The Assistant: Eine Harvey-Weinstein-Story

Oktober 13, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Niemals auf die Couch vom Chef setzen!

Immer unter Druck, die Sexaffären ihres Chefs zum Verschwinden zu bringen: Julia Garner als Assistentin Jane, die für einen übermächtigen Filmproduzenten arbeitet. Bild: © Forensic Films

Das Schweigen im Morgengrauen ist ohrenbetäubend. Eine junge Frau, allein in schier endlosen Büroräumen, steht am Kopierer, Seiten um Seiten um Seiten, die sich später als Treatments und Drehbuchentwürfe herausstellen werden; sie räumt die schmutzigen Gläser vom Vortag vom Besprechungstisch, schlichtet Wasserflaschen in den

Eiskasten, checkt Flugtermine, Rechnungen von der Reinigung, in der Post eine Einladung ins Weiße Haus, am Telefon seine verärgerte Ehefrau wegen gesperrter Kreditkarten. Zum Soundtrack von Tastenklappern, Hörerauflegen, Kopierschlitten trudeln die Kollegen ein, viele sind’s, die hier für den Boss arbeiten, eine Kreativfabrik voll geknechteter Kreaturen. Jane ist eine davon, „The Assistant“ – so der Titel des Filmdramas von Regisseurin und Drehbuchautorin Kitty Green, der am Freitag in den heimischen Kinos anläuft. Die für die Netflix-Krimiserie „Ozark zweifach Emmy-ausgezeichnete Julia Garner spielt die junge Jane, deren Traumjob in der Filmbranche zum tagtäglichen Albtraum wird.

„The Assistant“ ist ein leiser Film zu einem Thema, über das man nicht laut genug schreien kann: das Stillhalten, das Wegschauen, die „karrieretechnisch“ unvermeidliche (sexuelle) Gewaltausübung eines Vorgesetzten. #MeToo – die Anspielungen auf Harvey Weinstein sind unübersehbar, doch ist der zu 23 Jahren Haft verurteilte Hollywood-Produzent nur die Spitze einer Herrenpyramide, die vor Gericht gestellt gehörte. Wie unsichtbares Nervengas lässt Kitty Green die Toxic masculinity durch die Korridore wabern, man kann die Angst der Angestellten förmlich riechen, und so unsichtbar wie gleichzeitig omnipräsent ist auch ER.

Dessen Name, wie der Gottes nicht ausgesprochen werden darf, und der ein alttestamentarisch strafender ist. „Ist ER schon da?“ – „Wann kommt ER wieder?“ – „Ist ER schon gegangen?“– „Es tut mir leid, ER ist gerade nicht greifbar.“ So wird zwischen den Schreibtischen gewispert. „The Assistant“ ist ein Film im Flüsterton, man wähnt sich in jener Art surrealistischem Horrormovie, in dem sinistre Diener um ein Böses wimmeln, das zu monströs ist, um jemals von der Kamera gezeigt zu werden. Der Big Player in der Filmbranche bleibt eine von Jay O. Sanders gesprochene Telefonstimme.

Unter ihm, in einer sterilen Atmosphäre zwischen Amts- und Krankenhaus, amtiert eine Männerwelt, Noah Robbins und Jon Orsini als Janes Zimmer-„Kollegen“ etwa, die jeden unangenehmen Auftrag ihr zuschanzen, und natürlich ist sie in der Teeküche die Tellerwäscherin und Kindergärtnerin für die Kids eines nachmittäglichen Sex-Termins. Welch ein Bild einer gedemütigten Frau. Wenn Jane, dies ihr „Spezialauftrag“, lautlos SEIN Reich aufräumt, vom Gebäck, das noch vom letzten Meeting auf dem Tisch steht, das beste nimmt und reinbeißt, die Brosamen vom Tisch des Herrn, dann Plastikhandschuhe um Einwegspritzen gegen Erektionsstörungen zu entsorgen – Julia Garners Gesicht bleibt bei all dem fast unbewegt, den Ekel ihrer Jane, als sie mit Desinfektionsspray vor der Couch kniet, erspürt man eher, als dass man ihn ihr ansieht.

„Niemals auf die Couch setzen!“, feixen denn auch die Kollegen, als sie einen Neuling über die Gepflogenheiten im Chef-Büro aufklären. Was Janes seltsam unheimliche Routine betrifft, so bleibt sie unkommentiert. Alle wissen, alle schweigen. Für das Kreditkarten-Gespräch mit Gattin muss Jane Gottes ungerechten Zorn über sich ergehen lassen, und man wünschte, sie würde endlich aufhören, Entschuldigungsmails zu schreiben, dies schriftliche Zu-Kreuze-Kriechen die übliche Praxis in dieser Firma, „Es tut mir leid“ – „Wollte mich nicht in Ihre Privatangelegenheiten einmischen“ – „Werde Sie nie wieder enttäuschen“ – „Bin so froh, in diesem Unternehmen arbeiten zu dürfen“, das ihr die Kollegen soufflieren.

„The Assistant“ ist der erste Spielfilm der australischen Dokumentarfilmerin Green, die mit „Ukraine Is Not a Brothel“ über die Femen-Bewegung bekannt wurde. Bei ihren Recherche-Gesprächen mit Weinstein-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern, sagt sie, hätte sie immer und immer wieder die gleichen Geschichten vom Weg-Ducken und Ausgeliefert-Sein gehört, und tatsächlich ist einem dieses Zuckerbrot-und-Peitsche-System nicht unbekannt. „Ich bin streng mit Ihnen, weil ich Sie groß machen werde!“ = Fiktion / „Ich habe dich gemacht!“ = Fakt, Antwort damals: „Davon weiß meine Mutter aber nichts …“ – und Abgang.

Jon Orsini , Noah Robbins, Julia Garner. Bild: © Forensic Films

Bild: © Forensic Films

Bild: © Forensic Films

Bild: © Forensic Films

Den „Honey Pot“ will Jane ihrem Boss ausleeren, als der sich mit Sienna, Kristine Frøseth mit Lolita-Appeal, ein Betthupferl aus Idaho einfliegen lässt. Ausgerechnet Jane soll sie nicht nur als neue Assistentin einarbeiten, sondern auch in einem Luxushotel unterbringen, von dem Jane als Unterkunft nicht einmal träumen kann. Ein Rettungsversuch des mutmaßlichen Missbrauchsopfers bei Personalchef Wilcock, Matthew Macfadyen herablassend-jovial, endet so, dass Jane sich wie blöde vorkommen muss.

Sein „Sie sei doch punkto Karriere auf der Überholspur“ heißt eindeutig „Halt’s Maul!“, sein „Wollen Sie weiter hier arbeiten?“ und die mindestens 400 Bewerber, die draußen auf Janes Job warten, auch derlei hat man schon selber gehört. Eine beklemmende Szene übers Abwürgen von Zivilcourage ist das, mit einem nachgeworfenen: „Sie müssen sich keine Sorgen machen, Sie sind nicht SEIN Typ.“ Bis Jane zurück auf ihrem Platz ist, war die Bürobuschtrommel schon aktiv, und wieder ist ein Kotau-Mail fällig.

Kitty Green lässt sich das alles binnen 24 Stunden ereignen. Und nie wird die sexualisierte Gewalt, die der Boss ausübt, gezeigt noch wird sie jemals offen ausgesprochen. Alles erschöpft sich in Andeutungen. In den Couch-Witzen, wenn die nächste, die ins Beuteschema passt, um Anmeldung bei IHM bittet, im Gekicher über die mitgehörten schwülstigen Telefonate des Bosses. Eine der eindrücklichsten Episoden ist die, in der eine junge Schauspielerin abends von einer Executive Assistant ins Chefbüro begleitet wird.

Die Müdigkeit, die Abgestumpftheit ist dieser Frau anzusehen, und als Jane sie fragt, wer das Mädchen sei, antwortet sie scharf: „Bloß eine Zeitverschwendung für mich.“ Der einzige Mensch weit und breit, Max aus dem mittleren Management, der Erfüllungsgehilfe grandios verkörpert von Alexander Chaplin, klammert sich an seinen Sarkasmus. Wenn er vom oder für den Chef die Ohrfeigen kassiert. Ihm so wie Jane hat die Entmenschlichung am Arbeitsplatz wenigstens einen Namen gelassen, die anderen sind längst nur noch Durchwahlnummern.

Julia Garners Jane, äußerlich ruhig und verhuscht, mit einem gekränkt-beleidigtem Leidenszug um den Mund, mit einer schauspielerischen Meisterleistung, brodelt, seit Erscheinen Sienna merkt man’s, innerlich. Kitty Green erlaubt ihrer Protagonistin eine Ambivalenz, als ob sie’s ärgere, niemals die Auserwählte zu sein. Dies im Nicht-die-Stimme-Erheben, Nicht-den-eigenen-Aufsteig-Sabotieren eine weitere Nuance, die die Filmemacherin beifügt. Endlich beinah Mitternacht, Jane in einem Edward-Hopper’schen Diner, endlich das wie’s übrige Leben verpasste Happy-Birthday-Telefonat mit dem Vater, die Eltern aus dem Häuschen vor Freude über Janes „Chance“ – auch von dieser Seite also Druck.

Und Jane hat im Ohr den Sager der Executive Assistant: „Mach‘ dir nichts draus, sie holt aus der Sache mehr raus als ER.“ Auf die Frage, wie es sein kann, dass in Fällen sexualisierter Gewalt am Arbeitsplatz keiner aus dem Umfeld des Opfers Einhalt gebietet, gibt „The Assistant“ gallbittere Antworten. Und an alle, die auf wie und wo auch immer „Karriere“ hoffen, diese weiter, wofür es sich lohnte, am Ende des Tages so unglücklich zu sein …

bleeckerstreetmedia.com/the-assistant           Trailer: vimeo.com/460455020           www.youtube.com/watch?v=xQAfpZhGq60

  1. 10. 2020

Vestibül des Burgtheaters: Saturn kehrt zurück

Januar 25, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Echo-Raum der Geisterstimmen

Rudolf Melichar als Gustin 88 und Irina Sulaver als Pflegerin Suzanne. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Etwa alle dreißig Jahre hat der Saturn die Sonne einmal umrundet und kehrt an seinen Ausgangspunkt zurück. Das tut auch Gustin, Protagonist in Noah Haidles Tragikomödie „Saturn kehrt zurück“, die die junge Regisseurin Sara Abbasi nun im Vestibül des Burgtheaters als österreichische Erstaufführung inszenierte. Der Melancholiker nämlich ist wie in einer Zeitschleife hängen geblieben, und begegnet einem so in seinen Zeitaltern von 88, 58 und 28 Jahren. Immer dann also, wenn in seinem Leben etwas einschneidend Dramatisches passiert ist.

Erst starb die Frau Loretta bei der Geburt der Tochter Zephyr, dann diese bei einem Trip nach Mexiko. Im hohen Alter holt sich Gustin eine eigentlich nicht benötigte Pflegerin. Weder Installateur noch die Damen von diversen (Escort-)Services waren eine ansprechende Ansprache, nun soll ihn diese Suzanne ins raumzeitliche Niemandsland begleiten, wo er seinen Erinnerungen nachhängen und sie mit schlecht erzählten Witzen unterhalten will.

Abbasi hat Haidles so psychologisch durchtränktes wie surreales Kammerspiel behutsam auf die Bühne gehoben. Ihre Arbeit hält die Waage zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit.

Zwischen tatsächlich Erlebtem und der Imagination der Gustins, so dass völlig logisch ist, dass manchmal zwei, mitunter alle drei von ihnen die Handlung durchstreifen. Dies stets so, als wüssten sie von einander. Als Echo-Raum, in dem sie die Geisterstimmen von Loretta und Zephyr hören, hat Bühnenbildnerin Sarah Sassen eine Art sterile Wartehalle erdacht. Gustin war einmal Röntgenologe im Krankenhaus, und Spitalsatmosphäre bestimmt auch sein Heim. Das einzige Lebendige, eine Zimmerpflanze, ist hinter Glas, in der Andeutung eines Wintergartens, gefangen. Eine Stange wie für Gehübungen umrundet das Ganze, dahinter ein Gang, milchige Scheiben, hinter denen Figuren auftauchen und wieder verschwinden, dazu Schattenspiele. All das wäre zur großen Elegie angetan, hätte Haidle nicht eine diebische Lust an der Skurrilität.

Die vor allem Rudolf Melichar als Gustin 88 mit ebensolcher bedient. Sein alter Mann ist von einer knorrigen Verschmitztheit und strotzt vor herbem Charme, wenn er Suzanne nicht und nicht gehen lassen will, weil ihm ohne sie der Abend noch länger wird. Peter Knaack gibt Gustin 58 als in die Jahre gekommenen Witwer, der die Trauer nutzt, um die Tochter an sich zu fesseln. Da kann ihm Zephyr noch so viele Blind Dates vermitteln – sehr schön, wie man in einem der zahlreichen Querverweise erfährt, dass er die bummelige Bonnie denn doch bis in ihre Altersheimtage kannte -, er igelt sich in seiner Wehleidig- und Hilflosigkeit ein, wie ein trotziges Kind, das seinen Willen durchsetzen will.

Irina Sulaver als Loretta mit Tino Hillebrand als Gustin 28 und Peter Knaack als Gustin 58. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Peter Knaack als Gustin 58 und Irina Sulaver als Zephyr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Den dritten, jüngsten Egozentriker, Gustin 28, spielt Tino Hillebrand als unausgeglichenen, latent aggressiven Ehemann. Nach einem Konzertbesuch, so erfährt man in diesen Episoden, entbrennt erst Streit mit Loretta, dann die Leidenschaft, in der Zephyr gezeugt wird. Dreh- und Angelpunkt der Aufführung aber ist Irina Sulaver, die alle drei Frauen mit exquisiter Subtilität verkörpert. Sie hat für ihre Verwandlungen genau Maß genommen und gestaltet drei verschiedene Charaktere, denen man dennoch die Gemeinsamkeit abnimmt, diesen schwierigen, fordernden Mann gehändelt zu bekommen.

Gegen Ende, nach berührenden wie belustigenden Szenen, als die drei Gustins immer öfter gemeinsam auftreten, kann es passieren, dass der Alte den jüngeren die Hand auf die Schulter legt. Eine knappe Geste als Trost dafür, dass Leben und Glück so flüchtig sind. Mit „Saturn kehrt zurück“ beweisen Sara Abbasi und ihre Schauspieler jedenfalls, dass im „Kleinen“ Großes möglich ist.

www.burgtheater.at

  1. 1. 2018

Der Medicus: Der Film zum Bestseller

Dezember 23, 2013 in Film

VON SONJA CHRISTINE VOCKE

Lieben und Leiden in Leinwandgröße

Ben Kingsley, Olivier Martinez, Tom Payne Bild: Universal Pictures Germany

Ben Kingsley, Olivier Martinez, Tom Payne
Bild: Universal Pictures Germany

Wer das Buch von Noah Gordon gelesen hat, hat sich sicher lange Zeit gefragt, ob diese Geschichte nicht Stoff für einen guten Film bieten würde. Endlich ist es soweit. Der deutsche Regisseur Philipp Stölzl („Nordwand“, „Goethe“) hat sich dieses Weltbestsellers angenommen, für den bereits seit Erscheinen zahlreiche Drehbücher existieren. In seiner Heimat, den USA, fehlte es Noah Gordon an der Anerkennung, die er aus Europa für dieses Buch bekam, so hielt sich Hollywood bei der Verfilmung zurück. Woran erinnern sich die Menschen, die das Buch gelesen haben? Können Sie die Geschichte bis ins kleinste Detail wiedergeben? Oder sind es nicht eher die Emotionen, die Eindrücke einer so fernen Vergangenheit in zwei so unterschiedlichen Welten? Das hat sich Philipp Stölzl zu nutze gemacht. Der Film ist eine Verdichtung der Ereignisse, die im Buch geschildert werden, sonst hätte man ein Epos, das auf 900 Seiten erzählt wird, kaum verfilmen können.

England zu Beginn des 11. Jahrhunderts. Robert Cole, kurz Rob, ein kleiner Junge schuftet in einem Kohlebergwerk für einen halben Laib Brot als Lohn, den er mit seinen zwei Geschwistern und seiner Mutter teilt. In der Nacht wird Robs Mutter von Bauchschmerzen geplagt. Als Rob seine Muter berührt bleibt für einen Wimpernschlag die Zeit stehen. Zu jung noch, versteht der Junge nicht was in diesem Moment geschieht, aber er wird noch einige dieser Momente erleben. Rob holt den Bader (dargestellt vom schwedischen Schauspieler Stellan Skarsgard), aber auch dieser kann der Mutter auch nicht mehr helfen, sie stirbt. Das Schicksal trennt die Geschwister und Rob schleicht sich heimlich in des Baders Pferdewagen. Von nun an reisen die beiden gemeinsam und „heilen“ Zahnschmerzen, ausgerenkte Schultern, sowie die gerochenen Nasen von betrunkenen Wirtshaus Rüpeln. Als Rob dem Bader hilft einem Patienten einen schmerzenden Zahn zu ziehen, ist er wieder da, der Moment in dem für Rob die Zeit zum Stillstand kommt und nun weiß er was das bedeutet: Er hat die Gabe, den nahenden Tod zu spüren. Tatsächlich stirbt der Zahnpatient in der Nacht … Die beiden ziehen immer weiter durch England, von Ort zu Ort und immer mehr beginnt sich Rob dafür zu interessieren, wie der Mensch im inneren aussehen mag. Warum manche Krankheiten nicht heilbar sind. Tote aufzuschneiden ist jedoch gegen das Gesetz und die Kirche so warnt ihn der Bader, dessen Augenlicht immer schwächer wird. Fast erblindet erfährt Rob, dass die jüdischen Ärzte in London dies heilen könnten. Er bringt den Bader hin und hört von den jüdischen Ärzten, dass im fernen Isfahan ein Mann lebt der die Heilkunst lehrt, sein Name ist Ibn Sina (Ben Kingsley). Getrieben von der Neugier und dem Wunsch die Kunst des Heilens zu lernen reist er nach Isfahan. Die Reise ist lang und schwierig. Mit einer Händlerkarawane zieht Rob, der sich fortan als Jude Jesse ausgibt, da Christen keinen Zugang zur Stadt Isfahan hätten durch die Wüste. Er verliebt sich in die mitreisende Rebekka, deren Ziel ebenfalls die Stadt in der Wüste ist. Ein aufkommender Sandsturm trennt die Reisegefährten und Rob schafft es mit letzter Kraft nach Isfahan. In den folgenden Jahren lernt er alles was Ibn Sina ihm und seinen Kommilitonen beibringen kann. Eine Pestepidemie stellt das Können und Wissen aller auf die Probe. Rebekka, die unter den Patienten ist, überlebt. In den Wirren der seldschukischen Übernahme Isfahans flüchtet Rob mit Rebekka, Ibn Sina bleibt … Was soll nun werden, nachdem Isfahan gestürmt und geplündert, Ibn Sina tot, hinter ihnen liegt: „Be a great physician.“

Es ist ein mittelalterliches Epos, in dem nichts ausgelassen wird, Liebe, Schlachten, Intrigen und Freundschaft. Die drei großen Weltreligionen stehen sich gegenüber, was den Film sehr aktuell macht. Wie können, diese drei Glaubensrichtungen nebeneinander existieren, in Frieden und sich vielleicht gegenseitig befruchten. Sowohl vom Christentum, vom Judentum als auch vom, zum Zeitpunkt der Erzählung noch sehr jungen muslimischen Glauben werden die besten als auch dunkelsten Seiten präsentiert. Es ist auch eine Kritik zu spüren, dass der Glaube die Wissenschaft hindert und damit Menschenleben opfert. Es ist aber auch eine Geschichte voller Hoffnung. Der junge Waisenknabe, der keine Mittel aber einen starken Willen hat, schafft es, sich seinen Traum zu erfüllen. Wer an sich glaubt, schafft alles. Eine besondere Figur ist Schah Ala ad-Daula, dargestellt vom charismatischen Olivier Martinez. Nicht wirklich böse und auch nicht nur gut. Er gibt dem von Liebeskummer geplagten Rob einen Einblick in seine Seele und wird so zum Sympatieträger plötzlich fühlt man sich ihm nahe. Wie schon andere Regisseure vor ihm („Der Name der Rose“, „Die Päpstin“, „Das Geisterhaus“ oder „Das Parfum“), bedient sich Philipp Stölzl einem sicheren Rezept bei dieser Literaturverfilmung, er setzt auf hochkarätige Schauspieler, sowie außerordentliche junge Talente. Damit kann sich diese deutsche Produktion lückenlos in die erfolgreiche Reihe literarischer Verfilmungen einordnen, die zu sehen sehr lohnend sind. Wo nicht das Buch „typischerweise“ besser als der Film ist, sondern wo sich Buch und Film in harmonischer Weise ergänzen.

Filmstart ist der 25. Dezember 2013.

Besetzungsliste:

Tom Payne – Rob Cole

Sir Ben Kingsley – Ibn Sina (Avicenna)

Stellan Skarsgard – Bader

Olivier Martinez – Schah Ala ad-Daula

Emma Rigby – Rebecca

Elyas M’Barek – Karim

Fahri Ogün Yardim – Davout Houssein

Makram Khoury – Imam

http://movies.uip.de/medicus/at/index.htm

Wien, 23. 12. 2013

Burgtheater: “Lumpazivagabundus”

August 30, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Burgherrn Matthias Hartmanns Inszenierung von „Lumpazivagabundus“, eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen, hat am 6. September Wien-Premiere. Hier noch einmal die Rezension von der Aufführung auf der Perner Insel und die Burgtheater-Highlights der neuen Saison:

Hartmanns Dreifach-Jackpot kommt nach Wien

Nicholas Ofczarek (Knierim), Florian Teichtmeister (Leim), Michael Maertens (Zwirn) Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Nicholas Ofczarek (Knieriem), Florian Teichtmeister (Leim), Michael Maertens (Zwirn)
Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Grell, bunt, Punk, Brauchtum. Zauberwesen, die teils Bärte à la ZZ Top tragen, teils langes Blondhaar wie Brad Pitt in “Interview mit einem Vampir”. Ein Feenkönig als EU- Ratspräsident, die Europaflagge hinter sich (Bühne: Stéphane Laimé), eine Fortuna (Maria Happel) mit Angela-Merkel-Frisur, Mavie Hörbiger als Fee Amorosa wie “Natürlich Blond” entsprungen… Und so geht’s weiter. Burgherr Matthias Hartmann inszenierte auf der Perner Insel Nestroys “Der böse Geist Lumpazivagabundus oder das liederliche Kleeblatt”. Im Dreiergespann Leim, Zwirn, Knieriem ist Hartmann der vierte Pflanzenteil. Ohne ihn: kein Glück. Hartmann ist ganz in seinem Element, schüttet ein Füllhorn voll Ideen über Nestroy, kostet jede Pointe wie ein gutes Glas Wein aus, lässt (eigentlich: “Spielmacher” Nicholas Ofczarek als Knieriem) das Publikum bei einer Wirtshaussauferei sogar mitsingen. “Eduard und Kunig-uuun-de” erschallt es zwischen Perlencolliers und Smokingfliegen. Da kommt Stimmung auf. Und Schwung. Gags, Gimmicks, Slapstick am laufenden Band, Musik (Karsten Riedel) von “Bacardi Feeling” über Status Quos “Rockin’ all over the World” bis zu Karel Gotts “Einmal um die ganze Welt”. Untiefen statt Tiefgang. Witz, der nicht zündet, sondern explodiert wie ein Feuerwerk. Und den Zynismus an der Geschicht’ hört man vor lauter Lachen nicht … Das “Kometenlied” kommt übrigens auch vor (zusätzliche Liedtexte: Nicolaus Hagg).

Die Lottosieger, also: Nicholas Ofczarek erinnert an Vorganger wie Paul und Attila Hörbiger oder Helmut Qualtinger und spielt den Alkoholiker bis zum Delirium. Zum Fürchten brutal, voll Pathos über sein durch b’soffene Schlägereien bestimmtes Schicksal nah am Wasser – pardon: Wein beziehungsweise Bier beziehungsweise Schnaps – gebaut. Ohne jeden Kitsch, “ungemütlich”, gar nicht mehr mit bösen, sondern mit bereits leblosen Augen ist er ein Sich-zu-Tode-Trinkender, kommt Nestroys Vorstellung – der die Figur ja weiland selbst verkörperte – so vielleicht am nächsten. Michael Maertens gibt einen überkandidelt-komischen Zwirn – aus Ulm, um sein Nicht-Wienerisch zu erklären, sehr gut! -, hüpfenden wie ein Laubfrosch (auch bei einem Tänzchen mit Ehefrau Mavie), ein Weiberer, ein Gockel, ein Don Juan für Ärmere, ein Geck mit “Goasbort”, dessen meckendes Lachen tatsächlich an einen Ziegenbock erinnert. Mit ganz großer Komik lässt er die Tragödie seiner Gestalt außer Acht, um lieber groß daherzureden. Kein Wunder, dass er sich, reich geworden, auf seinem Gold-Schloss von einer Art Andy Warhol malen lässt … Im Mittelpunkt zwischen den beiden Burg-Titanen: Florian Teichtmeister, der für den verletzten Johannes Krisch einsprang. Der Josefstädter spielt mit wohltuender Zurückhaltung Nestroy. Überzeugt als Leim, den seine Liebe zu des Meisters Tochter Peppi auf Wanderschaft getrieben hat. So rührend, so herzenskrank, so gutmütig und sanft, entfesselt nur durch Amors Amour-Zorn. Als Sieger kehrt er heim, wird zum überheblichen Biedermann, zum Spießbürger im Golferoutfit – und will seine ehemaligen Kameraden mit Geld und einer Türfernbedienung einsperren. Ohne zu outrieren wechselt Teichtmeister sozusagen die “Rolle”. Wird ein ganz anderer. Eine Meisterleistung.

Und dann noch: Max Mayer als Lumpazivagavundus (auch noch verkleidet als Herr von Windwachel und Dorfwirtin). Eine der wichtigsten Kräfte am Schauspielhaus Wien, zeigt er auch Salzburg, was er kann. Wie dämonisch man nackt bis auf  eine dreckige Unterhose sein kann. Er changiert, verrenkt sich sprachlich und körperlich – und ist zum ersten Mal im Wiener Dialekt zu hören. Ein Bravo, wie er mit nur einem schwarzen Stöckelschuh die Bühne für sich in Anspruch nimmt. Wandlungsfähig, wunderbar. Ansonsten kann Hartmann wie stets bis in die kleinste Rolle (und viele stellen mehrere Figuren dar) aus seinem unvergleichlichen Ensemble schöpfen: Branko Samarovski, André Meyer, Michael Masula, Hermann Scheidleder und Mitglieder der Jungen Burg sind allesamt Haupttreffer. Vor allem aber Publikumsliebling Happel, die neben der Glücksfee auch eine falsche, geldgierige Italienerin samt Arienpotpourri und – wie von Nestroy vorgesehen – eine schwäbische Haushälterin gibt.

Am Ende gehen dem Leim alle auf den – Leim. Aus einem Puppenhaus schauend gaukeln sie Idylle vor. Ein Kapitalist und Arbeitnehmerantreiber, ein zwiderer Zwirn mit Weib und zwei Kindern, und Familienvater Knieriem. Der kippt vor der Abendeinladung beim Leim noch schnell ein Stamperl. So viel Scheinidyll … „Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang.“

Unbedingt sehenswert!

www.burgtheater.at

www.mottingers-meinung.at/burgtheater-spielplanprasentation-201314

Salzburg, 2. 8. 2013

Salzburger Festspiele: “Lumpazivagabundus”

August 8, 2013 in Bühne

Dreifach-Jackpot auf der Perner-Insel

Lumpazivagabundus: Nicholas Ofczarek (Knieriem), Florian Teichtmeister (Leim), Michael Maertens (Zwirn) Bild: © Reinhard Werner

Lumpazivagabundus: Nicholas Ofczarek (Knieriem), Florian Teichtmeister (Leim), Michael Maertens (Zwirn)
Bild: © Reinhard Werner

Grell, bunt, Punk, Brauchtum. Zauberwesen, die teils Bärte à la ZZ Top tragen, teils langes Blondhaar wie Brad Pitt in „Interview mit einem Vampir“. Ein Feenkönig als EU- Ratspräsident, die Europaflagge hinter sich (Bühne: Stéphane Laimé), eine Fortuna (Maria Happel) mit Angela-Merkel-Frisur, Mavie Hörbiger als Fee Amorosa wie „Natürlich Blond“ entsprungen… Und so geht’s weiter. Burgherr Matthias Hartmann inszenierte auf der Perner Insel Nestroys „Der böse Geist Lumpazivagabundus oder das liederliche Kleeblatt“. Im Dreiergespann Leim, Zwirn, Knieriem ist Hartmann der vierte Pflanzenteil. Ohne ihn: kein Glück. Hartmann ist ganz in seinem Element, schüttet ein Füllhorn voll Ideen über Nestroy, kostet jede Pointe wie ein gutes Glas Wein aus, lässt (eigentlich: „Spielmacher“ Nicholas Ofczarek als Knieriem) das Publikum bei einer Wirtshaussauferei sogar mitsingen. „Eduard und Kunig-uuun-de“ erschallt es zwischen Perlencolliers und Smokingfliegen. Da kommt Stimmung auf. Und Schwung. Gags, Gimmicks, Slapstick am laufenden Band, Musik (Karsten Riedel) von „Bacardi Feeling“ über Status Quos „Rockin‘ all over the World“ bis zu Karel Gotts „Einmal um die ganze Welt“. Untiefen statt Tiefgang. Witz, der nicht zündet, sondern explodiert wie ein Feuerwerk. Und den Zynismus an der Geschicht‘ hört man vor lauter Lachen nicht … Das „Kometenlied“ kommt übrigens auch vor (zusätzliche Liedtexte: Nicolaus Hagg).

Die Lottosieger, also: Nicholas Ofczarek erinnert an Vorganger wie Paul und Attila Hörbiger oder Helmut Qualtinger und spielt den Alkoholiker bis zum Delirium. Zum Fürchten brutal, voll Pathos über sein durch b’soffene Schlägereien bestimmtes Schicksal nah am Wasser – pardon: Wein beziehungsweise Bier beziehungsweise Schnaps – gebaut. Ohne jeden Kitsch, „ungemütlich“, gar nicht mehr mit bösen, sondern mit bereits leblosen Augen ist er ein Sich-zu-Tode-Trinkender, kommt Nestroys Vorstellung – der die Figur ja weiland selbst verkörperte – so vielleicht am nächsten. Michael Maertens gibt einen überkandidelt-komischen Zwirn – aus Ulm, um sein Nicht-Wienerisch zu erklären, sehr gut! -, hüpfenden wie ein Laubfrosch (auch bei einem Tänzchen mit Ehefrau Mavie), ein Weiberer, ein Gockel, ein Don Juan für Ärmere, ein Geck mit „Goasbort“, dessen meckendes Lachen tatsächlich an einen Ziegenbock erinnert. Mit ganz großer Komik lässt er die Tragödie seiner Gestalt außer Acht, um lieber groß daherzureden. Kein Wunder, dass er sich, reich geworden, auf seinem Gold-Schloss von einer Art Andy Warhol malen lässt … Eine ernste Rolle täte Maertens zur Abwechslung wieder einmal gut. Im Mittelpunkt zwischen den beiden Burg-Titanen: Florian Teichtmeister, der für den verletzten Johannes Krisch einsprang. Der Josefstädter spielt mit wohltuender Zurückhaltung NESTROY. Überzeugt als Leim, den seine Liebe zu des Meisters Tochter Peppi auf Wanderschaft getrieben hat. So rührend, so herzenskrank, so gutmütig und sanft, entfesselt nur durch Amors Amour-Zorn. Als Sieger kehrt er heim, wird zum überheblichen Biedermann, zum Spießbürger im Golferoutfit – und will seine ehemaligen Kameraden mit Geld und einer Türfernbedienung einsperren. Ohne zu outrieren wechselt Teichtmeister sozusagen die „Rolle“. Wird ein ganz anderer. Eine Meisterleistung.

Und dann noch: Max Mayer als Lumpazivagavundus (auch noch verkleidet als Herr von Windwachel und Dorfwirtin). Eine der wichtigsten Kräfte am Schauspielhaus Wien, zeigt er auch Salzburg, was er kann. Wie dämonisch man nackt bis auf  eine dreckige Unterhose sein kann. Er changiert, verrenkt sich sprachlich und körperlich – und ist zum ersten Mal im Wiener Dialekt zu hören. Ein Bravo, wie er mit nur einem schwarzen Stöckelschuh die Bühne für sich in Anspruch nimmt. Wandlungsfähig, wunderbar. Ansonsten kann Hartmann wie stets bis in die kleinste Rolle (und viele stellen mehrere Figuren dar) aus seinem unvergleichlichen Ensemble schöpfen: Branko Samarovski, André Meyer, Michael Masula, Hermann Scheidleder und Mitglieder der Jungen Burg sind allesamt Haupttreffer. Vor allem aber Publikumsliebling Happel, die neben der Glücksfee auch eine falsche, geldgierige Italienerin samt Arienpotpourri und eine schwäbische Haushälterin gibt. Die Schauspielerin ist im Spessart geboren …

Am Ende gehen dem Leim alle auf den – Leim. Aus einem Puppenhaus schauend gaukeln sie Idylle vor. Ein Kapitalist und Arbeitnehmerantreiber, ein zwiderer Zwirn mit Weib und zwei Kindern, und Familienvater Knieriem. Der kippt vor der Abendeinladung beim Leim noch schnell ein Stamperl. So viel Scheinidyll … „Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang.“

Am 6. September übersiedelt die Produktion ans Burgtheater. Unbedingt sehenswert!

www.salzburgerfestspiele.at

www.burgtheater.at

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-jedermann/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-2013/ :Domplatz: Die Sommerresidenz der Familie Hörbiger

www.mottingers-meinung.at/die-neue-buhlschaft/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-die-jungfrau-von-orleans/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-young-directors-projekt/

Von Michaela Mottinger

Salzburg, 2. 8. 2013