Kosmos Theater: Dr. Österreicher sieht fern

Januar 15, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Stück in 3 TV-Sendungen und 2 Werbepausen

Maria Fliri, Nikolaus Firmkranz, Peter Bocek Bild: Bettina Frenzel

Maria Fliri, Nikolaus Firmkranz, Peter Bocek
Bild: Bettina Frenzel

Am 21. Jänner hat am Kosmos Theater „Dr. Österreicher sieht fern“ Premiere. Ein Stück in drei Fernsehsendungen und zwei Werbepausen. Am Tag des deutschnationalen und politisch weit rechts einzustufenden Akademikerballs, Jahr für Jahr symbolträchtig in der Hofburg zelebriert und von der  Wiener FPÖ als „märchenhaft rauschende Ballnacht“ bezeichnet: Wien tanzt! Wien brennt!

Dr. Österreicher sieht fern.
Er zappt durch das Angebot.
Bei den Bildern von der Protestkundgebung zum Ball hält er inne.
Morgen wird er sie bereits vergessen haben.
Gesehen, registriert, vielleicht kurz dazu geäußert und weitergezappt.
Die Nachricht als vergänglichstes aller Güter.

In Form der drei TV-Formate, „Am Schauplatz Hofburg“, „Club 3000“ und „Messer Gabel Hirn“, gestalten vier AutorInnen in Anlehnung an Frisch, Bernhard und Handke einen „Theaterabend in drei Episoden mit mehreren Werbepausen“ rund um die Frage der Tradition des Akademikerballs in Wien. Der Theaterraum mutiert zum TV-Studio und zeigt eine multimedial inszenierte Wirklichkeit.

Mit: Peter Bocek, Maria Fliri und Nikolaus Firmkranz. Texte: Martin Fritz, Thomas Köck, Gerhild Steinbuch und Cornelia Travnicek. Regie: Susanne Draxler.

www.kosmostheater.at

Wien, 15. 1. 2015

Rabenhof: 6 Österreicher unter den ersten 5

April 24, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nikolaus Habjan rockt die Show

Aaron Friesz, Nikolaus Habjan und Manuela Linshalm Bild: © fotopalffy

Aaron Friesz, Nikolaus Habjan und Manuela Linshalm
Bild: © fotopalffy

Werte Leserinnen und Leser, geschätztes Publikum, sehr geehrte Damen und Herren, wohnen Sie nun einer noch nie dagehabten Zweiteilung einer Rezension bei. Denn was im Rabenhof als Bühnenpremiere von Dirk Stermanns Roman „6 Österreicher unter den ersten 5“ zu sehen war, lässt sich nicht unter eine Kasperlmütze bringen.

Zunächst das Szenische: Nikolaus Habjan, Gott unter den Figuren, die er schuf, und Manuela Linshalm sind zwei begnadete Puppenspieler. Wie sie Charaktere und Gemüter, Stimmen und Stimmungen erzeugen ist formidabel. Dazu Aaron Friesz als quasi Stermann und der für die Musik zuständige Kyrre Kvam. Sie alle sind in der Regie von Simon Meusburger herausragend. Heike Mirbach hat dazu als Bühnenbild ein schön Wienerisches „Ringelspiel“ erdacht, einen drehbaren Raum, das heißt: Aaron Friesz dreht ihn per Hand, der Würstelstand, Schlafzimmer, Straßenbahn, Spital, Puff und Gemeindebau ist. In dieser Welt findet sie also statt die – Achtung:  Pressetext – „Geschichte eines Deutschen der nach Österreich aufbrach, um entpiefkenisiert zu werden.“ Als absurd-komische Puppenshow. Und Nikolaus Habjan rockt diese Show. Er ist großartig als melancholischer Robert, der Universalkommentator, der immer  knapp am Suizid lebt, und noch besser als Hartmut, der präpotente Piefke, der so gerne ein Qualtinger wäre. Die beste Figur übrigens. Er spielt und belebt den typisch rechtsradikalen Taxifahrer und den k.k. kafkaesken Beamten und den oligatorischen Hundsviecher-wegen-ihre-Trümmerl-Hausmeisterhasser und den Vereinshymnen singenden Rapidfan und … 

Linshalm steht ihm in nichts nach als Würstelfrau, dauerbetrunkene ORF-Maus, mit der man jederzeit b’soffenen Sex haben kann, oder „wilde Wanda“, die berühmte Zuhälterin von Wien. Dirk Stermanns Wiener Werdegegang ist ein wahrer Radetzkymarsch. Er schleppt sich durchs Nachtleben und taumelt durch Altbauten und liefert ein schräges Panoptikum von Österreich und seinen Eingeborenen. Hier wieder Pressetext: „Wie dereinst Friedrich Wilhelm Heinrich Alexander von Humboldt nach Amerika fuhr, zog der junge deutsche Student, Dirk Stermann, im Wintersemester 87/88 von Düsseldorf nach Wien, um eine für ihn fremde, exotische Welt zu erforschen und letztlich zu bleiben.“ Stermann: „Ich hatte keine Meinung zu den Österreichern. Aber womit ich nicht gerechnet hatte: Jeder Österreicher hatte eine Meinung zu den Deutschen. War es wirklich klug, als Rheinländer in ein Land zu ziehen, das heute noch von Córdoba schwärmt?“ Stermann hängt an einem „Gag“: Das uns Trennende ist die Sprache. Man MUSS es ihm lassen: Das ist total neu.

Und ab hier fliegt der Schas. Und zwar tief. Dass dieser Roman nach Erscheinen wochenlang auf Platz eins der Bestsellerlisten stand, bringt einen zu einem Zitat von I Stangl: „Jedes Mal, wann i ma des News kauf, denk’ i ma: wer kauft si des?“ Klischee as Klischee can. Stermann lässt keines aus. Jede seiner Figuren ist eine Stereotype. Ganz Wien eine Geisterbahn. Mir san morbid, meistens ang’fressen, lauter Hiniche, a Oarschpartie, de Weiba blede Urscheln, aber des Goldene Wienerherz schlagt scho no in da Brust. Sätze wie „Wann mi ana fragt, ob mei Glasl halb voll oder halb leer is, sog i, i hob’s austrunken“ fallen. Oida, mir ham an Spiegl daham, mir sehn eh jeden Tog, wie ma san. Des kannst in Bad Böblinghausen und Nordrhein-Castrop-Rauxel spün, de wundern sie vielleicht. Hätt‘ no ana g’sogt: Da Tod is a Wiener – i warat zum Basilisk wurn. Stermann verwechselt Mentalität mit Skurrilität. Im ersten Drittel des Abends ist das noch recht unterhaltsam, verliert aber zunehmend an Substanz und wird zäh wie ein Kaugummi, der einem auf der Schuhsohle pickt. Was will uns der Autor damit sagen? Das Ganze ist wie „Asterix bei den Österreichern“ – schlachte alle Vorurteile aus, die es gibt, dann lachen sie schon, wirst sehen. Nur Mut.

Die Nabelschau schenkt Stermann sich. Was kann ein Deutscher schon an Ver-Fehlern haben? Lässt sich lieber am Schluss als Integrationspuppe, also „entpiefkenisiert„, vorführen. Stermann hat nicht verstanden, was der Österreicher am Piefke nicht mag. Da geht’s doch nicht um eine gestohlene Kaiserhymne (Was sollen wir singen? Gott erhalte unseren Kanzler?), um gemeinsam verlorene Weltkriege – und wer sich noch an Córdoba festhält, für den kommt eh jede Hilfe zu spät. Da geht’s nicht einmal mehr darum, dass die Deutschen vor dem Euro in Tirol oder Kärnten ganz selbstverständlich mit D-Mark bezahlt haben (und die Hüttenwirte sie beim Umrechnen ordendlich übers Haxl g’haut haben). Da geht’s nicht einmal mehr darum, dass der Ausdruck „Neckermänner“ ja nicht von ungefähr kommt. (Wer rennt denn um sechs Uhr Früh all inklusive Strandliegen mit Badetüchern belegen?) Da geht’s um große Goschn, nix dahinter. Es gab gerade ein aktuelles Beispiel dafür. Und apropos, Piefke: Mir san a ned de Ösis,vastehst? Jodelnde, schuachplattelnde Gebirgler, G’selchter. Ham’s bei dir eigentlich einbrochen? Und wenn schon Hans Moser: www.youtube.com/watch?v=qGXxpqOWLGw&feature=kp , Kurt Sowinetz: www.youtube.com/watch?v=oDjbbkGVT4Q , Helmut Qualtinger und André Heller: www.youtube.com/watch?v=bvBXZQdm5Qk bemüht werden, kann ich nur sagen: Da wurde was vergessen:

Travnicek: „Nau, wos brauch’ i des?“

Aber Manuela Linshalm, Aaron Friesz, Nikolaus Habjan und Kyrre Kvam san echt super!

www.rabenhoftheater.com

www.mottingers-meinung.at/dirk-stermann-im-gespraech/

Wien, 24. 4. 2014

Dirk Stermann im Gespräch

April 17, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Rabenhof: 6 Österreicher unter den ersten 5

Fotorätsel: Welche der Figuren ist Dirk Stermann?  Bild: © http://pertramer.at

Fotorätsel: Welche der Figuren ist Dirk Stermann?
Bild: © http://pertramer.at

Der Roman einer Entpiefkenisierung endlich auf der Bühne: Am 23. April feiert Dirk Stermanns Bestseller „6 Österreicher unter den ersten 5“ im Rabenhof Welturaufführungspremiere. Wie dereinst Friedrich Wilhelm Heinrich Alexander von Humboldt nach Amerika fuhr, zog der junge deutsche Student Stermann im Wintersemester 87/88 von Düsseldorf nach Wien, um eine für ihn fremde, exotische Welt zu erforschen und letztlich zu bleiben. Für einen fernreisenden Deutschen gibt es keine schwierigere Aufgabe, als in Österreich Integration zu erfahren, zu viele exotische Eindrücke, oide Huan, fette Taxla, lesbische Zuhälterinnen, der Hundefetisch  – eine neue Welt gilt es für ihn zu entdecken, eine neue Sprache zu lernen und vor allem, zu überleben. Die Nestroy-Preis-prämierten Masterminds des zeitgenössischen Puppentheaters  Nikolaus Habjan und Simon Meusburger schaffen aus Stermanns Erfolgsroman eine absurd-komische Show. Ein Gespräch mit Dirk Stermann:

MM: Wieso lassen Sie eigentlich das schönste Volk der Welt von Herrn Habjans skurrilen Puppen darstellen? Haben alle Burgmimen abgesagt?

Dirk Stermann: Die meisten Burgmimen haben abgesagt, weil man als Mensch neben den Puppen von Nikolaus Habjan nur verlieren kann. Weil die Puppen immer interessanter wirken, als es Menschen könnten.

MM: Sind Sie stolz, froh, glücklich, dass Ihr Bestseller „6 Österreicher unter den ersten 5“ zum Theaterabend wird?

Stermann: Ja, ich bin stolz, froh und glücklich.

MM: Apropos, Entpiefkenisierung: Ich weiß – Piefke: preußischer Militärmusiker. Aber ich muss bei Herrn Piefke immer an den Dackel aus Erich Kästners „Pünktchen und Anton“ denken. Haben Sie doch einmal  positive Assoziationen zu dem Namen … 😉

Stermann: Miefke wär‘ schiarcher.

MM: Man – auch Sie in „Willkommen Österreich“ – sagt uns Österreichern gern einen Minderwertigkeitskomplex nach. Das ist kein Wunder. Laut Medien ist Christoph Waltz Deutscher, Michael Haneke Deutscher, sogar Udo Jürgens. Nur Hitler ist Österreicher Machen wir doch so: Ihr gebt uns Beethoven und wir euch Conchita eh schon Wurst.

Stermann: Ich bin schon so lang in Österreich, daß ich mit „Ihr“ und „Wir“ und „Unser“ und „Euer“ mich nur mehr vertu.

MM: Österreicher sollen auch depressiv, melancholisch, morbide sein. Wir sind doch eh lei lei! Wie würden Sie den klassischen Deutschen beschreiben? Es gibt allerdings einen Unterschied: Frage: Wie geht es dir? Deutschland: Mensch, bin supererfolgreich, mach’ ein Ding nach dem anderen. Antwort Deutschland: Ein Macher, den müssen wir für unsere nächste Sendung haben. Antwort Österreich: Na, der is eh so guat im G’schäft. Nemma lieba den Dings, der tuat sich grad schwer. Haben Sie solche Erfahrungen gemacht?

Stermann: Der Österreicher ist barocker als der Deutsche, um zu generalisieren. Protestantischer Strenge herrscht in Deutschland, in Österreich eine katholische Beichtkultur, in der natürlich mehr erlaubt ist, weil Gott dann doch vergibt. Im lutherischen Deutschland vergibt Gott nie. Das führt zu verkniffeneren Lippen.

MM: Und weil wir gerade bei Vorurteilen sind: Ich war mal in Japan. In angeheiterter Karaoke-Runde machten die Japaner uns Europäer nach: In Österreich sitzen am Verhandlungstisch die Stellvertreter der Stellvertreter, sagen Vielleicht, Werden wir sehen, Müssen wir besprechen, Reden wir beim nächsten Meeting drüber. Raus kommt nichts. In Deutschland sitzen am Verhandlungstisch die Verantwortlichen, machen Nägel mit Köpfen, und wenn man aufsteht, ist alles gesagt und alles geklärt. Stimmt das?

Stermann: Der Deutsche ist, statistisch gesehen, bei Gesprächen mehr an Informationsweitergabe interessiert, der Österreich am Klang der Sprache.

MM: Die Sprache ist bekanntlich das uns Trennende. Wir hatten mal eine US-Austauschstudentin, die hat daheim natürlich deutsch-deutsch gelernt, und  bestellte beim Floridsdorfer Bäcker „Brötchen“. Antwort: Brötchen is bei uns wos mit Ei und Gurkerl drauf. Was war Ihre schlimmste Sprachsünde?

Stermann: Im Entpiefkenisierungssprecherkurs hab ich das österreichische „Ei“ nicht aussprechen können. Das Deutsche „Ai“ gewann immer gegen das Österreichische „Aei“. Nach 20-30 Eiern gaben die Sprechlehrerin und ich auf und tranken vergnügt einen Kaffee.

www.rabenhoftheater.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=DMBdPFHFgUc

Wien, 17. 4. 2014