Theater in der Josefstadt: Die Strudlhofstiege

September 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Totentanz des letzten Überlebenden

Silvia Meisterle als Editha/Mimi Pastré, Martin Vischer als René von Stangeler, Igor Kabus als Fraunholzer, Marlene Hauser als Thea, Alma Hasun als Paula Pichler, Alexander Absenger als Honnegger, Dominic Oley als Eulenfeld, Pauline Knof als Etelka von Stangeler und Matthias Franz Stein als Konsul Grauermann. Bild: Sepp Gallauer

Mit einer Hommage an Heimito von Doderer starten die Wiener Theater in die neue Saison. Bevor kommende Woche Anna Badora am Volkstheater eine Franzobel-Bearbeitung von dessen „Merowingern“ auf die Bühne heben wird, hatte gestern am Theater in der Josefstadt ein weiteres von Doderers „berühmten ungelesenen Büchern der Weltliteratur“ Premiere. So zumindest nennt Nicolaus Hagg „Die Strudlhofstiege“, er, der als Autor für jene Dramatisierung des 900-Seiten-Romans verantwortlich zeichnet, die nun an der Josefstadt uraufgeführt wurde.

Hagg ist ausgewiesener Doderer-Experte. Für die Festspiele Reichenau war er 2009 schon einmal mit dem Monumentalwerk befasst, später auch mit Doderers „Die Dämonen“. Was ihm nun bei der neuerlichen Beschäftigung mit der „Strudlhofstiege“ gelungen ist, ist die Verdichtung der Verdichtung. Hagg macht aus der Vielzahl der raffiniert ineinander verflochtenen, von Zeitsprüngen durchbrochenen, oftmals schwer zu überblickenden Erzählstränge ein konzentriertes Kammerspiel mit etwa einem Dutzend Charakteren, Miniaturen, die er bis ins Detail ausgearbeitet hat. Heißt: Hagg folgt der Vorlage zwar in der Skizzenhaftigkeit ihrer Szenen, versteht es aber gleichzeitig, die eigentliche Handlungsarmut des Buchs bei gleichzeitiger permanenter Innenschau der Figuren stilistisch nachzuformen.

Zusätzlich bedient er sich eines Kniffs, einer Vorblende, mit der er gleichsam genialisch auf das Erscheinungsjahr des Textes, 1951, verweist, und ergo auf Doderers zwischen den Zeilen verborgenes Wissen, auf welch Grauen nach den Romanjahren 1910/11 und 1923/1925 seine Protagonisten zusteuern. Hagg schlägt die Brücke von der Hurra-schreienden Gewaltmentalität anno k.u.k. zum Nationalsozialismus und Doderers eigener NSDAP-Verstrickung. Und so begegnet man Major Melzer, Amtsrat in der Tabakregie, im Jahr 1945. Die Offiziersuniform ist Wehrmacht, Melzer nunmehr Überlebender zweier Weltkriege, ein schwerst Traumatisierter, der die Vergangenheit zum Totentanz bittet. Grete Siebenschein im Konzentrationslager ermordet, Mary K. ebenfalls abgeholt, René von Stangeler Selbstmord aus Überdruss, erfährt man, die ganze Geschichte wie ein Wettlauf zum Tode, bei dem Etelka von Stangeler bekanntlich als erste ankam.

Ein (lebens)müder Melzer und sein guter Geist: Ulrich Reinthaller und Roman Schmelzer als gewesener Major Laska. Bild: Sepp Gallauer

Eine überdrehte Etelka von Stangeler tanzt in ihren Untergang: Pauline Knof und Alexander Absenger als Teddy von Honnegger. Bild: Sepp Gallauer

In der wie stets sensiblen, zartfingrigen, atmosphärisch starken Regie von Janusz Kica gestaltet Ulrich Reinthaller einen Melzer in Stasis. Alles an diesem Mann ist erstarrt, versteinert, reglos geworden. Reinthaller spielt das wie in Trance, der ohnedies entscheidungsunfähige, durchs Dasein mäandernde Melzer wird bei ihm endgültig zur Blassheit in Person, einer, der zum Schluss nicht einmal plausibel machen kann, ob er tatsächlich die Waffe gegen sich richtet oder nicht. Zum Zwiegespräch, zum laut gesprochenen Gedankenaustausch, stellt ihm Hagg den gewesenen Major Laska zur Seite, Roman Schmelzer als im Ersten Weltkrieg gefallener Freund, der Figuren wie Publikum als (guter) Geist durch die Geschehnisse begleitet und Erinnerungen auffrischt.

Dies eine durchaus nützliche Funktion, fühlt man sich zwischen den aneinandergereihten Momenten mitunter doch ein wenig alleine gelassen, mit einem „Wie war?“ und „Wer war?“ im Kopf, Fragen, auf die Schmelzers Laska Antwort weiß. Ist der von Editha Pastré eingefädelte Tabakregie-Betrug die Rückblende, an der Hagg am stärksten interessiert scheint, so führt er neben Melzer René von Stangeler als zweiten Hauptcharakter ein, Doderers Alter Ego, den Hausneuzugang Martin Vischer mit einer Fahrigkeit, fast Verwirrtheit ausstattet, die sein Ende schon vorwegnimmt. Seinen ihn beständig demütigenden Vater, Oberbaurat von Stangeler, gibt Michael König mit der ganzen Dominanz eines Patriarchen.

Als Etelka von Stangeler lechzt Pauline Knof gekonnt nach Freiheit und Freizügigkeit, belässt ihre Figur dabei aber so weit im Gutbürgerlichen, dass man ihr die Schwesternschaft zu Swintha Gersthofers Asta deutlich ansieht. Igor Kabus versucht als Etelkas Geliebter Robby Fraunholzer mit deren Eskapaden mitzuhalten. Matthias Franz Stein trägt als Etelkas Ehemann, Konsul Grauermann, sein Schicksal mit Würde und ab und an mit trockenem Humor. Alma Hasun ist eine sympathisch zupackende Paula Pichler, Marlene Hauser eine zu Herzen gehende Thea.

Zwei der besten darstellerischen Leistungen: Silvia Meisterle als Editha/Mimi Pastré und Dominic Oley als Rittmeister von Eulenfeld. Bild: Sepp Gallauer

Überzeugend in ihrem Spiel: Matthias Franz Stein als Konsul Grauermann, Alexander Absenger als Honnegger und Martin Vischer als René von Stangeler. Bild: Sepp Gallauer

Bleibt das Dreigestirn der Leicht- und Schnelllebigkeit, und damit die drei herausragenden Leistungen dieser Aufführung: Silvia Meisterle, die es meisterhaft versteht, den „Duplizitätsgören“, der „bösen“ Editha und der „braven“ Mimi Pastré, Kontur zu verleihen, und Dominic Oley und Alexander Absenger, die als schlitzohrig-spitzbübische Salonlöwen Rittmeister von Eulenfeld und Teddy von Honnegger immer wieder dafür sorgen, dass der Abend nicht an Fahrt verliert.

Die sinistren sind eben die dankbarsten Rollen und ihnen hat Hagg die besten von Doderers distanziert-ironischen Sätzen mundgerecht aufbereitet, vieles klingt da wie für diese Tage geschrieben, Seitenhiebe auf Politik und Wirtschaftsinteressen, in geschliffener Sprache und voll Wortwitz.

Nach zweieinhalb Stunden ist Ulrich Reinthallers Melzer wieder in seiner 1945er-Gegenwart angelangt und erhebt Klage gegen jene, die zu Hakenkreuze krochen, die den Heiland gegen’s Heil! eintauschten, der Tod von Millionen, und der tote Laska verzeiht ihm nicht, dass er, der schon „ein Mensch“ war, sich wieder zum Soldaten machen hat lassen. Aber ach, Melzer und der ewige Umstand, dass er „eine selbständige Art zu existieren überhaupt noch nicht besessen hat …“

Derart wird „Die Strudlhofstiege“ in der belesenen Bearbeitung von Nicolaus Hagg und der behutsamen Inszenierung von Janusz Kica zur Österreich-Elegie, zur Antenne für eine Tanz-auf-dem-Vulkan-Stimmung, die schon wieder um sich greift. „Wohin geht eine Welt, wenn sie untergeht? Wohin weicht ihr Urgrund? Oder härtet er vielleicht aus in den Menschen, die den Untergang durchleben?“, fragt Nicolaus Hagg. Mit ihrer Saisonauftakt-Premiere beweist die Josefstadt jedenfalls, dass sie gewillt ist, ihr striktes Eintreten für Humanismus und Empathie mit dem Programm 2019/20 fortzusetzen.

Nicolaus Hagg im Gespräch über Doderers Dämonen: www.mottingers-meinung.at/?p=20209

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=4&v=EKGIY-0nfxM

www.josefstadt.org

  1. 9. 2019

Bronski & Grünberg: Exorzist

Februar 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Spuksatire über die Sünde Raffsucht

Elisa Seydel, David Oberkogler, Johanna Prosl, Fabian Krüger, Daniela Golpashin, Serge Falck und Rafael Schuchter. Bild: © Philine Hofmann

Stockduster ist es, und das gespenstische Geräusch ein schweres Keuchen, und selbstverständlich wird sich unter den schemenhaften Gestalten, die über die Bühne geistern, die eine im Nachthemd befinden, die auf den Teppich pieselt. So viel Original muss sein, der Special Effect des Abends sozusagen, weil mit den Kotz- und Kopfdrehmomenten ist es am Theater ohnedies Essig. Doch mit dem Teppich, der im Laufe der Ereignisse noch viel mehr Flüssigkeiten aushalten wird müssen, das 4000 Euro teure Stück, dessen Verschandelung ob seines Preis‘ und Werts noch sehr bejammert werden wird, weist Dominic Oley schon den Weg, den seine Inszenierung im Weiteren einschlägt.

Oley, als Autor wie Regisseur erste Adresse für besten Boulevard, hat im Bronski & Grünberg sehr frei nach dem William-Friedkin-Film dessen „Exorzist“ anders gedacht und weitergeschrieben.

Hat den ernstgemeinten Horror in eine skurrile Spuksatire verwandelt, deren wichtigste Bestandteile Suspense, Slapstick und ein Sexvorfall sind. Der Inhalt reloaded: Ex-Schauspielstar Nanni plagt sich mit ihrer verhaltensoriginellen Tochter Ronaldrea, die mit ihren Anwandlungen nicht nur die Mutter, sondern auch das Haushälterehepaar Karl und Wilma und ihr Kindermädchen Traudl tyrannisiert. Als Nanni wieder einmal eine Party gibt, erscheint der ehemalige Erfolgs-, nun Erotikfilmchenregisseur Puke Darrings, aber auch ein gewisser Pater Dorian Gyros – der von seinem Bischof mit einer besonderen Mission beauftragt wurde.

Wie’s kaum anders sein kann, handelt die Teufelsaustreibung anno Profitgier und Konsumrausch nicht mehr vom altmesopotamischen Pazuzu-Dämon, stattdessen von dem Leibhaftigen, der die Leute heute rotieren und durchschütteln lässt: Geld. Alle hier haben es auf das durch illegale Geschäfte erworbene der Diva abgesehen. Die Angestellten für ein Leben abseits der Allüren der weltfremden Chefin, der Bischof über seinen instrumentalisierten Untergebenen, der eine Großspende einsacken soll, deren karitativer Zweck der Behübschung seines Badezimmers im venezianischen Palazzo dient, Puke, was tatsächlich „Kotze“ heißt, indem er ein von Nanni verfasstes Drehbuch stiehlt, mit dem er endlich wieder einen Leinwandtriumph feiern will.

Das Aufgebot an Abzockern verkörpert das beliebte Bronski-Team: Elisa Seydel und Johanna Prosl als überdrehte Nanni und teenie-aufsässige Ronaldrea, David Oberkogler als selbstverliebter Puke Darrings, Serge Falck und Rafael Schuchter als schmieriger Bischof und bald im doppelten Wortsinn aufrechter Pater Gyros, Daniela Golpashin und Michou Friesz als rachedürstige Traudl und Drahtzieherin Wilma. Den Karl dazu spielt kein geringerer als Burgtheaterschauspieler Fabian Krüger. Oley lässt seine Darsteller im hintergründigen Humor seiner Nonsensedialoge strahlen, alles ist eingestellt, das heißt eigentlich: verstellt, auf Verhören und Versprechen, der Quatsch pointiert durchbrochen durch Gesinnungssätze.

David Oberkogler, Elisa Seydel, Johanna Prosl, Fabian Krüger, Daniela Golpashin und Serge Falck. Bild: © Philine Hofmann

Großartige Komödianten: Johanna Prosl, Michou Friesz, Rafael Schuchter und Serge Falck. Bild: © Philine Hofmann

Etwa wenn Krüger, der sich einmal mehr als Erzkomödiant erweist, Karl Honecker zitiert, bevor er in eine „Publikumsbeschimpfung“ ausbricht, oder die grandiose groteske Friesz erklärt „Mir geht langsam der ideologische Treibstoff aus, wenn ich hier alles alleine machen muss“ – nachdem sie dem Pater sein „Anfängerbettelprospekt“ um die Ohren geschlagen hat. Jede brutale Geste sitzt, die großen wie die kleinen, und wie stets im Bronski & Grünberg ist die Aufführung brüllend amüsant und getroffen von so manchem Geistesblitz. Kaja Dymnicki hat das Bühnenbild, Julia Edtmeier die Kostüme entworfen.

Auch die beiden brillieren in der Detailverliebtheit des passenden Beinah-1970er-Jahre-Ambientes samt Bowleschüssel und Dean-Martin-Schallplatten. Eine der schönsten Finessen ist eine Vogue, die Nanni durchblättert, vorne natürlich sie als Covercelebrity, hinten als Gesicht einer Zigarettenwerbung. Derart geht’s munter dem Ende zu: Der Mutter wird das große Exorzismus-Paket angedreht, das seit den 1880ern niemand mehr bestellt hat, doch im Wasserglas des Paters schwimmt Viagra, so dass dieser statt religiöser Ekstase eine andere Art Erregung erfährt.

Ein Priesterproblem, das der Bischof intern regeln will, und apropos, Intoxikation durch Drogen: Ronaldreas Besessenheit entpuppt sich durch ihr böswillig verabreichte Koffeintropfen ausgelöst. Wie auch immer, die Bekämpfung des Beelzebubs wirkt, jeder fühlt sich plötzlich bemüßigt zu bekennen, der Bischof muss es also sagen: Beichten kosten extra. Gegen die Raffsucht ist offenbar kein Kruzifix gewachsen. Was in diesem speziellen Sündenfall wirklich zum Lachen ist, der „Exorzist“ als Turbokomödie über Turbokapitalismus …

Video: www.facebook.com/watch/?v=493390097861765

www.bronski-gruenberg.at

  1. 2. 2019

Theater in der Josefstadt: Der Bauer als Millionär

Dezember 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geistreich geht’s durchs Geisterreich

Abschied von der Jugend: Michael Dangl und Sopranistin Theresa Dax. Bild: Erich Reismann

Die Drehbühne, eine Seite Feen-, andere irdische Welt, dominiert der Leuchtschriftzug „Geisterreich“, daraus wird, je nachdem welche Buchstaben gerade in Rot erglimmen, ein „geistreich“ oder nur „reich“, dann ein „erreicht“. Eine originelle Idee, die Regisseur Josef E. Köpplinger und Bühnenbildner Walter Vogelweider da hatten, und auch die modernste des Abends. Denn Köpplinger widersteht bei seiner Inszenierung von Ferdinand Raimunds „Der Bauer als Millionär“ am Theater in der Josefstadt jeder Versuchung zur Zwangsaktualisierung.

Bis auf eine Zeitstrophe beim „Aschenlied“, in der Fortunatus Wurzel von grenzenlosem Denken schwärmt und den kalten Wind, der von rechts weht, beklagt, lässt Köpplinger das „romantische Original-Zaubermärchen“ von Querverweisen unangetastet, weder Streikdrohung noch „Sonderbehandlung“ noch Sozialversicherungsreform müssen vorkommen, das ist dieser Theatertage mal was anderes – und offenbar so ungewöhnlich, dass Pausengespräche in die Richtung gingen, ob man das denn eigentlich dürfe.

Doch der derzeitige Chef des Münchner Gärtnerplatztheaters vertraut dem Dichter und dessen ewiggültiger Botschaft vom Geld, das allein nicht glücklich macht, und vertraut auch der Musik von Joseph Drechsler, die ein sechsköpfiges Orchester unter der Leitung von Jürgen Goriup mit Verve umsetzt. Diesem ist einer von zwei Höhepunkten des Abends zu verdanken, wenn Sopranistin Theresa Dax als Jugend ihr „Brüderlein fein“ singt, und sich nicht nur stimmlich auf höchstem Niveau, sondern schauspielerisch, angetan mit einem rosa Bubenanzug, als ein androgynes Wesen von anrührender Zartheit präsentiert. Ebenfalls Szenenapplaus gab es für ihr Pendant, Wolfgang Hübsch als das hohe Alter ein Respekt gebietender, resoluter Mann von Welt, der sich unversehens in einen zynischen, zahnlos scheinenden Mummelgreis verwandelt, sowie er Wurzel die nun anstehenden Zipperlein vor Augen führt. Hübschs trockener Humor, mit dem er seine Figur ausstattet, ist geradezu das Paradebeispiel für die Köpplinger-Handschrift dieser Aufführung.

Lacrimosa und ihre Vertrauten: Alexandra Krismer mit Alexander Strömer, Patrick Seletzky und Tamim Fattal. Bild: Erich Reismann

Hass, Neid und ihr Handlanger: Ljubiša Lupo Grujčić, Martin Niedermair und Dominic Oley. Bild: Erich Reismann

Das hohe Alter hält Einzug bei Fortunatus Wurzel: Wolfgang Hübsch mit Michael Dangl. Bild: Erich Reismann

Den Fortunatus Wurzel spielt Michael Dangl ziemlich deftig. Sein rabiat polternder Neureicher ist ein Bauer geblieben, das Gemüt schlicht, der Verstand verblendet, ein Trinker und Tunichtgut, als Aschenmann beinah ein Ebenbild der Kriehuber-Lithographie, und doch einer, dem man zwar Gebrochenheit und Läuterung, das Happy End aber nur bedingt abnimmt. Während Lisa-Carolin Nemec ein unauffällig-nettes Lottchen ist, gibt Tobias Reinthaller seinem armen Fischer Karl Schilf mit Temperament Kontur. Johannes Seilern macht sich gut als hinterlistiger Lorenz, Paul Matić darf als Habakuk ein Kabinettstück abliefern, dieses in Anlehnung an den Lurch der Addams Family, was ihm einiges an Lachen sichert.

Die Feenwelt nimmt Köpplinger absolut ernst, da wird nichts ironisiert oder karikiert, auch das ein wohltuender Zug an der Aufführung, wenn Alexandra Krismer als Lacrimosa einfach nur eine Mutter ist, die um das Wohlergehen ihrer Tochter bangt. Unter den sie umschwirrenden Geistern verströmt Alexander Pschill als Ajaxerle schwäbelnden Charme, Patrick Seletzky ist als Bustorius ein würdiger Zauberer aus Varaždin. Und weil die Bösen natürlich stets die besten Rollen sind, brillieren Dominic Oley als rotgewandeter Hass, Martin Niedermair als grüner Neid und Ljubiša Lupo Grujčić als deren heimtückisch-komischer Kammerdiener.

Warum Julia Stemberger ausgerechnet als Zufriedenheit ein schwarzes Trauerkleid tragen muss, die Kostüme sind von Alfred Mayerhofer und tatsächlich gibt es eine Friedhofsszene mit ein paar Grabstein schwingenden Untoten, erschließt sich einem ehrlich nicht. Schön hingegen, wie Köpplinger die Stemberger zur Spielmacherin, zur Strippenzieherin macht, die mit Durchsetzungskraft, und manchmal fast ein wenig hantig, schlussendlich die Geschicke der Geister und der Menschen lenkt.

Fazit: Köpplinger setzt auf Raimunds bissigen Wortwitz, würzt das Singspiel durchaus mit dessen Depression, verzichtet auf allzu Liebliches ebenso wie auf das Abklopfen von Leitartikelthemen – und das ergibt in Summe mehr Ferdinand Raimund, als andere Inszenierungen von sich sagen können. „Der Bauer als Millionär“ an der Josefstadt versteht sich als Unterhaltung. Mit Haltung.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=RqPTF4w0U6k

www.josefstadt.org

  1. 12. 2018

Kammerspiele: Vier Stern Stunden

September 25, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

An den besten Stellen eine bitterböse Satire

Susa Meyer und August Zirner. Bild: Rita Newman

Man amüsiert sich köstlich. Natürlich auch insiderisch, weil hier ein Metier und damit einhergehende Situationen aufs Korn genommen werden, dass einem nur allzu gut bekannt sind. Der Literaturbetrieb. Dessen Starrummel. Der Zustand, sich als Interviewender vom Interviewten vorführen lassen zu müssen – ohne Aussicht auf Rettung.

An den Kammerspielen der Josefstadt wurde Daniel Glattauers „Vier Stern Stunden“ uraufgeführt, und der Erfolgsstücke-Lieferant fürs Haus gab in bewährter Manier auch diesmal eines ab. Für den ehemaligen Journalisten, nunmehrigen Bestsellerautor, der seine Texte gern aus selbst Erfahrenem schöpft, war es sichtlich naheliegend, sich einmal die eigene, die schreibende Zunft vorzunehmen.

Und so ist „Vier Stern Stunden“, noch prägnanter geworden als die Komödien-Vorgänger. Die sarkastischen Dialoge laufen wie am Schnürchen, die Situationskomik hat den Zeitgeist eingefangen und tanzt mit ihm Ringelreihen. An den besten Stellen ist das Stück eine bitterböse Satire, und weil der Glattauer eben der Glattauer ist, kommt auch das Menschlich-Herzliche nicht zu kurz.

Gezeigt werden die Vorkommnisse im Reichenshoffer „Kulturhotel“. Dort hat man es sich zur Aufgabe gemacht, berühmte Schriftsteller einzuladen und den ansonsten zwischen Degustationsmenü und Bridgepartien pendelnden Gästen als „Künstlergespräch“ zu servieren. Ein diesbezüglicher Witz über Altersgrenzen kommt beim Kammerspiele-Publikum gut an. Nun also ist Frederic Trömerbusch an der Reihe. Der Romancier reist mit seiner deutlich jüngeren Freundin Lisa an, die vom mühseligen Egomanen längst genug hat. Außerdem klappt’s nicht mehr mit dem Sex, hört man zwischen den Zeilen, es gibt Streit. Die beflissene Kulturjournalistin Brem wird auf der Hotelbühne ergo Trömerbuschs Opfer. Sie, die sich für das Gespräch mit ihrem Idol so gewissenhaft vorbereitet hat, kann keine Frage platzieren, ohne dass die nicht in der Luft zerrissen würde (ob es ein Wort gebe, mit dem man alles ausdrücken könne, fragt sie, ja, antwortet er, „alles“). Und dann ist da noch der tollpatschige Hotelier David-Christian, der die angespannte Lage nicht besser macht …

Dominic Oley und Martina Ebm. Bild: Rita Newman

Glattauer-Spezialist Michael Kreihsl hat wieder mit viel Gespür fürs richtige Timing inszeniert. Sein Darstellerquartett ist hervorragend, besteht aus August Zirner als Trömerbusch, Martina Ebm als Lisa, Susa Meyer als Mariella Brem und Dominic Oley als Reichenshoffer-Sproß. Ihr sympathisches Schauspiel ist es, dass dem Abend eine ganz besondere Note verleiht. Ece Anisoglu hat fürs Bühnenbild alles an Achtziger-Jahre-Anticharme aufgeboten, was möglich war, zwischen verblichenen Tapeten und einem – dies offenbar die einzige Modernisierung seit anno Schnee – Raucherkabäuschen wird geliebt und gelitten.

August Zirner gibt einen zwischen Selbstverherrlichung und Selbstzweifel changierenden Literaturgott, zwar ist die missgelaunte Berühmtheit Trömerbusch zweifelsfrei ein Ekel, doch gelingt es Zirner mit seinem fabelhaften Spiel auch dessen Verletzlichkeit zu zeigen. Mit Susa Meyer und ihrem Abgefertigt-Werden lässt sich wunderbar mitleiden, Dominic Oley überzeugt als Kultur-Erbe, der kein Kulturerbe mehr will, einmal mehr mit seinem komödiantischen Können, Martina Ebm als freche Bloggerin Lisa.

Dass diese sich für ihre Webseite mit einem schwarzen Niqab – nicht Burka, wie es auf der Bühne heißt, Burka ist ein meist blauer Überwurf mit eingearbeitetem Sehgitter – verkleidet, um unter der dörflichen Bevölkerung eine negative Reaktion darauf zu provozieren, ist die einzige Szene, die, weil zu politisch spekulativ, vor allem, als dann noch das Wort „Vermummungsverbot“ fällt, entbehrlich ist.

Am Ende ergeht sich Glattauer in feinen Definitionen über die Vorsilben ver- und ent-. Verlassen – er von Lisa -, sagt Trömerbusch, ist schlecht, entlassen – Mariella von David-Christian – ist gut, weil die Möglichkeit in neue Freiheiten aufzubrechen. Die Brem kontert mit ihrem Gegenbeispiel von verzaubern – gut / entzaubern – schlecht. Und so findet sich, was zueinander gehört. Die einen bei Fußball und Popcorn, die anderen in ihrer Überzeugung, dass Literatur das schönste Leben ist. Die nächsten Vorstellungen von „Vier Stern Stunden“ sind bis auf ein paar Plätze ausverkauft, man sollte sich beeilen, um noch Karten zu bekommen.

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  1. 9. 2018

Bronski & Grünberg: Titanic

Februar 1, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Was David Cameron nicht erzählt hat

Rette sich, wer das Geld dafür hat: Daniela Golpashin, Claudius von Stolzmann, Johanna Prosl, David Oberkogler, Lisa-Caroline Nemec. Bild: Andrea Peller

Zwanzig Jahre nachdem die „Titanic“ auf der großen Leinwand gesunken ist, tut sie’s nun im Bronski & Grünberg. Wenig hat sich seitdem verändert, Diverses verschlechtert sich gerade wieder, und die Rettungsboote sind immer noch für die Reichen gedacht. Regisseur und Autor Dominic Oley spart bei seiner Bühnen- adaption des Films nicht an Kritik zur Zeit, an Turbokapitalismus und Regierungen, die doch eben noch links waren, in erster Linie aber ist sein Stück ein Mordsspaß.

Mit Volldampf fährt nicht nur der Luxusliner auf den Eisberg zu, sondern auch die turbulente Komödie ein hohes Tempo. Nicht weniger als elf Schauspieler bevölkern die kleine Bühne, die dank einer weiteren genial-schlanken Lösung von Kaja Dymnicki im Handumdrehen von der Kapitänsbrücke zum Maschinenraum und vom Salon zum Zwischendeck werden kann. Vor allem das Bettenlager im zweiten Zwischendeck wird zum Austragungsort aller möglichen Leidenschaften, wird doch an Bord geliebt, gelogen und betrogen, dass sich die Schiffsbalken biegen.

Ein Auszug aus dem tollen Treiben: Schiffseigner Bruce Manchester (Claudius von Stolzmann) und seine kapriziöse Gattin (Daniela Golpashin) gehen mit jeweils Lord und Lady Wood (David Oberkogler und Johanna Prosl) fremd. Das heißt, zumindest versuchen sie es. Manchester ist außerdem Börsenspekulant und als solcher im Dauerclinch mit einem seiner Hauptaktionäre (Alexander Braunshör), Lord Wood will ein wertvolles Collier seiner Ehefrau verschwinden lassen, um die Versicherungssumme zu kassieren.

Dafür beauftragt er einen zwielichtigen Kubaner (Boris Popovic als Kommunist mit originell-ökonomischen Vorstellungen von der Welt), dem allerdings der Borddetektiv (Thomas Weissengruber) auf den Fersen ist. Thomas Kamper gibt sowohl Kapitän als auch Chefmaschinist, beide der festen Überzeugung, dass die Titanic sinken wird, wenn man die Maschinen nicht drosselt, aber auf sie hört natürlich keiner. Und am Ende taucht Serge Falck auf und interviewt die überlebende Rose. Ach ja: Das mit Rose (Lisa-Carolin Nemec), das war übrigens ganz anders, als David Cameron es erzählt hat. Ihr geliebter Jack (Paul Graf) soll in erster Linie dazu gut sein, Papa und Stiefmama Manchester zu schockieren. Kein Wunder also, dass er am Ende leichten Herzens den Wellen überantwortet wird …

Eisberg voraus: Claudius von Stolzmann und Thomas Kamper. Bild: Andrea Peller

Wandelt auf den Spuren von Leonardo DiCaprio: Paul Graf. Bild: Andrea Peller

Den Schiffbruch mit Seitenspringern und anderen Schlitzohren erzählt Oley mit Versprechern und Beiseitesprechern, so dass es im Publikum einfacher ist, den Überblick zu behalten, als es den Figuren gelingen mag. Dass eine Inszenierung wie diese auch auf Klamauk und Kalauer setzt, versteht sich. Diese „Titanic“ ist die Hochseilvariante von Slapstick – und offenbart dabei dennoch die tiefsten Abgründe menschlicher Seelen. Schade, dass das Schiff mit nur eineinviertel Stunden ein Absaufdatum hat.

www.bronski-gruenberg.at

  1. 2. 2018