Salon5 im Theatermuseum: Bosch on stage

November 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater-Triptychon über den Schöpfer des Weltgerichts

Beim Imbissstand auf dem Flughafen herrscht Slibowitz-Stimmung: Kirstin Schwab, Doina Weber und Petra Staduan. Bild: Barbara Palffy

Bevor es losgeht, die wunderbare Gelegenheit, die Werke in Augenschein zu nehmen. Die Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste ist ja bis auf Weiteres zu Gast im Theatermuseum, hier hängen nun die meisterlichen Arbeiten von Hieronymus Bosch, darunter der Weltgerichts-Triptychon. Schauen, staunen, da mischen sich Schauspieler unter die Betrachter, im Theatermuseum wird derzeit auch Theater gespielt: „Bosch on stage“ von Jérôme Junod.

Der Autor hat seine Weltgerichtskomödie anders als bei den Salzburger Festspielen für Wien auch selbst in Szene gesetzt. Eine fabelhafte Arbeit ist es, die Junod da gelungen ist, gleichsam ein Theater-Triptychon, der in drei Bildern Urteile und Vorurteile zu Bosch auf höchst unterhaltsame Art festhält. War der niederländische Renaissancemaler strenger Christ, Häretiker, Alchemist, Moralist? War er homosexuell und/oder von Perversionen wie der Folter angeturnt? Hatte er Albträume, Drogenerfahrungen oder eine reine Freude an symbolischen Botschaften? Dem und mehr forscht „Bosch on stage“ nach. Dass sich dabei immer wieder an Österreich und seinem Kunst- und Kulturverständnis – die Habsburger und ihre Adelsherren überrollten ja weiland das freie Brabant – gerieben wird, ist im herrschaftlichen Palais Lobkowitz ein zusätzliches Vergnügen.

Die Handlung beginnt auf einem Flughafen, auf dem die Kunsthistorikerin Caroline, gespielt von Petra Staduan, festsitzt, weil ihr Flug nach Wien gestrichen wurde. Dabei hätte sie so dringend zu einem Bosch-Symposium ihres Vorgesetzten gemusst. Also Trost suchen am Imbissstand, wo bald der Slibowitz fließt, auf dass der Irrwitz beginnen kann. Figuren wie Bosch’sche Landsknechte, Landstreicher und eine Reinigungskraft mit Hummerscherenhand schleichen über die Bühne, dazu gespenstische Sphärenklänge von Christian Mair. Der dreiteilige Bühnenbildaufbau von Lydia Hofmann wendet dem Publikum seine Kasperletheaterseite zu, in und vor ihm gestalten Doina Weber und Kirstin Schwab als Servierkräfte ein Kabinettstück über des Volkes Stimme zu Hieronymus Bosch.

Eine merkwürdige Reinigungskraft geht um …: Roman Blumenschein. Bild: Barbara Palffy

… fast wie vom Meister selbst erfunden: Horst Schily, Jeanne-Marie Bertram und Petra Staduan. Bild: Barbara Palffy

Prof. Schlubitschnigg lädt zum Bosch-Symposium: Martin Schwanda mit Doina Weber und Jeanne-Marie Bertram. Bild: Barbara Palffy

Dem das von Martin Schwanda als Wiener Professor Schlubitschnigg in nichts nachsteht. Von seiner besten wissenschaftlichen Kraft allein gelassen, muss er nun eine Konferenz stemmen, über deren Inhalte er keine Ahnung hat. Herrlich, wie er am Telefon einem japanischen Kollegen den Weg ins Theatermuseum via Kaffeehäuser und Stadtheuriger beschreibt. Das Ensemble, verstärkt um Jens Ole Schmieder als französischem Forscher und Roman Blumenschein als dessen deutschem Pendant, ergeht sich derweil in Theorien, Interpretationen und anderen Irrungen und Wirrungen.

Eine schöne Szene, in der Kirstin Schwab als Wiener Wissenschaftlerin mit aufgerissenen Augen über Panik auslösende Schreckensszenarien schwadroniert, während sich Doina Weber in esoterische Ekstase redet, dieweil Schmieders Prof. Flambertin unbedingt an die Fortführung mittelalterlicher Drolerien glauben will.

Teil drei: Caroline hat es in die Vergangenheit in des Meisters Haus geschafft, um diesen zu seinem Werk zu befragen. Horst Schily gibt Hieronymus Bosch als bärbeißigen und wenig auskunftsbereiten Maler, Doina Weber dessen Frau Aleid, Blumenschein dessen Schüler Joachim (alle in wunderbaren Kostümen von Antoaneta Stereva), der die Werke letztlich auszuführen behauptet – und Schwanda brilliert ein zweites Mal als habsburgischer Höfling, der Bilder zu kaufen kommt, und höchst unhöflich abgewiesen wird …

Junod nimmt sich in seiner klugen Komödie nicht nur sehr humorvoll des akademischen Treibens an, eine Parodie, die die p.t. Beteiligten daran im Publikum sichtlich amüsierte, sondern er beschäftigt sich auch ernsthaft mit dem Bosch-Pandämonium.

Sein Meister entpuppt sich als ein Hiob, ein Haderer mit Gott, ein Kritiker seiner Zeit und an deren Gesellschaft, der aber wenig hilfreich bei der Lösung der von ihm gestellten Rätsel ist. Auf jede Frage hat er eine Gegenfrage, und dann doch möglicherweise eine Antwort. „Das Lachen ist vielleicht der letzte Trost, der uns übrigbleibt.“ In diesem Sinn ist „Bosch on stage“ auch tröstlich – und ergo absolut sehenswert.

boschonstage.at

  1. 11. 2017

Kunsthaus Wien: Seen on Earth

März 15, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Bilder davon, wie Plastik die Erde zumüllt

Serie „Hong Kong Soup: 1826“ – Lotus Garden, 2012–2014 Bild: © Mandy Barker

Serie „Hong Kong Soup: 1826“ – Lotus Garden, 2012–2014
Bild: © Mandy Barker

Die Ausstellung „Seen on Earth“, ab 17. März im Kunsthaus Wien zu sehen, zeigt auf eindringliche Weise die fortschreitende Zerstörung der Umwelt. Mandy Barker, Eduardo Leal und Simon Norfolk arbeiten mit dem Medium Fotografie, einem der wirksamsten Mittel, um durch Menschen verursachte Umweltschäden zu dokumentieren. Ihre auf drei verschieden Kontinenten – Afrika, Amerika und Asien – aufgenommenen Bilder zeigen die global fortschreitende Verschmutzung der Umwelt und die daraus resultierenden Auswirkungen auf Vegetation und Klima und das sich verändernde Ökosystem. Eine Thematik, die, unabhängig vom Ort des Geschehens, die gesamte Menschheit betrifft. Alle drei Künstler wurden 2015 mit dem EarthAward von LensCulture ausgezeichnet (mehr: www.lensculture.com).

Die Bilder der Serie „Hong Kong Soup: 1826“ der britischen Fotografin Mandy Barker bilden Plastikmüll ab, der seit 2012 an verschiedenen Stränden rund um Hongkong gesammelt wurde. Die unterschiedlichen Objekt- beziehungweise Müllgruppen auf den Bildern beziehen sich auf bestimmte Ereignisse, wie das Drachenbootfest oder sie versammeln Gegenstände wie Eislutscherverpackungen, Feuerzeuge oder Action-Figuren. Die ansprechenden Arrangements, die auf den ersten Blick wie Blumen oder Tapeten aussehen, stellen eine Verknüpfung zu den Handlungen her, die den Müll verursachen.

Mit dem meistverbreiteten Konsumartikel der Welt beschäftigt sich der gebürtige Portugiese Eduardo Leal. Das Plastiksackerl ist zur weltweit führenden Ursache für Umweltverschmutzung geworden. Es ist von Meeresböden bis zur Arktis überall zu finden, und weil sich das Plastik überwiegend nicht biologisch abbauen lässt, wird es sich Hunderte von Jahren in der Umwelt erhalten. Leal hat in der bolivianischen Hochebene Altiplano die Verbreitung von Plastiksackerln dokumentiert, wohin Millionen davon vom Wind getragen werden und sich in Büschen verfangen. Die „Plastic Trees“ hat Eduardo Leal aus einem niedrigen Blickwinkel und bei Sonnenuntergang fotografiert. Die monumentale Wirkung der eigentlich kleinen und leichten Plastiksackerl in den Sträuchern unterstreicht die gigantische Belastung der Umwelt durch ebendiese.

Für sein Projekt „When I Am Laid In Earth“ reiste Simon Norfolk zum Lewis-Gletscher, dem größten Gletscher auf Afrikas zweitgrößtem Berg, dem Mount Kenya in Kenia, um zu dokumentieren , was einst da war und was jetzt nicht mehr ist. Neben seiner Fotoausrüstung war eine Fackel das wichtigste Equipment für die Visualisierung der Geschichte des Gletscherrückgangs. Der gebürtie Nigerianer Norfolk, der für seine bedachte Fotografie in Kriegsgebieten international bekannt ist, hat mittels historischer Landkarten und moderner GPS-Technik die ehemaligen Umrisse des Lewis-Gletschers – dieser hat seit 1934 circa 90 Prozent seiner Masse verloren – recherchiert, um sie mit der Fackel abzugehen und durch Langzeitbelichtung fotografisch zu fixieren.

www.kunsthauswien.com

Wien, 15. 3. 2016

Nick Cave: 20,000 Days on Earth

Februar 12, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch im Musiker bleibt ein Mythos

„Music doesn’t come naturally to me. Sitting at a typewriter, writing a script – I can do that. But there is a mystery in music, the process. That’s why I return to it, why it gives me such pleasure.“

RollingStone Interview mit Nick Cave

© Stadtkino Filmverleih

© Stadtkino Filmverleih

Der Wecker klingelt und der zwanzigtausendste Tag im Leben von Nick Cave beginnt. Er steht auf, blickt in den Badezimmerspiegel und sieht  Momente des Alltags als Songs, Gedichte, Romane und Filme Richtung Allmächtigkeit hochgewürgt. Der australische Sänger liebt Metaphern und Mythen und stilisiert sich gerne selbst zum Mythos. Später, am Steuer seines Jaguar XJ sieht er mit seinem schwarzen Anzug und der goldgerahmten Vintage-Brille aus wie ein zwielichtiger Geschäftsmann. Oder ein Auftragskiller. Mit ihm im Wagen Blixa Bargeld oder Kylie Minogue. Cave und Minogue wurden übrigens als ESC-Teilnehmer in Wien vorgeschlagen …

24 Stunden im Leben der Musiklegende Nick Cave – In „20,000 Days on Earth“ treffen Erinnerung, Fiktion und Wirklichkeit des vielfältigen Genies aufeinander. „20,000 Days on Earth“ ist keine herkömmliche Dokumentation, sondern ein rohbehauenes Portrait über Nick Cave, das Einblicke in seinen künstlerischen Schaffensprozess gibt. Ein Film, der sich mit Identität beschäftigt und der Frage auseinandersetzt, was eigentlich den Menschen ausmacht; ein Loblied auf die transformative Macht der Kreativität. Kein Bio-Pic, ein Kunstwerk.

Die Filmemacher Iain Forsyth und Jane Pollard arbeiten bereits seit sieben Jahren an einer Vielzahl von Projekten mit Nick Cave zusammen. „Wir kamen mit Nick schnell überein, was uns an Musik-Dokus nicht gefällt: dieser angeblich unaufdringliche, beobachtende Stil. Den ‚echten’ Nick Cave zu sehen, würde irgendwie mehr von Nick Cave offenbaren. Einem Rockstar dabei zuzusehen, wie er den Abwasch macht oder die Kinder zur Schule bringt, mag als eine stumpfsinnige Art von Promi-Verfolgung interessant sein, fesselt einen aber nicht intellektuell“, sagt Forsyth. Cave hat für den Film von Iain Forsyth und Jane Pollard nicht nur das Drehbuch geschrieben, er führt als Hauptdarsteller auch durch die Rahmenhandlung: Man sieht, wie er in seinem Arbeitszimmer an Texten arbeitet, beim Therapeuten über seine Kindheit spricht, mit einem Bandmitglied zu Mittag isst, in seinem Archiv stöbert und mit seinen beiden Söhnen vor dem Fernseher sitzt. Der Film ist ein einziger Gedankenstrom. Kein Spiel, keine Spielereien.

Im Geiste visionärer Filme wie „The Song Remains the Same“ (1976) über Led Zeppelin und Jean-Luc Godards „One plus One/Sympathy for the Devil“ (1968) begannen Forsyth und Pollard die visuelle und strukturelle Sprache zu entwerfen, die sie verwenden wollten. Beiden Regisseuren war klar, dass sie kein ehrfürchtiges Porträt des Künstlers anstrebten, ihn aber auch nicht demaskieren wollten, um Gewöhnliches aufzudecken. Vielmehr wollten sie mit Rockmythologie spielen und betonen, was Nick Cave so außerordentlich macht. (Nein, es sind nicht die  – mutmaßlich gefärbten – blauschwarzen Haare.) Funktioniert hat nur ein Teil des Plans: Die Filmemacher haben sich wie Schüler Wagner ihrem Helden und Lehrmeister Faust ergeben. Der macht dafür auf Mephisto: Grau, meine Freunde, ist alle Theorie, aber ihr kennt ja meine Songtexte und wisst das…

Cave, Jahrgang 1957, versucht sich tatsächlich als Theoretiker des Songwritings. Im Auftrag der Schule für Dichtung in Wien hielt er eine Vorlesung. Darin formulierte Cave den Gedanken, dass ein Song immer auch Melancholie enthalten müsse. Caves Poetik weist eine Nähe zur Romantik auf, nach deren theoretischem Konzept jedes Kunstwerk durch Ironie gebrochen werden müsse. Ähnlich wie in der Romantik beruhen seine Texte häufig auf  Transzendenz. In seinen frühen Alben stellte meistens das Alte Testament einen wichtigen Bezugspunkt seiner Texte dar, wie auch in seinem epischen Roman „Und die Eselin sah den Engel“. Vor allem mit dem 1997 erschienenen Album „The Boatman’s Call“ tritt das Neue Testament stärker in den Vordergrund. 1998 schrieb Cave eine Einleitung zum Markus-Evangelium. Neben der Bibel lassen sich viele andere literarische Einflüsse in seinen Texten wiederfinden, wie zum Beispiel Nabokov, Dostojewski, William Faulkner und Dylan Thomas. Ganze Seiten könnte man also mit den klugen Aphorismen füllen, die Cave im Film von sich gibt. „Es gibt Wahrheiten, die unter der Oberfläche der Worte ruhen … , die sich urplötzlich zeigen wie die Buckel eines Seemonsters und dann wieder verschwinden. Auftreten und Singen stellen für mich einen Weg dar, dieses Monster an die Oberfläche zu locken.“ Auf der Bühne, eins mit seinen Monstern, gibt sich der Sänger als Prophet. Furchteinflößend, aber das liebevoll. Er rührt die junge Frau in der ersten Reihe zu Tränen, wenn er singt „Can you feel my heartbeat?“. Sie nickt und lächelt selig.  Ach, Nick. Wir hören dich. Und bitten dich: Erhöre uns!

www.20000daysonearth.com/

http://nickcave.com/

http://stadtkinowien.at

Wien, 12. 2. 2015

Focus on Infinity – Griff nach den Sternen

Dezember 18, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Joerg Burger fragt, woher wir kommen

– und wohin wir gehen

Bild: © Stadtkino Filmverleih

Bild: © Stadtkino Filmverleih

Woher kommen wir, was sind wir und wohin gehen wir? Wer die drei wichtigsten Fragen der Menschheit beantworten möchte, muss das Geheimnis des Universums entschlüsseln. „Focus on Infinity“, ab 19. Dezember im Kino, ist eine essayistische Reise zu Menschen, Maschinen und Schauplätzen, die mit der Erforschung unseres Kosmos verbunden sind. Diese ewige Suche nach dem Sinn des Lebens und der ihr innewohnende Zweifel beschäftigt mehr und mehr Wissenschaft, Philosophie und Theologie. Ihr Weg führt dabei vom weltgrößten Teleskop bis zum tiefst gelegenen unterirdischen Forschungslabor – mit der Erkenntnis, dass jede Antwort auf unser Dasein eine neue Frage birgt.

Zitate aus dem Film:
„Je begreiflicher uns das Universum wird, umso sinnloser erscheint es auch. Doch wenn die Früchte unserer Forschung uns keinen Trost spenden, finden wir zumindest eine gewisse Ermutigung in der Forschung selbst. Das Bestreben, das Universum zu verstehen, hebt das menschliche Leben ein wenig über eine Farce hinaus und verleiht ihm einen Hauch von tragischer Würde. Ich glaube es bleibt immer ein Geheimnis, das die Wissenschaft nicht lösen kann. Nichts kann es lösen, auch nicht die Religion. Religion hat dasselbe Problem, Fragen offen zu lassen, warum die Dinge so sind, warum es überhaupt etwas gibt. Das gehört wohl zur Tragödie der Menschheit. Wir werden wohl nie endgültig verstehen, warum die Dinge so sind, wie sie sind.“
Steven Weinberg, Physiker, Astronom, Nobelpreisträger
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„Ich existiere nicht, um zu wissen. Ich soll versuchen, einen Sinn zu finden über das Wissen hinaus. Ich stelle Grenzfragen, Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Warum ist da etwas und nicht nichts?“

George V. Coyne, Jesuit
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„Wir wissen recht genau, wo wir im Evolutionsprozess stehen. Aber wir kennen die beiden entgegengesetzten Enden nicht. Wir kennen den Ursprung des Lebens nicht. Und wir wissen nicht, wohin es geht. Wohin es geht ist mehr als eine wissenschaftliche Frage. Aber die Wissenschaft gehört dazu, sie kann uns führen.“
Sir Martin Reese, Astrophysiker
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„Was bedeutet die Unendlichkeit in unserem Leben? Was bedeutet Tod in unserem kleinen Leben? Es gibt ein paar ewige Fragen, aber die Antworten sind nicht von Dauer. Sie stimmen eine Sekunde, dann nicht mehr. Das Unbekannte, die Suche nach dem Unbekannten, macht auch die Ironie der Welt aus. Wirklichkeit ist immer eine neue Fiktion. Wenn ich sterbe, ist es wichtig zu wissen, wie das Universum beschaffen ist, wie es entstand? Warum wollen wir das wissen? Vielleicht verbringen wir so unsere Zeit, um in einer Weise kurz vergessen zu können, dass wir sterben werden. Und alles, was wir bisher getan haben ist ein Versuch, mit der Tatsache fertig zu werden, dass alles zu Ende geht. Ich will lernen, wie man stirbt.“
Asli Erdogan, Journalistin und Schriftstellerin
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„Die Wissenschaft denkt über die Grenzen des Wissens nach. Die Grenzen des Denkbaren.

Lisa Randall, Professorin für  theoretische Physik, Expertin für Teilchenphysik und Stringtheorie

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Spezial-Screening mit Podiumsdiskussion: http://www.mischief-films.com/news/KinostartFocus/
Wien, 18. 12. 2014

Lucy McEvil im Gespräch

Oktober 3, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hubsi Kramar macht seine Femme fatale zu „Evita“

Lucy McEvil als Evita Bild: Mario Lang

Lucy McEvil als Evita
Bild: Mario Lang

Sie ist nicht nur eine der schönsten Frauen des Landes, eine der besten Charakterdarstellerinnen, eine begnadete Diseuse, DJane … sie ist einfach bezaubernd. La Diva. Lucy McEvil. Nun hat Hubsi Kramar, der Godfather der heimischen Off-Szene, die Grande Dame wieder zu einem gemeinsamen Projekt überredet. Und, wie es sich für eine Femme fatale gehört, auch die passendste Rolle für sie ausgesucht: „Evita“. Allerdings ohne Andrew Lloyd Webber. Premiere hat die Produktion des 3raum on tour am 15. Oktober im Ateliertheater. Mit Lucy McEvil spielen Lilly Prohaska, Bernhard Mrak und Julia Karnel. Den Perón gibt Regisseur Hubsi Kramar selbst.

Ein Gespräch mit Lucy McEvil über die Unheiligkeit von Argentiniens großer „Heiliger“.

MM: Ihre „Evita“ wird nicht Andrew Lloyd Webber, sondern?

Lucy McEvil: Ein Stück von Copi, das ist der Künstlername des argentinischen Comiczeichners Raúl Damonte Botana, eine bitterböse Satire über die letzten Tage von Evita im Führerbunker. Draußen sind schon die trauernden Massen und sie ist mit ihrem völlig dementen Mann Perón – so wird er von Hubsi angelegt -, einer zwielichtigen Figur, die anscheinend ihr Liebhaber, aber auch Minister ist, einer Krankenschwester und ihrer Mutter eingekesselt. Mein erster Satz, mein Auftritt, beginnt mit: „Scheiße, wo ist meine Staatsrobe?“ Und von da an geht’s eineinhalb Stunden bergab. Sie tyrannisiert alle bis aufs Blut. Copi hat hier mit dem Perónismus abgerechnet, mit seiner Diktatur, mit dem Kult um die Ikone Evita; er und ich sehen sie berechnend, grausam, egoistisch, skrupellos. Ich habe mich da auch eingelesen, recherchiert. Maria Eva Duarte war ja ein ziemliches Früchtchen, ist zeitweise sogar auf den Strich gegangen, und ging so nach Buenos Aires, um es an die Spitze zu schaffen. Dass es gleich die Staatsspitze war, na ja gut … Sie hat alle umbringen lassen, die das Vorleben von Santa Evita kannten. Bei Copi jedenfalls bringt sie am Ende die Krankenschwester um, richtet sie als Evita her und lässt sie einbalsamieren. Ihr Krebs war nur ein Fake, sie geht mit ihren Millionen in die Schweiz, um ein neues Leben anzufangen.

MM: Irre!

McEvil: Nicht irre genug. Es gab tatsächlich zwei Tourneen mit dem einbalsamierten Leichnam, die tote Evita reiste durch Argentinien. Bei der zweiten soll ihr Körper verschwunden, geklaut worden sein. Die Sache ist bis heute nicht geklärt. Keine Ahnung, ob und wer in ihrem Grab liegt.

MM: Wie seid ihr auf Copi gekommen?

McEvil: Hubsi hat ihn schon in den 60er-Jahren kennengelernt. Er war eine total schillernde Figur, ein Nachtvogel. War nach Paris emigriert, um dort als Schriftsteller, Dramatiker und Zeichner zu arbeiten. Er hat für Le Nouvel Observateur oder Libération gearbeitet, hat aber auch sehr viele Theaterstücke geschrieben. Nur hat seine Witwe nur dieses eine zur Aufführung freigegeben. Das Stück ist ein Todesstakkato. Ohne Musik! Wenn man Sinn für schwarzen Humor hat, kann man sich bestens unterhalten.

MM: Von Diva zu Diva: Haben Sie Ähnlichkeiten zu Evita entdeckt?

McEvil: Ja, meine Besetzung macht ja Sinn. Wenn Faye Dunaway in „Mommie Dearest“ Joan Crawford spielt macht das Sinn. Katja Riemann als Marlene Dietrich macht keinen. Das heißt: Die eigene Künstlichkeit, die Attitüde, die „Abgehobenheit“ muss mit der Rolle zusammenstimmen, sonst passt’s nicht. Evita ist larger than life. So wie ich. Sie hat sich auch äußerlich einer völlig Verwandlung, einer Maskerade, unterworfen, sich inszeniert, um Frau Perón zu sein. Auch da treffen wir einander. Ich sehe auch um sieben Uhr Früh in der Küche nicht aus, wie jetzt. Charakterliche Parallelen gibt es nicht. Kurosawa sagte, man spielt am besten, was man hasst oder liebt. Und ich liebe Evita nicht. Sie ist mir als Diktatorengattin absolut verhasst – deswegen kann ich sie auch gut darstellen. Auf der Bühne böse sein, macht wahnsinnig Spaß. Privat bin ich ja eine ganz Liebe. Dass ich die zierliche, liebenswerte Lilly Prohaska, die Evitas Mutter spielt, würgen muss, halte ich fast nicht aus. Ich mag Spitzzüngigkeit, aber keine bitteren Menschen.

MM: Sie sind Autodidaktin?

McEvil: Mit dem Begriff ist es so eine Sache. Ich habe nie an einer Schauspielschule „Romeo, warum bist du Romeo?“ vorgesprochen, aber ich habe im Zuge meiner Karriere bei ein paar ganz Großen gelernt, habe mir in der Praxis mein schauspielerisches Instrumentarium erarbeitet. Man geht nicht von Null auf Hundert. Mein Weg war halt learning by doing. Außerdem bin ich sehr fleißig, knie mich sehr rein, wenn ich etwas erreichen will. Ich hatte ein einziges Mal eine Audition. Frage nicht! Ich sage nur: Ich war ein Hingucker. Ich BIN ein Hingucker.

MM: Erfahrungen mit der Besetzungscouch?

McEvil: Ich kriege Rollen nur, wenn ich nicht mit dem Produzenten schlafe. Ich habe die Zersetzungscouch.

MM: Bei dem Sexappeal?

McEvil: Danke erstmal. Ich arbeite auch hart daran. Ich wollte immer Sexappeal haben, keine Karikatur sein. Ich arbeite mit allen Mitteln, wie ich’s aber genau mache, könnte ich gar nicht sagen. Ich bin, was das betrifft, offenbar ein Naturtalent. In den 80er-Jahren ist es am Theater für Frauen unmodern geworden, mit Sexappeal zu spielen. Und dieser Tendenz musste ich unbedingt etwas entgegenhalten. Dieser Naturalismus hat sich bis heute gehalten, deshalb ist die Rolle der Femme fatale auch schwer zu besetzen. Ich kenne Kolleginnen, die bis 40 Mädchenrollen spielen und dann nahtlos ins Omafach wechseln. Die reife, erotisch gefährliche Frau ist fast nicht zu finden. Deswegen habe ich auch so gerne die Mrs. Cheveley in Oscar Wildes „Der ideale Gatte“ gespielt.

MM: Lassen Sie uns auf sieben Uhr Früh in der Küche zurückkommen. Sie haben ein paar geheime Leidenschaften, die gar nicht zum Image passen. Und damit meine ich nicht den Gin Tonic.

McEvil: Was für die Queen Mum gut war, kann auch für diese Queen nur bestens sein. Aber ich weiß, worauf Sie anspielen: Meine häuslichen Qualitäten, die ich in meiner Villa Valium auslebe. Ich habe eine Vorratshaltung wie eine Nachkriegshausfrau. Mein Keller ist voll mit Senf, Gemüse, Likör, Marmelade. Ich koche auch irrsinnig gern, das ist der Ausgleich zu meinem doch mitunter sehr hysterischem Berufsleben. Ich stricke auf der Probe und beim Drehen, wenn ich nicht dran bin. Da bin ich mit dem Hirn beim Text und die Hände arbeiten selbstständig. Ich habe mir bei den Oscar-Wilde-Proben ein ganzes Kleid gestrickt. Es ist eine Fehlannahme, dass Gestricktes bachen ausschauen muss.

MM: Wenn Sie sich etwas wünschen könnten für ihr Berufsleben. Was wäre das? Fernsehkommissarin?

McEvil: Darüber denke ich nicht nach. Ich habe das Glück, dass mir immer Sachen passieren. Ich kümmere mich nie aktiv um etwas. Ich will nichts unbedingt spielen, sollen doch die anderen sagen, worin sie mich sehen wollen. Ich will nur, dass das, was ich mache, nachhaltig ist. Und nicht völlig verpufft.

http://3raum.or.at/

www.ateliertheater.net

Wien, 3. 10. 2014