Oper. L’opéra de Paris

Januar 15, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Momentaufnahmen eines musikalischen Mikrokosmos

Eine Balletttänzerin, erschöpft nach dem Auftritt. Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit September 2020 wird Philippe Jordan neuer Musikdirektor der Wiener Staatsoper. Wer den Dirigenten jetzt schon in seinem natürlichen Lebensraum erleben will, kann das ab 19. Jänner in den heimischen Kinos im Dokumentarfilm „Oper. L’opéra de Paris“ tun. Der Schweizer Filmemacher Jean-Stéphane Bron folgte mit Amtsantritt Direktor Stéphane Lissner diesem und seinem Team von Saisonstart 2015 an eineinhalb Jahre durch sein Haus. Das Einzigartige daran: Bron hatte davor noch nie eine Oper von innen gesehen. Er hat keine Ahnung, wie solch ein „Schlachtschiff“ funktioniert, weiß nichts über klassischen Gesang oder – die Hausspezialität – Ballett.

Und so folgt der Regisseur seinen Protagonisten neugierig wie ein Tiefseetaucher den faszinierenden und fremdartigen Wesen der Unterwasserwelt. Entstanden ist so ein fabelhafter Einblick in die Welt hinter den Kulissen im Palais Garnier und am Place de la Bastille, Momentaufnahmen eines musikalischen Mikrokosmos, der stets betrachtet, nie kommentiert wird. Dass dabei weder humorvolles, noch tagespolitisches Geschehen zu kurz kommt, ist dem Geschick Brons zu verdanken. So gilt es zu schmunzeln, wenn ein riesenhafter Charolais-Stier für die „Moses und Aron“-Premiere dem Chor Angst und den Verantwortlichen Kopfzerbrechen macht.

Man ist aber auch dabei bei der Schweigeminute für die Opfer des Terroranschlags auf das Bataclan, bei beinharten Verhandlungen mit Kulturminister und Gewerkschaft bis hin zur Streikdrohung wegen der verordneten Personaleinsparungen – oder als Ballettmeister Benjamin Millepied, Ehemann von Schauspielstar Natalie Portman, die er bei den Dreharbeiten zu „Black Swan“ kennengelernt hatte, endgültig das Handtuch wirft. Es ist Lissner hoch anzurechnen, dass er scheint’s keine Tür vor Bron verschlossen hielt, so dass dieser Leid und Leidenschaften hautnah erleben und dahin blicken konnte, wo Schmerz und Schönheit nah beieinanderliegen.

Philippe Jordan am Pult. Bild: © Filmladen Filmverleih

Stéphane Lissner inspiziert sein Reich. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zu einer Balletttänzerin, die nach ihrem Auftritt schwer Luft holend am Boden sitzt, oder zur Gilda-Darstellerin, die hinter der Bühne nach Wasserflasche und schweißtrocknenden Kleenex greift, die ihr die Garderoberin in stummem Verständnis der Lage reicht. Bron gelingt es in seiner anekdotisch-flüssigen Collage, seinem Mix aus Distanz und Nervenkitzel, die Oper als atmenden Organismus mit hohem Pulsschlag zu zeigen. Auf seinem Weg folgt er mehreren Figuren. Lissner, Jordan und Millepied natürlich, mit denen man nicht nur die Vorbereitungen zur Schönberg-Premiere, sondern auch „Meistersinger“-Proben mit Jonas Kaufmann und Bryn Terfel erlebt – samt den üblichen Konflikten zwischen Regisseur, Dirigent und dem sehr selbstbewussten Chor, Streit in den höchsten Tönen, emotionaler Hochdruck vor und hinter dem Vorhang, nur, damit sich all die Enthusiasten danach wieder voll zur Sache begeben.

Bron führt über rote Teppiche und zum Galadiner, als der damalige Präsident François Holland das Haus besucht, durch das Sprachbabylon der Kostümwerkstätten und Proberäume, und immer wieder auch auf die Bühne. Von der Seite lugt er wie ein verirrter Besucher auf das Geschehen „draußen“. Diese Szenenausschnitte kombiniert er mit dem musikalischen Echoraum von Kleinstkonzerten und anderen intimen Begegnungen. Sie grundieren die Dokuarbeit gleichsam emotional.

Der Bulle macht der Belegschaft Kopfzerbrechen. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zu den schönsten Augenblicken des Films gehören da die mit dem jungen russischen Bariton Mikhail Timoshenko, der an der Akademie der Oper aufgenommen wird, und dessen großen, staunenden Augen durchs „Oberdeck“ des Schlachtschiffs man folgt, bis er in einem Gang auf sein Idol Terfel trifft. Der ihm noch dazu verspricht, den „Boris Godunow“, den er sich selbst gerade erarbeitet, mit ihm zu studieren. Ein Glücksmoment. Einer von vielen, die diesen Film ausmachen. Gerne hätte man nur noch gewusst, ob sich der Bulle bei der Premiere tatsächlich so mustergültig verhielt, wie er es bei den Proben versprochen hat …

www.koolfilm.de/Oper/oper.php4

15. 1. 2018

Neue Oper Wien: Staatsoperette

September 14, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Servus, „Grüß Gott“ und Auf Wiedersehen

Gernot Heinrich als Starhemberg, Dieter Kschwendt-Michel als Schuschnigg, Hagen Matzeit als Dollfuß mit der Dollfuß-Puppe von Nikolaus Habjan. Bild: © Armin Bardel

Die Dollfuß-Puppe fistelt ihre Befehle: Gernot Heinrich als Starhemberg, Dieter Kschwendt-Michel als Schuschnigg und Hagen Matzeit als Dollfuß. Bild: © Armin Bardel

Die Neue Oper Wien zeigt ihre „Staatsoperette“ nach der vielbejubelten Uraufführung bei den Bregenzer Festspielen nun im Wiener Theater Akzent. Und über diese so eindringliche wie unterhaltsame Geschichtslektion in Sachen Zwischenkriegszeit ist nicht weniger zu sagen, als dass ihr Besuch quasi Pflichtfach werden sollte. Von wegen dieser Tage, wiewohl sich das neue künstlerische Team sehr klug jedem zwanghaften Bezüge-Herstellen entzogen hat. Man hat’s da aber auch leicht, man braucht nur hinzuzeigen, um aufzuzeigen.

Die Austrotragödie von Otto M. Zykan und Franz Novotny war einmal ein Film und war einmal ein Skandal. 1977 war das, da fühlten sich manche ob ihrer eigenen Rolle in den Jahren zwischen 1918 und 1938 noch auf den Schlips getreten, Nackerpatzln gab’s auch zu sehen, und einen Club 2, in dem Heribert Steinbauer der Empörung stellvertretend für seine Wählerschaft Luft machte. Der Film verschwand im Archiv. Zykans Weggefährtin Irene Suchy und Komponist Michael Mautner haben das Werk nun inhaltlich und musikalisch ergänzt, für Zweiteres aus dem reichen Schaffen Zykans geschöpft, und eine die Handlung erklärende Ebene eingezogen.

Neu sind nun ein Nestroy-hafter Kommentator, Stephan Rehm, der aus dem Stück erst recht ein Lehrstück macht, und zwei Frauenfiguren, die Linke und die Rechte, Laura Schneiderhan und Barbara Pöltl in Kittelschürze vs Trachtenkostüm, die entlang von Bassena-Räsonierereien die vox populi zum besten geben. Eingefügt sind Szenen, die damalige Fernsehverantwortliche schon im Vorfeld der zu erwartenden Erregung entfernen ließen, etwa das Schattendorfer Urteil oder Schuschniggs Besuch bei Hitler auf dem Obersalzberg.

Zykan zitiert Zeitgeschehen, zitiert Kirchen- oder Heurigenliedern, montiert Atonales mit Operettenhaftem, er reißt mit seiner Musik Witze. Sehr schön ist da eine Sequenz zum Nicht-miteinander-Können der politischen Lager, für deren Darstellung es heute einen ganzen desaströsen Runden Tisch brauchen würde; Zykan genügen zwei Worte, „Grüß Gott“ – und schon hat Ignaz Seipel den Otto Bauer abgefertigt. NOW-Intendant Walter Kobéra versteht es meisterlich diesen vertonten Sarkasmus umzusetzen, mit ihm am Pult flirrt und flimmert das amadeus ensemble-wien einmal mehr, dass es eine Freude ist.

Camillo dell’Antonio spielt Ignaz Seipl mal zwei. Bild: © Armin Bardel

Prälat-Bundeskanzler: Camillo dell’Antonio spielt Ignaz Seipel mal zwei. Bild: © Armin Bardel

Dieter Kschwendt-Michel im Zwiegespräch mit der Schuschnigg-Puppe. Bild: © Armin Bardel

Dieter Kschwendt-Michel im Zwiegespräch mit der Schuschnigg-Puppe. Bild: © Armin Bardel

In den Händen von Regisseur Simon Meusburger kommt die Groteske auch inszenatorisch zur Geltung. Er hat mit Bühnenbildner Nikolaus Webern als Ort des Geschehens einen devastierten Sitzungssaal erdacht, ein nachroyales Palais, verstaubt und überlebt, der Kronleuchter auf dem Boden, das Telefon an der Decke, denn das Unterste ist nach oben gekehrt, die Welt steht auf dem Kopf. Mit Graphic Novels à la Sin City werden die Protagonisten eingeführt, der „Blutprälat“ und der „Fürst der Finsternis“, und wenn diese dann auftreten, haben sie als Alter Ego eine Puppe von Nikolaus Habjan im Arm. Die Klappmäuler als politische Großmäuler, Ignaz Seipel, Engelbert Dollfuß, Kurt Schuschnigg, Benito Mussolini und als Anfang vom Ende Adolf Hitler, erfahren so eine karikaturhafte Überhöhung und bringen als solche ihre verqueren Botschaften über die Rampe. Das Fürchterliche ist ja auch immer lächerlich, sagt Thomas Bernhard. Das ist hier eindrücklich demonstriert.

Die Darsteller treten ins Zwiegespräch mit ihren zweiten Gesichtern, und wenn man bedenkt, wie vieles des Gesagten Original-Text ist, wird die „Staatsoperette“ zum Schwank zwischen Schaudern und Entsetzen. Es ist ein erschrecktes Auflachen, mit dem das Publikum auf die Komik der Situationen reagiert. Wenn’s über den Déjà-vu-Streit der großen Koalition heißt, er gehe eigentlich um belanglose Gründe. Wenn darüber debattiert wird, das sich „der kleine Mann von Stammtischgestammel verführen ließ“. Wenn im Wiener Kammerchor die einen die Haydn-Hymne noch auf Gott, Kaiser und Vaterland, die anderen schon als Deutschlandlied singen. Auf „Führer“, Völkisch, Vaterland.

Na, Servus. Starke Bilder sind das. Die ewige Furcht der europäischen Bourgeoisie vor links, doch nie vor rechts. Rot und Schwarz, die statt des Konsens‘ mit- den Kampf gegeneinander suchen, und so freilich dem Auftreten eines diabolischen Dritten Tür und Tor öffnen. Auch die Sozialdemokratie wird gescholten, Kolomann Wallisch und Otto Bauer, die als Arbeitervertreter auf ihren eingeschlagenen Wegen der Bewaffnung und der Beschwichtigung nicht zueinander finden können, Bauer, der es mit seinen theorieschwülstigen Formulierungen nicht schafft, sich „der Masse“ verständlich zu machen. Folge: Verlust des Gemeindebaus, Teil eins.

Die Solisten bestreiten größtenteils mehrere Rollen. Marco Di Sapia gefällt wie stets mit seinem wohlgeführten Bariton, er ist als sich selbst geiselnder Otto Bauer gleichsam die tragische Figur, der Anti?-Held des Werks, kann aber als Walter Pfrimer und Anton Rintelen wunderbar seine Qualitäten als Komödiant ausspielen und in den Rollen der verhinderten Putschisten zum allgemeinen Amüsement auch mit Steirischkenntnissen protzen. Wie es dem patscherten Sekundenkanzler nicht gelingt, sich nach der Ermordung Dollfuß‘ in seinem Hotelzimmer zu entleiben, da gelingt Di Sapia sogar ein gruseliges Kabinettstückchen.

Camillo dell‘ Antonio gibt den Seipel mal zwei, einen pitzeligen Prälat-Bundeskanzler, der politisch immer Lust auf mehr hat. Daheim knüppelt er, vor dem Duce kriecht er – ums Geld. Da ist es nur logisch, dass ihn Gernot Heinrich als Mussolini einen cretino schimpft. Heinrich gestaltet ihn als gutgelaunten „italienischen Tenor“, umringt von barbusigen Schönen und stets um die höchste Stellung bemüht. Weshalb es ihm im Sitzstreit mit Seipel auf der Schaukel auch nicht ums internationale Gleichgewicht oder politisches Die-Waage-Halten geht … Als Heimwehrführer „Fürst“ Starhemberg kann Heinrich diese süßlich-grausliche Seite dann noch deutlicher zeigen.

Der Anfang vom Ende: Hagen Matzeit als Hitler mit Hitler-Puppe, links: Laura Schneiderhan, rechts: Barbara Pöltl und der Wiener Kammerchor. Bild: © Armin Bardel

Der Anfang vom Ende: Hagen Matzeit als Hitler, links: Laura Schneiderhan, rechts: Barbara Pöltl und der Wiener Kammerchor. Bild: © Armin Bardel

Hagen Matzeit, ein famoser Opernsänger, der sowohl Bariton als auch Countertenor „kann“ (www.matzeit.de), macht aus dem Dollfuß dank seiner Puppe einen bösen Kobold mit Falsettstimme. Mit Karl-Kraus’schen Bumsti!-Rufen führt er seine Hälfte des Volkes gegen die andere, ein Ritt auf dem Kanonenrohr, während dem Thomas Weinhappel als Wallisch seinen republikanischen Schutzbund in Stellung bringt.

Beklemmend ist das, wie Meusburger zeigt, dass unter den Menschen kein Politwirrkopf, sondern die nackte Angst regiert. Sie werden aufgestellt und abgeschossen, aufgestellt und abgeschossen … Volk verliert, Volk fällt zu beiden Seiten. Die letzten Tage der Menschlichkeit. Matzeit wird zu deren Ende auch noch Adolf Hitler sein, Dieter Kschwendt-Michel sich ihm als Schuschnigg ergeben. Dem „Führer“ schenkt Matzeit kein menschliches Organ, er hat weder Sing- noch Sprechstimme, die Puppe grunzt und faucht und schnarrt, aber wenn sich im Schlussbild alles zu ihr hinwendet, ist deutlich, wie gut sie auf dem Heldenplatz einst verstanden wurde.

Beim begeisterten Applaus kann sich Matzeit der Hakenkreuzarmbinde gar nicht schnell genug entledigen, er wirft sie zu Boden und tritt danach. Ein abschließendes Statement, das beim Publikum bestens ankommt: Niemals vergessen. Dass die, die vorgeben, die Fäden in der Hand zu haben, auch nur jemandes Marionetten sind. Dass selbsternannte Heimatschützer unter dem Vorwand demokratische Mechanismen zu behüten eben diese aushebeln. Bei Zykan besingen sie als „wahre Sieger“ ihr Auf-Wiedersehen, da fehlt eindeutig ein „Nimmer“.

www.neueoperwien.at

Wien, 14. 9. 2016

Wiener Festwochen: Die Passagierin

Mai 21, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein großes Werk ganz großartig dargeboten

Anna Ryberg (Katja), Jenny Carlstedt (Vlasta) und Sara Jakubiak (Marta) und das Ensemble. Bild: Oper Frankfurt / Barbara Aumüller

Sara Jakubiak als Marta (re.) mit Anna Ryberg, Jenny Carlstedt und Ensemble. Bild: Oper Frankfurt / Barbara Aumüller

Erst die Oper hätte ihre Geschichte in ihrer ganzen Emotionalität ausdrücken können, sagte Zofia Posmysz in einem Interview. Und es ist schon so, dass inmitten all der dargestellten Gräuel, des Hasses und der ständigen Todesangst, die Seele die Szenen am wenigsten aushält, in denen die Menschen zueinander Mensch sind.

Die Partisanin Katia schwärmt von der Weite ihrer Heimat Russland, Krysztina träumt vom wiederaufgenommenen Studium, die kleine Yvette gibt der alten Bronka Französischunterricht, weil beide ja bald frei und dann in Paris sein werden. Je vis – ich lebe, tu vis – du lebst, elle vit – sie lebt. So steht es auch in großen Lettern an der Bühnenrückwand, die festgeschriebene Hoffnung, und die Häftlinge umarmen einander. Nur Marta wünscht sich zu Versen von Sandor Petöfi, dass sie endlich in Frieden und im Sonnenschein sterben dürfe. „Das Herz erzittert, weil Erinnerung es durchzog“, auch das ein Zitat des ungarischen Dichters.

Bei den Wiener Festwochen hatte Anselm Webers exemplarische Inszenierung von Mieczysław Weinbergs „Die Passagierin“ Österreich-Premiere, ein Gastspiel der Oper Frankfurt im Theater an der Wien. Weinberg, erst von Hitler, dann von Stalin verfolgter jüdischer Komponist, und sein Librettist Alexander Medwedew hatten sich Zofia Posmysz‘ Novelle „Pasażerka“ zur Vorlage genommen, in der die Auschwitz-Überlebende entlang ihrer Biografie vom Wiedererkennen zweier Frauen erzählt. Posmysz, polnische Journalistin, heute 92 und eine unermüdliche Zeitzeugin, wurde beim Verteilen von Flugblättern in Krakau verhaftet und ins KZ verbracht; die US-Armee befreite sie 1945. In „Die Passagierin“ treffen nun ihr Alter Ego Marta und die ehemalige Aufseherin Lisa in den späten 1950er-Jahren auf einem Luxusliner aufeinander. Lisa glaubte Marta tot, ihr Mann Walter, ein BRD-Diplomat mit Mission in Brasilien, weiß nichts vom verhängnisvollen Vorleben seiner Frau …

Weinbergs Musik changiert zwischen bitter-lyrisch und beinah karikaturhaft, ihre Farben reichen von Jazz bis Folkore, dann wieder übertrumpft das Atonale jede Tonalität. Weinberg zitiert, parodiert, macht die Chansons von Edith Piaf zu Tanzmusik, verwandelt Beethovens Schicksalsmotiv aus der Fünften in Appellfanfaren, demonstriert Widerstand mit Bachs berühmter Chaconne aus der d-moll-Partita. Und obwohl es lärmend losgeht, mit einem Aufbrausen der Schlagzeugbatterie, überwiegen an diesem Abend die Stille und Sparsamkeit eines Kammerspiels. Christoph Gedschold dirigiert das Frankfurter Opernorchester mit großem Sinn für diese musikalische Dramaturgie. Er zeichnet weiche Linien, und lässt es doch an scharfen Kanten nicht fehlen. Eine Leistung von schmerzhafter Genauigkeit. Sarkastisch der Tonfall, mit dem Libretto und Musik festhalten, wie sich Lisa um Kopf und Kragen redet und nicht begreifen will, warum sie schuldig sein soll. Unerträglich schön die an die Unendlichkeit klingenden Ensembleszenen im Lager, in denen sich die Frauen hinausträumen in ein neuentstehendes Leben. Dann wieder, plötzlich, da atmet das Ehepaar erleichtert auf, der Stewart nennt die Passagierin eine Britin!, und das Orchester bricht in begeisterte Dur-Akkorde aus und zitiert den Anfang von „Rule Britannia“. Gesungen wird vielsprachig, russisch, polnisch, jiddisch, deutsch, französisch, englisch.

Tanja Ariane Baumgartner und Sara Jakubiak. Bild: Oper Frankfurt / Barbara Aumüller

Tanja Ariane Baumgartner, Sara Jakubiak und Ensemble. Bild: Oper Frankfurt / Barbara Aumüller

Brian Mulligan (Tadeusz) und Michael McCown (Kommandant). Bild: Oper Frankfurt / Barbara Aumüller

Brian Mulligan  als Tadeusz. Bild: Oper Frankfurt / Barbara Aumüller

Man ist berührt, zu Tränen gerührt, von den Erinnerungen Posmysz‘ und von Weinbergs fantastischer Musik, die auf so vieles anspielt und, wie es Worte gar nicht könnten, Figuren charakterisiert, Stimmungen malt, Gedanken abbildet und in Klang verwandelt. Die Aufführung entwickelt einen suggestiven Sog, dem sich nicht zu entziehen ist. Regisseur Weber und seine Bühnenbildnerin Katja Haß haben maßgeblichsten Anteil an diesem Erfolg. Im Wissen, dass man Auschwitz nicht ästhetisieren kann, haben sie sich für eine Optik entschieden, die gerade im abstrahierenden Abstandhalten Nähe schafft.

Auf der Drehbühne wechselt eine weiße Luxusdampferwelt mit dem Dreck einer Baracke, zweitere, der ganze Schrecken der Vergangenheit, quasi im Schiffsbauch der ersteren, wie nahtlos gehen die beiden Orte ineinander über, die schöne neue Realität und der Albtraum der Erinnerung, nur durch eine kleine Wendung, oftmals von den Figuren unbemerkt. So geht Walter irgendwann die Treppe hinunter und durchs KZ, der Steward erscheint Lisa als dessen ehemaliger Kommandant in Uniform. Hinter den Türen zerlumpte Gestalten: die Gefangenen haben Glatzen, die gestreiften Kittel schlottern an ihren Körpern. Weber hat seine Solisten und das Ensemble so behutsam wie präzise angeleitet, niemand hat hier Gelegenheit in die oft so typischen Opernsingposen zu fallen. Und an die Bretterwände geschrieben Botschaften. Von Liebe, und davon, dass Kiew schon gefallen ist. Durchhalten! Dazu die Nameslisten der Opfer. Zur Pause wagte das Publikum ob dieses Gefühlsansturms nicht einmal zu applaudieren, erst am Ende tosten Jubel und Bravorufe los.

Die galten in Wien vor allem den beiden Protagonistinnen. Sara Jakubiak brilliert als Marta, eine kräftige, empörte, selbstbewusste Partie, und Jakubiak singt sie so klar und durchdringend, als sei sie ihr auf den Leib geschrieben. Die Celesta, das Engelsinstrument, ist das ihre, es begleitet sie durch die KZ-Szenen ebenso wie durch die, in denen sie sich wie ein Phantom unter die bessere Schiffsgesellschaft mischt; schließlich wird die Bühne ihr gehören, für einen letzten Aufschrei: Ich werde euch nie vergessen! Tanja Ariane Baumgartner singt die Lisa mit dunklem Timbre. Ihre Herzensaufwallungen gibt das Xylophon wieder, als wär’s der Pulsschlag, der pochend fragt, ob das alles wahr sein kann. Im Lager ist sie schmeichelnde Verführerin, die die beängstigend klaustrophobische Atmosphäre für ihre Zwecke nutzen will. Peter Marsh überzeugt als Walter mit seinem schön geführten Tenor, heftigst akklamiert ist freilich Brian Mulligan als Widerstandskämpfer Tadeusz, Martas Verlobter, ein Violinist, der sich weigert dem Kommandanten dessen Lieblingswalzer vorzugeigen. Den lässt zum Schluss Marta von der Kapelle auf dem Schiffsball spielen …

„Erst, wenn das Echo ihrer Stimmen verhallt, gehen wir zugrunde“, diesen Spruch des Résistance-Kämpfers Paul Éluard haben Weinberg und Medwedew ihrer Oper vorangestellt. Und Zofia Posmysz, sie möge 120 werden, ist am 21. Mai im Festwochen-Zentrum im Künstlerhaus bei einem Salongespräch dabei. „Die Nacht dauert nicht ewig“, singt Tadeusz in der Oper. Gut achtgeben. Damit auch morgen die Sonne scheint.

Video, Interview Zofia Posmysz: www.youtube.com/watch?v=MfzK8a1z6co

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 21. 5. 2016

Neue Oper Wien: Das Programm der Saison 2016/17

März 30, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der „Staatsoperette“ bis „Pallas Athene weint“

Walter Kobéra Bild: Armin Bardel

Walter Kobéra. Bild: Armin Bardel

„Finanzkrise, Eurokrise, Griechenlandkrise, zuletzt die Flüchtlingskrise, bestimmen die Nachrichten. Der Fokus verschiebt sich auf die jeweils neue und mündet in der Suggestion, die vorangegangenen wären bereits bewältigt. Europa steht vor der Herausforderung Lösungen zu finden, ansonsten droht eine Spaltung der Gesellschaft. Genau darum geht es in den Werken des Spielplans 2016/17“, erklärt Walter Kobéra, Intendant und musikalischer Leiter der Neuen Oper Wien bei dessen Präsentation.

Das Programm startet am 2. August mit der Uraufführung von Otto M. Zykans „Staatsoperette“, einer Koproduktion mit den Bregenzer Festspielen, einer Bühnenfassung des 1977er-„Skandalfilms“ von Regisseur Franz Novotny. Zykan plante bereits damals eine Bühnenfassung, die jedoch nie fertiggestellt oder szenisch aufgeführt werden konnte. Das Fragment erfuhr nun eine Überarbeitung, die Darstellung der politischen Akteure werden Puppen übernehmen.

„Das“, so Kobéra, „verdeutlicht ihre Austauschbarkeit und zeigt somit auch, dass die Macht diverser Lobbys die Welt der Politik heute immer noch beherrscht.“ Nikolaus Habjan coacht die Sänger, darunter Marco Di Sapia, Camillo Dell’ Antonio, Thomas Weinhappel, Barbara Pöltl und Laura Schneiderhahn. Regie führt Simon Meusburger. Ab 13. September ist die Produktion im Wiener Theater Akzent zu sehen.

Ernst Kreneks Todestag jährt sich 2016 zum 25. Mal. Seine Oper „Pallas Athene weint“ steht deshalb ab 25. Oktober in der Halle E im MuseumsQuartier Wien auf dem Programm. Unter dem Vorwand die Werte Athens beschützen zu müssen, wird für die handelnden Figuren im peloponnesischen Krieg jedes Mittel legitim. Die Lehren des Mentors Sokrates werden, unterschiedlich gedeutet, für eigene Zwecke missbraucht. Zunehmend kommt es zum Beschneiden der Rechte des Einzelnen, für die man eigentlich vorgibt zu kämpfen. Reflexion und Selbstkritik fallen blindem Egozentrismus zum Opfer und tragen zum gemeinsamen Untergang bei. Pallas Athene ist von der eigenen Stadt um ihre Werte betrogen … Kreneks Werk setzt sich mit dem Phänomen des Populismus auseinander und zeigt beängstigend aktuell daraus entstehende Konflikte und Krisen. Er komponierte dieses Werk in den USA unter dem Eindruck der McCarthy-Ära, die darin dargestellte „Krisenbewältigung“ ist jedoch bis in die Gegenwart gültig. Es singen unter anderem Mareike Jankowski, Megan Kahts, Klemens Sander und Lorin Wey; es inszeniert Christoph Zauner.

„Le Maletendu“ – „Das Missverständnis“, Theaterstück von Albert Camus, wurde vom Argentinier Fabian Panisello vertont. Im April 2016 wird Walter Kobéra dieses Werk in Buenos Aires uraufführen, am 21. Februar 2017 wird es im Semper-Depot Wien seine europäische Erstaufführung erleben und danach in Madrid gezeigt. Die Regie übernimmt Mariano Tenconi Blanco, es spielt und singt das amadeus ensemble-wien.

"Die Nase" aus der Saison 2015/16: Georg Klimbacher, Lorin Weg und der Wiener Kammerchor. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15005. Bild: Armin Bardel

Die Nase: Georg Klimbacher, Lorin Weg und der Wiener Kammerchor. Bild: Armin Bardel

Im April zeigt die Neue Oper Wien die erfolgreiche Produktion „Die Nase“ in Trient. Am 4. Mai präsentieren die Schülerinnen und Schüler der AHS Diefenbachgasse gemeinsam mit drei jugendlichen Flüchtlingen ihr zu diesem Werk selbst erarbeitetes Stück im Rahmen der jungen oper wien.

„Das Einbinden von jugendlichen Flüchtlingen in das Projekt junge oper wien und das Mitwirken von Flüchtlingen als Statisten bei der Oper ,Pallas Athene weint‘ vermittelt zentrale Werte für einen gelungenen Integrationsprozess: gegenseitige Wertschätzung und Respekt, gewaltfreie Kommunikation, Reflexionsfähigkeit und das Erkennen von eigenen Begabungen“, sagt Kobéra. „Berührungsängste und andere Hürden sollen im Zuge dieser Projekte von beiden Seiten überwunden werden. Das Medium Musiktheater mit all seinen Kunstformen bietet die Chance, dies niederschwellig, leicht zugänglich und intuitiv zu bewältigen“. Mit dem Georg Danzer Haus und dem Verein Alpine Peace Crossing hat die Neue Oper Wien zwei perfekte Partner für diese Aufgabe gefunden.

NEU: Zum ersten Mal bietet die Neue Oper Wien ein Abonnement an. Bestellungen sind ab sofort unter ticket@neueoperwien.at möglich. Der Verkauf von Einzelkarten startet am 13. Juni 2016.

www.neueoperwien.at

Wien, 30. 3. 2016

Oper Graz: Die Griechische Passion

März 1, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Bohuslav Martinůs Meisterwerk als Statement zur Zeit

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

Von 20. bis 28. März steht das styriarte Osterfestival „Psalm“ unter dem Motto Gastfreundschaft. Highlights sind unter anderem das Fest „Ostern in Schweden“ mit Sängerin und Harfinistin Miriam Andersén, die als Riksspelman von nordischen Bräuchen und Blocksberghexen erzählen wird. Auf dem Speiseplan steht dazu der köstliche Auflauf „Janssons Versuchung“.

Burgschauspieler Peter Simonischek und Pianist Christopher Hinterhuber bereiten bei Oliven und Austern „Platons Gastmahl“ zu, dem sie aber das „Gastmahl des Trimalchio“ aus dem Satyricon gegenüberstellen. Julia Stemberger liest zu Mittelaltermusik als Italien vom christlichen Abendmahl, Miguel Herz-Kestranek vom jüdischen Purim-Fest, begleitet von den Klarinetten-Zwillingen Daniel und Alexander Gurfinkel, und die Tenores di Bitti laden zum sardischen Osterfest – samt Verkostung einer Torta Pasqualina.

Schon davor, am 5. März, hat an der Oper Graz Bohuslav Martinůs „Die Griechische Passion“ nach dem Roman „Der wieder gekreuzigte Christus“ von Nikos Kazantzakis Premiere. In einem kleinen griechischen Dorf wird das Osterfest vorbereitet. Als die Rollen für das Passionsspiel verteilt sind, trifft eine Gruppe Flüchtlinge ein. Aus ihrem Dorf vertrieben bitten die Opfer des griechisch-türkischen Bürgerkriegs um Schutz und Zuflucht. Die Dorfgemeinschaft reagiert gespalten: Während die Mehrheit der Gemeinde die Schutzsuchenden abweist, solidarisieren sich die Passionsdarsteller immer mehr mit ihnen. Allen voran der Schafhirte Manolios, der die Rolle des Christus spielen wird und sich mehr und mehr mit ihm identifiziert. Mit ihm wird es enden, wie es laut Bibel enden muss … In Martinůs Musik prallen gewaltige Chöre auf intime Kammermusik, folkloristische Elemente stehen neben komplexen, klassisch gearbeiteten Orchestersätzen. Lorenzo Fioroni setzt den dramatischen Wettlauf mit der Angst in Szene. Dirk Kaftan, Chefdirigent der Oper Graz, steht am Pult. Eine hochemotionale Mischung aus Oratorium und Oper entführt den Zuschauer in eine Welt der Abgründe.

Im Zentrum des Werks steht die generelle Frage nach Humanität. Die Passionsgeschichte wird ihrer Einmaligkeit enthoben und erscheint als immer wiederkehrender Präzedenzfall für ewiges Leid. Martinů, k.u.k.-Österreicher aus Ostböhmen, der, weil seine Musik den Nazis als „entartet“ erschien und verboten wurde, von Südfrankreich aus in die USA emigrieren musste, hat den Flüchtlingsstatus schmerzlich selbst erfahren müssen. „Die Griechische Passion“ gilt als eine seiner einheitlichsten und reifsten Partituren. Und ist wiewohl aus dem Jahr 1958 von großer Aktualität.

www.oper-graz.com

styriarte.com/psalm/

Wien, 1. 3. 2016