Streaming: Riz Ahmed im Oscar-Favorit „Sound of Metal“

Januar 12, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Gottes vergessener Schlagzeuger

Bei einem Gig bemerkt Ruben, dass er sein Gehör verliert: Riz Ahmed. Bild: © Amazon Studios

Seit einigen Tagen streamt Amazon auch in Österreich das Filmdrama „Sound of Metal“, das als bereits zehnte Auszeichnung am 9. Jänner von der National Society of Film Critics mit dem Nebendarstellerpreis für Paul Raci bedacht wurde, und sowohl von der Variety als auch von Awards Daily für die Oscars hoch gehandelt wird, und zwar neben Paul Raci auch Hauptdarsteller Riz

Ahmed für den Best-Actor-Goldjungen. Ahmed, britischer Schauspieler, MC und Musiker mit pakistanischem Background, im Kino zuletzt zu sehen als Bösewicht-Wissenschaftler Dr. Drake/Riot in „Venom“, schlüpft in die Rolle des Ruben Stone. Dieser Drummer eines Sludge-Duos, dessen Sängerin Lou, Olivia Cooke, auch seine Freundin ist. Im Wohnmobil fahren die beiden von Gig zu Gig – loud and proud, bis Ruben während eines Soundchecks, wo’s wie üblich was auf die Ohren gibt, erst ein schrilles Kreischen, dann wie durch Watte, dann gar nichts mehr hört. Ein Schlagzeuger-Schicksal, das Ruben mit Kollegen von Phil Collins bis Lars Ulrich teilt.

„Sound of Metal“ erzählt keine Sid-and-Nancy-Story, im Van sind Schmusesongs und Smoothies angesagt, der seit vier Jahren cleane Fixer und die ehemalige Ritzerin sind Familie, ihre Beziehung ist eine fragile, in der die Furcht vor den eigenen Abgründen mit einer berührenden Zärtlichkeit überbrückt wird. Und nun das! Ahmed zeigt’s ganz fabelhaft, die Angst und das Unverständnis in Rubens Augen, alle Geräusche gedämpft wie unter Wasser, unter der Dusche, hinter seiner Instrumenten-Batterie, im Drugstore, dessen Apotheker ihn zum Arzt schickt. Unvorstellbar, wie es sein muss, sich selbst nicht mehr sprechen zu hören, doch Riz Ahmed stellt dies Gefühl, für das man ihm beim Dreh sogenanntes „weißes Rauschen“ ins Gehör übertrug, höchst authentisch dar.

Regisseur Darius Mader und „Gravity“-Tonkünstler Nicolas Becker entwickelten dies Sounddesign in einem schalltoten Raum, Mader, der gemeinsam mit Bruder Abraham auch das Drehbuch schrieb, und dieser wiederum mit Becker die Filmmusik, Becker, der für Riz‘ Ruben eine Klangkulisse schuf, die die Zuschauerin, den Zuschauer komplett in Rubens Kopf versetzt. Heißt: man hört, wie Ruben hört – Hitchcock nannte dies den „Subjektiven Klang“, mit dem der Großmeister gelegentlich experimentierte. Das Ganze kommt mit Untertiteln, da Mader seinen Film von einem hörenden wie gehörlosen Publikum erlebt haben will.

Beim HNO erfährt Ruben von der Möglichkeit eines Cochlea-Implantats, ein System mit Mikrofon und Signalprozessor, das den Hörnerv direkt mit dem Gehirn verbindet, doch die Kosten dafür sind unerschwinglich. Also checkt Lou für Ruben, der sich in den ersten vier der fünf Phasen der Trauer einigelt – Leugnen, Wut, Feilschen, Depression -, einen Platz in einer Gehörlosen-Wohngemeinschaft, die auf Suchtkranke spezialisiert ist. Während sie zu ihrem Vater fährt, Mathieu Amalric in einer Gastrolle, damit Ruben sich auf seine geänderte Situation fokussieren kann.

Paul Raci als Joe. Bild: © Amazon Studios

Joes Wohngruppe: Paul Raci (M.). Bild: © Amazon Studios

Schlagzeugunterricht: Riz Ahmed. Bild: © Amazon Studios

Lauren Ridloff als Lehrerin Diane. Bild: © Amazon Studios

So will es auch der Leiter der Einrichtung, der trockene Alkoholiker und Vietnam-Veteran Joe, der sein Gehör im Krieg verloren hat: Auftritt Paul Raci, der 73-jährige Schauspieler, ein „CODA“, ein Kind gehörloser Eltern, der wie seine drei Geschwister als erste Sprache die American Sign Language lernte, ist als Joe eine harte, aber herzliche Vaterfigur, der seine Junkie-Schützlinge auf Trab hält und mit nicht immer sanftem Nachdruck auf den rechten Weg bringt.

Rubens Verbitterung auf alle und alles stößt beim Lippenleser auf im Wortsinn taube Ohren, man suche hier Lösungen fürs Gehirn, nicht fürs Gehör, bescheidet er dem ständig wie unter Strom stehenden Neuankömmling und dass dieser keinen „Moment der Stille“ in sich habe, und Ahmed verkörpert mit unterschiedlich hoch kochenden Emotionen, wie verloren ein Mensch sich fühlen kann. Weil ihm ohne seine Drums, die Musik der Rausch, der das Rauschgift ersetzte, ein Ventil fehlt, um seine inneren Dämonen auszutreiben, weil er ohne Kenntnis der Gebärdensprache natürlich zum Außenseiter der Gruppe wird, alldieweil ihm am Gesicht abzulesen ist, wie saudämlich er das wilde Gestikulieren um sich herum findet.

Dies eine der besten Szenen des Films: Ruben, um jedes Kommunikationsmittel gebracht – Hörende schreit er an: „Ich verstehe Sie nicht! Ich bin taub! Schreiben Sie es mir auf! -, inmitten der Abendbrotgesellschaft, die sich ausgelassen und herzhaft lachend unterhält, man selbst übers „Tischgespräch“ ebenso ahnungs- und verständnislos wie Ruben, da schneidet Nicolas Becker den Ton plötzlich von gehörlos auf hörend, eine kurze Einblendung des Lärms rund um die Tafel, ein Klopfen, ein Geschirrklappern, ein Remmidemmi. Eindrucksvoll überblendet Becker so beide Welten.

Olivia Cooke als Bühnen-Lou. Bild: © Amazon Studios

Olivia Cooke als Lou privat. Bild: © Amazon Studios

Ruben mit Implantat: Riz Ahmed. Bild: © Amazon Studios

Mathieu Amalric spielt Lous Vater. Bild: © Amazon Studios

Joe schickt Ruben zum Lernen in eine seiner Gruppe angeschlossene Schulklasse mit tauben Teenagern. Die gehörlose Schauspielerin Lauren Ridloff, bekannt aus „The Walking Dead“ und 2018 am Broadway in der Hauptrolle von „Gottes vergessene Kinder“ zu sehen, spielt deren Lehrerin Diane. Die Kinder fangen Rubens Absturz auf, bald hält er einen Drummer-Grundkurs, auf Plastikkübeln zur besseren Übertragung der Schwingungen, und wird zum „Teenie-Star“. Joe bietet ihm an als eine Art Lehrkraft zu bleiben, doch Ruben, innerlich immer noch voll trotzigen Grolls, verkauft von Mischpult bis Wohnmobil alles, um sich die Cochlea-OP endlich leisten zu können.

Worauf Joe ihn bitten muss zu gehen, da Ruben sein erstes Gebot, dass Taubheit nichts sei, das man „reparieren“ müsse, gebrochen habe. Die Redensart vom alten Leben, das einer nicht loslassen könne – Jage nicht dem hinterher, was du verloren hast, sondern schätze, was du noch besitzt!, kommt einem in den Sinn, und in Regelverletzter Rubens Augen spiegelt sich seine neuerliche Verletztheit. Einen ernüchternden Abstecher zu Lou und ihrem Vater später, sieht man ihn auf einer Parkbank sitzen, auch die Leistung des Implantats ist ernüchternd, die Stimmen zu un-, Lärm dafür überdeutlich.

In Summe klingt’s wie ein Radio im Sendersuchlauf, echoartig, irritierend metallisch und schmerzlich fehlerhaft, wodurch der Filmtitel „Sound of Metal“ von der Musik bis zu den verzerrten Tönen des Fremdkörpers Hörgerät auf einmal doppeldeutig wird. Doch Ruben wird ihn finden, den von Joe anempfohlenen Moment. In der Ruhe liegt die Kraft. „Sound of Metal“ besticht nicht nur durch seine Darsteller, allen voran der fulminante Paul Raci und Riz Ahmed, zum Glück mal nicht als Terrorist oder Terrorverdächtiger, der mit seiner sensationellen, gnadenlos glaubwürdigen, intensiven und zugleich zutiefst unsentimentalen Performance das Publikum in seinen Bann zieht.

Sondern auch mit seiner komplexen Klanglandschaft, in der etwa nach einer exzessiven Bühnenshow jene jedem Rockkonzertbesucher bekannte absolute Stille des Boxen-Stopps mitschwingt, die Marders Spielfilmdebüt zu einem hypnotisierenden Erlebnis werden lässt. Und last, but not least ermuntert „Sound of Metal“ auch zu mehr Offenheit gegenüber den Mitmenschen, zu mehr Bewusstsein und Empathie füreinander, losgelöst von jeglichen Normen und Erwartungen.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=VFOrGkAvjAE           www.amazon.de

  1. 1. 2021

Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil

Oktober 31, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

mumok: Eine malerische Biosphäre für Mensch und Tier

Performance auf derBodenmalerei: Elise Lammer and Julie Monot, with Hugo Canoilas: Becoming Dog, 2020. Bild: Klaus Pichler. © Hugo Canoilas, Julie Monotand Elise Lamme

Ab 6. November zeigt das mumok die Schau „Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil“. Der Kapsch Contemporary Art Preisträger 2020 versetzt dazu den Ausstellungsraum in eine betretbare Bühne der Malerei: Über die gesamte Bodenfläche zieht sich auf textilem Grund ein malerisches Szenario ineinander verfließender Formen mit inselartigen Zentren. Das Blau des Grundes und die darauf gesetzten tentakulären Farbwesen aus Wolle und Glas erinnern an eine belebte maritime Landschaft von unabwägbarer Tiefe.

In Zeiten der #Corona-Krise, die das physical distancing zum neuen Überlebensprinzip erhoben hat, sieht man sich in eine unentrinnbare malerische Biosphäre einbezogen, in der Verführerisches und Bedrohliches, Organisches und Technoides zugleich aufscheinen. Eine Bühne der Kunst- und Selbsterfahrung bietet diese Bodenmalerei nicht nur für die Betrachter, sie ist auch der Auftrittsort für die von Elise Lammer und Julie Monot auf Einladung des Künstlers entwickelte Performance „Becoming Dog“, in der als Hunde verkleidete Akteure auftreten, um das hierarchische Verhältnis zwischen Mensch und Tier zu hinterfragen und neue Potenziale der Empathie zu erkunden. Menschliches und Tierisches erscheint hier wie in einer Travestie ineinander geblendet, um vorgebliche Gewissheiten über Identität und Einzigartigkeit zur Diskussion zu stellen.

Making of: Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil. Kapsch Cont. Art Prize 2020. © mumok, Bild: Klaus Pichler

Making of: Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil. Kapsch Cont. Art Prize 2020. © mumok, Bild: Klaus Pichler

Making of: Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil. Kapsch Cont. Art Prize 2020. © mumok, Bild: Klaus Pichler

Making of: Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil. Kapsch Cont. Art Prize 2020. © mumok, Bild: Klaus Pichler

Hugo Canoilas nutzt die Tradition und Geschichte der Malerei und Objektkunst, um sie in Verbindung mit installativen und performativen Strategien neu zu bestimmen und zu erweitern. Er nimmt dabei auf aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen sowie die damit verknüpften philosophischen und kunsttheoretischen Diskurse Bezug. Die Ausgangslage bilden miteinander verzahnte Themen wie die Klimakatastrophe, die Umweltzerstörung, die Migration und die sich vertiefende Kluft zwischen Arm und Reich, deren Virulenz durch #Corona eine Art pandemischen Katalysator erhält. Anknüpfungspunkte für die Auseinandersetzung mit diesen Entwicklungen und ihren Folgen findet der Künstler vor allem in jenen posthumanistischen Denkströmungen, die ein anthropozentrisch-hierarchisch erstarrtes Weltbild infrage stellen und einen einfühlsamen Umgang des Menschen mit der Natur und seiner kreatürlichen Umwelt einfordern.

Der Blick von oben auf die Malerei darunter weckt Erinnerungen an digitale Landschaftsszenarien, die wie aus der Perspektive einer Drohne aufgenommen sind. Der hier offerierte Perspektivenwechsel kann auch metaphorisch als Abweichung und Distanznahme zu eingeübten Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen im Gesellschaftlichen begriffen werden, um anders und womöglich auch näher an die Dinge heranzukommen

www.mumok.at

31. 10. 2020

Akademie der bildenden Künste im Weltmuseum Wien: Stories of Traumatic Pasts

Oktober 7, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Interventionen gegen das Verdrängen und Vergessen

Martin Krenn: Österreich ist ein wunderbares Land, 2020, Installationsansicht. Bild: İklim Doğan

Die Akademie der bildenden Künste zeigt ab 8. Oktober im Weltmuseum Wien die Ausstellung „Stories of Traumatic Pasts – Counter-Archives for Future Memories / Geschichten traumatischer Vergangenheiten – Gegenarchive für künftige Erinnerungen“. Die Schau thematisiert das systematische Verschweigen und Vergessen, die Nachwirkungen des Kolonialismus im Belgien seit 1885, die Zeit des

Nationalsozialismus im österreichischen Raum, unter besonderer Betrachtung des Holocausts, und den Turbo-Nationalismus in Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Serbien, der „Republika Srpska“ oder der „Serbischen Republik“ von 1990 bis heute. Diese drei europäischen Regionen, ihre Geschichten und ihre teilweise  gegenwärtige „kollektive Amnesie“ in Bezug auf die traumatischen Vergangenheiten stehen im kritischen Fokus der Präsentation. Die gezeigten künstlerischen Positionen sind Interventionen in Gegenwart und Zukunft und bilden Gegenerzählungen gegen das Vergessen. Oft von Künstlerinnen und Künstlern geschaffen, die in ihren Herkunftsländern kein Gehör finden, legen die Arbeiten die Pluralität des Denkens, der Gemeinschaft, der Geschichte und der Erzählungen frei und beleuchten die Allianzen von Erinnerungen und Geschichte.

Einige Untersuchungen fokussieren auf Belgiens Entwicklung seit der Unabhängigkeitserklärung des Kongo und der Verehrung der Kolonialisten und der Politik des für den Genozid verantwortlichen König Leopold II. am Beispiel von zahllosen Denkmälern im öffentlichen Raum. Dieses Kapitel der Geschichte Belgiens wird erst seit den 1990er-Jahren aufgearbeitet. Noch heute herrscht jedoch vielerorts das Bild vor, dass dem Kongo Wohlstand und Modernität gebracht wurde, dem sich zahlreiche Wissenschafter und Künstler entgegenstellen. Monique Mbeka Phoba zeigt dazu in ihrer Arbeit „Jeder Belgier wird auch durch sein Verhältnis zum Kongo definiert, 2020“ Familienalben, Oral History in Form von Geschichten und Anekdoten ihrer Eltern und Großeltern erzählen von der Kolonialzeit im Kongo bis hin zur Unabhängigkeit als Republik im Jahr 1960.

In „Kolonialität/Geselligkeit?, 2020“ laden Joëlle Sambi Nzeba undNicolas Pommier ein, sich, konfrontiert mit einer großen, reichlich gedeckten Tafel der Frage zu stellen, ob es möglich ist Schmerzen verstummen zu lassen und Traumata zu ignorieren, sich quasi trotzdem „gemeinsam an einen Tisch zu setzen und zu essen“. Elisabeth Bakambamba Tabwe hinterfragt mit ihrer Video-Intervention die Institution des Museums an sich. Um dem Ausdruck zu verleihen überwacht ein riesiges Auge eine der Hauptvitrinen im Saal „Sammlerwahn. Ich leide an Museomanie!“ des Weltmuseum Wien. In der Vitrine befinden sich sogenannte „Chrarakterköpfe“ aus Indien. Das Auge regt dazu an die ausgestellten Objekte, diev on der Künstlerin als „abgeschlagene Köpfe“ interpretiert werden, ebenso zu hinterfragen, wie die, die sie betrachten.

Anja Salomonowitz: Das wirst du nie verstehen, 2003. © Anja Salomonowitz, Courtesy of sixpackfilm

Sinisa Ilic: Conference Room with a View over the Mediterranean, 2015. © Sinisa Ilic

Arye Wachsmuth: STOP (Idomeni), 2016. © aryewachsmuth

Joelle Sambi Nzeba und Nicolas Pommier: Congolese Hands, 2020. © Joëlle Sambi Nzeba und Nicolas Pommier

Der Turbonationalismus, der Genozid und der Krieg in Bosnien und Herzegowina ist ebenso Gegenstand des Forschungsprojektes wie auch der Ausstellung im Weltmuseum Wien. „Die grausame Politik der ethnischen Säuberungen, die sich gegen Musliminnen und Muslime, Kosovo-Albaner, Roma und Sinti sowie die LGBT_QI-Community richtete sind noch lange nicht im kollektiven Gedächtnis Europas und in der Geschichtsschreibung angekommen,“ sagt Marina Gržinić, eine der Kuratorinnen der Ausstellung und Leiterin des Forschungsprojektes an derAkademie. Was in ihren Herkunftsländern oft schwer zu thematisieren ist zeigen dieKünstlerinnen und Künstler nun im Weltmuseum Wien.

Bojan Djordjev und Siniša Ilić  bieten mit ihrer Arbeit „Topografien der Emanzipation und des Zwangs“ eine über politische und geografische Einheit hinausgehende Übersicht, die weit auseinanderliegende historische und gegenwärtige Ereignisse und Ideen zu Überlegungen über Emanzipation und ihre Zerstörung verbindet. Sie stellen antikoloniale und antiimperiale Ereignisse wie Vertreibung, Migration, Ausbeutung, Überleben oder Rebellion, gegenwärtigen Bedingungen gegenüber. Den lyrischen Titel „Die Stille desBalkans, 2020“ trägt eine Augmented-Reality-Installation von Valerie Wolf Gang, die sich mit dem abstrakten Zustand der Erinnerung auseinandersetzt. Die Künstlerin fuhr die sogenannte „Balkanflüchtlingsroute“ in die gegengesetzte Richtung zu den Flüchtenden mit dem Auto ab und sammelte und archivierte im Zuge ihrer Feldforschung Fotos,Tonaufnahmen und Videos ihrer Reise. Unterstützt durch die Augmented-Reality-Technik könnendie Besucher diese Reise nacherleben.

Die traumatische Zeit der Belagerung Sarajewos, der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina, während des Bosnischen Krieges von 1992 bis 1996 erzählt die Klanginstallation von Lana Čmajčanin und Adela Jušić mit dem Titel „Gutenachtgeschichten, 2011“. Es war aber zugleich auch eine Zeit der Stärke und des Widerstands, in der Musik eine große Rolle spielte. Um sie zu hören traf sich die Jugend in kommunalen Kellerräumen. Für ihren Zugang zu diesem Trauma und dieser musikalischen Erfahrung entschieden sich Čmajčanin und Jušić für einen Doppelstrang aus Klängen und Tönen. Nur wenige werden die im Hintergrund zu hörende bosnische Sprache verstehen, die zum Klang greifbarer Angst wird. Gleichzeitig erinnert die vo neiner Erzählerin mit weicher Stimme vorgetragene englische Übersetzung an die Stimme einer Mutter, die Gutenachtgeschichten erzählt.

Valerie Wolf Gang: Die Stille des Balkans, 2020. © Valerie Wolf Gang

Die Zeit des Nationalsozialistischen Terrors und die Erinnerung, aber auch die Aufarbeitung der begangenen Verbrechen ist ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung und der Forschungsarbeit. Auf Spurensuche in der eigenen Familie macht sichAnja Salomonowitz. In Interviews mit drei Frauen aus ihrer eigenen Familie, die an der Erziehung der Künstlerin wesentlich beteiligt waren.

Ihre jeweiligen Rollen in der Zeit des Nationalsozialismus im österreichischen Raum könnten nicht unterschiedlicher sein. Die Großtante, die Auschwitz überlebt hat, das sozialistische Kindermädchen im Widerstand und die Großmutter, die zuschaute und nichts tat. Anja Salomonowitz konfrontiert sich und ihre Familie im gezeigten Film mit den unterschiedlichen Erinnerungen und reflektiert diese widersprüchliche Aufgabe mit Kommentaren aus dem Off.

Wenig bekannt ist die Geschichte von Ludwig Mies van der Rohe, der sich als einer der wesentlichen Lehrenden des „Bauhaus“ weigerte politisch Stellung zu beziehen. Trotz des Drucks der gerade an die Macht gekommenen NS-Regierung, wie auch der kommunistischen Studierenden blieb die Leitung apolitisch. Mit der Arbeit „Neutralitätsfelder (Das letzte Interview mit Ludwig Mies van der Rohe), 2019“ ermöglicht der Künstler Dani Gal Einblicke in die letzten Tage des Bauhauses, die Zusammenstöße mit den faschistischen Kräften, aber auch in die eigenen moralischen Annahmen – damals wie heute.

Martin Krenn  stellt in seiner Videoinstallation „Österreich ist ein wunderbares Land, 2020“ die Frage, wie es möglich war, dass es während der Tage des „Anschlusses“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich zu den Pogromen kommen konnte, den sogenannten „Reibepartien“. Titelgebend für die Kombination aus Augenzeugenberichten und historischen Fotos ist der erste Satz des Regierungsprogramms 2020 bis 2024.Die Wirklichkeit des Lebens eines Geflüchteten, das in Europa eine radikale Abwendung vom humanitären Zugang hin zu einer tödlichen laissez-faire Einstellung erfährt, untersucht Arye Wachsmuth in seiner Arbeit „Derocide, 2020“.

Ausgangspunkt für Wachsmuths Arbeiten sind immer konkrete Bilder und Materialien, die sich zwischen Archiven und Selbstreflektion, zwischen Momentaufnahmen und entblößten Machtstrukturen bewegen und ein Aufruf zum Handeln sind. Eine Studienecke mit Videointerviews, ein interaktiver Multitouch-Tisch, der die Verbindungenvon Kolonialismus, Antisemitismus, Holocaust und Widerstand im österreichischen Raum während der Zeit des Nationalsozialismus und Turbo-Nationalismus zeigt, sowie die Ergebnisse von künstlerischen Workshops an der Akademie der bildenden Künste Wien vervollständigen die Ausstellung.

www.weltmuseumwien.at

7. 10. 2020

Werk X: Der G’wissenswurm

September 23, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und die Tuba bläst der …

Nächtens wird die Tank- zur Tanzstelle: Sebastian Thiers, Katrin Grumeth, Miriam Fussenegger und Peter Pertusini. Bild: © Alexander Gotter

Der Skandal ist, man versteht mit Glück knapp die Hälfte von dem, was Christoph Griesser so von sich gibt, der im „Heiligen Land“ Gebürtige tirolert vor sich hin, wie’s ihm passt – und hintnach reit‘ die Urschl. Seht, sagt Regisseur Harald Posch, ein Steirer, so nah kann’s Fremdsein sein, und lässt seine Schauspieler genüsslich hoamatln. Also in ihren jeweiligen Dialekten nebst einer Anzengruberisch stilisierten Mundart sprechen. Sebastian Thiers sächselt, und ist als „Piefke“ selbstverständlich der Bösewicht im Ganzen.

„Der G’wissenswurm“ mit dem Zusatz „The unintentional end of Heimat“ ist Poschs Stück der Wahl für die Saisoneröffnung im Werk X, und passend zum Spielzeitmotto „Der Preis des Geldes“ geht er auf des Volksdramatikers Spuren dem belasteten Begriff Heimat nach, der Verglorifizierung von Vaterland, Land ist gleich Besitz, Besitz gleich Blut und Boden – „unser“ Blut und Boden.

Doch wird er mit dem unintentional end der Sache ein Schnippchen schlagen. Ludwig Anzengrubers Personal hat Posch in dieser, bis dato einer seiner besten Arbeiten beibehalten. Während das maskierte Publikum seine Plätze

einnimmt, leiert eine Newsroom-Stimme niederösterreichische Wahlergebnisse vom Band, kaum eine Gemeinde mit weniger als 90, gar 100 Prozent für die ÖVP, und wer’s beim Hinsetzen überreißt, lacht schon zum ersten Mal an diesem gewitzten Abend. Das Setting von Daniel Sommergruber zeigt sich als Tankstelle mit Imbissbude, hinten laute Musik und eine kitschexotische Palmentapete, vorne versucht Thiers per Textbuch sich die Auffi, Umi, Außi, Arschlings anzueignen. Eine Übung, die zum Scheitern verurteilt sein muss.

Der Werk-X-Wurm, ganz klar, ist eine als derber Bauernschwank getarnte Sozialsatire, ein perfides Sittenbild ländlicher Strukturen, die Anzengruber-Überschreibung natürlich Werk-X-isch unterwandert von wissenschaftlichen Fremdtexten – aber der Hauptspaß ist, dass das, was hier ein überhöhtes Überdrüber ist, beinah täglich auf ORF2 läuft. Und die Tuba bläst … Groove Master John Sass, nur muss sich der afroamerikanische Weltstar von den farblosen Gscherten, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, ständig stampern lassen. Welch Statement ohne Worte.

Neunzig Minuten lang schreien sich die Schauspieler durch ihre Darstellung, Peter Pertusini sitzt als Grillhofer-Bauer an der Schank, beim x-ten Schnaps, weil Freizeitvergnügen ist hier Saufen und Speiben, auch wenn der Tankwartknecht Wastl aka Christoph Griesser längst nicht mehr kann und will, Katrin Grumeth als Kellnerin Gisela schenkt nach und nach. „Mein Besitz, vastehst!“, grölt Pertusini, die Dienstleut‘ haben dem Herrn über die Promillegrenze zu folgen.

Pertusini dreht auf gegen die Feministinnen und Vegetarier, gegen die Biokasperln und gegens Dorfsterben, Schnäpse für die verweichlichten Jugend-Zuschauer, die Ruabnzuzla, Gisela putzt und putzt, der Wastl liegt vollfett im Häusl – und auftritt Miriam Fussenegger, wer Anzengruber kennt, ahnt: die Horlacher-Lies, hier die fleischgewordene Fußnote und als solche am Mikrophon zuständig fürs Diskursive.

Groove Master Jon Sass. Bild: © Alexander Gotter

Erbschleicher quält Großbauer: Sebastian Thiers als Dusterer und Peter Pertusini  als Grillhofer. Bild: © Alexander Gotter

Der Spuckschutz fürs Publikum: Peter Pertusini, Miriam Fussenegger und Katrin Grumeth. Bild: © Alexander Gotter

Die finale Besitzerin von Blut und Boden ist Halb-Bosn …ah: Miriam Fussenegger. Bild: © Alexander Gotter

Posch wäre nicht Posch, würde sein philosophisches Über-Ich nicht von Anzengrubers Nachruf-Verfasser Victor Adler bis Adorno reichen, man kommt schier mit dem Zuhören nicht nach, Autoritarismus, Faschismus und die Erich-Fromm‘e-Frage, warum sich Menschen freiwillig einem Führer unterwerfen, oder die von Gartengestalter Werner Bauch 1942 gestellte „Wie grün soll Auschwitz sein?“, als er von Rudolf Höss beauftragt wurde, die Gaskammern und Krematorien durch belaubten Sichtschutz von den Lagerbaracken zu trennen.

NS-Naturschützer als erste Grüne, das ist nur eine der Provokationen, die Posch in petto hat. Doch hinausläuft’s auf das läppisch-neppische Wien-Bashing, Zitat Posch aus dem Programmheft: „Wenn du heute die Zeitung aufschlägst, hast du diese durch nichts begründbare Abneigung gegen das ,rote‘ Wien immer noch eins zu eins am Tisch“, und immer schon mochte ich dieses Flagge-Zeigen des Werk X, gefolgt von einem historischen Abriss Großbauern vs analphabetische Mägde, Knechte, Kleinbauern.

Zweitere wollten die Landagitatoren der Sozialdemokratie in der Arbeiterbewegung willkommen heißen, wurden aber, das Volk aufgehetzt von der katholischen Kirche, oft schon am Dorfeingang mit Prügel empfangen. Die Christlichsoziale Partei, damals des Namens so wenig würdig wie heute ihre Nachfolgerorganisation, brauchte das Stimmvieh gegen die Stimmen der Arbeitermasse, und weiter geht’s mit 1934, Bauernbund, Raiffeisen … das ist viel Stoff zum Nachdenken, nicht nur in Österreich zeigt sich bei jeder Wahl der Unterschied im Verhalten ländlicher und urbaner Raum.

Und rote Stadtoberhäupter wie Andreas Babler schaufeln sich mit aller Kraft durch die Schwarzerde, neusprachlich: das Türkisreich. Was braucht’s zum Fremdln die Migranten – außer die Rumäninnen, eine davon Katrin Grumeth als spargelstechende Feldsklavin? Die Parallelgesellschaften leben, sagt Posch, alldieweil auf der Spielfläche der In-Group-Altruismus mit der Out-Group-Diskriminierung eskaliert, der Grillhofer redet sich derart in Rage, eine Publikumsbeschimpfung, dass ihm die Gisela ein Plexiglasfenster als Spuckschutz vorhalten muss – zur Beruhigung gibt’s … Schnaps. Es lebe die toxisch-ländliche Männlichkeit!

Toxische Piesel-Männlichkeit: Christoph Griesser und Peter Pertusini im Kampf ums Klo. Bild: © Alexander Gotter

Stimmung! mit Sebastian Thiers, Miriam Fussenegger und Peter Pertusini. Bild: © Alexander Gotter

Liebe war es nie: Christoph Griesser und die verkleidete Horlacher-Lies, Miriam Fussenegger. Bild: © Alexander Gotter

Nur eine bangt um den Bauern: Katrin Grumeth als brave Imbissbuden-Magd. Bild: © Alexander Gotter

Zwischenzeitlich hat sich Sebastian Thiers als Schwager Dusterer tief in die nationale Graswurzelarbeit vergraben, Feindbilder: Linke, Künstler, sowieso alles Linke!, die Asylindustrie und Ökohipster, der vom Wastl als zuagraster Heimattreuer beargwöhnte will die völkische Landnahme bei der Übernahme des Besitz‘ des vermeintlich kinderlosen Grillhofer beginnen – aber zu dessen schönsten Sätzen gehört zum Thema Großer Austausch: „A Kopftüchl ham bei uns alle Weibsleut‘ aufg’hobt.“

Der Pertusini macht eine Menge mit, wie ihn der Thiers an die Wand drückt und über den Boden schleift. Beim Räsonieren über die städtischen Owezahrer und Tachinierer, Schwule und Lesben, Demonstierer statt dass Arbeitn gehen, und die Frauen auf der Uni … werden Wastl und der Dusterer doch noch „Kameraden!“ Aber so richtig tumultös wird’s erst, als alle aus der Rolle fallen. Auch das kennt und liebt man am Werk X, das diesmal in der kollektiven Isolation entstandene Miteinander, jeder bringt sich und seine Story ein, Tiroler Griesser, nein, nicht aus Ischgl, schwadroniert über die Marke Heimat, die es vom Speckknödel bis zum Snowboarden, beides unter stahlblauem Himmel, zu schützen gilt.

Bis zum Schluss der Wastl nur noch bei allem „Dagegen!“ sein kann, vor allem „Das Virus! Dagegen!“, und der Grillhofer mit gellender Stimme immer wieder „Mein Besitz!“ skandiert. Ende gut, alle entfesselt! Ende gut – nein, „mein Besitz“ – nein, denn als uneheliches Kind ex machina erscheint die Horlacher-Lies, eine sexy Sünde, einstmals mit der Magd Magdalen, die nun ihr Recht beansprucht. Das ist die Saat, die aus dem Erbgut aufging, und sie ist, nicht wie‘s der Dusterer versteht, eine halbe Bosna, sondern …

Und die Moral von der Geschicht‘, Muslime fürchten muss man nicht. Poschs Ensemble zerbirst geradezu vor Spiellust, während es sich an dessen inszenatorischen Einfällen und den subtilen Tauchgängen in die Untiefen der Gegenwart delektiert. Die Zuschauerinnen und Zuschauer lachten sich in Grund und Boden, so amüsant, gescheit, zeitgenössisch, zynisch kann Anzengruber sein, wenn man einmal mit dem Staubtüchl drüber geht. Bravo: Für die Idee, die Umsetzung und an alle Beteiligten. Meidling ist einmal mehr eine Reise wert!

werk-x.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=sxDhBr_tmiQ

  1. 9. 2020

Kunsthalle Wien/Wiener Festwochen: And if I devoted my life to one of its feathers?/Ho Tzu Nyen: No Man II

Mai 30, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ganz Wien wird zum Ausstellungsraum

Chto Delat: Eine Feder, visualized by Dmitry Vilensky, 2020, Courtesy die Künstler*innen

Ursprünglich für den Frühsommer 2020 geplant, ist die gemeinsame Ausstellung mit den Wiener Festwochen, „And if I devoted my life to one of its feathers?, kuratiert von Miguel A. López, auf das kommende Jahr verschoben. Eine Auswahl von Arbeiten für den öffentlichen Raum gibt nun allerdings einen ersten Vorgeschmack:

Ab 1. Juni sind eigens für dieses Projekt geschaffene Statements von sechs Künstlerinnen, Künstlern und Kollektiven – Manuel Chavajay, Chto Delat, Inhabitants mit Margarida Mendes, Daniela Ortiz, Prabhakar Pachpute und Sophie Utikal – auf 250 großformatigen Plakatflächen in ganz Wien verteilt zu sehen.

Dieser „Prolog im öffentlichen Raum“ versucht, einige der Stimmen und Themen der Schau in ein Medium zu übersetzen, das mit den Hindernissen und Umständen vereinbar ist, mit denen Kulturschaffende in aller Welt dieser Tage umgehen müssen. López hat sie eingeladen, Arbeiten zu kreieren, die aus der Perspektive der je eigenen Erfahrungen, Sorgen, Geografien und politischen Gemeinschaften auf die Pandemie reflektieren.

In jedem Werk kommt eine andere Sicht auf die Welt zum Ausdruck, in der die Coronavirus-Pandemie zwar alle, aber nicht alle gleichermaßen betrifft. Ganz im Geiste der ursprünglichen Schau wollen diese Interventionen eine Auseinandersetzung über Selbstbestimmung sowie gesellschaftlichen und ökologischen Wandel anstoßen. Der öffentliche Raum ist zuletzt zum Schauplatz der einschneidendsten Veränderungen in unserem Alltag geworden. Zuerst war er unzugänglich oder nur stark eingeschränkt nutzbar. Jetzt aber ist in Wien ein Wiederaufleben der Möglichkeiten zu sehen, die er für einen körperlich erlebbaren und gesellschaftlichen Dialog bietet – und die künstlerisch aktiviert werden wollen.

„Der Titel ,And if I devoted my life to one of its feathers? Ein Prolog im öffentlichen Raum‘ zitiert die chilenische Dichterin und Aktivistin Cecilia Vicuña, die auffordert, ästhetische und geistige Bande zwischen Mensch und Natur zu knüpfen“, so Miguel A. López. Und weiter: „Rund um den Erdball hat die Covid-19-Pandemie das Alltagsleben zum Erliegen gebracht und Vorstellungen außer Kraft gesetzt, die unserem Weltverständnis zugrunde liegen. Angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen – Lockdowns und plötzlich geschlossene Grenzen und Türen – war  klar, dass wir nicht einfach die Ausstellung verschieben konnten: Es galt, ein gemeinsames transnationales Gespräch über diese neu errichteten Mauern hinweg am Leben zu erhalten.“

Daniela Ortiz: Papa, with P for Patriarchy, 2020, Courtesy die Künstlerin

Manuel Chavajay: Tz’ikin, 2020, Bild: Josue Samol, Courtesy der Künstler

Prabhakar Pachpute: A plight of hardship, 2020, Bild: P. Pachpute & Amol K Patil, Courtesy der Künstler

Die fünf besten Beiträge:

Chto Delat: Kollektiv, gegründet 2003 in Petersburg –  Eine Feder, visualisiert von Dmitry Vilensky, 2020. Der Beitrag des russischen Kollektivs Chto Delat bedient sich der Ästhetik sowjetischer Anti-Atomkriegs-Plakate aus den 1970ern, in denen ausgeschnittene Bilder zu einer Darstellung bedrohlicher Szenarien collagiert sind, die verheerende Umweltzerstörungen zeigen. Die Frage, die Chto Delats grafische Arbeit aufwirft – „Und wenn nun eine Feder vom Körper abfällt?“ – reformuliert spielerisch den Titel der Ausstellung und fordert uns auf, den Ursprung der Corona-Pandemie als „Schwarzen Schwan“ zu begreifen: ein unvorhersehbares und unerwartetes Ereignis, das schwerwiegende Folgen nach sich zieht. In der spekulativen Fiktion der Arbeit ist eine vernetzte und globalisierte Welt zum Spielball eines Nacktmeerschweinchens geworden, einer Abart des Meerschweinchens, die 1978 von Wissenschaftlern gezüchtet wurde.

Daniela Ortiz: aus Cusco, Peru – Papa, with P for Patriarchy, 2020. Diese Arbeit der antikolonialen Künstlerin und Aktivistin Daniela Ortiz bewirbt ein von Hand gezeichnetes Kinderbuch über einen Vater, der ein Held ist – aber ein Held des Patriarchats. Das Bild stellt die diversen Figuren in einer Geschichte vor, die den rechtlichen Mechanismen nachgeht, die hinter rassistischen und patriarchalen Übergriffen und Gewalt stecken. Ortiz zeigt auf, dass psychische Unterdrückung und die mit ihr verbundenen Formen wirtschaftlichen, seelischen, körperlichen und emotionalen Gefangenseins, wie insbesondere alleinerziehende Mütter sie erfahren, der gesellschaftlichen Isolation ähneln, die den Menschen wegen der Covid-19-Pandemie auferlegt wurde. Das Buch kann unter kunsthallewien.at/papapatriarchy kostenlos heruntergeladen werden.

Manuel Chavajay: aus San Pedro La Laguna, Guatemala – Tz’ikin, 2020. Der Künstler Manuel Chavajay, ein Angehöriger des Maya-Volks der Tz’utujil, stellt Tz’ikin dar, einen der zwanzig nahuales der mittelamerikanischen Kosmologie, in der sie als persönliche spirituelle Begleiter und Schutzgeister der Menschen auftreten. Die Figur hält einen Goldbarren und steht so symbolisch für die Sicht des Westens auf die angestammten Gebiete der Maya: als Ort der Kapitalakkumulation durch Rohstoffextraktion – mittels der Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen. Das Wort „Ru k’ayewaal“ unter der Figur stammt aus dem Tz’utujil und kann mit „wegen einer aufgezwungenen Gewaltsituation in Not“ übersetzt werden.

Prabhakar Pachpute: aus Pune, Indien – A plight of hardship, 2020. Die Figur, die in Prabhakar Pachputes Zeichnung ihrer Wege geht, ist aus Körperteilen, persönlicher Habe und Putzzubehör zusammengesetzt und erinnert so an die Ikonografie diverser indischer Göttinnen, die mit Seuchen in Verbindung gebracht werden. So lenkt der Künstler die Aufmerksamkeit auf die Kehrseite des erlahmenden Alltagslebens in aller Welt und der landesweiten Ausgangssperren: Die schlecht bezahlten Arbeitskräfte, die mit ihren unverzichtbaren Tätigkeiten während der Pandemie den sprichwörtlichen Laden am Laufen halten, haben oft keinen Zugang zu Leistungen wie bezahltem Urlaub und einer Krankenversicherung. Die wandernde Figur lässt auch an Migranten denken, die sonst nirgends hinkönnen, oder vielleicht an die derzeitige Massenflucht aus dicht bevölkerten Städten aufs Land. Unter den diversen Schichten, die die Figur sich übergezogen hat, wird eine als Gewalt erfahrene Rechtlosigkeit und insbesondere das Fehlen von Arbeitnehmerrechten erkennbar.

Inhabitants mit Margarida Mendes – What Is Deep Sea Mining?, 2018–20. Inhabitants ist ein 2005 von den portugiesischen Künstler*innen Pedro Neves Marques und Mariana Silva gegründeter Onlinekanal für Videos und dokumentarische Arbeiten, die Themen rund um den Umweltschutz und das Anthropozän untersuchen. Das gezeigte Schaubild gehört zu einem größeren Forschungsprojekt zur Bergbauindustrie in der Tiefsee, die beginnt, die Weltmeere ihrer Profitgier zu unterwerfen. Es wirft ein Schlaglicht auf laufende Erkundungen im Rahmen geplanter Tiefseeminen, die sich über eine Fläche der Größe Europas erstrecken sollen. Die Verwüstung des Meeresbodens stellt nicht nur für Meeresflora und -fauna und ganze Ökosysteme, sondern auch für den weltweiten Kampf gegen Umweltungerechtigkeit und die nahende Klimakatastrophe eine akute Bedrohung dar.

Inhabitants with Margarida Mendes: What is Deep Sea Mining?, 2018–2020, Courtesy die Künstler*innen

No Man II (Detail): Ho Tzu Nyen. Courtesy of the Artist, Edouard Malingue Gallery and Galerie Michael Janssen

No Man II (Detail): Ho Tzu Nyen. Courtesy of the Artist, Edouard Malingue Gallery and Galerie Michael Janssen

Wiener Festwochen – Ho Tzu Nyen: No Man II

Die Videoinstallation „No Man II“ von Ho Tzu Nyen ist die einzige künstlerische Arbeit der Wiener Festwochen 2020, die in ihrer geplanten Form stattfinden kann. Von 2. Juni bis 30. September belebt die Installation mit einem geisterhaften Chor aus Menschen, Tieren, Hybriden und Cyborgs die Kärntnertorpassage am Karlsplatz. Die Arbeiten des singapurischen Videokünstlers und Theatermachers Ho Tzu Nyen sind visuell beeindruckende Werke mit einer Unzahl kultureller Referenzen. Zentrales Thema ist bei Ho die Erforschung der kulturellen Identitäten Südostasiens, die von so vielen Einflüssen überschrieben wurden, dass eine Reduktion auf einen gemeinsamen historischen Kern fast unmöglich ist. „Kein Mensch ist eine Insel für sich allein.“

Der Titel der Videoinstallation bezieht sich auf eine Zeile des englischen Dichters John Donne aus dem Jahr 1624.No Man II“ vereint 50 aus Onlinematerial digital generierte Figuren. Sie bilden eine bunt zusammengewürfelte Ansammlung, animiert mit zwiespältig anmutenden Bewegungen, vom harmlos menschlichen Verhalten bis zum taumelnden Gang der Zombies. Vielleicht sind sie eine kleine Auswahl der figurativen Imagination der Menschheit quer durch die Geschichte. Vielleicht sind sie „wir“. Vielleicht auch „wir“ nach „uns“, wenn die menschliche Spezies verschiedene Mutationen durchlaufen haben wird. Ein unerwartetes Echo findet diese faszinierende Choreografie digitaler Körper durch ihre Platzierung im städtischen Raum, wenn sie mit den Bewegungen der Passantinnen und Passanten in der Passage der U-Bahn-Station Karlsplatz interagiert.

kunsthallewien.at             … von Brot, Wein, Autos …: www.mottingers-meinung.at/?p=40411

www.festwochen.at           Ho Tzu Nyens „No Man II“: www.mottingers-meinung.at/?p=40289

  1. 5. 2020