Jüdisches Museum Wien: Genosse.Jude – Wir wollten nur das Paradies auf Erden

Dezember 4, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Fruchtbarer Boden für eine Arbeiterbewegung

Parlament. Bild: Slg. Erich Klein

Ab 6. Dezember zeigt das Jüdische Museum Wien die Ausstellung „Genosse.Jude – Wir wollten nur das Paradies auf Erden“. „Alle Macht den Sowjets. Frieden, Land und Brot“. Für diese Devise begeisterten sich auch viele Juden. In Russland erhofften sie sich einen Bruch mit dem jahrhundertealten Antisemitismus des Zarenreichs. Die Strahlkraft der Revolution ging weit über die russischen Grenzen hinaus.

Weltweit und auch in Österreich begannen Juden für die Gleichstellung aller Menschen zu kämpfen. Sie alle träumten vom Paradies auf Erden. Dabei entstanden enge Beziehungen zwischen österreichischen und russischen Marxisten. Oft waren es jüdische Kommunisten, die zwischen diesen beiden Welten vermittelten. Diese Verbindungen auf diplomatischer, politischer, gesellschaftlicher und kultureller Ebene bilden den Ausgangspunkt für die Betrachtung der geschichtlichen Ereignisse beider Länder. Beginnend mit dem Exil Leo Trotzkis in Wien noch vor der Oktoberrevolution und endend mit dem Zerfall der Sowjetunion.

Viele bedeutende Vertreter der Arbeiterbewegung waren keine Juden. Ebenso waren die meisten Juden keine Revolutionäre, Sozialisten oder Kommunisten. Und dennoch trugen Juden und Jüdinnen, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil, überproportional zur Entwicklung des Sozialismus bei. Dies zeigt sich bereits an den Gründerfiguren der Bewegung: Karl Marx, Moses Hess, Ferdinand Lassalle, Viktor Adler, Rosa Luxemburg und Leo Trotzki wurden zu Ikonen der internationalen Arbeiterbewegung. Ihre jüdische Herkunft wurde von den meisten nur am Rande thematisiert. Antisemitismus war für sie ein Symptom des Kapitalismus und würde in einer klassenlosen Gesellschaft nicht mehr existieren. Mit dem Untergang des Kapitalismus würden auch Juden sich völlig assimilieren.

Heimkehrerplakat. Bild: DÖW

Filmplakat „Jüdisches Glück“. Bild: Neboltai Collection!

Auf besonders fruchtbaren Boden stieß die revolutionäre Arbeiterbewegung in Osteuropa. Im zaristischen Russland lebten mehr als fünf Millionen Juden in den westlichen Provinzen. Ihr Leben war von ökonomischem Elend, restriktiven Gesetzen und Pogromen bestimmt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts organisierten sich politisch aktive Juden in den verschiedenen Teilen und Fraktionen der Arbeiterbewegung. Vom zaristischen Regime wurden Revolutionäre verfolgt, verhaftet und nach Sibirien in die Verbannung verschickt. Einige flüchteten über die österreichisch-russische Grenze in den Westen. Neben Zürich, Paris und Berlin war Wien ein wichtiger Zufluchtsort.

Einer der prominentesten politischen Flüchtlinge war Leo Trotzki, der sich mit kurzen Unterbrechungen von 1907 bis 1914 in der Kaiserstadt aufhielt. In Zusammenarbeit mit Adolf Joffe gab er in Wien die Prawda in russischer Sprache heraus, die über die galizische Grenze oder das Schwarze Meer nach Russland geschmuggelt wurde, um so die Revolution in Russland vorzubereiten. Im Café Central traf er mit den führenden Vertretern der österreichischen Sozialdemokratie zusammen: Otto Bauer, Max Adler und Karl Renner. Als er nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs Wien überstürzt verlassen musste, war es Viktor Adler, der ihm 300 Kronen für die Flucht aus Österreich lieh. Zurück in Wien blieben Trotzkis Bibliothek und sein umfangreiches Archiv. Er selbst flüchtete mit seiner Familie über die Schweiz, Frankreich und Spanien in die USA. Nach dem Sturz des Zarenregimes kehrte er im Mai 1917 nach Russland zurück, um gemeinsam mit Lenin die Revolution zu vollenden.

Weltkampftag der Kommunisten. Bild: ÖNB

Als „10 Tage, die die Welt erschütterten“, nach dem Roman des amerikanischen Journalisten John Reed, ging die Oktoberrevolution in die Weltgeschichte ein. Die ganze Welt blickte auf Russland. Die Idee einer gerechten Welt erweckte vielerorts große Erwartungen. Der bewusste Bruch Sowjetrusslands mit dem Antisemitismus des Zarenreichs weckte bei vielen Juden und Jüdinnen enorme Hoffnungen. Vor allem die junge Generation engagierte sich für den neuen Staat.

Von Beginn an nahmen jüdische Genossinnen und Genossen wichtige Positionen in der KPÖ ein, andere leisteten Parteiarbeit im Hintergrund. Manche wie Malke Schorr fanden über die zionistische Arbeiterbewegung Poale Zion den Weg zur kommunistischen Partei. Sie wurde zur Leiterin der Österreichischen Roten Hilfe, die politische Flüchtlinge und deren Angehörige unterstützte. Auch die in der Bukowina geborene Prive Friedjung schloss sich zunächst der Poale Zion an, bevor sie Mitglied der kommunistischen Partei wurde. Religion spielte im Leben der jüdischen Kommunisten meist keine Rolle. Viele besiegelten dies mit dem Austritt aus der Israelitischen Kultusgemeinde. Manche wie Bruno Frei, die aus traditionellen jüdischen Familien stammten, blieben dem Judentum trotz kommunistischer Gesinnung ihr ganzes Leben lang treu.

In den 1930er-Jahren verschärfte sich in der Sowjetunion das gesellschaftliche und politische Klima. Rund um Stalin entwickelte sich ein Personenkult, der groteske Ausmaße annahm. Zahlreiche Sowjetbürger gerieten in die Fänge des Sicherheitsdienstes NKWD, weil sie sich vor der Oktoberrevolution in anderen Parteien organisiert hatten, weil sie Kontakte ins Ausland unterhielten oder weil sie im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatten. Besonders gefährdet waren Personen, die im Verdacht standen, Trotzkisten zu sein. Zwar war die stalinistische Kampagne gegen „Abweichler“, „Andersdenkende“, reale und vermeintliche politische Gegner nicht von einer expliziten antisemitischen Propaganda begleitet. Doch waren viele sowjetische Juden vor 1917 im Bund oder in anderen jüdischen Arbeiterbewegungen engagiert gewesen, etliche hatten familiäre Beziehungen ins Ausland. Allein aus diesen Gründen fielen sie häufig den Repressionen zum Opfer.

Poale Zion-Fahne. Copyright: Yad Tabenkin. Bild: Sebastian Gansrigler

Mit dem Angriff Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion wurden alle Kräfte für die Verteidigung des Landes mobilisiert und daher auch aus taktischen Gründen die politischen Repressionen zum Teil zurückgefahren. Die bedeutendsten sowjetischen Künstler und Schriftsteller, unter ihnen viele Juden wie El Lissitzky, Boris Jefimow, Alexander Labas, Ossip Brik, Ilja Ehrenburg und Samuil Marschak, stellten sich in den Dienst der sowjetischen Kriegspropaganda.

Während die polnischen Juden ihre Heimat nicht freiwillig verließen, sondern aus ihren Ämtern entlassen und verjagt wurden, entschieden sich einige sowjetische Juden bewusst für die Auswanderung. Diese Möglichkeit stand ihnen als einziger nationalen Gruppe offen, ein Privileg, das gleichzeitig auch zum Makel wurde. Nach Jahrzehnten der kommunistischen Erziehung ohne Bindung an Religion und nationale Herkunft machten sich viele Anfang der 1970er-Jahre auf die Suche nach ihrer verlorenen jüdischen Kultur und Tradition …

www.jmw.at

4. 12. 2017

Maxi Blaha: Bachmann-Hommage mit Jelinek-Texten

Juni 20, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Uraufführung von „Es gibt mich nur im Spiegelbild“

Maxi Blaha. Bild: www.peterrigaud.com

Maxi Blaha. Bild: www.peterrigaud.com

Nach dem großen Erfolg und weltweiten Gastspielen ihres Theatersolos über Bertha von Suttner, „Feuerseele“, widmet sich Maxi Blaha nun zwei österreichischen Ausnahme-Autorinnen. Als Hommage zum 90. Geburtstag von Ingeborg Bachmann gestaltet sie das Theatersolo „Es gibt mich nur im Spiegelbild“ mit exklusiven Texten der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek.

Ausgehend von Bachmanns autobiografischen Roman „Malina“ und  Jelineks „Prinzessinnendramen (Die Wand)“ verhandelt das szenische Doppelporträt Parallelen im Werk der beiden, wie das Bild der Frau in der Gesellschaft und Motive wie Abhängigkeiten, Machtverhältnisse, Mode, Sexualität, und das Verschwinden. Anlässlich des Jubiläums hat Jelinek ihre eigenen Texte über Ingeborg Bachmann für das Theatersolo exklusiv zur Verfügung gestellt. Die musikalisch-theatrale Inszenierung von Martina Gredler, mit Kompositionen von Simon Raab, will  das doppelte Außenseitertum einer Frau als Schriftstellerin thematisieren. Beider Texte wurden dazu zu einem außergewöhnlichen Monolog verschmolzen.

Die Uraufführung findet 1. und 2. Juli im Rahmen der 40. Tage der deutschsprachigen Literatur, Ingeborg Bachmann Preis, in Klagenfurt statt, mehr: www.klagenfurterensemble.at. Danach gibt es bereits Termine bis Dezember, vom niederösterreichischen Thalhof und Wien über Salzburg und Linz bis Paris und London.

maxiblaha.at

Wien, 20. 6. 2016

Werk X: Räuber – das leben stiehlt auch nur vom tod (Schrei Schiller Schrei)

November 6, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Diesbezüglich ein paar Fragen

Ist Friedrich Schiller nicht gut genug? Zu wenig Sex Gewalt & Rock’n’Roll? Kann man einem heutigen Publikum Sturm-und-Drang-Texte nicht mehr zumuten? Hebt sich denn keine Kraft im Drang? Wieviel Übersteigerung verträgt ein sich inszenierendes Ego? Ist’s so, dass der auf Ewigkeiten hofft, der hier zu kurz gekommen ist? Warum Furcht statt Ehrfurcht vor der Sprache? Was Wunder, dass ringsum lall und LOL ist? Warum zum Schneckengang verderben, was Adlerflug geworden wäre? Wie originell ist verhaltensoriginell? Kann man für Geistes Stärke halten, was doch am Ende nur Verzweiflung ist? Warum gibt diesen Herbst jeder sein Theatermanifest ab, statt einfach Theater zu spielen?

Blankziehen, echt jetzt? Du willst die Vorhaut aus der Mode bringen, weil der Barbier die deinige schon hat?

Wie nennt man in Österreich eine Veranstaltung, wo vorne einer plärrt, in der Erwartungshaltung, die ihm zuhören werden sein Geplärre abnicken? War Frontaltheater nicht schon alt, als ich noch jung war? Heute schon einen Menschen gefressen? Wie progressiv ist Pisse? Ist es wie beim Kind, das sich vor Mutti stellt und Olla, Olla, Olla! sagt, nicht weiß, was das sein soll, aber schon das es mit einem Pfui-Gack-Wort provoziert? Blut! war mein erster Gedanke, Blut! mein letzter? Schütt‘, Hermann, schütt‘ – Hermann? Warum liest keiner mehr ein Buch? Warum liest keiner mehr ein Stück? Ist das ein Hase, Franz?

Gehörte gegenseitiges Blutdruck messen zum Probenprozess? Habt ihr’s auch so gern, wenn’s brennt? Wie spät? Fort Schritt? Heim, Mann? Sind Lust und Spiel-Trieb abgeschafft? Hat denn keiner mehr einen Schwanz, dass alle ihr Hirn wichsen? Lernt noch jemand sprechen? Meinet ihr, die Harmonie der Welt werde durch diesen gottlosen Mißlaut gewinnen? Bemüht ihr euch oder seid ihr bemüht? Was kann eine gut stehende Schaubühne eigentlich wirken? Im Zweitberuf Messias? Europahymne, hä? Duldet mutig, Millionen? Kennt ihr Kurt Sowinetz? Was denkt sich Gott, wenn er Jürgen Gosch zu sich holt? Bist du eine Sau, und wenn ja, eine ziemliche? Sagt man nicht, es gebe eine bessere Welt, wo die Traurigen sich freuen, und die Liebenden sich wiedererkennen? Ist da jemand? Wie spät? Wer wird einmal meine Pension zahlen? Den Schwur vergessen? Was, willst du ewig leben? „Was tun?“, spricht Zeus.

Es ist leichter morden, als lebendig machen. Du hast mir eine kostbare Stunde gestohlen, sie werde dir an deinem Leben abgezogen. Ihr seht, ich kann auch witzig sein; aber mein Witz ist Skorpionstich.

Susanne Gschwendtner, Dennis Cubic, Wojo van Brouwer, Hanna Binder, Daniel Wagner Bild: © Yasmina Haddad

Susanne Gschwendtner, Dennis Cubic, Wojo van Brouwer, Hanna Binder, Daniel Wagner
Bild: © Yasmina Haddad

Werk X: Räuber – das leben stiehlt auch nur vom tod (Schrei Schiller Schrei). Inszenierung: Pedro Martins Beja. Mit: Susanne Gschwendtner, Dennis Cubic, Wojo van Brouwer, Hanna Binder und Daniel Wagner.

werk-x.at

Wien, 6. 11. 2015