Kunstforum Wien online – Live-Führung durch die Ausstellung „Gerhard Richter: Landschaft“

Januar 11, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

„Kuckuckseier“ zur Klimakrise

Gerhard Richter: Venedig (Treppe), 1985. Art Institute of Chicago, Schenkung Edlis Neeson Collection © Gerhard Richter 2020. Bild: bpk/The Art Institute of Chicago/Art Resource, NY

Das Bank Austria Kunstforum bieten Interessierten am 14. Jänner, 18 Uhr, die Möglichkeit an einer Online-Live-Führung durch die Ausstellung „Gerhard Richter: Landschaft“ teilzunehmen. Auch Fragen können während der digitalen Tour gestellt werden. Mehr Infos: www.cultour.digital, Anmeldung: www.cultour.digital/de/livestreams. Wie kaum ein anderes Sujet hat die Landschaft Gerhard Richters künstlerisches Interesse gefesselt und ihn immer wieder

zu neuen Bildlösungen angetrieben: Die Retrospektive versammelt mehr als 130 Bilder, Zeichnungen, Druckgrafiken, Fotoarbeiten, Künstlerbücher und Objekte von 50 internationalen Leihgeberinnen und Leihgebern. Das Projekt unterstreicht die Wichtigkeit dieses Genres für den deutschen Künstler, der vergangenes Jahr seinen 88. Geburtstag gefeiert hat. Es ist die bis dato größte Ausstellung weltweit, die ausschließlich Richters Landschaften gewidmet ist – einem Genre, mit dem er sich seit 1963 durchgehend beschäftigt hat. Einige der im Kunstforum ausgestellten Werke sind noch nie öffentlich gezeigt worden.

Richters Gesamtwerk ist unter anderem besonders für seine Heterogenität bekannt, die sich folgerichtig auch in der Bildgattung der Landschaft zeigt: Die Ausstellung gliedert sich in fünf thematische Kapitel, die einzeln, aber auch in ihrer Zusammenschau ein beeindruckendes Panorama von Richters „Arbeit an der Wirklichkeit“ ergeben. Die Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken sind nicht direkt nach der Natur entstanden, sondern basieren meist auf fotografischen Vorlagen und sind somit „Landschaften aus zweiter Hand“, was sich an der Ausschnitthaftigkeit, an Unschärfeeffekten, mitunter auch an Schrift im Bild erkennen lässt.

Gerhard Richter: Piz Surlej, Piz Corvatsch, 1992. Sammlung Peter und Elisabeth Bloch
. Bild: Christof Schelbert, Olten © Gerhard Richter 2020

Ein „Kuckucksei“ in der Nähe der deutschen Romantik: Gerhard Richter: Waldhaus, 2004
 (Detail). Privatsammlung © Gerhard Richter 2020

Gerhard Richter: Stadtbild PL, 1970 (Detail). Privatsammlung über Neues Museum Nürnberg. Bild: Neues Museum Nürnberg/Anette Kradisch © Gerhard Richter 2020

Gerhard Richter: Wolke, 1976
. Privatsammlung, als Dauerleihgabe in der Fondation Beyeler, Basel
. Bild: Robert Bayer © Gerhard Richter 2020

Landschaften mit tiefgezogenem Horizont und stimmungsvoller Atmosphäre rücken Richter in die Nähe der deutschen Romantik, auf die der Künstler zwar anspielt, aber der gegenüber er sich immer wieder auch kritisch-zweifelnd geäußert hat: Zu malen wie Caspar David Friedrich, so Richter, sei zwar möglich, aber nur ohne sich auf die geistige Tradition des Romantikers beziehen zu können. Als „Kuckuckseier“ bezeichnet Richter demnach jene romantisierenden Bilder, denen in der Ausstellung ein ganzer Raum gewidmet ist. Ein weiterer Raum betont die Wichtigkeit von Richters abstrahierten und abstrakten Landschaften für die Entwicklung seiner Malerei.

Für dieses Kapitel der Schau haben zahlreiche Bilder – unter anderem das monumentale, 6,8 Meter breite Gemälde „St. Gallen“ – erstmals ihre öffentlichen und privaten Sammlungen verlassen. Konstruierte und manipulierte Landschaften – wie etwa Richters Seestücke, für die er oftmals die fotografischen Vorlagen von Wasser- und Himmelsfläche autonom und keinesfalls „wirklichkeitsgetreu“ wie eine Collage zusammensetzt – bilden einen weiteren Höhepunkt. Zahlreiche überarbeitete Landschaften stehen am Ende der Ausstellung: übermalte Fotografien, die der Künstler größtenteils selbst als Leihgabe für die Ausstellung zur Verfügung gestellt hat, sowie Landschaftsgemälde, deren Realismus Richter mit abstrakten Farbstrukturen relativiert.

Abstrakte Farbstrukturen: Gerhard Richter: Venedig, 1986
. Museum Frieder Burda, Baden-Baden © Gerhard Richter 2020

„Gerhard Richter: Landschaft“ bietet vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen zur Klimakrise die Möglichkeit zur kontemplativen Auseinandersetzung mit „Natur“. Entstanden in enger Zusammenarbeit mit dem Atelier Gerhard Richter in Köln, ermöglicht die Ausstellung eine Begegnung mit Schlüsselwerken des Künstlers und erstmals einen retrospektiven Blick auf ein Genre, das Richter 1981 wie folgt beschrieb: „Wenn die ,Abstrakten Bilder‘ meine Realität zeigen, dann zeigen die Landschaften oder Stillleben meine Sehnsucht … weiter: www.mottingers-meinung.at/?p=41641           www.kunstforumwien.at

11. 1. 2021

sirene Operntheater online: Die Verwechslung

Januar 5, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Pauken und Trompeten über die Berliner Mauer

Kaffee-und-Kuchen-Tristesse bei Dauters: Johannes Czernin als Gustav, Ingrid Haselberger als Oma, Günther Strahlegger als Vater, Katrin Targo als Tante Ilse. Bild: © Kristine Tornquist

Mit keiner geringeren Idee als „Die Verbesserung der Welt“ waren Kristine Tornquist und Jury Everhartz im Herbst angetreten, um das interessierte Publikum mit ihrem Neuen Musiktheater zu erfreuen. Da jedoch das siebenteilige Kammeropern- festival entlang der christlichen Werke der Barmherzigkeit #Corona-bedingt nicht auf der Bühne beendet werden konnte, hat sich das sirene Operntheater entschlossen,

dessen letzten Teil zu verfilmen und ab sofort als kostenlosen Stream anzubieten. Nach unter anderem Zusammenarbeiten von Antonio Fian und Matthias Kranebitters „Black Page“, Thomas Arzt und Dieter Kaufmann oder Martin Horváth und PHACE, widmen sich Autorin Helga Utz und Komponist Thomas Cornelius Desi nun Kirchenvater Lactanius‘ Punkt sieben nach der Endzeitrede Jesu, Gefangene vom Feind loskaufen. „Die zunehmende verbale und ethische Verwahrlosung des Diskurses, die Verhärtung gegen jene, denen es schlechter geht, und das Gefühl, mit Europa und der Welt gehe es unaufhörlich bergab, hat uns dazu inspiriert, ja fast gedrängt, dem etwas Positives entgegenzusetzen“, so Everhartz und Tornquist.

Die auch die Verfilmung der Wien-Modern-Kooperation übernommen hat. „Die Verwechslung“ heißt das Werk, das die Zuschauerin, den Zuschauer in die DDR des Jahres 1981 versetzt, 1981 das Datum, zu dem der 24-jährige Bürgerrechtler Matthias Domaschk in der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Gera unter bis heute ungeklärten Umständen stirbt, und zu dem an Stasi-Hauptmann Werner Teske wegen Vorbereitung seiner Flucht in den Westen das letzte Todesurteil der DDR-Justiz vollstreckt wird.

„please release me ostseefisch“: Johannes Czernin als Gustav. Bild: © Kristine Tornquist

Gustav hat sich die Freiheit auf die Fahnen geheftet: Johannes Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Das Geheimnis um Hedwig hat Vater alles gekostet: Günther Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Das belauschte Gebet: Günther Strahlegger und Katrin Targo. Bild: © Kristine Tornquist

All das mag Helga Utz beim Schreiben im Hinterkopf gehabt haben. Kristine Tornquist zeigt in Raum und Requisiten von Markus und Michael Liszt, Kostüm und Maske: Katharina Kappert und Isabella Gajcic, die Kaffee-und-Kuchen-Tristesse der Familie Dauter. Dauter, das klingt nach doubter, und solche hat’s hier zwei: den Vater und seinen Sohn Gustav, Günther Strahlegger und Johannes Czernin. Ingrid Haselberger ist dessen verwirrt-verängstigte Oma und Katrin Targo die kadertreue Tante Ilse.

Schon heben sie an, die Streitgesänge um Staats(zuge)hörigkeit, Revolutionär Gustavs Haare nach der jüngsten „Außenseiter“-Mode so Puhdys-lang, dass er die Parteiparolen nicht hören kann, bis der Vater ein (Ohn-)machtwort spricht. Hedwig, wird man später erfahren, ist das Geheimnis, das Vater alles gekostet hat, die Ehefrau, die „rübermachte“. Die Streicher des œnm . œsterreichisches ensemble fuer neue musik unter der Leitung von François-Pierre Descamps unterstreichen das düstere Szenario, und werden auch Omas Konfusion wie ein Bienenschwarm umschwirren.

Chaos, Kakophonie, das Libretto ein Familienzwist in gesungen-gestammelten, sich wiederholenden Halbsätzen, wortdeutlich!, denn der vorgeführte SED-Stimmraub ist ein stimmgewaltiger – und ein „please release me ostseefisch“ aus Gustavs Kassettenrekorder im Kinderzimmer. Wo er sich eine „Freiheit“ auf die Fahnen heftet, für die er verhaftet und unter Schreibmaschintippen und Handschellenklirren verhört wird. Gefängnis, Folter, drei Tage nackt im winterkalten Haftanstaltshof, das hat das Regime perfekt von der Vorgängerdiktatur gelernt. Sie habe Faschisten, Rote Armee, Flucht im Schnee überlebt, singt die Oma und macht sich, während Ilse fürchet, „Gustav wird uns alle mit in die Tiefe ziehen“, auf die Suche nach dem im System verschollenen Enkel.

Indoktrinationstelefonat: Haselberger und Targo. Bild: © Kristine Tornquist

Czernin, Haselberger und Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Köfferchen gepackt: Strahlegger und Haselberger. Bild: © Kristine Tornquist

„Die Verwechslung“ beweist sich als Parabel über gleichgeschaltete Gesellschaften, über Message Control und Meinungsmainstream. Filmisch ist das vom Feinsten umgesetzt, mittels welchen Mediums sonst könnten Solistinnen und Solisten in Gedanken singen? Tornquist besorgt mit Überblendungen Rückblicke und Schauplatzwechsel im Stakkato, die verliebt-verträumte Jung-Ilse im roten Kleid, nun Arm in Arm mit NVA-Mann Knut, ein übler Bursche, wie Oma weiß, während das Publikum ihn beim Flirten mit Ilse sieht.

Es sind derlei Einfälle, die die sirene-Produktion besonders machen. Verwanzte Festnetztelefonate, die Ilse offenbar steuern, frei nach Nestroy: die beste Nation ist die Indoktrination, der Vater unter West-Spitzel-Verdacht, sein Gebet, Du sollst keinen Gott nehmen Erich Honecker haben …, von Ilse belauscht, ein musikalisch lyrischer Moment, seine Sünde die Mehrzimmerwohnung. Das Liszt’sche Labyrinth aus Räumen, durch das die Protagonistinnen und Protagonisten gleich Versuchstieren irren, wird vom Kamera-Auge aus immer wieder ungewöhnlichsten Big-Brother-Winkeln eingefangen.

Nicht zuletzt dank „Knut“ Gebhard Heegmann, Kari Rakkola und Bärbel Strehlau als bösartigem Beamtenapparat ist „Die Verwechslung“ eine hochdramatische Arbeit, in die das gesanglich naturgemäß exzellente Ensemble auch darstellerisch sein ganzes Herzblut fließen lässt. Der Titel des Werks entschlüsselt sich zum Schluss, Gustav wird auf die Krankenstation des Gefängnisses verlegt, wo ihm Krankenschwester Pauline, Marelize Gerber als Schutzengel in Weiß, zur Identität eines eben verstorbenen Insassen verhilft.

Stasi-Verhör: Kari Rakkola, Gebhard Heegmann, Bärbel Strehlau und Johannes Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Vaters Anklage: Katrin Targo, Ingrid Haselberger und Günther Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Stasi-Folter: Kari Rakkola und Johannes Czernin „im winterkalten Hof“. Bild: © Kristine Tornquist

Auf der Krankenstation: Rakkola, Heegmann, Marelize Gerber und Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Dieser war Sohn eines „OFS in der AKG der HA IX“, heißt: eines Offiziers für Sonderaufgaben in der Auswertungs- und Kontrollgruppe der Hauptabteilung IX des Ministeriums für Staatssicherheit, verblüffend, was Helga Utz so alles recherchiert hat, und so kommt Gustav nicht nur mit einem blauen Auge ist gleich gebrochenen Rippen davon. Gustav soll sogar, begleitet vom freilich ebenso wie er falschem Vater, im Westen behandelt werden, die Puschkinallee 28 wird das regeln, „Die Verwechslung“ sein Leben retten.

Der Mensch im Arbeiter- und Bauernstaat ist längst nur noch Aktenzeichen, da fällt sowas nicht weiter auf. Mit Pauken und Trompeten, also zwei Schlagwerkern und Flötentönen, geht’s für Gustav und Vater freudetanzend über den DDR-„Schutzwall“. Vater, der sich nun Herwig nennt, und den damit nur noch ein Buchstabe von seiner Frau trennt. Und die Moral von der Geschicht‘: Mag es auch immer und überall Menschen geben, die „gleicher“ sind (© George Orwell), Grenzen können überwunden werden, Mauern stürzen ein. Nur Mut! Mut!

www.sirene.at/video/verbesserung-der-welt-7-die-verwechslung          www.sirene.at           www.wienmodern.at

  1. 1. 2021

Burgtheater online live: Die Maschine in mir (Version 1.0)

Januar 3, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Glück wird’s nicht Maertens Last Tape gewesen sein

Michael Maertens als Mark O’Connell mit Tim Cannons Unterarm-Implantat. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Wie man sich online und dennoch live ein Theater machen kann, haben bis dato Nesterval mit ihren Kreisky-Performances (Rezensionen: www.mottingers-meinung.at/?p=42764, www.mottingers-meinung.at/?p=39561) deutlich gemacht. Nun ist das Burgtheater dran, das im Kasino Michael Maertens auf die Bretter schickt, mit der Produktion „Die Maschine in mir (Version 1.0)“ des britisch-irischen Regie-Duos Dead Centre aka Ben Kidd und Bush Moukarzel.

Das mit dem „Auf die Bretter Schicken“ ist durchaus ein Bonmot betreffs des gezeigten Projekts. Auf niemand Geringeren als Shakespeare berufen sich Dead Centre im Gespräch, der Dänenprinz II.2: „Thine evermore most dear lady, whilst / this machine is to him, Hamlet“, ein Brief an Ophelia, eine Metapher des Menschen/-herz als Maschine.

Die sich Heiner Müller für sein Intellektstück zu eigen gemacht hat, und darum geht‘s auch hier: Intellekt vs Intelligenz vs Künstliche Intelligenz. Michael Maertens, nein, er tritt nicht auf, er erscheint auf dem Bildschirm. Ein „Hallo! Schön, dass sie da sind“ ans Publikum, ein „Es ist alles andere als ideal, wie wir uns hier begegnen“. Und ab geht es in die Untiefen des Live-Streamings, dieser Light-Variante des interaktiven Theaters, war doch die/der angemeldete Zuschauerin/Zuschauer vorab veranlasst, drei kurze Videos von sich aufzunehmen, drei Mal 30 Sekunden so tun als ob, dies der Inbegriff des Theaters, nun sieht man sich als eines der Gesichter auf einem der 100 iPads, mit denen Maertens „interagiert“.

Letzte Reihe? Frechheit! Da kann sich das Pressebüro warm anziehen! Ach was, es ist ja einerlei, vorm heimischen Bildschirm sitzt man sowieso erste Reihe fußfrei … Was die kommenden 50 Minuten leider nicht verhandelt, da kann einem der Maertens noch so treuherzig-tief in die Augen schauen, sondern lediglich zu diesem vorgetragen wird, ist das Thema Transhumanismus. „Man hört oft, dass das Theater ein sterbendes Medium sei und ich glaube, das stimmt auch – es ist das Sterbe-Medium, ein Ort, an dem wir gemeinsam in Echtzeit sterben“, sagt Maertens und freut sich darauf, dies die kommende Dreiviertelstunde via #Covid-Connection gemeinsam zu tun.

Der Sinn des Lebens, der Sinn des Todes, der Sinn dieses Abends? Dead Centre haben Mark O’Connells Bestseller „Unsterblich sein“ hergenommen, für den der Dubliner Autor das Uncanny Valley bereiste, um mit Tech-Millionären und angehenden Cyborgs die Digital Future dessen zu besprechen, was derzeit noch Fleisch und Dysfunktionalität ist. Dead Centres Denkansatz versteht sich, die Pandemie hat ein Körperproblem, genau genommen ist dieser mittlerweile Biohazard. Warum also keine Version 1.0 von sich hochladen? Mit einer Maschine verschmelzen, der Geist ohne den vor sich hin verrottenden Körper.

Wer Hörgerät oder Herzschrittmacher hat, sagt Maertens, sei ohnedies auf dem besten Weg zur Bionik-Person. Eingespieltes Gelächter im Kasino, weil wir ein solches schließlich aufgezeichnet haben. Wir sind die Roboter, daraus hätte sich eine Menge machen lassen, wird es aber nicht. „Die Maschine in mir (Version 1.0)“ ist Vortrag, nicht Vorspiel einer gar nicht so weit entfernten Zukunft. Ein Erklärstück. Frontalunterricht. Michael Maertens ist sein Ich-Selbst und zeitgleich Mark O’Connells Alter Ego, der per Tablet milde auf seinen Darsteller blickt. So viel zur virtuellen und zur realen Existenz, und tatsächlich ist dies der spannendste und spaßigste Teil der Aufführung:

Bild: Marcella Ruiz Cruz

Bild: Marcella Ruiz Cruz

Maertens im Zwiegespräch mit O’Connell, der sein Mängel-Wesen über den ihn verkörpernden Schauspieler upgraden will. Jedoch: Christoph Waltz und Michael Fassbender, dieser als „Alien“-David sogar Androiden-kundig, blieben unerreichbar, also schlug das Burgtheater einen anderen Michael vor. „Scheiße, wer soll das denn sein?“, fragten sich beide Beteiligte über den jeweils anderen, bis einen „Bibi und Tina“-Exkurs später die Sache klar war. Der Charakterprofiler wird keine Figur hochladen, kein „O’Connell“ werden und sich in diesem Prozess verlieren.

Darüber hätte sich Diskurs gelohnt. Avatare, Humanoide, Hybride, Anthropomorphismus. Stattdessen wird die Liste all derer abgearbeitet, die der Autor bei seinen Recherchen getroffen hat. Tim Cannon, selbsternannter Cyborg und Kämpfer gegen körperliche Imperfektion – mittels Implantate, die er sich unter die Haut näht, beispielsweise eines, das seine Temperatur misst und nach dieser die Heizung reguliert. Maertens rezitiert Yeats‘ „Sailing to Byzantium“:Once out of nature I shall never take / My bodily form from any natural thing, / But such a form as Grecian goldsmiths make / Of hammered gold and gold enameling …“

Zum Gilgamesh-Epos wird er auch noch kommen, und zu Google-Mastermind Ray Kurzweils Whole Brain Emulation, der Kopf längst in den Datenclouds – Mindfiling machen wir schließlich bereits täglich in den Social Media. Sich schon mal selbst gegoogelt? Ist man, wer man meint? Fragt Maertens, allein in einem Theatersaal voller Technik, das Lockdown-stille Publikum. Sind Sie noch da? Sie könnten alle eingeschlafen sein! Auch dazu hat man ein Video gemacht. O‘Connells plärrendes Baby will Maertens nun „ausmachen“, der Bildschirm fällt und kriegt einen Sprung, daheim der Kater ob des unerwarteten Lärms einen Schreck.

Mit O’Connell (re.). Bild: Marcella Ruiz Cruz

Bild: Marcella Ruiz Cruz

Ein Live-Chat, seitlich rechts, wird eingeschaltet. Zur Absicherung vor der Einsamkeit. Zum Turing-Test. Keine Bange, wir sind echt, wir antworten menschlich auf Erkundigungen nach unserem Ende, freie Vorstellungskraft und schwache Rechenkünste, und Arcade Fire singen den Selbstabschaffungssong „My Body Is A Cage“. Beim Futuristen und Alcor-Boss Max More werden jetzt schon Körper kyrogenisiert, heißt: tiefgefroren, die Köpfe davor abgetrennt, Geistes-Gespenster im Sci-Fi-Limbus, 181 „Patienten“, die auf die Auferstehung in einer Brave New World warten. „Jesus!“, wie die Amerikaner nun ausrufen würden. Ein bisschen muss man an den eigenen, auf dem Tablet servierten Kopf denken.

Und apropos, Johannes und Salome: Es ist eine biblische Sünde, dass Dead Centre Michael Maertens nun erklären lassen, nur Männer hätten diesen Tick vom ewigen Leben. Martine und Bina Rothblatt und ihre Theorie der Transferred Consciousness, Natasha Vita-More von der technospirituellen Organisation Humanity+, Nadia Magnenat Thalmann von der Nanyang Technological University Singapur, Ayanna Howard von der Georgia Tech University, schon einmal von diesen Frauen gehört?

Auf Metaebene kann keiner applaudieren. Der so ambitioniert wie verloren wirkende Maertens wischt sich, in dieser Versuchsanordnung seines Spielvermögens beraubt, durch die Chat-Nachrichten. Maertens, der im Geflimmer um ihn stets die Contenance wahrt. Maertens, den auf seinem Parforceritt durch Futureland aber auch die Zweifel quälen, „ob er nicht schon zu viel gespielt habe“, und ist es doppelbödig bei dieser Art der Präsentation trotz aller Uhrzeit-Ansagen Zweifel an einer wie-auch-immer „Echtheit“ des Ganzen anzumerken?

Was einen an der zwischen philosophischer Reflexion und kritischer Auseinandersetzung unschlüssigen „Maschine in mir“ am meisten auffällt, ist das, was fehlt: Ein Theaterabend unplugged. Ein Schauspieler, eine Schauspielerin, Figuren, die leben, weil sie Wirkung erzeugen. Keine Daten-Sätze, ein Humanismus ohne Trans-, Geisteswesen samt Körper, ein Charakterdarsteller-Dasein. Das ist der Code. Das ist der beste „Technotrick“ der Bühne. Bis ein solcher wieder möglich ist, gilt es Quarantäne-Streams wie „Die Maschine in mir (Version 1.0)“ ihren Achtungserfolg für Innovation zu gönnen. Dies wird nicht Maertens Last Tape gewesen sein, so ist mit Leib und Seele zu wünschen.

Teaser: vimeo.com/494125633           www.youtube.com/watch?v=-GaD-Fqs5G4           Dead Centre im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=HP5PmE0qVGU           www.deadcentre.org           www.burgtheater.at

TIPPS: Maria Arlamovsky: Robolove            Technisches Museum Wien: Künstliche Intelligenz?

  1. 1. 2021

MuTh online: Neues Wiener Krippenspiel

Dezember 16, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Julian Loidl erzählt von der Geburt Jesu Christi

Bild: © Moritz Schell

Niemand muss heuer auf die beliebte Inszenierung der Weihnachtsgeschichte verzichten. Das „Neue Wiener Krippenspiel“ entfaltet auch im Streaming seinen Zauber dank einer früheren Aufzeichnung. Ein Schauspieler macht sich auf den Weg, um Weihnachten zu entdecken. Begegnungen mit Maria, Josef und den Hirten öffnen ihm die Augen für das, was die Bibel-Erzählung rund um Jesu Geburt erzählen will. Bis er das Kind in der Krippe persönlich antrifft.

In der Regie von Otto Jankovich schlüpft Julian Loidl als Erzähler in unterschiedliche Rollen. Dabei gelingt es ihm immer wieder, zu überraschen und zu berühren. An seiner Seite spielen das Musiker-Duo SainMus, Clemens Sainitzer und Philipp Erasmus, und liebevolle Animationsfiguren von Mart The Dart, Ralf Ricker & Paul Gößeringer, die mit dem Schauspieler und den Musikern kommunizieren. Das Neue Wiener Krippenspiel – ein poetisches, multimediales Erlebnis für Jung und Alt. Die Aufzeichnung des Krippenspiels steht von 19. Dezember bis 26. Dezember als Video-Stream zur Verfügung.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=jzYy2S9CD2A           www.muth.at

16. 12. 2020

Bild: © Moritz Schell

Bild: © Moritz Schell

Bild: © Moritz Schell

 

Theater Nestroyhof Hamakom online: Alles ist. Hin?

Dezember 12, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Per Patschenkino in die Pestgruam

Gustav Ernst, Alicia Edelweiss, Peter Ahorner und Karl Stirner, Voodoo Jürgens und Miroslava Svolikova. Film-Still „Alles ist. Hin?“, Theater Nestroyhof Hamakom, 2020 © Marianne Andrea Borowiec

„Jeder Tag war ein Fest / Und was jetzt? Pest, die Pest!“ Die Ballade vom lieben Augustin ist so stadtbekannt wie ihr Musikant. Derart reimt Voodoo Jürgens als sichtlich illuminierter Gast- geber, der das geschätzte (nun statt Theater- eben) Filmpublikum ins Hamakom geleitet. Durchs verhängte Foyer in Sam’s Bar, wo die Stimmung nicht grad auf dem Siedepunkt ist.

Punkto Schnapsleichen hat’s schon zwei auf der Bühne hingestreckt, Peter Ahorner und Karl Stirner, Alicia Edelweiss dreht sich mit ihrem Akkordeon leise im Kreise, Miroslava Svolikova sinnt vor sich hin und Gustav Ernst versucht sich Einen umzuhängen. Die Bänkelsänger-Batterien sind so leer wie die Flaschen ringsumher. Aber das ändert sich in der Minute.

Weil: Hochverehrte Anwesende!, liebe Festversammlung! das Spiel nun beginnen kann. Im Theater Nestroyhof Hamakom hat man aus der Not eine – angesichts des Protagonisten muss man wohl sagen – Untugend gemacht, und die Premiere von „Alles ist. Hin?“ im Rahmen des Dezembertraditions-

Programms „Sam’s Bar“ zum Patschenkino rund um den lieben Augustin umgestaltet. Marx Augustin, so ein sich hartnäckig haltender Wiener Mythos, schlief während der letzten großen Pestepidemie im 17. Jahrhundert in der Gosse ein, nachdem er sich in einem Lokal betrunken hatte. In der Nacht wurde Augustin von den Siech-Knechten der Stadt für tot befunden und in eine Pestgrube geworfen. Oder stolperte er selbst hinein?

Die Erzählungen variieren. In jedem Fall erwachte der Dudelsackspieler und Stegreifdichter am nächsten Tag und krakeelte so lange, bis man ihn aus seiner misslichen Lage befreite. Und verkatert, aber sonst guter Dinge schrieb er seinen Hit darüber, auch in Zeiten der allergrößten Not nicht den Humor zu verlieren. In mannigfaltigen Gestalten und in der Regie von Hannes Starz, Marianne Andrea Borowiec und Patrick Rothkegel lassen die Singer-Songwriter, Autorinnen und Autoren, Musikerinnen und Musiker den Augustin nun hochleben.

Alicia Edelweiss. Filmstill: © Marianne Andrea Borowiec

Gustav Ernst. Filmstill: © Marianne Andrea Borowiec

Voodoo Jürgens. Filmstill: © Marianne Andrea Borowiec

Miroslava Svolikova. Filmstill: © Marianne Andrea Borowiec

Das heißt, es wär‘ nicht das gute alte Wiener Leid im Wienerlied, müsste man nicht auch ein bisschen „sudern und sempern beim Pudern und Pempern“. Der Tod ist zweifelsfrei ein Wiener, aber die gepflegte Tristesse allemal eine Wienerin – und so erzählt Gustav Ernst vom Todesübungstheater des Franz‘, ein „Tollhaus“ ist das übrigens, in dem der scharfzüngige Nachfahre der Wiener Volkskomödienschreiber seinen einen von „Zwei Herren“ sagen lässt: „Wissen Sie, was Kultur ist? Wenn einer allein im Keller sitzt, im Finstern, und sich trotzdem die Hand vorhält beim Gähnen.“

Noch mag zwar nicht „Midnight“ sein, doch der Franz stirbt bereits den Unterhaltungstod. Die Slimfitten und die Mentalsheriffs mit ihren #Corona-Spürhunden, kein Scherz, den ersten bildet das Bundesheer dieser Tage aus, sind an allem schuld, befindet ernst Ernsts Augustin: „Man darf den Tod nicht zur Ruhe kommen lassen, damit er nicht nachkommt und keine Kraft mehr zum Umbringen hat“, ist seine Volksweisheit, denn erst: „Wenn ollas hin ist, lauf‘ ich zu vollem Leben auf!“

Voodoo Jürgens und Gustav Ernst. Filmstill: © Marianne Andrea Borowiec

So entpuppt sich der Abend als Perpetuum mobile des Morbiden, gottvoll möchte man ihn nennen, während die Edelweiss einen Valse macabre intoniert. Doch darf man das nicht, weil Ernst eben erläutert: Gott = Herr, gegendert: Herrin, also Domina. Da erwacht aufs Stichwort die unscheene Alk-Leich’ Peter Ahorner und Karl Stirner zum untoten Leben. Der Satiriker und der Zitherspieler bekanntlich „ein Herz und eine Kehle“, zwei ausgschamte Diener, die in den Endzeitgewölben des Hamakom Hochgeistiges servieren.

Ả la „Es geht ma guat, solang mei Fleischhauer und des Waffngschäft offen haben“ wird über die tiefe Bedeutung von Bradlfettn und Grundfettn diskutiert, werden die Cluster-Gfrasta ausstalliert, wird „Virologie im Dezember“, der große Hit der Bambis, oder war er von Vico Torriani und hieß ganz anders?, angestimmt. Dazu Voodoo Jürgens, der mit Rauschgeschwindigkeit zwischen dem Billardspiel mit Gustav Ernst und dem unwohltemperierten Klavier wechselt. Ein Glühbirnenballett – und Miroslava Svolikovas Ruf an die Freunde im Fegefeuer: „O du lieber Augustin / mir fehlt noch ein Reim da drin!“

„Mein Leben und ich“, sagt sie, „sind eine Amour fou, und die Fröhlichkeit ist unsere Impfung.“ Nach zwei, drei Gläsern im Verein mit den Künstlerinnen und Künstlern fühlt man sich vorm Bildschirm fast schon wie der/die Regierungsbeauftragte für Hygiene und Moral, zu Gustav Ernst zorniger Stimme mischen sich die Sätze der Svolikova, beschwörend wispernd, und Augustins Haberer Voodoo Jürgens lädt zum Ringelreihen. Zum Schluss der Coverboy von Ottakring: „Aufblattlt hot’s es, olle miatanaunda, von Peter Alexander bis Wanda, ans Glander hob I’s olle gspüt, I wor da Burner von Wien. Und heit nix, kane Gigs, Auftrittsverbot …“ Alles ist. Hin? – na, im Hamakom zum Glück nicht!

Zu sehen bis 18. Dezember. Das ganze Programm in Sam’s Bar: www.mottingers-meinung.at/?p=42703 www.hamakom.at

  1. 12. 2020