Burgtheater: Macbeth

Juni 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Grausamkeit als gruseliges Gedankenspiel

Die drei Hexen schlüpfen in die Rollen von Macbeth, seiner Lady und Duncan: Christiane von Poelnitz, Merlin Sandmeyer und Ole Lagerpusch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Ein Märchen ists erzählt von einem Irren …“, sagt Macbeth in seinem Schlussmonolog. Dies beherzigend hat Regisseur Antú Romero Nunes deren drei für seine Interpretation des schottischen Stücks auf die Bühne des Burgtheaters gestellt, untote Geister, die drei Hexen, möchte man meinen, die das grausame Geschehen als gruseliges Gedankenspiel wiedergeben. Um nicht weniger geht es, als um die Frage nach Gut und Böse, und wie man die Welt in beidem täuschen kann.

Nunes‘ auf 90 Minuten sehr klug verknappte Kurzfassung kommt mit einer Handvoll Rollen aus, Ole Lagerpusch spielt den Macbeth, Christiane von Poelnitz dessen Lady, Merlin Sandmeyer schlüpft in die Figuren Duncan und Banquo, um die Quintessenz des Shakespeare’schen Stoffs über politischen Ehrgeiz, der zum Machtrausch wird, wiederzugeben.

Los geht es, da ist das Saallicht noch an, dieser im Bühnenbild von Stéphane Laimé gleichsam gespiegelt als wär’s der Mittelrang, Balkon, Kristallluster, roter Samt, auf dem Boden ein Pentagramm, da laufen laut kreischend Mädchen in weißen Nachthemden, flüchten vor den Nachtmahren, die gleich auftreten werden. Der Kinderchor „The Vivid Voices“, angetan wie im Horrorfim „The Ring“, bereitet so schauderhaft das gewitternde Erscheinen der Hexen auf der Heide vor. Die kommen in von Adern und Knochen überzogenen Bodysuits, darüber blutige Kleider, und lang-zerrauften Haaren (Kostüme: Victoria Behr). So wird Atmosphäre vorgegeben, auf seltsame Art archaisch wirkt das Spiel der Darsteller, so als wär’s bereits entrückt von einem längst vergangenen Gemetzel.

„Heil dir, Macbeth, der König wird, danach!“ Ihrer verstörenden Prophezeiung folgend übernehmen die Hexen nun die Parts der angesprochenen Charaktere. Merlin Sandmeyer tritt zunächst als Duncan auf, lasziv tänzelnd in angedachter Heerpauke und leicht trottelig verkündet er Macbeths Sieg über den Aufständischen Macdonwald und darf vom Bühnenbalkon aus auch einmal kalauern: „Die Burg ist … schön gelegen.“ Alldieweil besprechen die Gastgeber die Ermordung ihres hohen Herrn, uneinig darüber, wie ernst die Weissagung zu nehmen ist. Zwar wird sich geküsst und innig umarmt, doch ist klar, dass Christiane von Poelnitz‘ Lady Macbeth die Starke im Team ist. Sie wird mit Duncans Blut die Wachen beschmieren, während Ole Lagerpuschs Macbeth vergeblich versucht, sich die besudelten Hände an den Wänden sauber zu wischen.

Merlin Sandmeyer als Banquo. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kinderchor, Merlin Sandmeyer und Christiane von Poelnitz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Schließlich wird auch Sandmeyers Banquo ein Opfer von Macbeths immer angstverzerrteren Mordtaten werden. Nunes inszeniert das effektvoll, indem er Banquo minutenlang durch Bodennebel hasten und stolpern lässt, dabei auf der Drehbühne doch immer auf der Stelle bleibend. Es sind derlei Einfälle, die den Abend mit einer Sogwirkung ausstatten, der man sich nicht entziehen kann: das synchrone Keuchen der Macbeths nach dem Morden, das Türklopfen, das wie ein Herzschlag klingt …, am Ende Tusch und Donner von der Post und Telekom Musik Wien. Da holt die Lady „The Vivid Voices“ noch einmal heraus, wird sie, während sie „Central Park“ von Woodkid singen, eine nach der anderen in den Tod reißen. Die Aufführung endet mit Lady Macbeths Selbstmord, eine ganze Flasche Theaterblut muss dafür daran glauben, und großem Applaus.

www.burgtheater.at

  1. 6. 2018

Salon5 im Theatermuseum: Bosch on stage

November 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater-Triptychon über den Schöpfer des Weltgerichts

Beim Imbissstand auf dem Flughafen herrscht Slibowitz-Stimmung: Kirstin Schwab, Doina Weber und Petra Staduan. Bild: Barbara Palffy

Bevor es losgeht, die wunderbare Gelegenheit, die Werke in Augenschein zu nehmen. Die Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste ist ja bis auf Weiteres zu Gast im Theatermuseum, hier hängen nun die meisterlichen Arbeiten von Hieronymus Bosch, darunter der Weltgerichts-Triptychon. Schauen, staunen, da mischen sich Schauspieler unter die Betrachter, im Theatermuseum wird derzeit auch Theater gespielt: „Bosch on stage“ von Jérôme Junod.

Der Autor hat seine Weltgerichtskomödie anders als bei den Salzburger Festspielen für Wien auch selbst in Szene gesetzt. Eine fabelhafte Arbeit ist es, die Junod da gelungen ist, gleichsam ein Theater-Triptychon, der in drei Bildern Urteile und Vorurteile zu Bosch auf höchst unterhaltsame Art festhält. War der niederländische Renaissancemaler strenger Christ, Häretiker, Alchemist, Moralist? War er homosexuell und/oder von Perversionen wie der Folter angeturnt? Hatte er Albträume, Drogenerfahrungen oder eine reine Freude an symbolischen Botschaften? Dem und mehr forscht „Bosch on stage“ nach. Dass sich dabei immer wieder an Österreich und seinem Kunst- und Kulturverständnis – die Habsburger und ihre Adelsherren überrollten ja weiland das freie Brabant – gerieben wird, ist im herrschaftlichen Palais Lobkowitz ein zusätzliches Vergnügen.

Die Handlung beginnt auf einem Flughafen, auf dem die Kunsthistorikerin Caroline, gespielt von Petra Staduan, festsitzt, weil ihr Flug nach Wien gestrichen wurde. Dabei hätte sie so dringend zu einem Bosch-Symposium ihres Vorgesetzten gemusst. Also Trost suchen am Imbissstand, wo bald der Slibowitz fließt, auf dass der Irrwitz beginnen kann. Figuren wie Bosch’sche Landsknechte, Landstreicher und eine Reinigungskraft mit Hummerscherenhand schleichen über die Bühne, dazu gespenstische Sphärenklänge von Christian Mair. Der dreiteilige Bühnenbildaufbau von Lydia Hofmann wendet dem Publikum seine Kasperletheaterseite zu, in und vor ihm gestalten Doina Weber und Kirstin Schwab als Servierkräfte ein Kabinettstück über des Volkes Stimme zu Hieronymus Bosch.

Eine merkwürdige Reinigungskraft geht um …: Roman Blumenschein. Bild: Barbara Palffy

… fast wie vom Meister selbst erfunden: Horst Schily, Jeanne-Marie Bertram und Petra Staduan. Bild: Barbara Palffy

Prof. Schlubitschnigg lädt zum Bosch-Symposium: Martin Schwanda mit Doina Weber und Jeanne-Marie Bertram. Bild: Barbara Palffy

Dem das von Martin Schwanda als Wiener Professor Schlubitschnigg in nichts nachsteht. Von seiner besten wissenschaftlichen Kraft allein gelassen, muss er nun eine Konferenz stemmen, über deren Inhalte er keine Ahnung hat. Herrlich, wie er am Telefon einem japanischen Kollegen den Weg ins Theatermuseum via Kaffeehäuser und Stadtheuriger beschreibt. Das Ensemble, verstärkt um Jens Ole Schmieder als französischem Forscher und Roman Blumenschein als dessen deutschem Pendant, ergeht sich derweil in Theorien, Interpretationen und anderen Irrungen und Wirrungen.

Eine schöne Szene, in der Kirstin Schwab als Wiener Wissenschaftlerin mit aufgerissenen Augen über Panik auslösende Schreckensszenarien schwadroniert, während sich Doina Weber in esoterische Ekstase redet, dieweil Schmieders Prof. Flambertin unbedingt an die Fortführung mittelalterlicher Drolerien glauben will.

Teil drei: Caroline hat es in die Vergangenheit in des Meisters Haus geschafft, um diesen zu seinem Werk zu befragen. Horst Schily gibt Hieronymus Bosch als bärbeißigen und wenig auskunftsbereiten Maler, Doina Weber dessen Frau Aleid, Blumenschein dessen Schüler Joachim (alle in wunderbaren Kostümen von Antoaneta Stereva), der die Werke letztlich auszuführen behauptet – und Schwanda brilliert ein zweites Mal als habsburgischer Höfling, der Bilder zu kaufen kommt, und höchst unhöflich abgewiesen wird …

Junod nimmt sich in seiner klugen Komödie nicht nur sehr humorvoll des akademischen Treibens an, eine Parodie, die die p.t. Beteiligten daran im Publikum sichtlich amüsierte, sondern er beschäftigt sich auch ernsthaft mit dem Bosch-Pandämonium.

Sein Meister entpuppt sich als ein Hiob, ein Haderer mit Gott, ein Kritiker seiner Zeit und an deren Gesellschaft, der aber wenig hilfreich bei der Lösung der von ihm gestellten Rätsel ist. Auf jede Frage hat er eine Gegenfrage, und dann doch möglicherweise eine Antwort. „Das Lachen ist vielleicht der letzte Trost, der uns übrigbleibt.“ In diesem Sinn ist „Bosch on stage“ auch tröstlich – und ergo absolut sehenswert.

boschonstage.at

  1. 11. 2017

Burgtheater: Ein Volksfeind

November 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Appell an eine vergartenzwergte Gesellschaft

Doktor Tomas Stockmann entdeckt, dass die Heilquelle verseucht ist: Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die einen stolpern und schlingern übers glatte Bühnenparkett, die anderen gleiten geschmeidig darüber hinweg. Die einen sind Pirouettendreher, die anderen haut es, weil in ihrem Leben nichts hin-, auf den Hintern. Der Bürgermeister kann beides, kann im Fall noch die kunstvollsten Figuren gestalten, während der Bruder-Protagonist in Gesundheitslatschen beständig die nackten Zehen vor den scharfen Kufenkurvern in Sicherheit bringen muss.

Die Welt ist ein Eislaufplatz. Zumindest in Jette Steckels Inszenierung von Ibsens „Ein Volksfeind“ in der Neufassung von Frank-Patrick Steckel am Burgtheater. Wo magische Bilder im Halbdunkel bezaubern. Wo alles, was irgend Emotion ist, übers Eislaufen abläuft. Wo dagegen aber eher verhalten und artifiziell gespielt wird, „flach“, wie manche in der Pause der dreistündigen Aufführung meinten.

Gemeint ist hier übrigens alles gut. Die Steckels haben den bereits im norwegischen Stück angelegten Konflikt der Profitgier um natürliche Ressourcen, des Kampfes der Ethik, ja der Moral eines einzelnen mit den wirtschaftlichen Interessen vieler zugespitzt, und zeigen nun ein Drama, wie es zeitgenössischer kaum sein könnte. Alles, bis zum Ende die letzten Bilder, dreht sich um Klimakatastrophe, um Weltverschmutzung (denn wie klug angemerkt wird, es gibt keine Umwelt, nur die Welt) und deren Wohlstandsverursacher.

Ein Gesundheitslatschenträger verfolgt vom Kufenkurver: Mirco Kreibich als Peter Stockmann mit Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Aussprache mit Publikum und den Industriellen-Schwiegervater: Ignaz Kirchner als Morten Kiil mit Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Fakten werden alternativ, die News zwar nicht Fake, eine Lügenpresse gibt Ibsen nicht her, aber immerhin von Schweigejournalisten unter den Tisch fallen gelassen. Willkommen im Irrwitz der Gegenwart! Wo Dr. Tomas Stockmanns Söhne „boys“ sind, seine Frau Kathrin eine resolute, hemdsärmelige Kinderärztin, was Dorothee Hartinger tatsächlich wenig Spiel-Raum gibt – und er selbst wesentlich weniger ambivalent als im Original.

Dass da einer so konsequent auf der richtigen Seite stehen muss, macht es Joachim Meyerhoff, gewohnt treffsicherer Darsteller ambivalenter Charaktere, nicht unbedingt leicht. Und so raunt er sich mit Reibeisenstimme durch die Rolle, als wär‘ ein Anflug von Heiserkeit eine Fluchtmöglichkeit vorm Kleinstadthickhack, und versucht den „erhabenen Spinner“ als Kauz zu gestalten. Immerhin bleibt er in dieser Sache radikal: Sein Stockmann ist ein Fleisch gewordener Aufruf zur Geradlinigkeit.

Über textliche Längen helfen diesmal andere hinweg, allen voran das formidable Volksboten-Trio Ole Lagerpusch (dieser als aufrechter Hovstad mit Irina Sulaver als Petra auch ein sympathisch-tollpatschiges Liebespaar), Peter Knaack als angstvoll-schmierigem Aslaksen, der Inserate gegen Integrität tauscht, und Matthias Mosbach als wendehälsischem Billing.

Mirco Kreibich als auf Schlittschuhen moonwalkender Bürgermeister und jüngerer Bruder Peter Stockmann läuft – im Wortsinn – Meyerhoff kurzzeitig sogar den Rang ab. Er macht die Pflicht zur Kür, seine große Rede zum artistischen Kabinettstück. In den besten Momenten des Abends stehen die beiden gegeneinander, der Realist vs dem Idealisten. Ignaz Kirchner gibt als stockschwingender Kapitalist einen Morten Kiil der alten Schule, einen Saulus, der zum Paulus werden wird.

Ein sinnloser Appell an die vergartenzwergte Gesellschaft: Joachim Meyerhoff als Doktor Tomas Stockmann. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Jette Steckels Königsidee in dieser Inszenierung sind aber eine gutes halbes Dutzend überdimensionale Gnomenfiguren, die dann und wann auch über die Bühne wandern und bedrohlich die Darsteller einkreisen können. Ausgedacht hat sich dieses herrlich obskure Bühnenbild Florian Lösche, und besser lässt sich die geistige Vergartenzwergung einer Gesellschaft wohl kaum zeigen. Großartig die Szene, in der Meyerhoff gegen die Riesen seine Greenpeace-Parolen anschreit.

Freilich ohne Gehör zu finden. Und so nutzt der passionierte Soloperformer die Szenerie, um zum Schluss wie gewohnt aus seiner Rolle zu fallen: Saallicht an, Sessel umgedreht und los geht die Ansprache an die Publikums-„Arschlöcher“. Seit mehr als hundert Jahren spiele man dieses Stück, und alles, was er sehe sei leicht fadisierte Apathie. (Kein Wort punkto Inszenierung dazu!) Ein Seitenhieb übers politische Schaulaufen Strache-Kurz darf in Zeiten wie diesen obligatorisch nicht fehlen, Meyerhoff zitiert Antonio Gramsci: „Die alte Welt liegt im Sterben. Die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.“ Aber knapp bevor Eisberge ins Meer brechen und Tsunamis das Land überrollen, ist klar: Die Zwerge, das sind natürlich wir. „Klatschen Sie nicht!“, fordert der Charaktermime die augenblicklich in ihrer Reaktion überforderten Zuschauer immer wieder auf.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2017

KosmosTheater: Good Morning, Boys and Girls

Oktober 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Attentäter und die „Tai Chi“-Übungen

Selfie! „Cold“, Susanne und der Amok: Giamo Röwekamp, Sophie Resch und Pablo Leiva. Bild: Bettina Frenzel

Seit Langem schon, sagt Barbara Klein im Programmheft-Interview, hätte sie sich mit dem Gedanken getragen, ein Stück über Amoklauf an Schulen zu zeigen. Ein Nachdenken über sogenannte School Shooter, die Mitschüler und Lehrer kaltblütig ermorden und den eigenen Tod ebenso ungerührt herbeisehnen – während ihr Umfeld von den seelischen Veränderungen dieser Heranwachsenden, ihren oft monatelangen Vorbereitungen zur Tat nichts mitbekommen hat/haben will. „Wenig nachvollziehbar“ nennt Klein diese Ahnungslosigkeit.

Gemeinsam mit Choreografin Paola Bianchi brachte sie nun am KosmosTheater Juli Zehs „Good Morning, Boys and Girls“ zur österreichischen Erstaufführung. Es ist die Abschiedsinszenierung der Hausherrin am „Theater mit dem Gender“, am 30. Oktober wird die neue Leitung des KosmosTheaters vorgestellt, und es ist ein erstklassiger Abend, bei dem eindeutig die Form über den Inhalt zu stellen ist. Denn von Juli Zeh gibt es nichts Neues. Ihr Text ist eine Aufzählung, eine Aneinanderreihung von Eh-schon-Wissen:

Jugendliche werden zum Attentäter, weil sie 1. in der Schule gemoppte Außenseiter sind, 2. sie im Elternhaus keine Zuwendung erhalten, 3. sie sich ergo im Kinderzimmer mit Ego Shootern und anderem Teufelszeug abreagieren, auch weil 4. sich Mädchen nicht für sie interessieren. Wobei dies bei Jens, Kampfname im Computerspiel Counter Strike: „Cold“, gar nicht der Fall ist. Der poetisch begabte Einzelgänger, dessen grausame Kurzgeschichten die Lehrerin aus der Fassung bringen, findet in der trotzigen, weltschmerzgeplagten Susanne eine – eigentlich noch radikalere – Gleichgesinnte.

Am Ende wird sie nicht nur dafür sorgen, dass alles ganz anders gewesen sein wird, als die Erwachsenen glauben, sondern dem Publikum damit gleichsam auch einen Spiegel vorhalten. Den beiden zu Erziehenden stehen die dazu Berechtigten gegenüber: Vater und Mutter, ein in seine Intellektualität selbstverliebtes Galeristenehepaar, das seine Ich-Bezogenheit als antiautoritär tarnt, und die betuliche, dem klugen „Cold“ nicht gewachsene Deutschprofessorin Frau Patt.

Der Vater verteidigt sich gegen Schuldvorwürfe: Jens Ole Schmieder mit Johanna Prosl. Bild: Bettina Frenzel

Die Lehrerin glaubt an das Böse in Computerspielen: Johanna Prosl als Frau Patt. Bild: Bettina Frenzel

Zeh, die vernünftigerweise nicht um Antworten ringt, unverständlicherweise aber auch keine bis dato ungestellten Fragen aufwirft, hat immerhin das weitere Geschehen spannend verzahnt. Die Handlung wechselt im schnellen Takt zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Jens hat seine Wahnsinnstat bereits begangen, nein, er bereitet sie noch vor, er spricht bei seinem eigenen Begräbnis, hat Streit mit den Eltern, und sieht (sich im Kopf schon als) einen sensationslüsternen CNN-Reporter sie bedrängen. Jens‘ Fantasie und die Realität überlappen mehr und mehr.

Ist der Counter-Strike-Clan echt oder eine gehörte Stimme? Man kann nur noch ahnen, was erdacht und was erlebt ist. Und zu all diesen Gedanken reflektieren die Eltern über Schuld und Versagen, die Lehrerin über zu spätes Eingreifen. Hat man sich zu wenig gekümmert, bemüht, beschäftigt? „Aber du bist doch ein lieber Bub“, keucht sie ungläubig, als er sie später mit der Benelli niederstreckt. „Heute nicht“, erwidert Jens. Und schon ist man mitten im Blutbad. Das bei Barbara Klein und Paola Bianchi freilich keines ist. Die Gewalt wird vielmehr getanzt und so deutlich „körperlich“ empfunden.

Die Schauspieler bewegen sich zu einer ausgeklügelten Choreografie, dem Tai Chi ähnlichen Bewegungen, die übers Physische zugleich ihre psychische Verfassung darstellen. Als Frau Patt nimmt Johanna Prosl oft einen belehrenden Gestus an, mit spitz in die Luft stechenden Fingern bemängelt sie Rechtschreibschwächen. Der Vater, Jens Ole Schmieder, tigert in ständiger Bewegung durch den Spielraum, während er unablässig gewesene Amokläufe rezitiert. Columbine, Erfurt, Winnenden, Newtown, in Asien wird immer nur mit dem Messer gemordet. „Haben die keine Knarren?“, fragt er – und die Frage hat weniger mit Zynismus als mit Fassungslosigkeit zu tun. An solchen Stellen ist das Stück auch komisch.

Das Ende kommt anders als erwartet: Giamo Röwekamp, Pablo Leiva und Sophie Resch. Bild: Bettina Frenzel

Die Eltern tanzen Ratlosigkeit und Verzweiflung: Jens Ole Schmieder und Susanne Rietz. Bild: Bettina Frenzel

Wie er – Vater ballt die Fäuste zur Selbstverteidigung gegen ihre verbalen Angriffe – versichert sich auch Mutter/Susanne Rietz ihrer Unschuld am Geschehen. Traumatisiert sieht sie, dass ihr nicht nur eine gemeinsame Zukunft, sondern auch die Vergangenheit geraubt wurde, denn immer wird sie sich nun fragen müssen: „Warum?“ wiederholt sie wie in Loops. Dass Jens ein lieber Sohn war, ist ihr Mantra, während ihre Arme wie die einer Marionette baumeln. Als nichts anderes nämlich sieht sie ihr Sohn. Dass sie seinen Hund nicht mochte, ihn kahl scherte, hat er ihr nicht verziehen.

Als der einzig Geliebte dann auch noch stirbt, brennen bei Jens die Sicherungen durch. What a life, what a cliche. Ein Geschenk – Giamo Röwekamp als „Cold“ turnt über derlei Untiefen mit Leichtigkeit hinweg. Er ist als gewaltbereiter Teenager extrem glaubhaft, egal, ob er sich in theatralischer Christuspose probt, oder beim ersten Flirt aufgeregt mit den Beinen wippt. Im Gleichtakt mit Sophie Resch als kurz einmal nicht verdrossener Susanne. Den beiden folgt, weißgewandet und mit weißer Maske, der „Amok“, Pablo Leiva mit am Oberkörper befestigten Bombenpackages.

Die Schwarzweiß-Bilder, die er vom Liebespaar mit dem Smartphone filmt (auch Counter Strike wird an die Wand projiziert), funktionieren als Subtext zum Gesagten – nervös verschränkte Finger, wütend aufgerissene Augen, dann wieder ein Selfie zu dritt. Nach Schuldzuweisungen aller an alle, nach Ausstellung eines Tatbestands, nicht aber seiner Erhellung, endet das Stück mit dem Kernthema des KosmosTheaters, der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wie, will nicht verraten werden. Die fabelhafte Aufführung mit dem überzeugenden Ensemble ist noch bis 28. Oktober zu sehen.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=pKIMKEig0nw

www.kosmostheater.at

  1. 10. 2017

Wiener Festwochen: „Die Kinder von Wien“

Mai 16, 2013 in Bühne

Grausame Groteske im Nachkriegskeller

Daniel Frantisek Kamen, Jens Ole Schmieder Bild: Barbara Palffy

Daniel Frantisek Kamen, Jens Ole Schmieder
Bild: Barbara Palffy

„Ein albtraumhaftes Märchen“ nannte Robert Neumann, aus Wien nach England und später in die USA emigrierter jüdischer Romancier und satirischer Sprachakrobat, seinen Roman „Die Kinder von Wien oder Howeverstillalive“  im Jahr 1946. Anna Maria Krassnigg, Erfinderin des wunderbaren Theaters Salon 5 und Professorin am Reinhardt-Seminar, hat für die Wiener Festwochen in der Expedithalle der ehemaligen Ankerbrotfabrik einen solchen inszeniert. Eine grausame Groteske in einem Nachkriegskeller. („Trotzdemimmernochlebendig“ war übrigens eine Bezeichnung, die Neumann auch für sich selbst benutzte.) Inhalt des nun dramatisierten Stoffes: In einer Kellerruine im Nachkriegs-Wien hausen der gerissene Schleichhändler Jid, ein KZ-Überlebender, der blonde Goy aus dem Kinderverschickungslager, „Curls“, Besitzer der Bruchbude, Ewa, minderjährige Prostituierte, weil sie in der Lagerkommandantur keinen anderen „Beruf“ gelernt hat, Ate, die Ex-BDM-Führerin und ein „Kindl“ mit Wasserbauch im Babywagen. Eine Teenager-WG, eine Vor- oder (wie für Jid und Ewa) eine Nachhölle, in die ein schwarzer US-Army-Reverend gerät – und Rettung verspricht. Das Ende  … ist bis 31. Mai zu erleben. Nur so viel: Faschismus und Krieg zerstören den Menschen. Er ist nicht mehr zu retten. Er reißt andere sogar mit ins Inferno. Das ist Neumanns beklemmende Parabel. Kaputt ist kaputt, verdorben ist verdorben. Eine verlorene Generation …

Krassnigg, die in die Buffett-Hälfte des Riesenraums die Salon 5-Atmosphäre mit Teppichen, Tappas, Diwanen und gutem Rotwein, mitgebracht hat, hat in der Spiel-Hälfte eine Kinderschutthalde (Bühne: Lydia Hofmann, Kostüme: Antoaneta Stereva) aufgebaut. Mit Riesenteddybär und Miniatur-Teeservice, mit grindigen Matratzen und Gittern, hinter denen die Darsteller mitunter stehen. Sie haben mehreren Rollen („Curls“ wird, erkennbar an der Schirmmütze, von allen gespielt) zu bewältigen, sind nämlich Erzähler-Ich und Ich-Erzähler, Reden in der Vergangenheit von der Zukunft und in Zukunftszenen von … Misstrauen herrscht über allem. Die Leut‘ sind so brutal wie ihre Zeit. Neumann erfand dafür ein Sprachbabylon – Jiddisch, Englisch, Gaunerrotwelsch, Wienerisch, auch schönbrunnerisches (vom interessierten Kellerkäufer Martin Schwanda, der hier einen Nachtklub installieren will) , „Teutsch“ – wird durcheinander geredet. Als Solo, in Duetten, in einem Chor des Grauens. Vieles an diesem Abend macht das Tragische nicht unkomisch. Ein von Krassnigg eingelassenes Wechselbad der Gefühle, die manchmal wie beim Konzepttheater surrealistisch-distanziert keine Nähe zulässt, sich dann wieder so nah-emotional an die Schicksal heranzoomt, dass es einem das Wasser in die Augen treibt. Sind doch nur Kinder. Allerdings abgebrühte. Und das größte unter ihnen Militärpriester Smith (David Wurawa), einerseits verkappter Kommunist, andererseits mit der bis heute berüchtigten amerikanisch-überzeugten Weltretter-Naivität ausgestattet. Zum Todlachen lustig. Es wird die Kellergemeinde sein, das „Milieu“, das sein Leben „retten“ wird.

Neumanns Text ist eine szenische Fundgrube, die Vorwegnahme eines Brechtartigen „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“, ein Unwohlsein bereitendes Beispiel für Überlebenstrieb und Durchhaltekraft und Zähigkeit. Gott glänzt wieder einmal durch Abwesenheit. Aber der Mensch hält was aus. Er ist sein eigener Wolf. Erfährt etwa ein „Freier“, der für Ewa Leben und Ledermantel lassen muss. Und trotz Bauchstich wieder aufsteht. Der Mensch ist ein Wiedergänger. Und den Satz mit dem „aus der Geschichte nichts lernen …“ kann man sich hier sowieso sparen. Dass Erwachsene Kinder spielen, und das unpeinlich, ist ein Verdienst von Anna Maria Krassnigg. Nicht einmal blitzt der Gedanke auf, dass da keine 13-, keine 15-Jährigen vor einem stehen. Den Abend dominiert ein großartiger Daniel Frantisek Kamen als melancholischer-knallharter (welch eine Mischung!), auch sprachlich perfekter Jid. Einer, der weder sich noch andere schont. Kirsten Schwab gibt eine Ewa, die sich ihrer Sexyness durchaus bewusst ist, aber ansonsten keine Hunderterbirne hat. Jens Ole Schmieder ist ein einmal kindlicher, dann wieder messerscharfer Goy. Petra Gstrein sucht als Ate nach Verlust des „Führers“ immer noch (totalitaristische) Führung – und findet sie bei den Russen. Werner Brix zeigt sich als Verwandlungskünstler des Abends. Er singt mit David Wurawa auch das von Christian Mair neu vertonte Wienerlied vom „Lieben Augustin“. Alles ist hin.

Neumann ist ein Autor, den es dringend wieder zu entdecken gilt. Anna Maria Krassnigg ist ihm schon verfallen: Ab 31. November zeigt sie im Salon5 „Hochstapler. Rasante Flucht nach Robert Neumann.“ Davor gibt es von 12. bis 14. Juni im Salon 5 den zweiten Teil von „Die Kinder von Wien“: die History hinter der Story sozusagen, Gespräche mit Zeitzeugen, Kindern von Wien, Wissenschaftlern und Künstlern.

www.festwochen.at

www.kindervonwien.at

Video: vimeo.com/dramashop/howeverstillalive

www.salon5.at

Interview mit Anna Maria Krassnigg: www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-die-kinder-von-wien/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-julia/

Von Michaela Mottinger

Wien, 15. 5. 2013