Sommernachtsgala in Grafenegg

Juni 7, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Und drei Festivaltipps für den Juli

Wolkenturm. Bild: © Andreas Hofer

Wolkenturm. Bild: © Andreas Hofer

2016 feiert Grafenegg sein zehntes Festival. Ein – wenn nicht sogar der – Höhepunkt der Jubiläumssaison steht am 16. und 17. Juni mit der Sommernachtsgala an. Wie jedes Jahr wird auch heuer die Bühne des Wolkenturms zum Treffpunkt für die Weltstars der Klassik. Der Auftritt des walisischen Bassbaritons Bryn Terfel ist ein Rückblick auf die erste Gala, in der er das Publikum mit seiner erdentiefen Stimme begeisterte.

Diesmal steht ihm die junge russische Koloratursopranistin Olga Peretyatko zur Seite. Rudolf Buchbinder, der künstlerische Leiter von Grafenegg, wird als Pianist zu erleben sein. Es spielt das Tonkünstler-Orchester unter seinem Chefdirigenten Yutaka Sado; zu hören sind Werke von Georges Bizet über Jacques Offenbach bis Franz Lehár. Und natürlich endet der Abend traditionell mit einem Feuerwerk zu Edward Elgars „Pomp and Circumstance“. Der ORF überträgt live das Konzert am 17. Juni. Am 25. Juni starten dann die Sommerkonzerte mit ihrem umfangreichen Programm. Drei Empfehlungen für den Juli:

2. Juli, 20 Uhr, Wolkenturm: Von Babelsberg bis Beverly Hills. Marlene Dietrich, die Comedian Harmonists und Lotte Lenya haben die Lieder von Robert Stolz, Werner Heymann und Carl Millöcker zu Welthits gemacht: erotische Eskapaden, champagnerhafte Flirts und viel Melancholie. Die Sopranistin Angela Denoke wird den großen Songs der 1930er- und 1940er-Jahre von „Speak Low“ bis „Frag nicht warum“ neues Leben einhauchen und Werke von Friedrich Hollaender, etwa „Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ und Kurt Weill mit „September Song“ interpretieren – den Stars der Weimarer Republik und den Erfindern des Hollywood-Sounds. Im Prélude stimmen Maria Bill und Krzysztof Dobrek mit Songs von Kurt Weill auf das Abendprogramm ein.

Patricia Petibon. Bild: © Felix Broede DG

Patricia Petibon. Bild: © Felix Broede DG

Angela Denoke. Bild: Johan Persson, ArenaPal, www.arenapal.com

Angela Denoke. Bild: Johan Persson

16. Juli, 20 Uhr, Wolkenturm: Swingin‘ Hollywood. Kein Konzert zum Sitzenbleiben! Wenn Andrej Hermlin mit seinem Swing Dance Orchestra die Meisterwerke von Benny Goodman, Artie Shaw, Jimmy Dorsey, Duke Ellington oder Glenn Miller im authentischen Swing-Stil der 1930er- Jahre anstimmt, wird alles zu Charleston und Lindy Hop. Das Swing Dance Orchestra spielt „Old Man River“, „As Time Goes By“ und „Stormy Weather“ mit Liebe zum Detail: Arrangements, Mikrofone, Instrumente, Pulte und Kostüme entsprechen den alten US-Originalen. Das Orchester war bereits im legendären Rainbow Room des Rockefeller Center und in Filmen wie „Taking Sides“ zu sehen, nun lässt es den Wolkenturm tanzen.

23. Juli, 20 Uhr, Wolkenturm: 1001 Nacht. Märchen erzählen, um dem eigenen Tod zu entkommen, das ist die Geschichte der Scheherazade. In seiner Symphonischen Suite beschrieb Nikolai Rimski-Korsakow die arabischen Nächte und inspirierte damit auch Maurice Ravel. Dessen Liederzyklus ist so betörend wie ein Parfüm und so aufregend wie die Gewürze auf einem Markt. Die französische Sängerin Patricia Petibon wird in diese Zauberwelt eintauchen, begleitet vom jungen Orchester Les Siècles, das für seine authentischen Programme gefeiert wird. Burgschauspielerin Mavie Hörbiger liest zuvor im Prélude aus „1001 Nacht“.

Das gesamte Programm der Jubiläumssaison 2016: www.mottingers-meinung.at/?p=15830

www.grafenegg.com

Wien, 7. 6. 2016

Staatsballett in der Volksoper: Die Schneekönigin

Dezember 4, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Michael Corder treibt Andersens Märchen auf die Spitze

Olga Esina Bild: Johannes Ifkovits/Volksoper Wien

Olga Esina
Bild: Johannes Ifkovits/Volksoper Wien

Am 8. Dezember findet mit Michael Corders abendfüllendem Ballett „Die Schneekönigin“ die erste Saisonpremiere des Wiener Staatsballetts in der Volksoper statt. Mit seinem dreiaktigen Ballett, frei nach dem Märchen von Hans Christian Andersen, stellt sich der Londoner Regisseur und Choreograph nicht zuletzt auf Grund seiner Musikauswahl – Sergej Prokofjews letzte Ballettmusik „Die steinerne Blume“ und weitere Werke, neu arrangiert von Julian Philips – ganz in die „russisch-britische“ Entwicklungslinie des Handlungsballetts und legt einen Märchentanz vor, der sich vergleichbar dem „Nussknacker“ und dabei vor allem mit seiner beherzigenswerten Botschaft gleichermaßen an Jung wie Alt wendet: Die berührende Geschichte von Gerda und Kay feiert die Liebe als Lebenskraft, die wegen ihrer Beständigkeit und verbunden mit der mitfühlenden Gabe zu verzeihen, über die selbstsüchtige Schneekönigin triumphiert.

„Ich denke meine Produktion ist sehr opulent. Sie führt uns von Kays Dorf über die Zigeuner- bis in eine magische Welt,“ sagt Corder, der Spezialist für Ballette im klassischen Stil, im Interview. „Es wird mit Sicherheit keine Zweifel daran geben, dass die Zuschauer ein Tanzspektakel erleben werden.“ Eineinhalb Jahre hat Corder an der Umsetzung seiner ihn schon ein halbes Leben lang begleitenden Idee gearbeitet. Nun freut er sich zum ersten Mal in Wien zu sein: „Weil Wien eine der wichtigsten Kulturhauptstädte der Welt ist, und weil das Publikum hier virtuosen Tanz zu schätzen weiß.“ Die Schneekönigin ist für ihn „eine aufregende und erotische Frau, aber auch der Tod – wie es der Winter eben ist: in Momenten schön, in anderen aber gefährlich. Simpler gesagt, wer Eislaufen gehen will, muss sich warm anziehen,“ lacht Corder.

Die detailreiche Ausstattung des Ballettabends, darunter der bezaubernde Eispalast, stammt von Mark Bailey. Es dirigiert Martin Yates; es tanzen Olga Esina/Schneekönigin, Davide Dato/Kay, Alice Firenze/Gerda, Ketevan Papava/Zigeunerin und Mihail Sosnovschi/Zigeuner.

www.wiener-staatsballett.at

www.volksoper.at

Wien, 4. 12. 2015

Wien modern: Pop.Song.Voice.

Oktober 28, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Programmtipps von Klaus Nomi bis Nali Gruber

Arturo Fuentes Bild: © Stefan Fuhrer

Arturo Fuentes
Bild: © Stefan Fuhrer

Wien modern, das Festival für Musik der Gegenwart, steht dieses Jahr ganz im Zeichen von Pop.Song.Voice. Von 5. bis 28. November finden an 16 Spielorten an die 50 Veranstaltungen statt; der künstlerische Leiter Matthias Lošek, der das Spektakel heuer zum letzten Mal verantwortet, verabschiedet sich mit einem gekonnten Mix aus zeitgenössischer Musik und Popkultur.

Drei Tipps aus dem umfangreichen Programm:

Manuela Kerer und Arturo Fuentes präsentieren die gemeinsame Uraufführung eines satirischen Musiktheaters: Whatever Works von Dimitré Dinev zeigt ab 7. November im Rabenhof Theater, wie man Katastrophenhilfe zur Karrierehilfe umfunktionieren kann und was man dazu braucht: Drei Staatslimousinen, deren Chauffeure Hilfsgüter in die Dritte Welt transportieren, für die dort niemand Verwendung hat, und einen Chor, der regelmäßig den Applaus für die sinnlosen Taten zweier Karrierefrauen abliefert. Michael Scheidl inszeniert, Simeon Pironkoff dirigiert. Es singen u. a. Shira Karmon, Stefan Bleiberschnig und PHACE.

Ein Countertenor aus dem All: Olga Neuwirths Hommage à Klaus Nomi, eine Uraufführung der komplettierten Kammerorchesterfassung am 9. November im Musikverein, ist eine musikalische, aber auch biografische Auseinandersetzung mit dieser einzigartigen Persönlichkeit. Mit ihrer unverwechselbaren Klangsprache und eigenen Ästhetik nähert sich die Komponistin den Songs von Klaus Nomi und lässt die Zuhörer in dessen extrovertierte, hyperstilisierte Welt eintauchen. Neuwirth stellt Stimme und Pop ins Zentrum, präsentiert vom britischen Countertenor Andrew Watts und dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Cornelius Meister.

Am 15. November gestalten die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Erik Nielsen im Wiener Konzerthaus einen Abend mit Werken von HK Gruber und Johannes Maria Staud. Für „In into the open …“ bindet Nali Gruber das Schlagwerk von Colin Currie dicht in den Orchesterklang ein, konzentrierte Klänge, die Widerhall im Orchester finden und neue Klangfarben entstehen lassen. Sie prägen das Werk, das dem Andenken an den Verleger und Musikwissenschafter David Drew gewidmet ist. Stauds Diptychon „Zimt“ geht auf die geheimnisvolle Welt des Dichters Bruno Schulz zurück und spürt den verwunschenen Gärten, labyrinthartigen Dachböden und dem Gassengewirr seiner Texte musikalisch nach.

Das gesamte Programm: wienmodern.at

Wien, 28. 10. 2015

Theater an der Wien: American Lulu

Dezember 4, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Olga Neuwirth schreibt Alban Berg neu

Szene mit Marisol Montalvo (als Lulu), Jacques-Greg Belobo (als Clarence, vorne) und Ensemble Bild: Iko Freese/drama-berlin.de

Szene mit Marisol Montalvo (als Lulu), Jacques-Greg Belobo (als Clarence, vorne) und Ensemble
Bild: Iko Freese/drama-berlin.de

Alban Berg hinterließ 1935 Lulu ohne den dritten Akt. Friedrich Cerha durfte 1979 auf der Basis von Bergs Skizzen eine „vollständige“ Version konstruieren, die bislang die einzige Möglichkeit darstellte, das Stück ganz zu erleben. Seit 2005 sind die Rechte an Bergs Musik frei und die Komponistin Olga Neuwirth beschloss, einen neuen weiblichen Blick auf die „mythische Frauengestalt“ zu werfen. Um den Geschehnissen mehr gesellschaftspolitische Relevanz zu verleihen, versetzte sie Lulus Schicksal in das Amerika der 1950er und 1970er Jahre. Neuwirths Lulu ist schwarz. Zum Thema der Frauendiskriminierung tritt das der Rassendiskriminierung dadurch hinzu.

Premiere ist am 7. Dezember.

Im New Orleans der 1950er Jahre hat Dr. Bloom die schöne junge Schwarze Lulu aus der Gosse geholt und zu seiner Geliebten gemacht. Er möchte sich jedoch nicht zu ihr bekennen und verheiratet sie an einen Professor. Als sie diesen mit einem Fotografen betrügt, stirbt der Professor an einem Schlaganfall. Auch die anschließende Ehe mit dem Fotografen endet für den Gatten tödlich: Er erschießt sich, als er das Verhältnis Lulus zu Bloom durchschaut. Danach gelingt es Lulu, Bloom zu heiraten, denn nur ihn glaubt sie wirklich zu lieben, aber auch ihn betrügt sie. Im daraus entstehenden Streit erschießt sie Bloom und muss ins Gefängnis.
Auch Frauen verfallen Lulus Charme: Die Sängerin Eleanor liebt sie und befreit Lulu unter großen persönlichen Opfern aus dem Gefängnis. Mit Blooms Sohn Jimmy flieht Lulu nach New York. Dort arbeitet sie bis in die 1970er Jahre erfolgreich als Luxuscallgirl, aber in ihr sterben alle Gefühle ab. Als auch Eleanor sie verlässt, sieht sich Lulu allein den Konsequenzen ihres Berufs ausgeliefert.

Zur Heldin wird in Neuwirths Oper neben Lulu die zweite weibliche Figur Eleanor, Bergs Gräfin Geschwitz. Verkörpert wird diese von der texanischen Bluessängerin Della Miles, die unter anderem neben Whitney Houston und Marius Müller-Westernhagen auf der Bühne stand. In der Titelrolle ist Marisol Montalvo zu erleben, die mit ihrer explosiven Bühnenpräsenz und gesanglichen Stärke in der Titelpartie von Bergs Lulu unter anderem das Opernpublikum der Opéra national de Paris begeisterte. Die musikalische Leitung übernimmt der Komponist und Dirigent Johannes Kalitzke, ein herausragender Künstler in Sachen Neuer Musik, der zuletzt mit der Uraufführung seiner Oper Die Besessenen (2010) am Theater an der Wien zu erleben war. Es spielt bei diesem Gastspiel das Orchester der Komischen Oper Berlin. Gesamtkonzept und Neuinterpretation von Alban Bergs Oper „Lulu“ von Olga Neuwirth (2006-2011);  Regie und Ausstattung: Kirill Serebrennikov.

www.theater-wien.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=FMalfG3w8eQ&list=UUX6c0PHxisw54HEz7UG0XHg

Wien, 4. 12. 2014

„To The Wonder“

Mai 31, 2013 in Film

Terrence Malicks jüngstes Filmpoem

Ben Affleck, Javier Bardem Bild: Photo courtesy of Magnolia Pictures

Ben Affleck, Javier Bardem
Bild: Photo courtesy of Magnolia Pictures

Huch, der Mann ist zum Workaholic mutiert. Kaum wurde er für „The Tree of Life“ 2011 in Cannes mit der Goldenen Palme geehrt, legt er schon seinen nächsten Film vor: „To The Wonder“. Das ist deswegen erstaunlich, weil Terrence Malick, hauptberuflich Bildästhet und erst an zweiter Stelle Kinoregisseur und demnächst 70-jährig, in seinem Leben erst sieben Filme (inklusive des Kurzfilms „Lanton Mills“) vorgelegt hat. „To The Wonder“ läuft ab 31. Mai in den heimischen Kinos.

Malick ist so etwas, wie das Phantom der Leinwand, lässt sich nicht fotografieren – zumindest nicht freiwillig -, lässt sich vertraglich zusichern, keine Interviews geben zu müssen, lässt seine Biografie im Dunkeln (angeblich war der Vater iranischer Geologe, aber wer weiß das schon?), hat sich nicht einmal seinen Goldwedel selber abgeholt. 1973 fiel er erstmals auf. Mit dem Roadmovie „Badlands“ über den Serienkiller Charles Starkweather – seine (dem schmalen Budget geschuldet) bisher „schlankste“, geradlinigste Arbeit. Es folgte 1978 „In der Glut des Südens“, ein Dreieckskrimimelodram, bei dem Malick schon beschloss, nur „in den magischen Stunden vor Sonnenuntergang“ zu drehen und die Produzenten damit in den Wahnsinn zu treiben – Nebensatz: Der studierte Philosoph übersetzte Heidegger. Als nächstes machte Malick zwanzig Jahre lang – – – nichts.

Nun also „To The Wonder“. Und wie immer bei ihm geht es um das ewige Warum, die ganz großen Fragen, die naturgemäß unbeantwortet bleiben. Diesmal: Wo geht die Liebe hin, wenn sie geht? Wie lässt sich die Sehnsucht nach ihr stillen? Und Malicks Dauerthema: Wieso zerstört der Mensch seine Mutter, die Erde? Die brillant fotografierten Probleme beginnen diesmal in einem Kaff in Oklahoma, in dem es im Grundwasser Giftrückstände gibt. Der Mann (Ben Affleck), der die Sache untersuchen soll, hat dafür einen Paris-Trip mit seiner Partnerin (Olga Kurylenko) unterbrochen, findet aber in the middle of nowhere seine Jugendliebe (Rachel McAdams) wieder. Die beinah sakrale Suggestivkraft der Bilder spiegelt sich im mexikanischen Priester (Javier Bardem), ebenfalls in Liebensqualen, und zwar in solchen zu Gott. Weshalb sich mit weniger zufrieden geben, als mit Glaubensfragen? Diese exquisite Schauspielstatisterie bevölkert nicht nur die traumhaften Aufnahmen – immer wieder streichelt die Kamera Gräser und Gewässer, verklärt Bisons und Pferde in untergehenden Sonnen -, sondern untermalt auch die Musikauswahl von Bach bis Gorecki, von Berlioz bis Wagner. Dazwischen wird viel geflüstert und geraunt, eine Stimme aus dem Off liest leicht theatralisch Tagebucheintragungen vor.

Es ist, wie es ist: Rudimentär und doch irgendwie überfrachtet. Kino für den Kopf hat das Recht verkopft zu sein. Und so ist alles perfekt choreografiert, ernst und konzentriert, statisch, meditativ. Die Figuren halten einen auf Distanz, ihre Emotionen – wabernd wie in einem Nebel – sind wohl ihre Sache. Aber alle und alles schaut sehr schön aus. Malick ist für den einen ein Ereignis. Für den anderen ein fataler Irrtum. Der Film ist einer, auf den man sich einlassen muss.

www.magpictures.com/tothewonder

Von Michaela Mottinger

Wien, 31. 5. 2013