Nonna Mia! – Liebe ohne Abzüge

Juli 31, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Oma in der Tiefkühltruhe

Landet bald bei den Tortelloni in der Tiefkühltruhe: Sixties-Bond-Girl Barbara Bouchet füllt die Rolle der Nonna Birgit mit – naja – Leben. Bild: Polyfilm Verleih

Italienisches Temperament, spritzige Dialoge und ein sympathisches Schauspielerpaar, bei dem die Chemie augenscheinlich stimmt, das sind die Zutaten, die die Komödie „Nonna Mia! – Liebe ohne Abzüge“ der Regisseure Giancarlo Fontana und Guiseppe Stasi zum Gourmetstück der diesjährigen Sommerkinokost machen. Ab Freitag läuft der ungewöhnliche Mix aus Romantic Comedy, „eiskaltem“ Slapstick und Kritik am korrupten staatlichen System – immerhin erlangten Fontana und Stasi mit einem

satirischen Youtube-Video über Silvio Berlusconi erste Bekanntheit – auch über die heimischen Leinwände. In den ersten drei Szenen werden die Protagonisten in einem Tempo präsentiert, dass einem die Luft wegbleibt. Erst die Kamerafahrt durch die Tiefkühltruhe, bei der’s von unten nach oben durch Omas Gefrierbrandberge geht, das kennt man so auch von der eigenen Großmutter, während diese unverdrossen die nächsten Beutel hausgemachter Tortelloni aufs Frostkristallszenario häuft. Dann die späteren Liebesleute, der diensteifrige Finanzpolizist Simone und die hoch verschuldete Kunstrestauratorin Claudia, er verkleidet als Pfarrer und wie er kurz vor knapp aus der Soutane springt, um die Vermählung einer Greisin mit einem Ganoven zwecks Vermögenstransfers zu verhindern, sie im Museum, mit Spraydose vor einem Caravaggio-Gemälde, dessen Zerstörung sie androht.

Claudia und ihre Mitarbeiterinnen müssen sich Großmutters Rente sichern: Marina Rocco, Miriam Leone und Lucia Ocone. Bild: Polyfilm Verleih

Der strenge Finanzpolizist Simone hat mehr als genug Arbeit für sein Team: Fabio De Luigi mit Francesco Di Leva, Carlo Luca De Ruggieri und Susy Laude. Bild: Polyfilm Verleih

Das Museum nämlich schuldet Claudia nicht weniger als 160.000 Euro, die Gehälter ihrer Mitarbeiterinnen Rossana und Margie kann sie nur dank der Rente ihrer Nonna Birgit bezahlen – und als sich die mit dem Pathos einer Heiligen zum Sterben hinlegt und tatsächlich in eine bessere Welt wechselt, fassen die drei den Entschluss, die Großmutter zwischen die Tiefkühlware zu betten, auf dass der monatliche Pensionsscheck die Pleite weiterhin abwende. „Metti la nonna in freezer“ lautet auch frech der Originaltitel des Klamauks, in dem in weiterer Folge nicht nur Simone, seine Jagd auf einen steuerhinterziehenden Mafiosi, sein trotteliger Konkurrent und Generalssöhnchen Rambaudo, sondern auch ein alter Verehrer der Nonna für Chaos sorgen.

Nun ist der filmische Versuch, eine Leiche einerseits zu verstecken, sie andererseits aber aus Notwendigkeiten ab und an lebendig erscheinen zu lassen, nicht neu. Im Gegensatz zum Brachialhumor in beispielsweise Ted Kotcheffs „Immer Ärger mit Bernie“ halten Fontana und Stasi ihren Einfrier-Auftau-Spaß aber in der Waage zwischen makaber-frostig und herzerwärmend. Dazu kommt die Spielfreude, mit der Miriam Leone und Fabio De Luigi an ihre Rollen der Claudia und des Simone herangehen. Kennenlernen sich die beiden bei einer von Simones „Aktionen“. Gerade als der Museumsbeamte Claudia ein unsauberes Angebot wegen der ausstehenden Zahlungen macht, enttarnt sich Simone als Ritter in der Rüstung – und nimmt den bestechlichen Staatsdiener fest. In Simones Kopf läuft das gute alte „Tu“ von Umberto Tozzi. Es ist Liebe auf den ersten Blick.

Wo die Liebe hinfällt, nehmen die Verdächtigungen zu: Fabio De Luigi und Miriam Leone. Bild: Polyfilm Verleih

Nun sind, was für Claudia Lucia Ocones „Rossana“ und Marina Roccos „Margie“ ist, für Simone seine Untergebenen, und die wollen ihren in Liebesdingen zu Katastrophen und Fettnäpfchen neigenden Chef unbedingt verkuppeln. Nicht zuletzt aus Eigennutz, um dem Workaholic endlich wieder einmal ein arbeitsfreies Wochenende abzutrotzen. Francesco Di Leva, Susy Laude und Carlo Luca De Ruggieri sind großartig als Kupplertrio, nur begehen sie, unwissentlich der Wahrheit auf der Spur, den Fehler über die Rente der Nonna und, warum diese wohl Claudias Firma über Wasser hält, zu sprechen.

Mit dem Resultat, dass sich die alarmierte Claudia in so waghalsigen wie abstrusen Täuschungs- und Verstellungsmanövern verstrickt, Irrungen und Wirrungen, durch die Simone stolpern muss, hält sie ihn doch für abgefeimter als er ist, wenn er in seiner Tollpatschigkeit eher bedrohlich als charmant klingt … Die wunderbare Barbara Bouchet füllt die Figur der Nonna Birgit, na, nicht direkt mit Leben, aber es ist großartig, was das Sixities-Bond-Girl aus dieser stummen Rolle herausholt.

Egal, ob Simone ihr in einer rührenden Sequenz sein Herz ausschüttet, sie sich auf einer rasanten Rollstuhlfahrt wiederfindet, oder auch nur leise vor sich hin tröpfelt: Die Bouchet beherrscht das Geschehen. Zum Ende gibt’s noch zwei, drei Kniffs, und dann kommt es doch unerwartet, wie der Film angesichts der Allgegenwart von Korruption, Betrug und Misswirtschaft die Frage aufwirft, wie viel Korrektheit man sich als Staatsbürger eines zutiefst unkorrekten Staats eigentlich leisten kann. Das gibt dem komödiantischen Treiben eine gewisse Tiefe – in erster Linie aber ist „Nonna Mia! – Liebe ohne Abzüge“ ein Wohlfühlfilm zum Einkuscheln und Lachen.

Video:

 

www.filmhaus.at/film/nonna-mia

  1. 7. 2019

Art Carnuntum: Piero Bordin präsentiert das Programm

Juni 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Shakespeare’s Globe und ein Fest für Melina Mercouri

Twelfth Night. Bild: Marc Brenner

Sein sagenhaftes Dreißig-Jahr-Jubiläum feiert Art Carnuntum, das Welt-Theater-Festival im römischen Amphitheater Petronell-Carnuntum, im Sommer 2019 – und wie stets hat Intendant Piero Bordin ein erlesenes Programm zusammengestellt, das, wie es sich für einen „Runden“ gehört, mit einem Geburtstagsfest beginnt.

Am 3. August, 19.30 Uhr, lädt Bordin unter dem Titel Aus Mythen Geboren zu einer poetisch-musikalischen Reise zu den Wurzeln der europäischen Kultur, eine Hommage an das Theater und an Melina Mercouri, der Initiatorin der „Kulturhauptstädte Europas“, mit Live-Orchester und den berühmtesten Liedern der legendären Schauspielerin, Sängerin und späteren griechischen Kulturministerin.

Regie-Altmeister und Antiken-Spezialist Hansgünther Heyme wird Texte aus 2500 Jahren lesen, in denen starke Frauenfiguren eine wichtige Rolle spielen: von der tatkräftigen Hausfrau Praxagora des Aristophanes bis zu den zahlreichen Antigones und Medeen. Für mediterranes Flair sorgt Weinbauer Trygeos Traubenzupfer.

Seit Jahren sind die großartigen Aufführungen des Shakespeare’s Globe Theatre aus London die Highlights des Festivals. Heuer kommt das Ensemble wieder mit drei Inszenierungen zu Art Carnuntum, allesamt Stücke, die von Schiffbrüchigen handeln, die auf der Suche nach Verwandten oder einer neuen Heimat sind. So ist am 9. August, 19.30 Uhr, The Comedy Of Errors zu sehen, in dem ein Paar auf See getrennter Zwillingsbrüder und ein Paar ebenfalls getrennter Zwillingsdiener für Chaos sorgen. Am 10. August, bereits um 14 Uhr, folgt Twelfth Night über Zwillinge, die ein Schiffbruch auseinandertrieb, was zu Liebesqualen und den wohl hervorragendsten Liedern, die Shakespeare je geschrieben hat, führt. Um 19.30 Uhr desselben Tages wird schließlich Pericles gezeigt, die erste von Shakespeares späten Romanzen, in denen der Prinz von Tyrus sich gezwungen sieht, aus seinem Königreich zu fliehen und die Welt zu durchstreifen …

The Comedy Of Errors. Bild: Marc Brenner

The Comedy Of Errors. Bild: Marc Brenner

Pericles. Bild: Marc Brenner

Pericles. Bild: Marc Brenner

Ein Experiment wagt Piero Bordin dann am 14. August, 21 Uhr, mit Die Erkannten Unerkannten des polnischen Theaters der Schattenrevolution ohne Worte. Die Inszenierung von Wioletta Dadej verspricht ein faszinierendes, archaisch anmutendes Theaterereignis zu werden, das fast ohne Sprache auskommt. Ein Spektakel, das sich auf die Werke der 2017 verstorbenen polnischen Bildhauerin Magdalena Abakanowicz bezieht und deren eindrucksvolle Figurengruppen zu beleben versucht, eine Performance, die zeigt, was passiert, wenn eine Menge beinah identer Gestalten beginnt, an Individualität zu gewinnen, und zu Entdecker, Manipulant, Führer, Retter oder gar Verbrecher mutiert, Propheten und Ideologen aufsitzt, nur um am Ende erneut eine uniforme, formlose Masse zu werden. Ganz klar, dass bei diesem Abend Fragen über Freiheit und Unterdrückung verhandelt werden.

Aus Polen kommt „Die Erkannten Unerkannten“. Bild: Theater der Schattenrevolution ohne Worte

The Summit / Der Gipfel: Diocletian (Erich Svoboda) steigt bodyguard-bewacht aus seinem Wagen. Bild: Art Carnuntum

Auch der diesjährige Aufführungszyklus gipfelt in The Summit / Der Gipfel (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25528) am 23. August, 21 Uhr. Nach einem Text und in der Inszenierung von Piero Bordin kann das Publikum eines der historisch wichtigsten Ereignisse auf österreichischem Boden mitverfolgen, die im Jahr 308 in Carnuntum stattgefunden habende „Kaiserkonferenz“, ein Gipfeltreffen, bei dem unter Leitung von Diokletian die IV. und letzte Tetrarchie zustande kam, bei der vier Kaiser zur Macht gelangten, die innerhalb von fünf Jahren die damalige Welt weiter entwickelten. Mit ihren Edikten beendeten sie die Christenverfolgung und gewährten erstmals religiöse Toleranz für alle Glaubensgruppen, bis heute eines der elementarsten und erneut schwerst missachteten Menschenrechte. Ein Projekt, das mit ausschlaggebend dafür war, dass die Europäische Kommission Carnuntum das Europäische Kulturerbe-Siegel verliehen hat.

INFO: Alle Zuschauerplätze sind überdacht, dem Wetter angepasste Kleidung wird dennoch empfohlen. Parkplätze sind ausreichend vorhanden. Es gibt aber zu allen Aufführungen auch komfortable Shuttlebusse von und zur Wiener Staatsoper, für die die Tickets aufgrund der limitierten Sitzplätze jeweils zusammen mit den Eintrittskarten zu erwerben sind.

www.artcarnuntum.at

25. 6. 2019

TAG: Kirschgarten. Eine Komödie ohne Bäume

Februar 3, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Arturas Valudskis verzaubert Anton Tschechow

Einmal packt auch die Ranjewskaja zu: Michaela Kaspar und Raphael Nicholas als Trofimow, hinten: Georg Schubert und Jens Claßen. Bild: Georg Mayer

Sommergäste! Schnaubt die illustre Gesellschaft und findet den Gedanken so abwegig, dass sie darüber nur in Gelächter ausbrechen kann. Derart fein gearbeitet ist der Witz, mit dem Arturas Valudskis seinen „Kirschgarten“ im TAG gestaltet. Denn „Sommergäste“ ist gleich Gorki, und der wiederum war mit Tschechow zwar befreundet, doch teilte der ältere die politisch-revolutionären Ansichten des jüngeren nicht.

In einem Brief hielt Tschechow sogar fest, er misstraue der gesamten Intelligenzija, da heuchlerisch und hysterisch und einen Stillstand beklagend, der aus ihrem eigenen Schoß krieche. Womit das Personal seiner Obstplantagenkomödie versammelt wäre. Valudskis‘ Zugriff auf den Stoff ist ein radikaler. Aus dem Vergleichen verschiedener Textversionen ist sein Destillat entstanden, 90 Minuten bis „Baum fällt!“, und wie stets setzt der aus Litauen stammende Regisseur für sein schwarzes Theater, für sein – im Grotowski’schen Sinne – Armes Theater neben einer genauen Sprache auf die Körperpräsenz seiner Schauspieler. Die diesmal fast zur Gänze aus dem TAG-Ensemble sind. Michaela Kaspar spielt die aus Paris heimgekehrte Gutsbesitzerin Ljubow Ranjewskaja als elegant-elegische Erscheinung, nur einmal packt sie zu, aber da richtig, Georg Schubert deren Bruder Gajew als vom Billard besessenen Gemütsmenschen.

Gutsbesitzers sind pleite: Michaela Kaspar und Georg Schubert als Gajew. Bild: Georg Mayer

Raphael Nicholas als Firs, hinten: Georg Schubert, Jens Claßen und Michaela Kaspar. Bild: Georg Mayer

Lisa Schrammel ist sowohl als romantisch veranlagte Tochter Anja wie als patente Pflegetochter Warja zu sehen, TAG-Gast Karola Niederhuber kommen als Gouvernante Charlotta die clownesken Szenen zu, und auch Raphael Nicholas teilt sich in zwei Charaktere auf – ein von ihm wunderbar gezeichneter Kontrast als ewiger Student Trofimow und als gichtfingriger Tattergreis Firs. Jens Claßen schließlich gibt als Lopachin eine Glanzleistung. Von diesem kommt der verspottete Vorschlag, das Grundstück für Ferienhäuser zu parzellieren. Denn die Herrschaften sind bekanntlich pleite.

Der ehemalige Leibeigene, nun Kaufmann, ist der einzige, der über Vermögen verfügt. Der Rest hofft auf Gott oder Kredit oder Hilfe von Großtantchen. Valudskis erschafft poetische Bilder. Er verzaubert Tschechow. Ein Telegramm aus Paris landet als Papierflieger auf der Bühne und wird dort, weil unliebsamen Inhalts, zum Schnipselregen. Steine von der Seele fallen tatsächlich, und was sich hinter einer Türattrappe an Gerangel und Getrampel zuträgt, vermag man nicht einmal zu erahnen. Immer wieder trägt Charlotta im Hintergrund den im Fluss ertrunkenen kleinen Sohn der Ranjewskaja vorbei.

Eine Erinnerung ans Verlorenhaben. Das sind die Momente, in denen Valudskis die Situationskomik und den Wortwitz innehalten und die Tschechow’sche Melancholie zu ihrem Recht kommen lässt. Behutsam, beinah nur im Unterbewusstsein, platziert Valudskis diese Botschaften. Da steht das in seinen Ritualen festgefahrene Faktotum Firs für die gesamte änderungsunfähige Clique, die Lopachin wie eine lästige Fliege wegwedelt, weil nicht neu sein kann, was nicht sein darf. Da reden sich Kapitalist Lopachin und Sozialist Trofimow über die Definition des „stolzen Menschen“ die Köpfe heiß, der Proletariatsphilosoph und der wahrhaftige Mann aus der Arbeiterklasse, und als zweiterer von Warja schlussendlich den Schlüsselbund für Haus und Hof ausgehändigt bekommt, wirkt der darüber gar nicht glücklich, sondern – zornig, irgendwie.

Im Papierschnipselregen: Karola Niederhuber als clowneske Gouvernante Charlotta und Jens Claßen als Lopachin. Bild: Georg Mayer

Die Intensität, mit der das alles abläuft, ist hoch. Und weil das Beste zum Schluss kommt, hat sich Valudskis dafür ein besonderes da capo al fine ausgedacht. Während nämlich Lopachin an einer Stelle versucht, das Alte rauszuwerfen, heben, tragen, schleppen Gutsbesitzers ihre Habe an anderer wieder herein. Ein „Sesselkreis“, der klar macht, dass es gar nicht so einfach ist, das Gestern loszuwerden. Wofür Russland durchaus ein passendes Beispiel ist …

Trailer: vimeo.com/314104883

dastag.at

  1. 2. 2019

Sebastian Barry: Tage ohne Ende

Januar 10, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Gewaltiger Italo-Western eines irischen Autors

In die Liste berühmter erster Sätze ist unbedingt dieser aufzunehmen: „Also, wie sie in Missouri ne Leiche aufbahren, das schießt wirklich den Vogel ab.“ So beginnt Sebastian Barrys neues Buch „Tage ohne Ende“, und um dessen Atmosphäre zu beschreiben, hilft ein Querverweis auf Sergio Leones Meisterwerk „The Good, the Bad and the Ugly“. Jene Szene kurz vor Schluss an der heiß umkämpften Brücke, diese sinnlose Schlacht, die Unions- wie Konföderierten-Armee unzählige Tote abverlangt. Barry ist mit „Tage ohne Ende“ ein Italo-Western gelungen, sprachgewaltig und überwältigend, ein Antikriegsroman, der Grausamkeit und Gemetzel ausstellt, und bei aller Brutalität dennoch von einer Poesie ist, dass es einem unter die Haut geht.

Inspiriert vom Coming-Out seines Sohnes hat sich Barry für ein faszinierendes Protagonisten-Paar entschieden. Ein Ich-Erzähler, der Ire Thomas McNulty, schildert sein Leben. Wie er den „Großen Hunger“ in seiner Heimat, Überfahrt und kanadisches Seuchenhaus überlebt, und schließlich in Missouri, da ist Tom gerade 14, den Neuengländer John Cole kennenlernt. „Meine große Liebe“, sagt er sofort, und an anderer Stelle: „Der Mondschein kann ihm nicht schmeicheln, denn er ist bereits schön.“

Und weil dem so ist, verdingen sich die beiden Jungs zunächst als Tanzmädchen in einem Saloon. Das geht gut, denn Frauenmangel wie Fantasie der Minenarbeiter sind groß. „Wir waren zwei Hobelspäne der Menschheit in einer rauen Welt“, sagt Tom, als er auch abseits der Bühne seine Vorliebe für Kleider entdeckt und auslebt. Allein, „die Natur“, heißt: beginnender Bartwuchs, setzt dem Ganzen ein Ende – und auf der Suche nach Stabilität und regelmäßiger Versorgung verpflichten sich Tom und John bei der Armee. All das erzählt Barry mit harten Worten, oft nur in Halbsätzen, gefolgt von unfassbar lyrischen Passagen. Sein Buch liest sich wie ein gesprochener Bericht, es wird viel geflucht, „gottverdammt“ ist ein Standardwort, drastisch werden die Abscheulichkeiten des Indianer-Abschlachtens dargestellt, oder später Szenen im Feldlazarett, dann wieder sieht Tom eine Abenddämmerung, als „zieht Gott langsam ein zerfetztes schwarzes Tuch über seiner Hände Werk.“ Dass sich einem dies auch auf Deutsch erschließt, liegt an der gelungenen Übersetzung von Hans-Christian Oeser, der es verstanden hat, Slang, Schrecken und Schönheit perfekt zu übertragen. Auf dem Buchrücken findet sich dazu eine Songliste von Johnny Cash bis zu The Dubliners, Lieder, die man beim Lesen unbedingt hören sollte.

An Toms und Johns Seite geht es durch Krieg und Frieden. Zum Schutz der Siedler werden die beiden in den sogenannten Indianerkriegen zu Völkermördern an den Sioux, und Tom zeigt die Armee als Vollstrecker der wirtschaftlichen Interessen der Weißen, ohne Gnade für Frauen und Kinder – und immer wieder Vertragsbrüche mit den Ureinwohnern. Wichtigster Feind wird Stammesführer Caught-His-Horse-First, dessen kleine Tochter von Soldaten verschleppt wird. Tom und John retten das Mädchen, nennen es Winona – und gründen mit ihm eine Familie. Die beiden mustern aus, werden in Grand Rapids wieder zur Saloon-Sensation, diesmal als Mann-Frau-Duo, da der Hübsche John Cole mittlerweile einsneunzig groß ist, werden gute Eltern, Tom ganz Mutter – einer Überlebenden, deren Angehörige sie mit vernichtet haben, und treten erneut in die Armee ein. Im Sezessionskrieg, auf Seiten der Union, weil erstens ihr alter Major ruft, und sie zweitens bei ihrer Show den schwarzen Dichter Mr. McSweny als Freund gewonnen haben, der ihnen von der Sklaverei erzählt. „Soweit ich sehen konnte, brach in Amerika immer irgendwas zusammen. So stand’s mit der Welt, rastlos, irgendwie brutal. Immer war was“, sagt Tom.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Barry malt ein Panorama an Planwagentrails, Glücksrittern unterwegs in ihr Gelobtes Land Kalifornien und desillusionierten Pilgern auf dem Weg zurück nach Osten, Forts und schlammverschmutzten Städten; die sengende Sonne, der ständige Hunger und die Müdigkeit sind den Moschkoten kein geringerer Gegner als die Konföderierten. „Bin so verängstigt und verrückt, dass mir die Pisse ungehindert in die Armeehose läuft. Raussprudelt und meine Beine flutet. Verdammt“, sagt Tom vor einer Schlacht. Zu John und ihm im Felde gesellt Barry ein so typisches Western-Personal, als könnte jederzeit Lee van Cleef um die Ecke biegen: den gutmütigen Major Neale, den betrunkenen Colonel Callaghan, einen griesgrämigen Sergeant, dieser ein „wandelndes Handbuch des Krieges“, die Frau des Majors. „Als ehemaliges Mädchen von Beruf frage ich mich, woraus wohl ihre Unterwäsche besteht. Zu meiner Zeit waren’s Rüschen und satinierte Baumwolle“, sagt Tom, obwohl er eingesteht, nicht die Sorte Mann zu sein, die sie gern küssen würde. Das tut er nach wie vor nächtens im Geheimen, im gemeinsamen Bett mit John.

„John Cole. Ist wie Nahrung. Brot der Erde. Das Lampenlicht berührt seine Augen, und ein anderes Licht antwortet“, sagt Tom. Da sind die beiden schon im gefürchteten Kriegsgefangenenlager Andersonville, dies eine der scheußlichsten Passagen des Buchs darüber, was Menschen Menschen antun, abgemagert bis zum Skelett und zum Sterben bereit. Doch auch diesmal gelingt ihnen der Weg zurück ins Leben, zurück zu Winona. Und gerade, als sich alles zum Guten zu wenden scheint, die drei sich auf einer Tabakfarm in Tennessee niederlassen, Tom und John vor einem halbblinden Priester heiraten und fortan als Ehepaar mit einer Tochter gelten, die sogar beim örtlichen Notar eine Stelle als Schreibkraft bekommt, meldet sich ein Gespenst aus der Vergangenheit: Caught-His-Horse-First, der sich sein Kind zurück erkämpfen will …

Sebastian Barry entwirft in „Tage ohne Ende“ ein Gemälde der USA, als sie noch lange nicht die Vereinigten Staaten waren, er zeigt den Aufbau einer Nation, der ohne Rücksicht auf Verluste auf dem Rücken anderer passiert ist, eine Mentalität, die sich dieser Tage gerade wieder Bahn bricht. Doch abseits seiner speziellen Story, wirft Barry auch universelle Fragen über den Krieg, und was er aus dem Menschen macht, auf. „Ein Mann“, sagt Tom, „kann edle Gedanken haben, die sich in seinem Kopf einnisten wie ein Schwarm Vögel, aber das Leben sieht sie nicht gern da sitzen. Das Leben wird die Vögel abschießen.“

Über den Autor: Sebastian Barry, 1955 in Dublin geboren, gehört zu den besten irischen Autoren der Gegenwart. Er schreibt Theaterstücke, Lyrik und Prosa. Bei Steidl erschienen bisher seine Romane „Ein verborgenes Leben“, ausgezeichnet mit dem Costa Book of the Year Award und auf der Shortlist für den Booker Preis, „Mein fernes, fremdes Land“, ausgezeichnet mit dem Walter Scott Prize for Historical Fiction, „Ein langer, langer Weg“, auf der Shortlist für den Booker Preis, und „Gentleman auf Zeit“. Sebastian Barry lebt in Wicklow, Irland.

Steidl Verlag, Sebastian Barry: „Tage ohne Ende“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser.

Lesung: vimeo.com/278120024

steidl.de

  1. 1. 2019

Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten

September 1, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Menschen auf dem Möbiusband

Pünktlich zu ihrem 80. Geburtstag legt eine der Titaninnen der amerikanischen Gegenwartsliteratur ihr neues Buch vor: In „Der Mann ohne Schatten“ beschreibt Joyce Carol Oates die Geschichte eines Gedächtnisverlustes. 37 Jahre ist der aus altem Philadelphia-Geldadel stammende Wirtschaftsprofi Eli Hoopes, als er sich bei einem Campingausflug eine durch eine Virusinfektion hervorgerufene Enzephalitis zuzieht. Sein Kurzzeitgedächtnis wird dadurch zerstört, Eli kann sich an Menschen und Geschehnisse nicht mehr länger als maximal 70 Sekunden erinnern.

Im Jahr 1965 passiert das, und bis 1996 wird Eli an der Universität von Darven Park, Pennsylvania, ein begehrter „Untersuchungsgegenstand“ sein. Vor allem Margot Sharpe begeistert sich für den Probanden, sie stößt als Doktorandin der Neurowissenschaften zum „Projekt E. H.“, wird es schließlich leiten und dank ihm zu höchsten akademischen Ehren kommen. Nach der ersten Begegnung mit dem Ex-Ökonomen notiert sie beklommen: „Er ist in ewiger Gegenwart gefangen. Wie jemand, der im Halbdunkel der Wälder im Kreis herumläuft – ein Mann ohne Schatten.“

Im Laufe der Jahrzehnte wird aus Faszination Liebe. Margot gaukelt dem Ex-Ökonomen schließlich sogar vor, seine Ehefrau zu sein. Sie kauft für beide Eheringe, es kommt auch zum Vollzug der Liebe. Doch damit tut sich für beide ein Strudel der Gefühle auf … Oates hat für ihr Buch zahlreiche Fallstudien studiert, unter anderem die von Henry Gustav Molaison, dem berühmtesten Amnesiekranken der Welt. Wie der Romanheld unterzog sich der Amerikaner zahlreichen Testreihen, deren Ergebnisse als bahnbrechend in der Gedächtnisforschung gelten.

Als literarisches Vorbild für Margot Sharpe, die Eli Hoopes lebenslang als Gelehrte und Geliebte begleitet, diente Brenda Milner, die als Professorin für Neurologie und Neurochirurgie lehrte und unzählige Arbeiten über Molaison veröffentlichte. Inspiriert wurde Oates mutmaßlich auch ihrem zweiten Ehemann Charlie Gross, der bis zu seiner Emeritierung an der Princeton University als Neurowissenschaftler arbeitete. Oates schreibt mal aus Margots, mal aus Elis Sicht – dies ein gewagter Kunstgriff, den sie mit Könnerschaft meistert, mit sprachlicher Wucht porträtiert sie zwei Einsame, jeder auf seine Art Verlorengegangene, zwei Menschen auf dem Möbiusband.

Über Eli heißt es, er hätte sich eine „überzeugende und sympathische Fassade“ errichtet, mit der er „den Gedächtnisverlust kaschiert“. Margot wird als Arbeitssüchtige in ständigem Konkurrenzkampf mit den Kollegen gezeigt. Und wie das Leben der Testperson E. H. ist auch der Text gekennzeichnet durch Leitmotive, durch Wiederholungen von Sätzen und ganzen Passagen. „Es gibt keine Reise, und es gibt keinen Weg. Es gibt keine Weisheit, es gibt Leere“, sagt Eli immer wieder, was bei seinen Betreuern für Rätselraten sorgt.

In all das hat Oates sorgsam eine Kriminalgeschichte verwoben: Als sie gerade mal Teenager waren, ist Elis Cousine Gretchen auf mysteriöse Weise zu Tode gekommen. Eli wird auch in seiner Erkrankung von diesem Vorfall wie von einem Fluch verfolgt. Immer wieder zeichnet er wie in Trance ein lebloses, in einem Bachbett liegendes Mädchen. War Eli Wegschauer, Mitwisser – oder gar Mörder? Oates hält diesbezüglich die Spannung bis zum Gänsehaut-Ende aufrecht.

Gleichzeitig geht es ihr um das Thema medizinische Ethik, Margot muss sich in einem vorweggenommenen, posthum geführten Vortrag – dieser kommt in Einschüben immer wieder – wegen des Ausnutzens Elis rechtfertigen. Ein nicht näher benanntes Gegenüber wirft ihr vor, die Experimente nur für ihr wissenschaftliches, den Publikationen über E. H. geschuldetes Renommee so lange weiter betrieben zu haben … Joyce Carol Oates‘ „Der Mann ohne Schatten“ ist ein traurig schönes Buch über imaginierte menschliche Nähe. Es changiert zwischen Psychogramm und Psychothriller, und ist so anrührend wie abgründig.

Über die Autorin: Joyce Carol Oates wurde 1938 in Lockport, New York, geboren. Sie zählt zu den bedeutendsten amerikanischen Autorinnen der Gegenwart. Für ihre zahlreichen Romane und Erzählungen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem National Book Award. Joyce Carol Oates lebt in Princeton, New Jersey, wo sie Literatur unterrichtet.

S. Fischer Verlage, Joyce Carol Oates: „Der Mann ohne Schatten“, Roman, 384 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz.

www.fischerverlage.de

1. 9. 2018