Filmmuseum: Rainer Werner Fassbinder

August 26, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Hommage an den deklarierten Unruhestifter

Rainer Werner Fassbinder. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Zum Saisonauftakt würdigt das Filmmuseum ab 31. August eine Schlüsselfigur des Kinos: Die kurze, aber fruchtbare Karriere von Rainer Werner Fassbinder machte ihn zum Motor des „Neuen Deutschen Films“ und zum Meteor des internationalen Kinos der 1970er-Jahre: Kein anderer unabhängiger Filmemacher weltweit war so produktiv und einflussreich. Mehr als 40 radikal persönliche Spielfilme realisierte Fassbinder, von „Liebe ist kälter als der Tod“  im Jahr 1969 bis zu „Querelle“ 1982, während er nebenbei seine Theaterkarriere weiterführte: Als Wunderkind und deklarierter Unruhestifter wurde er nach seinem internationalen Durchbruch mit „Angst essen Seele auf“  aus dem Jahr 1974 zum Inbegriff des bundesdeutschen Kinos, sein rasant expandierendes, bewundertes wie umstrittenes Werk zur umfassenden Kino-Chronik der Gegenwart des Landes.

Fassbinders Selbststilisierung, sein provokantes Auftreten und die Skandale um sein wildes Leben machten ihn schon zu Lebzeiten zur Legende, sein früher Tod 1982 besiegelte die Verklärung zum Mythos: Das enfant terrible des BRD-Kinos hatte sich im mit Drogen durchgeputschten Schaffensrausch ausgebrannt, gemäß seinem Diktum: „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.“ Doch Fassbinders filmische Hinterlassenschaft eignet sich nicht für Einbalsamierung: Die universale Kraft, schlagende Originalität und brennende Leidenschaft seines Werks verleihen ihm bleibende Aktualität. In aller Grausamkeit und Zärtlichkeit seiner Einsichten über das menschliche Wesen besteht es auch als utopischer Entwurf: Fassbinders Filme sind radikal subjektiv, und oft kaum verschlüsselt autobiografisch, wenden sich aber an die ganze Gesellschaft.

„Leere Kinos helfen uns nicht weiter“, distanzierte sich der schon als Kind vom Kino besessene Regisseur vom elitären Kulturdenken. Obwohl er den Hang zum kühnen Experiment nie ablegte, verstand Fassbinder Film als „publikumswirksame“ Volkskunst, die Träume und Gefühle weckte, während sie Intellekt und Bewusstsein schärfte. „Viele Filme machen, damit das Leben zum Film wird“, war sein Motto. Durch die Verzahnung von Werk und Privatleben – inklusive der engen Beziehungen zu seinem Ensemble, das Weltstars wie Hanna Schygulla hervorbrachte – überdeckte ein Personenkult sein Schaffen und dessen verblüffende Vielfalt weit hinaus über Klassiker wie „Händler der vier Jahreszeiten“ oder „Die Ehe der Maria Braun“.

Die bitteren Tränen der Petra von Kant, 1972. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Angst essen Seele auf, 1974. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Fassbinder war über den Umweg der Bühne zur Kinoregie gekommen: Mit seinem Münchner antiteater erregte er Aufsehen und begründete die Truppe von langjährigen Begleitern für seine Ein-Mann-Studio-Dauerproduktion: Peer Raben, Irm Hermann, Kurt Raab, Harry Baer, Hans Hirschmüller, Ingrid Caven oder Margit Carstensen. Das Frühwerk, insbesondere „Katzelmacher“ aus dem Jahr 1969, demonstriert noch aggressiv den schlichten, klaren Stil, den er bald verfeinerte: lange Einstellungen mit wie hingestellt deklamierenden Akteuren.

Diese Bühne füllte Fassbinder mit Welthaltigkeit und Ambivalenz: Pointiert porträtierte er den Alltag und die Verzweiflung seiner Figuren als oft beunruhigend komische Trauerspiele der unerwiderten Leidenschaften. Unter dem Einfluss von Douglas Sirk wurden seine Filme ab 1971 zugänglicher. Wie sein Vorbild übte Fassbinder in der populären Form Kritik am gesellschaftlichen Status quo, der das Leiden seiner Außenseiterfiguren verursachte: Ob Frauen oder Homosexuelle, Kleinbürger oder Randständige – Fassbinders Figuren sind in perversen Macht- und Beziehungsverhältnissen gefangen – Zitat: „Die Liebe ist das wirksamste Instrument der Unterdrückung“ -, aber nie bloß willfährige Opfer.

In einem Jahr mit 13 Monden, 1978. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Die faszinierende Zwiespältigkeit und Dringlichkeit lässt Fassbinders Filme alterslos erscheinen: eine in ihrer Tiefe und Breite unerreichte comédie humaine der BRD, die neben gegenwärtigen Interventionen wie „In einem Jahr mit 13 Monden“ oder der Terrorismus-Satire „Die dritte Generation“ immer reichere und aufwendigere Streifzüge durch die deutsche Geschichte und Filmgeschichte unternahm, mit wachsenden internationalen Expansionsambitionen:

Vom Niedergang des Preußentums („Fontane Effi Briest“, 1974) über Weimar („Bolwieser“, 1977/83) und die Nazizeit („Lili Marleen“, 1981) zur bunten Wirtschaftswunder-Komödie („Lola“, 1981) legte Fassbinder frei, was das Land antrieb – und die Menschen an sich. Fassbinder: „Filme müssen irgendwann einmal aufhören, Filme zu sein, müssen aufhören, Geschichten zu sein, und anfangen, lebendig zu werden, dass man fragt, wie sieht das eigentlich mit mir und meinem Leben aus.“

filmmuseum.at

26. 8. 2018

Österreichisches Filmmuseum: Ingmar Bergman

Januar 2, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Hommage zum 100. Geburtstags des Filmgenies

Det sjunde inseglet (Das Siebente Siegel), 1957, Ingmar Bergman. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Das Filmmuseum startet mit einem Jubiläum ins neue Jahr: Zum 100. Geburtstag des großen schwedischen Regisseurs und Autors Ingmar Bergman werden heuer weltweit Festspiele abgehalten, den Auftakt bildet ab 5. Jänner die Retrospektive seines Kino-Gesamtwerks in Wien.

Zwischen dem internationalen Durchbruch 1956/57 mit preisgekrönten Klassikern wie „Sommarnattens leende“ (Das Lächeln einer Sommernacht), „Det sjunde inseglet“ (Das siebente Siegel) oder „Smultronstället“ (Wilde Erdbeeren) und seinem offiziellen Abschied vom Kino 1982 mit der Großtat „Fanny och Alexander“ (Fanny und Alexander) wurde Bergman zur unumstrittenen Institution und zum repräsentativen Antlitz Schwedens auf der Kino-Weltkarte. Kein anderer Regisseur gilt so sehr als Inbegriff eines avancierten, philosophisch anspruchsvollen Autorenkinos – ein Status, der sich 1997 bestätigte, als die „Palme der Palmen“ zum 50. Cannes-Jubiläum an Bergman ging.

Das Renommee als „populäres Genie“ produzierte freilich auch ein Klischee: Als Erforscher existenzieller und metaphysischer Krisen wurde Bergman in eine skandinavische Tradition mit Autoren wie August Strindberg, den er zutiefst bewunderte, gereiht. So wie Alfred Hitchcock für seine Thriller als master of suspense kategorisiert wurde, obwohl er sich auch in anderen Registern versuchte, stilisierte man Bergman zum Meister des tiefgründigen Beziehungsdramas, auch wenn er von der leichten Komödie bis zum metaphorischen Historienstück in vielen Genres reüssierte. Dem Klischee steht ein Gesamtwerk entgegen, das in seiner Vielfalt und Offenheit stets aufs Neue verblüfft. Eine Ahnung davon gibt Bergmans anhaltender Einfluss auf so unterschiedliche Regisseure wie David Lynch, Lars von Trier, Olivier Assayas, Michael Haneke oder Woody Allen. Die erste Gesamtschau seit der Filmmuseums-Retrospektive 2004 ist eine Einladung zur Wieder-/Entdeckungsreise durch einen der reichsten Kontinente der Kino-Historie.

Als Pastorensohn wuchs Bergman in einem strengen, lutheranischen Umfeld auf, was einerseits seine Interessen prägte, andererseits schon früh seine Imaginationskraft beflügelte: „Wenn die Realität nicht mehr genügte, begann ich zu fantasieren und meine Spielkameraden mit Geschichten über meine geheimen Abenteuer zu unterhalten.“ Schon als Teenager tauchte Bergman tief in die Literaturgeschichte ein und begann ein entsprechendes Studium, bevor er sich dem Theater zuwandte, das zeitlebens zweite Wirkungsstätte und Filmthema, etwa in seiner Zauberflöte-Version „Trollflöjten“ von 1975, bleiben würde. Es war auch Grundlage für die virtuose Arbeit mit Schauspielern: Ab den 1950er-Jahren bespielte Bergman in der Wintersaison mit seinem Ensemble Stockholms Bühnen, um die Sommerpausen für Filmdreharbeiten zu nutzen, was vielen Stammakteuren – wie Liv Ullmann, Max von Sydow oder Ingrid Thulin – zu internationalen Karrieren verhalf.

Persona, 1966, Ingmar Bergman. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Scener ur ett äktenskap (Szenen einer Ehe), 1974, Ingmar Bergman. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Setfoto mit Ingmar Bergman „Efter repetitionen“ (Nach der Probe), 1984, Ingmar Bergman. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Zum Film gekommen war Bergman Mitte der 1940er als Drehbuchautor, und rasch wurde er auch als Inszenator zur führenden Kinofigur seines Landes. Die erste Schaffensperiode kombinierte neorealistische Einflüsse mit jugendlichem Aufbegehren: Im Zentrum stand oft das Ringen junger Arbeiterklasse-Paare mit der versteinerten, bürgerlichen Erwachsenenwelt. Die enorm physische Liebesgeschichte „Sommaren med Monika“ (Die Zeit mit Monika, 1953) wurde 1958 von Jean-Luc Godard als „originellster Film des originellsten aller Filmemacher“ begrüßt: „für das heutige Kino, was Birth of a Nation für das klassische Kino war.“

Godard würde im eigenen Regiedebüt auch die verblüffende lange Einstellung zitieren, in der Hauptdarstellerin Harriet Andersson direkt in die Kamera schaut: ein Musterbeispiel für Bergmans modernistische Impulse, die eine kontinuierliche Erweiterung seines ästhetischen und thematischen Spektrums brachten. Ob in der Komödien-Serie, die in „Sommarnattens leende“ (Das Lächeln einer Sommernacht ) kulminierte – oder in dunklen Seelendramen wie dem mittelalterlichen Mysterienspiel „Das siebente Siegel“ und der modernen Entfremdungsgeschichte „Tystnaden“ (Das Schweigen, 1963), deren sexuell explizite Darstellungen Zensurskandale provozierten.

Der unverwechselbare künstlerische Ausdruck machte Bergman nicht nur zum Rollenmodell der Nouvelle Vague: Vom persönlichen Detail (François Truffaut: „Niemand rückt dem Antlitz des Menschenso nahe wie Bergman“) zur kosmischen Breite, gespiegelt in den unwirtlichen Landschaften seiner Wahlheimat, der Insel Fårö, ab den 1960ern bevorzugter Schauplatz, entwarf Bergman eine Filmwelt, deren manchmal brutale Intensität seinen Ruf als kanonisiert-„angestaubter“ Klassiker Lügen straft, nicht nur in zwar „klassisch“ gewordenen, doch ungebrochen radikalen Entwürfen, wie der experimentellen Kino-Selbstreflexion „Persona“ (1966) oder dem Quasi-Horrorfilm „Vargtimmen“ (Die Stunde des Wolfs, 1968). Bis zu gefeierten Spätwerken für Film und Fernsehen wie „Scener ur ett äktenskap“ (Szenen einer Ehe, 1974) oder „Fanny und Alexander“ vibriert Bergmans Schaffen vor Vitalität – gespeist aus der kompromisslosen Auseinandersetzung mit den Dingen des Lebens.

2. 1. 2018

Österreichisches Filmmuseum: Kathryn Bigelow & Co.

November 28, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Retrospektive der Oscar-Preisträgerin

Detroit, 2017, Kathryn Bigelow. Bild: François Duhamel

Parallel zum Kinostart ihres neuen Films „Detroit“ würdigt das Filmmuseum ab 1. Dezember mit „Kathryn Bigelow & Co.“ eine maßgebliche Künstlerin des amerikanischen Gegenwartskinos. Kathryn Bigelow, für ihren Irak-Thriller „The Hurt Locker“ als bislang einzige Frau mit dem Regie-Oscar ausgezeichnet, macht seit mehr als 30 Jahren Genrefilme die sich jedoch nicht bloß in fulminanten Inszenierung von Action erschöpfen.

Sondern komplexe psychologische und gesellschaftliche Widersprüche freilegen. Kontrovers aufgenommen wurden so gut wie alle ihre Filme seit ihrem Durchbruch mit „Near Dark“ 1987, einer ungewöhnlichen Kombination von Vampir-Horror und modernisiertem Western. Es folgten „Blue Steel“, dessen weibliche Hauptfigur das Studio zunächst bezeichnenderweise in einen Mann umgewandelt haben wollte; Adrenalinjunkie–Männerromantik im adrenalingeladenen Krimi „Point Break“; fulminant umgesetzte und daher umso beklemmendere Inszenierungen exzessiver individueller und institutioneller Gewalt in ihrer Millenniums-Vision „Strange Days“. Auf „The Hurt Locker“, ihr unabhängig produziertes Comeback, folgten mit „Zero Dark Thirty“ und „Detroit“ zwei weitere hochverdichtete wie distanzierte „Rekonstruktionen“ zur USA im Ausnahmezustand: dem war on terror im Nahen Osten, und den race riots im Mittleren Westen der USA von 1967, deren Verlauf und Ausgang bestürzend gegenwärtig anmuten.

Bigelow macht es Publikum und Kritik nicht leicht. Bewunderern gilt sie als maßgebliche Action-Regisseurin, deren Figurenrepertoire und Inszenierungstechniken Konventionen der Repräsentation von Gewalt, Gender, Ethnizität und Macht bloßlegen; Gegnern als „Gewaltpornografin“ deren unkommentiertes Zeigen von zum Teil exzessiver Gewalt bestehende gesellschaftliche Regeln und Genrekonventionen bloß affirmiert.

K-19: The Widowmaker, 2002, Kathryn Bigelow. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Point Break, 1991, Kathryn Bigelow. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Kathryn Bigelows Werk neu zu sehen bedeutet im Filmmuseum auch den Kontext, aus dem sich ihre Filmarbeit entwickelte und ihre (kunst-)theoretischen Prägung in den 1970er-Jahren zu beleuchten. Die 1951 in San Francisco geborene Tochter eines Farbenfabrik-Managers war durch ein Stipendium nach New York gekommen und in die Avantgarde-Szene eingetaucht, wo sie sich zeitweise der Konzeptkunst-Gruppe Art & Language anschloss und mit Strukturalismus und Philosophie sowie bildender Kunst beschäftigte. Daneben entdeckte sie die Filmgeschichte – von Bresson zu Bruce Lee und von Orson Welles bis Fassbinder.

Nach Studentenarbeiten und der Mitarbeit an Filmen und Videos von Künstlern wie Lawrence Weiner geriet ihr Abschlussfilm an der Columbia University, „Set-Up“, 1978 zur Quasi-Vorstudie ihres Œuvres: Zwei Männer prügeln sich auf der Straße, auf der Tonspur diskutieren zwei Semiotiker über die Verführungskraft von Gewalt im Kino.

Mit Monty Montgomery konzipierte Bigelow dann „The Loveless“ als optisch überwältigende Fusion aus Biker-Filmen, den Fotografien von Walker Evans und den Gemälden von Edward Hopper – zugleich Auftakt ihrer ambivalenten Studien von Männerwelten und Abschied von der prägenden New Yorker Szene in Richtung Mainstream-Kino.

The Hurt Locker , 2008, Kathryn Bigelow. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Statt Bigelow als (bessere) „Männerregisseurin“ auszustellen, verfolgt die Retrospektive einen anderen Ansatz: Sie präsentiert Kathryn Bigelows Werk im Kontext dreier Regisseurinnen ihrer Generation, die zeitgleich aus anderen künstlerischen Disziplinen zum Film kamen und ihre ganz individuelle Handschrift ebenfalls im Umfeld von New Yorks umtriebiger (Proto-)No-Wave- Szene entwickelten: Lizzie Borden, Amy Heckerling und Susan Seidelman.

Die Filmschau gibt Gelegenheit, gängige Stereotypen und Annahmen, was “Frauenfilme” und “Männerfilme” sind, kritisch zu hinterfragen und historisch zu verkomplizieren. Welche Kontinuitäten und welche Brüche gibt es zwischen der Aufbruchs- und Kampfstimmung der New Yorker Kunst- und Punkszene der 1970er und frühen 1980er und den Hollywood-(Nicht)Karrieren von vier maßgeblichen Filmemacherinnen? Welche Rahmenbedingungen verunmöglichen scheinbar weibliche Karrieren im Regiefach nach Mitte der 1990er-Jahre? Und welche Rolle spielt das Fernsehen, womöglich bis heute, als Produktionsort? Lizzie Borden, die radikalste des Quartetts, wird von 14. bis 16. Dezember in Wien sein und ihre hierzulande selten bis nie gezeigten Filme vorstellen.

www.filmmuseum.at

28. 11. 2017

Österreichisches Filmmuseum: Utopie und Korrektur

Oktober 9, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Sowjetisches Kino 1926 bis 1940 und 1956 bis 1977

„Wir stecken den Fuß in des Wunschtraums Bügel, Wir satteln das Pulver der Tage, Dem glanzvollen Bilde nachzufliegen, Unser Leuchten in zahllose Weiten zu tragen.“ Aus: „150 000 000“ (Vladimir Majakovskij, 1921)

General’naja linija / Staroe i novoe (Die Generallinie / Das Alte und das Neue) 1926–29, Sergei Eisenstein & Grigorij Aleksandrov. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Als der russische Dichter Vladimir Majakovskij diese Zeilen 1921 schrieb, befand sich Russland seit mehr als drei Jahren in einem blutigen Bürgerkrieg. Für den Futuristen Majakovskij jedoch markierte die Revolution 1917 die Umsetzung des Traumes von einer gerechteren Welt. Die Künstler trugen das ihre bei: Das „Leuchten“ von dem der Dichter schrieb, erhellte weltweit auch die Leinwände der Kinos.

Doch während die „Spritzer“ der sowjetischen Kinorevolution weit in der „Länder Runde stoben“ versanken daheim die aufmüpfigen Künste im Würgegriff des Stalinschen Totalitarismus. Die Utopie wurde „korrigiert“, die Filme verbogen, verboten, weggesperrt, ihre Macher mit Zensur, Berufsverbot bedacht, in einigen Fällen in die Verzweiflung, das Exil oder den Tod getrieben. Aus Anlass des Jubiläums der Revolution von 1917 zeigt das Österreischische Filmmuseum mit „Utopie und Korrektur. Sowjetisches Kino 1926–1940 und 1956–1977“,die erste Retrospektive, die Michael Loebenstein als Direktor des Hauses verantwortet. Beginn ist am 13. Oktober.

Loebenstein und Alexander Horwath luden noch gemeinsam mit Viennale-Direktor Hans Hurch zwei Kollegen aus Moskau ein, einen „russischen“ Blick auf das Jahrhundertereignis und sein Nachwirken im Kino zu werfen. Naum Kleiman, geboren 1937, Gründer des Sergej Eisenstein-Archivs und langjähriger Leiter des Moskauer Filmmuseums, und Artiom Sopin, geboren 1988, Lektor an der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität, wählten 30 Filme aus, die von den Träumen und ihren Umarbeitungen durch die Wirklichkeit zeugen. Ein Dialog zwischen zwei Experten der sowjetischen Kinematografie unterschiedlicher Generationen, aber auch ein Dialog zwischen Filmen aus mehreren Jahrzehnten. Nicht zuletzt ist „Utopie und Korrektur“ eine Schau, welche die ästhetische Vielfalt und anhaltende Strahlkraft des sowjetischen Kinos verdeutlicht.

Timur i ego komanda (Timur und sein Trupp) 1940, Aleksandr Razumnyj . Bild: Österreichisches Filmmuseum

Beregis‘ avtomobilja (Vorsicht, Autodieb!) 1966, Ėl’dar Rjazanov. Bild: Österreichisches Filmmuseum

„Unsere Retrospektive besteht nicht aus mythologisierten ,Rekonstruktionen‘ der Ereignisse auf der Leinwand, sondern aus 15 Filmpaaren, von denen jedes Paar auf die eine oder andere Weise von den utopischen Ideen der Russischen Revolution und ihren ,Korrekturen‘ im Lauf der Geschichte zeugt. Ebenso wie Revolutionen nicht ohne Utopien beginnen – dem Bild eines Zustands allgemeinen Glücks und totaler Harmonie –, so vollziehen sich auch die sozialen Veränderungen nicht ohne Umarbeitungen des ursprünglichen Traums durch die Realität“, so Naum Kleiman und Artiom Sopin. „Die Ursachen und Bedingungen für diese ,Korrekturen‘ sind vielgestaltig: der Konflikt zwischen lebendiger Vielfalt und dem Schematismus der Konzeptionen; die Trägheit der Geschichte und der Gewohnheiten; ethnische Vorurteile und soziale Rückständigkeit; die Machtliebe der Führer und die Korruption der Beamten; die Ängste der treu Ergebenen und die Paranoia der Zensur.“

Odna (Allein) 1931, Grigorij Kozincev & Leonid Trauberg. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Freiwillig oder unfreiwillig folgt das sowjetische Kino seither den Zickzackbewegungen und mannigfaltigen Transformationen der Utopie. Im Reagieren auf historische Verschiebungen decken die Filme der Schau indirekt oder direkt die „Entstellungen“ der Utopie auf; anderswo konnten Filmemacherinnen und Filmemacher zu bestimmten Zeiten die Ideale oft kritisch korrigieren oder widerlegen.

Nicht zuletzt sprechen viele der Filme von den „Korrekturen“ der Zensur, der alle Künste unterworfen waren. In diesem Sinne stellen die zu sehenden Filme eine Geschichte der Konflikte dar, denen sowjetische Filmemacherinnen und Filmemacher sich aussetzten: mal mit der Macht, mal mit der Realität, mal mit der Utopie selbst. Etliche der gezeigten Filme waren selten oder noch nie in Österreich im Kino zu sehen und sind nur in 35mm-Archivkopien, hauptsächlich in Russland, vorhanden. Die Kuratoren Kleiman und Sopin werden von 13. bis 15. Oktober in Wien zu Gast sein und Einführungen zu den Filmen halten.

9. 10. 2017

Österreichisches Filmmuseum: Das Heim kehren

April 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Elfriede Jelinek, Paula Wessely & das beschmutzte Nest

Heimkehr, 1941, Gustav Ucicky. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Wien, 1941. Dort beginnt Elfriede Jelineks Bühnenstück „Burgtheater“ aus dem Jahr 1985. Nun bildet es den „abwesenden Horizont“ für die Film- und Vortragsreihe „Das Heim kehren“ von 29. April bis 1. Mai im Österreichischen Filmmuseum – abwesend wie vor mehr als 30 Jahren, als es einen lange nachwirkenden Medienskandal auslöste: das nahezu unaufgeführte Stück als Instant-Klassiker der österreichischen Literatur.

Ironisch, in der Maske des Reaktionärs, referierte der Zeit-Kritiker Benjamin Henrichs damals den Kern der Sache: „Ein eindeutig anti-österreichisches Machwerk, verfasst (wie könnte es anders sein) von einer eindeutig österreichischen Autorin … Es führt vor (nein: es hetzt gegen) eine vom ganzen österreichischen Volk geliebte Burgtheaterfamilie. Mutter Käthe, Vater Istvan, Bruder Schorsch, dazu das entsetzliche Dreimäderlhaus der Töchter Mitzi, Mausi und Putzi – jeder in Wien, und nicht nur in Wien, weiß natürlich, wer da gemeint ist.“

Für die, die es nicht wissen: Mit der Figur der Mutter Käthe wurde vielfach Paula Wessely assoziiert. Ihre Kinoarbeiten zählten in den 1930er-, 1940er- und 1950er-Jahren kontinuierlich zu den Großfilmen der jeweiligen Filmindustrien. Mit „Maskerade“ (1934), „Heimkehr“ (1941) und „Der Weg in die Vergangenheit“ (1954) ruft das Programm des Filmmuseums ständestaatliche, nationalsozialistische und nachkriegsösterreichische Positionen und „Mutter Käthes“ Platz darin auf. Gleichzeitig gab es in Österreich aber auch Wege aus der Vergangenheit – Filme, Bücher, Kunstwerke, die das heimatliche Nest anders „auskehrten“ oder je nach Lesart „beschmutzten“und in deren Tradition Jelineks Theaterarbeit steht. Filme etwa, die schon in den 1950er-Jahren – um Marc Adrian zu zitieren – „entgegengesetzte Lebensgefühle“ artikulierten: „Wir kannten damals die Paula-Wessely-Filme und diesen ganzen Schmus.“

Weg in die Vergangenheit, 1954, Karl Hartl. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Ein drittes Reich, 1975, Alfred Kaiser. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Und solche aus den 1970er-Jahren, „Ein drittes Reich“ von Alfred Kaiser und „Staatsoperette“ von Franz Novotny und Otto M. Zykan (2016 auf die Bühne gebracht von der Neuen Oper Wien, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=22999), die sich früh der De(kon)struktion der Geschichte widmeten. „Die Gefühle aller anständigen Menschen“, so Benjamin Henrichs 1985, sind „zutiefst verletzt“. Auch bei manchen Wessely-Filmen kam und kommt es im Publikum zu solchen Erfahrungen. Das dreitägige Projekt im Filmmuseum findet in Kooperation mit der Forschungsplattform Elfriede Jelinek der Universität Wien statt. Vorträge von Gertrud Koch, Sabine Perthold und Bernhard Groß bilden jeweils den Auftakt.

www.filmmuseum.at

Wien, 23. 4. 2017