Elizabeth Strout: Oh, William!

März 8, 2022 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Gespräche am Küchentisch

Es gibt Romane, in denen kaum etwas passiert, die aber dennoch Pageturner sind. Diese große Kunst beherrscht die US-amerikanische Autorin Elizabeth Strout, die ihr Lesepublikum scheinbar mühelos und stets weitherzig mit ihren Protagonistinnen und Protagonisten vertraut macht. Strout, von Kritik wie Fans als grandiose Chronistin des Alltags verehrt, betrachtet ihre Figuren mit scharfem Blick für deren Schwächen, umhüllt sie aber gleichzeitig mit einem Schutzmantel aus Sympathie. Mit jedem neuen Roman taucht man erneut in die Welt ihrer Geschöpfe ein.

Meist ist es Maine, wo sich die Glücksmomente, die tiefen Verletzungen und mittelschweren Katastrophen ereignen, und immer wieder mal wird eine Neben- aus einem früheren Werk in einem späteren zur Hauptperson. So auch in „Oh, William!“ Zwar ist die Erzählerin die schon aus „Die Unvollkommenheit der Liebe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21705) und „Alles ist möglich“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30582) bekannte Schriftstellerin Lucy Barton, die im ersten Buch in einem Manhattaner Krankenhaus um ihr Leben und gegen die ungeliebte Mutter kämpft, während sie im zweiten von ihren auf seltsame Art

sadistischen Eltern und ihrer armseligen Kindheit auf einem Einschichthof im Mittleren Westen erzählt. Nun, im dritten Lucy-Barton-Roman, ist die Literatin jenseits der Sechzig. Sie war in der Zwischenzeit mit den Cellisten David Abramson verheiratet, der vor Kurzen verstarb. Dies in zweiter Ehe, denn mit Ehemann eins, William Gerhardt, Parasitologe und Dozent an der New York University, Lucys Studentinnenliebe, war sie’s zwanzig Jahre lang. Sie hat mit dem notorischen Fremdgeher die längst erwachsenen Töchter Becka und Crissy.

„Ich muss noch etwas über meinen ersten Mann sagen, William.“ Mit diesem richtungsweisenden Satz beginnt Lucy ihr Gespräch mit der Leserin, dem Leser, so ist der Tonfall des Textes, als säße man miteinander plaudernd am Küchentisch bei Tee und Kuchen, und die Freundin schildert, was jüngst vorgefallen ist. Wobei sie ins vorsichtige Herantasten an die Geschehnisse, an die eigene Vita ihre Gedanken und Gefühle einwebt. „Ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll“, heißt es an einer Stelle, „ich sag einfach, wie es ist“. Und genau das tut Strout, und biegt direttissima in die abgrundtiefen Gemütslagen ihrer Heldin ab.

Der Roman setzt ein, als William nach Lucy und Joanne – mit der er Lucy zuvor betrogen hatte – auch von seiner dritten Ehefrau Estelle samt dem zehnjährigen Töchterchen Bridget verlassen wird. Wie gewohnt wenn sein Leben aus dem Ruder läuft, klammert er sich an seinen Rettungsanker Lucy, haben sich die beiden doch ihre Vertrautheit und Freundschaft bewahrt. Lucy weiß, woran es krankt, nämlich dass Williams Distanziertheit seine Ehefrauen unglücklich macht und in die Flucht treibt, was er selber aber nicht erkennt.

„Es gab Zeiten in unserer Ehe, da habe ich ihn verabscheut. Ich spürte mit einem Grauen, das sich wie ein dumpfer Ring um meine Brust legte, dass da hinter seiner liebenswürdigen Distanz, hinter seiner sanften Art eine Mauer war. Nein, schlimmer noch: Unter dieser geballten Liebeswürdigkeit lauerte etwas Infantil-Mürrisches, über seine Seele huschte gleichsam ein Schatten, und ich sah einen dicklichen kleinen Buben mit vorgeschobener Unterlippe vor mir, der die Schuld bei anderen suchte, bei dem und bei jenem – er gab die Schuld mir, hatte ich oft das Gefühl, er machte mich für Dinge verantwortlich, die mit unserem jetzigen Leben nichts zu tun hatten“, sagt Lucy. Und schwankt zwischen melancholisch duldsam und aufmüpfig emanzipiert, zwischen „armer William“ und einem „Gottseidank, er gehört mir nicht mehr“.

In dieser diffusen Atmosphäre zwischen Ratio und Emotion bewegen sich Lucy und William aufeinander zu. Elizabeth Strout, die mit dem Charakter Lucy zweifellos auch ein Rollenspiel mit dem eigenen Ich betreibt, umkreist in Lucys Selbstbefragungen und mit deren Rückblicksfragmenten behutsam die Kalvarienbergstationen der beiden, dies nicht linear, sondern assoziativ und ergo keinem biografischen Zeitbalken gehorchend. An Lucy nagt nach wie vor ihre Kindheit. Von einem posttraumatischen Stress-Syndrom sind die nächtlichen Panikattacken geblieben, und es geht wie Nadeln unter die Haut, wenn Lucy plötzlich einfällt: „Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mutter je irgendeines ihrer Kinder berührt hätte, außer um es zu schlagen.“

William wiederum laboriert am Umstand, dass sein Vater Wilhelm im Dritten Reich auf Seiten der Nationalsozialisten kämpfte. Als deutscher Kriegsgefangener war er zum Arbeiten auf die Erdäpfelfelder Maines abkommandiert worden, verliebte sich und vice versa in die Frau des Farmers Clyde Trask, Catherine, die ihm bedingungslos in ein neues Daseinskapitel folgte. Derart mäandert Strouts Roman von Schock zu Erschütterung, von der Angst vorm Verlassenwerden zu der vorm Alleinsein. „Pillie“/William und „Button“/Lucy unternehmen eine Erinnerungsreise in ihre Vergangenheit inklusive ihrer Ehe, eine Odyssee – von Lucys widersprüchlichen Empfindungen für William zu dessen andauerndem Herzausschütten.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Und wie schon in „Die Unvollkommenheit der Liebe“ ärgert einen diese hochneurotische Lucy Barton, die man für, ja, abgespannt, aber nicht so überspannt gehalten hätte, und um nichts weniger William, durch deren beider Anhangen an Erlebnisse, die Jahrzehnte zurückliegen, wenn sich über die Mittsechziger in einer „herzbeklemmenden Beengung“ der „Vorhang der Kindheit“ absenkt. Es ist an der Zeit, sich mit seinem inneren Bild der Eltern auszusöhnen und ihnen auf einer neuen, erwachsenen Ebene zu begegnen, möchte man Strouts literarischen Gestalten zurufen. Und so glaubhaft die Darstellung von Lucys Aufsteigergeschichte aus heillosen und gewalttätigen Verhältnissen, so überdeterminiert ist die Erzählung von Williams Traumatisierung durch seine deutschen Wurzeln, die noch dazu bei einem Besuch des Konzentrationslagers Dachau verstärkt werden musste. Eine Behauptung, die im Roman stehen bleibt und an keiner Stelle weiter vertieft wird.

Schwiegermutter Catherines „Blues“, den die permanente Dritte im Ehebunde mit Alkohol und Antidepressiva zum berauschten Happy Sound verkehren will, enträtselt sich, als William durch eine Ahnenforschungs-Webseite erfährt, dass er eine Halbschwester namens Lois hat, die nach wie vor in Houlton im Bundesstaat Maine wohnt. „Kontrollinstanz“ Catherine hatte also nicht nur Farmer Trask, sondern auch die gemeinsame einjährige Tochter zurückgelassen. Von nun an wird der Roman zum Roadtrip, denn William will Lois zumindest sehen – und natürlich braucht er Lucy als Krisenmanagerin.

„Ach, William“, stöhnt Lucy in sich hinein, und in diesem „Ach“, das je nach Situation auch zu einem „Oh“ mutieren kann, steckt mutmaßlich alles, was die Beziehung der beiden ausmacht. Es ist ein Seufzer, der verzweifelt klingen kann, widerwillig, spöttisch, liebevoll, gefärbt mit einem Hauch Nostalgie. Er ist gleichsam die Bassline des Buches. Strout schließt mit Lucys Worten: „Wenn ich Oh, William! denke, meine ich dann nicht letztlich auch: Oh, Lucy? Meine ich nicht: Oh, ihr alle, oh, ihr Lieben alle auf der ganzen weiten Welt, wir kennen niemanden wirklich, auch nicht uns selbst?“

Es wird Lucy sein, die es wagen wird, die mit der Pflege ihres Rosengartens beschäftigte Lois anzusprechen, alldieweil William sich im Wagen versteckt. Und siehe, die ebenfalls Witwe hat sich im Gegensatz zu den beiden Psychowracks eine gesunde Seele bewahrt – und schöne Andenken an eine liebevolle, einander innig verbundene Familie. Immerhin lässt sie William via Lucy wissen, dass ihr Vater nach einem Jahr Anstandszeit Nachbarin Marilyn Smith heiratete, die und nur die Louis als ihre Mutter betrachtet. Sie berichtet von einem späten Besuch Catherines, dem ehemals bettelarmen White-Trash-Mädchen, das nun auf Großstädterin machte.

Lucy kennt ihre Schwiegermutter ausschließlich Golf spielend und sonnenbadend auf den Cayman Islands, was Lucy und William ob der neu gewonnenen Erkenntnisse zu einem desaströsen Abstecher zu Catherines leerstehendem Eltern-, nicht -Haus, sondern -Baracke am Ende der Dixie Road veranlasst. Nein, sagt Lois, im Wohnzimmer umrahmt von Fotografien ihres Ehemannes, ihrer Kinder und Enkelkinder, William kennenzulernen, danach stünde ihr nicht der Sinn. Da entdeckt Lucy auf einem Bücherboard all ihre Romane. Sie sei verletzt gewesen, dass sie in keinem vorkomme, sagt Louis, nichtsahnend, dass sie ein wohlgehütetes Familiengeheimnis war. „Ach, Lois“, sagt Lucy. – „,Tja.‘ Sie stieß ein kurzes Lachen aus. ,Falls Sie hierüber auch mal ein Buch schreiben, würde ich gern darin vorkommen.‘“

„Oh, William!“ ist ein delikates, mit den losen Zügeln einer Meisterin ihres Metiers geschriebenes Buch, das Veränderungen, die sich im Laufe des Lebens auf der emotionalen Ebene vollziehen, Verzeihen, Verstehen, ans Verbindende denken, mit sehr viel Feingefühl thematisiert. Die Frage, die Elizabeth Strout auf ihre berühmt beiläufige Weise zu ergründen sucht, ist die, aus welchen Bestandteilen sich Liebe zusammensetzt. Die Tulpen, die David Lucy regelmäßig geschenkt hat, sind auf dem Buchcover zu sehen.

Über die Autorin: Elizabeth Strout wurde 1956 in Portland, Maine, geboren. Für ihren Roman „Mit Blick aufs Meer“ bekam sie 2009 den Pulitzerpreis. „Die Unvollkommenheit der Liebe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21705) kam auf die Longlist des Man Booker Prize 2016. Erschienen sind außerdem „Das Leben natürlich“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6494) und „Bleib bei mir“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=11917). „Alles ist möglich“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30582) erhielt 2018 ein überwältigendes Presseecho in den USA und stand in allen großen Medien auf den Empfehlungslisten; die Übersetzungsrechte wurden in 16 Länder verkauft. Elizabeth Strout lebt in Maine und in New York City.

Luchterhand Literaturverlag, Elizabeth Strout: „Oh, William!“, Roman, 224 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Sabine Roth.

www.randomhouse.de/luchterhand/

  1. 3. 2022

Schauspielhaus Wien: Oh Schimmi

November 25, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dem Affen ordentlich Zucker gegeben

Zum Affen gemacht: Markus Bernhard Börger als Schimmi. Bild: © Susanne Einzenberger

Schon vor drei Jahren, als sie ihren Text beim Ingeborg-Bachmann-Preis vorstellte, erregte die österreichische Autorin und bildende Künstlerin Teresa Präauer nicht nur mit ihm, sondern auch mit einem Affenvideo Aufsehen. Diesen Herbst ist der Roman dank Dramaturgin Anna Laner zum Bühnenmonolog geworden, und nun vom Theater Kosmos Bregenz im Rahmen der Theaterallianz ans Schauspielhaus Wien übersiedelt.

Wo, weil „Oh Schimmi“ auch als Stück aufsehenerregend ist, die gestrige Premiere beim Publikum für Begeisterung sorgte. Dass das Ganze so perfekt funktioniert, dafür sind in erster Linie Regisseurin Anna Marboe und Schauspieler Markus Bernhard Börger verantwortlich. Marboe lässt Börger im Wortsinn intensiv zu Werke gehen. Der turnt nicht nur durch die Szenerie, und zwar während er diese beständig umbaut, sondern auch gewitzt und ungeziert durch Präauers Sprache. Wobei er für die performative Selbstentblößung seines fragwürdigen „Helden“ die genau richtige attitude findet, der Möchtegern-Rapper mit den schlechten rhymes, der, je mehr er sich in die Bürscherlbrust wirft, umso weniger als gefährlicher Gangsta durchgeht.

Und denn doch kein ganz so harmlos-armer Tropf ist, wie er sich am Ende mit weißem Plüschpyjama und Maske auch optisch zum Affen macht, hält er unter seinem Bett neben den Marshmallows ja die mit einem neongrünen LED-Seil gefesselte Nagelpflegerin Maguro versteckt.

Immer wieder kommt Präauer in ihren Büchern auf die Animalisierung des Menschen zu sprechen, dieser unscharfen Zwischengrenze, die sie mit dem französischen Philosophen Jacques Derrida „animot“ nennt – das Wort gewordene Tier. Auch in ihrem im Programmheft auszugsweise abgedruckten erzählerischen Essay „Tier werden“ befasst sie sich mit Stationen des Übergangs, mit der Verwandlung, mit einem Aus-der-eigenen-Art-Schlagen. Was „Oh Schimmi“ betrifft, ist es Anna Laner gelungen, die knapp mehr als 200 Seiten lange Taugenichts-Geschichte auf ihre Essenz einzudampfen, auf 70 Minuten Höchstgeschwindigkeit, und trotzdem sowohl Story als auch Figur vollständig zu erzählen.

Die attitude ist selbstverständlich proll-cool. Bild: © Susanne Einzenberger

Schimmi äfft die Mutti nach. Bild: © Susanne Einzenberger

Das Affenthema dabei vom Nachäffen eines „amerikanischen Lebensstils“ bis zu Schimmis affigen Avancen, die er seiner Angebeteten Ninni, dieser „schaumgeborenen Schönheit des White Trash“, macht, durchgehalten. White Trash ist also das Setting. Mann wohnt mit Mutter im 17. Stock eines Towers in einem anonymen Weltstadtdschungel. Eine von ihr eindeutig inzestuös angedachte Hassliebe, tanzt sie ihm vor dem TV-Gerät doch ihren Strip vor, ein den Bildschirm verstellendes Bild ihres aushäusig praktizierten „Sexualismus“.

Der für Schimmi nicht einmal in der Theorie möglich sein soll, nimmt sie ihm doch zur Vermeidung von Schweinkram-Gedanken vor ihren Ausflügen sogar das Smartphone weg. So muss sich der hinter Seifenblasen versteckende Spanner allein durch die Mannbarkeitsklischees schlagen, und Marboe lässt Schimmi dabei genüsslich zwischen seinem selbst gezimmerten Macho-Mythos und Tussi-Muttis Machtspielchen hin und her straucheln, dabei Päauers Kritik an Geschlechterrollen und der Generation Konsumkids zwar fest im Blick.

Aber locker genug gehandhabt, um Börgers proll-cooles Coming-of-Age-Spiel nicht mit einem mahnenden Zeigefinger zu beschädigen. Dieser läuft zur Hochform auf, wenn er außer seinem Protagonisten auch noch mit theatralisch hochgerissenen Armen die Mutti, mit verärgert in die Hüfte gestemmten Händen die Ninni, den auf dem Weg zum Erwachsenwerden verlorengegangenen Vater – und die Sexhotline-Cindy darzustellen hat.

„Es kann doch nicht sein, dass das Internet es lustiger hat als ich“, sagt Börgers Schimmi mit verschmitzt-sündigem Lächeln, und wie er sich schonungslos exponiert, im schweißtreibenden Affenzahn-Tempo und mit überschwappenden Emotionen über seine dysfunktionale Familie, die zerschmetterten Träume seiner Mutter, Verdrängung, Verleumdung und Fluchtversuche berichtet, mal billig flirtet, mal unverschämt baggert, und hinter Schimmis Bling-Bling immer dessen Betrübtheit durchblitzen lässt, da wird der Abend nicht nur bis zum Abwinken absurd, da tun sich tatsächlich Abgründe auf.

Am liebsten schaut Schimmi Tierfilme: Markus Bernhard Börger. Bild: © Susanne Einzenberger

Die Ausstattung dazu hat Sophia Profanter erdacht, graue Kuben, die sich beim Umdrehen in pinke, knallgelbe, babyblaue Versatzstücke verwandelt, aus Plastikbechern wird eine Bar, Fruit Loops zum Sitzbezug, aus grünen Luftballons ein Busen, eine Banane erst zur Pistole, dann zum Smartphone. Und so hat wie der Darsteller auch das Leading Team mit seiner „Oh Schimmi“-Interpretation dem Affen ordentlich Zucker gegeben – sehenswert.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=hSy4NZQemIw

www.schauspielhaus.at

  1. 11. 2018