Doaa El-Adl: Die Welt der Frau

März 8, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit spitzer Feder für die Gleichberechtigung

Im Jahr 2012 sorgte in Ägypten eine Zeichnung für Aufregung, in der eine Karikaturistin Staatsmänner für die Instrumentalisierung von Religion kritisierte. Die Künstlerin wurde wegen Blasphemie angeklagt, das Verfahren jedoch wieder fallen gelassen. Doch schon 2013 war ein weiterer ihrer Cartoons Anlass für heftigste Diskussionen im Land, eine Zeichnung über das Tabuthema der weiblichen Beschneidung.

Sie zeigt einen Mann mit einer Schere in der Hand, der eine Leiter hinaufsteigt, um eine Blume zwischen den Beinen einer Frau abzuschneiden. Das Bild „Female Genital Mutilation (FGM)“ ist im Buch „Die Welt der Frau“ abgedruckt. „Ein Album von 50 Frauen“, nennt Doaa El-Adl ihr hochaktuell zum Internationalen Frauentag 2020 in der Scherz & Schund Fabrik erschienenes Werk.

Die zweisprachige Ausgabe enthält neben ihren bekannten Auseinandersetzungen im Kampf um die Rechte der Frauen auch etliche neue Arbeiten, die sich, so El-Adl, „mit heiklen Themen befassen, die noch nie in Form von Karikaturen anschaulich gemacht wurden“ – von Ehrenmord über Kinderehe bis zur häuslichen Gewalt, von Menschenhandel über Ehebruch bis zu Vergewaltigung, dazu Gesetze, die Frauen gezielt diskriminieren.

Doaa El-Adl: Verschleiert / Veiled. © Die Welt der Frau. Scherz & Schund Fabrik

Doaa El-Adl: … oder eben nicht! / … or not! © Die Welt der Frau. Scherz & Schund Fabrik

„Es ist ein verbreitetes Phänomen in von Armut gezeichneten Dörfern, minderjährige Mädchen mit wohlhabenden arabischen oder anderen Männern aus dem Ausland temporär und gegen Entgelt zu verheiraten“, schreibt El-Adl zum Bild links unten, und „dass einer Ägypterin eine Zahlung von 2800 € gebührt, wenn sie eine Ehe mit einem Nicht-Ägypter eingeht, der zur Zeit der Eheschließung 25 Jahre älter ist als sie.“ Dass sie die Situation der Frauen in der sogenannten westlichen Welt ebenso messerscharf zu beurteilen weiß, zeigt das Bild rechts.

Doaa El-Adl: Verheiratung Minderjähriger / Marriage of Minors. © Die Welt der Frau. Scherz & Schund Fabrik

Doaa El-Adl: Alleinversorgerinnen / Female Breadwinner. © Die Welt der Frau. Scherz & Schund Fabrik

„Mein Interesse an den Problemen der Frau kommt oft gepaart mit widersprüchlichen Gefühlen und Gedanken“, so Doaa El-Adl, die für ihre Recherchen eng mit feministischen Organisationen zusammenarbeitet. „Es überwiegt dabei der Stolz, als Frau geboren zu sein, der jedoch geschmälert wird, wenn ich die Lage der Frauen in unserer Gesellschaft, in der arabischen Welt und sogar in westlichen Ländern und im Rest der Welt betrachte.“

Doaa El-Adl. © Die Welt der Frau. Scherz & Schund Fabrik

Über die Autorin: Doaa El-Adl, geboren 1979 in Damietta, Ägyptens berühmteste Karikaturistin, ist bekannt für ihre kritischen Cartoons zu politischen, gesellschaftlichen und religiösen Themen. Seit 2007 veröffentlicht sie ihre Zeichnungen in Zeitungen und Magazinen, aktuell zeichnet sie für die einflussreiche liberale Tageszeitung Al Masry Al Youm. Die Künstlerin nahm bereits an zahlreichen Ausstellungen teil, etwa in Frankreich, Italien, Spanien, der Schweiz, Tunesien und 2019 an der „Schule des Ungehorsams“ im oberösterreichischen Linz. Doaa El-Adl lebt und arbeitet in Kairo. Für ihre Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet, und 2016 von der BBC als eine der hundert inspirierendsten und einflussreichsten Frauen der Welt geehrt.

Scherz & Schund Fabrik, Doaa El-Adl: „Die Welt der Frau“, 50 Cartoons And More On Women, 72 Seiten.

www.scherzundschund.at          www.facebook.com/doaa.eladl

Doaa El-Adl im Gespräch: www.facebook.com/watch/?v=252896428953128

  1. 3. 2020

Tel Aviv on Fire

Juli 21, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Groteske Komödie über den Nahostkonflikt

Die Stars der Fernsehsoap „Tel Aviv on Fire“: Tala in ihrer Rolle als palästinensische Spionin Manal (Lubna Azabal) und Yehuda als israelischer General Edelman (Yousef „Joe“ Sweid). Bild: © Samsa Film, TS Productions, Lama Films, Artemis Productions

Die Kinokomödie dieses Sommers kommt nicht aus Frankreich, sondern vom palästinensischen Regisseur Sameh Zoabi. Mit der Groteske „Tel Aviv on Fire“, zu sehen ab 19. Juli, ist dem Filmemacher und seinem Co-Drehbuchautor Dan Kleinman das Husarenstück gelungen, liebenswerten Humor über einen brisanten zeitpolitischen Hintergrund zu legen, arbeiten die beiden doch den Nahostkonflikt als Soap Opera auf. „Tel Aviv on Fire“ nämlich ist eine höchst erfolgreiche TV-Serie, die im Sechstagekrieg 1967 angesiedelt ist.

Die allabendlich über die Bildschirme flimmert, und Israelis wie Palästinenser vor die Fernsehapparate lockt. Inhalt der schnulzigen Sendung: Die palästinensische Spionin Manal macht sich getarnt als Restaurantbetreiberin Rachel an Israels mächtigsten General, Yehuda Edelman, heran, um diesem im Liebestaumel die Kriegspläne zu entlocken, die sie ihrem wahren Geliebten Marwan aushändigen soll.

Was folgt ist Fernsehserie-im-Film. Schon in der ersten Szene sieht man also die großartige Lubna Azabal, die den Leinwandstar Tala spielt, und wie Tala ihrerseits Manal/Rachel spielt. Piekfein durchgestylt umgarnt sie den Militär Yehuda aka Schauspielkollegen Yehuda aka dessen Darsteller Yousef „Joe“ Sweid, das Ganze in goldenes Licht getaucht, Kitsch as Kitsch can, mit schmachtendem Mund und eiskalten Augen, während er sich lässig eine Zigarette anzündet, als liefe „Casablanca“ auf Schmalspur. Klar, dass die Absurdität der Handlung von der Absurdität des israelisch-palästinensischen Alltags eingeholt wird.

Denn neu am Set ist der schlaksige Tagedieb Salam, Kais Nashif, der für diese Rolle in Venedig als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde, dem sein Onkel und „Tel Aviv on Fire“-Produzent einen Assistentenjob beschafft hat. Gedreht wird in Ramallah, und da die Akteure in der Realität wie in der Filmfiktion Israelis wie Palästinenser sind, ergo nicht alle des Hebräischen mächtig, soll Salam bei der Aussprache helfen. Was bald dazu führt, dass er sich in die Dialoge einmischt, etwa, weil er „bombig“ als Kompliment für eine Frau im Westjordanland für unpassend befindet, worauf ihm die kapriziöse Diva Tala bestätigt, dass sie ihre Sätze tatsächlich nicht spüre – und Salam zum Drehbuchautor avanciert.

Assi (Yaniv Biton) lässt sich von Salam mit seiner Leibspeise, bestem, original-arabischem Humus versorgen … Bild: © Samsa Film, TS Productions, Lama Films, Artemis Productions

… bevor der Grenzkommandant das Script des Drehbuchautors auf den Kopf stellt: Salam (Kais Nashif) und Assi (Yaniv Biton). Bild: © Samsa Film, TS Productions, Lama Films, Artemis Productions

Allein, der frisch Beförderte wohnt in Jerusalem, heißt: er muss auf dem Weg zum Drehort und retour zwei Mal durch den Checkpoint von Captain Assi Tzur, der ihn an der Grenzkontrolle prompt aufgreift, den Text für die nächste Folge findet – und die Chance wittert, bei der Lieblingsserie seiner Frau, die ausgerechnet von Marwan als gutaussehend und romantisch schwärmt, mitzumischen. Für Salam wird die für seine Freilassung getroffene Abmachung Segen und Fluch gleichermaßen, entpuppt sich Assi, den Yaniv Biton mit herrlicher Komödiantik ausstattet, doch nicht nur als das wahre Schreibtalent.

Sondern kann kraft seines Berufs auch für mehr Echtheit im Tränendrücker sorgen – was die Zuschauerzahlen noch mehr in die Höhe schnellen lässt. Doch Assi ist ein Mann mit einer Mission, und die lautet, die fade Figur des Yehuda sympathisch und sexy zu machen, schon um Assis Frau eins auszuwischen. So liefert der Kommandeur Salam zwar bei jedem Zusammentreffen neuen Stoff für dessen Straßenfeger, aber auch Stoff für Diskussion, funktioniert Assi doch das zugegeben ziemlich antizionistische Drehbuch in pro-israelische Propaganda um.

Wenn Salam Marwan einen Freiheitskämpfer nennt, während Assi ihn Terroristen schimpft, wenn Onkel Bassam bemängelt, seine Serie ähnle immer mehr dem Osloer Friedensabkommen und Salam über sein der Ersten Intifada geschuldetes Hummus-Trauma erzählt, wenn Leibesvisitationen in Lokalen an der Tagesordnung sind und Panzerkolonnen zu Kulissen werden, wenn Yehuda-Darsteller Yehuda gegen seine Rolle revoltiert, weil er, der sieben Jahre in einem israelischen Gefängnis saß, die Figur plötzlich viel zu nett findet, wenn Assi Salam schließlich den Pass wegnimmt, um seinen Willen durchzusetzen, und man diesen als nunmehr quasi Geisel entlang der Westbank-Mauer irren sieht …, dann wird die Daily Soap im Film zu einem Stellvertreterkonflikt, in dem jeder der Beteiligten das Schicksal Palästinas bestimmen will.

Daraus entwickeln Zoabi und Kleinman ein irrwitziges Spiel rund um ihr ungleiches Zweiergespann. Es gelingt ihnen, die Unwägbarkeiten, das Risiko und den Unsicherheitsfaktor des israelisch-palästinensischen Zusammenlebens anzudeuten, auch ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit und daher Fatalismus spürbar zu machen, ohne das Mitmenschliche aus dem Auge zu lassen. Nicht umsonst erhielt „Tel Aviv on Fire“ den INTERFILM-Preis zur Förderung des interreligiösen Dialogs. Das Schöne nämlich ist, dass den Fans der Serie politische Script-Strategien völlig egal sind. Während die Männer am Staffelfinale tüfteln, einer Hochzeitsszene mit Bombe im Brautstrauß, Motto: „In unserer Welt gibt es kein ,Romeo und Julia‘“, wollen die Frauen Lovestory mit Happy End. „Nicht alles ist Politik, mein Lieber. Hier geht es um Romantik“, bescheidet ihm Assi Ehefrau am Ende. Weshalb er sich mit Salam einen salomonischen, man könnte auch sagen suleimanischen Schluss einfallen lässt …

„Tel Aviv on Fire“ ist außer einer anarchisch-utopischen Komödie auch eine hintersinnige Parabel auf die Frage, wie man der Ausweglosigkeit von großer Geschichte durch Versöhnung im Kleinen begegnen kann. Die leise Sehnsucht nach einer normaleren Welt teilen sich alle Charaktere, selbst Assi, der zugibt, nicht gern am Checkpoint stationiert zu sein. Die Soap geht derweil in die zweite Staffel. Bleiben Sie dran!

Video:

 

www.mfa-film.de/kino/id/tel-aviv-on-fire

  1. 7. 2019

Salon5 im Theatermuseum: Bosch on stage

November 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater-Triptychon über den Schöpfer des Weltgerichts

Beim Imbissstand auf dem Flughafen herrscht Slibowitz-Stimmung: Kirstin Schwab, Doina Weber und Petra Staduan. Bild: Barbara Palffy

Bevor es losgeht, die wunderbare Gelegenheit, die Werke in Augenschein zu nehmen. Die Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste ist ja bis auf Weiteres zu Gast im Theatermuseum, hier hängen nun die meisterlichen Arbeiten von Hieronymus Bosch, darunter der Weltgerichts-Triptychon. Schauen, staunen, da mischen sich Schauspieler unter die Betrachter, im Theatermuseum wird derzeit auch Theater gespielt: „Bosch on stage“ von Jérôme Junod.

Der Autor hat seine Weltgerichtskomödie anders als bei den Salzburger Festspielen für Wien auch selbst in Szene gesetzt. Eine fabelhafte Arbeit ist es, die Junod da gelungen ist, gleichsam ein Theater-Triptychon, der in drei Bildern Urteile und Vorurteile zu Bosch auf höchst unterhaltsame Art festhält. War der niederländische Renaissancemaler strenger Christ, Häretiker, Alchemist, Moralist? War er homosexuell und/oder von Perversionen wie der Folter angeturnt? Hatte er Albträume, Drogenerfahrungen oder eine reine Freude an symbolischen Botschaften? Dem und mehr forscht „Bosch on stage“ nach. Dass sich dabei immer wieder an Österreich und seinem Kunst- und Kulturverständnis – die Habsburger und ihre Adelsherren überrollten ja weiland das freie Brabant – gerieben wird, ist im herrschaftlichen Palais Lobkowitz ein zusätzliches Vergnügen.

Die Handlung beginnt auf einem Flughafen, auf dem die Kunsthistorikerin Caroline, gespielt von Petra Staduan, festsitzt, weil ihr Flug nach Wien gestrichen wurde. Dabei hätte sie so dringend zu einem Bosch-Symposium ihres Vorgesetzten gemusst. Also Trost suchen am Imbissstand, wo bald der Slibowitz fließt, auf dass der Irrwitz beginnen kann. Figuren wie Bosch’sche Landsknechte, Landstreicher und eine Reinigungskraft mit Hummerscherenhand schleichen über die Bühne, dazu gespenstische Sphärenklänge von Christian Mair. Der dreiteilige Bühnenbildaufbau von Lydia Hofmann wendet dem Publikum seine Kasperletheaterseite zu, in und vor ihm gestalten Doina Weber und Kirstin Schwab als Servierkräfte ein Kabinettstück über des Volkes Stimme zu Hieronymus Bosch.

Eine merkwürdige Reinigungskraft geht um …: Roman Blumenschein. Bild: Barbara Palffy

… fast wie vom Meister selbst erfunden: Horst Schily, Jeanne-Marie Bertram und Petra Staduan. Bild: Barbara Palffy

Prof. Schlubitschnigg lädt zum Bosch-Symposium: Martin Schwanda mit Doina Weber und Jeanne-Marie Bertram. Bild: Barbara Palffy

Dem das von Martin Schwanda als Wiener Professor Schlubitschnigg in nichts nachsteht. Von seiner besten wissenschaftlichen Kraft allein gelassen, muss er nun eine Konferenz stemmen, über deren Inhalte er keine Ahnung hat. Herrlich, wie er am Telefon einem japanischen Kollegen den Weg ins Theatermuseum via Kaffeehäuser und Stadtheuriger beschreibt. Das Ensemble, verstärkt um Jens Ole Schmieder als französischem Forscher und Roman Blumenschein als dessen deutschem Pendant, ergeht sich derweil in Theorien, Interpretationen und anderen Irrungen und Wirrungen.

Eine schöne Szene, in der Kirstin Schwab als Wiener Wissenschaftlerin mit aufgerissenen Augen über Panik auslösende Schreckensszenarien schwadroniert, während sich Doina Weber in esoterische Ekstase redet, dieweil Schmieders Prof. Flambertin unbedingt an die Fortführung mittelalterlicher Drolerien glauben will.

Teil drei: Caroline hat es in die Vergangenheit in des Meisters Haus geschafft, um diesen zu seinem Werk zu befragen. Horst Schily gibt Hieronymus Bosch als bärbeißigen und wenig auskunftsbereiten Maler, Doina Weber dessen Frau Aleid, Blumenschein dessen Schüler Joachim (alle in wunderbaren Kostümen von Antoaneta Stereva), der die Werke letztlich auszuführen behauptet – und Schwanda brilliert ein zweites Mal als habsburgischer Höfling, der Bilder zu kaufen kommt, und höchst unhöflich abgewiesen wird …

Junod nimmt sich in seiner klugen Komödie nicht nur sehr humorvoll des akademischen Treibens an, eine Parodie, die die p.t. Beteiligten daran im Publikum sichtlich amüsierte, sondern er beschäftigt sich auch ernsthaft mit dem Bosch-Pandämonium.

Sein Meister entpuppt sich als ein Hiob, ein Haderer mit Gott, ein Kritiker seiner Zeit und an deren Gesellschaft, der aber wenig hilfreich bei der Lösung der von ihm gestellten Rätsel ist. Auf jede Frage hat er eine Gegenfrage, und dann doch möglicherweise eine Antwort. „Das Lachen ist vielleicht der letzte Trost, der uns übrigbleibt.“ In diesem Sinn ist „Bosch on stage“ auch tröstlich – und ergo absolut sehenswert.

boschonstage.at

  1. 11. 2017

Kunsthaus Wien: Seen on Earth

März 15, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Bilder davon, wie Plastik die Erde zumüllt

Serie „Hong Kong Soup: 1826“ – Lotus Garden, 2012–2014 Bild: © Mandy Barker

Serie „Hong Kong Soup: 1826“ – Lotus Garden, 2012–2014
Bild: © Mandy Barker

Die Ausstellung „Seen on Earth“, ab 17. März im Kunsthaus Wien zu sehen, zeigt auf eindringliche Weise die fortschreitende Zerstörung der Umwelt. Mandy Barker, Eduardo Leal und Simon Norfolk arbeiten mit dem Medium Fotografie, einem der wirksamsten Mittel, um durch Menschen verursachte Umweltschäden zu dokumentieren. Ihre auf drei verschieden Kontinenten – Afrika, Amerika und Asien – aufgenommenen Bilder zeigen die global fortschreitende Verschmutzung der Umwelt und die daraus resultierenden Auswirkungen auf Vegetation und Klima und das sich verändernde Ökosystem. Eine Thematik, die, unabhängig vom Ort des Geschehens, die gesamte Menschheit betrifft. Alle drei Künstler wurden 2015 mit dem EarthAward von LensCulture ausgezeichnet (mehr: www.lensculture.com).

Die Bilder der Serie „Hong Kong Soup: 1826“ der britischen Fotografin Mandy Barker bilden Plastikmüll ab, der seit 2012 an verschiedenen Stränden rund um Hongkong gesammelt wurde. Die unterschiedlichen Objekt- beziehungweise Müllgruppen auf den Bildern beziehen sich auf bestimmte Ereignisse, wie das Drachenbootfest oder sie versammeln Gegenstände wie Eislutscherverpackungen, Feuerzeuge oder Action-Figuren. Die ansprechenden Arrangements, die auf den ersten Blick wie Blumen oder Tapeten aussehen, stellen eine Verknüpfung zu den Handlungen her, die den Müll verursachen.

Mit dem meistverbreiteten Konsumartikel der Welt beschäftigt sich der gebürtige Portugiese Eduardo Leal. Das Plastiksackerl ist zur weltweit führenden Ursache für Umweltverschmutzung geworden. Es ist von Meeresböden bis zur Arktis überall zu finden, und weil sich das Plastik überwiegend nicht biologisch abbauen lässt, wird es sich Hunderte von Jahren in der Umwelt erhalten. Leal hat in der bolivianischen Hochebene Altiplano die Verbreitung von Plastiksackerln dokumentiert, wohin Millionen davon vom Wind getragen werden und sich in Büschen verfangen. Die „Plastic Trees“ hat Eduardo Leal aus einem niedrigen Blickwinkel und bei Sonnenuntergang fotografiert. Die monumentale Wirkung der eigentlich kleinen und leichten Plastiksackerl in den Sträuchern unterstreicht die gigantische Belastung der Umwelt durch ebendiese.

Für sein Projekt „When I Am Laid In Earth“ reiste Simon Norfolk zum Lewis-Gletscher, dem größten Gletscher auf Afrikas zweitgrößtem Berg, dem Mount Kenya in Kenia, um zu dokumentieren , was einst da war und was jetzt nicht mehr ist. Neben seiner Fotoausrüstung war eine Fackel das wichtigste Equipment für die Visualisierung der Geschichte des Gletscherrückgangs. Der gebürtie Nigerianer Norfolk, der für seine bedachte Fotografie in Kriegsgebieten international bekannt ist, hat mittels historischer Landkarten und moderner GPS-Technik die ehemaligen Umrisse des Lewis-Gletschers – dieser hat seit 1934 circa 90 Prozent seiner Masse verloren – recherchiert, um sie mit der Fackel abzugehen und durch Langzeitbelichtung fotografisch zu fixieren.

www.kunsthauswien.com

Wien, 15. 3. 2016

Nick Cave: 20,000 Days on Earth

Februar 12, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch im Musiker bleibt ein Mythos

„Music doesn’t come naturally to me. Sitting at a typewriter, writing a script – I can do that. But there is a mystery in music, the process. That’s why I return to it, why it gives me such pleasure.“

RollingStone Interview mit Nick Cave

© Stadtkino Filmverleih

© Stadtkino Filmverleih

Der Wecker klingelt und der zwanzigtausendste Tag im Leben von Nick Cave beginnt. Er steht auf, blickt in den Badezimmerspiegel und sieht  Momente des Alltags als Songs, Gedichte, Romane und Filme Richtung Allmächtigkeit hochgewürgt. Der australische Sänger liebt Metaphern und Mythen und stilisiert sich gerne selbst zum Mythos. Später, am Steuer seines Jaguar XJ sieht er mit seinem schwarzen Anzug und der goldgerahmten Vintage-Brille aus wie ein zwielichtiger Geschäftsmann. Oder ein Auftragskiller. Mit ihm im Wagen Blixa Bargeld oder Kylie Minogue. Cave und Minogue wurden übrigens als ESC-Teilnehmer in Wien vorgeschlagen …

24 Stunden im Leben der Musiklegende Nick Cave – In „20,000 Days on Earth“ treffen Erinnerung, Fiktion und Wirklichkeit des vielfältigen Genies aufeinander. „20,000 Days on Earth“ ist keine herkömmliche Dokumentation, sondern ein rohbehauenes Portrait über Nick Cave, das Einblicke in seinen künstlerischen Schaffensprozess gibt. Ein Film, der sich mit Identität beschäftigt und der Frage auseinandersetzt, was eigentlich den Menschen ausmacht; ein Loblied auf die transformative Macht der Kreativität. Kein Bio-Pic, ein Kunstwerk.

Die Filmemacher Iain Forsyth und Jane Pollard arbeiten bereits seit sieben Jahren an einer Vielzahl von Projekten mit Nick Cave zusammen. „Wir kamen mit Nick schnell überein, was uns an Musik-Dokus nicht gefällt: dieser angeblich unaufdringliche, beobachtende Stil. Den ‚echten’ Nick Cave zu sehen, würde irgendwie mehr von Nick Cave offenbaren. Einem Rockstar dabei zuzusehen, wie er den Abwasch macht oder die Kinder zur Schule bringt, mag als eine stumpfsinnige Art von Promi-Verfolgung interessant sein, fesselt einen aber nicht intellektuell“, sagt Forsyth. Cave hat für den Film von Iain Forsyth und Jane Pollard nicht nur das Drehbuch geschrieben, er führt als Hauptdarsteller auch durch die Rahmenhandlung: Man sieht, wie er in seinem Arbeitszimmer an Texten arbeitet, beim Therapeuten über seine Kindheit spricht, mit einem Bandmitglied zu Mittag isst, in seinem Archiv stöbert und mit seinen beiden Söhnen vor dem Fernseher sitzt. Der Film ist ein einziger Gedankenstrom. Kein Spiel, keine Spielereien.

Im Geiste visionärer Filme wie „The Song Remains the Same“ (1976) über Led Zeppelin und Jean-Luc Godards „One plus One/Sympathy for the Devil“ (1968) begannen Forsyth und Pollard die visuelle und strukturelle Sprache zu entwerfen, die sie verwenden wollten. Beiden Regisseuren war klar, dass sie kein ehrfürchtiges Porträt des Künstlers anstrebten, ihn aber auch nicht demaskieren wollten, um Gewöhnliches aufzudecken. Vielmehr wollten sie mit Rockmythologie spielen und betonen, was Nick Cave so außerordentlich macht. (Nein, es sind nicht die  – mutmaßlich gefärbten – blauschwarzen Haare.) Funktioniert hat nur ein Teil des Plans: Die Filmemacher haben sich wie Schüler Wagner ihrem Helden und Lehrmeister Faust ergeben. Der macht dafür auf Mephisto: Grau, meine Freunde, ist alle Theorie, aber ihr kennt ja meine Songtexte und wisst das…

Cave, Jahrgang 1957, versucht sich tatsächlich als Theoretiker des Songwritings. Im Auftrag der Schule für Dichtung in Wien hielt er eine Vorlesung. Darin formulierte Cave den Gedanken, dass ein Song immer auch Melancholie enthalten müsse. Caves Poetik weist eine Nähe zur Romantik auf, nach deren theoretischem Konzept jedes Kunstwerk durch Ironie gebrochen werden müsse. Ähnlich wie in der Romantik beruhen seine Texte häufig auf  Transzendenz. In seinen frühen Alben stellte meistens das Alte Testament einen wichtigen Bezugspunkt seiner Texte dar, wie auch in seinem epischen Roman „Und die Eselin sah den Engel“. Vor allem mit dem 1997 erschienenen Album „The Boatman’s Call“ tritt das Neue Testament stärker in den Vordergrund. 1998 schrieb Cave eine Einleitung zum Markus-Evangelium. Neben der Bibel lassen sich viele andere literarische Einflüsse in seinen Texten wiederfinden, wie zum Beispiel Nabokov, Dostojewski, William Faulkner und Dylan Thomas. Ganze Seiten könnte man also mit den klugen Aphorismen füllen, die Cave im Film von sich gibt. „Es gibt Wahrheiten, die unter der Oberfläche der Worte ruhen … , die sich urplötzlich zeigen wie die Buckel eines Seemonsters und dann wieder verschwinden. Auftreten und Singen stellen für mich einen Weg dar, dieses Monster an die Oberfläche zu locken.“ Auf der Bühne, eins mit seinen Monstern, gibt sich der Sänger als Prophet. Furchteinflößend, aber das liebevoll. Er rührt die junge Frau in der ersten Reihe zu Tränen, wenn er singt „Can you feel my heartbeat?“. Sie nickt und lächelt selig.  Ach, Nick. Wir hören dich. Und bitten dich: Erhöre uns!

www.20000daysonearth.com/

http://nickcave.com/

http://stadtkinowien.at

Wien, 12. 2. 2015