WUK – Bum Bum Pieces: ALT. Ein Robotermusical

Januar 13, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Immer schön lieb sein zur Maschine

Ein Schal für die Maschine: Victoria Halper performt und strickt. Bild: Marie Pircher

Die Gelenke knarzen, der Arm ist bleischwer, der Griff lockerer, auch langsamer als früher. Altsein ist als Zustand gnadenlos. Wie grausam, ausrangiert zu werden, weil, wer nicht länger arbeiten kann, keinen Wert mehr hat. Sie ist allein gelassen, einsam, und wenn sie leise weinend singt „Weißt du noch, wer ich bin? / Weißt du noch, wo ich bin? / Weißt du, eigentlich bin ich immer noch ich …“, ehrlich, dann hat man an seiner Betroffenheit schon zu schlucken.

Ein Seelenstich, den das Künstlerkollektiv Bum Bum Pieces selbstverständlich sehr bewusst setzt. Die Steirer Simon Windisch und Nora Winkler, die sich mit dieser Aufführung im WUK erstmals in Wien vorstellen, erzählen vom Altwerden – andersrum. In Zeiten, da der Pflegenotstand zum Kleingeld ranschaffenden Polit-Schlagwort geworden ist, sind Maschinen in der Seniorenbetreuung bereits keine Dystopie mehr. Von Geh- und Aufstehassistenten über automatisierte Streichelhände bis zu künstlichen Kuschelrobben ist alles da, was die zwischenmenschliche Beschäftigung mit der Vergänglichkeit hinfällig macht.

In „ALT. Ein Robotermusical“ ist der Apparat, der nicht mehr so recht funktioniert und daher der Fürsorge bedarf, allerdings keiner aus Fleisch und Blut, sondern ein Fertigungsgreifer. Empathische Elektrik, der Performerin Victoria Halper – gemeinsam mit Dramaturg Kai Krösche bekannt als Gründerin des Nestroypreis-2019-Nominees DARUM (www.darum.at) – als Pflegekraft einen Lebensabend in Würde bescheren soll. Das ist so absurd wie amüsant wie traurig, dies musikalische Kammerspiel, zu dem Manfred Engelmayr und Robert Lepenik die Live-Klangflächen beisteuern, so zutiefst menschlich, dass man bald keinen Gedanken mehr daran hat, dass es hier „nur“ um eine Maschine geht.

Nie wieder, geschworen! wird man nach diesem Abend den Laptop anpflaumen oder sich gewissenlos vom kaputten Toaster trennen! Dass einen derlei Gefühle überfluten, ist das Verdienst von Performerin Nora Winkler, sie auch die Sängerin der Band Binder & Krieglstein (www.binderundkrieglstein.com) und auch in „ALT“ für den Greifarm-Gesang zuständig, die den von Stefan Bauer eigens für das Stück gebauten Roboter wie eine überdimensionale Puppe bewegt, und so in Dialog mit Pflegerin Halper tritt.

Halper mit Robert Lepenik und Manfred Engelmayr. Bild: Marie Pircher

Nora Winkler ist als Roboter Trumpf, re: Victoria Halper. Bild: Marie Pircher

Der Blick, den einen Regisseur Windisch im Anschluss an die Vorstellung in den Rentner-Innenraum werfen lässt, macht Winklers Leistung noch großartiger, auf kleinstem Raum zu steuern, zu inter/agieren und dabei noch live Musik zu machen. Durch sie wird der Arm zum Lebewesen, das schaut, sichtlich denkt, buchstäblich begreift, reagiert. Berührend, wie dieses Geschöpf beim Die-Tage-Zubringen unter Depression und Langeweile leidet, bis ihm Halper den Fernsehapparat einschaltet und ihm Filme von seiner alten Fließbandarbeit vorspielt.

Ein Gebäudeabriss mit Longfront-Bagger wird da zum Actionreißer à la „Terminator“, während die Pflegerin sorgsam kalibriert und schmiert, Halper fabelhaft, wie sie die unaufgeregte Selbstverständlichkeit der stoischen Fachfrau darstellt. Herzzerreißend, wie die beiden Karten spielen, „Zehner, König, König, Trumpf“ singt die Maschine beim Zweierschnapsen, und auch „Liebe, Liebe, Liebe, Ass“, eine Schicksals- gemeinschaft, die zwischen Vertrauens- und Abhängigkeitsverhältnis changiert, bevor, auch das ist Betroffenen bekannt, aus Innigkeit Renitenz wird. Und Inkontinenz.

Und Halper, die ihren Charakter beinah ausschließlich mit Gesten sprechen lässt, Putztuch/Erwachsenenwindel angewidert entsorgt. Als aber der Arm einen Albtraum hat, ist alles wieder gut zwischen ihnen, den Schal, den Halper an seiner Seite strickt, wird sie ihm zum Schluss als Geschenk umlegen – auch sie bis dahin im körperlichen Volleinsatz, da sie den Riesenarm samt Insassin Winkler mittels Hubwagen/Rollstuhl über die Spielfläche befördert.

Von – natürlich kostengünstigen – Pflegemaschinen, die niemals müde werden, schwärmen deren Hersteller. Nach Ansicht von „ALT“ können einem jedoch Zweifel kommen, ob die künstliche Intelligenz tatsächlich nicht zu Stimmungsschwankungen, Ungeduld, Erschöpfung neigt. In Japan ist Parlo auf dem Siegeszug, der kleine Serviceroboter, der 365 Unterhaltungsprogramme abspulen kann, vom Rätselraten bis zum Rhythmusspiel. Für jeden Tag eins in der Tristesse der Seniorenheime. Die Frage, ob alte Menschen derart nicht eigentlich noch mehr isoliert, da von wirklicher Kommunikation abgeschnitten werden, wird womöglich eine sein, die unsere Generation am eigenen Leib beantwortet finden wird. Wobei diese nach „ALT“ eindeutig so ist, dass man sich eine Pflegerin, wie die gezeigte wünscht …

Nächste Vorstellungen von 15. bis 19. Jänner.

bumbumpieces.at           www.wuk.at

  1. 1. 2020

netzzeit 2019 Out of Control: 701 britische Teelöffel – Viva la muerte!

Oktober 27, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Fideles Totentänzchen um die Hochzeitstafel

Die Hochzeitsgesellschaft wird von der Tödin heimgesucht: Jutta Schwarz, Peter Raffalt, May Garzon, Valentin Ivanov und Tamara Stern. Bild: Nurith Wagner-Strauss

El Día de los Muertos, in diesem Land lieber Allerseelen genannt, ist wohl noch sechs Tage entfernt, aber im Off Theater läuft bereits die perfekte Produktion dazu, zeigt das netzzeit-Festival 2019 Out of Control dort doch „701 britische Teelöffel – Viva la muerte!“ nach Idee und Konzept von Nora Scheidl und Petra Weimer, die beiden auch Ausstatterin und Regisseurin der Uraufführung. Das Thema ist der Tod, heißt hier: die Tödin, denn der Wahlinnsbrucker Komponist Arturo Fuentes, dessen

Soundscapes durch die schwarz ausgekleidete White.Box wabern, ist gebürtiger Mexikaner, heißt: entgegen der Kreisler’schen Wienerliedzeile ist der Sensenmann eine schöne Sensenfrau, La Catrina, als die alsbald Kristina Bangert samt Schnitterwerkzeug auftritt. Auf weicher Friedhofserde – auf der auch das Publikum die Beine abstellt – hat sich eine Hochzeitsgesellschaft versammelt, die Braut wie als Sinnbild des Lebens hochschwanger, der Brautvater von einer Todeskrankheit befallen, über die er sofort loslegt zu sprechen, die Großmutter zufrieden, täglich mehr in einen Zustand zu geraten, in dem sie endlich aufhören kann, „etwas zu müssen“, die Familie im Versuch, die unter der Oberfläche gärenden Verstimmungen mit falscher Fröhlichkeit zu übertünchen.

Sie alle werden vom Nebelsturm einer knochenhändigen Verführerin in ihr persönliches Bardo verblasen, wo sie sich mit dem letalen Ende ihres Wegs konfrontiert sehen. Dies in einer Art andersweltlichem Wartezimmer mit einer dämonischen Ärztin, die mit Kugelschreiber und Klemmbrett bereitsitzt, um jedermanns Psychogramm zu erstellen. Das alles ist mehr Mordsspaß als Absterbens-Amen, die Charaktere Geschöpfe des Makabren, die Monologkette dieser Moribunden so abgrundtief komisch wie hintergründig grotesk wie halszuschnürend heiter. Reduziert auf ein Dasein im Zwischenreich zum Jenseits legt jetzt einer nach dem anderen seine Lebensbeichte ab, allesamt Berichte von Überforderung und Unglück und seelischer Unausgewogenheit.

Mutter-Tochter-Gespräch: May Garzon und Tamara Stern. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Die Tödin holt die Großmutter: Kristina Bangert und Jutta Schwarz. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Pietà mit Tödin und Mutter: Kristina Bangert und Tamara Stern. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Vater-Tochter-Begräbnis: Peter Raffalt und May Garzon. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Peter Raffalt ist als Vater aufgerieben zwischen Karrierismus und seiner Erkrankung, er beklagt seine Ich-habe-keine-Zeit-Existenz, wegen der nun „alle Akkus leer“ seien, die einzigen Mittel, seine Frau noch zu befriedigen, die finanziellen. Von Ernst Kurt Weigel, Lukas Meschik & das Ensemble sowie aus Ilse Helbichs wunderbaren Büchern „Grenzland Zwischenland“ und „Schmelzungen“ stammen die Texte, die von einer Intensität, die so hautnah sind, dass sie einen wie selbstverständlich zur Innenschau veranlassen.

Völlig überdrüber im Drüben ist die grandiose Tamara Stern als selbstoptimierungssüchtige Mutter, die sich mal da, mal dort vom Chirurgen zurechtschnitzen lässt, weil „Männer und Sex eine Körperappetitlichkeit verlangen“, und die das Altersjammern ihres Gatten, die Verdachtsdiagnose als dessen Beschäftigungstherapie nervtötender findet, als sein tatsächliches Hinscheiden. Zur ungeduldigen Witwenanwärterin gesellt sich May Garzon als Tochter. Die Vegan- wie Zynismus zuneigende Heiratskandidatin, vom Zukünftigen zwar „durchgegeilt“, aber „ohne Zuneigungsminimum“, die das Kind, das kommen wird, als noch Leibesfrucht damit bedroht, es einmal „mit mir zu belasten“. Den Krebsbekämpfer-Vater fordert schließlich der computerbesessene Schwiegersohn zum Totentänzchen auf, Valentin Ivanov großartig skurril als egoistischer Egoshooter, ein Gamefighter, den am Sterben eigentlich nur stört, dass er dann sein Videospiel nicht beenden kann.

Dem YouPorn-Nutzer erscheint Kristina Bangert angetan als Lara Croft, anderen im mädchenhaften Tüllrock, anderen im transparenten Top. Mitten im morbiden Menscheln hält die Tödin zum Gaudium der Zuschauer ihre absurden Tutorials: „Wie wasche ich einen Toten?“ – Tipp: nicht scheuern, weil Wunden nicht mehr heilen, oder „Wie gestalte ich mein Totenhemd?“ – mit buntem Garn, und wer will, kann à la Stammbuch Verwandte und Freunde Sinnsprüche draufsticken lassen. Zu Fuentes‘ Soundscapes musizieren live zwei Solisten des Ensemble PHACE, Flötistin Sylvie Lacroix und Trompeter Spiros Laskaridis, deren abrupte Trackwechsel die hart gesetzten Schnitte in der Handlung einerseits unterstreichen, andererseits die scharf abgegrenzten Episoden verbinden.

Familienstreitigkeiten vermiesen die Stimmung an der Festtafel: Jutta Schwarz, Peter Raffalt, May, Garzon und Valentin Ivanov. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Gerade nämlich, als man sich’s bei Black Sabbaths „Paranoid“ und einer Schilderung über die Zustandsformen der Zersetzung gemütlich machen wollte, treten die Darsteller aus ihren Rollen, um von ihrem Zugang zum Tod zu erzählen. Faktisches lagert sich über die Fiktion, wenn es darum geht, ob man sein Begräbnis selber organisieren soll, um den Angehörigen den Ärger damit zu ersparen, oder um die Angst vorm langwierigen Abkratzen, einem Verfall bei lebendigen Leib.

Peter Raffalt aka der sterbenskranke Vater berührt mit seiner Bemerkung über die große Peinlichkeit unter den Bekannten, sobald sich ihnen ein Leidtragender nähert, da sie nicht wissen, wie sie mit der Scham des Überlebens umgehen sollen. Längst ist da nicht mehr klar, wo das privat Erfahrene anfängt und das beruflich Erdachte aufhört, wo die Trennlinie zwischen Sein und Nichtmehrsein verläuft. Dem noch eins drauf setzt die sensationell ihre Abgeklärtheit zur Schau stellende Jutta Schwarz. Sich verbrennen zu lassen, so hätte sie erfahren, sei bezüglich ökologischen Fußabdrucks bedenklich. Weil dafür so viel Energie aufgewendet werden müsse, wie sie einen kompletten Haushalt einen ganzen Monat lang versorgen könnte.

Sarg, sagt sie, Jahrzehnte vor sich hin zu verwesen, sagt sie, sei keine Option. In Seattle gäbe es allerdings seit Kurzem die Möglichkeit eines Kompostbegräbnisses. Darauf hofft die Schwarz auch in Wien – zu einem Kubikmeter Humus für die Gärten ihrer Kinder will sie werden. Darauf reichen die Schauspieler – jesús!, salud!, sus! – klaren Schnaps und pikante Kekse. Der britische Teelöffel übrigens ist ein ebendortiges Raummaß, und deren exakt 701 sind es, die das Volumen eines eingeäscherten Leichnams ergeben, das man in die Urne füllt.

www.netzzeit.at           off-theater.at           www.arturofuentes.com

  1. 10. 2019

Systemsprenger

September 26, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Lauter Schrei nach Liebe

Pflegefamilien, Wohngruppen, Sonderschule – Benni fliegt wegen ihrer aggressiven, unberechenbaren Art überall raus: Helena Zengel. Bild: © Yunus Roy Imer

Wenn dieses Mädchen pink sieht, hat das nichts mit einer Barbie-Puppen-Welt zu tun. Grelles Rosa durchströmt Bennis Kopf, wenn sie einen ihrer Ausraster hat. Dann tobt die zierliche Neunjährige, schlägt – sogar nach Erwachsenen -, attackiert Gleichaltrige bis deren Blut fließt, schmeißt mit Tretautos, bis selbst Sicherheitsglas birst. Die Bobbycars, die in einer der ersten Szenen durch die Luft fliegen, sind als Synonyme für eine

glückliche Kindheit und eine frühe Zugehörigkeit zur Konsumgesellschaft gleichsam Bennis Feindbild. Derlei ist ihr nämlich verwehrt. Pflegefamilien, Wohngruppen, Sonderschule: Alles hat sie schon hinter sich, und überall fliegt sie wegen ihrer aggressiven, unberechenbaren Art wieder raus. Benni ist das, was man beim Jugendamt einen „Systemsprenger“ nennt.

Am 27. September kommt Nora Fingscheidts Film in die Kinos. Die Regisseurin und Drehbuchautorin hat für dies Debüt, das auf der Berlinale einen Silbernen Bären gewann und als deutscher Bewerber für den Auslands-Oscar eingereicht wurde, intensiv recherchiert. „Systemsprenger“, erklärt sie, „sind Kinder mit unglaublicher Kraft und Ausdauer. Aber sie sind tragische Figuren, weil sie so früh schon Schlimmes erleben müssen, im schlimmsten Fall gewalttätige Jugendliche werden, und als nunmehr ,Täter‘ ihre Chancen für die Zukunft aufs Spiel setzen.“ Auch bei Benni ist nur der Rucksack mit ihren paar Habseligkeiten leichtes Gepäck, der emotionale Ballast samt Trauma aus der Babyzeit wiegt schwer. Und wenn ihr die Wut der Verzweiflung gar unkontrollierbar hochkommt, landet die Außenseiterin in der Kinderpsychiatrie, von Medikamenten „ruhiggestellt“ und im Bett fixiert.

Wie also mit „Problemkindern“ wie Benni umgehen?, ist die Frage, die Fingscheidt stellt. Ganz klar ist Bennis Verhalten ein lauter Schrei nach Liebe. Nichts möchte sie mehr, als zurück zu ihrer Mutter. Doch die hat keinen Job, noch zwei kleinere Kinder und einen cholerischen Partner. Einmal sagt diese von Lisa Hagmeister fulminant dargestellte labile Frau, dass sie sich vor ihrer Ältesten fürchtet. Allein ihr Girlie-Look bei gleichzeitig gehetztem Aussehen lassen diese Bianca Klaaß auf nur einen Blick als „dysfunktional“ erscheinen. Immer wieder macht sie Rückzieher, was Bennis Nachhausekommen betrifft. Das System indes versucht den schwierigen Fall wegzuorganisieren – nach Kenia, zu einem „Intensivprojekt“ …

Bianca Klaas ist völlig überfordert mit ihrer Tochter: Lisa Hagmeister und Helena Zengel. Bild: © Yunus Roy Imer

Frau Bafané vom Jugendamt versucht das Menschenunmögliche: Gabriela Maria Schmeide und Helena Zengel. Bild: © Yunus Roy Imer

Dass „Systemsprenger“ trotz dieser inhaltlichen Voraussetzungen nicht zum Sozialdrama wird, liegt an einer seltsamen Poesie, die Fingscheidt als Folie über ihren Film legt. Der bis dato Dokumentarfilmerin geht es nicht um Analyse, sondern darum, für Bennis extreme Gefühlswelt beim Zuschauer Mitgefühl zu erzeugen. Den größten Anteil am Gelingen dieser Unternehmung hat Helena Zengel, mit elf Jahren schon ein Profi vor der Kamera, und eben erst für eine Hauptrolle in Paul Greengrass‘ Western „News Of The World“ engagiert, die sie an der Seite von Tom Hanks absolvieren wird.

Wie diese junge Schauspielerin mit einer jede Minute neu explodierenden Energie die Benni verkörpert, ist einfach phänomenal. Zengel changiert zwischen Frechheit und Fragilität, zwischen Tragi- und -komik, wenn sie das gibt, was man auf Wienerisch ein Rotzmensch nennt. Zum Herzbrechen traurig ist ihr ausdrucksloses Gesicht, wenn sie unter Drogen gesetzt auf Station liegt. Beängstigend wirkt ihr zuckender Körper, wenn sie ein anderes Kind krankenhausreif prügelt.

Dazu Bennis Gebrüll: „Ich hasse euch!“, „Fick dich!“ oder „Arschloch“. Es ist, als würde man in ein chirurgisch freigelegtes Nervensystem schauen, während Bennis Synapsen den immer gleichen Ablauf signalisieren: Versuch einer Kooperation, Verkettung von Konfliktsituationen, katastrophaler Ausbruch. Kein Wunder, dass sich auch Kameramann Yunus Roy Imer von dieser Performance mitreißen ließ. In oftmals hektischen Bildern überträgt er das Feuer der elfenhaft blonden Berserkerin auf die Leinwand. Auf eine Reihe schneller Sequenzen folgen – je nach Bennis Stimmung – Sekunden der Ruhe, bis Imer seine Arbeit in farbgedimmten Erinnerungs- oder Fantasiefetzen auflöst, dazu auf der Tonspur hämmernder Punk. In diesem sensuellen Akt, den Betrachter auf Augenhöhe mit der gequälten, also quälenden Benni zu bringen, liegt die Stärke von „Systemsprenger“.

Micha, eigentlich Anti-GewaltTrainer für straffällige Jugendliche, setzt auf eine ungewöhnliche Therapie: Albrecht Schuch und Helena Zengel. Bild: © Yunus Roy Imer

Rund um Benni zeigt Fingscheidt die engagierten Selbstaufopferer im Sozialbereich. Die großartige Gabriela Maria Schmeide als warmherzige Frau Bafané vom Jugendamt sucht mit viel persönlichem Einsatz und übers Menschenmögliche hinaus nach einer dauerhaften Bleibe für Benni, droht aber mit jeder zugeworfenen Tür mehr zu resignieren. Schließlich jedoch wagt die Windmühlenkämpferin, an der

ersichtlich wird, dass Benni auch bei ihren Umarmungen überreagiert, ein letztes Experiment und engagiert Micha, eigentlich ein Anti-Gewalt-Trainer für straffällig gewordene Jugendliche, den Albrecht Schuch zumindest anfangs mit stoischer Gelassenheit ausstattet. Auf seinen Vorschlag hin, fährt er mit Benni für einige Wochen in seine Waldhütte, wo sie – ohne Strom, heißt: ohne Fernsehen und Computerspiele -, in der Stille ein wenig Frieden finden soll. Der Nachbarsbauer hat dazu eine deutliche Meinung: „Statt die Kinder zu erziehen, machen Sie mit ihnen Halligalli, und ich zahl‘ auch noch mit meinen Steuergeldern dafür.“

Nach anfänglichem Widerstand lässt Benni sich auf Micha ein, doch der sonst so toughe Typ kommt in der Begegnung mit dem Mädchen an seine Grenzen. Wie sich da in Albrecht Schuchs Antlitz die Erschütterung ob dieses Kinderschicksals widerspiegelt, ist anrührend. Alsbald ist ihm klar, dass er seine professionelle Distanz verliert, aber nichtsdestotrotz lässt er Benni in seinem Haus übernachten, für die zutiefst verstörte Herumgestoßene ein Vater-Mutter-Kind-Paralleluniversum, in dem sie in aller Früh – Atemstockmoment – Michas Baby aus dem Gitterbett nimmt …

„Systemsprenger“ ist ein einfühlsamer Film, der sich mit einer sorgfältig erzählten Geschichte und eindrucksvoller eigener Handschrift eines wichtigen Themas annimmt. Wobei Fingscheidt der zunehmenden Vereisung zwischenmenschlicher und gesellschaftlicher Beziehungen, die der internationale Autorenfilm so gern darlegt, die Überhitzung ihrer jugendlichen Protagonistin entgegenhält. Fingscheidt veranschaulicht, dass ein Kind, das nie Sicherheit erfahren hat, nicht von Erziehungsprofis aufgefangen werden kann, die ihm ständig Trennungen zumuten. In der schmerzlichsten Szene des Ganzen will Benni, mit Micha auf einen Berg gewandert, ein Echo erzeugen und ruft „Mama! Mama! Mama!“ gegen die gegenüberliegende Felswand. Doch nichts kommt zurück. Da fährt Fingscheidt volles Risiko: Happy End ist was für Weicheier, und Nina Simone singt „Ain’t got no home …“

 

www.systemsprenger-film.de

  1. 9. 2019

netzzeit 2019 Out of Control: Dionysos Rising

September 20, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Bakchen wurden in die Psychiatrie überstellt

Umringt von allerlei surrealem Volk: Zachary Wilson als Dionysos mit Knochendaimon Evandro Pedroni, Da Yung Cho als Telete, Waldgeist Britt Kamper-Nielsen, Faun Juliette Rahon, Anna Quadrátová als Semele und Nymphe Luan de Lima. Bild: © netzzeit

“Ist der Dame nicht gut?”, fragt eine Zuschauerin mit Blick auf die junge Frau, die sich in einer Ecke auf dem Boden windet. Es ist Sopranistin Da Yung Cho in ihrer Rolle als Telete, die die prickelnde Atmosphäre des Sektempfangs auf der Spielfläche stört. Gerade, als das Publikum sich zuprostet, der Gott des Weines wie des Rauschs lässt keine gläserne Flöte lange leer, wird seine Tochter verhaltensauffällig, die Vortänzerin seines Nachtvolks nicht mehr nur im Ritual rasend – und schon stürmen Ärzte und Pfleger den Raum. Die Bakchen, sie wurden in die Psychiatrie überstellt …

Nach der umjubelten Uraufführung in Trient brachten Regisseur Michael Scheidl und Ausstatterin Nora Scheidl die Oper “Dionysos Rising” gestern im Wiener MuseumsQuartier zur Österreichischen Erstaufführung. Das musiktheatralische Werk von Komponist und Librettist Roberto David Rusconi markiert gleichsam den Auftakt von “netzzeit 2019 Out of Control” mit insgesamt drei Produktionen, die unter dem Motto “Der ewige Augenblick” stehen. Rusconi ließ sich für seine Arbeit von den „Dionysiaka“ des spätantiken, byzantinischen Dichters Nonnos von Panopolis inspirieren. Entstanden ist ein Meisterstück aus Schauspiel, Gesang – in italienischer Sprache mit Übertiteln – und Tanz.

Das Klangerlebnis ist ein einzigartiges, sind doch das live hinter der Bühne musizierende Instrumentalensemble PHACE unter der Leitung von Dirigent Timothy Redmond und sieben Chorstimmen dank des Surround Sounds von L-ISA, derzeit die innovativste Technologie auf diesem Gebiet und von Rock- und Elektropop-Bands wie Aerosmith oder Lorde bereits mit Begeisterung benutzt, von allen Seiten des Raums zu hören. „Soundscape“, Klanglandschaft, nennt Rusconi das so entstehende Phänomen, und er weiß sich damit als Pionier in Sachen Musikdrama.

Männliche Nymphe trifft auf weiblichen Faun: Die Tänzer Luan de Lima und Juliette Rahon. Bild: © netzzeit

Der Knochendaimon gibt Semele den Blutwein des toten Ampelos: Evandro Pedroni, Ray Chenez und Anna Quadrátová. Bild: © netzzeit

Dass derzeit am Burgtheater Ulrich Rasches Interpretation der Euripideschen „Bakchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34408) zu sehen ist, ist eine Koinzidenz, die wohl niemand vorhersagen hätte können. Bei Rasche wie bei Rusconi steht Dionysos für Instinkt und Emotion, für Kräfte jenseits des Rationalen, doch was dem einen numinos erscheint, erfasst der andere als heilsbringend. Die Welt müsse weg von einem Wertesystem, in dem Information mit tieferem Verständnis gleichgesetzt wird, befindet denn auch Michael Scheidl in seinen einleitenden Worten.

Leistungsdruck, Geldgier, Selbstentfremdung, den von Politik und Wirtschaft befeuerten “Flächenbränden des Hasses und der Regenwälder”, gelte es Empathie und Mut zur mänadischen Ekstase entgegenzusetzen. Im Erkennen, dass einen ein Zuviel an Seelenregung in der kalten Nüchternheit dieser Tage aber schnurstracks in die Nervenheilanstalt bringt, hat Rusconi eine solche als Setting gewählt. Zwangseingewiesen sind vier ver-rückte Menschen, deren Leiden die beiden “seriösen Herren” Michael Scheidl und Claudio Polzer diagnostizieren: Sopranistin Anna Quadrátová als Dionysos‘ Mutter Semele ist eine von Wahnvorstellungen von Feuern gepeinigte Frau.

Mit Kaiserschnittnarbe, aber ohne Säugling, wurde sie doch laut Mythologie, als sie Zeus in seinem ganzen Glanz sehen wollte, von diesem verbrannt – worauf Hermes ihre Leibesfrucht bis zur Geburt in Vater Zeus’ Oberschenkel barg. Dass ihr ihre absonderliche Sex-Story niemand glaubt, versteht sich. Sopranistin Da Yung Cho ist als Dionysos‘ Tochter Telete eine offensichtlich mehrfach vergewaltigte Borderlinerin, die allen ihre Freundschaftsbändchen aufzwingt.

C-Tenor Ray Chenez sitzt als Dionysos‘ Geliebter Ampelos im Rollstuhl. Denn der Legende nach stürzte der Satyr von einem Stier, den er bei einer Jagd ritt, wurde vom wütenden Tier zu Tode getrampelt, und von Dionysos daraufhin als Sternbild des Bärenhüters an den Himmel gehoben. Rusconi hat ihm eine narzistische Persönlichkeitsstörung verpasst, Nora Scheidl eine Taleguilla, eine Matadorhose, und Michael Scheidl lässt ihn damit zähnefletschend grinsend über die Spielfläche fahren. Und schließlich Bassbariton Zachary Wilson als der Gott höchstselbst – ein herablassender Heroinsüchtiger im Slim-Fit-Anzug, bei dem die Psychiater Größenwahn und eine kognitive Störung konstatieren.

Da Yung Cho macht auf wütender Stier, hinten: Ray Chenez als Rollstuhlfahrer Ampelos. Bild: © netzzeit

Die Bakchantinnen und Bakchanten feiern im wilden Tanz ihren Gott Dionysos: Evandro Pedroni. Bild: © netzzeit

Wie diese jungen Sängerinnen und Sänger stimmlich absolut auf der Höhe sind, vor allem darf man von Chenez‘ die Luft zerschneidendem, eisklarem Timbre angetan sein, ist großartig, dass sie es auch darstellerisch und tänzerisch sind, gehört zu den erstaunlichen Momenten dieser Aufführung. Als wären sie einer die Halluzination des anderen prallen die im klinischen Orkus Gestrandeten nun aufeinander, holen aus Kartons ihr Hab und Gut, eine kopflose Babypuppe und Stilleinlagen, goldene Parfümflakons und Kokain fürs “süße Delirium”, einen Kranz aus Weinlaub für den Fleisch gewordenen Rebstock.

Und während Dionysos auf Ampelos trifft und ihn zärtlich “Mondkalb” nennt, während Telete versucht, sich mit ihrer Strumpfhose zu erdrosseln, und Semele mit ihrem Therapeuten spricht, donnern aus dem Off die düsteren Stimmen von Göttervater Zeus, von der den Schicksalsfaden kappenden Moira Atropos, von Ate, Göttin der Verblendung, und von dem die Ewigkeit lenkenden Eon. Mehr und mehr verschmelzen die Protagonisten mit ihren klassischen Vorbildern, sich verzehrend nach dem einen, im Schmerz über den unwiederbringlichen Verlust von Lebensfreude und Lust, Opfer hier – siehe Rasche – nicht des Sorgenbrechers, sondern eines apollinischen Prinzips.

Einer Kopflastigkeit, die der Körperlichkeit den Kampf ansagt. Bahn bricht sich nun Rusconis und Scheidls Plädoyer, die Macht von Empfindungen wieder auf Augenhöhe mit der Geistesstärke zu bringen. Der Albtraum wird zum Traumtanz, die beigen Wandpaneele fallen, Geschlechtszuschreibungen ebenso, und die Tänzerinnen und Tänzer, Luan de Lima als männliche Nymphe, Britt Kamper-Nielsen als Waldgeist, Evandro Pedroni als Knochendaimon und Juliette Rahon als weiblicher Faun, stellen sich mit den Sangeskünstlern zum stilisierten Sirtaki auf. Es ist das Totenfest für Ampelos, doch unter Dionysos’ Ägide verfliegt die Trauer rasch. Immer verzückter und entrückter stampfen sie auf, drehen sich in der Choreografie von Claire Lefèvre wie in Trance. Wenn Chaos konstruktiv und Methode ist, wieviel Sinn liegt dann im Wahn? Eine Frage, die “Dionysos Rising” auf geradezu genialische Art stellt. Antworten darauf kann man noch heute und morgen suchen.

Teaser: www.facebook.com/newmusictheatrefestival/videos/2490249161233863/          www.netzzeit.at

  1. 9. 2019

Burgtheater: Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

September 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ehe-Exzess auf Scherbenhaufen

Noch verläuft die Party gesittet: Norman Hacker als George, Nora Buzalka als Honey, Bibiana Beglau als Martha und Johannes Zirner als Nick. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Als dritte Premiere seiner Amtszeit übersiedelte Martin Kušej seine 2014er-Inszenierung von Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ vom Münchner Resi ans Burgtheater. Wohl kaum ein Theatergeher, der’s nicht schon gesehen hat, dies Ehe-Gemetzel, für das ein älteres Paar ein jüngeres vorgeblich zum Absacker nach einer Party beim Collegerektor in sein Haus einlädt, tatsächlich um ein Publikum für sein scheußliches Schauspiel zu haben.

Und so verstricken Geschichtsdozent George und Rektorentochter Martha den neu am College engagierten Biologieprofessor Nick und dessen Bessere-Hälften-Hascherl Honey immer tiefer in ihre grausamen Rituale. Es wird einander verhöhnt und gedemütigt und es dem jeweils anderem mit gleicher Münze heimgezahlt. Das von Jessica Rockstroh dafür entworfene Schlachtfeld ist ein klinisch weißer Laufsteg, ein unterkühlt-stylischer Raum für die bald erhitzten Gemüter. Im symbolträchtigen Abgrund darunter lauert der sprichwörtliche Scherbenhaufen aus zerschmissenen Flaschen und Gläsern, der stetig wachsen wird, wenn in der nun folgenden alkoholtriefenden Atmosphäre Geheimnisse enthüllt und Glückslügen entlarvt werden.

Mit der giftgrünen Leuchtschrift „Fun and Games“, Albees Betitelung des ersten Akts, eröffnet Kušej den mutmaßlich berühmtesten Ehe-Exzess der Dramengeschichte, bezeichnen doch Martha und George ihre kriegerische Auseinandersetzung als „Spiele mit festen Regeln“. Am Burgtheater wissen Bibiana Beglau und Norman Hacker mit gezielten Verbalschlägen ins Schmerzzentrum des anderen zu treffen, bis es ihnen selbst wehtut. Ihnen zur Seite stehen Nora Buzalka als Honey und Johannes Zirner als Nick. Kušej nimmt sich des Seelenzerstückelungsstücks als – Zitat – „ganz große Liebesgeschichte“ an. Er lässt Beglaus Martha und Hackers George ihre tiefenpsychologische BDMS-Beziehung auf der Bühne mit einem Infight um Georges Hosenreißverschluss beginnen.

Das verbale In-die-Ecke-Treiben wird zum sexuellen Akt: Bibiana Beglau und Norman Hacker. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Dank zu viel Alkohol wird daraus mit Sicherheit kein Nick-Fick: Johannes Zirner und Bibiana Beglau. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Das In-die-Ecke-Treiben wird somit vom Wortgefecht zum greifbar sexuellen Akt, doch wie bei Kušej Albees Protagonisten heftig aufeinanderprallen, so hart trennt er sie wieder – mittels Blackouts, als müsste per Stromausfall die Hochspannung abgemildert werden. Dass der derart in Tableaux geteilte Text nichts an seiner emotionalen Intensität, sie scheint Kušej wichtiger als der scharfanalytische Gesellschaftskritikblick, den man aus anderen Aufführungen kennt, verliert, ist dem grandiosen Darstellerquartett zu danken. Allen voran der prima inter pares dieses Abends, Bibiana Beglau, die ihre Martha zetern und keifen, wimmern und anklagen lässt. Mit großer Lust am Vulgären gestaltet sie diesen im Wortsinn Man-Eater, doch kann in Windeseile von tyrannischer Verführungskunst zu würgender Traurigkeit, von furioser Salonlöwin zu gehässiger Megäre wechseln.

Gleichzeitig verletzend und verletzlich wirbt sie um ihren Mann, dem Norman Hacker Kontur verleiht. Sein George ist alles andere als der übliche Schwächling, im Gegenteil mimt er den abgeklärten Intellektuellen, für den die akademische Laufbahn angeblich bedeutungslos ist, der aber in Wahrheit seine Wunden mit süffisantem Sarkasmus und einer schaumgebremsten Schadenfreude pflegt. So beklemmend erst Marthas und Georges Versuch, sich vor den Gästen heiter zu geben, ist, so furchterregend wird die Stimmung je mehr sich die Gewaltspirale in die Höhe schraubt. „Gut, besser, am besten, bestialisch“, steigert der bis aufs Blut reizende George seine Martha, und gibt sich nach ihrem misslungenem Fick mit Nick vollkommen gleichgültig. Da mutiert Martha kurz zum nackten Elend, und die kleine Geste, mit der George der unbekleidet Hingestreckten schnell sein Sakko überwirft, sagt mehr über die beiden aus, als ihr fortwährendes Geplänkel. Sie rafft sich aber rasch wieder auf, um dem Koital-Versager den Rest zu geben.

Und während solcherart die Handgreiflichkeiten handfester werden, es George gelingt, der Runde Geständnisse zu entlocken, die er im Handumdrehen gehen sie einsetzt, versucht Johannes Zirner als erst herzenskalter, nun in Grund und Boden erniedrigter Ehrgeizling Nick zumindest seine Männlichkeitsfassade aufrecht zu erhalten, indem er sich Honey gegenüber immer brutaler und unflätiger benimmt. Schon glaubt man, dass die Jungen jederzeit die Plätze der im eigenen Wahnwitz brodelnden Gastgeber einnehmen werden. Doch Nora Buzalkas Honey ist nicht bereit sich unterkriegen zu lassen, sie stattet die sonst meist unbedarft Naive stattdessen mit aufbegehrendem Stolz und trotziger Würde aus. Es ist dieser Charakter von dem es anzunehmen gilt, dass er diese durchsoffene Nacht am ehesten unbeschadet übersteht.

Smalltalk überm Scherbenhaufen: Norman Hacker, Bibiana Beglau, Nora Buzalka und Johannes Zirner. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Bis dahin aber brechen die Krusten der Gutbürgerlichkeit auf, darunter fließt ein Lavastrom alles verzehrender Leidenschaften, und Martha begeht den Kardinalfehler, das einzige ihr von George verbotene Thema aufs Tapet zu bringen, den „verstorbenen Sohn“, die gemeinsame, vor der Außenwelt bis dahin beschützte Illusion des nachkommenlosen Paares – mit der Folge: totale Eskalation, inmitten der George Martha zwingt, sich von der Flucht in ihre Vater-Mutter-Kind-Fantasiewelt zu verabschieden. Nie traf Sartres Spruch „Die Hölle, das sind die anderen“ trefflicher zu, als auf Albees Viererbande.

In der Kušej-Produktion strecken Martha und George am Ende erschöpft die Waffen, bevor sie nach seiner Hand tastet und sie schließlich in die ihre nimmt. Man wünscht den beiden, dass sie’s vom von Kušej mit Verve befeuerten Ehe-Inferno jetzt endlich über den Läuterungsberg im Purgatorio schaffen.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2019