WUK: On The Edge #9 – experimentelle Zirkuskunst

November 3, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Männer in Pferdegeschirren und Omas in luftigen Höhen

Un loup pour l’homme: Cuir. Bild: © Edouard Barra

Wer heutzutage Zirkus sehen will, findet sich nicht mehr zwangsläufig in einem Zelt zwischen Tieren, Popcorn und Wohnwagen wieder. Die zeitgenössischen Formen des Zirkus sind mittlerweile international und – insbesondere europaweit – bestens etabliert. Und so zeigt das WUK von 5. bis 13. November das Festival für experimentelle Zirkuskunst „On The Edge #9“. Das Festival öffnet einen Raum für Zirkuskunst, die sich an der Schnittstelle zu Performance

und Bildender Kunst bewegt. „On The Edge“ zeigt Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die die eigene Praxis abstrahieren oder dekonstruieren und den Raum, die experimentelle Ausdrucksform oder die Rolle des Publikums neu denken. Das Festival fördert mutige künstlerische und politische Positionen und einen reflektierten Umgang mit Genderrollen auf der Bühne.

„On The Edge #9“ wird von den Residenz-Künstlerinnen und -künstlern eröffnet: Vier Artistinnen und Artisten aus Österreich, Deutschland, Luxemburg und der Schweiz wurden im Rahmen des circus re:searched Programms eingeladen ihre aktuellen Projekte und Forschungen während zwei-wöchigen Studio-Residenzen zu vertiefen oder bestehende Arbeiten zu präsentieren. Nachwuchskünstlerinnen und -künstler treffen auf etablierte Zirkusschaffende und frische Experimente auf bereits bestehende Stücke. Die Performances von Anne Kugener und Julian Vogel beschäftigen sich beide mit der Schnittstelle von Zirkus und Bildender Kunst – von Vogel ist auch die Installation „China Series #11“ zu sehen. Das Duo Maja Karolina Franke und Ralph Öllinger untersucht das Geschlechterverhältnis und die Rollenverteilung in der partnerakrobatischen Praxis.

Hier schließt auch die Künstlerin Kathrin Wagner an, die ihre Rolle und Erfahrungen als Frau und Performerin in der Zirkuswelt reflektiert. Aus persönlichen Erfahrungen mit Sexismus und Berichten anderer Performerinnen entstand das Slam-Gedicht „I was told“, das zusammen mit dem Text „Love Letter to myself“ Ausgangspunkt für die aktuelle Kreation ist. Nachdem Jonglage und Poetry Slam von der Künstlerin als separate Disziplinen erlernt wurden, entstand der Drang, eine tiefere Verbindung zu schaffen. In der Kombination aus gesprochener Sprache und Jonglage bereichern sich nun beide gegenseitig und verändern die Wahrnehmung des Publikums auf die einzelnen Genres.

I was told. Bild: © Jan Ole Laugesen

Grand Mère. Bild: © Alexandre Fray

Anne Kugener. Bild: © Natali Glisic

„In the maze of your perception, I resonate …“ von Tänzerin Elena Lydia Kreusch und Straßenkünstler Andrea Salustri ist eine interdisziplinäre Rauminstallation: Kleine Publikumsgruppen können sie gemeinsam begehen und Klanginstallationen, Videokunst und interaktive Skulpturen eigenständig erkunden. Die präsentierte Auswahl ist Teil eines langfristigen Forschungsprojekts, im Rahmen dessen das Duo mit alternativen und nicht-performativen Formaten für zeitgenössischen Zirkus experimentierte. Zirkuskörper und -disziplinen werden dekonstruiert und Zirkusgesten und -objekte werden in einen neuen Kontext gesetzt. Die Infragestellung etablierter Blickwinkel eröffnet neue Perspektiven auf ein vertrautes Genre.

Als „Acrobalance: Extreme Symbiosis“ präsentieren das schwedische Künstlerpaar Henrik Agger und Louise von Euler Bjurholm eine intime 55-minütige dokumentarische Lecture Performance. In „Extreme Symbiosis“ geben sie dem Publikum einen Einblick in ihre Arbeit, Praxis und ihr Leben als Paarakrobaten. Indem sie die Bedeutung eines konstanten geistigen und körperlichen Trainings in ihrer Kunstform zeigen und hervorheben, hoffen sie, das Verständnis für diese Kunstform zu erweitern. „Was geschieht in der Interaktion zwischen uns, wenn wir unsere Praxis ausüben? Eine Zusammenarbeit zwischen Körper und Geist, individuellen Systemen und gemeinsamen Sinnen. Eine langjährige PartnerInnenschaft, die auf extremem Vertrauen basiert und in der Praxis täglich herausgefordert wird.”

Zwei Männer, zwei Ledergeschirre. Das ist „Cuir“ der Compagnie „Un loup pour l’homme“. Was wie ein Spiel um Dominanz und Unterwerfung aussieht, entpuppt sich als subtiles Duett, das das menschliche Verlangen nach gegenseitigem Verständnis erforscht. „Un loup pour l’homme“ benutzt die Geschirre – die normalerweise von Zugpferden getragen werden – um die Seele des Menschen zu durchpflügen und die Zerbrechlichkeit persönlicher Beziehungen aufzudecken. „Cuir“ ist eine akrobatische Tour de Force bei der die Energie in jeder Sekunde auf’s Publikum überspringt.

Der flämische Akrobat Toon Van Gramberen setzt sich seit einigen Jahren mit dem alternden Körper auseinander. Sein Vater erklärte sich bereit, ihn in einem gemeinsamen Prozess zu begleiten. Er ist sechzig Jahre alt und hat keinerlei akrobatische Vorkenntnisse. Dies war der Anfang von „Carrying my father“, einem Bühnenstück, das mittlerweile vier Akrobaten und ihre Väter involviert. Begleitend zum Kreationsprozess von „Carrying my father“ entstand die Fotoausstellung, die einen intimen Einblick in den Probenprozess gibt.

Un loup pour l’homme: Cuir. Bild: © Edouard Barra

Maja Karolina Franke und Ralph Öllinger. Bild: © Claude Hofer

Acrobalance: Extreme Symbiosis. Bild: © Arts printing house

In the maze of your perception … Bild: © Kreusch & Salustri

Wenn der alternde Körper in den Mittelpunkt der akrobatischen Forschung gestellt wird, werden die Vorstellungen von körperlicher Virtuosität notwendigerweise dekonstruiert und neu definiert. So verschieben sich zwangsläufig auch Perspektiven auf den Körper des Akrobaten und auf die gesamte Disziplin. Der Dokumentarfilm „Vaders Dragen – Carrying fathers“ zeigt den Entstehungsprozess einer Zirkusproduktion in der sich vier Akrobaten die Bühne mit ihren Vätern teilen.

Das „Projet Grand Mère“ des Akrobaten Alexandre Fray, Mitglied von „Un Loup pour l’Homme“, untersucht die Geste des Tragens im Rahmen einer Recherche mit älteren Menschen: Tragen als Symbol des „Sich Kümmerns“. Es geht Fray darum, sich Zeit zu nehmen, miteinander in Beziehung zu treten, viel zuzuhören und eine Atmosphäre zu schaffen, die Vertrauen und Verbundenheit fördert. Dies ist die Basis für die Entwicklung einer gemeinsamen körperlichen Arbeit. Ziel ist das Finden einer Intimität, die von einer großen Zartheit durchdrungen ist. Gemeinsam mit älteren Frauen, welche nie oder selten getragen wurden, hinterfragt der Akrobat die Herausforderungen einer Disziplin, die vom Horizont der Höchstleistungen oft in den Schatten gestellt wird.

Was bedeutet es, sich den Gesetzen des Gleichgewichts und der Schwerkraft zu widersetzen, wenn Gelenke rosten und Muskeln schmelzen? Wie kann man „loslassen“, wenn der Körper dies verlernt um sich selbst zu schützen? Was bedeutet Virtuosität für den alternden Körper – kann auf einem Bein stehen mit 80 Jahren dasselbe Risiko kommunizieren wie ein Rückwärtssalto? Die Foto-Ausstellung „Projet Grand Mère“ dokumentiert die besonderen Begegnungen des Akrobaten mit Frauen im Alter von „Großmüttern“ von 2016 bis heute, die den Schritt ins Leere wagen und sich in die Luft heben lassen.

Arne Mannott, Choreograf, Zirkusperformer und Kurator, beschließt die Woche mit der Videoinstallation „circus“. Dafür wurden zehn Akteurinnen und Akteure verschiedenen Alters, verschiedener Herkunft und mit verschiedenen künstlerischen Hintergründen zu ihrer Sichtweise zu Zirkus befragt. Im Fokus der Interviews steht die Frage nach dem „Was ist eigentlich Zirkus?“ – und damit auch danach, wodurch sich die Kunstform Zirkus selbst definiert und welche besonderen Merkmale dabei zustande kommen. Die Porträtierten sind alle seit Jahren oder Jahrzehnten in der Zirkuskunst tätig und treten für dieses Video in einen ganz persönlichen Dialog mit sich selbst.

Mehr Infos und alle Termine: www.wuk.at

3. 11. 2021

Orpheum Wien: Hader On Ice

September 9, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der mit dem Wolf trinkt

Spritzpistole im Anschlag. Bild: © www.lukasbeck.com

„Sie san a bissl aufgeregt, stimmt’s?“ fragt Josef Hader das Publikum im Orpheum Wien. Keine Sorge der Künstler hat alles im Griff. „Bei meiner Bühnenroutine.“ Ein erster Lacher, hat der Godfather des deutschsprachigen Kabaretts doch erst nach 17 Jahren endlich wieder ein neues Programm. Hader muss weg, „Hader On Ice“ muss raus, wobei Hader wieder Hader spielt. Einen runderneuerten, dies nicht wegen ein paar Kilo mehr, sondern – der Temperaturwechsel deutet sich schon im Titel an – die coole Sau, den Playboy in Schwarz mit tiefaufgeknöpftem Hemd und ebensolchem Selbstbewusstsein.

Vorbei die Zeiten des herumdrucksenden Kleinkünstlers, der die Zuschauerinnen und Zuschauer an seinem Wohl und Wehe teilhaben lässt, nun wird das große Wort geführt, den Tumbler voll nachhaltigem Rum On The Rocks wie an die rechte Hand getackert. Den Wiener-Konsumwahn-Flüchtling hat’s in Weinviertel verschlagen, der „Toskana Österreichs, genauso

überschätzt“, dort ist Saufen Freizeitsport, schiach die Leut‘, zersiedelt die Gegend, da fällt ein seelisch zerfledderter mehr nicht auf. Hader Josef spielt Hader, die Kunstfigur, mit einem Wolfslächeln. Damit hat’s was auf sich. Doch zuerst streut der zunehmend illuminierte seine gehässigen Fake News und Verschwörungstheorien. Ein zynischer Unsympath hat sich da im Orpheum Wien eingenistet, bewaffnet mit einer Spritzpistole als Schutz gegens heraufdämmernde Neo-Mittelalter. Boten, von Hader mittels Plastikcolt verscheucht, Seuchen, Enthauptungen gibt’s ja schon wieder, nur der Scheiterhaufen ist noch eine Mehlspeise.

Bestens gelaunt berichtet Hader von seinem Lifestyle als Endfünfziger, die junge Freundin hat ihn zwar wegen unvereinbaren Sexbiorhythmen verlassen, aber, hey, der Sportwagen ist noch da. Hader persifliert sein gutsituiertes Promi-Sein und hält seine absurde Ich-Erzählung insofern politisch, als er dem ungesunden Volksempfinden wieder mal mit Argusaugen ins Herz und aufs Maul geschaut hat. Angina Pectoris, die Enge in der Brust, ortet er denn auch als Haupttodesursache, sich selbst nicht ausgenommen. Doch als kindheits- traumatisierter Katholik – großartig die Nikolo-Anekdote, ist man schließlich selber auch aus Angst vor diesem unterm Festtagstisch gekauert – als Katholik also versteht sich Hader auf den Ablasshandel.

Den treibt er mit einem Euro für Asylwerber-Bettler Jimmy, der vorm Billa steht, und als heiterer Nigerianer ausreichend Gute-Laune-Faktor fürs Elend mitbringt. Nicht so wie die knieenden, flehenden, betenden Rumänen, die einem den ganzen Tag vergällen. Jimmy wird später zu Haders Diener avancieren, Stichwort: moderne Sklaverei: womit er die Flüchtlingsfrage geklärt wähnt: „Menschen als Eigentum – nichts ist in Österreich so gut geschützt wie Eigentum.“ Jetzt ist er aber selber erschüttert über das Niveau der Veranstaltung, der Hader.

Bild: © www.lukasbeck.com

Bild: © www.lukasbeck.com

Bild: © www.lukasbeck.com

Bild: © www.lukasbeck.com

Also zurück zum alkoholgeschwängerten Anfang, die Droge, die neben ein paar anderen den Quarantäne-Tag strukturiert hat. „Weizenbier ist ja nur ein verkleidetes Müsli“, feixt der laut Eigendefinion Gesellschaftstrinker, um sofort festzuhalten: „Menschen, I brauch’s ned so.“ Mit Seitenstich auf die Millennials und ihre Latte-Macchiato-Geschwätzigkeit, mit Blick auf Klimawandel und Alterseinsamkeit, mit einer Watschn für den Zeitungeist, mit Biss in gängige Erschlagworte: „Bevölkerungsaustausch, die Bevölkerung tauscht sich eh alle 100 Jahre aus“, pendelt der bekennende Boomer von Pontius zu Pilatus.

Ach ja, der Wolf, der hat Hader irgendwann im Wald überfallen und ist nach fünf Kilo feinstem Rindercarpaccio und einer Rum-Degustation zum steten Hausgast geworden. Gleich Jimmy Stewart stellt ihn Hader dem Publikum vor: Mein Freund Rudl! Auf den Hinterbeinen mehr als zwei Meter groß. Oder wird hier doch sowas wie Jekyll und Hyde gegeben? Hader, der Wolf im Kabarettistenpelz? Zum Ende jedenfalls setzen sich die beiden ans Klavier und singen, Hader in allerlei Höhen sentimental heulend, der Wolf mit Tom-Waits-Stimme, virtuos den Jazz-Standard „Over The Rainbow“. Irgendwo muss es sein, das Land, in dem die Himmel blau, die Menschen gut und die Träume war sind …

„Hader on Ice“ – gekonnt minimalistisch inszeniert von Regisseurin Petra Dobetsberger – ist zum richtigen Zeitpunkt aufgetaut. Sein Parforceritt durch die österreichische Seele, sein Horrortrip durch Sigmund-Freud-Gefilde, seine Reise in die geistige Provinz ist einmal mehr grandioses Theater. Mit ausladender Geste, überbordender Fantasie und den typischen Schlechter-Witz-Widerhaken mimt Hader den Las-Vegas-Entertainer (in der Pause swingt Dean Martin), dessen Show zur Schau in persönliche und politische Abgründe wird.

So sehr die Bühnenfigur Hader ein Schönreder und Doppelmoralist, so wenig ist der Josef ein Weltversteher und Zusammenhangserklärer. Was er liefert ist eine Bestandsaufnahme sozialgesellschaftlicher Scheußlichkeiten, und zwar mit heiterer Beiläufigkeit. Dass man manches bereits aus Videos, die er zu Lockdownzeiten auf Facebook gepostet hat, kennt, tut dem Live-Vergnügen keinen Abbruch. Im Gegenteil, sie sind nun im Kontext eines kompletten Programms sogar lustiger. Und ein neues, grantiges Lebensviech hat der Hader auch gefunden. Wie sagt’s der Lateiner, der Dings, der Plautus? lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit.

www.hader.at           www.orpheum.at

  1. 9. 2021

Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil

Oktober 31, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

mumok: Eine malerische Biosphäre für Mensch und Tier

Performance auf derBodenmalerei: Elise Lammer and Julie Monot, with Hugo Canoilas: Becoming Dog, 2020. Bild: Klaus Pichler. © Hugo Canoilas, Julie Monotand Elise Lamme

Ab 6. November zeigt das mumok die Schau „Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil“. Der Kapsch Contemporary Art Preisträger 2020 versetzt dazu den Ausstellungsraum in eine betretbare Bühne der Malerei: Über die gesamte Bodenfläche zieht sich auf textilem Grund ein malerisches Szenario ineinander verfließender Formen mit inselartigen Zentren. Das Blau des Grundes und die darauf gesetzten tentakulären Farbwesen aus Wolle und Glas erinnern an eine belebte maritime Landschaft von unabwägbarer Tiefe.

In Zeiten der #Corona-Krise, die das physical distancing zum neuen Überlebensprinzip erhoben hat, sieht man sich in eine unentrinnbare malerische Biosphäre einbezogen, in der Verführerisches und Bedrohliches, Organisches und Technoides zugleich aufscheinen. Eine Bühne der Kunst- und Selbsterfahrung bietet diese Bodenmalerei nicht nur für die Betrachter, sie ist auch der Auftrittsort für die von Elise Lammer und Julie Monot auf Einladung des Künstlers entwickelte Performance „Becoming Dog“, in der als Hunde verkleidete Akteure auftreten, um das hierarchische Verhältnis zwischen Mensch und Tier zu hinterfragen und neue Potenziale der Empathie zu erkunden. Menschliches und Tierisches erscheint hier wie in einer Travestie ineinander geblendet, um vorgebliche Gewissheiten über Identität und Einzigartigkeit zur Diskussion zu stellen.

Making of: Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil. Kapsch Cont. Art Prize 2020. © mumok, Bild: Klaus Pichler

Making of: Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil. Kapsch Cont. Art Prize 2020. © mumok, Bild: Klaus Pichler

Making of: Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil. Kapsch Cont. Art Prize 2020. © mumok, Bild: Klaus Pichler

Making of: Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil. Kapsch Cont. Art Prize 2020. © mumok, Bild: Klaus Pichler

Hugo Canoilas nutzt die Tradition und Geschichte der Malerei und Objektkunst, um sie in Verbindung mit installativen und performativen Strategien neu zu bestimmen und zu erweitern. Er nimmt dabei auf aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen sowie die damit verknüpften philosophischen und kunsttheoretischen Diskurse Bezug. Die Ausgangslage bilden miteinander verzahnte Themen wie die Klimakatastrophe, die Umweltzerstörung, die Migration und die sich vertiefende Kluft zwischen Arm und Reich, deren Virulenz durch #Corona eine Art pandemischen Katalysator erhält. Anknüpfungspunkte für die Auseinandersetzung mit diesen Entwicklungen und ihren Folgen findet der Künstler vor allem in jenen posthumanistischen Denkströmungen, die ein anthropozentrisch-hierarchisch erstarrtes Weltbild infrage stellen und einen einfühlsamen Umgang des Menschen mit der Natur und seiner kreatürlichen Umwelt einfordern.

Der Blick von oben auf die Malerei darunter weckt Erinnerungen an digitale Landschaftsszenarien, die wie aus der Perspektive einer Drohne aufgenommen sind. Der hier offerierte Perspektivenwechsel kann auch metaphorisch als Abweichung und Distanznahme zu eingeübten Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen im Gesellschaftlichen begriffen werden, um anders und womöglich auch näher an die Dinge heranzukommen

www.mumok.at

31. 10. 2020

The Show Must Go On! Andrew Lloyd Webber’s The Royal Albert Hall Celebration

April 30, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Glenn Close, Bonnie Tyler und Antonio Banderas

Elaine Page, Antonio Banderas, Donny Osmond und Ronan Keating von Boyzone. Bild: Andrew Lloyd Webber – The Royal Albert Hall Celebration. Courtesy the Really Useful Group

Musical-Titan Andrew Lloyd Webber bietet dieser Tage seine berühmtesten Werke auf dem Youtube-Channel „The Show Must Go On!“ als kostenlosen Stream an. Zum Wochenende je ein neues, am Karfreitag war es „Jesus Christ Superstar“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39238), gefolgt von „The Phantom of the Opera at the Royal Albert Hall“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39433) und „Love Never Dies“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39809).

Für den 1. Mai hat er sich etwas Besonderes einfallen lassen, nämlich den Mitschnitt seiner Geburtstagsparty „Andrew Lloyd Webber’s Royal Albert Hall Celebration“, der von morgen um 20 Uhr bis inklusive Sonntagabend online zu sehen sein wird. Zu hören gibt es die größten Hits aus den oben erwähnten Musicals, dazu Evita, Cats, Sunset Boulevard, Starlight Express …

Banderas & Sarah Brightman. Bild: Courtesy the R. U. Group

Glenn Close. Bild: Courtesy the Really Useful Group

Bonnie Tyler. Bild: Courtesy the Really Useful Group

Julian Lloyd Webber. Bild: Courtesy the Really Useful Group

Zu sehen gibt es jede Menge Celebrities – Sarah Brightman selbstverständlich, Hollywood-Ikone Glenn Close und sexy Tangotanz-Kollege Antonio Banderas, Rockröhre Bonnie Tyler, Operndiva Kiri Te Kanawa, die Musicalstars Elaine Page, Donny Osmond und Michael Ball, Boyzone und Ronan Keating. Es spielt The London Musicians Orchestra – und als große Überraschung für den Jubilar sein Bruder und weltberühmter Cellist Julian Lloyd Webber auf seinem „Barjansky“.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=AONIXETJ7n8

Die ganze Show: www.youtube.com/watch?v=SqKH-gLoDbQ

www.youtube.com/channel/UCdmPjhKMaXNNeCr1FjuMvag          www.andrewlloydwebber.com            www.royalalberthall.com                    www.reallyuseful.com

30. 4. 2020

The Show Must Go On! Love Never Dies online

April 26, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine phänomenale Phantom-Fortsetzung

Ben Lewis und Anna O’Byrne. Bild: © Universal Pictures

Musical-Titan Andrew Lloyd Webber bietet dieser Tage seine berühmtesten Werke auf dem Youtube-Channel „The Show Must Go On!“ als kostenlosen Stream an. Zum Wochenende je ein neues; vergangenen Freitag war es „The Phantom of the Opera at the Royal Albert Hall“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39433), nun folgte dessen Fortsetzung „Love Never Dies“ aus dem Jahr 2012 und dem Regent Theatre im australischen Melbourne, das noch bis inklusive Sonntagabend online ausgestrahlt wird.

Das Jahr ist 1907, der Ort Coney Island, wo das Phantom als mysteriöser Mister Y einen Vergnügungspark namens „Phantasma“ betreibt. Bei ihm sind Madame Giry und ihre Tochter Meg, zweitere nun zum Tingeltangelstar avanciert, und Andrew Lloyd Webber führt seinen Protagonisten mit „’Til I Hear You Sing“

ein, der genialische Untergrund-Komponist immer noch der musikalischen Avantgarde verpflichtet, doch ohne seine nach wie vor heißgeliebte Christine bar jeder Stimme dafür. Und apropos, Liebe & Stimme: Wirklich warm wird man anfangs nicht mit dem Phantom von Ben Lewis, Ramin-Karimloo-verwöhnt erscheint einem Lewis Tenor erst zu hoch bei zu wenig Timbre. Doch der erste Eindruck täuscht, Ben Lewis wächst, je dramatischer der Plot, desto mehr in die Rolle – sein Spiel und sein Gesang steigern sich zu einer emotionalen Intensität, die nicht nur eingefleischten „Phans“ die Freudentränen in die Augen treiben wird.

Optisch ist die Inszenierung von Simon Phillips, hier von Brett Sullivan auf Film gebannt, atemberaubend. Designerin Gabriela Tylesova hat einen großartig gothic-grotesken Jahrmarkt auf die Bühne gestellt, ein Theater-auf-dem-Theater, das sich wie Meg im „Bathing Beauty“-Song um immer neue Schichten entblättert, das Highlight ein spektakuläres Kuriositätenkabinett voll lebender Kreaturen, die in den Katakomben, nicht unter der hehren Pariser Oper, sondern des halbseidenen Brooklyner Amüsierviertels hausen.

Ben Lewis. Bild: © Universal Pictures

Das Phantasma des Mister Y. Bild: © Universal Pictures

Sharon Millerchip als Meg Giry. Bild: © Universal Pictures

Maria Mercedes als Madame Giry. Bild: © Universal Pictures

Anna O’Byrne und Ben Lewis. Bild: © Universal Pictures

Anna O’Byrne und Ben Lewis. Bild: © Universal Pictures

Mit hohem Tempo fährt die Kamera in diesen Monsterball der skurrilen Spukgestalten, Gaukler und Jongleure, mitten drin der große Bruder des Tschinellen-Affen, strotzt doch die ganze Produktion vor „Phantom“-Zitaten, vor allem auch musikalisch, die begnadeten Buffi Paul Tabone, Dean Vince und die kleinwüchsige Sängerin-Schauspielerin-Zirkusartistin Emma J. Hawkins als Conférencier-Trio – und die hinreißend das Tanzbein schwingende Sharon Millerchip als schwer ins Phantom verschautes und um dessen Aufmerksamkeit für ihre Kunst buhlendes „Ohlàlà -Girl“ Meg, Millerchip, die sich mit Lolita-Charme gegen die Kraft der Hauptstory ins Geschehen stemmt.

Da platzt ins Beinah-Idyll die Nachricht, Christine Daaé, nunmehr verheiratete Vicomtesse de Chagny und eine der berühmtesten Operndiven der Welt, komme nach New York, um für Oscar Hammerstein das neuerrichtete Manhattan Opera Hause zu eröffnen. Eine Zeitungsnotiz, die den Zorn der düsteren Schutzpatronin Madame Giry erregt, Maria Mercedes ganz Schmerzensfrau mit Kranzfrisur-Dornenkrone, die beim rächenden Gott schwört, zu viel für das von ihr vor Mob und Flammen gerettete Phantom geopfert zu haben, um den Mann noch einmal den Krallen der Teufelin Christine zu überlassen.

Wunderbar wundersam singt Maria Mercedes ihren Part, und wunderbar ist auch, dass Webber nicht auf einen Schurken fokussiert. Wer die wahre schwarze Krähe in „Love Never Dies“ ist, wird im Laufe der Handlung noch enttarnt … Alldieweil steigt Christine im Hafen vom Schiff, Anna O’Byrne mit Simon Gleeson als Raoul und dem hochtalentierten Jack Lyall als Sohn Gustave. Raoul ist mit den Jahren nicht sympathischer geworden, sondern ein besitzergreifender Spieler, selbstgerecht und dem Whiskey zugeneigt, der Christines Gage an den internationalen Roulette-Tischen verliert.

Zu Donnerschlägen und „Angel of Music“-Anklängen entführt ebendieser seine ehemalige Muse, halb zog er sie, halb sank sie hin, in seine Arme nämlich, Christine scheint längst bereut zu haben, dass sie gutes Aussehen vor Genie den Vorzug gab. Es folgt mit „Beneath a Moonless Sky“ logischerweise ein Liebesduett, und da das Phantom endlich seine Gummilippen losgeworden und zum Kuss bereit ist, macht man sich nach einer Stunde Spielzeit ernsthafte Happy-End-Hoffnungen.

Paul Tabone und Dean Vince. Bild: © Universal Pictures

Ben Lewis mit Jack Lyall als Gustave. Bild: © Universal Pictures

Emma J. Hawkins als Fleck. Bild: © Universal Pictures

„Love Never Dies“, im Ronacher nur einmal 2012 und konzertant aufgeführt, hätte zweifellos auch in Wien das Zeug zum Klassenschlager. Mit um nichts weniger potenziellen Hits gesegnet als Teil I, besticht das Musical durch seinen sophisticated Style, der anspruchsvolle, opernhafte Arien mit bewährten Rock-Elementen des weiland „Jesus Christ Superstar“-Schöpfers verbindet, Hochdramatisches mit Unterhaltsamem, und möchte man sagen, das „Phantom“ parodiere die Kriegserklärung der Neuen Musik ans Klassische, so wird wohl diesmal der Zwist U gegen E ausgetragen.

Auch die Charaktere schillern in mehr Schattierungen als im Gut-vs-Böse-Original. Anna O’Byrnes Chistine hat das Leben das Mädchenhafte zwar nicht aus dem Antlitz, jedoch aus der Seele getrieben, ihre Existenz an der Seite Raouls ist gekennzeichnet als ständiger Balanceakt, seine Gereiztheit nicht herauszufordern. Dass O’Byrne zu ihren alabastrigen Good Lucks auch einen glockenhellen, in der Höhe sicheren Sopran mitbringt, ist ein weiteres Positivum.

Das Ereignis der Aufführung ist aber Simon Gleeson, dessen Raoul gewaltige Wandel durchläuft, vom Widerling zum Selbstzweifler, der in „Why Does She Love Me?“ von seiner eigenen Unzulänglichkeit gepeinigt wird, in Akt zwei dann ein typisch männlicher Minderwertigkeitskomplexler, der zum Man-summt-ihn-noch-tagelang-Ohrwurm „Devil Take the Hindmost“ mit dem als „Zirkusfreak“ verspotteten Phantom eine Wette um Christines Gunst eingeht – bis er zum Ende und in der Erkenntnis, dass die beiden mehr verbindet, schließlich bereit ist, sie für den Rivalen freizugeben. Das alles von Gleeson mit einer Leidenschaft und Subtilität verkörpert und gesungen, die seine unglückliche ménage à trois mit Christine und dem Phantom erst mit Elektrizität auflädt.

An anderer Stelle wiederum stellt Gleeson seinen Sinn für Sarkasmus unter Beweis, das Wiedersehensunfreudequartett „Dear Old Friend“ von Meg Giry, Madame Giry, Christine Daaé und Raoul ist diesbezüglich vom Feinsten. Den über allem schwebenden Reiz der auf Vintage getrimmten Show macht allerdings der Jubel und Trubel aus, der mit verschwenderischer Pracht längst vergangene Theatertage beschwört, ein Echo von Sentiment und Melodram, wie dereinst in der goldenen Musical-Ära eines Oscar Hammerstein II – seines Zeichens Enkel des oben erwähnten Opernimpresarios.

Simon Gleeson als Raoul. Bild: © Universal Pictures

O’Byrne, Mercedes, Gleeson. Bild: © Universal Pictures

Anna O’Byrne und Jack Lyall. Bild: © Universal Pictures

Simon Gleeson und Ben Lewis. Bild: © Universal Pictures

Simon Gleeson und Anna O’Byrne. Bild: © Universal Pictures

Anna O’Byrne. Bild: © Universal Pictures

„Love Never Dies“ treibt die Tragödie auf die Spitze. In einer Kakophonie aus Licht und Ton lassen Webber und Regisseur Phillips das Phantom und Gustave aufeinandertreffen, der Wunderknabe hat nicht nur gleich dem Phantom Musik im Kopf, die er sofort auf Klaviertasten übertragen muss, er sieht bei diesem auch „The Beauty Underneath“, allein dieses Duett ist das Anschauen wert!, sodass augenfällig wird, dass die zwei mehr als nur eine Seelenverwandtschaft verbindet. Wann auch immer Christine und das Phantom Sex gehabt haben sollen. Die singt nun unterm Pfauenfächer endlich das titelgebende „Love Never Dies“, euphorisiert von der Schönheit der Musik, in der sie, wie sie dem Phantom gesteht, ihre innere wiedergefunden habe.

Doch zum Grande Finale folgt Plot-Twist auf Plot-Twist, der Strudel von Verlagen und Eifersucht dreht sich immer schneller, rohe Gewalt bricht sich Bahn, erneut eine wilde Kamerafahrt durch „Phantasma“, spannend, wer diesmal als Man In The Mirror zurückbleiben wird, und wieder endet’s bei Nacht und Nebel mit Wahnsinn und Wasser. Und wenn sie nicht gestorben sind … schreibt Andrew Lloyd Webber vielleicht noch ein bittersüßes Sequel über der Musical-Welt liebsten Anti-Helden.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=SdPrrMsUH48

Die ganze Show: www.youtube.com/watch?v=eXP7ynpk1NY          www.youtube.com/channel/UCdmPjhKMaXNNeCr1FjuMvag           www.loveneverdies.com          www.andrewlloydwebber.com

  1. 4. 2020