Weltmuseum Wien: Nepal Art Now

April 15, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Geschlechterkampf und politische Gewalt

The Kali – Odalisque: Manish Harijan, 2016. © Prithivi Bahadur Pande, Bild: Kailash K Shrestha

Das Weltmuseum Wien zeigt ab 11. April die bisher umfangreichste Ausstellung zu moderner und zeitgenössischer Kunst Nepals. In dieser ersten umfassenden Schau außerhalb des Landes sind etwa 130 Arbeiten – darunter Gemälde, Skulpturen, Videokunst und Installationen – von mehr als 40 nepalesischen Künstlern zu sehen. Die Ausstellung beginnt mit der Moderne in Nepal ab den 1950er-Jahren und reicht bis in die Gegenwart.

Die Ausstellung umfasst ein breites Spektrum an Positionen und Ausdrucksformen. Die bildende Künstlerin Sheelasha Rajbhandari zeigt in Wien eine Installation, in der sie sich mit der Diskriminierung von Frauen in patriarchalen Gesellschaften beschäftigt. Ang Tsherin Sherpas Arbeiten nehmen Anleihen an tibetisch-buddhistischer Ikonografie. Der Künstler abstrahiert, fragmentiert und rekonstruiert traditionelle Darstellungsweisen und untersucht dabei Erfahrungen der Diaspora. Die Werke des Künstlers Hit Man Gurung entstehen in Reaktion auf einige der dringendsten sozio-politischen Themen Nepals, wie Arbeitsmigration, Bürgerkrieg, politische Korruption oder das verheerende Erdbeben von 2015.

Trump, Putin, Kim Jong Un: Peace Owners II: Sunil Sigdel, 2016. © Yogeshwar Amatya, Bild: Sunil Sigdel

We are at War without Enemies: Hit Man Gurung, 2016. © Prem Prabhat Gurung, Bild: ArTree Nepal

Neben bereits etablierten Künstlerinnen und Künstlern wie Lain Singh Bangdel, Laxman Shrestha, Ang Tsherin Sherpa, Ashmina Ranjit oder Hit Man Gurung sind auch zahlreiche Newcomer zu sehen. Manche haben Akademien außerhalb ihres Landes besucht, andere wiederum sind weit gereist und haben sich viele neue künstlerische Praktiken aus den verschiedensten Teilen der Welt angeeignet.

Daher kann es nicht überraschen, dass sich bestimmte Aspekte der zeitgenössischen Kunst Nepals internationalen Diskursen in diesem Bereich verdanken. Auch wenn die gezeigten Werke in der Kultur und den Traditionen Nepals verankert sind, schildern und behandeln sie allgemeine Fragen: Die dargestellten Themen reichen Umweltzerstörung, politisch motivierter Gewalt, dem Verhältnis der Geschlechter, der Kommodifizierung religiöser Traditionen oder der Stellung der Frau in der Gesellschaft. Die Arbeiten erzählen von der Entwicklung sowohl der Kunst als auch der Politik und der Gesellschaft des Landes.

Sie werfen ein Schlaglicht auf die kulturelle Landschaft eines Landes, das erst in den vergangenen sechzig bis siebzig Jahren seine Grenzen für die Welt öffnete. Seitdem hat Nepal enorme politische und gesellschaftliche Veränderungen erlebt, die wiederum seine Kunstszene beeinflusst haben. In der westlichen Welt ist Nepal vor allem als Hippie-Destination der 1960er- und 70er-Jahre und als begehrtes Ziel für Bergsteiger bekannt. Weniger bekannt ist die pulsierende Kunstszene des Landes, obwohl sich die nepalesische Hauptstadt Kathmandu mit seinem seit 2009 bestehenden International Art Festival und der Triennale 2017 bereits in die globale Kunstwelt eingeschrieben hat.

Fly High: Ang Tsherin Sherpa, 2018. © Ang Tsherin Sherpa, Bild: Fotohollywood

Die traditionellen religiösen Darstellungen aus Nepal, die das Publikum in Museen als Kunstwerke zu verstehen gewohnt ist, wurden von anonymen Meistern gefertigt. Zu reinen Kunstwerken wurden sie erst durch die museale Präsentation und ihre Integration in den globalen Kunstkanon, freigespielt aus ihrem ursprünglichen religiösen Kontext. Das allermeiste von dem, was gegenwärtig in Nepal an Kunst geschaffen wird, präsentiert sich jedoch gänzlich anders.

In der Schau „Nepal Art Now“, bezieht sich der Begriff „zeitgenössische Kunst“ daher nicht auf ein Kunst­genre, vielmehr ist er von einer rein zeitlichen Dimension geprägt. Es geht um das, was im vergangenen halben Jahrhundert entstanden ist. Die in enger Zusammenarbeit mit nepalesischen Künstlern und Kunsthistorikern getroffene Auswahl der Bilder, Skulpturen und Installationen spiegelt gleichzeitig die Vielfältigkeit dessen wider, was an einem Tag geschaffen werden konnte. Der Bogen spannt sich dabei von rein abstrakten Arbeiten bis hin zu traditioneller, spirituell-religiöser Paubha-Malerei. Mehrere der beteiligten Künstlerinnen und Künstler werden im Laufe der Ausstellungsdauer für Artist Talks im Weltmuseum Wien zu Gast sein.

www.weltmuseumwien.at

15. 4. 2019

Reopening der Kunsthalle Krems am 1. Juli

Juni 30, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Abstract Painting bis zur sakralen Installation

Gerhard Richter: Frau in Hollywoodschaukel 196-3, 1968. ACT Art Collection Siggi Loch. Courtesy Richter Images. Bild: © Gerhard Richter 2017 (0131)/ Jens Ziehe

Im entkernten Foyer der Kunsthalle Krems empfing der neue künstlerische Direktor Florian Steininger Freitagvormittag ein Grüppchen Auserwählter, um ihnen seine drei Ausstellungen für das spektakuläre Reopening am 1. Juli zu präsentieren. Im Sommer 2016 wurde das Haus für ein Jahr geschlossen, nun ist die Sanierung abgeschlossen, Zeit für die Wiedereröffnung. Deren Glanzstück ist – und damit gleichsam die erste große Themenschau der neuen Leitung – die Ausstellung „Abstract Paiting Now! Gerhard Richter, Katharina Grosse, Sean Scully …“

Steininger selbst hat die Schau kuratiert, abstrakte Malerei ist seine Sache seit mehr als 20 Jahren, schon in seiner Diplomarbeit hat er sich mit ihr beschäftigt – mit Schwerpunkt aufs Österreichische. Diese Kennerschaft zeichnet den Rundgang mit ihm aus – wenn Steininger erklärt und anschaulich macht, ist es tatsächlich so, als sprächen die Bilder zu einem. „Wie er denn ans Werk ginge“, will einer der Rundgänger von Steiniger wissen. Dessen sophistische Antwort: „Ich bau‘ mir im Kopf die Ausstellung vor, damit ich sehe, wie die Werke miteinander können.“

Die Schau beginnt im Oberlichtsaal mit Gerhard Richters „Frau in Hollywoodschaukel“ aus dem Jahr 1968, das in Korrespondenz mit Werken von Herbert Brandl und Erwin Bohatsch gesetzt ist. Etwa 60 künstlerische Positionen umfasst die Ausstellung, deren „historische Basis“ die kommenden Entwicklungen nach dem von Richter und Sigmar Polke getragenen Abstrakten Expressionismus sind. In Österreich haben sich Tendenzen der neuen Abstraktion entwickelt, die ein selbstverständliches größeres Ganzes mit den internationalen Positionen bilden: Ab den 1980er-Jahren stehen konzeptuelle neugeometrische Arbeiten von Ernst Caramelle, Gerwald Rockenschaub und Heimo Zobernig neben Farbfeldmalereien von Erwin Bohatsch, Herbert Brandl, Hubert Scheibl und Walter Vopava. Darauf folgen in der Ausstellung jüngere Positionen, die das Projekt Abstraktion bis heute in voller Bandbreite fortführen.

Erwin Bohatsch: Ohne Titel, 2015. Courtesy Erwin Bohatsch. Bild: Jorit Aust

Wade Guyton: Ohne Titel, 2010. Sammlung Stolitzka, Graz. Bild: Nick Ash

Katharina Grosse tauscht den klassischen Pinsel gegen die Airbrushpistole und kreiert irisierende colour fields. In der modernen Malerei galt das Ornament als Verbrechen, als nutzlose Schlacke der autonomen Kunst. In der stilpluralistischen Postmoderne findet es in der Abstraktion bei Ross Bleckner und Philip Taaffe wieder einen Platz. Der erweiterte Abstraktionsbegriff schließt auch Natur und Landschaft in Form neoromantisch-expressiver Farbfelder wie jener von Per Kirkeby ein. Bei Sean Scully paaren sich Konstruktiv-Geometrisches und malerische Atmosphäre in einer Synthese von Ratio und Emotion. Spiritualität und geometrische Abstraktion in der Nachfolge von Kasimir Malewitsch und Barnett Newman sind bei Helmut Federle essenzielle Kriterien.

Bei Brice Marden und Lee Ufan speichert der Pinselstrich als Zeichen des meditativen Akts das Geistige in der Kunst. Diese Ernsthaftigkeit und diese Konzentration auf Geist und Bild sind auch in den monochromen Gemälden von Marcia Hafif, Joseph Marioni und Günter Umberg anzutreffen. Eine Art Schlusspunkt der Ausstellung setzt Wade Guyton mit seinen minimalistischen Streifenbilder, die er nicht mehr per Hand malt, sondern von einem Tintenstrahldrucker erzeugen lässt.

Tobias Pils: Untitled

Tobias Pils: Untitled, 2017. Kunsthalle Krems. Courtesy Galerie Gisela Capitain, Köln, Galerie Eva Presenhuber, Zürich, Galerie Capitain Petzel, Berlin und Tobias Pils. Bild: Jorit Aust

Für die Zenrale Halle hat der aktuell sehr angesagte Kunstwelt-Darling Tobias Pils eine Malerei-Installation gefertigt. Das Atrium ist endlich der Tageslichtraum, als der es angedacht war. Ursprünglich von Adolf Krischanitz als solches konzipiert, war die Glasdecke die vergangenen Jahre hindurch abgedeckt und der Raum mit Kunstlicht erhellt.

Pils widersetzt sich der Logik des Raumes, indem er ausgerechnet die frontale Glaswand, die von der Rampe aus Einblicke in die Halle gewährte, für seine Installation „Untitled“ beansprucht. Ein Fuß am unteren Bildrand ermöglicht den Einstieg ins Bild. Neben flächigen Formen sowie Linien- und Gitterstrukturen, sind Maschen und Wimpern zu sehen, Füße und Gitter treffen auf opake Flächen, Lasuren oder verwaiste Zonen. Im Zusammenfallen von Figürlichem und Ornamentalem liegt die Quintessenz der Malerei von Tobias Pils: Beim schrankenlosen Aufblättern seiner Empfindungen im Malprozess wird das Intimste nach außen gekehrt, bis zu dem Punkt, an dem das Persönliche Allgemeingültigkeit erlangt. An diesem Punkt ist es dann auch möglich, drei Schwangere im Rapport des Frieses zu befrieden.

Sébastien de Ganay: Transposition and Reproduction

Mit der Dominikanerkirche gewinnt die Kunsthalle Krems 2017 noch einen zusätzlichen Ausstellungsort. Der Fokus liegt hier auf raumbezogenen Projekten in der gotischen Sakralarchitektur. Als erstes wird dort ein Installations-Projekt des in Österreich lebenden französischen Künstlers Sébastien de Ganay zu sehen sein. Alle Objekte, die de Ganay dafür entworfen hat, zeugen von seiner Auseinandersetzung mit den Grenzen zwischen Kunst und Leben. Spektakulär ist die zentrale Bodenarbeit, die fast das ganze Mittelschiff der Kirche ausfüllt. Schwarzweiße Zementfliesen, zu einem monumentalen Rechteck verfugt, zitieren die Bodenfliesen der gotischen Kathedrale Notre-Dame in Amiens. Dieses berühmte Bodenlabyrinth war ein symbolischer Ort für Pilger, die nicht nach Jerusalem pilgern konnten.

De Ganays Arbeit, die man betreten darf, ist einerseits ein riesiges minimalistisch geometrisches „Bild“, verweist aber auch auf die jahrhundertealte kirchliche Tradition. Im langgestreckten Chor hat der Künstler die Form der Pfeiler des Mittelschiffs in acht unterschiedlich hohe Aluminiumskulpturen übertragen. Sie bilden einen imaginären Säulengang, sind in ihrer Hermetik und schimmernden Oberfläche aber auch autarke Objekte. Ein Aspekt, der in mehreren Arbeiten auftaucht, ist das Verschwinden, das Entschwundene, die Absenz. „Look it’s Jesus“: Durchaus mit Humor verweist die Video-Präsentation der Anfangssequenz aus Federico Fellinis „La dolce Vita!“, bei der eine Christusstatue an einem Hubschrauber hängend durch die Luft fliegt, auf den aus der (Dominikaner-)Kirche verschwundenen christlichen Content.

Sébastien de Ganay: Amiens Floor, 2017. Bild: © Studio Sébastien de Ganay, Drohnenfotografie: Rio Liovic / Ebo Rose

Sébastien de Ganay: Candle, 2017. © Studio Sébastien de Ganay, Bild: Simon Veres

De Ganay versteht es meisterhaft, die Stille und Kontemplation des Raums in seiner Installation aufzufangen. Oder wie Kurator Andreas Hoffer sagt: „Er füllt mit seinen Objekten die Leerstellen des säkularisierten Raums.“ Zu diesen Objekten gehören riesige Kerzen in Form der Dominikanerkirche, Beichtstühle, die mittels Briefschlitz zu Wunschstühlen werden. Man kann hier tatsächlich Gebete oder Wünsche deponieren. Und Fußmatten mit ausgestanzter Dominikanerkirche. Hoffer: „De Ganay nennt sie sein ,Matthäus 10:14′: Und wo euch jemand nicht annehmen wird noch eure Rede hören, so geht heraus von demselben Haus oder der Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen.“ Zweifellos ist die Installation ein Höhepunkt des Reopenings.

Neu: Videotour

Die Kunsthalle Krems entwickelte für die aktuellen Ausstellungen gemeinsam mit dem Netzwerk CastYourArt ein neues, audiovisuelles Vermittlungsangebot. Kurze Videos laden das Publikum ein, sich in Ausstellungsthemen zu vertiefen, und geben Einblick hinter die Kulissen. Gemeinsam mit Künstlern und Kuratoren blickt man fachkundig und kurzweilig auf die Ausstellungsinhalte. Atelierbesuche bei Suse Krawagna und Jakob Gasteiger führen das Publikum vom Ausstellungsort zu den Orten der künstlerischen Produktion. Direkt in den Ausstellungen der Kunsthalle Krems und Dominikanerkirche sind die Videos informative Wegbegleiter. Für die Vor- und Nachbereitung stehen sie auf der Webseite der Kunsthalle Krems allen Besuchern kostenlos zur Verfügung.

Zur Person Florian Steininger: www.mottingers-meinung.at/?p=16178

www.kunsthalle.at

30. 6. 2017

TAG: Where are we now?

Mai 5, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Beihilfe zur Panik des 21. Jahrhunderts

Bild: Tania Pilz

Bild: Tania Pilz

Am 5. Mai lädt das TAG zur letzten Premiere vor der Sommerpause: Die Compagnie Luna gastiert mit ihrer Stückentwicklung „Where are we now?“ Ausgehend von René Magrittes Gemälde „Lovers“ entwickelt das Team rund um Regisseur Josef Maria Krasanovsky in sechswöchiger Probenzeit ein surreales Theater-Spektakel: beißende Pointen, greller Kitsch, verhüllte Köpfe, Sprachakrobatik … Mit im 5-köpfigen Ensemble: Schauspielerin Karin Lischka, die in Karl Markovics Film „Atmen“ die weibliche Hauptrolle spielte.

Das Bild „Lovers“ des Surrealisten René Magritte zählt zu den bekanntesten Gemälden des 20. Jahrhunderts. Bis heute haben die Werke des Belgiers nichts an Sprengkraft verloren: „Die alte Frage: ‚Wer sind wir?‘ findet in der Welt, in der wir leben müssen, eine enttäuschende Antwort.“ (René Magritte). Ausgehend von René Magrittes Werk entwickelt das Team rund um Regisseur Josef Maria Krasanovsky einen schrägen Trip durch die verdächtige Welt des belgischen Surrealisten: beißende Pointen, greller Kitsch, verhüllte Köpfe, Sprachakrobatik, verformte Körper … In szenischen Bildern und mit treibenden Beats stellen sie Magrittes Fragen erneut: Wer sind wir? Wo sind wir? Und vor allem – was sollen wir tun? Compagnie Luna wagt damit eine theatralische – manchmal durchaus unernste – Gegenwartsbestandsaufnahme.

Mit Where are we now? meldet sich Compagnie Luna nach fast zweijähriger Schaffenspause zurück. Nach „Vielen guten Menschen fliegt der Hut vom Kopf“ im Theater Drachengasse schließt die Compagnie Luna mit ihrer neuen Produktion an ihre groß produzierten Stücke „Wir hüpfen nur aus Höflichkeit“ und „Der Tag an dem Dada in seinen Kopf stieg“ an. Nachdem Regisseur Josef Maria Krasanovsky zuletzt auf Solopfaden in Graz mit „Jugend ohne Gott“ und „Tschick“ erfolgreich zugange war, steht mit der aktuellen Produktion wieder eine Stückentwicklung für seine Compagnie auf dem Programm.

Es spielen: Ambra Berger, Patrick Jurowski, Karin Lischka, Herwig Ofner und Lisa Schrammel.

www.dastag.at

Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=temadLNtjaA&feature=youtu.be

Wien, 5. 5. 2014