Volkstheater: Haben

Februar 28, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Relativität der Zeitwahrnehmung

Annette Isabella Holzmann, Erni Mangold Bild: © Christoph Sebastian

Annette Isabella Holzmann, Erni Mangold
Bild: © Christoph Sebastian

Róbert Alföldi, ehemaliger Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, der auf Drängen der Regierung Orbán zum Ende der Spielzeit 12/13 abgelöst wurde, was große Diskussionen, nicht nur unter Ungarns Intellektuellen, auslöste, für den es heute schwierig bis unmöglich ist, in seiner Heimat zu arbeiten, der sich trotzdem weder als „Opfer“ denn als „Flüchtling“ verstanden haben will, inszenierte erstmals am Volkstheater. „Haben“ von Julius Hay hat er mitgebracht. Und allein die Geschichte des Autors ist eine Geschichte wert: Das Schicksal des heute zu Unrecht vergessenen Schriftstellers, geboren 1900 im ungarischen Abony, war so wechselvoll wie das 20. Jahrhundert: Der ewige Exilant floh 1919 vor der Räterepublik aus Ungarn nach Deutschland, das er 1933 als Jude Richtung Österreich verließ, wo er als Kommunist verhaftet und inhaftiert wurde. Nach seiner Freilassung führte ihn sein Weg weiter in die Sowjetunion. 1945 kehrte er nach Ungarn zurück, wo er 1956 – diesmal als Antikommunist – zu sechs Jahren Kerker verurteilt wurde. 1963 emigrierte er erneut – in die Schweiz, wo er 1975 starb. „Haben“, seinen subversivsten und vielschichtigsten Text (basierend auf einer wahren Begebenheit im Jahr 1929) schrieb er – in deutscher Sprache – zwischen 1934 und 1936 im Exil. Es ist ein erschreckendes, allem Witz zum Trotz grausames Stück über Werte und Klassenfragen, darüber, was käuflich ist im Leben, und was für Geld nicht zu haben ist: Das kapitalistische System, das hier von einer Hebamme errichtet wird, ist eine Zone, in der Vieles im Grau versinkt. „Haben“ wurde 1945 als erste Nachkriegspremiere im zerstörten Budapest gespielt. Und auch am Volkstheater gehörte es zu den ersten Premieren nach Kriegsende. Günther Haenels Inszenierung mit Dorothea Neff, Karl Skraup, Hans Putz und Marianne Schönauer führte zum ersten Theaterskandal der Zweiten Republik: Die Madonnenstatue als Giftdepot gab Anlass zu heftigem Protest, der in tumultartigen Szenen und einer Schlägerei gipfelte.

In einem kleinen ungarischen Dorf, dessen Äcker von feudalen Großgrundbesitzern wie von einem eisernen Gürtel umschlossen sind, sterben die Männer nämlich wie die Fliegen. Niemand ahnt, dass die Frauen des Dorfes hinter den Todesfällen stecken: Angetrieben von der Hebamme Képes vergiften sie ihre Männer aus Gier nach Besitz und persönlicher Freiheit. Auch die junge Árva Mari schreckt vor Mord nicht zurück, als sie um seines Besitzes willen den angegrauten Großbauer Dávid heiratet. Doch dann beginnt sich der Gendarm Daní, der in Mari verliebt ist, für das seltsame Männersterben zu interessieren …

Alföldi destilliert aus dem Text sowohl ewig gültige Aussagen über die menschliche Natur, macht ihn aber auch zu einer Abrechnung mit der gegenwärtigen politischen Lage seiner Heimat. Er erteilt Kapitalismus und Konsumgeilheit ebenso eine Absage, wie dem Nationalismus und der Angst vor einer allmächtigen Obrigkeit, dem Komitat. In einem Dorfantiidyll mit Grasböschung, Madonna hinter Glas, „Tarnzelten“ an den Seiten und einer Himmels-Leinwand (erdacht von Róbert Menczel) präsentiert er ein Sammelsurium seltsamer Figuren, Muttergottesanbeterinnen, die ihre engstirnigen, angesoffenen, übellaunigen Opfer fangschreckenwürdig zur Strecke bringen. Da wäre auch viel zum Thema Frauensolidarität und deren Mangelhaftigkeit angesichts männlichen Überlegenheitsgehabe zu sagen gewesen. Vom Weiberkampf zum Kampf zwischen den Weibern.

Doch Alföldi verzettelt sich. Eine Stunde fünfzehn Minuten dauert allein seine episch-elegische Exposition. Da wäre jede Naturdoku über Schwarze Witwen spannender. Er unterinszeniert sein Ensemblemonster (22 Darsteller), stellt auf der wimmelvollen Bühne die Figuren wenig bis gar nicht vor. Dem The-Walking-Dead-Syndrom entkommen nur die Schauspieler, die es aus eigener Kraft schaffen, aus ihrer Rolle einen Charakter zu formen. Das schaffen einige mit nur Drei-Satz-Auftritt. Etwa Claudia Sabitzer als Witwe Biró oder Inge Altenburger, die als Tante Rézi schon vier Männer unter die Erde gebracht hat oder Annette Isabella Holzmann, die als Zsófi, Dávids Tochter, nunmehr auch Maris Stieftochter, ihr Zuvielwissen ebenfalls mit dem Leben bezahlt. Alexander Lhotzky ist ein wunderbar abgeklärter Inspektor, Patrick O. Beck ein hasenfüßiger Hochwürden. Thomas Kamper ringt als Schulmeister mit dem Temperament seiner Frau. Rainer Frieb, wie immer in Hochform, malt sich seine Miniatur zur Kostbarkeit, als alter Politagitator Vágó. Andrea Bröderbauer und Aaron Friesz sind jeder für sich genommen gut. Sie, die binnen Tages von der unterdrückten Dienstmagd zur andere unterdrückende Gutsbesitzerin wird; er, der wiewohl auf der falschen Fährte, nur an mögliche Beförderung denkt. Als Liebespaar aber sind sie bis zum die Kehle zusammendrückenden Ende letztlich leidenschaftslos. Selbst eine Sexszene misslingt mangels Oberarmmuskulatur – ehrlich, in dem Winkel geht sich das nicht aus. Dann aber muss Dani einen Haftbefehl schreiben, für …

Die Inszenierung wäre völlig abgesoffen, hätte Alföldi nicht Erni Mangold als Motor. Mit ihr auf der Bühne nimmt die Sache Fahrt auf. Als Frau Képes, die Hebamme, gibt sie die Bigotte wie die Gifthexe. Tänzelt, lacht böse, verschlagen und teilt natürlich Schläge aus. Vor der Pause geht sie durch den Mittelgang des Zuschauerraums ab, diese schöne, unmögliche 88 Jahre junge Naturgewalt. Das Publikum jubelt ihr nach, wie es ihr beim Schlussapplaus zujubelt. Von ihr, von ihrem weiteren Schicksal hätte man gern mehr gesehen. Die echte Hebamme Gyuláné Fazekas entzog sich der Justiz durch Selbstmord. Mit Gift.

Aber Alföldi, dessen Arbeit auf wunderbare Weise die Relativität von Zeit oder Zeitdilatation bestätigt, befindet, dass nach mehr als 20 Minuten Spielzeitverlängerung so um 22.15 Uhr auch einmal Aus sein muss. Manche Pobacke wird es ihm gedankt haben. Andere mögen enttäuscht aufgerüttelt worden sein. Schließlich ist Theaterschlaf immer noch der beste Schlaf.

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Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=CGvsLofmEGU#t=43

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Wien, 28. 2. 2015

Volkstheater: Floh im Ohr

Dezember 20, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Feydeau fabelhaft gespielt

Till Firit, Susa Meyer, Alexander Lhotzky, Erwin Ebenbauer, Patrick O. Beck Bild: © Lalo Jodlbauer

Till Firit, Susa Meyer, Alexander Lhotzky, Erwin Ebenbauer, Patrick O. Beck
Bild: © Lalo Jodlbauer

Es ist nicht einfach. Es ist nicht so, dass Georges Feydeau ein „Selbstläufer“ ist. Man hat oft genug Inszenierungen von Stücken des Meisters der Tür-auf-Tür-zu-Verwechslungssatire versemmelt. Meist, weil zu langsam gespielt. Am Volkstheater hatte nun „Floh im Ohr“ Premiere. Eine wunderbare Arbeit von Regisseur Stephan Müller, in der sich kein Blatt vor der Mund nehmenden, zotigen Übersetzung von Elfriede Jelinek. Das Bühnenbild (Siegfried E. Mayer, Kostüme: Carla Caminati), wie es sich gehört: Türen und Treppen und noch mehr Türen. Die Schauspieler: trainiert wie für Olympische Spiele, heißt: temporeich, temperamentvoll, auf die Tube drückend. Motto des Abends: Lachen bis der Arzt kommt! Und das tat das Publikum denn auch.

Der Inhalt: gar nicht so leicht zu erklären. Madame Raymonde Chandebise hält ihren Gatten für einen Seitenspringer. Nachdem der Herr Versicherungschef seine ehelichen Aktivitäten schlagartig eingestellt hat (in Wahrheit ein Potenzproblem), hegt sie diesen Verdacht. Also will sie ihn in flagranti erwischen, lässt ihm einen Liebesbrief und eine Einladung zum Tête-à-Tête im rotlichtigen Hotel zur zärtlichen Miezekatze zukommen, geschrieben allerdings von ihrer Freundin Lucienne Homenides de Histangua, damit der Ehemann die Handschrift nicht erkennt. Der hat aber gar keine Lust auf ein Abenteuer und schickt seinen Angestellten Tournel zur ungekannten Dame. Mit dem hat Raymonde schon einmal geliebäugelt. Der Hausfreund wartet nur auf ein entsprechendes Signal von ihr. Chandebise, vom parfümierten Billet durchaus geschmeichelt, zeigt es seinem Kunden Carlos Homenides de Histangua. Und der erkennt es natürlich als von seiner Frau verfasst. So wird ein Mechanismus in Gang gesetzt, der rasch außer Kontrolle gerät. Denn alle landen „inkognito“ im Etablissement: Raymonde und Tournel, das frivole Kammerkätzchen Antoinette, das ein Verhältnis mit Chandebise Cousin Camille hat, deren eifersüchtiger Ehemann und Butler Etienne und der mordlustige Spanier. Ja, sogar der Familienarzt hat hier eine Verabredung mit einer Domina. Noch dazu gibt es im Bordell den betrunkenen Hausknecht Poche, der Monsieur Chandebise wie aus dem Gesicht geschnitten ist …

Müller stellt schwungvoll ein skurril-schrilles Sammelsurium auf die augenschmerzbunte Bühne. Gutbürgerliche im Puff. Für das Haus wieder einmal eine perfekt genutzte Gelegenheit, eine gelungene Ensembleleistung zu präsentieren. Till Firit brilliert in der wohl hurtigsten Parade-Doppelrolle der Schauspielgeschichte. Als Direktor ein ehrenwerter Bürohengst, steif leider nur noch im Kreuz, dem der Arzt wohlwollend ein „Wollen ist Können“ mit auf den Weg gibt. Ein Spießer mit perfekten Manieren, der so lange nicht aus seiner Haut kann, bis ein Wutanfall zum Befreiungsschlag und zur Heilung des Unterleibs wird. Als Poche bauernschlau, auf den eigenen Vorteil bedacht, zerstrubbelt und hinkend, das genaue Gegenteil. Wie oft und schnell Firit zwischen Dienstbotenlivree und elegantem Sakko hin- und her wechselt, allein das ist Hochleistungssport. Der zweite Held des Abends: Matthias Mamedof als sprachbehinderter Camille, e eine ooaen ae a (der keine Konsonanten sagen kann), bei dem aber sonst alles senkrecht ist, weshalb er lebensfroh tänzelnd – überhaupt werden die Körper wahlweise von lateinamerikanischen Rhythmen oder Technobeat durchgeschüttelt – der Liebesnacht mit Antoinette entgegensieht. Camille ist ein schlimmer Finger – und das gibt Mamedof mit viel Gespür für die richtige Mimik zu verstehen. Dazu diesen Text zu lernen – Chapeau! Hier haben sich zwei, die was können, für weitere Aufgaben empfohlen.

Susa Meyer als Raymonde und Martina Stilp als Lucienne, zwei rachsüchtig-rothaarige, überkandidelte Weiber, sind zum Schreien komisch. Nicht nur die zu Anfang wie festgetackerten Frisuren werden sich im Sturm der Ereignisse in die Selbstauflösung flüchten. Patrick O. Beck gefällt als freches Schlurferl Tournel, der Herrscher unter den Goschnreißern, der dann doch nur die Hose voll hat. Ronald Kuste legt als heißblütiger Pis­to­le­ro ein Kabinettstück hin, ebenso wie Erwin Ebenbauer, der als Camouflage für Razzien im Liebestempel samt Bett auf die Bühne gedreht werden kann, als alter Mann, der über sein Rheuma jammert. Tempelpriester also Bordellbesitzer Augustin ist Alexander Lhotzky, der strenger als seine Gäste über die Sitten wacht. Szenen wie die zwischen der witzig-spritzigen „Antoinette“ Andrea Bröderbauer und ihrem rasenden „Etienne“ Jan Sabo kann er gar nicht brauchen. Da ist ihm und seiner Liebsten/Mitarbeiterin Fanny Krausz „Dr. Finache“ Roman Schmelzer, der ruhig, sobald angeleint, lieber. Leider kommt es lauter, als Augustin denkt.

Müller hat pointiert inszeniert, seine Darsteller auf den Punkt genau choreografiert. Etwa in einer Arschtrittszene: Augustin tritt gegen Posch/Chandebise, dessen ausgestrecktes Bein Tournel trifft und so weiter … Oder: Raymonde und Lucienne versuchen die Situation zu erklären, mit den auf die Sekunde exakt gleichen Handbewegungen. Trotz allen Klamauks verliert Müller nicht aus dem Auge, dem Publikum Feydeaus Häme über eine schizophren anmutende bürgerliche Doppelmoral „unterzuschieben“. Hier agieren Lügner, Intriganten, Ränkeschmiede, die alle doch nur auf der Suche nach der Wahrheit, was immer die für sie sein mag, sind. Stephan Müller hat die Königin der Vaudeville-Komödien wieder auf den ihr zustehenden Thron gehoben. Louis de Funès hätte seine Freude an diesem Spiel. Kompliment!

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Wien, 20. 12. 2014

Volkstheater: Die Vögel

September 15, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sheer Heart Attack

Günter Franzmeier, Till Firit, Chor der Vögel Bild: © Lalo Jodlbauer

Günter Franzmeier, Till Firit, Chor der Vögel
Bild: © Lalo Jodlbauer

Regisseur Thomas Schulte-Michels ist wie „Queen“ (wobei er eindeutig die Rolle von Brian May übernimmt und alle anderen Freddie Mercury sein lässt): Mit jeder Inszenierung erfindet er sich neu, doch der Sound ist immer eindeutig als ein Schulte-Michels zu erkennen. More of most! Bombastisch, fantastisch! Herrreinspaziert, meine Damen und Herren! „Die Vögel“ von Aristophanes hat er sich diesmal als Eröffnungspremiere am Volkstheater vorgenommen. Er lässt das Haus zum 125-Jahr-Jubiläum abheben. Volkstheater – V wie Flügel. Allein schon seine Bearbeitung des 2500 Jahre alten Textes sticht. Von Euro-Junkies ist die Rede, vom Afro-Gesocks. Pisthetairos (Günter Franzmeier) und Kumpan Euelpides (Till Firit) sind nämlich weg aus Athen, um einen migrantenresistenten Ort zu suchen. Den finden sie bei den Vögel – keine Steuern, keine Schulden versprechen König Wiedehopf (Thomas Kamper) und sein Sekretär Marabu (Alexander Lhotzky). Na, da kann man doch bleiben. Und sinistre Pläne schmieden. Heißt: Ein Zwischenreich zwischen Menschen unten und Göttern oben schaffen und so beide in die Knie zwingen. Am Ende siegt der schlimmste Schurke. Pisthetairos. Und die Moral von der Geschicht‘: Moral hilft dir im Leben nicht.

Schulte-Michels arbeitet bei allem circensisch-caotischem Bühnentohuwabohu diesen Aspekt klar heraus: Ein freies Volk wird in eine Diktatur getrieben, von der man ihm auch noch einredet, sie wäre seine Idee gewesen. Der Kannibalismus ist selbst gewählt, die Knechtschaft sozusagen an der Urne angekreuzt, weil da zwei so schön reden und so viel versprechen können. Wo sollte man da anfangen mit historischen und aktuellen Querverweisen? Aristophanes‘ Athen-Schelte steht nur für den Anfang. Schelm, denk’s dir doch aus, sagt Schulte-Michels. Das „Würzelchen, das beflügelt“, davon hat der ganze Abend einen großen Bissen genommen. Auf der Wolkenkuckucksheim-Treppe, dem Verbindungsstück der Welten, nisten die schrägsten, die schrillsten Vögel seit der Erfindung der Laufmasche in Strumpfhosen. Kostümbildnerin Tanja Liebermann hat die Nähmaschine zum Durchdrehen gebracht, bunte Pussy-Riot-Wollmützen und Silberkleidchen erfunden, Federhüte und -boas, Tutus und Tatas. Und zwei, drei Untergatten, diesmal aber blütenrein. Ohne die kann Schumi nicht. Während also die Hetz und die Hatz losgehen, hat Schulte-Michels die Antike immer im Auge: Ein Chor zwitschert beziehungsweise krächzt mit „Schuhu“ Patrick Lammer einwandfreie, vielseitig zotige Lieder bis die Ohren bluten, Franzmeier und Firit alias Protagonist und Antagonist spielen mit den Worten Ping Pong. Und der Gewinner mit den meisten Silben pro Sekunde ist … Nicht immer ist wegen Glöckchengeläut, Trommelwirbel, Beckenschlag alles gut hörbar. Macht nichts. Wer den meisten Lärm macht, ist der Überflieger. Und globales Verständnis doch das Faustschlagwort der Stunde.

Die Volkstheatertruppe glänzt wie meist durch eine hervorragende Ensembleleistung. Man ist hier auf einander eingespielt; Franzmeier und Firit wie zwei Seiten einer Münze. Zahl‘, sagt die eine, sonst rollt der Kopf, sagt die andere. Alle anderen hat die Vogelgrippe voll erwischt. Sehr schön Wiedehopf-Kamper, dessen Federkrone wie die aus dem Weltmuseum entliehene Rache des Montezuma aussieht. Ein Indianer-Zombie. Oder er ist bei all dem Stress schon in der Schreckmauser. Man will doch nisten ohne Kolonisten. Und dann liefert erst Ronald Kuste als ungeratener Sohn ein Kabinettstück ab, bevor der Gesetzes-Macher-Mensch (Günther Wiederschwinger) auftaucht. Wunderbar: Die Bürokratie als Wiedergänger. So oft kann man sie den Vögeln gar nicht zum Zerhacken vorwerfen, dass sie totzukriegen wäre. Patrick O. Beck ist ein einwandfreier Prometheus; die blutige Leber notdürftig verbunden, verkündet er den Niedergang der Götter. Die schicken denn auch Unterhändler: Rainer Frieb als Poseidon, Haymon Maria Buttinger als Triballer und Erwin Ebenbauer als kochbegeisterten Herakles, der mit glänzendem Goldhaar und neckischem Negligée jeden Senioren-Drag-Queen-Wettbewerb gewinnen würde. Sie müssen Pisthetairos schließlich den Blitz des Zeus aushändigen. Von all den irren Szenen bleibt eine im Hirn hängen, in der es Schulte-Michels ins katholische Kuttenlager verschlägt. Wiedehopf, Marabu und Schuhu als Vorbeter in liturgischen Gewändern. Sehet die Vögel unter dem Himmel: sie säen nicht, sie ernten nicht  und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Nein, nein, es erntet schon jeder, was er sät. Nur die Gerechtigkeit ist dabei keine Maßeinheit.

Oder am Volkstheater vielleicht doch. Schulte-Michels und seine Mitverschwörer haben viel Lust und Liebe in ihr Projekt gesteckt und wurden mit viel Applaus dafür belohnt. Jemand sollte mal mit Fürst Albert reden. Möglicherweise bepreist man den Spielmacher beim Zirkusfestival von Monte Carlo ja mit dem Goldenen Clown.

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Wien, 15. 9. 2014

Volkstheater: Supergute Tage

Juni 16, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein wunderbarer Verstand

Matthias Mamedof Bild: © Christoph Sebastian

Matthias Mamedof
Bild: © Christoph Sebastian

Am Anfang des zweiten Teils fällt der Satz. „Das ist ein Buch und kein Theaterstück“, protestiert Christopher. Ja, das hatte man sich vor der Pause schon eineinhalb lange Stunden lang gedacht. Doch gerade an der Stelle, wo der Satz gesagt wird, ist er eigentlich unfair, weil Matthias Kaschigs Inszenierung nach der Pause endlich in Fahrt kommt.

Stardramatiker Simon Stephens versuchte sich daran, den (im englischen Sprachraum) Bestsellerroman „The Curious Incident of the Dog in the Night-Time“ von Mark Haddon zum Stück zu machen. Das heißt nun „Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone“ und hatte am Volkstheater Österreichische Erstaufführung. Stephens, früher Sozialarbeiter in einer Einrichtung für Jugendliche mit Problemen, hat das Buch entschmalzt und – wie’s seine Art ist – zum Sozialdrama umgearbeitet. Das ist gut. Die Story hat mit Genie und Wahnsinn zu tun. Mit  Überwindung. Von sich selbst und den Lügen, die einem die Umwelt auftischt. Der 15-jährige Christopher Boone (Matthias Mamedof) hat das Asperger-Syndrom, eine leichte Form von Autismus. Der Hund der Nachbarin wird mit einer Heugabel ermordet. Christopher schwört, diesen Mord aufzuklären und pilgert von Haustür zu Haustür, um Beweise zu sammeln. Die Lösung des Falls ist dann schrecklicher als angenommen. Und enthüllt weitere Furchtbarkeiten: Christopher, der bei seinem Vater (Patrick O. Beck) lebt, glaubte seine Mutter (Martina Stilp) tot, dabei ist sie mit einem anderen, dem Nachbarn mit dem nunmehr toten Hund, durchgebrannt. All das strömt auf den Buben ein, während er sich – als einziger an seiner Förderschule jemals – auf einen Mathematiktest vorbereitet. Ein Platz auf dem College wartet auf ihn … also quasi A Beautiful Mind ohne Russell Crowe.

Christopher schreibt über all dies ein Buch, das „Lehrerin“ Annette Isabella Holzmann vorliest. Die Figuren folgen der von ihr vorgetragenen Handlung. Marschieren dazu – warum auch immer – wie „Irre“, einmal als Zombies, über die Bühne. Stilp „redet“ die Briefe, die sie ihrem Sohn jahrelang schrieb und die der Vater in seinem Kleiderkasten, wo Christopher sie findet, versteckte selber. Es wird also viel erzählt in diesem ersten Teil. Mehr als ein Theaterstück aushält. Dazu kommt die Pilgerschaft des Protagonisten, von netter Nachbarin (Claudia Sabitzer glänzt in unzähligen Rollen von labil bis senil) zu verständnisvollem Polizisten (Thomas Bauer, ebenfalls mehrere Figuren verkörpernd, wieder einmal so vielseitig, wie er kann. Und sehr schön kann er spooky! Und noch schöner den Golden Retriever, den Christopher am Ende geschenkt bekommt ;-)) und retour. Das dauert. Und nichts tut sich. Keiner hat was gesehen, keiner weiß was. Gähn!

Das einzige, das sich bewegt, ist das Bühnenbild (Michael Böhler). Einerseits steril, wie die Wände einer Nervenheilanstalt (bitte nicht schon wieder nach den „Letzten Tagen …“), ist es andererseits ein Tetrisspiel, dessen Elemente raus- oder reingeschoben als Schubladen, Hocker, abnehmbare Behältnisse dienen. Darauf werden auch (Video: Francis Eggert und Vera Knab) poetische Bilder projiziert. Der Sternenhimmel, ein schwarzes Loch, das alle Erwachsenen verschlingt, Smiley Icons, die London Underground – Christoper begibt sich auf die Suche nach seiner Mutter – und und und … Eigentlich ist das Bühnenbild der Hauptdarsteller des Abends. Nein. Das stimmt nicht. Der ist und bleibt Matthias Mamedof, der eine großartige Fallstudie hinlegt. Er ist ebenso entzückend wie beängstigend. Niemals pathetisch, weinerlich, weil ja nicht „krank“, er folgt nur seiner eigenen Logik. Und die ist oft logischer als die konventionelle. Eine fulminante Leistung. Der Patrick O. Beck als seinen Sohn überbehütender, gegen alle Widerstände fördernder, dennoch manchmal überforderter Vater in nichts nachsteht. Auch Martina Stilp überzeugt als Mutter, die vom ersten in den zweiten Teil ihren Weg aus der Belastung, einen Teenager zu haben, der sich bei Schwierigkeiten auf den Boden wirft, schreit, um sich schlägt, nicht beruhigen, nicht berühren lässt, finden muss.

Alles in allem wären die Tage supergut, wenn man aus der ersten Hälfte ein wenig Luft abließe, heißt: den Teil um etwa 20 Minuten straffte. Aber es war ja gerade erst Premiere. Und damit ist noch nicht aller Tage Abend.

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Volkstheater: Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui

Februar 22, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und Wien ist doch noch Chicago geworden

Maria Bill Bild: © Lalo Jodlbauer

Maria Bill
Bild: © Lalo Jodlbauer

Großes Kino. Das ist Michael Schottenbergs Inszenierung von Bert Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ am Volkstheater von Anfang an. Wenn im schwarzweißen Filmvorspann die Darsteller vorgestellt werden, wenn der Blick auf die nebelverhangenen bunkerhaften Häuserschluchten von Hans Kudlich freigegeben wird, wenn die Industriegeräusche zunehmend enervierend das Trommelfell perforieren, wenn dunkle Gestalten im Nadelstreif, sowohl Scarfaces als auch des Rechtenarmleuchters teuflische Gehilfen, über die Bühne huschen – da  glaubt man sich im Film noir, und beobachtet „Gehetzt“, wie die „Bestie Mensch“ ihre „Blinde Wut“ auslebt, bis alles „Im Zeichen des Bösen“ steht. Und dann sie: Maria Bill, der Schnittpunkt in Schottenbergs Geisterbahngangsterspektakel. Als erste Frau spielt sie den Arturo Ui. Es ist Schottenberg gelungen die Brecht-Erben von dem zu überzeugen, was am Premierenabend offensichtlich ist: Dass die Bill die beste Wahl für die Rolle ist.

Brecht schrieb den Ui im finnischen Exil. Fasziniert vom Fall des legendären Verbrecherkönigs Al Capone entwarf er sein Stück vom miesen, kleinen Ganoven, der sich zum Herrscher über die ihm bekannte Welt aufschwingen will. Eine Parabel über den Aufstieg der NSDAP, über Etablierung und Festigung der Nazi-Herrschaft, angesiedelt in der Chicagoer Unterwelt. Eine Farce im Versuch „der kapitalistischen Welt Hitler dadurch zu erklären, dass er in ein ihr vertrautes Milieu versetzt wurde“. Wie leicht das alles zu verhindern gewesen wäre, gibt Brecht im Titel vor. Im Stück kriegt der mafiöse Karfioltrust stellvertretend für die „Führer“-Macher eine aufs Happl. Das Personal ist bekannt. Vom alten Dogsborough/Hindenburg, über die Bandenmitglieder Ernesto Roma/Ernst Röhm, Giri und Givola alias Göring und Goebbels, bis zum Cicero-/Austrofaschisten Ignatius Dullfeet.

Die großen politischen Verbrecher müssen durchaus preisgegeben werden, und vorzüglich der Lächerlichkeit. Dieses Brecht-Wort hat Schottenberg verinnerlicht. Wie’s seine Natur ist, kann sich der Volkstheater-Chef seinem volksbildnerischen Ansatz zwar nicht ganz entwinden; er verlängert Brechts tadelnd erhobenen Zeigefinger zum Rohrstaberl, weil: der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch, aber das versteht sich auch, weil: plakativ erklärt sich’s besser. Die Bill folgt diesem Weg. Ihr Ui hat von Frisur und Zweifinger-Bärtchen bis zum braunen Aufzug, in Mimik und Gestik die Grenze zur Karikatur überschritten. Er ist ein verzwickter Gnom, ein grauslicher Clown, ein Kasperl, zappelig, nervös, hochexplosiv. Mit zuckend-zittriger Grußhand lebt und erleidet er grimassierend seine unzählichen Ticks. Bill buchstabiert ihre Lecoq-Ausbildung rauf und runter. Heil Hitler! – Heil du ihn! ist der alte Witz, der auf ihr Spiel passt. „Lustig“ ist sie trotzdem nicht, vielmehr umgibt sie eine skurrile Scheußlichkeit, die dem Lachen die Gurgel umdreht. Wie sie gefinkelt den Dogsborough umgarnt und anwinselt, bis sie ganz „Der große Diktator“ ist. Ein kurzes Zitat über den Meister mit der Melone. Bill schnarrt und knattert den Text auf einer nach oben offenen Skala von unverständlich bis vielleicht-lautmalerisch-gemeint-? und formt zwischendurch mit den Armen schon mal ein Hakenkreuz. Bill schont weder das Publikum noch sich selbst. Neben ihr agieren Jan Sabo als Giri, Thomas Bauer als Givola oder Rainer Frieb als Dogsborough geradezu stoisch.

Das vielköpfige Ensemble ist auf der Höhe. Allen voran Patrick O. Beck, der den Ernesto Roma als brutal-loyalen Mitläufer anlegt, und schließlich doch mit ungläubigem Staunen als Uis erstes Opfer in den eigenen Reihen – siehe Röhm-Putsch – endet. Hanna Binder ist als Dockdaisy ein monroehaftes Flitscherl. Wie schon im „Woyzeck“ zeigt sie keine Angst vor Hässlickeit und ihre bemerkenswerte Gesangsstimme. Günter Franzmeier bekam einen der schönsten Parts zugesprochen: Als Schauspieler wird er Uis Lehrer. Als ein an Shakespeare Verzweifelter, als ein Prosporo, dem der Zauber ausgegangen ist, heißt sein unfreiwillig komisches Motto: Deklamieren bis zum Akklamieren, und er darf außerdem den Schoß-Schlusssatz sprechen. Was Ui bei ihm fürs Auftreten lernt, kann der gleich in der Brecht’schen Persiflage auf Fausts Gartenszene ausprobieren. Auch das ein Kabinettstückerl, diesmal für die unverwüstliche Inge Maux als Betty Dullfeet, die, angetan wie eine Primadonna vom Grünen Hügel, dem Ui in schrillsten Tönen erliegt.

Und Wien ist doch noch Chicago geworden. Michael Schottenberg hat’s möglich gemacht. Auch, wenn er sich dem Bezug zu aktuellen Papp-Kameraden verweigert, ist in seiner schmissigen Arbeit klar, wo der H*ase im Pfeffer liegt. Dummheit schützt vor Wählerstimmen nicht. Das sollte man: Niemals vergessen: Nimm‘ dich in Acht vor kleinen Männern mit ausrasierten Haaren und schmalem Bärtchen und ihrem locker sitzenden Browning.

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Wien, 22. 2. 2014