10 Jahre theaterfink: Jubiläum der Vienna Street Puppets

Juli 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Theresia K., dem Einedrahra und dem Lechner Edi

Theresia entsorgt ihren erschlagenen Ehemann (Walter Kukla) in der Buttn. Das Publikum marschiert mit. Bild: Hans-Georg Sedlak

Der theaterfink, Wiens einziges kontinuierlich spielendes Stationentheater im öffentlichen Raum, begeht sein Zehn-Jahres-Jubiläum. Und fliegt erstmals auch auf Landpartie. Gemeinsam mit dem Publikum wandern die Darsteller zu historischen Schauplätzen der Wiener Kriminalgeschichte und erzählen meist vergessene Ereignisse vor Ort. Durch Schauspiel, Puppenspiel und musikalischem Treibstoff werden so historische Begebenheiten lebendig und in Bezug zur Gegenwart gesetzt.

Zum Geburtstag ihrer „Straßengang“ lassen die Leiterinnen Susita Fink und Karin Sedlak die Highlights der vergangenen Jahre noch einmal aufleben. In der Inneren Stadt wird ab 12. Juli das „Abschiedslied der zum Tode verurteilten Theresia K** oder Als Resi ‘s Hackl zur Hülf’ holte!“ neu begangen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25243). Theresia Kandl, geboren am 10. Juni 1785, wuchs in Atzgersdorf bei Wien in einem angesehenen Elternhaus auf. Sie entwickelte sich zu einer außergewöhnlichen und aufmüpfigen Schönheit. Eine verbotene Liebschaft, ein uneheliches Kind und eine erzwungene Ehe später fand ihr turbulentes Leben ein jähes Ende. Als erste und einzige Frau wurde sie an der Hinrichtungsstätte „Spinnerin am Kreuz“ im Alter von nur 23 Jahren wegen Mordes an ihrem Gatten öffentlich gehängt …

Im Rahmen des Viertelfestivals Niederösterreich ist ab 2. August auf Schloss Kottingbrunn „Da Einedrahra kauft a Schloss!“ zu sehen. Peter Ritter von Bohr, angesehener Maler, Unternehmer, Aktionär, Bankengründer, Adeliger und Geldfälscher, eventuell auch Mörder, wird danach ab 16. August bei „Hin und Weg“ in Litschau sein Unwesen treiben, ab 24. August heißt es dann in Gallizien und Klagenfurt „Da Einedrahra hält Hochzeit!“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21440).

Das „Einedrahra“-Ensemble. Bild: Joseph Vonblon

theaterfink-Leiterin Susita Fink. Bild: Susita Fink

Eva Billisich und die schöne Resi. Bild: Susita Fink

Viel Publikum fürs Straßentheater. Bild: Susita Fink

Als Neuinszenierung zeigen Susita Fink und Ensemble ab 9. September in Wien-Erdberg Jura Soyfers „Der Lechner Edi schaut ins Paradies“. Inhalt: Der Lechner Edi ist arbeitslos. Schuld daran ist der Motor, der ihn in seiner Fabrik ersetzt hat. Als er Rache an dem Motor üben will, offenbart ihm dieser, dass auch er ausrangiert wurde.  Schuld daran sind wiederum der Lechner Edi und seinesgleichen, da aufgrund der Wirtschaftskrise keiner mehr kauft. Gemeinsam mit Edis Freundin Fritzi begeben sich die beiden Arbeitslosen auf eine Zeitreise, um den wahren Schuldigen ausfindig zu machen. Aber wo nimmt das Übel seinen Anfang? Irgendwer muss doch immer Schuld haben.

theaterfink bringt nun Jura Soyfers im Jahre 1936 entstandenes Stück aufs Pflaster und zeigt, dass es nichts an Aktualität und politischer Brisanz eingebüßt hat.  Bespielt werden dabei historische Plätze aus der Jugend Jura Soyfers in Erdberg sowie Produktionsstätten und Betriebe, wo immer noch von Hand geschaffen wird. Es spielen Walter Kukla, Claudia Hisberger und Susita Fink, musikalisch begleitet von Walther Soyka.

Susita Fink und Karin Sedlak im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=25205

Videos:

www.youtube.com/watch?v=zADRAM-TN74

 

www.theaterfink.at

9. 7. 2019

Volx/Margareten: Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause

Mai 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Völlig losgelöst von der Erde

Sebastian Pass und Anja Herden. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Ende der 1970er-Jahre zeigte endlich auch der ORF die britische Science-Fiction-Serie „Star Maidens“, ein nicht bierernst gemeinter Battle of Sexes, ein Umkehrspiel tatsächlich bestehender Machtverhältnisse, nach dem wir Mädchen so verrückt waren, dass wir per Androhung eines Aufstands im Aufenthaltsraum des Schikurszentrums einen Fernsehapparat ertrotzten, um nur ja keine Folge zu verpassen.

War ja auch zu schön, die All-Schwestern, die über ihren Planeten Medusa regierten, während die Männer, der berühmteste davon Pierre Brice, ihnen als „Abhängige“ oder „Unfreie“, erstere als Haussklaven, zweitere wegen Ungehorsam auf die toxische Oberfläche strafversetzt, zu dienen hatten. Ähnliches hat sich Autorin Sibylle Berg für ihre Groteske „Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause“ überlegt, die Felix Hafner nun im Volx/Margareten inszeniert hat.

Das Setting ist ein chauvinistisches System, ein vereintes Europa ist Vergangenheit, der Kontinent im Würgegriff von Nationalismus und Faschismus, Fremdwörter und jede Form gesellschaftspolitisch korrekter Sprache sind verboten, „alle Länder werden von Männern regiert, die nackt auf Pferden sitzen und eine Mauer um ihr Land gebaut haben“. Berg untermauert ihre Thesen mit trübbrauen Sätzen. Was der Frau also bleibt, ist die Flucht. Völlig losgelöst von der Erde wollen vier Weltraumfahrerinnen auf dem Mars eine matriarchale Siedlung gründen. Allein, um den Fortbestand dieser zu sichern, braucht es Männer, notgedrungen, fürs Geschlechtliche …

Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

 

Mit Glitzervorhang, Matratze, Polstern und Decken schafft Hafner das utopisch-schwülstige Ambiente für Bergs wuchtigen Text, der mit etwa „Das kann einen doch verrückt machen, dass ein Mensch, mit dem man in einem Bett liegt, seine eigenen Gedanken hat, fast wie jeder beliebige Fremde, und dass man nie, nie eine Nähe herstellt …“  vor schönen, wahren, traurigen Sätzen strotzt. Nach „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ und „Und dann kam Mirna“ ist „Nach uns das All“ der letzte Teil von Bergs Menschen-mit-Problemen-Trilogie, und ihre Antiheldin des 21. Jahrhunderts muss diesmal zur Rettung der Menschheit bei einer Castingshow antreten. Mission Mars, heißt das Motto, doch die Besiedelung ist paarweise zu bewerkstelligen, also müssen Partner her.

Berg hat in ihrem Text nicht vorgegeben, wie viele Personen diesen zu realisieren haben. Gelesen werden könnte er auch als verzweifelter Monolog einer Frau mit multiplen Persönlichkeiten, die diese immer wieder anruft. Hafner hat sich mit Anja Herden, Saskia Klar und Isabella Knöll, Peter Fasching, Sebastian Plass und Lukas Wurm für drei Frauen und drei Männer entschieden, die meist im Chor sprechen und nur selten als Individuen auftreten. Es sind also sechs Millennials, die sich im Schlagschatten einer Raketenstartrampe mit Bio- und Psychotests und dem IT-Wissen Sechzehnjähriger auf die Flucht vor der Unerträglichkeit vorbereiten. Die Situation unterfüttert der Regisseur mit Tschechows „Drei Schwestern“, statt Gemma, Lina und Mirna werden auch Olga, Irina und Mascha angerufen, nur heißt’s eben nicht mehr: Nach Moskau!, sondern Zum Mars!

In vielen kleinen Inszenierungsdetail entwickelt Hafner die Charaktere, und derart treten drei selbstbewusste, selbstironische Frauen einem Grüppchen Männer entgegen, einer schwul, einer arbeitslos, einer nimmt aus einer nationalen Verbindung Reißaus, denen es selbst am meisten ausmacht, auf die Rolle des Samenspenders reduziert zu sein. Sie versuchen sich um nichts weniger von ihren Qualitäten zu überzeugen, als die Damenwelt, die sich zwischendurch durchaus mal lüstern räkelt, aber nur um gleich darauf den weiblichen Macho zu markieren, und die Männer in ihre Schranken zu weisen.

Mit „Nach uns das All“ ist Hafner der derzeit definitiv gewitzteste, selbstkritischste und in jeder Hinsicht gegenwärtigste Theaterabend gelungen, der das Publikum nicht über Zukunft, sondern über die Gegenwart nachdenken lässt. „Wir hätten sie nicht verärgern sollen, die 80 Prozent“, skandiert das Ensemble. „Im Sekundentakt wollten wir freie Drogen, kein Fleisch mehr an Schulen, das Recht, als Frau nackt durch die Straßen zu laufen, wir wollten, dass jeder jeden heiraten kann und dass Geräte, Pflanzen und Tiere Menschenrechte haben.“ Welch eine Übertreibungskunst.

Saskia Klar und Sebastian Pass. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Die hier zelebrierte Ironie trifft so knapp vor den EU-Wahlen nicht nur den Kern des europäischen Rechtsrucks, sondern auch die Links-Intellektuellen in ihrer Resignationsblase. Langer Applaus am Ende eines Abends, der die Frage stellt: Muss es wirklich so weit kommen? Und: Mit wem an Bord wird die Rakete schlussendlich abheben? Von Sibylle Berg gibt es dieses Frühjahr noch mehr: Erst kürzlich erschien ihr Roman „GRM – Brainfuck“, am 24. Mai bringt Ersan Mondtag bei den Wiener Festwochen ihr „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“ zur Uraufführung. Beides wird an dieser Stelle rezensiert werden.

www.volkstheater.at

15. 5. 2019

TheaterArche – Aggregat Valudskis: Liebirien oder Eine fremde Seele, das ist ein dichter Wald

Mai 14, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Pistolen auf Fliegen schießen

Der Bär: Martin Bermoser als Smírnow, Markus Kofler als greiser Diener Luká und Sonja Romei als Gutsbesitzerswitwe Jeléna Popówa. Bild: © Daniel Wolf

Čechov-Kenner Arturas Valudskis beglückt das Wiener Publikum nach seiner bejubelten „Kirschgarten“-Interpretation im TAG mit einer neuen Produktion aus Werken des russischen Literaturtitanen. „Liebirien oder Eine fremde Seele, das ist ein dichter Wald“ nennt sich der Abend, den der litauische Theatermacher mit seinem Aggregat Valudskis in der TheaterArche zeigt – und schon in diesem Titel klingt die Liebe an.

Ebenso, wie der Versuch, ob ihrer der Einsamkeit zu entrinnen, einem selbstgewählten Seelensibirien, und so lange ist der in der Sowjetunion politisch verfolgt gewesene Regisseur schon in Österreich, dass er selbstverständlich Vornamensvetter Schnitzler parat hat. Auch die Taiga ist ein weites Land …

Es geht also um Herzensangelegenheiten und darum, wie leicht ein solches sich erwärmen und aufblühen oder beschädigt und gebrochen werden kann. Bei seiner hochpoetischen Überprüfung der menschlichsten aller menschlichen Regungen führt Valudskis die Zuschauer von himmelhoch jauchzend zu im Wortsinn zu Tode betrübt. Er entführt in die Welt der Čechov’schen Gutsbesitzer, verknüpft deren aus Untätigkeit entstandene Unlust am Leben mit einer Satire über Standesdünkel, lässt dessen Untergangsgesellschaft aushalten, hoffen und vor allem harren. Jede Geste, jedes Gefühl, jedes scheiternde Gespräch dabei in Valudskis‘ spezieller Weise, eine Bühne zu bespielen, pointiert auf den Punkt gebracht. Und ohne auf Pointen zu vergessen.

Die letzte Mohikanerin: Martin Bermoser als Dokukin, Markus Kofler als Dossifej und Sonja Romei als Olimpiada. Bild: © Aggregat Valudskis

Der Heiratsantrag: Sonja Romei als Natalja, Martin Bermoser als Gutsherr Tschubukow und Markus Kofler als Lomow. Bild: © Aggregat Valudskis

Mit seinen Schauspielern Sonja Romei, Markus Kofler und Martin Bermoser macht Valudskis das, was Čechov sein unter Tränen Lachen nannte, zum ungetrübten Tränenlachen. Dies zumindest für Zeitgenossen, die sich auf ein sarkastisches Augenzwinkern verstehen. Für „Liebirien“ hat sich das Aggregat die Einakter „Der Heiratsantrag“ und „Der Bär“ und die Kurzgeschichten „Die letzte Mohikanerin“ und „Der Familienvater“ hergenommen, hat daraus Schlüsselszenen auf die Essenz reduziert. Der Nachbar, der bei der Gutsbesitzerswitwe die Schulden vom verstorbenen Mann eintreiben will, und sich in einem Duell wiederfindet.

Der Junggeselle, der wegen eines Streits um den besseren Jagdhund sein Herz nicht verschenkt, sondern einem Herzinfarkt erliegt. Die kratzbürstige Hausherrin, die vom Gatten gerade darum geliebt wird. Ein Suppenvorfall, der in Heulen und Zähneknirschen endet. Nicht jede Miniatur schließt gemäß dem Erfinder mit einem sich glücklich in die Arme fallen, mit Hintersinn nimmt Valudskis nämlich die Überhitzung, die Exaltiertheit der Čechov’schen Charaktere aufs Korn, und lässt sie, im Sinne der Kanonen und der Spatzen, mit Pistolen auf Fliegen schießen. Markus Kofler richtet in der Art jede Menge Kollateralschäden an. Er ist diesmal für die verhuschten, scheuen, vorsichtigen Figuren zuständig.

Den greisen Diener Luká, den dauergescholtenen Dossifej, den auf seinen Freiersfüßen zusammenbrechenden Lomow. Und wie er das macht, wie er Valudskis‘ schwarzes Theater, „Armes Theater“, mit seiner Körperpräsenz erfühlt und erfüllt, ist ganz große Klasse. Er schwankt in Gesten der Hilflosigkeit, ringt mit einer entgleisenden Mimik, das Reißen von Papier, der Stift auf einem Blatt, versetzen ihn in Zuckungen, Tischbeine können gar nicht anders, als ihn mit sich ziehen – aber ein Augenrollen hinter der Nickelbrille und alles ist wieder im Lot. Mit weiß geschminkten Gesichtern deutet das Aggregat Valudskis immer auch das Clowneske seiner Arbeiten an. Die vier Hintergrundtüren in der TheaterArche eignen sich darüber hinaus hervorragend für ein russisches Klipp-Klapp.

Der Bär: Jeléna Popówa will mit allen Mitteln ein Bildnis ihres verstorbenen Mannes sehen: Martin Bermoser, Markus Kofler und Sonja Romei. Bild: © Daniel Wolf

Martin Bermoser ist als Schuldeneintreiber Smírnow zwar ein grobschlächtiger Kerl, doch wohl noch nie hat einer stoischer an „Wadenkrämpfen vor Wut“ gelitten. Als Vater der angedachten Braut, Tschubukow, stellt er sehr schön dessen selbstgefällige Art zur Schau, wenn seinen Segen und Champagner auch angesichts des bereits Hingestreckten kredenzt. Dass die Frau im Inneren ein Krokodil ist, so Čechovs Kosenamen für Olga Knipper, präsentiert Sonja Romei überaus pikant.

Wie ihre Rollen, die Jeléna Popowa, die Olimpiada Jegorowna Chlykina, die Natalja Tschubukowa zusehends aus der Rolle fallen, vom vornehmen Madämchen zur zänkischen Xanthippe werden, ist zu komisch. Vieler Worte bedürfen die drei Darsteller bei all diesen Irrungen und Wirrungen nicht, Valudskis filtert auch aus der Sprache das Wesentliche. Macht sein Stück zur Filigranarbeit, die Figuren feingezeichnet, selbst ihr Schweigen greifbar.

Derart entsteht das magischste, das letzte Dramolett: Aus „Der Familienvater“ hat Valudskis lediglich den Abschnitt entliehen, in dem eben jener Stepan Stepanytsch Shilin die Qualität der Suppe bemängelt. Was die Hausfrau verschüchtert und das Söhnchen zum Weinen bringt. Bermoser als Shilin, Romei und Kofler spielen das als Knietheater, wie Kinntheater, nur eben mit nackter Kniescheibe statt Unterkiefer, das Hemd oder den Rock um diese gebunden. Klar, dass sich die Gelenke Grausamstes antun, bis eines in der Schüssel ertränkt wird. Großer Beifall für diese außergewöhnliche Aufführung, in der überbordende Fantasie und künstlerisches Vermögen alles sind. Nur 70 Minuten dauert dieses Kleinod, und das ist, war sich das Publikum nach der Premiere einig, zu kurz.

Video: www.youtube.com/watch?v=IQ4vDIybTUQ&t=278s

www.facebook.com/Aggregat-Valudskis-1646800055587123           www.theaterarche.at

TIPP: Ab 24. Mai gibt es im TAG wieder Vorstellungen von Arturas Valudskis‘ gefeierter Produktion „Kirschgarten. Eine Komödie ohne Bäume“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31734)

  1. 5. 2019

Mary Shelley

Dezember 27, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Viel zu biederes Biopic über die Frankenstein-Erfinderin

Das Grab ihrer Mutter ist Marys (Elle Fanning) Zufluchtsort, hier liest sie ihre geliebten Gruselgeschichten. Bild: © 2018 Polyfilm Filmverleih GmbH

Es beginnt durchaus vielversprechend. Mit Friedhofsatmosphäre und dem Mädchen Mary, das, an den Grabstein der Mutter gelehnt, Gruselgeschichten liest statt daheim ihren Haushaltspflichten nachzukommen. Dann ein Blick auf den Bücherschatz in der Buchhandlung des Vaters, er, William Godwin, Sozialphilosoph und Begründer des politischen Anarchismus, die knapp nach Marys Geburt verstorbene Mutter Mary Wollstonecraft, Schriftstellerin und Feministin.

Die 1792 mit „Verteidigung der Rechte der Frau“ eine der grundlegenden Arbeiten der Frauenrechtsbewegung verfasste. In den ersten beiden Szenen von „Mary Shelley“, der am 28. Dezember in die Kinos kommt, ist somit alles ausgebreitet, was nur zwei Jahre später zur Erschaffung von „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ führt. Und das genau ist das Problem von Haifaa Al Mansours Biopic: Alles ist ausgebreitet. Es grenzt an ein Wunder, eine Geschichte, die dies Glanzstück der romantischen Schauerliteratur behandelt, die immerhin eine Ménage-à-trois und den Exzentriker Lord Byron beinhaltet, so geheimnislos zu erzählen. „Mary Shelley“ ist allzu bemüht und viel zu betulich bieder.

Dabei gilt es der saudi-arabischen Regisseurin die besten Absichten zu unterstellen. Leistete sie doch 2012 mit „Das Mädchen Wadjda“, dem ersten vollständig in Saudi-Arabien realisierten Spielfilm, Pionierarbeit, drehte mit versteckter Kamera ihre Emanzipationsstory, die dem westlichen Publikum wertvolle Einblicke in eine verschlossene Gesellschaft gewährte. In ihrer Heimat war das Werk nie zu sehen; erst im April dieses Jahres erlaubte die saudische Regierung die Wiedereröffnung eines Lichtspieltheaters, davor galt Kino beinah vier Jahrzehnte lang als unislamisch.

Der attraktive Dichter Percy Shelley (Douglas Booth) ist ein radikaler Freigeist. Bild: © 2018 Polyfilm Filmverleih GmbH

Kein Wunder, dass Mary (Elle Fanning) und ihre Halbschwester Claire (Bel Powley) mit ihm gehen. Bild: © 2018 Polyfilm Filmverleih GmbH

Mit ihrem jüngsten Film bleibt Al Mansour ihrem Thema treu, und schildert wieder den Kampf einer Frau um Freiheit und – künstlerische – Entfaltung in einer von Männern dominierten Welt. Was, und dies ist mit Bedauern festzuhalten, 200 Jahre nach Erscheinen des Romans „Frankenstein“ immer noch einen Nerv trifft. Nur, dass der Mary des Hanoverian England dabei die Dringlichkeit, die Direktheit des Mädchens aus Riad abgeht. So wird “Mary Shelley” zur Ausstattungsschlacht, in der zwischen aufwendigen und historisch korrekten Kostümen und ebensolchen Versatzstücken, kaum je eine glaubhafte Gefühlsregung aufzukommen vermag.

Dabei gäbe es genug Stoff für Drama, wird die erst 16-jährige Mary wegen Aufsässigkeit gegenüber ihrer Stiefmutter doch vom Vater für einige Zeit nach Schottland verbracht, wo sie den rebellischen Dichter Percy Shelley kennenlernt. Der folgt ihr zurück nach London, wird ein Protegé von William Godwin – und Marys Geliebter. Als sie erfährt, dass er verheiratet und bereits Vater ist, beruft sich Percy auf sein Recht auf freie Liebe und seinen Atheismus, und so flüchtet die junge Frau mit ihm aus dem Elternhaus, mit dabei ihre Halbschwester Claire Clairmont.

Was in weiterer Folge zu einer wilden Ehe zu dritt führt. Dann aber lernt Claire auf einer Soi­rée Lord Byron kennen, und begibt sich lieber mit diesem zu Bette. Dessen spätere Einladung an den Genfersee nimmt das Trio umso lieber an, als es gilt der eigenen schäbigen Behausung zu entfliehen. Wer sich nun Sex & Drugs & Rock’n’Roll à la „Gothic“ erwartet, wird enttäuscht sein. Zwar fließt der Alkohol in Strömen, zwar gibt es ein paar Elektrizitätsspielereien wie die Galvanisierungsvorführung eines Frosches, doch wird in erster Linie in bis zur Langeweile weiten Strecken gepflegte Konversation bei Kerzenschein betrieben. Dass Claire am Ende erklärt, sie erkenne die gesellschaftlich unterdrückte und von ihrem Geliebten ausgenutzte Mary in deren geschundener Kreatur wieder – Mary muss ihr Buch anonym veröffentlichen, weil kein Verleger diesen Horror aus weiblicher Hand lesen will -, macht das Ganze nicht subtiler.

Der Poet Lord Byron (Tom Sturridge) begrüßt Mary (Elle Fanning), ihre Halbschwester Claire Clairmont (Bel Powley) und Percy Shelley (Douglas Booth) auf seinem Anwesen in Genf. Bild: © 2018 Polyfilm Filmverleih GmbH

Wobei zu sagen ist, dass Elle Fanning als Mary und Bel Powley als Claire den Film mit ihrer schauspielerischen Intensität tragen. Bei diesen beiden Frauenporträts erkennt man Al Mansour ganz in ihrem Element. Douglas Booth gestaltet Percy Shelley als Narzisst, dessen schöpferische Arbeit an sein lästerliches Redenschwingen nicht heranreicht. Tom Sturridge versucht sich an der Flamboyanz eines Lord Byron, kommt aber, kostümiert bis zur Karikatur, tatsächlich kaum zum Spielen.

Und während „Downton Abbey“-Star Joanne Froggatt ihre Mary Jane Godwin hauptsächlich als Typ böse Stiefmutter anlegt, gelingt es Stephen Dillane als William Godwin mehrere Nuancen dieses in der Engstirnigkeit seiner Zeit erstickenden Freidenkers zu zeigen. Die berührendste Darstellung liefert Ben Hardy als um Mary bemühter Byron-Arzt John Polidori.

www.mary-shelley.de

  1. 12. 2018

Akademietheater: Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos

Dezember 1, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grotesk ≠ Groteske

Die böse Göttin und ihre Kreatur in der Plastikblase – Frau Grollfeuer mit Herrmann Wurm: Barbara Petritsch und Nikolaus Habjan. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Nun lag es also an Barbara Petritsch, zu zeigen, was der Mensch kann, was die Puppe nicht kann. Die Grande Dame für kantige Charaktere macht aus Werner Schwabs „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ am Akademietheater ihr persönliches Bravourstück. Entgegen dem alten Aberglauben, niemals mit Puppen aufzutreten, würden die einen Schauspieler schließlich doch nur an die Wand spielen, dreht sie in der Rolle der Frau Grollfeuer den Spieß um.

Sie dominiert die Bühne als archaisch-gefährliche Muttergöttin, die ihre Kreaturen mit unsichtbarer Hand würgt, hängt und ihnen am Ende die Luft nimmt. Wie sich die Petritsch von der sich vom Pöbel distanzierenden feinen, alten Dame zur zeternden Säuferin zur durchtriebenen Mörderin wandelt, dann aus dem letzten Moment einen hingetanzten Hauch Liebe macht, das ist große Kunst. Dabei ist diese Strippenzieherin in Nikolaus Habjans Inszenierung die einzige, die keine Puppe führt. Habjan hat als Regisseur, Puppenbauer und Puppenspieler für sein Hausdebüt kunstvoll deformierte, degenerierte Figuren erdacht, hässliche Klappmaulaufreißer, für die Francis Bacon Pate gestanden sein könnte, in ihren Fehlbildungen grandios – und dennoch den Werner Schwab’schen Krüppelmenschen, seinem Schwabischen, seinem abgrundtiefen Blick in ungustiöse Seelen nicht gewachsen.

Ist ihr Verhalten zwar vordergründig brutal, doch nie hintergründig bösartig. Was den Figuren abgeht, ist das abgefeimt Gfeanzte. Beständig wird sich gegenseitig mit Bierflaschen auf die Schädel geschlagen, wird wie beiläufig Inzest betrieben, droht der Sohn der Mutter an, sie erst zu töten und ihr dann in den Kopf zu brunzen. Das alles ist grell und plakativ und voller Drastik, doch fehlen dem Puppenspiel die Zwischentöne, fehlt das Doppelbödige. Fehlt das unmissverständlich Missverständliche dieser Davonvogelsprache, von der es anzunehmen gilt, dass sie die Schwab’schen Fäkaliendramen, dieses hier vom Autor „Radikalkomödie“ genannt und vom Regisseur mit dem heiligen Ernst eines Schwab-Hochamts zelebriert, ausmacht.

Frau Wurm mit Krüppelsohn Herrmann: Nikolaus Habjan und Dorothee Hartinger. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Familie Kovacic: Dorothee Hartinger, Alexandra Henkel, Nikolaus Habjan und Sarah Viktoria Frick. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Mag sein, dass, so wie Satire in der Regel nicht allzu viele Regiegimmicks verträgt, hier die Verfremdung der Verfremdung nicht funktioniert. Grotesk – die Puppen ≠ Groteske – das Stück. Als ausgewiesenen Nikolaus-Habjan-Fan erfreut, besser gesagt: berührt und aufrüttelt, einen dieser Abend nur halbwegs.

Nichtsdestotrotz ist anzumerken, wie fabelhaft dem Ensemble der Umgang mit den Figuren gelingt, wie bemerkenswert es ist, dabei zuzusehen, wie die Burgschauspieler hinter die Puppen zurücktreten, die ihnen an der Hüfte aus dem Körper entspringen, und wie sie diesen sozusagen den Spielraum überlassen. Dorothee Hartinger agiert als hartleibige, bigotte Frau Wurm, Nikolaus Habjan als deren klumpfüßiger Künstlersohn Herrmann.

Sarah Viktoria Frick macht aus Herrn Kovacic eine Mannsbildkarikatur, Alexandra Henkel ist eine proll-chice Frau Kovacic, und zusammen bewegen Frick und Henkel auch noch die Tussi-Töchter der Familie. Die Hölle im Zinshaus hat Bühnenbildner Jakob Brossmann zweigeschossig angelegt. Unten, und damit unter einer Plastikblase, wohnen die Wurms und die Kovacics.

Erstere in einer ärmlichen, kargen Stube, eine Kredenz, ein Grablicht auf dem Küchentisch, zweitere in einem Fototapetenalbtraum mit Federplüschlampe, in den pink-leopardscheckigen Outfits von Cedric Mpaka. Darüber thront die Grollfeuer, lange Zeit unbewegt und im Wortsinn außen vor bleibend, bis sie die zu beiden Seiten befindliche hölzerne Prunktreppe für ihren großen Auftritt nutzt.

Habjans hässliche Klappmaulaufreißer bevölkern die Geburtstagstafel der Grollfeuer. Herrmann, Frau und Herr Kovacic und deren Töchter. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In diesem Setting, und diese „Speisekammer voller Schmerzen“ ist eines von Schwabs als Grazer Hausmeisterinnenkind höchstpersönlichen, sieht man, wie Mutter und Sohn Wurm ihre Hassliebe ausleben, sich mit Beschimpfungen und Demütigungen an- und beherrschen, sich Familie Kovacic kollektiv in den Rausch trinkt, und deren Vater tatsächlich zum horriblen Hamsterkiller wird.

Bis im dritten Akt endlich, während sich Kyrre Kvams Musik zum Furioso steigert, Petritschs Grollfeuer herabsteigt, und zu ihrer Geburtstagstafel samt vergifteter Torte bittet. Und während die Puppen im Ausdruck stets gleich bleiben müssen, nichts den Druck zur Selbst- und gegenseitigen Zerfleischung deutlich macht, der Schwab’sche Überdruck ergo nie entstanden ist, weiß die Petritsch, wie man eine ungehemmt ausschweifende Schwabiade pointiert und akzentuiert. Die Hexe mit dem Silberhaar, die ihre Mieter wie Tiere in einem Gehege betrachtet und sie mit Gehstockhieben gegen dieses quält, ihnen das Konfettikanonenblut aus den Körpern schleudert, enthüllt nun ihr schnapsgetränktes, wirres Weltbild aus Übermenschenfantasien und Untermenschengefasel. Und weil derart Denken ein ewig untotes ist, auferstehen auch die Puppen. Um zu singen: „Der morgige Tag ist mein“.

www.burgtheater.at

30. 11. 2018