenheims liegen in Paris, wo sie im Kreis der Surrealisten rund um André Breton verkehrt. Die Autodidaktin freundet sich mit Alberto Giacometti, Max Ernst, Francis Picabia, Leonor Fini, Toyen oder Man Ray an. Sie entdeckt das „Wunderbare des Alltäglichen“ in dessen Zweckentfremdung als surrealistische Objektkunst. Die Verwandlung zwischen Männlichem und Weiblichem, Natur und Kultur, Traum und Wirklichkeit, dem Ich und dem Anderen zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Schaffen. „Die Künstler träumen für die Gesellschaft“, ist ein berühmtes Zitat von ihr aus diesen Tagen. Jede Vereinnahmung durch den Kunstbetrieb, jede Festlegung auf eine Kunstform empfindet sie als Reduzierung ihres Ichs.

So entstehen nebeneinanderintuitiv hingeworfene Zeichnungen, konzeptuelle fotografische Arbeiten, großformatige, durchformulierte Gemälde, humorvolle Materialcollagen, makabre Designentwürfe,  karnevaleske Masken und Arbeiten, die an Haiku-Gedichte erinnern. Oppenheim bürstet ihre Kunst bewusst „gegen den Strich“. Eine Qualität, die erst ab den späteren 1960er-Jahren geschätzt wurde. Sich mit Meret Oppenheim auseinanderzusetzen bedeutet auch, einer faszinierenden charismatischen Persönlichkeit gegenüberzutreten. Ihre beeindruckende Erscheinung und ihr extravagantes Auftreten wird in der Ausstellung durch Künstlerfotografien veranschaulicht, die von den frühen Aktfotografien Man Rays bis zu den würdevollen Porträts von Nanda Lanfranco kurz vor ihrem Tod im Jahr 1985 reichen. Oppenheims kompromisslos gelebte gesellschaftskritische und emanzipatorische Haltung machten sie zu einer zentralen feministischen Identifikationsfigur und zum Vorbild für Generationen nachfolgender Künstlerinnen und Künstler. „Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie sich nehmen«, lauten ihr Credo und Vermächtnis.

Von Rudolf Mottinger

Wien, 20. 3. 2013