Hubsi Kramar gibt aufs Neue den Hitler

August 26, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Winnie & Adi – Wir sind wieder da

Bild: Bernhard Mrak

Bild: Bernhard Mrak

„Was der eine zu lang ist, ist der andere zu schlank“, feixt der Sitznachbar. Als Versuch, aus der Beklemmung dieses Abends auszubrechen. Denn was Hubsi Kramar und C. C. Weinberger im TAG von sich geben, ist ungeheuerlich. Unerhört, leider nicht ungehört. Adolf Hitler und Winston Churchill. Der 1931 in New York geborene, nun in Wien lebende NBC-Journalist und Autor Ludwig Peter Ochs arbeitete viele Jahre daran, Originalzitate, Originaldokumente der beiden Kontrahenten zusammenzutragen. Aus dieser Textcollage entstand in Kramars Regie ein Theater der Wirklichkeit. Das heißt: Eigentlich sind es zwei Parallelmonologe, die von zwei Schreibtischen beziehungsweise zwei Fauteuils auf die Zuschauer niederhageln. Ochs ging es wohl darum, das Trennende im Ähnlichen zu finden. Und umgekehrt. Jedenfalls ist der Schlagabtausch Braunau vs Rule, Britannia! so, dass nicht den Bühnengegnern, sondern dem Publikum die Schädeldecke wegfliegt.

Da stehen sie, die beiden. Der eine, der Prügel an Eliteschulen bezog, der andere, den der Vater züchtigte. Beide an der Front im Ersten Weltkrieg, kriegsbegeistert. Beide, der Demokrat und der spätere Diktatur, von der Krankheit Großmannssucht befallen. Da redet der Asket gegen den Genussmenschen an, der Kleinbürger gegen den Aristokraten, der rassistische Revolutionär gegen einen imperialen Machtpolitiker. Der eine, 1953 für seine politischen und historischen Werke mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, gegen den Kunstmaler, der im TAG  seine Lyrik vorträgt.

Ihr habt‘s um uns verdient, Daß wir Euch dort bestatten, Wo deutsche Eichen Euer Grab beschatten. Sie, das Symbol für Freiheit, Kraft und Leben Sein als der schönste Schmuck Um Euer Grab gegeben. Im deutschen Wald, wo wohnt der deutsche Geist, Dem stillen Hain, in dem ihr friedlich ruht, Ihn werden Tausende in tausend Jahren ehren, Gehen wir hinein in tiefe Waldesgründ‘, Komm[n] wir dahin, wo Eure Gräber sind, Dann hemmen wir den Schritt, Denn Ihr sprecht zu uns allen, So lebt Ihr ewig fort, wenn längst der Leib verfallen.

Dichtete Hilter. Churchill sagte weniger pathetisch: „Krieg ist ein Spiel, das man mit einem Lächeln spielt.“ Und während der eine Heldentatenbriefe nach München schickte, gab der andere bei seiner Frau Darling Clementine Proviantbestellungen auf. Hochprozentiges und eine Wildpastete. Ständig wird man zwischen Lachen und Fassungslosigkeit hin- und hergeworfen. Eine Reihe weiter vorne flüstert eine Frau: „Was soll da lustig sein?“ Die sarkastische Selbstentlarvung, Ochs zerstört die Fassaden nicht mit der Abrissbirne, sondern mit dem gebotenen Zynismus. Wenn etwa Hitler bereits Pläne für seine Pension in Linz macht. Gemütlich mit Fräulein Braun und einem Hund natürlich. Und gleichzeitig damit hadert, dass er vergessen werden wird, weil alle seinem politischen Nachfolger nachlaufen … Wenn Churchill wie ein Rumpelstilzchen seine Schadenfreude über die Stalingrad-Niederlage tanzt …

Hubsi Kramar ist als Adi in Sprache und Gestik perfekt; er hat’s ja lang genug geübt. Er legt seine Figur zwischen dämonischer Demagoge und Wanderprediger an. C. C. Weinberger gibt mit dicker Zigarre und in die Taschenuhrenkette eingehakten Daumen den pseudophilosophischen Denker. Lässig bemerkt er zu einer Rede des „Führers“: „Darauf antworte ich nicht. Denn ich spreche nicht mit Hitler.“ Da ist es schon 1940 und beide sind überzeugt, von der Macht des Schicksals beauftragt zu sein, Geschichte zu machen. „Großartig“ eine Rede Hitlers, in der er ankündigt, siegreiche Tee trinkende Briten würden dem Rest der Welt den Kaffeegenuss verbieten. Er persönlich möge ja gar keinen, aberrr das teutsche Volk habe ein Anrrrecht … Hat der sich jemals selbst zugehört? Warum haben die, die zuhörten oder zuhören mussten, den mit Pomp und Trara getarnten Irrsinn nicht erkannt?

Es endet mit dem Schuss am 30. April 1945. Und Riesenapplaus. Der vor allem der Leistung des anwesenden Ludwig Peter Ochs gilt, der zwei bemerkenswerte Geschichtsstunden bühnenfertig machte. Man verneigt sich vor diesem – ja, fast muss man es sagen – Lebenswerk.

www.winnieundadi.at

Wien, 26. 8. 2014