Kammerspiele der Josefstadt auf ORF III: Der Vorname

April 8, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Sollbruchstelle der Salonmarxisten

Beim Betrachten des Ultraschallbilds ist noch alles friedlich: Michael Dangl, Marcus Bluhm, Susa Meyer und Oliver Rosskopf. Bild: Herwig Prammer

Am 9. April um 20.15 Uhr zeigt ORF III in seiner Reihe „Wir spielen für Österreich“ die Komödie „Der Vorname“ aus den Kammerspielen der Josefstadt. Hier noch mal die Rezension vom Oktober 2019:

Wenn sich Michael Dangl von der Josefstadt in deren Kammerspiele begibt, ist das stets ein großes Glück fürs Publikum. Nach der zauber- haften Dragqueen Zaza, dem snobistischen Stotterer Georg VI. oder Rollstuhlfahrer Philippe, gibt Dangl nun den Immobilienmakler Vincent

Larchet, wohlhabend – und werdender Vater. Als solcher sprengt er ein Abendessen bei Schwester und Schwager, ist doch „Der Vorname“, den er scheint’s für seinen zu erwartenden Sohn gewählt hat, durch den Millionenmörder schlechthin schwer strapaziert. Die gewiefte Gesellschaftskomödie des französischen Autorenduos Alexandre de la Patellière und Matthieu Delaporte, 2012 von den zweien selbst fürs Kino adaptiert, 2018 von Sönke Wortmann neu verfilmt, ist seit gestern in der witzig-spritzigen Inszenierung von Folke Braband auf der Wiener Citybühne zu sehen.

Wobei sich der, wiewohl der Streitpunkt aufs Deutsch-Österreichische übertragen von besonderer Brisanz ist, ans Pariser Original hält. Vincent nämlich erklärt, dass sein Baby Adolphe heißen wird – und während er noch versucht auszuführen, er denke dabei an den romantischen Helden aus dem 18.-Jahrhundert-Roman von Benjamin Constant, sind alle anderen geistig längst vom „-Phe“ aufs „-F“ verfallen, und ergo bei Adolf Hitler angelangt. Die Folge: ein intellektueller Flächenbrand.

Großartig ist es, wie Braband die Charaktere von Beginn an in ihren Grundzügen skizziert. Im gutbürgerlich-sophisticated Ambiente von Bühnenbildner Tom Presting sind zuerst Susa Meyer und Marcus Bluhm als Gastgeber-Ehepaar Elisabeth Garaud-Larchet und Pierre Garaud zu erleben, er Professor für Literatur, sie Lehrerin, beide Eltern des hoffnungsvollen Nachwuchs namens Athena und Adonas. Köstlich, wie die beiden Bobo-Akademiker sich auf den sogleich eintreffenden Besuch vorbereiten, die Babou gerufene Elisabeth als Perfektionistin im Vollstress, damit ihr marokkanisches Buffet auch makellos ist, er komplett laid-back, weil sich auf der Meinung ausruhend, dass Haushaltspflichten nicht seine Sache sein können.

Michael Dangl und Michaela Klamminger. Bild: Herwig Prammer

Oliver Rosskopf und Michael Dangl. Bild: Herwig Prammer

Oliver Rosskopf mit Marcus Bluhm. Bild: Herwig Prammer

Dieweil Meyers Babou noch darum ringt, auch in Küchenschürze die Gleichberechtigung der Frau hochzuhalten, fläzt sich Dangls Vincent bereits auf ihrer Wohnzimmercouch, er ist unsichtbarer Erzähler, bevor er Protagonist wird, moderiert sich selbst als Machertyp ein, und zeigt sich bei Auftritt schließlich als sarkastischer Spaßvogel, dem man sein übersteigertes Gefühl männlicher Überlegenheit nur verzeiht, weil er so ein sympathisches Schlitzohr ist. Eingeladen ist außerdem Claude Gatignol, Posaunist beim Orchestre Philharmonique de Radio France und ein Freund seit Jugendtagen. Oliver Rosskopf spielt die sensible Seele mit wohldosiertem Humor. Dass Constants Figur Adolphe eine um Jahre ältere Frau verführt, wird für Rosskopfs Claude noch von doppelbödiger Bedeutung sein.

Dangl ist auf seiner Position als Wuchteldrucker wie entfesselt. Er spielt sein komödiantisches Können nicht nur im Konversationston der tadellosen Übersetzung von Georg Holzer aus, sondern sogar in der Körpersprache, und während Tempo-und-Timing-Experte Braband dafür sorgt, dass die Pointen auf den Punkt genau sitzen, steigert sich das Ensemble von den anfangs liebevollen Neckereien unter Menschen, die einander seit Ewigkeiten kennen, zur aggressiv aufgeladenen Hysterie angesichts des historisch belasteten Namens.

Wie Dangls Vincent darauf eine Liste weiterer Allerweltsnamen runterrattert, die für eine Taufe wohl auch nicht mehr zu gebrauchen wären, von August bis Franz, Augusto Pinochet bis Francisco Franco, schlussendlich Josef – Stalin, der den biblischen ausgelöscht hätte, wie Hitler seinen Adolphe, entlarvt die Sollbruchstelle der zu gutsituierten Salonmarxisten mutierten Linksrevolutionäre aufs Vortrefflichste. Die zur Polemik geschliffenen Dialoge, die boshaften Wortgefechte, die Abgründe zwischen großsprecherischen Moralansprüchen und kleingeistiger Gehässigkeit, zwischen gesellschaftspolitischem Über-Ich und privatisiertem Es, entfalten in den 90 Minuten Aufführungsdauer ihre Wirkung: Man sieht in einen Spiegel und lacht.

Babou will nicht hören, was ihr Mann Pierre Besserwisserisches zu sagen hat: Susa Meyer mit Marcus Bluhm. Bild: Herwig Prammer

Je später der Abend, desto rauflustiger die Gäste: Bluhm, Meyer, Rosskopf, Klamminger und Dangl. Bild: Herwig Prammer

Nicht zuletzt über Bluhms Pierre, der in diesem farbenprächtigen Studierten-Sittenbild den Prinzipienreiter, den – was Belesenheit betrifft, wirklich alles – Besserwisser verkörpert, und der sich dennoch, und dank Babou bequem, in tradierten Rollenklischees suhlt. Im lebenslangen Gockelclinch mit Vincent, der ohne Uni reich wurde, wogegen er mit einem schmalen Hochschulgehalt zufrieden sein soll, wird Pierres antifaschistische Rage rasch auch als Ausdruck von Neid und narzisstischer Kränkung enttarnt. Mit dem verspäteten Erscheinen von Anna stellt sich Vincents Adolf-Ansage als schlechter Scherz heraus.

Ihr ist der Joke gegönnt, sich über den Namenspatron ihres Babys zu freuen, denkt sie ja an Vincents verstorbenen Vater Henri, inzwischen alle anderen den Kopf voll „Führer“ haben und an die Decke gehen, also ist die Ruhe, die kurz eintritt, nur die vor dem nächsten Sturm. Die Anwesenden samt ihren Gesichtszügen entgleisen zusehends, als die Vorwürfe massiver werden, man sich gegenseitig Geizkragen oder Egomane schimpft, arrogant oder rücksichtslos. Heraus stellt sich, wer zu wessen Gunsten die eigene Doktorarbeit aufgegeben hat, oder wer vor dreißig Jahren tatsächlich den Pudel der Tante ertränkte.

Nach und nach werden nicht nur Eigenschaften und Eigenheiten des Quintetts bloßgelegt, sondern auch diverse Ressentiments, die den für sich in Anspruch genommenen Humanismus unter der Gürtellinie treffen. In diesem Infight der Josefstädter bewährt sich Neuzugang Michaela Klamminger bestens, die sich mit ihrer pfiffigen Darstellung der so fragil wirkenden, hochschwangeren Anna, die aber genau weiß, wie sie ihren Filou Vincent an die Kandare nimmt, für kommende größere Aufgaben empfiehlt. Als alle ihr Pulver beinah verschossen haben, schießt sich die Gruppe auf Claude ein, reibt diesem seinen ihm bis dahin verheimlichten Spitznamen unter die Nase, „Reine-Claude“, dieser Wortwitz mit la Reine/die Königin allerdings nicht einzudeutschen, hält man den Musiker doch für schwul.

Da bleibt’s nicht beim verbalen Schlagabtausch, da fliegen alsbald die Fäuste, wenn nun Claude seinerseits ein Geheimnis offenbart, eine Bombe platzen lässt, indem er gesteht, dass er schon seit Jahren eine Frau habe, eine Geliebte – und diese sei Françoise, die Mutter von Babou und Vincent. Nach einem Uppercut für Claude lässt Dangl seinen Vincent in mustergültiger Muttersöhnchen-Art in sich zusammenbrechen, Mama hat Sex!, doch Susa Meyer gehört, als alle anderen am Ende sind, die Highlight-Szene dieses höchst amüsanten Abends: eine emanzipatorische Explosion samt Abgang mit einer Flasche Hochprozentigem …

Mit viel Gespür für Doppelsinn und Hintersinn haben Folke Braband und seine Schauspieler die bildungsbürgerliche Fassade der Familie Garaud-Larchet zum Zerbröseln gebracht. „Der Vorname“ an den Kammerspielen ist ein scharfzüngiges, augenzwinkerndes, aberwitziges Stück Theater. Und absolut sehenswert! Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=34995

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=asym-zVSPWw           www.josefstadt.org

tv.orf.at/program/orf3          Danach sieben Tage in der tvthek.orf.at

8. 4. 2021

Yad Vashem digital: Zum Holocaust-Gedenktag 2021

Januar 27, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Online-Veranstaltungen und IRemember-Wall

Bild: pixabay.com

Wegen der Corona-Pandemie kann der Holocaust-Gedenktag am 27. Jänner dieses Jahr nur digital begangen werden. Die Gedenkstätte Yad Vashem hat dafür ein Programm an Online-Veranstaltungen zusammengestellt. So gibt es neben einem Symposium eine Vorlesung des Historikers David Silberklang mit dem Titel „Der Weg von Massenerschießungen zur Endlösung“ zu sehen, beides heute, Mittwoch, ab 14.30 Uhr auf www.youtube.com/user/YadVashem

Auch die Seite www.yadvashem.org wurde um Online-Ausstellungen  und eine virtuelle „Gedenkmauer“ erweitert. Außerdem bietet Yad Vashem erstmals eine virtuelle Tour durch die Dauerausstellung „Shoah“ im Block 27 im früheren Konzentrationslager, nun staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau an, und eine ebenfalls neue Ausstellung über sieben Kinderheime in Polen, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs für überlebende jüdische Kinder eingerichtet worden waren.

„Diese bewegende Ausstellung veranschaulicht das schreckliche Leid der Kinder, die in die Heime gebracht wurden, und wie ihnen – oft durch andere Überlebende – sanft dabei geholfen wurde, zurück in die Gesellschaft zu finden“, so Yad Vashem. „Hinter den Gesichtern, die uns aus den hier gezeigten Fotos des Kinderheims entgegenlächeln, verbergen sich schwere Lebensgeschichten, harte Verluste und seelische Narben.“

Screenshot: yadvashem.org

Screenshot: yadvashem.org

Zu sehen sind auch die virtuellen Schauen „Juden und Sport vor dem Holocaust – Eine Retrospektive in Bildern“ und „Sag niemals du gehst den allerletzten Weg – Jüdische Musik aus der Zeit des Holocaust“. Die zwanzig Lieder, die hierfür ausgewählt wurden, stellen die Musik der Straßenmusikanten aus den Ghettos Lodz und Kowno, die professionelle populäre Musikkultur des jiddischen Theaters im Ghetto Wilna und Lieder der Partisanen von Wilna vor.

Zusätzlich sind das prophetische Lied „Es brent“, das in Ghettos und Lagern gesungen wurde, sowie zwei Lieder, die nach dem Holocaust von Kaczerginski geschrieben wurden, mit eingeschlossen, die die Gemütsverfassung und den Glauben der Überlebenden widerspiegeln. Bemerkenswert ist „Felix Nussbaum – Das Schicksal eines jüdischen Künstlers“ (BUCHTIPP: Christoph Heubner: Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=37772, im März erscheint im Steidl Verlag, Christoph Heubner: Durch die Knochen bis ins Herz).

Screenshot: yadvashem.org

Via der Internetseite können Interessierte zudem der IRemember-Wall beitreten, einer virtuellen „Wand“ der Erinnerung. Hier können Nutzerinnen und Nutzer an ein bestimmtes Mordopfer erinnern, das sie sich in der 4,8 Millionen Namen umfassenden Datenbank selbst suchen können. Nach Anklicken des „Ich gedenke“-Buttons brauchen User nur noch ihren Namen und ihr Herkunftsland anzugeben und ihr Gedenken zu veröffentlichen. Dieses erscheint dann mit einem Fotodokument des Opfers an der IRemember Wall. Die Geschichte des oder der Ermordeten lässt sich direkt bei Twitter, Pinterest und Facebook teilen, was die Reichweite der Gedenk-Aktion erhöhen soll. Mehr dazu: www.youtube.com/watch?v=GRUq_k5Gr_c

Ich gedenke Marie Müllerová. Die Schülerin wurde 1927 in Prag als Tochter von Julius Müller und Irma Müllerová geboren und 1942 in Treblinka ermordet.

www.yadvashem.org

www.yadvashem.org/de

Neue österreichische Gedenkstätte in Auschwitz

Auch Österreich arbeitet an einer neuen Ausstellung im ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die zukünftige Schau wird im Erdgeschoß von Block 17 im ehemaligen Stammlager untergebracht sein, wo von 1978 bis 2013 schon die erste österreichische Ausstellung in der Gedenkstätte  zu sehen war. Im Zuge der sorgfältigen baulichen und konservatorischen Arbeiten im denkmalgeschützten ehemaligen Häftlingsgebäude wurden bisher unbekannte originale Mauerbestände entdeckt sowie von Häftlingen versteckte Objekte freigelegt.

Von Häftlingen verborgende Gegenstände. Bild: Nationalfonds/Kaczmarczyk/Marszałek

Glasfenster „Das bittere Ende“ von Heinrich Sussmann über die Ermordung seines Sohnes. Bild: HBF/MINICH

In einer ersten Etappe des Ausstellungsbaus erhielten die von Heinrich Sussmann für die Ausstellung 1978 gestalteten fünf Glasfenster eine neue Rahmung. Der Auschwitz-Überlebende schuf die Gedenkinstallation in der Absicht, die Menschen, die dort gequält und verbrannt worden waren, wieder als Ganzes darzustellen, „als ganze Menschen, die sie ursprünglich gewesen sind.“ Eines der Fenster ist als sehr persönliche Erinnerung seinem Sohn gewidmet, der sofort nach seiner Geburt vom SS-Lagerarzt Josef Mengele ermordet worden ist. Die Eröffnung der österreichischen Länderausstellung im Block 17 im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau ist noch für 2021 geplant.

www.nationalfonds.org

BUCHTIPPS: Anne Frank, Ari Folman und David Polonsky: Das Tagebuch der Anne Frank, Grafic Novel Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26547; Jessica Bab Bonde und Peter Bergting: Bald sind wir wieder zu Hause, Grafic Novel Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44223

27. 1. 2021

Haus der Geschichte: Web-Schau zum Nachkriegsfilm

Januar 19, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Kino als Hort der heilen Welt

Die Deutschmeister, Regie: Ernst Marischka, A 1955, Jupiter Film

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erschien hierzulande vielen nicht nur die Zukunft, sondern auch eine eigene Identität höchst unsicher. Darauf reagierte die österreichische Filmindustrie: Mit neuen Produktionen vermittelte sie dem Publikum auf unterhaltsame Weise die Eigenarten und Vorzüge des „Österreichischen“. Die unmittelbare Vergangenheit berührte das Kino kaum. Stattdessen bot es Ablenkung durch lustige Verwechslungskomödien, schwungvolle Melodien und

Bilderbuchlandschaften. Der historische Kostümfilm übersprang das Dritte Reich, den „Anschluss“ und den Nationalsozialismus und ließ Österreichs glorreiche Vergangenheit in der Habsburgermonarchie wiederaufleben und das Land damit in neuem altem Glanz erstrahlen.

In der Web-Ausstellung „Österreich als filmischer Sehnsuchtsort“ zeigt das Haus der Geschichte Österreich diese zeitgeschichtlichen Zusammenhänge auf. „Das Kino der Nachkriegszeit erreichte hunderttausende Menschen und beeinflusste damit die österreichische Identität weit wirkungsvoller als jedes Regierungsprogramm. In der Bewerbung des ‚Österreichischen‘ schlug man mehrere Fliegen mit einer Klappe. Hier verbanden sich die Zielsetzungen der politischen Eliten auf ideale Weise mit den Interessen der Filmindustrie und den Sehnsüchten der Menschen“, sagt hdgö-Direktorin Monika Sommer.

Die heimische Filmindustrie stellte sich nur zu gern in den Dienst des nationalen Identitätsprojekts. Sie war durch alliierte Exportverbote vom größten Absatzmarkt Deutschland abgekoppelt und gleichzeitig bemüht, von der eigenen Mitwirkung in der nationalsozialistischen Filmwirtschaft abzulenken. Anhand von Filmausschnitten berühmt gewordener Werke greift das hdgö vier Aspekte auf:

Die Fiakermilli, Regie: Arthur Maria Rabenalt, A 1953, Jupiter Film

Die Welt dreht sich verkehrt, Regie: J. A. Hübler-Kahla, A 1947, Jupiter Film

Der Engel mit der Posaune, Regie: Karl Hartl, A 1948, Jupiter Film

„Tanzen statt schießen“ hieß es für österreichische Soldaten. Der Kostümfilm ersetzte die belastete Wehrmachtsuniform durch die makellose blaue k.u.k.-Uniform und verwandelte deren Träger in einen sanftmütigen, musikalischen Genius. Der österreichische Soldat schwärmt für Mehlspeisen und Musik, sitzt den lieben langen Tag im Kaffeehaus oder bringt der Herzenstrauten ein Ständchen dar. Gewalt und Töten sind ihm wesensfremd – siehe „Kaiserwalzer”, Regie von Franz Antel, aus dem Jahr 1953 (Trailer), oder „Die Deutschmeister”, Regie von Ernst Marischka, aus dem Jahr 1955. www.hdgoe.at/tanzen_schiessen

 

„Starke Frauen im Nachkriegskino“ zeigt zunächst selbstbewusste Frauen, die sich weder von Männern noch von Geldnot abhalten ließen, ihre Ziele zu erreichen. Solche emanzipatorischen Vorbilder, wie in „Rendezvous im Salzkammergut”, Regie von Alfred Stöger, aus dem Jahr 1948, verschwanden bald wieder von der Leinwand. In „Die Fiakermilli”, Regie von Arthur Maria Rabenalt, aus dem Jahr 1953, tauchten sie noch einmal auf, mit Erni Mangold in einer der erotischsten Szenen des österreichischen Kinos – siehe Trailer. www.hdgoe.at/selbstbewusst_erotisch

 

„Österreich – Immer Opfer?“ Nach 1945 wies Österreich jegliche Mitschuld an Krieg und Holocaust von sich und präsentierte sich als „erstes Opfer“ der Aggression durch Hitler-Deutschland. Johannes Alexander Hübler-Kahlas ironische Komödie „Die Welt dreht sich verkehrt” aus dem Jahr 1947 greift diese Opferthese auf und verfolgt ihre historischen Wurzeln bis in die Keltenzeit. „Der Engel mit der Posaune”, Regie von Karl Hartl, aus dem Jahr 1948, 2017 in einer Bühnenfassung am Theater in der Josefstadt zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25769) hingegen thematisiert die Beteiligung von Österreicherinnen und Österreicher am Holocaust – siehe Trailer. www.hdgoe.at/oesterreich_opfer

 

„Schuldig oder nicht schuldig?“ Diese Frage sparte das österreichische Kino weitgehend aus. Doch es gab Ausnahmen, wie ein Filmausschnitt aus Eduard von Borsodys „Die Frau am Weg”  aus dem Jahr 1948 belegt. Der Film zeigt die unmenschliche Haltung eines österreichischen Grenzbeamten auf, der sich auf seine Pflicht beruft – siehe Trailer. www.hdgoe.at/schuldig_nichtschuldig

 

www.hdgoe.at

19. 1. 2021

Private Views im MAK: Vorab-Online-Führung durch „100 Beste Plakate 19. Deutschland Österreich Schweiz“

November 25, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Tanzquartier Wien & die schrille Welt der Topfpalmen

MAK-Ausstellungsansicht: 100 Beste Plakate 19. Deutschland Österreich Schweiz. Von der Säulenhalle des Hauses geht es nun virtuell in den Kunstblättersaal. Bild: © MAK/Georg Mayer

Auch während des zweiten Lockdowns ist das MAK #closedbutactive. Im Rahmen seines umfangreichen Digital-Angebots gibt das Museum nun vorab Einblick in die neue Ausstellung, die unmittelbar nach dem Lockdown geöffnet sein wird: An der Seite von Ausstellungskurator Peter Klinger kann ab 27. November auf dem MAK-Channel www.youtube.com/makwien die Schau „100 Beste Plakate 19. Deutschland Österreich Schweiz“ virtuell erkundet werden.

In seiner Online-Führung vertieft Klinger die gezeigte grafische Ideenwelt, die unterschiedlicher nicht sein könnte: vom studentischen Plakat-Projekt bis zur Auftragsarbeit etablierter Grafikdesignerinnen und -designer. Die bereits aufgebaute Schau im Kunstblättersaal des Hauses unterstreicht die Relevanz des gedruckten Plakats in Social-Media-Zeiten und zeigt, wie vielfältig Typografie im Gestaltungsprozess eingesetzt werden kann. Die Siegerprojekte bestechen durch den Einsatz von Typografie als integrativem Bestandteil des Gestaltungsprozesses: einerseits als dekoratives Element im harmonischen Zusammenspiel mit dem Sujet, andererseits als rein ästhetisches Stilmittel, um die Lesbarkeit der Ankündigungen zu steigern.

Fumetto Comic Festival Luzern 2019. Atelier: C2F. Schweiz. © C2F und Keiichi Tanaami/100 Beste Plakate e. V.

La Fille du Regiment. Auftraggeber: Theater Orchester Biel Solothurn. Atelier Bundi. Schweiz. © Atelier Bundi/100 Beste Plakate e. V.

Tanzquartier Wien Kampagne – Jakob Lena Knebl. Atelier: Studio VIE. Bild: Katarina Šoškić. Österreich. © Studio VIE/100 Beste Plakate e. V.

684 Einreicherinnen und Einreicher beteiligten sich mit insgesamt 2.247 Plakaten am diesjährigen Wettbewerb, 45 der Sieger-Plakate und -Plakatserien stammen aus Deutschland, 52 aus der Schweiz und drei aus Österreich. Unter den drei österreichischen Gewinnersujets ist Verena Panholzers Studio Es gleich zweimal vertreten. Für das Plakat zu Rosa Friedrichs Kurzfilm “Topfpalmen“ gestalteten Panholzer und Arjun Gilgen ein grellfarbiges Sujet, mit dem sie direkt Bezug auf die charakteristische Farbpalette des 16-mm-Kodachrome-Films nahmen:

„In der schrillen Welt von Topfpalmen stimmt etwas nicht. Auf der ausgefallenen Hochzeitsfeier von Bettis Tante Vio und dem herumtreiberischen Bräutigam Alf ist nicht nur ganz viel Liebe in der Luft, sondern es riecht auch verdächtig nach Schwindel. […] und dennoch tanzen alle weiter!“, so die Bewerbung des Films seitens der Filmakademie. Oder wie die Regisseurin meint: „Die Realität muss nicht grau und grausam sein. Sie kann auch bunt und grausam sein.“

JazzOnze+ Festival. Grafik: Anaëlle Clot. Schweiz. © Anaëlle Clot/100 Beste Plakate e. V.

Théâtre Oriental Vevey. Atelier: Scholl Design. Schweiz. © Scholl Design/100 Beste Plakate e. V.

Staatsballett Berlin: Lib/Strong. Atelier: cyan. Deutschland. © cyan/100 Beste Plakate e. V.

Das Studio Es reüssierte auch mit einer Serie von drei Plakaten für die Kunstgalerie Helmuts Art Club im 4. Bezirk in Wien. Alle drei Einreichungen weisen dabei den gleichen Aufbau auf: Zwei Sujets dienen als immer wiederkehrendes Rapportmuster. Mit einer Serie von drei Plakaten für das Tanzquartier Wien überzeugte das Studio VIE die Jury. Das TQW gilt als die wichtigste Einrichtung für zeitgenössischen Tanz und Performance sowie für Choreografie in Österreich. Der Entwurf des Studio VIE zeigt ein sinnliches Körper-Schrift-Arrangement der österreichischen Künstlerin Jakob Lena Knebl, fotografiert von Katarina Šoškić.

Körper und Textbausteine, jeweils einer der drei Buchstaben des Akronyms TQW, bilden ein metamorphes Versatzstück aus Korallen, Muscheln, vergoldeten Knochen und organischen Körpern. Jakob Lena Knebl wird 2021 anlässlich der Biennale in Venedig den österreichischen Pavillon bespielen. Unter www.mak.at finden sich zahlreiche weitere digitale Angebote wie die neue Audioserie „Nachdenkereien“, der MAK-Blog, Podcasts zum Thema Creative Climate Care oder die MAK Lab App rund um Zukunftsgestaltung in Zeiten der Digitalen Moderne und des Klimawandels.

www.youtube.com/makwien           www.mak.at

25. 11. 2020

The Beginning: Die Albertina Modern im Künstlerhaus

März 10, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Eröffnung mit Kunst aus Österreich von 1945 bis 1980

Christian Ludwig Attersee: Torte mit Speisekugeln und Speiseblau, 1967. Albertina, Wien – Familiensammlung Haselsteiner © Bildrecht, Wien, 2020

Die ganz große Publikumseröffnung musste wegen der Corona-Maßnahmen zwar abgesagt werden, nichtsdestotrotz öffnet die Albertina Modern am neuen Standort Künstlerhaus am 13. März ihre Pforten. Mit der Ausstellung „The Beginning. Kunst in Österreich 1945 bis 1980“ bietet sie erstmals einen umfassenden Überblick einer der innovativsten Epochen österreichischer Kunstgeschichte.

Die Schau präsentiert die wichtigsten Positionen an der Schwelle zur Postmoderne –vom Wiener Phantastischen Realismus über die frühe Abstraktion, den Wiener Aktionismus, die kinetische und konkrete Kunst sowie die österreichische Spielvariante der Popart bis zu dem für Wien so kennzeichnenden gesellschaftskritischen Realismus. Gemeinsam sind den Künstlerinnen und Künstlern dieser Zeit die radikale Ablehnung von Autorität und Hierarchie.

Die Kritik an der Verdrängung vergangener Schuld und die kompromisslose Zurückweisung eines reaktionären Kunstverständnisses, das weit über 1945 hinaus in Österreich als Ideal gilt. Gegen dieses Ideal verstoßen die Schreckensbilder des frühen Ernst Fuchs, Anton Lehmden und Rudolf Hausner. Die Wiener Aktionisten von Otto Mühl bis Günter Brus und Hermann Nitsch spielen darauf an, während die Abstrakten, Wolfgang Hollegha und Markus Prachensky dagegen anmalen. Die gesellschaftskritischen Realisten von Alfred Hrdlicka über ReimoWukounig bis Gottfried Helnwein verfluchen dieses Ideal und Wiens Speerspitze der Art Brut von Franz Ringel bis Peter Pongratz verspottet es.

VALIE EXPORT: Aktionshose: Genitalpanik, 1969/2001. Albertina, Wien – The Essl Collection © Bildrecht, Wien, 2020

Alfred Hrdlicka: Hommage à Sonny Liston, 1965. Wien Museum © Alfred Hrdlicka-Archiv, Wien

Maria Lassnig: Woman Power, 1979. Albertina, Wien –The Essl Collection © Maria Lassnig Stiftung / Bildrecht, Wien, 2020

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aber auch die Künstlerinnen, die ab den späten 1960er-Jahren den Konflikt der Geschlechter zum Ausgangspunkt ihrer widerständigen Kunst machen, bekämpfen das reaktionäre Ideal. Die Aktionistin VALIE EXPORT und die spätere feministische Avantgarde, von Renate Bertlmann und Friederike Pezold bis Birgit Jürgenssen und Karin Mack, sind es nicht nur leid, sich von Männern repräsentieren und darstellen zu lassen. Sie beziehen auch Position gegen ein Männerbild, das immer noch von den Geschlechterrollen, Zwängen und Tabus des Austro-Faschismus und Dritten Reichs bestimmt ist.

So ergibt sich für diese Ausstellung eine Epochengrenze, die über die Besatzungszeit hinausreicht, und der erst mit den 1980er-Jahren ein anderer, ein neuer Abschnitt der Kunstgeschichte gegenübersteht. 2021 wird mit „The Eighties“ dieser neueAbschnitt ebenfalls zum Gegenstand einer großen Ausstellung in der Albertina Modern.

Peter Pongratz: Schutzengel, 1971. Albertina, Wien – The Essl Collection © Bildrecht, Wien, 2020

Gottfried Helnwein: Der höhnische Arzt, 1973. Albertina, Wien – Leihgabe aus Privatsammlung © Bildrecht, Wien, 2020

„The Beginning“ widmet den großen Einzelgängern Friedensreich Hundertwasser, Arnulf Rainer und Maria Lassnig eigene Räume. Was Skulptur und Objektkunst in diesem Zeitraum bedeuten kann, veranschaulichen Hauptwerke von Joannis Avramidis und Rudolf Hoflehner über Wander Bertoni und Roland Goeschl bis Curt Stenvert, Bruno Gironcoli und Cornelius Kolig. Die Eröffnungsausstellung zeigt insgesamt fast 100 Künstlerinnen und Künstler dieser sich über drei Jahrzehnte spannenden Epoche vor der Schwelle zur Postmoderne.

Die Aufarbeitung von Ständestaat und Nationalsozialismus sowie die internationale Vernetzung aller wesentlichen Protagonistinnen und Protagonisten sind bislang oft übersehene Kennzeichen dieser Wiener Avantgarden. Ausgangspunkt der Ausstellung mit etwa 360 Kunstwerken – Gemälde, Skulpturen, Objekte, Zeichnungen, Videos, Fotografien und Installationen – sind die Sammlungen der Albertina, die jüngst durch die Akquisition der Sammlung Essl eine große Bereicherung erfahren haben.

Live-Stream zum Festakt, 12. März, 18.30 Uhr: www.facebook.com/AlbertinaMuseum

The Making Of a New Museum: www.youtube.com/watch?v=kASOUydk8to           www.youtube.com/watch?v=AM0F8HP0CL4

www.albertina.at

10. 3. 2020