Soho in Ottakring: Die Arbeit ist noch nicht zu Ende

Oktober 20, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Fotoschau über das „Jenseits des Unbehagens“

honey & bunny: Putzen. Bild: Stummer, Hablesreiter und Akita

Ab 25. Oktober zeigt „Soho in Ottakring“ im Alten Kino im Sandleitenhof die Fotoausstellung „Die Arbeit ist noch nicht zu Ende“ als Teil des diesjährigen Festivalmottos „Jenseits des Unbehagens. Vom Arbeiten an der Gemeinschaft“. Gezeigt werden vier künstlerische Positionen, die sich mit Themen zu Arbeits- und Produktionsverhältnissen befassen.

Mit deren Bewertung aufgrund von Machthierarchien, mit Ausgrenzungen in der Arbeitswelt und mit Strategien der Selbster­mäch­tigung. In den modernen westlichen postindustriellen Gesellschaften ist Arbeit immer noch wesentlich für Anerkennung, Sinnfindung, und Überwindung von sozialen Ungleichheiten. Die Erwerbs­tätigkeit von Frauen oder die berufliche Integration von Migrantinnen und Migranten sind gute Beispiele, wie Teilhabe an der Arbeitswelt zu sozialer Gerechtigkeit führen kann. Der Arbeitsplatz ist vor allem ein Ort der Auseinandersetzung mit sozialen Realitäten: Menschen lösen Probleme und werden dadurch selbstbewusster, sie fühlen sich nützlich und integriert. Andererseits bewirken Arbeitslosigkeit und gesetzlicher Ausschluss aus der Erwerbstätigkeit Krisen. Gleichermaßen führen Tätigkeiten, die als minderwertig abgetan werden, zu Erfahrungen fehlender sozialer Achtung und zu einem sinkenden Selbstwertgefühl. Prekäre und flexible Arbeitszeitstrukturen verhindern, Arbeit als erfüllend zu erleben.

Teaching while black. Bild: Abiona Esther Ojo

Werkzeuggespräche 2017. Bild: Paul Sturm

Neben „Putzen“ von honey & bunny und „Fluxus Fire“ von FXXXism (Iv Toshain und Anna Ceeh) sind der Text- und Bildzyklus „Waste“ von Wolfgang Krammer und die Installation „Teaching while black“ von Belinda Kazeeem zu sehen. Während sich der Landschaftsfotograf mit dem „Wegwerfartikel“ Möbel befasst, zeigt Kazeem die Probleme schwarzer Unterrichtender in einem weißen Bildungssystem auf. Zu den Themen finden außerdem „Werkzeuggespräche“ statt.

www.sohoinottakring.at

20. 10. 2014

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe

August 17, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine längst fällige literarische Wiederentdeckung

buch1„Keine Gefühle zeigen. Nicht weinen. Lass niemanden an dich ran“, so beschrieb Lucia Berlin ihren Schreibstil in einem Brief an ihren Dichterfreund August Kleinzahler. Dass nun der Arche Verlag die Geschichten der 2004 verstorbenen amerikanischen Erzählerin, dreißig ihrer Shortstories, veröffentlicht hat, darf als eine der literarischen Sensationen der Saison gewertet werden. Lucia Berlin, das ist keine Wieder-, sondern vielmehr eine Neuentdeckung einer viel zu lange unter Wert geschlagenen Autorin. Mittlerweile wird sie mit Raymond Carver, Richard Yates oder William Faulkner verglichen.

Berlins Geschichten sind gnadenlos, rücksichtslos gegenüber ihren Figuren und ihren Lesern; zartbesaitete werden weinen, wenn Neugeborene sterben und Frauen an den Rand der Existenz getrieben werden, an dem ihre Männer schon dahinvegetieren. Die meist zehn, fünfzehn Seiten langen Texte, „Makadam“ kommt gar mit einer Seite aus, bieten weder Auf- noch Erlösung. Berlin weiß um die Schrecken des Lebens, es ist ein Wunder, wie sie über Widerliches, Widerwärtiges so warmherzig schreiben kann, doch sie kann offenbar das Absurde in der Verzweiflung sehen und darüber lachen.

Es ist ein Lachen, „das vom Schmerz in jeder Freude wusste und sich darüber lustig machte“, wie sie in „Tigerbisse“ über die Südstaatenschönheit Bella Lynn berichtet. Berlin ist eine Zeugin, eine Chronistin des allzu Menschlichen. Ihre Ich-Erzählerinnen sind Sekretärinnen in Notaufnahmen, mexikanische Migrantinnen, missbrauchte Mädchen, Sprechstundenhilfen in Entzugskliniken, Drogensüchtige, Alkoholikerinnen … Berlin nennt sie ihre Nicht-Ichs und die Frage, ist, ob man ihr auf den Leim geht, wenn man Autobiografisches aus ihren Geschichten herausliest oder wenn nicht. Ein Körnchen Wahrheit ist jedenfalls, dass Berlin an all diesen Orten war, erst als Erkrankte, später als Mitarbeiterin. „Ich mag die Tatsache, dass in der Notaufnahme alles reparabel ist – oder nichts“, schreibt sie im „Notaufnahme-Notizbuch, 1977“. Und wie eine Therapeutin, die weiß, dass Kranken mit Mitleid nicht geholfen ist, denn wem wäre schon geholfen, wenn noch einer leidet, spornt Berlin ihre Charaktere mit liebevoller Härte an.

Die schnelle Prosa hat die jeweilige Alltagssprache der von ihr porträtierten Frauen, verknappter Slang steht neben kultivierten Stimmen, als sichere der Wechsel im Tonfall den Figuren ihr angestammtes Terrain. „Ihre Erzählungen fauchen“, nannte es The New York Times Book Review. Tatsächlich sind die Texte teilweise wie gesprochen, weshalb Berlin auch auf Satzzeichen wenig wert legt. Ein Beistrich?, den hörte man doch sowieso nicht. Zur Meisterschaft vollendet sie ihren Stil in „Mijito“, indem sie eine minderjährige mexikanische Mutter und eine US-Krankenschwester aus deren unterschiedlichen Perspektiven sprechen lässt. Die Angst und Naivität der einen, die gesetzlich vorgeschriebene Ohnmacht der anderen, das beiderseitige Missverstehen, der schlampige Umgang mit „Zugewanderten“, das alles macht einen so wütend, dass es einem den Atem nimmt. Auf der Strecke bleibt das Unschuldige, das Verletzlichste, das Baby.

Dann wieder ist Berlin unverblümt sexistisch. Sie pflegt einen weiblichen Machismo, wenn sich eine ihrer Protagonistinnen den in einigen Geschichten wiederkehrenden Taucher César nimmt. In „Leid“ – und Berlin betreute die ihre wirklich bis zu deren Ableben – führt sie ihn für eine Liebesnacht ihrer an Krebs sterbenden Schwester zu. In „Eine Liebesaffäre“ schützt die Ich-Erzählerin eine fremdgehende Kollegin so intensiv, dass deren Ehemann sie für die Geliebte seiner Frau hält. Dass es da einen anderen Mann geben könnte, auf die Idee kommt er gar nicht. So viel auch zu Berlins sonderlichem Sinn für Humor.

Der Titel des Buches stammt von der Shortstory „Nach Hause finden“, einer von Berlins letzten. Eine alte Frau, das tragbare Sauerstoffgerät neben sich, sitzt auf der Veranda ihres Hauses. Das heißt: diesmal auf der vorderen, obwohl sie normalerweise die hintere bevorzugt. Da sieht sie zum ersten Mal die vielen Vögel in einem Baum, die kommen, sich versammeln, um gemeinsam wegzufliegen. Dorthin, wo es wärmer, schöner, besser ist. „Was habe ich sonst noch verpasst? Wie oft war ich in meinem Leben gewissermaßen auf der hinteren Veranda statt auf der vorderen? Was hat man mir gesagt, ohne dass ich es hörte? Welche Liebe mag es gegeben haben, die ich nicht spürte?“ Und wieder rührt Berlin an eine persönliche Schmerzgrenze, überschreitet sie, nur um zu zeigen, wie schutzlos Leben ist, steckt den Finger in die Wunde der Selbsterkenntnis und lässt nicht zu, dass diese herzblutende Stelle je vernarben könnte. Das muss man als Leser aushalten, wenn man ihre Geschichten lesen will. Und man kann sich keinen vorstellen, der das nicht möchte.

Über die Autorin:
Lucia Berlin wurde 1936 in Alaska geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Familie nach Chile, wo Berlin im Alter von zehn Jahren an einer Skoliose erkrankte. Ihre Kindheit zwischen einer depressiv-aggressiven Mutter, einem als Bergbauingenieur permanent abwesenden Vater und einem Großvater, der sich an den weiblichen Wesen der Familie vergriff, war der blanke Wahnsinn. Berlin war dreimal verheiratet und Mutter von vier Söhnen, die sie allein großzog. Sie arbeitete als Lehrerin, Sprechstundenhilfe, Putzfrau, Sekretärin, verlor ihre Jobs aber immer wieder schnell, weil sie ein Leben lang mit ihrer Alkoholsucht kämpfte. Und ein Leben lang begleitete Berlin auch die Sorge, sie könnte werden „wie sie“ – ihre Mutter. Die Erzählungen, entstanden in den 1960er- bis 1980er-Jahren, wurden in Zeitschriften und später in drei Erzählungsbänden veröffentlicht. Von 1994 bis 2000 war Berlin Dozentin an der Universität von Boulder in Colorado. Sie starb 2004 im kalifornischen Marina del Rey.

Arche Verlag, Lucia Berlin: „Was ich sonst noch verpasst habe“, Roman, 384 Seiten. Aus dem Amerikanischen von Antje Rávic Strubel.

www.arche-verlag.com

www.luciaberlin.com

Wien, 16. 8. 2016

Schauspielhaus Wien: Noch ein Lied vom Tod

Januar 11, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Poesie und Brutalität im Plattenbau

Steffen Höld, Florian von Manteuffel, Simon Zagermann Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Steffen Höld, Florian von Manteuffel, Simon Zagermann
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Das Personal ist da: der Barkeeper, der Gambler, die Saloonschönheit, der (in dem Fall die) Leichenbestatter(in), der Sheriff mit dem dunklen Geheimnis, das erst knapp vor Ende enthüllt wird, Tumbleweed, dazu immer wieder das musikalische Motiv von „Cheyenne“ Jason Robards. Und verwahrloste Kinder. „Noch ein Lied vom Tod“ heißt das Stück von Juliane Stadelmann, das nun in der Regie von Daniela Kranz am Schauspielhaus Wien uraufgeführt wurde. Zum Glück eine Western-Farce (weil’s sonst nicht zum Aushalten wäre), für die Sergio Leone der Pate war. Und doch viel mehr. Eine wahre Geschichte. 1999 entschied in Frankfurt an der Oder eine junge Mutter 14 Tage lang mit ihrem neuen Lover um die Häuser zu ziehen. Ihre zwei- und dreijährigen Söhne ließ sie zu Hause zurück. Im Plattenbau. Sie haben geweint, sie haben geschrien, die haben mit Löffeln auf Türlinken getrommelt. Im Plattenbau ist es laut, da hören die Nachbarn weg. Als man sie fand waren – so Frau Tod – ihre Knie das Dickste am Körper, ihre Leichenflecken durch das Sofa gesickert. Die Geschichte ist topaktuell, egal, ob einen die Mutter im Stich lässt oder Vater einen „versehentlich“ mit kochend heißem Duschwasser tötet.

Die Grausamkeit treibt es mit dem Schicksal wie eine wilde Hure und bringt sich dabei selbst um den Verstand.

Hans-Gratzer-Stipendiatin  Stadelmann hat einen großartigen Text verfasst, der zwischen Poesie und Brutalität changiert. Und durchaus – so paradox es klingen mag – sehr zum Lachen ist. Zum Schluß folgt noch ein Cut, in dem das mutmaßliche Sterben der Kinder veranschaulicht wird, dass einem übel wird. Eine interessante, intelligente, in Summe gewaltige Leistung. Daniela Kranz fackelt dazu ein Ideenfeuerwerk wie funkensprühende Sporen ab. Kranz‘ Bühnenbild ist ein schiefgelegter Plattenbau. Balkone wie Erdlöcher, aus denen die Protagonisten auftauchen. Gleichzeitig der Ex-DDR-Kiosk, an dem an sich mit Hochprozentigem abfüllt. Alles und alle sind hier sehr cool. Eine Überlebensstrategie.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Sheriff/Kommissar Udo in Person von Florian von Manteuffel, der inmitten von „nur Kindern und Mördern“ versucht, das Unbegreifliche zu verstehen. Hans, der Kioskbetreiber oder Barkeeper, dargestellt von Steffen Höld, sieht das alles lakonisch. Leben geht und Leben kommt. So wie seines, das einem Riesenkaktus zum Opfer fällt. Das Personal ist wie einer Realitysoap à la „Frauentausch“ entliehen. Wenn man glaubt, tiefer geht’s nicht mehr, kommt von irgendwo ein Treppchen nach unten her … Barbara Horvath ist eine wunderbar naive Nachbarin Nadine, die gaaar nichts weiß, außer, dass man „Draußen“ mit Pavillon und Büschen irgendwas tun sollte, damit was auch immer neu wird. Und die ganz nebenbei den Kommissar verführt. Johanna Tomek ist als Clara die daueralkoholisierte Bestatterin, die whiskytrunken zu jeder Tages- und Nachtzeit die Anektdote parat hat, wie sie eine Ratte mit dem Fahrrad überrollt hat. Once Upon a Time in the East. Sie wird die Buben schließlich in ihrem großen Wagen abholen – und weil sie am Baumarkt vorbei kommt, den Pavillon gleich dazu – ihnen den Mund zunähen, die Haare neu kämmen und etwas Rouge auflegen. Tote müssen schön sein. Johanna Tomek ist Dreh- und Angelpunkt des Abends. Simon Zagermann will als kleiner Tom – mit Melone und Ass in der Hutkrempe – nur erwachsen werden, um dem Plattenbau-Schicksal zu entgehen.

Die Helden des Abends sind aber Martin Vischer und Gideon Maoz als Tackenförster und Ottenzwerg. Zwei Buben, die im Fall „recherchieren“, voller Angst, der Sandmann also das Einschlafen in der metallicaartigen Auslegung „Enter Sandman“, könnte ihnen auf den Fersen sein. Rotztrotz- und dreckverschmiert soll ihnen das Schutzhüllenwort „Arschloch“ gegen jedes und jeden Sicherheit bieten. Doch die Wohnungstür fällt zu. Sind es die gleichen Buben? Oder andere? Noch mehr Tote.

Namenlose. Mundharmonikathema. Ende. Krass, wie die Buben sagen würden.

Theater, das in mehr als einer Beziehung unglaublich ist.

www.schauspielhaus.at

Wien, 11. 1. 2014

Peter Handke am Schauspielhaus Graz

Februar 3, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

„Immer noch Sturm“ als Februar-Premiere

Immer noch Sturm Bild: Lupi Spuma

Immer noch Sturm
Bild: Lupi Spuma

Am 13. Februar kommt „Immer noch Sturm“ von Peter Handke auf der Hauptbühne zur Premiere. Regisseur Michael Simon (zuletzt Elfriede Jelineks „Rechnitz. Der Würgeengel“) lässt neben den SchauspielerInnen vierzehn SpielerInnen mit slowenischen Wurzeln und Sprache in seiner Inszenierung mitwirken. Zum Stück: Unter dem Apfelbaum seiner Ahnen, der wie diese fest im Jaunfeld verwurzelt ist, nimmt der Dichter Peter Handke eine Familienaufstellung vor. Anhand der zum Teil fiktionalisierten Biografien seiner Mutter, der ihrer Eltern und Geschwister, die der slowenischen Minderheit in Kärnten angehörten, wird ein bewegtes Zeitalter Kärntner Geschichte lebendig – vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Ich-Erzähler ist um Verstehen und Aneignung der Lebenswelt seiner Vorfahren bemüht, die wider Willen eine tragische Entwicklung erfährt. Als Spielleiter vermag er Zeiten und Perspektiven zu wechseln: mal ist er nur Beobachter, mal mischt er sich als Familienmitglied mit Fragen und Kommentaren ein. „Meine Vorfahren nähern sich von allen Seiten.“ Mit Julius Feldmeier, Kaspar Locher, Christoph Rothenbuchner, Seyneb Saleh, Birgit Stöger, Jan Thümer;
Matej Bunderla, Tanja Čertov, Stefan Czvitkovich, Heide Gaidoschik, Max Gallob, Judith Grandits, Ivanka Gruber, Ludwig Gruber, Petra Kohlenprath, Tomaž Kovačič, Andreas Kueß, Damijan Smrećnik, Stipe Subasic und Lara Vuković.

„Zugabe“ zu „Immer noch Sturm“: Die historische Deutung der Widerstandbewegung der Kärntner PartisanInnen während des Zweiten Weltkrieges ist ein thematischer Schwerpunkt in Peter Handkes Stück „Immer noch Sturm“. Die österreichische Schriftstellerin und Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Maja Haderlap hat in ihrem Roman „Engel des Vergessens die Problematik der SlowenInnen in Kärnten behandelt. Für die „Zugabe“ liest sie am 25. Februar Ausschnitte aus ihrem Werk zum Thema. Nach dem großen Interesse an der Ausstellung zu „Thalerhof“ im Schauspielhaus Graz wird auch Michael Simons Handke-Inszenierung von einer thematischen Fotoausstellung zum Widerstand der Kärntner Slowenen gegen das NS-Regime begleitet. Die Ausstellung im Foyer und Salon im 1.Rang kann eine Stunde vor allen Vorstellungen auf der Hauptbühne besichtigt werden.

Auf der Probebühne inszeniert Alexandra Liedtke August Strindbergs Traumspiel „Fräulein Julie“. Die Premiere findet am 1. Februar statt. Zum Stück: Der Graf ist verreist, in der Scheune tanzen die Angestellten, die Küche haben der Diener Jean und die Köchin Kristin für sich. Aber das Fräulein Julie stört die Zweisamkeit der Verlobten. Die schöne Grafentochter will Jean, den Diener. Doch der Liebesrausch währt nur kurze Zeit und am nächsten Morgen sind die Rollen vertauscht – Jean ist der Überlegene, der die Tochter seines Herrn zur Gedemütigten macht und erweist sich als eiskalt kalkulierender Aufsteiger und was als Romanze begann, endet in einer blutigen Selbstvernichtung. Mit Tabea Bettin, Pia Luise Händler und Local Hero Thomas Frank.

Europa 14/18 – Die neue Reihe auf der Ebene 3

Kaum ein Krieg, der auch die Literatur der Zeit derart beeinflusst und so viel Dichtung hervorgebracht hat wie der Erste Weltkrieg: Klassiker der Weltliteratur sind darunter, wie die Werke Remarques, Hemingways oder Stefan Zweigs. Das Schaffen der Dichter und Dramatiker des Expressionismus, die die Zeit im und um den „Großen Krieg“ beschrieben, war sogar titelgebend für eine ganze künstlerische Strömung. Einerseits wurden mittels Kriegsberichten, Briefen von der Front, Erzählungen und Geschichten aus dem Schützengraben die zuhause Gebliebenen aus erster Hand über Gefahren, Leid und Leben im Feld informiert, oft aber auch emotionalisiert und mobilisiert. Andererseits war der Krieg in den Texten nicht zum Kampf eingezogener Zeitgenossen Thema, hier wurde er aus größerer Distanz beäugt, kritisch reflektiert, fand die allgemeine Stimmungslage Niederschlag. In der Reihe Europa 14/18 präsentieren SchauspielerInnen des Ensembles 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs in loser Folge Literatur zu, über und aus der Zeit von 1914 bis 1918.

Krieg der Sterne: Ein Abend mit Fragmenten aus der Feldpost von August Stramm »Die Erde spritzt, als ob sie Reigen tanzt und dazwischen Rübenstücke und allerlei Gegenstände aufpeitscht. Man kann das gar nicht beschreiben, gar keinem klar machen, weil niemand es sich vorstellen kann, weil man es selber nicht glaubt, trotzdem man mitten im Erleben steckt.« August Stramm (1874 bis 1915), deutscher Schriftsteller und Postbeamter, war führender Dichter im expressionistischen Kreis um H. Waldens Zeitschrift Der Sturm. Seine Texte bestechen durch eine radikale Verdichtung und Transformation der Sprache. Von & mit Pia Luise Händler und Gästen am 26. Februar. Valentin, Ganghofer und die laute Zeit: Sketche, Couplets, Gedichte von Karl Valentin und Ludwig Ganghofer. Die einen schrieben von Zuhause aus, die anderen berichteten aus dem Schützengraben. Mit Steffi Krautz & Franz Josef Strohmeier am 20. März.

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 3. 2. 2014

Berliner Theatertreffen: „Orpheus steigt herab“

Mai 14, 2013 in Bühne

Sebastian Nübling inszeniert Tennessee Williams

Wiebke Puls als "Lady" (Mitte), vorne der von der Kleinstadthölle befeuerte Risto Kübar als Val Xavier. Foto: © Julian Röder

Wiebke Puls als „Lady“ (Mitte), vorne der von der Kleinstadthölle befeuerte Risto Kübar als Val Xavier.
Foto: © Julian Röder

Beim diesjährigen Berliner Theatertreffen ist ab 19. Mai Sebastian Nüblings Interpretation von Tennessee Williams‘ „Orpheus steigt herab“ als eine der zehn besten Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum zu sehen. Premiere an den Münchner Kammerspielen war am 29. September 2012. Nübling schafft, was wenigen gelingt: Er verweht den üblichen Duft von Magnolienblüten und Zitronenlimonade und Taftkleidchen und inszeniert einen schaurigen Südstaatenalbtraum. Und das in den schönsten Bildern.  Das ist einerseits genial-neu, andererseits hat Nübling offenbar so viel Furcht vor Williams‘ Cinemascope-Sentiment, diesen leinwandgroßen Gefühlen, dass er sich kühl-distanziert hinter dem Text verschanzt. Oder positiv gesagt: Bei Nübling ist die Hölle bitterkalt.

Two River County, also. Ein Provinzkaff, in dem die WASP, die White Anglo-Saxon Protestants, eherne Gesetze eingeführt haben. Die Außenseiter naturgemäß ausschließen. Ein Glück. Nübling deutet den Ku-Klux-Klan und seine „Nigger“-Jagd nur in Halbsätzen an. Man hat das ja an grauenhaften Abenden auch schon alles durchdekliniert durchleiden müssen. Die Bewohner teilen sich – außer beim Schießen – strikt in Männchen und Weibchen. Die Sies: aufblondiert, trotz Arnie-Schwarzenegger-Oberschenkeln kurzberockt, schnell hysterisch, hämisch. Ein Nest aus Nattern, neidig und niederträchtig. Die Ers: Machos – anzunehmen: mit Minischwänzchen -, Goschnreißer, ein moralisch verkommener, bedrohlicher Bürgerwehr-Mob, lüstern ohne echte Lust auf Vollzug. Man kennt die Gattin – und all ihre Freundinnen, die man in der Jugend schon durchgebumst hat – eben schon allzu lang. Spießbürger, die andere gern aufspießen, wenn sich die Gelegenheit ergibt.

Nübling setzt auf Realismus mit Ringelspiel. Denn ein solches, das im Laufe des Abends von zwei Schauspielern zusammenbaut wird, dominiert die Bühne. Bunte Glühlämpchen glimmen in einer düsteren Welt, die Karussellscherberln täuschen Bewegung vor, wo alles in Erstarrung liegt. Die beiden Figuren, die den Jahrmarktszauber vollenden wollen, sind natürlich Williams‘ Außerseiter dieser Gesellschaft: Lady Torrance (Wiebke Puls), die Itaker-Tochter, den man samt seinem Weinberg abgefackelt hat, weil er Alkohol an Schwarze ausschenkte. Und die nun ein verhärmtes Leben führt, weil sie sich aus Geldmangel an einen bösen, alten, todkranken und gleichzeitig untoten Mann (Jochen Noch) „verkauft“ hat. Und Orpheus. Das heißt: Val Xavier (im Film: Marlon Brando als „Der Mann in der Schlangenhaut“). Nübling hat sich als Gegenentwurf den estischen Schauspieler Risto Kübar vom wunderbaren, auch immer wieder zu den Wiener Festwochen eingeladenen (vergangenes Jahr mit „Three Kingdoms“), Theater NO99 ausgeborgt. Sein Akzent und, dass er zwischendurch Estnisch spricht, macht das „Ausländische“ noch deutlicher.

Er ist ein Tingeltangelsänger mit Autopanne. Ein dürrer, androgyner, sich somnambul selbstverliebt Streichelnder, eine schillernde, stets in Fluchtpose verharrende Echse, ein Mix aus Stricher und Iggy Pop. Ihn begleitet, mitgebracht aus der antiken Unterwelt in den modernen Hades, ein Tod mit Clownsglatze und schwarzer, statt roter Nase. Und die Musik von Lars Wittershagen. Und natürlich: Wenn Orpheus singt, werden die Damen notgeil. Selbst der strengen, von religiösen Visionen erleuchteten Ehefrau des Sheriffs (Çigdem Teke) rutscht da die Brille von der Nase. Und die knallharte Streunerin Carol (Sylvana Krappatsch) ergeht sich in endlosen Kreischorgien. Hochdrucktheater mit hässlichem Ende. Denn der Fremde muss weg. Die scharfen Dobermänner werden dafür sorgen. Und Wiebke Puls‘ Lady, diese zähe Kämpferin, zerbrechlich in ihrer Stärke, verbarrikadiert hinter spröder Strenge, eine, die nach Berührung hungert und doch vor ihr zurückschreckt, wird von ihrem Mann erschossen. Puls blanciert über alle Pathosfallen hinweg. Selbst in der Sexszene mit Risto Kübar, die Nübling hoch oben, unsichtbar im Karussell abgehen lässt.

Eine dichte, geradlinige Inszenierung eines selten gespielten Stücks. Nüblings größtes Verdienst: Er versucht keine Deutungen zu entdecken. Bei Williams steht alles da. Zum hervorragend agierenden Ensemble gehoren außerdem Tim Erny, Angelika Krautzberger, Christian Löber, Lasse Myhr und Annette Paulmann.

www.berlinerfestspiele.de

www.muenchner-kammerspiele.de

Trailer: www.muenchner-kammerspiele.de/programm/stuecke-a-z/orpheus-steigt-herab/trailer/

Von Michaela Mottinger

Wien, 14. 5. 2013