The Beginning: Die Albertina Modern im Künstlerhaus

März 10, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Eröffnung mit Kunst aus Österreich von 1945 bis 1980

Christian Ludwig Attersee: Torte mit Speisekugeln und Speiseblau, 1967. Albertina, Wien – Familiensammlung Haselsteiner © Bildrecht, Wien, 2020

Die ganz große Publikumseröffnung musste wegen der Corona-Maßnahmen zwar abgesagt werden, nichtsdestotrotz öffnet die Albertina Modern am neuen Standort Künstlerhaus am 13. März ihre Pforten. Mit der Ausstellung „The Beginning. Kunst in Österreich 1945 bis 1980“ bietet sie erstmals einen umfassenden Überblick einer der innovativsten Epochen österreichischer Kunstgeschichte.

Die Schau präsentiert die wichtigsten Positionen an der Schwelle zur Postmoderne –vom Wiener Phantastischen Realismus über die frühe Abstraktion, den Wiener Aktionismus, die kinetische und konkrete Kunst sowie die österreichische Spielvariante der Popart bis zu dem für Wien so kennzeichnenden gesellschaftskritischen Realismus. Gemeinsam sind den Künstlerinnen und Künstlern dieser Zeit die radikale Ablehnung von Autorität und Hierarchie.

Die Kritik an der Verdrängung vergangener Schuld und die kompromisslose Zurückweisung eines reaktionären Kunstverständnisses, das weit über 1945 hinaus in Österreich als Ideal gilt. Gegen dieses Ideal verstoßen die Schreckensbilder des frühen Ernst Fuchs, Anton Lehmden und Rudolf Hausner. Die Wiener Aktionisten von Otto Mühl bis Günter Brus und Hermann Nitsch spielen darauf an, während die Abstrakten, Wolfgang Hollegha und Markus Prachensky dagegen anmalen. Die gesellschaftskritischen Realisten von Alfred Hrdlicka über ReimoWukounig bis Gottfried Helnwein verfluchen dieses Ideal und Wiens Speerspitze der Art Brut von Franz Ringel bis Peter Pongratz verspottet es.

VALIE EXPORT: Aktionshose: Genitalpanik, 1969/2001. Albertina, Wien – The Essl Collection © Bildrecht, Wien, 2020

Alfred Hrdlicka: Hommage à Sonny Liston, 1965. Wien Museum © Alfred Hrdlicka-Archiv, Wien

Maria Lassnig: Woman Power, 1979. Albertina, Wien –The Essl Collection © Maria Lassnig Stiftung / Bildrecht, Wien, 2020

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aber auch die Künstlerinnen, die ab den späten 1960er-Jahren den Konflikt der Geschlechter zum Ausgangspunkt ihrer widerständigen Kunst machen, bekämpfen das reaktionäre Ideal. Die Aktionistin VALIE EXPORT und die spätere feministische Avantgarde, von Renate Bertlmann und Friederike Pezold bis Birgit Jürgenssen und Karin Mack, sind es nicht nur leid, sich von Männern repräsentieren und darstellen zu lassen. Sie beziehen auch Position gegen ein Männerbild, das immer noch von den Geschlechterrollen, Zwängen und Tabus des Austro-Faschismus und Dritten Reichs bestimmt ist.

So ergibt sich für diese Ausstellung eine Epochengrenze, die über die Besatzungszeit hinausreicht, und der erst mit den 1980er-Jahren ein anderer, ein neuer Abschnitt der Kunstgeschichte gegenübersteht. 2021 wird mit „The Eighties“ dieser neueAbschnitt ebenfalls zum Gegenstand einer großen Ausstellung in der Albertina Modern.

Peter Pongratz: Schutzengel, 1971. Albertina, Wien – The Essl Collection © Bildrecht, Wien, 2020

Gottfried Helnwein: Der höhnische Arzt, 1973. Albertina, Wien – Leihgabe aus Privatsammlung © Bildrecht, Wien, 2020

„The Beginning“ widmet den großen Einzelgängern Friedensreich Hundertwasser, Arnulf Rainer und Maria Lassnig eigene Räume. Was Skulptur und Objektkunst in diesem Zeitraum bedeuten kann, veranschaulichen Hauptwerke von Joannis Avramidis und Rudolf Hoflehner über Wander Bertoni und Roland Goeschl bis Curt Stenvert, Bruno Gironcoli und Cornelius Kolig. Die Eröffnungsausstellung zeigt insgesamt fast 100 Künstlerinnen und Künstler dieser sich über drei Jahrzehnte spannenden Epoche vor der Schwelle zur Postmoderne.

Die Aufarbeitung von Ständestaat und Nationalsozialismus sowie die internationale Vernetzung aller wesentlichen Protagonistinnen und Protagonisten sind bislang oft übersehene Kennzeichen dieser Wiener Avantgarden. Ausgangspunkt der Ausstellung mit etwa 360 Kunstwerken – Gemälde, Skulpturen, Objekte, Zeichnungen, Videos, Fotografien und Installationen – sind die Sammlungen der Albertina, die jüngst durch die Akquisition der Sammlung Essl eine große Bereicherung erfahren haben.

Live-Stream zum Festakt, 12. März, 18.30 Uhr: www.facebook.com/AlbertinaMuseum

The Making Of a New Museum: www.youtube.com/watch?v=kASOUydk8to           www.youtube.com/watch?v=AM0F8HP0CL4

www.albertina.at

10. 3. 2020

Karikaturmuseum Krems: Tu felix Austria… zeichne! 25 Jahre Österreich in der EU

Februar 13, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Kastrierte Stiere, volle Boote und leere Sitzreihen

Thomas Wizany: Europa und (bald) der Ochs, 2018. © Thomas Wizany

Ab 16. Februar zeigt das Karikaturmuseum Krems die Schau „Tu felix Austria… zeichne! 25 Jahre Österreich in der EU“. Seit 1995 ist Österreich Mitglied der Europäischen Union. Eine Vielfalt an Karikaturen und Editorial Cartoons österrei- chischer Pressezeichnerinnen und -zeichner begleiteten diesen Weg Österreichs.

Gerhard Haderer: Vorweihnachtliche Herbergsuche auf Lampedusa, 2012. Landessammlungen NÖ

Bruno Haberzettl: Die BVT-Affäre: Und wie die ausländischen Geheimdienste ihre Kollegen aus Österreich wahrnehmen . . ., 2018 © Bruno Haberzettl, Krone bunt

Bruno Haberzettl: Das EU-Parlament im Einsatz für die Zukunft Europas…, 2018. Privat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sie thematisieren exemplarisch Meilensteine der vergangenen 25 Jahre Mitgliedschaft und bieten Diskussionsbeiträge zu aktuellen und zukünftigen europäischen Themen. Karikaturen, Editorial Cartoons, satirische Grafik bis hin zu Online Satire sind wesentlicher Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft und nehmen innerhalb der westlichen Medienlandschaft wichtige Kontrollfunktionen wahr. Die von Gottfried Gusenbauer, künstlerischer Direktor Karikaturmuseum Krems, kurarierte Ausstellung umfasst eine repräsentative Auswahl von etwa 160 österreichischer Pressezeichnungen.

Mehr als 40 Künstlerinnen und Künstler, wie Michael Pammesberger, Erich Sokol, Thomas Wizany, Gerhard Haderer und Margit Krammer, aus zwanzig verschiedenen österreichischen Zeitungen und Magazinen werden in der Ausstellung gezeigt. Losgelöst von der Geschichte erlangen die Karikaturen etwas Zeitloses und geben pointierte und erhellende Einblicke in die Europapolitik.

www.karikaturmuseum.at

13. 2. 2020

Wolfgang Ammer: EU-Brainstorming, 2018. Privat

Luis Murschetz: Das Boot ist voll, 1989. © Landessammlungen NÖ

Horst Hatzinger: Britanix, 2003. © Landessammlungen NÖ

Heinz Ortner: Wir ziehen alle an einem Strang 2003. Privat

 

Forum Frohner: Rot ich weiß Rot

Mai 19, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein Bilder-Sturm in der politischen Windstille

Wolfgang Flatz: Fist, 1987. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Bild: Andreas Gießwein © Bildrecht, Wien, 2016

Wolfgang Flatz: Fist, 1987. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Bild: Andreas Gießwein © Bildrecht, Wien, 2016

Zahlreiche hochklassige Kunstausstellungen setzen sich mit ästhetischen Aspekten auseinander, rücken humorvolle oder kulinarische Perspektiven ins Zentrum, erschließen Gerüche, bieten Gelegenheit zum Verweilen, entspannen und genießen. Die Ausstellung „Rot ich weiß Rot. Kritische Kunst für Österreich“, die ab 22. Mai im Forum Frohner auf der Kunstmeile Krems zu sehen ist, führt dagegen auf ein Kernanliegen der Kunst zurück. Anlass ist ein literarisches Werk, das vor fast vierzig Jahren geschrieben wurde und bis heute unvermindert aktuell geblieben ist.

1979 nimmt das Buch „Rot ich weiß Rot“ eine kritische Reflexion mit dem künstlerischen Klima in Österreich vor. Ausgangspunkt dafür ist die These einer „politischen Windstille“, die laut einem Bericht der FAZ dazu führt, dass es in Österreich keine Kritiker des eigenen Landes gäbe.

Dem stellen 70 Autorinnen und Autoren, von Thomas Bernhard bis Helmut Qualtinger, von Friederike Mayröcker und Elfriede Jelinek, von Josef Haslinger bis Peter Handke, eine umfassende Kritik der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Situation unseres Landes entgegen. Die Schau lotet nun die Relevanz des Buches für das Kunstschaffen aus. Sie spürt Deutungen der nationalen Identität nach, beschäftigt sich mit dem Nachwirken des Nationalsozialismus, zeigt alternative Lebensmodelle auf und thematisiert die kritische Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen.

Manfred Deix: Bundesadler Neu I, 1989. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Repro: Kathrin Kratzer © Manfred Deix, 2016

Manfred Deix: Bundesadler Neu I, 1989. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Repro: Kathrin Kratzer © Manfred Deix, 2016

Am Anfang der Deutung Österreichs steht Leopold Kupelwiesers Überhöhung der Heimat in der Allegorie „Austria“, entstanden um 1848. Staatswappen und Landkarten von Manfred Deix, Oswald Tschirtner und August Walla sehen Österreich später neu und anders. Der „Widerstandsbutton“ von Johanna Kandl und Ingeborg Strobl greift schließlich die Idee der Landesfarben auf und färbt Österreich als Protest gegen die Regierungsbildung des Jahres 2000 schwarzblau.

Der Nationalsozialismus wird in Susanne Wengers Werken der letzten Kriegsjahre verarbeitet. Die Bilder verbinden Traum und Trauma der als „entartet“ gebrandmarkten Künstlerin. Auch das Nachleben des Nationalsozialismus wird zum Thema. Viktor Matejka, als Symbolfigur eines unermüdlichen Aufzeigers tritt ebenso in Erscheinung wie der Grenzgänger Padhi Frieberger, der in seinem Werk „Scheißbrauner Lippizaner“ eine touristische Visitenkarte Österreichs demontiert, indem er den Aufstieg der Spanischen Hofreitschule im Dritten Reich aufzeigt.

Der „Herr Karl“ ist dagegen Helmut Qualtingers Mitläuferfigur – fotografiert 1962 von Franz Hubmann – die in sympathischer Tarnung die Skrupellosigkeit des Durchschnittsösterreichers entlarvt. Wie schwer das offizielle Österreich mit Neuem umgehen konnte, zeigt Herbert Boeckls Wettbewerbsbeitrag „Das große Welttheater“  für den Eisernen Vorhang der Staatsoper des Jahres 1955. Boeckl analysiert den Zustand Österreichs zwischen Nachkriegselend und Öffnung für den internationalen Aufbruch. Die Jury war überfordert und gab Rudolf Hermann Eisenmenger den Vorzug, der – von Adolf Hitler bewundert – die Kriegsjahre 1939 bis 1945 als Präsident des Wiener Künstlerhauses verbracht hatte.

Gottfried Helnwein: Selbstporträt mit Cyril und Ali, 1988. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Bild: Peter Böttcher © Bildrecht, Wien, 2016

Gottfried Helnwein: Selbstporträt mit Cyril und Ali, 1988. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Bild: Peter Böttcher © Bildrecht, Wien, 2016

Aktionistische Kunstformen bilden einen Aufschrei gegen die Verdrängungspolitik und Enge der späten Nachkriegsära. Während der Aktion „Blutorgel“ 1962 lassen sich Adolf Frohner, Otto Muehl und Hermann Nitsch für drei Tage in einem Atelierkeller einmauern, um revolutionäre Ausdrucksformen zu entwickeln. Ebenso wie Günter Brus mit seinem „Wiener Spaziergang“  1965, der auch als Kurzfilm zu sehen ist,  lösen sie einen Skandal aus. In der Folge entwirft Otto Muehl ein alternatives Gesellschafts- und Lebensmodell, das 1972 in die Kommune Friedrichshof mündete.

Seit den 1970er-Jahren thematisieren zahlreiche Künstlerinnen das Frauenbild in der Gesellschaft und untersuchen überkommene Wertemuster. VALIE EXPORT, Christa Hauer, Ona B. oder die Gruppe „Die Damen“ entwickeln dabei unterschiedliche Zugänge – von politischen Handlungen bis hin zu künstlerischen Experimenten. In ihren Aktionen und Filmen, wie ihrem ersten Spielfilm „Der unsichtbare Gegner“ aus dem Jahr 1976, untersucht VALIE EXPORT den Körper als Symbol der Identitätsfindung und bildet damit einen zentralen Anknüpfungspunkt für feministische Positionen bis heute.

Die Ausstellung vereint zahlreiche Genres, Techniken und Medien, von der Zeichnung zur Malerei, von der Skulptur zum Film, von der Karikatur zur Fahne. Etwa 50 Arbeiten von 36 Künstlerinnen und Künstlern beziehungsweise Kollaborationen setzen sich intensiv mit Österreich und seiner politischen, sozialen und gesellschaftlichen Realität auseinander.

www.kunsthalle.at

Wien, 19. 5. 2016

Diagonale 2016: Das Festivalprogramm

Februar 26, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Vielfältiges Panorama des österreichischen Films

Maikäfer flieg Bild: Filmladen

Nöstlinger-Verfilmung „Maikäfer flieg“: Zita Gaier als Kind Christine. Bild: Filmladen

Ab 8. März ist Graz mit der Diagonale 2016 wieder die Filmhauptstadt Österreichs. Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber, erstmals für das Festival verantwortlich, stellten dessen Programm am Freitagvormittag bei einer Pressekonferenz in Wien vor. Dieses umfasst 107 Filme, davon 103 im Wettbewerb, und wurde aus etwa 512 Einreichungen aller Genres und Längen zusammengestellt. 68 Filme feiern in Graz ihre Premiere, etwa zwei Drittel davon als Uraufführung. Präsentiert wird ein spannender Mix aus etablierten und neuen Namen.

Zu sehen sind unter anderem „Chucks“ von Sabine Hiebler und Gerhard Ertl (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14796), „Einer von uns“ von Stephan Richter (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15954), die Uraufführung von „Hannas schlafende Hunde“ von Andreas Gruber, die Österreichpremiere von Barbara Eders „Thank You for Bombing“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17967) und Elisabeth Scharangs „Jack“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14486). Auch die Dokus „Lampedusa im Winter“ von Jakob Brossmann (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15764) und  „Last Shelter“ von Gerald Igor Hauzenberger (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16248) werden gezeigt. Der oscarnominierte Kurzfilm „Alles wird gut“ von Patrick Vollrath läuft außerhalb des Wettbewerbs. Höglinger und Schernhuber sehen die Diagonale als mehr denn „als bloße Filmschau“: „Das Programm der Diagonale ’16 stellt den österreichischen Film in seiner Vielfalt dar und formuliert ihm gegenüber eine Haltung. Sie erzeugt Kontexte, verweist geschichtssensibel auf historische Entwicklungsstränge und perspektivisch in die Zukunft.“

Eröffnet wird das Festival am 8. März mit der Weltpremiere von Mirjams Ungers Spielfilm „Maikäfer flieg“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17909) nach dem autobiografischen Roman von Christine Nöstlinger mit Ursula Strauss und Gerald Votava. Im Rahmen der Eröffnung wird die unvergleichliche Erni Mangold mit dem Großen Diagonale-Schauspielpreis 2016 gewürdigt (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=17510). Die neue Programmreihe „Zur Person“ gibt Einblick in das facettenreiche Portfolio der Produzentin Gabriele Kranzelbinder, die auch für „Maikäfer flieg“ verantwortlich zeichnet. Sie wird persönlich in Graz anwesend sein und in einem Werkstattgespräch Einblicke in ihre Arbeitsweise geben.

Vielfältige Bezüge innerhalb des Programms eröffnet die neue Festivalschiene „In Referenz“, die österreichisches Kino mit sich selbst und mit ausgewählten internationalen Positionen in einen Dialog treten lässt. Einen solchen Anstoß für einen länder- und filmkulturübergreifenden Dialog stellen dabei beispielsweise die von Filmemacher Sebastian Brameshuber angeregte Vorführung von „Putty Hill“ von Matt Porterfield und die zugehörige Masterclass des US-amerikanischen Indie-Regisseurs in Graz dar. In seinem wegweisenden Dokumentarfilm „Und in der Mitte, da sind wir“, ebenfalls von Gabriele Kranzelbinder produziert, bezieht sich Brameshuber auf die Vergessens- und Verdrängungskultur hierzulande. Porterfields „Putty Hill“ hatte maßgeblichen Einfluss auf Sebastian Brameshubers Arbeit: „,Putty Hill‘ startet mit Bildern von maskierten, Paintball spielenden Gestalten. Als ich den Film 2010 sah, lag die von Jugendlichen mit Softguns ausgeführte ‚Störaktion‘ während der KZ-Befreiungsfeier von Ebensee, die mein Film umkreisen sollte, eineinhalb Jahre zurück. Drei Jahre zuvor waren Fotos des jungen Heinz-Christian Strache bei Wehrsportübungen aufgetaucht, der von einem ‚harmlosen Paintball-Spiel mit kleinen gelben Plastikkugeln‘ sprach“, sagt Brameshuber zu seiner Wahl.

Unter dem provokanten Titel „Österreich: zum Vergessen“ umkreisen die filmhistorischen Spezialprogramme von Österreichisches Filmmuseum, Filmarchiv Austria und Synema erstmals gemeinsam, aber mit verteilten Rollen, eine zentrale Phase österreichischer Film- und Zeitgeschichte – die Waldheim-Jahre. Zum Auftakt zu sehen ist die einzige bislang nie ausgestrahlte „Alltagsgeschichte“ von Elizabeth T. Spira. „Am Stammtisch“ versammelt Wirtshauszusammenkünfte in ganz Österreich. Was die Gesprächspartner dort mit erschreckendem Selbstbewusstsein zum besten geben, beschreibt einen gedanklichen Orbit, in dessen Zentrum Waldheim steht. Spiras Fernseharbeit wird dem US-amerikanischen Kinodokumentarfilm „Vienna Is Different: 50 Years after the Anschluss“ gegenübergestellt: Örtlich und geistig nicht ganz so eng gefasst kommt auch hier das Österreich des Jahres 1988 zum Sprechen. Klassiker wie „Die Ausgesperrten“ von Franz Novotny, „Die papierene Brücke“ von Ruth Beckermann oder „Der siebente Kontinent“ von Michael Haneke stehen für weitere Formen der Widerrede und sind sich zugleich nah in ihrer Suche nach den Verschränkungen von Politik, Geschichte und Gesellschaft. Michael Haneke wird bei der Diagonale zu Gast sein.

Als disziplinübergreifender Thinktank versteht sich das neu konzipierte Austria Film Meeting, das zwei Tage lang Strategien entwickelt, wie sich Gleichberechtigung und gesellschaftliche Diversität in Film und Fernsehen verwirklichen lassen.  Und mit dem „Fernsehen“ und seinem Verhältnis zum Kino platziert die Diagonale ’16 eines der aktuell meist diskutierten Medienthemen zentral im Festivalprogramm. Zu den Höhepunkten jeder Diagonale zählt die Preisverleihung, bei der insgesamt 100.000 Euro an die Gewinner gehen. Am 12. März werden die beiden prominent besetzten Diagonale-Jurys für Spiel- und Dokumentarfilm im Orpheum Graz zahlreiche Auszeichnungen vergeben, darunter die heiß begehrten Großen Diagonale-Preise für den besten österreichischen Spiel- und Dokumentarfilm. Und natürlich gibt es auch wieder den Diagonale-Publikumspreis der Kleinen Zeitung.

www.diagonale.at

Wien, 26. 2. 2016

Haus der Geschichte Österreich ist nun online

Februar 22, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Neue Webseite informiert über das Projekt

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

Das Haus der Geschichte Österreich ist seit der ersten Planungsphase ein umstrittenes Projekt (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=17014 und www.mottingers-meinung.at/?p=14636). Nun kann man sich über Pläne, Zielsetzungen und Zusammensetzung des wissenschaftlichen Beirats via Internet informieren.

Eine Webseite will mögliche Fragen, auch per Email, beantworten und stellt sogar Gebäudepläne und eine lange unter Verschluss gehaltene Machbarkeitsstudie zum Download bereit. Feedback ist ausdrücklich erwünscht. Über die Webseite soll ein offener Dialog zwischen Publikum und Projektteam etabliert werden, um von Anfang an Anregungen künftiger Besucher in die Konzeption des Museums einfließen zu lassen.

Auch prominente Befürworter werden zitiert. Darunter die Journalistin Barbara Coudenhove-Kalergi, die Direktorin des Technischen Museums, Gabriele Zuna-Kratky, Oskar Deutsch und Fuat Sanaç, Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Wien beziehungsweise der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Willi Mernyi vom Mauthausen Komitee und Österreichs „Geschichtsprofessor Nr. 1“, Hugo Portisch.

„Ich glaube, es ist wichtig, dass eine Reihe von Gerüchten und Vermutungen durch Fakten ersetzt werden“, sagt Historiker Oliver Rathkolb, der den wissenschaftlichen Beirat des Projekts leitet, über die Webseite. So werde hier beispielsweise die inzwischen schon Jahrzehnte dauernde Geschichte des Hauses der Geschichte und die historische Bedeutung des Standortes Heldenplatz erklärt. Die Kosten für die Homepage betragen laut Rathkolb 2500 Euro. In Planung sei, so Rathkolb weiter, bereits eine erste gemeinsame Initiative des Hauses der Geschichte mit Archiven, Bibliotheken und Museen der Länder und Städte zum „gesamten Jahr 1918 mit seinen verschiedenen Entwicklungen und Facetten“. Im Rahmen einer gemeinsam konzipierten mobilen Wanderausstellung und einer Wechselausstellung in der Neuen Burg soll „das Schlüsseljahr“ der Republiksgründung aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden.

www.hdgoe.at

Video zum Haus der Geschichte Österreich: www.youtube.com/watch?v=P99T3bOV0J8

Wien, 22. 2. 2016