Theater zum Fürchten: Der jüngste Tag

Februar 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Macht der öffentlichen Meinung

Hudetz, verfolgt von den untoten Geistern seiner Opfer: Matthias Messner, RRemi Brandner, Christian Kainradl und Susanne Preissl. Bild: Bettina Frenzel

Eine eindrückliche und beklemmende Inszenierung von Ödön von Horváths „Der jüngste Tag“ zeigt das Theater zum Fürchten in seiner Wiener Spielstätte, der Scala. Regisseur Peter M. Preissler hat Horváths Text als Volksstück verstanden. Er zeigt ohne viel Verfremdungseffekt dessen Figuren als Kleinbürger par excellence, dies nicht ohne liebevolles Verständnis für ihre geschundenen Krämerseelen.

Tut das Horváth’sche Personal doch nichts anderes als die Zwänge und Nöte, in die der jeweils einzelne eingebunden ist, an den nächsten weiterzugeben. Dass aus dieser Kette von Verdrängung nur Feigheit, Dummheit, Intoleranz resultieren können, dass an ihrem Ende „menschliches Versagen“ steht, ist systemimmanent.

Der „Versager“ ist Stationsvorstand Thomas Hudetz, gefangen in einer lieblos gewordenen Ehe zu einer älteren Frau, dem die Wirtstochter Anna, sie wiederum in eine vorteilhafte Verlobung gedrängt, auf dem Bahnsteig einen Kuss abringt. Hudetz vergisst darob ein Signal zu stellen, Züge kollidieren, Menschen sterben. Hudetz wird verdächtigt, doch Anna schwört einen Meineid auf seine Unschuld. Frau Hudetz allerdings hat die Szene vom Fenster aus beobachtet, und rasend vor Eifersucht wird sie dem Staatsanwalt die Wahrheit offenbaren. Von der Kleinstadt allerdings als böses Weib abgestempelt, glaubt ihr keiner auch nur ein Wort. Hudetz wird freigesprochen. Doch Anna bekommt Skrupel, und es kommt zum Äußersten …

Den für einen kurzen Moment pflichtvergessenen Hudetz spielt Christian Kainradl auf höchstem Niveau. Er ist der typische österreichische Beamte, ein bissl Schmerzensmann, ein bissl Judas, ein Charakter, in dem sich Phlegma und Verzweiflung nicht ausschließen. Interessant an der Interpretation Preisslers ist, dass hier ein Hudetz weniger erotisiert als von Annas Avancen überrumpelt ist. Stark spielt Kainradl die Szenen, in denen es Hudetz darum geht, seine Haut zu retten; er macht deutlich, dass Horváth sein 1935/36 entstandenes Stück als Parabel angelegt hat, wohin Lüge und Verleumdung eine Gesellschaft führen werden.

Alles wartet auf den Zug: Leopold Selinger, Angelika Auer, Matthias Messner, Susanne Preissl und Valentin Frantsits. Bild: Bettina Frenzel

Der Staatsanwalt vernimmt die Zeugen: Jörg Stelling, Matthias Messner, Susanne Preissl, Georg Kusztrich und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

Ein Überlebender wird entdeckt: Georg Kusztrich, Anna Sagaischek und Tom Jost. Bild: Bettina Frenzel

Die Anna spielt Susanne Preissl als eine Art Lolita, die ihre reizenden Atouts mit großer Naivität ausspielt. Erst als sie sich ihrer Schuld, eine Falschaussage gemacht zu haben, bewusst wird, wird sie erwachsen. Christina Saginth changiert als Frau Hudetz zwischen enervierend und strapaziös, doch dank ihrer gelungenen Darstellung kann man fast nicht umhin, auf ihrer Seite zu sein, da sie doch im Recht ist. Eine Falle, in die Preissler das Publikum geschickt tappen lässt. Jörg Stelling gibt ihren Bruder Alfons als distinguierten Drogeriebesitzer.

Dreh- und Angelpunkt des Abends aber ist die Darstellung der zahlreichen Kleinstädter. Das TzF-Ensemble beweist ja nicht zum ersten Mal, dass es Horváth kann. Und so überzeugt Georg Kusztrich als oberg’scheit-jovialer Wirt zum „Wilden Mann“, der das Menschenfreundlich-Sein ebenso beherrscht, wie das Ausrufen einer Menschenjagd. Angelika Auer ist eine herrlich taktlose Dorftratschn Frau Leimgruber, Valentin Frantsits Fleischhauer Ferdinand als gleichsam Gemüts- wie Gewaltmensch wirkt wie ein Verwandter Oskars.

Anna Sagaischek als Kellnerin Leni gibt mit Chips in der Hand einen der Unfallvoyeure. Matthias Messner, Leopold Selinger, RRemi Brandner (er auch ein grantiger Staatsanwalt) übernehmen gleich mehrere Rollen, auch die der wiederkehrenden Untoten, Tom Jost spielt den überlebenden Heizer Kohut. Und am Höhepunkt der Handlung tritt die örtliche Blaskapelle auf …

Für all das hat Julia Krawczynski ein Bühnenbild erdacht, das nicht nur Antipuppenhäuschen und Antipuppenstuben zeigt, sondern mit Licht und Schall und Rauch auch wunderbar vorbei- und ineinander rauschende Züge. Durch diese Optik entsteht zusätzliche atmosphärische Enge, und so rasch die Bahn daran vorbeifährt, so schnell wechselt die Gesinnungslage im Dorf.

Was einen beim Verlassen des Theaters nicht loslässt: Gedanken über die Macht der öffentlichen Meinung, und die ist, sagt Horváth, sagt Preissler, je nach Einflüsterern wetterwendisch. So schnell im „Jüngsten Tag“ jemand verteufelt wird, so schnell ist er rehabilitiert – und umgekehrt. Ein Umstand, an dem sich nichts geändert hat. Die öffentliche Meinung, auch wenn fehlgeleitet, hat das Sagen.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 2. 2018

Bronski & Grünberg Theater: Kasimir & Karoline

April 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein purer, ehrlicher, beinharter Horváth

Er beherrscht die lauten, wie die leisen Momente der Inszenierung: Christian Strasser als Kasimir. Bild: © Dietmar Tollerian

Und wieder eine sehenswerte Produktion im Bronski & Grünberg Theater. Regisseurin Katharina Schwarz hat „Kasimir & Karoline“ inszeniert, das Stück mit dem Untertitel „Drei Abnormitäten üben Empathie“ und ergo dem Zusatz „nach …“ versehen – doch was sie auf die Bühne stellt, ist ein so purer, ehrlicher, beinharter Horváth, wie man ihn sich nur wünschen kann.

Wobei, Bühne ist nicht. Schwarz hat im kleinen Spielraum inmitten des Publikums Platz für vier Stationen gefunden, an denen die Oktoberfest-Entgleisungen stattfinden. Eine davon ist eine Karaoke-Bar, in der sich die diversen Unersättlichkeiten von der Seele gesungen werden. Eine ein schnapstrunkener Schanigarten-Campingtisch. Eine unter einer Glühbirne, hier werden die dunkelsten Ecken des menschlichen Daseins ausgeleuchtet. Und der junge Mann, der in der zweiten Reihe Lolli lutscht, gehört natürlich auch schon dazu.

Es sind drei Schauspieler, die den Horváth-Text stemmen: Christian Strasser, Katharina Wawrik und Robert Finster, und alle drei verfügen sie über ein ausgeprägtes komödiantisches Talent. Denn Schwarz hat sich das Gfeanzte bei Horváth auf die Fahnen geschrieben, ihre Arbeit changiert zwischen satirisch und sarkastisch, und es ist schon zum Lachen, wenn die berühmten Sätze wie Stammtischsprüche deklamiert werden: „Man muss das immer trennen, die allgemeine Krise und das Private“, „Wenn es dem Manne schlecht geht, dann hängt das wertvolle Weib nur noch intensiver an ihm“, „Wir sind alle nur Menschen, besonders heute“ – und sehr schön: „Jähzornige Leute sind ja meistens gutmütig“.

Der Kommerzienrat hat ein Auge auf Karoline geworfen: Christian Strasser. Bild: © Dietmar Tollerian

Doch die lutscht lieber Lolli mit dem Schürzinger: Katharina Wawrik und Robert Finster. Bild: © Dietmar Tollerian

Schwarz zeigt ein tiefes Verständnis für die Horváth-Sprache. Sie charakterisiert über sie die Figuren, lässt ihr Trio wahlweise im brutalen Jargon, im gepflegten Dialekt oder in der vom Autor vorgeschriebenen Kunstsprache sprechen, und so macht sie Kleinbürger zu Kunstfiguren, Proletarier zu Proleten. Dazwischen, nein: in der Hauptsache, weiß sie um die Macht der Horváth’schen Pausen, seine Leerstellen im Gesprochenen, die Sprachlosigkeit und dem Ringen der Charaktere um Ausdrücklichkeit, und pflegt dies besonders sorgfältig. Die Schauspieler „schweigen“ das Unaussprechliche nicht nur an, sie loten es aus. Mit den letzten Takten aus „Cabaret“, Trommelwirbel, Tusch, werden die kurzen Szenen als quasi Blackouts getrennt.

Die Darsteller (re)agieren mit Tempo und Temperament und in erster Linie Trotz aufs Leben an sich und die Verhältnisse im Besonderen. Die Stimmung wechselt zwischen naiver Verbitterung, abgeklärtem Weltverstehen und aggressivem Selbstmitleid, man ist mal personifizierte Empörung, mal hektisch und zänkisch, die Auseinandersetzungen sind lautstark – und umso mehr berühren die leisen Momente der Aufführung. Vor allem Christian Strasser als Kasimir erweist sich diesbezüglich als ein Meister.

Mit einem Handgriff wird aus einer Rolle eine andere. Strasser verwandelt sich mit Sonnenbrille und Zigarre in den großkotzigen Kommerzienrat, Robert Finster ist – graue Strickweste an, graue Strickweste aus – bald ein schüchtern-ängstlicher Zuschneider Schürzinger, bald der Kleinkriminelle Merkl Franz, Katharina Wawrik wird mit rosa Perücke von der Karoline zur Merkl Franz seiner Erna. Es folgen Frontalangriffe mit Alkohol und Freddie Mercurys „Don’t stop me now“. Fantastisch, wie schlecht und falsch das Ensemble insgesamt singt; auf dem Höhepunkt der Handlung und seiner Verlassenheit interpretiert Kasimir/Strasser Tammy Wynettes „Stand by your man“. Auf dem Weg nach Altötting fliegen schließlich ein Büstenhalter weit und ein rechter Arm in die Höhe …

Kasimir mit dem Merkl Franz und dem Merkl Franz seiner Erna: Katharina Wawrik, Robert Finster und Christian Strasser. Bild: © Dietmar Tollerian

Derart subtil sind Schwarz’ Anmerkungen zur Zeitgeschichte und zum gegenwärtigen Zeitgeschehen. Am Ende folgt das Mantra ”Es geht immer besser, besser, besser …“, 1932 so aktuell wie 2017, die Rollen verschwimmen, nicht länger ist klar, wer ist wer, der Bub mit dem Bulldoggenkopf, Juanita, das Gorillamädchen, jeder Zeit ihre Monstrosität. Denn, siehe Untertitel, die Abnormitäten sind längst wir. Freigesetzt, gekündigt, vom Arbeitsplatz entfernt.

„Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich – aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln, und das Leben geht weiter, als wär man nie dabei gewesen…“ Zu sehen bis 6. Mai. Im Mai gibt es auch Zusatzvorstellungen von „Der Spieler“ – Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24236

www.bronski-gruenberg.at

Wien, 13. 4. 2017

Volkstheater: Kasimir und Karoline

März 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bananen, Geplärr und Banalitäten

Big Karoline is watching you: Rainer Galke als Kasimir, Birgit Stöger und Stefanie Reinsperger auf der Lichterkettenleinwand. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater hatte Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ in einer Inszenierung von Philipp Preuss Premiere, und das Erstaunen daran ist, dass einen die Aufführung seltsam unberührt lässt. Preuss, der in der Regel für einen Aufreger, zumindest für einen Kopfschüttler gut ist, schafft es diesmal nicht über die Echauffiertheitshürde – ja, nicht einmal über die Aufmerksamkeitsschwelle. Mit Kasimir möchte man nur eins sagen: Das ist mir wurscht.

Und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen ist es die abgepauste Ästhetik des Abends, zum anderen sind es die Banalitäten und das Geplärr, die einen die Scheuklappen dichtmachen lassen. Auf der Bühne herrscht vor allem Trubel, ein Tohuwabohu, in dem die leiseren Horváth-Töne untergehen. So kann man diesem Autor nicht beikommen, so plakativ, so wenig subtil. Schreien statt Inhalt ist keine Lösung, das ist auf der Bühne wie im Leben so.

Denn derart bleibt nichts von Horváths scharfer Analyse des durchökonomisierten menschlichen Zusammenlebens, nichts von seinem Bericht über die Arbeit als Statussymbol und die Not derer, die keine mehr haben – oder was immer Preuss aus dem übervollen Themenkonvolut des Volksstücks zu erzählen nicht gelungen ist.

Dass fortwährend die urbayrische Oktoberfestkost Bananen gefuttert wird, macht die Sache nicht besser. Preuss hat das Stück ganz nach Horváths Vorgabe „in unserer Zeit“ angesiedelt. Die Krise ist dem Kapitalismus systemimmanent, was 1932 galt, gilt 2017 noch immer, nur das Wiesnzelt ist einem Karussell aus Lichterschnüren gewichen. Einem Multimediaspektakel mit Videos und kitschigem Soundteppich, erdacht von Ramallah Aubrecht, Konny Keller und Richard Eigner, das zum Labyrinth für die Darsteller wird. Davor und vor allem darin nämlich tummelt sich die Spaßgesellschaft, die Herrschaften und das Volk. Im Innern spielt sich’s ab, dem Außen bleibt nur das Cinemascope. All das sieht man bei Castorf (oder auch bei Pollesch) schon seit Jahrzehnten so – dass wichtigste Teile der Handlung in einem hermetisch abgeschlossenen Raum stattfinden und nur per Livekamera ins Publikum transportiert werden.

Und noch in einer anderen Sache folgt Horváth-Debütant Preuss dem Altmeister aus Berlin: Er fügt Fremdtexte als inszenatorische Rufzeichen ins Stück ein, Konsumismuskritiker Guy Debords 1967 erschienene „Gesellschaft des Spektakels“, als realsozialistischer Dialog schrill performt von den beiden Gelegenheitsprostituierten Elli und Maria alias Seyneb Saleh und Nadine Quittner, und einen Auszug aus Horváths prophetischem Antikriegsroman „Ein Kind unserer Zeit“. Luka Vlatkovic tritt blutbesudelt und armamputiert als der Soldat auf, der auf einem Jahrmarkt des Jahrs 1938 die Liebe sucht.

Kasimir mit dem Merkl Franz und dem Merkl Franz seiner Erna: Rainer Galke, Birgit Stöger und Kaspar Locher. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Und er sitzt und sitzt; im Hintergrund die Gelegenheitsprostituierten Elli und Maria: Rainer Galke, Seyneb Saleh und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Unter den Darstellern sind es Sebastian Klein als Schürzinger, Kaspar Locher als der Merkl Franz und Birgit Stöger als dem Merkl Franz seine Erna, die am ehesten Horváth spielen, brutal und ungekünstelt und doch mit der vom Schöpfer ihrer Figuren verlangten Überhöhung ins Stilisierte. Birgit Stöger ist überhaupt die Erfreulichkeit des Abends. Wie sie sich stoisch in ihr Schicksal und dem Merkl Franz seinen Schlägen fügt, ist sie die perfekte beschädigte Antiheldin. Thomas Frank sitzt als dämonischer, halbverbrannter Schaustellerkönig wie die Spinne im Neonnetz, kommt aber, da ans unvermeidliche Mikrophon gebunden, darin kaum zum Spielen, Michael Abendroth und Lukas Holzhausen sind verlässlich solide als Rauch und Speer. Ihre Ressentiments über die Jugend rülpsen die beiden übersättigten „Besseren“ ins Publikum. Dies einer der gelungeneren Regieeinfälle des Abends.

Als „Kasimir und Karoline“ hat sich Preuss Rainer Galke und Stefanie Reinsperger auserkoren, zwei klasse Schauspieler – und umso mehr tut’s weh, dass die Regie mit ihnen nichts anzufangen weiß. Das Kraftwerk Reinsperger wird aufs übliche Gestenrepertoire zurückgeworfen; ihre Karoline ist eine Wutbürgerin, und Reinsperger berserkert sich ergo durch die Rolle. Zur resignierten Verzweiflung Kasimirs wiederum ist Preuss nicht mehr eingefallen, als Galke beinah die ganzen zwei Stunden lang regungslos und, so weit durch Striche möglich, schweigsam an der Rampe sitzen zu lassen.

Sein Kasimir ist weder Kleinbürger noch Proletarier im Sinne von „aller Länder vereinigt euch“, und wenn Karoline an ihm einen „Terroristen“ erkennt, so ist dieser hier maximal ein Schläfer. Verschenkte Möglichkeiten allüberall. Immerhin: Mit ihrer Bemerkung, man wäre „zu schwer für einander“, sichert sich die Reinsperger den Lacher des Abends. Einen schmerzhaften. Einen zum Fremdschämen. Andererseits: Auch das ist mir wurscht.

www.volkstheater.at

Wien, 18. 3. 2017

Theater zum Fürchten: Eine italienische Nacht

Januar 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Sozialdemokratie knapp vor der Sperrstunde

Beim Lehninger-Wirt sind zahlende Gäste jeder Gesinnung willkommen: Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Ob links oder rechts, beim Lehninger-Wirt sind zahlende Gäste jeder Gesinnung willkommen: Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Aus Zorn, sagt Bruno Max, hätte er Ödön von Horváths „Eine italienische Nacht“ auf den diesjährigen Spielplan genommen, aus Zorn über das Erstarken einer neuen unverschämten Rechten und der angesichts dieser Tatsache völlig versagenden Linken, die sich in Flügelkämpfen, Pfründe-Sichern, Status-Quo-Erhalten aufreibt, statt endlich Konzepte gegen ewig gestrige Geister zu entwickeln. Das Ergebnis von Bruno Max‘ Erbostheit hatte nun in der Scala Premiere – und es ist großartig.

Horváth versah seine Komödie mit der Zeitangabe „1930 bis ?“ und der TZF-Prinzipal lässt mit seiner Arbeit keinen Zweifel daran, dass dieses Fragezeichen jetzt ist. Er hat das Stück zur Stunde inszeniert, hat es auf den Punkt genau inszeniert, und es ist erschreckend, wie wenig er dazu in den Text eingreifen musste. Was Horváth vor 85 Jahren geschrieben hat, ist so gegenwärtig, dass es einen gruselt.

Die „italienische Nacht“ soll das Sommerfest einer Sektion Sozialdemokraten in einer Kleinstadt werden. Im Gastgarten vom Lehninger-Wirt will man feiern, tanzen, trinken, blöd nur, dass sich zum gleichen Zeitpunkt eine Gruppe Rechtsextremer angesagt hat, die zum „Deutschen Tag“ aufmarschiert. Die Parteijugend ruft zu Gegenaktionen auf, die saturierten Honoratioren kalmieren, „Ich stelle den Antrag, dass wir uns nicht stören lassen“, sagt einer. Ein Kriegerdenkmal wird demoliert, die Situation eskaliert. Plötzlich ist Kampf angesagt …

Den das Publikum auf Tuchfühlung mit den Schauspielern erlebt. Bruno Max und Marcus Ganser haben für die Aufführung eine Raumlösung erdacht, wie man sie von den bewährten und beliebten Dinner-Produktionen des TZF kennt. Die Zuschauer sitzen mitten im Wirtshausgarten rund um die Tische der Darsteller. Wein und Kracherl stehen bereit, und während einen der Wirt noch an seinen Platz führt, werden schon Anträge verhandelt und vertagt. Es gibt, wie sich’s gehört, eine Pawlatsche und ein Toilettenhäuschen, und auf dem Höhepunkt der Stimmung, kann’s einem passieren, dass man zur Polonaise aufgefordert wird.

Horváth rechnet in seinem Stück weniger mit der Rechten ab, als dass er die Linke schilt. Er stellt die demokratische Ohnmacht gegenüber einem faschistischen Fanatismus aus; was das anrichtet, hat er geradezu prophetisch vorhergesehen, dieses „Lasst die Republik ruhig schlafen“, dieses man lasse sich von „ein paar dummen Buben“ doch nicht provozieren. Die Buben sind Wiedergänger, sie schließen die Reihen und sie marschieren. Die Demo wird zur Bedrohung für die Demokratie, und während die Sozialdemokratie ihre Wahlverluste als von einem – Zitat Horváth – „feindlich gesinnten höheren Schicksal“ gesandt annimmt, wird alles für den Ausbruch des gerechten Volkszorns vorbereitet.

Die italienische Nacht fordert von den Sozialdemokraten vollen Einsatz: Georg Kusztrich, Jacqueline Rehak, Wolfgang Fahrner, Christoph Prückner, Christina Saginth und Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Die italienische Nacht fordert von den Sozialdemokraten vollen Einsatz: Georg Kusztrich, Jacqueline Rehak, Wolfgang Fahrner, Christoph Prückner, Christina Saginth und Karl Maria Kinsky. Bild: Bettina Frenzel

Die Parteijugend macht sich bereit zum Kampf gegen Rechts: Wolfgang Fahrner und Thomas Marchart. Bild: Bettina Frenzel

Die Parteijugend macht sich bereit zum Kampf gegen rechts: Wolfgang Fahrner und Thomas Marchart. Bild: Bettina Frenzel

Seine politische Fabel bevölkert Horváth mit vielschichtigen Figuren, die Bruno Max mit seinem Ensemble scharf konturiert hat. Entstanden ist so ein Panoptikum an Parteigängern, wie es real existierender kaum sein könnte. Georg Kusztrich gibt als selbstzufriedener, satter Stadtrat Ammetsberger die institutionalisierte Linke, Bernie Feit als Oberschulrat Betz die intellektuelle. Christoph Prückners Kranz ist der Typ leutseliger Mitgliedsbeitragsmarkenverkäufer, Marion Rottenhofers Engelbert ist korrektes Gendern wichtiger als der Widerstand gegen rechts. Komme was wolle, ihre Hauptsorge gilt dem Binnen-I.

Ganz anders da die nächste Generation Genossen. Wolfgang Fahrner ist als Martin ein aufrechter Marxist. Der Schauspieler, der nach „Brassed Off“ zum zweiten Mal für das TZF arbeitet, spielt sich mit seiner prägnanten und präzisen Darstellung des jungen Wilden in den Mittelpunkt der Aufführung. Und mit ihm Thomas Marchart als Martins von Hormonen gebeutelter bester Freund Karl, Claudia Waldherr als seine Freundin Anna und Jacqueline Rehak als Karls völlig unpolitische – Leitsatz: Völlig egal, wer uns regiert, es bescheißen uns ohnedies alle – Angebetete Leni.

Sie alle gestalten ihre Rollen mit großer Spielfreude, besonders auch Karl Maria Kinsky, der als Lehninger fürs abgründig Humorige sorgt. Sein Wirt ist ein Opportunist, dem es letztlich egal ist, wem er drei Bier verkauft. Mit Gelächter quittierte das Publikum die Szenen, in der sich die Sozialdemokraten bei ihm über die rechte Übernahme ihres Stammtisches beschweren und er seelenruhig die Nelken in den Tischvasen gegen Kornblumen tauscht. Dass sich die Zeiten ändern, entnimmt er den Sprüchen, die an die Häuslwand geschmiert werden – statt pornografisch nur noch politisch, das kann die Welt nur zum Schlechteren wenden.

Horváth zeigt eine Sozialdemokratie knapp vor der Sperrstunde. Nicht nur symbolisch, so lange will man nämlich im Gastgarten ausharren, will man, weil das schließlich auch die bewährte Proporzproblemlösung ist, die Faschos aussitzen. Die Frauen werden typisch horváthisch erst zu Opfern, dann zu Heldinnen. Martin schickt Anna auf den politischen Strich, sie soll die Wehrsportkameraden auskundschaften und wird dabei sexuell misshandelt. Ammetsberger behandelt seine Frau Adele wie einen Putzlappen, dabei wird sie es sein, die die Schreihälse in ihre Schranken weist. Christina Saginth gibt der Figur Profil, Leopold Selinger mit Kärntner Akzent den Kameradschaftsführer.

Am Ende bleibt alles beim Alten, heißt: beim Stadtrat. Er brüstet sich mit einem moralischen Sieg, der nicht der seine ist. Und Bruno Max entlässt einen in die Nacht mit der bangen Frage, wie lange diese Art von Wegschauen und ja nicht Hinhören Politik noch funktionieren kann, bevor rot gegen rechts endgültig den Kürzeren zieht.

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Wien, 15. 1. 2017

Theater in der Josefstadt: Ödön von Horváths „Niemand“

September 2, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

List und Tücke einer Uraufführung

Geri Drassl und Florian Teichtmeister überzeugen mit ihrem intensiven Spiel. Bild: Sepp Gallauer

Gerti Drassl und allen voran Florian Teichtmeister überzeugen mit ihrem intensiven Spiel. Bild: Sepp Gallauer

Fast ist man versucht zu formulieren, „Niemand“ hat Schuld. In Anlehnung an diese Schlüsselszene, in der Fürchtegott Lehmann Ihn anklagt. Hat er doch Sein Lachen gehört, und wer so lacht, der kann nicht weinen über das Schicksal der Menschen. Bleibt – ein sardonisches Grinsen, ein Verzerren der Mundwinkel, ein Zähneblecken wie nach einer Strychninvergiftung, um auszudrücken, was Leben heißt. Und genau dieses fehlt in Herbert Föttingers Uraufführungsinszenierung von Ödön von Horváths „Niemand“ am Theater in der Josefstadt. Eine Inszenierung, die sich auch mit einem „Aber ach!“ zusammenfassen ließe.

Bemüht sich der Hausherr als Horváth-Regisseur doch mit derart beflissener Sorgfalt und spürbarer Liebe zum Text, diesem gerecht zu werden, dass alles, was einem beim Lesen noch wie ein Raubtier angesprungen hat, auf dem Weg zur Bühne allzu handzahm wurde. Föttinger hat den Autor, wie es sich für eine Uraufführung gehört, beim Wort genommen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Das ist List und Tücke in einem. Es ist, als hätten sich alle Beteiligten so sehr ins demütige Gebet geduckt, Heiliger Horváth, bitt‘ für uns!, dass ihnen die Gotteslästerung nicht mehr gelingen konnte.

Mit im Wesentlichen einer Ausnahme. Namens Florian Teichtmeister. Er schraubt sich als Darsteller des Fürchtegott Lehmann in lichte Höhen. Mit seiner scharfkantigen Schauspielkunst, die einmal mehr tief in die dunklen Winkel einer Seele blicken lässt.

„Niemand“ ist ein Stück aus einer Zeit, bevor Horváth die vielsagende Pause als wichtigsten Dialogteil erfand, entstanden 1924, da war er 23, offenbar niemals aufgeführt, lange verschwunden, von Föttinger in der FAZ als Auktionsgegenstand wiederentdeckt, von der Wienbibliothek ersteigert und nun vom Thomas Sessler-Verlag vertreten (dessen Geschäftsführerin Maria Teuchmann im Gespräch über „Niemand“: www.mottingers-meinung.at/?p=21624). Im Zentrum der Handlung steht ein Zinshaus, hier von Walter Vogelweider als eine sich um ihre eigene Achse drehende Welt aufgebaut, in das Horváth bereits sein typisches Milieu und dessen Motive einziehen lässt.

Das Gebäude gehört dem jungen, verkrüppelten Wucherer Lehmann, und in seinem Stiegenhaus versammeln sich Huren samt ihren Zuhältern und Freiern, durstige Handwerker, Kellnerinnen und ihr Wirt, eine diebische Hausmeisterin und ein so arbeits- wie ergo mittelloser Musikant. 24 Rollen sind’s, die man an der Josefstadt natürlich bis in die kleinsten vorzüglich besetzen kann, etwa mit André Pohl als Konditor, Heribert Sasse als Uraltem Stutzer oder Martin Zauner als einem von vier „schwarz gekleideten Männern“. Die, und man fragt sich, ob Horváth tatsächlich so prophetisch sein konnte, kommen im schwarzen Wagen, um die Leichname abzuholen. Auch die zukünftigen. Föttinger ließ diesen Figuren zusätzlich weiße Brecht-Gesichter aufmalen.

Horváths Zinshausgesellschaft: Martina Stilp, Swintha Gersthofer, Roman Schmelzer, Alexander Strobele, Peter Scholz und Thomas Kamper. Bild: Sepp Gallauer

Horváths Zinshausgesellschaft: Martina Stilp, Swintha Gersthofer, Roman Schmelzer, Alexander Strobele, Peter Scholz und Thomas Kamper. Bild: Sepp Gallauer

Wie Kain und Abel: Teichtmeister mit Raphael von Bargen. Bild: Sepp Gallauer

Zwei Brüder wie Kain und Abel: Florian Teichtmeister mit Raphael von Bargen. Bild: Sepp Gallauer

Wie er überhaupt bei seiner Arbeit an diesem expressionistischen Werk auf diese Art von „Verfremdung“ setzt. Als wäre Distanz und Dezenz ein Löschpapier auf den jugendlich überhitzen, überladenen, teilweise überspannten Zeilen, lässt Föttinger seine Darsteller lediglich am Rande ihrer Rollen entlangbalancieren. Auf Aktion wird über weite Strecken verzichtet.

Die Schauspieler, sie sprechen auch die Regieanweisungen als wären sie Gesetzestexte, haben sich, so scheint’s, in kritischer Entfernung zu ihren Charakteren aufgestellt, mitunter sogar als Textaufsager an der Rampe, aber gelangen von dort aus freilich kaum zum Spielen. Dabei, man merkt es an Dominic Oley als Musiker Klein, Martina Stilp als Prostituierter Gilda oder Roman Schmelzer als ihrem Zuhälter Wladimir, wären sie mehr als heiß darauf. Aber ach …

Im Zentrum des Ganzen – Teichtmeister, der mit atemberaubender Ambivalenz den von der Liebe empor gehobenen und schließlich zerschmetterten Lehmann gibt. Er endlich erzählt von der Lächerlichkeit des Lebens, er kann einen Menschen in all seinen existenziellen Nöten schillern lassen, der Hartleibige wird weichherzig, was ihn logischerweise zerstören muss.

Dieser Lehmann ist so bedrohlich wie bemitleidenswert, und Teichtmeister spielt die Gottessuche und den Gottesfluch und letztlich die Frage, wer wem die Krücken wegschlägt, als wär’s eine nietzscheanische. Horváth hat viel gewollt und viel verrätselt in diesem Frühwerk, und Teichtmeister folgt ihm auf seinem Weg ins Jenseits von Gut und Böse. Raphael von Bargen ist ein ebenbürtiger Kain zu diesem Abel, der Fremde, der sich als Bruder entpuppen, und nach dem skrupellosen Recht des Stärkeren überleben wird. Gerti Drassl, ein versiertes Horváth-Fräulein, steht als Ursula zwischen den beiden. Sie ist in ihrem Leid von schmerzhafter Intensität, sie spielt alle Farben grau. Nur die eine lässt sie aus, die nämlich, mit der man sich ausmalen könnte, ob ihre erbarmungswürdige Ursula nicht auch aus Berechnung handelt. Doch zu Recht gilt diesem Trio am Ende der größte Applaus.

Föttingers Horváth-Hochamt an der Josefstadt ist wie eine Sehenswürdigkeit. Man muss sie gesehen haben. Schließlich gilt’s nicht alle Tage ein neues Werk des Meisters zu entdecken. Und schließlich: Niemand weiß, ob wie auch immer „bessere“ Aufführungen dieses schwierigen Stücks überhaupt gelingen können …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zVJJXgfnnVU

www.josefstadt.org

Wien, 2. 9. 2016