Streaming: Omar Sy ist „Lupin“

Januar 10, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ziemlich bester Gentleman-Gauner

Assane Diop und das „Collier der Königin“: Omar Sy. Bild: © Emmanuel Guimier / Netflix 2021

Wer sagt, nur die Briten könnten Krimiklassiker mit Karacho für die Gegenwart aufmotzen? Nach Sherlock Holmes tun’s nun die Französen mit Arsène Lupin, dem Gentleman-Gauner, dessen Abenteuern Autor Maurice Leblanc zwischen 1905 und 1935 zwanzig Romane, zwei Theaterstücke und etliche Kurzgeschichten widmete. Seit 8. Jänner streamt Netflix die ersten fünf Folgen der zehnteiligen Original-Serie „Lupin“ von

Regisseur Louis Leterrier, er bekannt für die „Transporter“-Reihe und „Die Unfassbaren“. In die Rolle des eleganten und gebildeten Meisterdiebs schlüpft, unter Weglassung von Zylinder und Monokel, Filmstar Omar Sy, hierzulande vor zehn Jahren berühmt geworden als geschmeidig-spitzbübischer Driss im Kinohit „Ziemlich beste Freunde“, die Tragikomödie, die danach die Kammerspiele der Josefstadt zeigten (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=7921) – nun spielt der erste nicht-weiße César-Preisträger einen gewitzten Lupin 2.0 namens Assane Diop, der wie er seine familiären Wurzeln im Senegal hat.

Dies das satirisch-komödiantische Atout bei allen von Assanes Coups, gezückt aus dem Rassismus und den Ressentiments gegen Afroeuropäer, dass nämlich „die“ für „uns“ alle gleich aussehen, oder wie Assane über die besseren Herrschaften sagt: „Sie sehen mich, aber sie schauen mich nicht an“ – und so gelingen dem charmanten Schlitzohr und Coureur ungeahnte Täuschungsmanöver in Verkleidungen vom reichen Geschäftsmann bis zum – freiwilligen, da Informationen einholenden – Gefängnisinsassen. Das Schattendasein, in das die Gesellschaft „seinesgleichen“ zwingt, ist für Assane das beste Versteck zum Entwerfen seiner Geniestreiche.

Die Kriminalisierung von Migranten, das ist das Schicksal von Assanes Vater Babakar, dargestellt vom ivorischen Theaterschauspieler und -regisseur Fargass Assandé, er seit Kurzem Chauffeur im noblen Haushalt der Pellegrinis. Schon diese erste Szene ist bezeichnend: Madame, der im Regen der Wagen absäuft, kennt „den Neuen“ noch nicht und verriegelt, als dieser zu Hilfe eilt, voll Panik vorm schwarzen Mann die Autotür. Später wird Monsieur den wie Dreck behandelten „Diener“ des Diebstahls eines Colliers der Marie Antoinette bezichtigen – eine Straftat, an der keiner zweifelt, weil eh schon wissen …

Nächste Generation Lupin-Fan: Etan Simon als Assanes Sohn Raoul. Bild: © Emmanuel Guimier / Netflix 2021

Meister der Verkleidung …: Omar Sy als reicher Geschäftsmann. Bild: © Emmanuel Guimier / Netflix 2021

… und als Entfesselungskünstler im Gefängnis: Omar Sy. Bild: © Emmanuel Guimier / Netflix 2021

Pellegrini linkt Assanes Vater Babakar: Fargass Assandé und Hervé Pierre. Bild: © Emmanuel Guimier / Netflix 2021

Doch ein Versicherungsbetrug, wie man in den Rückblenden sieht, das darf man verraten, weil daran Assanes Motive geknüpft sind. Der Vater erhängt sich in der Zelle, dies Assanes Jugendtrauma, ein anonymer Mentor (!) übernimmt die Kosten für seine Ausbildung in erlesenen Privatschulen. Die Karriere als Langfinger in die Taschen jener, die’s auch verdienen, beginnt, und als das Schmuckstück wie von Zauberhand wiederauftaucht und im Louvre versteigert werden soll, beschließt er das „Collier der Königin“ zu entwenden, um es den hochtrabenden Pellegrinis heimzuzahlen und seinen Vater zu rächen.

Ein Job als Reinigungskraft, die Kollegen alle „des Enfants immigrés“, ist fürs Abstauben der grandiosen Art ideal. Es war Babakar, erfährt man, der seinem wohlerzogenen Teenagersohn Assane einst den ersten Arsène-Lupin-Roman aus der Bibliothèque Pellegrini schenkte und ihn damit auf den richtigen „falschen Weg“ brachte – jedenfalls: dem alten Hubert Pellegrini, Comedie-francaise-Mitglied Hervé Pierre herrlich als Unsympath über dem der Pleitegeier kreist, stehen bald die Haare zu Berge.

Erstaunlich ist, dass sowohl Pellegrini-Tochter Juliette, Clotilde Hesme, der er sich zu erkennen gibt, als auch der den Vater hinter Gitter gebracht habende korrupte Inspecteur Dumont, Vincent Garanger, mit ersterer hatte er mal eine Affäre, zweiteren entführt er zwecks Wahrheitsfindung, Assane decken. Jener polizeiliche Ermittler und Leblanc-Fan, Soufiane Guerrab als tollpatschiger Youssef Guedira, der beim Zusammensetzen der straffälligen Puzzleteile als einziger erkennt, dass alle Decknamen des Täters Arsène-Lupin-Anagramme und seine Verbrechen ähnlich dessen sind, wird von den Kollegen verlacht und verspottet – et voilà! 

Louis Leterriers intelligente Neuinterpretation des bekannten Stoffes kann auch Aktion. Aberwitzig ist eine Verfolgungsjagd per Fahrrad durch den Jardin du Luxembourg oder ein Illusionisten-Trick mit Handschellen und ein „die sehen alle gleich aus“-Platztauschen des Entfesselungskünstlers mit dem echten Knacki. Ins Spiel kommt neben dem Original eine Fälschung des diamantenen Halsbands, eine investigative Journalistin, Anne Benoît als Fabienne Beriot, die Pellegrini wegen ihrer Recherchen vor Jahren beruflich ruiniert hat, und die nun nach anfänglichem Zögern beschließt, ihr Wissen mit Assane zu teilen.

Familienausflug mit der Ex: Ludivine Sagnier als Claire. Bild: © Emmanuel Guimier / Netflix 2021

Assane verhört den entführten Inspecteur Dumont: Vincent Garanger. Bild: © Emmanuel Guimier / Netflix 2021

Sie weiß um Pellegrinis Verbrechen: Anne Benoît als Journalistin Fabienne. Bild: © Emmanuel Guimier / Netflix 2021

Dreharbeiten am Originalschauplatz Louvre: Omar Sy. Bild: © Emmanuel Guimier / Netflix 2021

Sowie Assanes Familie, seine Ex-Frau Claire und sein Sohn und Lupin-Lehrling Raoul, genannt nach Arsènes zweitem Vornamen, Ludivine Sagnier und Etan Simon, zwei auf die Assane bei seinem Rachefeldzug allzu oft vergisst, weshalb Claire den Meister- für einen unzuverlässigen Tagedieb hält. Es wird Raoul sein, der für jenen Cliffhanger sorgt, der das gespannte Warten auf die nächsten fünf Folgen zermürbend macht …

Bis zu deren Ausstrahlung, abgedreht sind sie bereits, gilt es sich am spektakulären – und übrigens tatsächlich vor Ort im Museum gedrehten – Juwelenraub im Louvre zu erfreuen. Wie auch bei „Sherlock“ sind für Connaisseurs die Bezüge zu den Fällen der literarischen Vorlage klar erkennbar – von Leblanc gibt es beispielsweise wirklich eine Geschichte mit dem Titel „Das Collier der Königin“, aber eben mit viel Feuer, schnellen Schnitten und technischem Schnickschnack – Assane agiert von einer Art Bathöhle aus – modernisiert. Angenehm altmodisch dagegen wirken des Filmteams Verzicht auf Blutorgien und Gewaltexzesse – Köpfchen bedeutet hier alles.

Aus der Prämisse von Assanes Inspiration durch Arsène gewinnt die Serie jede Menge kurzweiliges erzählerisches Kapital, Omar Sys Tonfall ist beschwingt und humorvoll, der heutige Lupin so charismatisch und stylisch wie der von anno dazumal, und selten zuvor hat man einen Schwerenöter so leichtfüßig sündteure Sneaker zu ebensolchen Anzügen kombinieren sehen. Mit einem Wort: „Lupin“ ist großartige Hochglanz- unterhaltung für Lockdown-Tage. Mit kleinen Seitenhieben auf die Reichen, Mächtigen und Alltagsrassisten.

Trailer dt./fr.: www.youtube.com/watch?v=2s9OAWt9vCM            www.youtube.com/watch?v=gCmuYqeeNpc           www.netflix.com

  1. 1. 2021

Ein Ärzteroman-Lesemarathon aus den Homeoffices

April 16, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTINGER

Kabarettisten fordern „Noch eine Chance für Bettina“

Bild: © Ronny Tekal

Nach der virtuellen Lesung von Albert Camus‘ „Die Pest“ mit den Rabenhof-Allstars (siehe: www.mottingers-meinung.at/?p=39026) folgt nun ein weiterer Klassiker der Weltliteratur – der im Jahr 1970 im Bastei-Lübbe-Verlag erschienen ist. Für all jene, denen Camus zu schwer und die Pest zu schwarz ist, stellt Autorin Gitta von Bergen ihre Protagonistin Bettina ins Zentrum ihres kleinen Romans voll Liebe, Schmerz und – vielleicht– auch einem Happy End. Ronny Tekal und Norbert Peter aka die Medizinkabarettisten Peter&Tekal haben befreundete Kolleginnen und Kollegen zum Vortrag gebeten, und das Line-up der Mitwirkenden kann sich sehen lassen.

Mit dabei sind: Lukas Resetarits, Mike Supancic, Paul Pizzera, Klaus Eckel, Stefan Jürgens, Joesi Prokopetz, Ludwig Müller, Nadja Maleh, Fifi Pissecker, Angelika Niedetzky, Pepi Hopf, Günther Lainer, Werner Brix, Fredi Jirkal, Gerold Rudle, Monica Weinzettl, Sabine Petzl, Tini Kainrath, Omar Sarsam, Dieter Chmelar, Birgit und Nicole Radeschnig, Gerald Fleischhacker, Robert Blöchl von Blözinger, die Gebrüder Moped Martin Strecha und Franz Stanzl, Kernölamazone Caro Athanasiadis, Tricky Niki

Sedlak, Markus Hauptmann, Andy Woerz, Harry Lucas, Clinic-Clown-Gründer Roman Szeliga, Robert Mohor, Markus Richter, Uschi Nocchieri, Patricia Simpson, Norbert Peter, Ronny Tekal und Frau Kratochwill, Lydia Prenner-Kasper, Christoph Fälbl, Anja Kaller, Alex Kröll, Martin Kosch, Stefan Haider, Alexander Sedivy, Barbara Balldini und Guido Tartarotti.

Bild: © Ronny Tekal

Bild: © Ronny Tekal

Zu hören kostenlos ab 17. April, 17 Uhr. Dass sich ein gewisser Humor aus der Schere zwischen vortragender Ernsthaftigkeit und Inhalt ergibt, liegt in der Natur der Sache Groschenroman. Die Einblicke, die ein erster Trailer bietet, sind jedenfalls Weltklasse.

Trailer: youtu.be/6_Wo7STW8bg          Mehr Infos: www.facebook.com/petertekal               www.medizinkabarett.at

16. 4. 2020

Wiener Festwochen: نت أنتظر ُ ينما ك / Während ich wartete

Mai 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Albtraum ein Leben

Ein poetischer Seifenblasenversuch, Salma zu trösten: Reham Al Kassar räumt die Wohnung von Taym. Bild: Didier Nadeau

Entlang einer Familiengeschichte erzählen sie vom Schicksal eines ganzen Volkes, schildern sie den Zerfall des Staates Syrien. Berichten davon, wie sich eine Zivilgesellschaft selberermächtigte, und sich gegen Diktator Baschar Al-Assad erhob. Beschreiben sie, wie die Geheimdienstgewalt gegen die Demonstranten zu einem erbittert geführten Krieg wurde, und bald auch zu einem Stellvertreterkrieg auf internationaler Politebene. Von allen Seiten zurrt und zerrt es an Syrien, diesem Schreckensszenario aus Folter, Vertreibung und Tod, in dem die Menschen zwischen Assads Militärfaschismus, dem Staatsterror, und dem religiösen Faschismus der IS und ähnlicher Terrorgruppen hin und her geworfen werden …

Seit der Uraufführung von „Während ich wartete“ im vergangenen Jahr beim Kunstenfestival in Brüssel war viel über Stück und Inszenierung von Dramatiker Mohammad Al Attar und Regisseur Omar Abusaada zu lesen. Nicht aber, dass es sich dabei um eine mitreißende, hinreißende Tragikomödie handelt. Ja, es darf gelacht werden, offensichtlich, das begreift man sogar mittels der übersetzenden Übertitel.

Und in Beobachtung des zahlreich im MQ erschienenen arabisch sprechenden Publikums, das an der einen und anderen Dialogstelle vor „politisch unkorrektem“, ergo versucht leise zu haltendem Kichern fast birst. Der syrische Witz, sein Sarkasmus und seine Hinterfotzigkeit, „Galgenhumor“ ist an dieser Stelle ein zu realistisches Wort, möge er nicht im europäischen Bierernst (denn die Produktion tourt und tourt und tourt) untergehen.

Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Komapatient. Taym. Er wurde mit schwersten Kopfwunden in seinem Wagen gefunden, die Geheimpolizei sagen die Mutigen, ein missglückter Drogendeal sagen die Mutlosen, und nun versammelt man sich um sein Intensivstationsbett, all seine Lieben und weniger Lieben, aber man weiß ja, was sich gehört. Klar, dass in so einer Situation die Emotionen hochgehen, die Mutter ist die typische Glucke, die Schwester sah sich veranlasst aus dem sicheren Beiruter Exil, in das sie schon emigrieren konnte, zurückzukehren, Tayms Freundin wird sowieso, weil familienfremd, angefeindet.

Bei all dem ist Taym live dabei, mittendrin, ein Geist, sein Geist, der sich zwischen den Familienmitgliedern bewegt, sie berührt, sie spüren das und streifen ihn weg wie eine lästige Fliege, während Taym sich durch Handzeichen bemerkbar zu machen sucht. Während der zwischen Leben und Tod Schwebende derart bemüht ist „die Ärztin mit den feuchten Lippen“ anzubaggern, werden in seinem Krankenzimmer Konflikte ausgetragen. Während er sich fragt, warum er plötzlich spricht/denkt wie seine Englischkurs-CD stellt sich heraus: Jeder hatte ein Geheimnis mit Taym. Und er selbst das größte – einen Dokumentarfilm, der, wie das Stück, die Keimzelle Familie mit der Missgeburt Syrien verbinden sollte.

All das ereignet sich auf zwei Ebenen: Auf der Spielfläche die reale Familienfabel, oben auf einer Art Freiluftkinogerüst führt Taym, wenn er nicht gerade unten unter den Seinen weilt, die Schnipsel seiner Handyfilme vor, und ein DJ erzählt von der Suche nach immer neuen Fronten. In immer neue Charaktere schlüpft er, der erschreckendste Charakter von allen, ein „echter“ Kämpfer, ein Überlebender der Folter-Gefängnisse des Regimes, der in den Bürgerkrieg zurückkehrt und sich nacheinander der Freien Syrischen Armee, der Al-Nusra-Front und dem IS anschließt. Dann die Nervenkrise: Der IS massakriert mit denselben Mitteln wie Al-Assads Schergen. Nun wird er DJ, ein Sound-Sammler, der den Klang des Krieges dokumentiert. Auf Folter- folgen Popsessions kaum auszuhalten ist das. Mohamad Al Refai und Mustafa Kur sind die grandiosen Darsteller und Live-Musiker im „ersten Stock“.

Komapatient Taym arbeitet an seiner Filmdoku über den Krieg … Bild: Didier Nadeau

… und der DJ über den Dächern von Damaskus begleitet ihn. Bild: Didier Nadeau

Alle Darsteller sind mit Verve bei der Sache. Nanda Mohammad ist als Schwester Nada eine mittelschwere Business-Tussi. Erst im Film auch über sie erklärt sich, wie sie von der Sprachlosigkeit ihrer Familie (Mädchen sind ängstlich irritiert, wenn ihr Körper mit der Pubertät interagiert und suchen Antworten auf ihre Fragen) zur Sicherheit des Hidschāb-Tragens kam, und dann wieder weg davon – in die Wahlmöglichkeit des Libanon. Reham Al Kassar ist als Tayms Freundin Salma eine an einen halben Leichnam gefesselte junge Frau; poetisch eingehüllt in ein Seifenblasenmeer versucht er sie zu trösten. Die große Hanan Chkir macht die Mutter. Ihre endlose Seelenqual: Der mittlerweile verstorbene Familienvater hatte sich ohne ihr Wissen ein zweites Mal verheiratet – welch eine Schmach, die Kairoer Schlampe. Wie sie in Mitbringerschaft eines Topfes gefüllter Weinblätter so vehement an die Tür bumpert, dass alle überzeugt sind, die Razzia steht draußen, das ist die wohl meist belachte und applaudierte Szene des Abends.

Der nächste nämlich wird schon gesucht, Osama, Tayms Freund und hauptberuflicher Nihilist, dem man wohl irgendwann etwas wie Talent bescheinigt hat, und der nun im Spital verstohlen und schlecht Gitarre spielt. Mohammad Al Rashi ist fabelhaft in dieser Rolle, und in einer Fast-Sex-Szene mit Nada. Und während sich Nada tief und tiefer in die Abgründe der Famile abseilt (war der Vater verstrickt in Geschäfte mit den autoritär regierenden Assads?), ist für ihn die größte Freiheit, sein persönliches Menschenrecht – ein frischgedrehter Joint. Hasch Hasch Eye To Eye. Als der Schauspieler Al Rashi sinngemäß sagt: Wohin soll ich flüchten? Ich flüchte lieber in meinen Traum, statt in die Ungewissheit jenseits der Grenze!, murmelt die Sitznachbarin:ولذلك فمن. So ist es. Überhaupt kommen seine abgeklärten Bonmots im Saal bestens an.

Die Familie sieht erstmals Tayms Film: Mohammad Al Rashi, Hanan Chkir, Nanda Mohammad und Reham Al Kassar. Bild: Didier Nadeau

Es träumt auch Komapatient Taym. Von einer zerschundenen Stadt, Damakus – der Albtraum ein Leben. Er schaut auf seine Welt herab, und weiß, dass er sie nie verlassen wird können. Tot oder halbtot oder lebendig. Jean Ziegler sagt, jeder muss an der Stelle kämpfen, wo die Geburt ihn hingewürfelt hat. Al Attar und Abusaada, beide ehedem künstlerisch beheimatet am universitären Theaterinstitut in Damaskus, machen sich mit dieser Produktion weltweit zu Botschaftern ihres Landes, das nur noch schemenhaft existiert.

Das sozusagen im Koma liegt wie Taym. Beinah die Hälfte aller Syrer sind auf der Flucht. Allen Kurz-Sichtigen sei in den goldenen Löffel graviert, dass die große Mehrzahl von ihnen der Libanon aufnimmt. Als Einführung zum Abend gab es im Foyer eine Stückerläuterung von Kurator Johannes Maile. Er erzählte unter anderem, dass zwei Schauspieler, sie alle Migranten in diversen europäischen Ländern, ausgewechselt werden mussten, weil sie in Frankreich auf ihr Asylverfahren warten und daher nicht ausreisen konnten. Demnächst sollte „Während ich wartete“ in New York gezeigt werden, doch ist noch völlig unklar, ob die Trump-USA ihnen als Muslime eine Einreisegenehmigung erteilen werden. Der Zeit ihre Kunst, den Menschen ihre Freiheit.

www.festwochen.at

Wien, 25. 5. 2017