Bronski & Grünberg Theater: Kasimir & Karoline

April 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein purer, ehrlicher, beinharter Horváth

Er beherrscht die lauten, wie die leisen Momente der Inszenierung: Christian Strasser als Kasimir. Bild: © Dietmar Tollerian

Und wieder eine sehenswerte Produktion im Bronski & Grünberg Theater. Regisseurin Katharina Schwarz hat „Kasimir & Karoline“ inszeniert, das Stück mit dem Untertitel „Drei Abnormitäten üben Empathie“ und ergo dem Zusatz „nach …“ versehen – doch was sie auf die Bühne stellt, ist ein so purer, ehrlicher, beinharter Horváth, wie man ihn sich nur wünschen kann.

Wobei, Bühne ist nicht. Schwarz hat im kleinen Spielraum inmitten des Publikums Platz für vier Stationen gefunden, an denen die Oktoberfest-Entgleisungen stattfinden. Eine davon ist eine Karaoke-Bar, in der sich die diversen Unersättlichkeiten von der Seele gesungen werden. Eine ein schnapstrunkener Schanigarten-Campingtisch. Eine unter einer Glühbirne, hier werden die dunkelsten Ecken des menschlichen Daseins ausgeleuchtet. Und der junge Mann, der in der zweiten Reihe Lolli lutscht, gehört natürlich auch schon dazu.

Es sind drei Schauspieler, die den Horváth-Text stemmen: Christian Strasser, Katharina Wawrik und Robert Finster, und alle drei verfügen sie über ein ausgeprägtes komödiantisches Talent. Denn Schwarz hat sich das Gfeanzte bei Horváth auf die Fahnen geschrieben, ihre Arbeit changiert zwischen satirisch und sarkastisch, und es ist schon zum Lachen, wenn die berühmten Sätze wie Stammtischsprüche deklamiert werden: „Man muss das immer trennen, die allgemeine Krise und das Private“, „Wenn es dem Manne schlecht geht, dann hängt das wertvolle Weib nur noch intensiver an ihm“, „Wir sind alle nur Menschen, besonders heute“ – und sehr schön: „Jähzornige Leute sind ja meistens gutmütig“.

Der Kommerzienrat hat ein Auge auf Karoline geworfen: Christian Strasser. Bild: © Dietmar Tollerian

Doch die lutscht lieber Lolli mit dem Schürzinger: Katharina Wawrik und Robert Finster. Bild: © Dietmar Tollerian

Schwarz zeigt ein tiefes Verständnis für die Horváth-Sprache. Sie charakterisiert über sie die Figuren, lässt ihr Trio wahlweise im brutalen Jargon, im gepflegten Dialekt oder in der vom Autor vorgeschriebenen Kunstsprache sprechen, und so macht sie Kleinbürger zu Kunstfiguren, Proletarier zu Proleten. Dazwischen, nein: in der Hauptsache, weiß sie um die Macht der Horváth’schen Pausen, seine Leerstellen im Gesprochenen, die Sprachlosigkeit und dem Ringen der Charaktere um Ausdrücklichkeit, und pflegt dies besonders sorgfältig. Die Schauspieler „schweigen“ das Unaussprechliche nicht nur an, sie loten es aus. Mit den letzten Takten aus „Cabaret“, Trommelwirbel, Tusch, werden die kurzen Szenen als quasi Blackouts getrennt.

Die Darsteller (re)agieren mit Tempo und Temperament und in erster Linie Trotz aufs Leben an sich und die Verhältnisse im Besonderen. Die Stimmung wechselt zwischen naiver Verbitterung, abgeklärtem Weltverstehen und aggressivem Selbstmitleid, man ist mal personifizierte Empörung, mal hektisch und zänkisch, die Auseinandersetzungen sind lautstark – und umso mehr berühren die leisen Momente der Aufführung. Vor allem Christian Strasser als Kasimir erweist sich diesbezüglich als ein Meister.

Mit einem Handgriff wird aus einer Rolle eine andere. Strasser verwandelt sich mit Sonnenbrille und Zigarre in den großkotzigen Kommerzienrat, Robert Finster ist – graue Strickweste an, graue Strickweste aus – bald ein schüchtern-ängstlicher Zuschneider Schürzinger, bald der Kleinkriminelle Merkl Franz, Katharina Wawrik wird mit rosa Perücke von der Karoline zur Merkl Franz seiner Erna. Es folgen Frontalangriffe mit Alkohol und Freddie Mercurys „Don’t stop me now“. Fantastisch, wie schlecht und falsch das Ensemble insgesamt singt; auf dem Höhepunkt der Handlung und seiner Verlassenheit interpretiert Kasimir/Strasser Tammy Wynettes „Stand by your man“. Auf dem Weg nach Altötting fliegen schließlich ein Büstenhalter weit und ein rechter Arm in die Höhe …

Kasimir mit dem Merkl Franz und dem Merkl Franz seiner Erna: Katharina Wawrik, Robert Finster und Christian Strasser. Bild: © Dietmar Tollerian

Derart subtil sind Schwarz’ Anmerkungen zur Zeitgeschichte und zum gegenwärtigen Zeitgeschehen. Am Ende folgt das Mantra ”Es geht immer besser, besser, besser …“, 1932 so aktuell wie 2017, die Rollen verschwimmen, nicht länger ist klar, wer ist wer, der Bub mit dem Bulldoggenkopf, Juanita, das Gorillamädchen, jeder Zeit ihre Monstrosität. Denn, siehe Untertitel, die Abnormitäten sind längst wir. Freigesetzt, gekündigt, vom Arbeitsplatz entfernt.

„Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich – aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln, und das Leben geht weiter, als wär man nie dabei gewesen…“ Zu sehen bis 6. Mai. Im Mai gibt es auch Zusatzvorstellungen von „Der Spieler“ – Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24236

www.bronski-gruenberg.at

Wien, 13. 4. 2017

Aggregat Valudskis: Verwandlungen oder Ungern als Mensch

April 11, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch, der Sau wird, hat kein Schwein gehabt

Das Aggregat Valudskis performt Texte von Darrieussecq, Kafka und Dahl: Martina Spitzer, Martin Bermoser und Julia Schranz. Bild: Deniz Arslan

Und als das Weib schlussendlich vor Vergnügen grunzt, hundeheult der Mann mit ihr um die Wette, und gemeinsam wiehert und kikerikit und schluckauft man sich dem Happy End entgegen. Happy wife, happy life, sozusagen, das tut gut, nach all den Entgleisungen und Sadismen und im Wortsinn Kopf-, nein: vielmehr Körperlosigkeiten, die in den vergangenen 75 Minuten zu sehen waren …

Das Aggregat Valudskis hat seinen Regisseur Arturas Valudskis zu einer weiteren Produktion nach Wien gebeten. Der Hörsaal der Akademie der bildenden Künste dient diesmal als Spielort, ein herrlich desolater Raum mit enger Holztribüne, zu erreichen über treppab, treppab Gänge bis in den universitären Orkus. Gruselig ist es da unten, genau die richtige, unangenehm intime Atmosphäre, die das Aggregat braucht, um Komplizenschaft mit seinem Publikum herzustellen.

Kommt Valudskis, wird Theater zu Ereignis. So auch diesmal. Der Bühnenmagier ist nicht nur einer der stilistisch maßgeblichen Regisseure in Österreich, sondern auch ein bemerkenswerter Mensch. 1963 in Litauen geboren, verweigerte er als 18-Jähriger den Dienst im Afghanistankrieg und wurde in der Folge in eine Nervenklinik eingewiesen. Er machte Untergrundtheater und Theater im Gefängnis, fand später bei einem Kapuzinermönch Schutz vor dem KGB, und kam 1994 mit einem Stipendium nach Salzburg, wo er sein „Theater Panoptikum“ eröffnete. Die Schauspieler Markus Kofler, Martin Bermoser und Julia Schranz gründeten später in Wien das nach ihm benannte Aggregat. Statt Kofler ist bei der aktuellen Produktion Martina Spitzer die Dritte im Bunde.

„Verwandungen oder Ungern als Mensch“ heißt der Abend, für den sich das Team von Texten inspirieren ließ, in denen die Tierwerdung des Menschen verhandelt wird. Im Roman „Schweinerei“ von Marie Darrieussecq wird die namenlose Mitarbeiterin eines Massageinstituts und eigentlich Prostituierte nach und nach zu einer Sau. Gregor Samsa hat sich in Franz Kafkas „Verwandlung“ bekanntlich „zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“.  Und in Roald Dahls Erzählung „William und Mary“ lebt der Philosoph und Ehemann William nach seinem physischen Krebstod als leibloses Bewusstsein weiter, weil der Arzt sein Gehirn samt einem Auge an ein künstliches Herz angeschlossen hat. Ein Triumph für seine Frau Mary, die sich sehr skurril für die erlittenen Lieblosig- und Grausamkeiten am nun Wehrlosen rächt …

Valudskis verknüpft assoziativ Fragmente aus den Texten zu seiner Analyse gesellschaftlicher Dysfunktionalität. Lakonisch lässt er die Schauspieler seine Sätze über Systeme in den Saal sprechen. Wie immer treiben ihn Fragen nach der existenziellen Beschädigung des einzelnen und seiner Bedrängnis im und durchs Kollektiv um. Es geht dem „Katholiken aus Versehen“ (© Valudskis) nie um weniger als Gott und die Welt, immer auch um Schuld, um Politik und ihre totalitären Auswüchse sowieso, um Lähmung, die aus Druck entsteht – und diesmal auch um ein Quäntchen Quantenphysik. Julia Schranz macht sich in einem großartigen Monolog an die Erforschung des Wesens der Dinge, heißt in diesem Fall: der Teilchen.

Übers Unsagbare wird gesummt. Bild: Deniz Arslan

Drei Weißclowns bei der Arbeit. Bild: Daniel Wolf

Wobei, gesagt wird beim Aggregat wenig mit Worten. Valudskis absurdes, surrealistisch „schwarzes Theater“ bedient sich der Sprache nur, wenn es sein muss. Diesmal mitunter sogar im Dialekt. In Endlosschleife wird übers ohnedies Unaussprechliche, übers Unsägliche gebrabbelt und gemurmelt und gesummt, auch Schreibversuche an der Hörsaaltafel scheitern ein ums andere Mal. Das Ringen um Ausdruck spielt sich aber vor allem in Mimik und Gestik ab, jede Zuckung wohldosiert, minimalistisch.

Es bedarf so hervorragend pantomimischer Körperkünstler, dreier Virtuosen wie Schranz, Spitzer und Bermoser, um das über die Rampe zu bringen: Valudskis feinen, subtilen Sinn für Humor, seinen Nonsens mit Hintersinn, mit dem er die alltäglichen Un/Menschlichkeiten entlarvt. Er ist ein Daniil Charms dieser Tage.

Und so werden in „Verwandlungen oder Ungern als Mensch“ Hände zu Insekten, und Finger strecken sich wie Fühler aus. Da wird Schranz von ihrer eigenen Physis überrollt.

Und Spitzer schaut so schreckerfüllt-erstaunt, so bösartig-bestürzt drein, wie wohl nur sie es kann. Da formt Bermoser für die Frauen eine Zeitungsblüte, die durchs freudige Gießen freilich „verwelken“ muss. Aggregat Valudskis, das ist – Clowneske mit melancholischer Baseline, das sind drei Weißclowns bei der Arbeit. Wer auftritt, wird von den Bühnenpartnern per Hand rauf-, wer abtritt runtergekurbelt, ex und hopp – denn gestorben wird mit natürlicher Regelmäßigkeit –  verschwindet man hinterm Katheder. Das Ganze ist, um animalisch zu bleiben, ziemlich ausgefuchst. Die Darsteller werfen sich mit Verve in unerqui(e)ckliche Verhörsituationen und andere Verlegenheiten; Menschenelend und Tierleid ist überall, wo Gott los ist … und trotzdem oder gerade deshalb ist die Aufführung zum Lachen. Eine Brille, ein Tischtuch, zwei Stühle und drei Wassergläser sind alles, was an Requisiten benötigt wird, um ganze literarische Universen entstehen zu lassen.

Denn man erkennt sie nach und nach: Bermoser als Gregor Samsa auf dem Rücken strampelnd, Spitzer als Mary, die ihrem Kopfmann frech den Zigarettenrauch ins übriggebliebene Auge bläst, Schranz als Sau mit Schlachtungsängsten. Ihr scheeler Blick sagt alles. Valudskis sagt mit seinem Gedankenexperiment über Instinkte dem wiedergängerischen Ungeist des Ewiggestrigen den Kampf an. Auf dem Programmzettel zitiert er einen weiteren experimentellen Humoristen der Verzweiflung, den bulgarischen Autor Georgi Gospodinov. Das letzte Wort hat dann Martina Spitzer mit Ernst Jandl – doch verdreht sie’s zum Vorteil fürs Steinobst:

ich bekreuzige mich
vor jeder kirche
ich bezwetschkige mich
vor jedem obstgarten

wie ich letzteres
tue weiss jeder katholik
wie ich ersteres tue
ich allein …

Zu sehen bis 23. April, Karten: valudskis@gmail.com

Arturas Valudskis im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17254

www.facebook.com/Aggregat-Valudskis

Wien, 11. 4. 2017

TAG: (Ein) Käthchen.Traum oder Der seltsame Fall aus Heilbronn

Februar 26, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gernot Plass hat Kleist in die Klapsmühle eingewiesen

Wetter Graf vom Strahl möchte das Käthchen schnell wieder los werden: Nancy Mensah-Offei und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Am Anfang, wird sich am Ende zeigen, erklärt sich schon die Idee: Da liegt ein Mensch im Fieberwahn, fantasiert seinem Sterben entgegen und deliriert sich einen „Käthchen.Traum“. So hat sich das Gernot Plass für sein TAG ausgedacht, einen Text entlang Heinrich von Kleists Ritterschauspiel geschrieben und nun auf die Bühne gebracht. Plass‘ Gedankenspiel hat sich nicht allzu weit von der Vorlage entfernt, geht’s doch darin ebenfalls viel um Schlaf und Traum, um Somnambulismus und nächtliche Trugbilder aus dem Unterbewusstsein. Doch ist er exakt um das entscheidende Stück abgerückt, das es ihm ermöglicht, Phänomene wie Cherubine, Cyborgfrauen und einen Kaiser ex machina verdachtsfrei zu erklären.

Gernot Plass hat Kleist also kurzerhand in die Klapsmühle eingewiesen, dessen Dichterdasein ins Stück eingewoben, ist der Rabiateste unter den Romantikern doch ein Mörder und Selbstmörder, und sich an der Diagnose schizoide Persönlichkeitsstörung ebenso abgearbeitet, wie an der Frage, ob Leben und Liebe vorbestimmt göttliches und selbst zu bestimmendes Schicksal sind.

In der Heilanstalt zu Heilbronn wird der Fall von Käthchens ominösem Fenstersturz nicht mehr gerichtlich ver-, sondern nun psychiatrisch behandelt. Eine(r) ist hier viele, und die „Stimme von oben“ könnte von einem Engel oder Arzt oder genauso gut aus dem eigenen Inneren sein, jedenfalls taugt sie zum Zwie- wie zum Selbstgespräch. Was sich in weiterer Folge abspielt, ereignet sich in einer Art mafiös-groteskem Gangstermilieu. Der alte Friedeborn hat Wetter vom Strahls Revolver repariert, dabei hat sich diesem das Käthchen an die Waden geheftet, weil sie nach einem surrealen Silvestertreffen davon überzeugt ist, er wäre The One and Only. Vom Stein und Maximilian rittern derweil um die Gunst der Kunigunde, das heißt: die rivalisierende Bande des einen entführt sie dem anderen. Vom Strahl rettet, Blut fließt aus zerschossenen Gedärmen und kocht in heißen Herzen, das Schönheits-OP-Monster becirct auch den letzten Edelmann – da kommt Käthchen, und die Hütte brennt …

Das künstliche Geschöpf Kunigunde entschlüpft von einem Lover zum nächsten: Elisabeth Veit. Bild: © Anna Stöcher

Darüber ist der Rheingraf natürlich nicht erfreut: Georg Schubert, Alexander Braunshör und Sven Kaschte Bild: © Anna Stöcher

Es gehört Chuzpe dazu, Kleists wortgewaltigem Kunstwerk auf den Leib zu rücken. Doch Plass ist ein erfahrener Neuschreiber, er hat sich für eine Sprache entschieden, die moderat modern ist, und in dieser bleibt er seinem ausgeprägten Sinn für Ironie treu. Wenn etwa die hohen Herren durchgängig über die richtige Reihung der Worte im Namen Wetter/Graf/vom/Strahl stolpern (und ihnen der „Strahl“ für Sex- und Toilettenwitzchen herhalten muss) oder der Burg- beständig mit dem Rheingrafen verwechselt wird, ist Kleists Schauergeschichte mit Augenzwinkern von ihrer Schwüle befreit.

Raphael Nicholas ist ein exzellenter Wetter vom Strahl, arrogant, affektiert und schwer psychotisch. Er demontiert den gesinnungssicheren Adeligen/Bandenboss genussvoll und stellt unter der Minnemiene jenen Herrenmenschen bloß, der nach dem Käthchen tritt und sie mit der Reitgerte schlägt. Nancy Mensah-Offei spielt das verliebte Fräulein als würde sie einen Exorzisten brauchen, und wenn dieser trotzige, nach dem doppelten Beinbruch hinkende Teenager seinen Traum-Prinzen mit „Hoher Herr! Gebieter!“ anspricht, wenn sie sagt „Ich will deine Sklavin sein“, bekommen die Worte eine beunruhigende Doppeldeutigkeit.

Ergo wird der Burggraf erschossen: Elisabeth Veit, Jens Claßen und Alexander Braunshör. Bild: © Anna Stöcher

Und Käthchen rüstet sich für die letzte Schlacht: Nancy Mensah-Offei Bild: © Anna Stöcher

Erscheinen Kunigunde, die erst als Mullbindenmumie hereingeschleppt wird, bevor sie sich in einen rothaarigen Vamp verwandelt. Kleists „Nixe“ ist ein zügelloses Geschöpf, doch sind Teile von ihr längst nicht mehr aus Fleisch und Blut. Weshalb Elisabeth Veit mit viel Akrobatik und durchgeknallter Künstlichkeit eine maschinell betriebene Megäre darstellt, für die Männer in erster Linie Lustobjekt sind und Landgewinn bedeuten. Georg Schubert ist nicht nur Friedeborn und Eginhardt und der unglückliche Gastwirt Pech, sondern auch die Gräfin vom Strahl, eine eiskalte Beschützerin ihres Sprösslings – und wie gewohnt gestaltet er die Rolle im Rock mit besonderer Hingabe. Er ist die Elegance im kleinen Schwarzen.

Jens Claßen spielt unter anderem den Burg-, Alexander Braunshör den Rheingrafen, Sven Kaschte den Gottschalk, und alle sind sie auch Richter/Psychiater und die ganz reizenden alten Tanten des Grafen. Die Spielfreude des Ensembles ist wie immer voll aufgedreht, die ganze Inszenierung fährt Vollgas. Plass gelingt das Kunststück, aus Kleist die Komik zu kitzeln, ohne seinen Abend zur Persiflage von dessen Werk zu machen. Am Ende ist man wieder am Anfang, in einem rätselhaften Innenraum, in dem – wer weiß? – die Psyche wohnt. Die Seele ist ein Land, so weit, dass darin Güte und Grausamkeit, Verzückung und Vulgarität, Hass und ein Hoffnungs-Strahl Platz haben, sagt Plass. Erlösung, Herauslösung aus dem irdischen Leiden kann die Liebe bringen. Und der Tod. Wer wissen will, wer hier träumt: Ins TAG gehen!

Trailer:  vimeo.com/204573620

dastag.at

Wien, 26. 2. 2017

Schauspielhaus Wien: Kaspar Hauser oder die Ausgestoßenen könnten jeden Augenblick angreifen!

Februar 4, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kletterbaum, Knetmasse und ganz viele Gurken

Die Handhabung der Gurke entscheidet darüber, wer Herr und wer Sklave wird: Gabriel Zschache, Kenneth Homstad und Vassilissa Reznikoff. Bild: © Matthias Heschl

In Skandinavien längst ein Star, stellte sich die norwegische Theatermacherin Lisa Lie nun im deutschsprachigen Raum erstmals mit einer Arbeit vor. Am Schauspielhaus Wien hob sie „Kaspar Hauser oder die Ausgestoßenen könnten jeden Augenblick angreifen!“ auf die Bühne, ein Abend, wie immer im Kollektiv entwickelt, eine freie Assoziation, eine Improvisation zum Mythos des Nürnberger Kellerkinds.

Das die Regisseurin, wie sie auch im Programmheft-Interview sagt, gar nicht so sehr interessierte. Vielmehr geht es ihr um das gesellschaftliche und politische Rundherum, in größerem Kontext um jene Ausgestoßenen, die ebendieses bleiben müssen, weil die Aufnahme der „wilden Kinder“ ins Gemeinwesen dessen Gleichgewicht stören würde. Peter Handkes Hauser-Text diente als erste Grundlage, doch weil ihr untersagt wurde, Fremdstellen einzufügen, ging Lie bald eigene Wege.

Die vom gesprochenen Wort weg ins Gestische, ins Mimische, ins Getanzte führen. Lie weiß das weite Brachland zwischen Schauspiel und Tanz mit ihrer Performance zu füllen, ihre Mittel dazu sind Kletterbaum, Knetmasse und ganz viele Gurken. Und auch, wenn sich einem auf den ersten Blick einiges an dieser provokant enigmatischen Aufführung nicht erschließt, was nebenbei sehr passend ist, wird Kaspar Hauser doch in seiner Grabinschrift als „Rätsel seiner Zeit“ bezeichnet, sind die Bilder bestechend und das Ensemble erstklassig.

Der norwegische Schauspieler Kenneth Homstad fügt sich in eine Versuchsanordnung mit Jesse Inman und Gabriel Zschache, er auch Regieassistent am Haus, weil Schauspielhaus-Chef Tomas Schweigen auf den Mehrwert seiner Mitarbeiter setzt, und Vassilissa Reznikoff. Ihr gehört der Auftakt, ein Monolog von Kaspars mutmaßlicher Mutter, der badischen Prinzessin Stéphanie de Beauharnais. Reznikoff gibt die Blaublütige als eifersüchtig Liebende, als besorgt Trauernde. Sie zitiert aus den Briefen, die beim Findling gefunden wurden: „A söchtener Reuter möcht i wern, wie mein Voater gwen is“, und dafür steigt sie auf die höchste Stelle jenes Objekts, das Maja Nilsens Bühnenbild darstellt.

Ein Kletterbaum im Menschenzoo. Den alsbald eine Horde Urmenschen erklimmt, in Fell gekleidet mit Pavianarsch, einer von ihnen betraut mit der Sisyphos-Aufgabe, ein gutes Dutzend Gurken zu den anderen zu bringt. Das Kürbisgewachs wird zum geistigen Grundnahrungsmittel; nur wer es aus der Plastikfolie zu befreien weiß, wird zum Herrenmensch, wer versagt bleibt Sklave. Nachahmung, sieht man, ist hier ein sicherer Erfolgsgarant.

Wer sich im Rokoko-Kleid zivilisiert gibt, entscheidet, wer in den Keller muss: Kenneth Homstad, Jesse Inman und Vassilissa Reznikoff. Bild: © Matthias Heschl

Am Ende Ausdruckstanz in hautfarbener Unterwäsche: Gabriel Zschache, Jesse Inman, Kenneth Homstad, Vassilissa Reznikoff und die nackte Existenz. Bild: © Matthias Heschl

Man kultiviert sich, nennt sich George und Gladys und feiert eine Teeparty mit aus Knetmasse geformten Tassen, übt im Rokoko-Kostüm Unterdrückung aus, tanzt den Weltuntergang mit Totenkopfmaske und in hautfarbener Unterwäsche. Wer bei der Selbstzivilisierung nicht mithalten kann, ist gefickt, heißt: Opfer jeglicher Art von Gewalt – auch sexueller. Dies wird in einigen Szenen durchaus explizit dargestellt, aus der Menschwerdungsorgie wird Gesellschafts/Bildung wird die Geburt der Kunst.

Diese eine schwere, schmerzhafte. Eine Gegenüberstellung der Sprachohnmacht gegen die Allmacht alles Körperlichen, die Schauspieler dazu im Intensivspielmodus. Eine Balletteinlage dient als Ausrede einander blutig schlagen zu dürfen. Dass Kunst „etwas ist, das absolut nichts darstellt, sondern etwas ist, über das man nachdenken kann“, heißt es dazu im knappen Text. Und: „Es geht nicht darum, die Zähne zusammenzubeißen, es geht darum, den Mund aufzumachen.“ Nach nicht ganz zwei Stunden entlässt einen Lisa Lie mit diesen Erkenntnissen (?) in die Nacht. Die Menschlichkeit sitzt im Keller, die Aufklärung ist nur ein Saunafetzerl über der Scham, es in 200.000 Jahren Existenz nicht in höhere Stockwerke geschafft zu haben.

Kaspar Hauser kam am 14. Dezember 1833 mit einer tödlichen Stichwunde im Haus seines Lehrers Georg Friedrich Daumer an. Wurde er Opfer eines Attentats oder verletzte er sich wegen abnehmenden öffentlichen Interesses an seiner Person selbst? Zu dieser Arbeit lässt sich abschließend jedenfalls sagen, dass Erkenntnis offenbar doch nicht immer was mit Auskennen zu tun haben muss. Lisa Lies „Kaspar Hauser“ feiert den Sieg des Unkonventionellen über die Konvention und die Konformität. Was das betrifft, ist das Schauspielhaus Wien ohnedies the place to be.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zkJCIbXvb5M

www.schauspielhaus.at

Wien, 2. 2.2017

Das Rote Wien im Waschsalon: Julius Tandler

September 19, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

„Verpflichtet, allen Hilfsbedürftigen Hilfe zu gewähren“

Kinderbetreuung in der Loggia der Kinderübernahmsstelle, 1925. Bild: © WStLA

Kinderbetreuung in der Loggia der Kinderübernahmsstelle, 1925. Bild: © WStLA

Anlässlich des 80. Todestages von Julius Tandler widmet Das Rote Wien im Waschsalon Karl-Marx-Hof ab 21. September seine aktuelle Sonderausstellung dem Arzt, Wissenschafter und Stadtrat für das Wohlfahrts- und Gesundheitswesen. Gezeigt werden auch Briefe aus dem im Josephinum befindlichen Nachlass. Tandler, ab 1920 Stadtrat für das Wohlfahrts- und Gesundheitswesen, ist eine der zentralen Persönlichkeiten des Roten Wien.

Unter seiner Ägide wird soziale Hilfe von einer „gewährten Gnade“ zum Rechtsanspruch für alle, die sie brauchen. Tandler entwickelt ein System der „geschlossenen Fürsorge“, das die Menschen von der Zeugung bis zum Tod erfasst. Julius Tandler wird am 16. Februar 1869 im mährischen Iglau geboren; bald darauf zieht seine Familie nach Wien. Der aus einfachen Verhältnissen stammende Mann bringt es dennoch bis zum Medizinstudium an der Wiener Universität, deren medizinische Fakultät zu den führenden der Welt zählt. Emil Zuckerkandl, der Leiter des Anatomischen Instituts, wird bald zu seinem Mentor. 1910 folgt Tandler seinem Lehrer als Leiter des Anatomischen Instituts nach. Als engagierter Arzt und renommierter Wissenschafter sieht er seine Aufgabe nicht nur im Behandeln, sondern auch im Verhindern von Krankheiten.

1919 wird er in den Wiener Gemeinderat gewählt und ist auch mit der Ausarbeitung eines bundesweiten Krankenanstaltengesetzes befasst, das im Juli 1920 im Parlament beschlossen wird. Damit wird die Verpflichtung des Staates, sich an den Kosten der Heilbehandlung sämtlicher Staatsbürger finanziell zu beteiligen, zum ersten Mal gesetzlich verankert. Ab 1920 ist Tandler als Stadtrat für das Wohlfahrts- und Gesundheitswesen für die Neuorganisation des Wiener Fürsorgewesens verantwortlich. Tandlers Wohlfahrtspolitik ist umfassend – und deren Inanspruchnahme freiwillig.

Julius Tandler bei einer Vorlesung. Bild: © Josephinum, MedUni Wien

Julius Tandler bei einer Vorlesung. Bild: © Josephinum, MedUni Wien

Illustration aus “Die Unzufriedene”, 17.12.1927

Illustration aus “Die Unzufriedene”, 17.12.1927. Bild: Waschsalon Karl-Marx-Hof

Ein halbes Jahr nach der Übernahme des Stadtratspostens im November 1920 trägt Julius Tandler im Wiener Gemeinderat die vier Grundsätze seines künftigen Fürsorgesystems vor.  „Die Gesellschaft ist verpflichtet, allen Hilfsbedürftigen Hilfe zu gewähren.“ Schon dieser erste Punkt markiert einen grundlegenden Gesinnungswandel: weg von der „regellosen Wohltäterei“, hin zur verpflichtenden öffentlichen Aufgabe und zum Rechtsanspruch jedes Einzelnen, der ja „ungefragt in die menschliche Gesellschaft kommt“. Die „Geschlossenheit der Fürsorge“ – räumlich, zeitlich und qualitativ – ist ebenfalls neu und revolutionär. Die Gemeinde Wien errichtet ein dichtes Netz von Fürsorgestellen, das ab 1932 durch ambulante Dienste ergänzt wird. Gleichzeitig erfasst die Fürsorge die Menschen von der Zeugung bis zum Tod und reicht weit in andere Bereiche hinein – von Infrastruktureinrichtungen in Wohnbauten über Sportstätten und Bäder bis hin zur Arbeitslosenunterstützung. Die finanziellen Voraussetzungen dafür schafft eine zunächst zwei-, später vierprozentige Fürsorgeabgabe, mit der folgerichtig auch Teile des Wohnbauprogramms finanziert werden.

Das aufsehenerregendste Resultat der bevölkerungspolitischen Überlegungen Julius Tandlers ist die Einführung einer Eheberatung. Darüber hinaus wird auch über Empfängnisverhütung als Mittel gegen Geschlechtskrankheiten, über Abtreibung und mögliche „Unvollkommenheiten“ informiert. Für bereits geborene Kinder soll ein dichtes Netz an Mutterberatungsstellen Hilfe und Aufklärung leisten. Unter dem Motto „Kein Wiener Kind darf auf Zeitungspapier geboren werden“ wird 1927 auf Initiative Tandlers das Säuglingswäschepaket eingeführt – eine kostenlose Erstausstattung für alle in Wien geborenen Kinder. Da 1927 auch ein Wahljahr ist, diffamiert die bürgerliche Opposition das Wäschepaket als „Wahlwindeln“. Julius Tandlers Hauptaugenmerk gilt der Kinder- und Jugendfürsorge, dem „Fundament jeder Fürsorge“. „Sinn und Zweck des Daseins einer Generation“ könne seiner Ansicht nach „nur die Sorge um die nächste sein“, und diese gelte es zu „besseren Menschen“ zu erziehen.

Zahnputzunterricht in der Kinderübernahmsstelle, 1926 Bild: © WStLA

Zahnputzunterricht in der Kinderübernahmsstelle, 1926 Bild: © WStLA

Städtische Heilstätte “Bellevue” für leicht lungenkranke Frauen, aus “Die Tuberkulosefürsorge der Gemeinde Wien”, 1927 Bild: © Waschsalon Karl-Marx-Hof

Städtische Heilstätte “Bellevue” für leicht lungenkranke Frauen, aus “Die Tuberkulosefürsorge der Gemeinde Wien”, 1927 Bild: © Waschsalon Karl-Marx-Hof

Tandlers Wirkungsbereich umfasst auch den Kampf gegen Volksseuchen wie Tuberkulose, Alkoholismus und Krebs. Auf seine Initiative hin startet die Gemeinde Wien „einen umfassenden Angriff gegen die Tuberkulose“, die wegen ihres gehäuften Auftretens in Wien europaweit als „Morbus Viennensis“, als „Wiener Krankheit“, bekannt ist. Auf Tandlers Betreiben hin erwirbt die Gemeinde fünf Gramm Radium und richtet in Lainz eine Sonderabteilung für Strahlentherapie ein. 1922 wird die Trinkerheilstätte „Am Steinhof“ eröffnet, 1925 auch eine eigene Trinkerfürsorgestelle eingerichtet. Der einzig gangbare Weg zur Bekämpfung der Alkoholsucht, so Tandler, sei der „Kampf gegen die Inhaltlosigkeit des Daseins“, „gegen Entfremdung des Arbeitsprodukts vom Arbeiter durch Industrialisierung und Mechanisierung.“

Kinderfreibad Vogelweidplatz, 1928. Bild: © MA 44

Kinderfreibad Vogelweidplatz, 1928. Bild: © MA 44

Tandler, der nicht nur innerhalb der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei höchstes Ansehen genießt – Finanzstadtrat Hugo Breitner nennt ihn halb scherzhaft seinen „teuersten Freund“ –, bleibt zeitlebens ein selbstbewusster und manchmal unbequemer Außenseiter. Legendär und gefürchtet ist sein bissiger Humor.

Zwar kulturell durch das traditionelle Judentum geprägt, aber keineswegs religiös und bereits 1899 zum katholischen Glauben konvertiert ist, sieht er sich zeitlebens mit antisemitischen Anfeindungen konfrontiert. Vom Ausbruch des Bürgerkriegs 1934 erfährt Tandler während eines Aufenthalts in China. Nach Wien zurückgekehrt, wird er vorübergehend verhaftet. Man nimmt ihm sogar Brille, Hosenträger und Schuhbänder ab. Über diese schäbige Behandlung empört, sagt er: „Glauben Sie wirklich, daß ich aus China gekommen bin, um mir in der Rossauer Lände die Pulsadern aufzuschneiden?“ Seinen Sarkasmus behält er bei. Als der Internist Carl von Noorden anfragen lässt, wann er Tandler besuchen könne, erhält er zur Antwort: „Ich bin den ganzen Tag zu Hause.“

dasrotewien-waschsalon.at

Wien, 19. 9. 2016