Landestheater Niederösterreich: Wolf Bachofner spielt in „Minna von Barnhelm“

Dezember 5, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Maxim Gorki Theater kommt mit Sibylle Berg

Wolf Bachofner, Pascal Groß  Bild: Robin Weigelt

Wolf Bachofner, Pascal Groß
Bild: Robin Weigelt

Minna von Barnhelm, Premiere am 5. 12.:

Die Komödie um das beherzte Fräulein Minna von Barnhelm (Lisa Wiedenmüller) beginnt mit der unehrenhaften Entlassung ihres Verlobten Major von Tellheim. Der verdienstvolle Major hatte am Ende des Siebenjährigen Krieges bei der Eintreibung von Kriegskontributionen besondere Milde walten lassen und wird nun der Bestechlichkeit verdächtigt. Zutiefst beschämt, mittellos und körperlich versehrt bricht Tellheim jeglichen Kontakt zu seiner Verlobten ab. Er quartiert sich mit seinem Diener Just in einem entlegenen Landgasthof ein, um auf Nachricht von der Militärverwaltung zu warten. Doch Minna macht sich mit ihrer Kammerzofe Franziska auf die Suche nach Tellheim. Die beiden reisen durch das kriegszerstörte Land und erreichen bald selbigen Gasthof. Als Minna entdeckt, dass Tellheim bereits ihren Verlobungsring versetzt hat, weil er aus lauter Ehrgefühl sogar die finanzielle Hilfe seines Freundes Paul Werner ausschlägt, beginnt sie ihr Spiel …

Der tiefe Fall eines strahlenden Helden: Nur durch Minnas liebevolle Intrige gelingt Major von Tellheim die Rückkehr in die Normalität des Friedens. Gotthold Ephraim Lessing, der große Menschenfreund und Erneuerer des deutschen Theaters, entwarf seine bühnenwirksame Komödie 1763 am Ende des Siebenjährigen Krieges. Ihm gelang damit eine Gattungsnovität, ein Lustspiel als aktuelles Zeitstück (Botho Strauß). Die leichte Form der Verhandlung eines schwerwiegenden Problems gilt als literarische Wegmarke ebenso wie die lebensnahe Zeichnung der Figuren, in deren Zentrum eine ganz und gar moderne Frauenfigur steht.

Die junge Regisseurin Katrin Plötner, die sich u. a. mit Arbeiten am Münchner Residenztheater und am Theater Regensburg vorgestellt hat und in der letzten Spielzeit am Landestheater Niederösterreich Horace inszenierte, führt Regie. Für die Ausstattung zeichnen der Bühnenbildner Martin Miotk und die Kostümbildnerin Eugenia Leis verantwortlich. Für Tellheim und seinen treuen Freund Werner konnten Lars Wellings, der u. a. am Residenztheater München und am Staatstheater Wiesbaden engagiert war, und der bekannte TV- und Theaterschauspieler Wolf Bachofner gewonnen werden.

Maxim Gorki Theaters, Berlin: „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ von Sibylle Berg, 10. 12.

Abends, eine junge Frau allein in ihrer Wohnung. Freundinnen kontaktieren sie per Skype und per Chat, Kurznachrichten treffen ein, die Mutter ruft an. Einige Stockwerke tiefer im Keller: ein gefesselter und geknebelter Mann …

Von den Medien und der Werbeindustrie produzierte Frauenbilder, der Imperativ eines erfolgreichen Lebensentwurfs und eigene Ängste und Sehnsüchte schlagen sich in den Leben der jungen Frauen nieder: nächtliche Prügeltouren durch die Stadt, Körperkult und Fitnesswahn, Shoppingexzesse zwischen den BWL-Vorlesungen und der Vertrieb von selbstsynthetisierten Drogen über das Internet. Daneben stehen Fragen, wie die Frauen leben wollen und wo sie die Ursachen für ihre Orientierungslosigkeit suchen. Es entsteht die wütende, beißend-komische Bestandsaufnahme einer jungen Frau, die sich selbst und andere Frauen in ihren Reaktionen auf die Welt befragt.

Die Schriftstellerin Sibylle Berg wurde in Weimar geboren und lebt in Zürich. In ihren Kolumnen, Romanen und Theaterstücken erzählt sie schonungslos vom Unglück, in das sich die Menschen stürzen. Für ihre Werke wurde sie u.a. mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien 2012 ihr Roman Vielen Dank für das Leben und 2013 Wie halte ich das nur alles aus? Fragen Sie Frau Sibylle.

Regie führt Sebastian Nübling. Er studierte Kulturwissenschaften an der Universität Hildesheim und lehrte dort als Dozent. 2002 wurde er mit seiner Basler Inszenierung von Henrik Ibsens John Gabriel Borkman zum ersten Mal zum Berliner Theatertreffen eingeladen und von der Zeitschrift Theater heute zum Nachwuchsregisseur des Jahres gewählt. Seine Stücke werden regelmäßig bei renommierten Festivals gezeigt. Seit der Spielzeit 13/14 ist Sebastian Nübling Hausregisseur am Maxim Gorki Theater.

Es spielen: Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski und Cynthia Micas.

www.landestheater.net 

Wien, 5. 12. 2014

Berliner Theatertreffen: „Orpheus steigt herab“

Mai 14, 2013 in Bühne

Sebastian Nübling inszeniert Tennessee Williams

Wiebke Puls als "Lady" (Mitte), vorne der von der Kleinstadthölle befeuerte Risto Kübar als Val Xavier. Foto: © Julian Röder

Wiebke Puls als „Lady“ (Mitte), vorne der von der Kleinstadthölle befeuerte Risto Kübar als Val Xavier.
Foto: © Julian Röder

Beim diesjährigen Berliner Theatertreffen ist ab 19. Mai Sebastian Nüblings Interpretation von Tennessee Williams‘ „Orpheus steigt herab“ als eine der zehn besten Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum zu sehen. Premiere an den Münchner Kammerspielen war am 29. September 2012. Nübling schafft, was wenigen gelingt: Er verweht den üblichen Duft von Magnolienblüten und Zitronenlimonade und Taftkleidchen und inszeniert einen schaurigen Südstaatenalbtraum. Und das in den schönsten Bildern.  Das ist einerseits genial-neu, andererseits hat Nübling offenbar so viel Furcht vor Williams‘ Cinemascope-Sentiment, diesen leinwandgroßen Gefühlen, dass er sich kühl-distanziert hinter dem Text verschanzt. Oder positiv gesagt: Bei Nübling ist die Hölle bitterkalt.

Two River County, also. Ein Provinzkaff, in dem die WASP, die White Anglo-Saxon Protestants, eherne Gesetze eingeführt haben. Die Außenseiter naturgemäß ausschließen. Ein Glück. Nübling deutet den Ku-Klux-Klan und seine „Nigger“-Jagd nur in Halbsätzen an. Man hat das ja an grauenhaften Abenden auch schon alles durchdekliniert durchleiden müssen. Die Bewohner teilen sich – außer beim Schießen – strikt in Männchen und Weibchen. Die Sies: aufblondiert, trotz Arnie-Schwarzenegger-Oberschenkeln kurzberockt, schnell hysterisch, hämisch. Ein Nest aus Nattern, neidig und niederträchtig. Die Ers: Machos – anzunehmen: mit Minischwänzchen -, Goschnreißer, ein moralisch verkommener, bedrohlicher Bürgerwehr-Mob, lüstern ohne echte Lust auf Vollzug. Man kennt die Gattin – und all ihre Freundinnen, die man in der Jugend schon durchgebumst hat – eben schon allzu lang. Spießbürger, die andere gern aufspießen, wenn sich die Gelegenheit ergibt.

Nübling setzt auf Realismus mit Ringelspiel. Denn ein solches, das im Laufe des Abends von zwei Schauspielern zusammenbaut wird, dominiert die Bühne. Bunte Glühlämpchen glimmen in einer düsteren Welt, die Karussellscherberln täuschen Bewegung vor, wo alles in Erstarrung liegt. Die beiden Figuren, die den Jahrmarktszauber vollenden wollen, sind natürlich Williams‘ Außerseiter dieser Gesellschaft: Lady Torrance (Wiebke Puls), die Itaker-Tochter, den man samt seinem Weinberg abgefackelt hat, weil er Alkohol an Schwarze ausschenkte. Und die nun ein verhärmtes Leben führt, weil sie sich aus Geldmangel an einen bösen, alten, todkranken und gleichzeitig untoten Mann (Jochen Noch) „verkauft“ hat. Und Orpheus. Das heißt: Val Xavier (im Film: Marlon Brando als „Der Mann in der Schlangenhaut“). Nübling hat sich als Gegenentwurf den estischen Schauspieler Risto Kübar vom wunderbaren, auch immer wieder zu den Wiener Festwochen eingeladenen (vergangenes Jahr mit „Three Kingdoms“), Theater NO99 ausgeborgt. Sein Akzent und, dass er zwischendurch Estnisch spricht, macht das „Ausländische“ noch deutlicher.

Er ist ein Tingeltangelsänger mit Autopanne. Ein dürrer, androgyner, sich somnambul selbstverliebt Streichelnder, eine schillernde, stets in Fluchtpose verharrende Echse, ein Mix aus Stricher und Iggy Pop. Ihn begleitet, mitgebracht aus der antiken Unterwelt in den modernen Hades, ein Tod mit Clownsglatze und schwarzer, statt roter Nase. Und die Musik von Lars Wittershagen. Und natürlich: Wenn Orpheus singt, werden die Damen notgeil. Selbst der strengen, von religiösen Visionen erleuchteten Ehefrau des Sheriffs (Çigdem Teke) rutscht da die Brille von der Nase. Und die knallharte Streunerin Carol (Sylvana Krappatsch) ergeht sich in endlosen Kreischorgien. Hochdrucktheater mit hässlichem Ende. Denn der Fremde muss weg. Die scharfen Dobermänner werden dafür sorgen. Und Wiebke Puls‘ Lady, diese zähe Kämpferin, zerbrechlich in ihrer Stärke, verbarrikadiert hinter spröder Strenge, eine, die nach Berührung hungert und doch vor ihr zurückschreckt, wird von ihrem Mann erschossen. Puls blanciert über alle Pathosfallen hinweg. Selbst in der Sexszene mit Risto Kübar, die Nübling hoch oben, unsichtbar im Karussell abgehen lässt.

Eine dichte, geradlinige Inszenierung eines selten gespielten Stücks. Nüblings größtes Verdienst: Er versucht keine Deutungen zu entdecken. Bei Williams steht alles da. Zum hervorragend agierenden Ensemble gehoren außerdem Tim Erny, Angelika Krautzberger, Christian Löber, Lasse Myhr und Annette Paulmann.

www.berlinerfestspiele.de

www.muenchner-kammerspiele.de

Trailer: www.muenchner-kammerspiele.de/programm/stuecke-a-z/orpheus-steigt-herab/trailer/

Von Michaela Mottinger

Wien, 14. 5. 2013