Landestheater NÖ: Quasi Jedermann

Januar 27, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Verschluckt an der österreichischen Seele

Herr Karl hoch fünf: Michael Scherff, Tobias Artner, Tim Breyvogel , Hanna Binder und Josephine Bloéb teilen sich den Qualtinger-Monolog. Bild: Alexi Pelekanos

Wer ist denn dieser Querulant im Publikum? Zuschauer drehen sich zu dem Mann in der Reihe hinter ihnen um, dem’s nicht passt, dass da vorn nix weidageht, und der sich ausdauernd darüber beschwert. Lauta Weiba, sagt er mit Blick auf die Besetzungsliste, und drei Piefke, des haaßt deutscher Humor gegen unsan Schmäh, und erklimmt auch schon die Bühne, steigert sich hoch, vom Privaten ins Politische, und steigert sich rein, von Voreingenommenheit zum Vorurteil zur Verurteilung.

Weil, auch wenn St. Pölten nicht Wien ist, da kennt sich einer aus mit Frühaufstehen und Wachsein. „Mir brauchen se gar nix erzählen.“ Mit diesem Satz beginnt Helmut Qualtingers „Der Herr Karl“ und nun auch der Abend zu seinen Ehren – „Quasi Jedermann“ am Landestheater Niederösterreich. Für den sich Schauspieler Michael Scherff eben jenen brillant beckmesserischen Prolog verfasste. Regisseurin Christina Tscharyiski, die zuletzt mit der Stefanie-Sargnagel-Collage „Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis“ im Rabenhof überzeugte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24674), hat zum 90. Geburtstag des Satiregenies Qualtinger etliche von dessen in Zusammenarbeit mit Carl Merz entstandenen Texte zu einem Ganzen verbunden.

Als Klammer dient selbstverständlich die Lebensbeichte des berühmt-berüchtigten Feinkost-Lageristen, und es überrascht, wie neu diese klingt, man hat ja das Original „quasi“ im Ohr, wenn die Widersprüche, in die sich der ewige Raunzer verstrickt, auf mehrere Stimmen aufgeteilt gleich einer Vox populi werden. Mit Scherff spielen Tobias Artner, Hanna Binder, Josephine Bloéb und Tim Breyvogel, und die fünf verstehen es meisterlich ein Herr-Karl-Gefühl aufkommen zu lassen, wenn sie einen weit hinunter in dessen österreichische Seele blicken lassen, so dass man sich am Lachen über deren Abgründe schnell einmal verschluckt.

Burschenschafter am Würstelstand: Tim Breyvogel und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Rosen für die Trottoirschwalbe: Josephine Bloéb und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Die Darsteller wissen die Pointen treffsicher zu setzen, sie bringen Qualtingers schwarzhumorigen Tiefsinn, seine bitterböse Verzweiflung ob herrschender Verhältnisse, seine urkomischen Dialoge angetan als Burschenschafter, Rosenverkäufer oder Heurigenbesucher, die Kostüme sind von Miriam Draxl, auf den Punkt. Als Bühnenbild hat ihnen Sarah Sassen einen Pflock hingestellt, der durch Drehung zu Blumen- oder Würstelstand wird, aber auch wie eine Bunkeranlage wirkt.

Tscharyiskis Text-Auslese reicht vom Travnicek-Sketch über „Der Menschen Würde ist in Eure Hand gegeben“ und „Jahrhunderte blicken herab“ bis zur Striptease-Familie. Und wie sie sich bei „Ja, eh!“ Liedermacher Voodoo Jürgens als musikalischen Zeremonienmeister holte, sind diesmal die Wienerlied-Beatboxer Wiener Blond mit von der Partie.

Verena Doublier und Sebastian Radon, unterstützt vom Kontrabassisten Navid Djawadi, sind in hohem Maße mitverantwortlich für diesen gewissen anderen, den lapidaren Tonfall der Aufführung. Verkleidet als Country-Duo animieren Doublier und Radon das Ensemble zum „Vereinsmeier Bossa“ und verleiten es bei „Da liegt ana, da pickt ana“ zum Can Can.

Und weil Wiener Blond wissen, wo das goldene Wienerherz schlägt, geht’s liedtechnisch auch in den „Gemeindebau“ oder lassen sie in „I kumm ned weida“ wissen „Lieber das Krügerl vuam Gsicht, ois die Hackn im Kreuz. Lieber a Leber voi Gift, ois a Pantscherl des eh kaan mehr gfreut“. Das passt zum Qualtinger wie Arsch auf Eimer, um noch mal auf die Nachbarn zu sprechen zu kommen. Hanna Binder berlinert sich mitunter durchs heimische Idiom, sagt sie Hitler, wird daraus ein Schluckauf-Hicks, will sie „Die Bürgschaft“ rezitieren, wird ihr das Aufsagen von Terroristenlyrik so lange verboten, bis sie beim Gabalier’schen „Hulapalu“ landet. Dessen Hodi odi ohh di ho di eh auf klassische Art vorgetragen, das hat was … Michael Scherff wiederum mutiert zu St. Pöltens Antwort auf Charles Aznavour und erläutert seinen migrantischen Mitspielern, dass Lavendel nicht zwangsläufig eine lila Pflanze ist. Und apropos, Lippenblütler, geschüttelt, heißt: gereimt, wird auch. Auf Teufel komm‘ raus und tief unter der Gürtellinie.

Wiener Blond im Country-Look und mit Kontrabassist: Verena Doublier, Navid Djawadi und Sebastian Radon. Bild: Alexi Pelekanos

Josephine Bloéb singt als Trottoirschwalbe mit hinreißender Hingabe das Leopold/Werner-Lied „I schupf alles nur mit l’amour“, und erklärt Tobias Artner Tim Breyvogel, er habe vor der nächsten Wahl eine Operation vor, meint er damit keinen politischen Rechtsruck, sondern seinen Leistenbruch. Mit ihrer Hommage „Quasi Jedermann“ gelingt Christina Tscharyiski politisch-poetisches Volkstheater, das sich dem großen Vorbild als durchaus würdig erweist.

Sie treibt den Stachel, den Qualtinger einst einer geschichtsverleugnenden Nachkriegszeit ins Fleisch bohrte, der neu aufkommenden Kleingeistigkeit ins Gehirn. Eine Tiefenbohrung, die bei allem Freilegen gesellschaftlicher Tatbestände trotzdem auch Riesenspaß macht. Zum Schluss servieren Wiener Blond endlich, worauf alles gewartet hat: Qualtingers Greatest-Hits-Medley, vom „G’schupften Ferdl“ übern „Bundesbahnblues“ bis zum Papa, der’s schon richten wird.

Vorstellungen am Landestheater bis 9. März, zu Gast an der Bühne Baden am 23. August.

www.landestheater.net          www.wienerblond.at          www.buehnebaden.at

  1. 1. 2019

Landestheater NÖ: Der Revisor

Mai 5, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie eine Spinne im eigenen Lügennetz

Die Schauspieler als Kletterkünstler: Tim Breyvogel und Jevgenij Sitochin. Bild: Alexi Pelekanos

Beginnt die Beschreibung bei der Kulisse, so ein alter Rezensentenwitz, hat das in weiterer Folge meist nichts Gutes zu bedeuten. Nicht so am Landestheater Niederösterreich, wo Regisseur Sandy Lopičić und Bühnenbildner Michael Köpke mit der äußeren Form der Arbeit deren Innenwelt bloßlegen. Gogols „Der Revisor“ wird gegeben, und was fiele einem da zur Optik nicht alles ein.

Da ist im Wortsinn ein ganzes russisches Städtchen auf die schiefe Bahn geraten, haften sich dessen Bewohner gerade noch wie insektische Klebekünstler an der glatten Oberfläche an, während über ihnen der Chlestakow wie eine Spinne in seinem Lügennetz sitzt. Da wird geschlittert und geklettert, was das Zeug hält, und wer was Geheimes zu künden hat, agiert aus Luken aus dem Untergrund – wie Springteufel schnell wird daraus auf- und wieder abgetaucht. Hochmusikalisch ist Lopičićs Inszenierung außerdem, er selbst für die Arrangements zuständig lässt sich von Florian Fennes, Rina Kaçinari, Didi Kern und Imre Lichtenberger Bozoki unterstützen. Die, mit einer Art Commedia dell’arte-Masken, auch den einen oder anderen Dorfcharakter mimen, um ihren Mitbürgern die Flöten- (heißt in diesem Fall: Tuba, Trompete oder Klarinette) -töne beizubringen.

Lopičić versteht Gogols hinterlistige Komödie über betrogene Betrüger richtig als Groteske, er macht daraus eine Kasperliade, in der clownesk karikierte Gauner versuchen, einander mit ihren hysterischen Bestechungsversuchen zu übertrumpfen und zu retten, was noch zu retten ist. Was derlei reich an Slapstick und Klamauk ist, ist um reichlich Text ärmer. Lopičić lässt etliches davon weg, führt wenig Szenen bis zum Ende aus, die tiefere Bedeutung, das Maßgebliche dieser Parabel auf Korruption und Geisteskleinheit erschließt sich dennoch – dies immerhin eine Kunst, die nicht jeder schräge Bühnenspuk schafft.    

Auf die schiefe Bahn geraten: Jevgenij Sitochin, Tim Breyvogel, Michael Scherff, Josephine Bloéb und die Musiker. Bild: Alexi Pelekanos

Wer was Geheimes zu künden hat, agiert lieber aus dem Untergrund: Hanna Binder und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Vor der vielen harten Arbeit der durch die Szenerie turnenden Schauspieler, dem Tempo, dem Timing, vor Lopičićs gekonntem Feinschliff, gilt es den Hut zu ziehen. Tim Breyvogel gibt virtuos den insolventen Hochstapler, der sich für einen gestrengen Moskauer Beamten halten lässt, gekommen, um den moralischen Pegelstand im Städtchen zu vermessen, und der darob Panikreaktionen auslöst. Mit aufbrausender Süffisanz lehrt er vom Stadthauptmann abwärts alle Angst und Schrecken, wobei er selbst es ist, der fürchten muss, aufzufliegen. Breyvogel gelingt es im allgemeinen Tohuwabohu tadellos, die Ambivalenz seiner Figur zwischen hochfliegend und niedergeschmettert darzulegen.

An seiner Seite Jevgenij Sitochin als Ossip, Prototyp des schlauen Dieners, der zur Abreise mahnt, bevor alles zu spät ist. Michael Scherff brilliert als schmieriger Stadthauptmann, der so gern Tyrann sein möchte, aber von seinen Untergebenen unterspielt und wenig ernst genommen wird. Dazu agieren einwandfrei Katharina Haindl als seine seitensprungwillige Frau Anna und Josephine Bloéb als heiratswütige Tochter Marja, die den Revisor beide fest im Visier haben.

Und auch Tobias Artner und Hanna Binder können als Dobtschinski, Bobtschinksi (und flugs auch in alle anderen Einwohner verwandelt) ihr komödiantisches wie ihr akrobatisches Talent voll ausspielen.

www.landestheater.net

  1. 5. 2018

Landestheater NÖ: Marie Rötzer im Gespräch

September 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die neue Intendantin über ihre Pläne für das Haus

Marie Rötzer ist die neue künstlerische Leiterin des Landestheater Niederösterreich. Bild: Peter Hönnemann

Marie Rötzer ist beginnend mit dieser Saison die neue künstlerische Leiterin des Landestheater Niederösterreich. Bild: Peter Hönnemann

Am 16. September startet das Landestheater Niederösterreich unter neuer Leitung in die neue Saison. Marie Rötzer hat die Intendanz des Hauses in St. Pölten übernommen und große Pläne. Ein Gespräch über die ersten Premieren, das junge Ensemble – und wie Rötzer das Theater zum Publikum bringen will:

MM: Warum Theater?

Marie Rötzer: Das hat mit der großen Liebe zur Literatur begonnen. Aber erst am Theater wird der Text lebendig. Am Theater haben wir es mit Menschen zu tun. Theater ist hautnah, ein Live-Erlebnis, ein Gemeinschaftserlebnis. Die Geschichte wird durch den Schauspieler greifbar gemacht. Die Darstellung des Menschen, des Menschseins, das finde ich am Theater als Kunstform am faszinierendsten.

MM: Was muss Theater für Sie können? Glauben Sie an Theater als moralische Anstalt?

Rötzer: Für mich ist Theater ganz klar eine politische Kunstform, mit den verschiedensten Ausdrucksmöglichkeiten dessen, was politische Kunst sein kann und soll. Ich glaube, dass man als ein anderer Mensch aus dem Theater hinausgeht, als man hineingegangen ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass Theater den Menschen verändern kann, ihn zu einem besseren Menschen machen kann.

MM: Da Sie von verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten sprechen, welchen Stempel wollen Sie dem Landestheater Niederösterreich aufdrücken? Wie wird Ihre Handschrift sein?

Rötzer: Mir ist sehr daran gelegen, dass wir erneut eine Humanismus-Debatte entfachen, dass wir ganz konkret über Werte nachdenken, über Werte der Aufklärung, Toleranz, Freiheit, Meinungsfreiheit, da möchte ich ganz klar auf heutige Geschehnisse eingehen. Wir leben in einer sehr turbulenten, schwierigen Zeit, einer Umbruchszeit, in der sich in Europa neue Situationen darstellen. Darauf möchte ich mit dem Theater auf jeden Fall reagieren. Auch in dem Sinn, dass man am Theater wie in einer Laborsituation über unterschiedlichste Dinge nachdenken kann. Mein Schlagwort dafür ist „Denk- und Spielraum ohne Grenzen“. Im Kopf und im Herzen. Ich denke nicht, dass wir uns in einem europäischen Schrebergarten einigeln können. Wir müssen uns weiter öffnen.

MM: In diesem Sinne lautet auch Ihr erstes Spielzeitmotto „Die Welt ist groß“?

Rötzer: Richtig. Das hat damit zu tun, dass ich denke, dass uns die Offenheit nur bereichern kann. Auch, wenn viele Fragen ungeklärt sind und man nicht auf alles Antworten geben kann, muss man die Angst überwinden. Wir können einander Geschichten erzählen, die erklären, wie eine Welt ohne Grenzen aussehen könnte. Am Theater kann man die Welt darstellen, nicht wie sie ist, sondern wie sie sein könnte. Man kann über Visionen, Utopien nachdenke.

MM: Sie waren in Ihren beruflichen Anfängen schon einmal am Landestheater, in der Dramaturgie. Ist das jetzt eine Art Heimkommen?

Rötzer: Ich habe während meines Studiums zwei Spielzeiten hier gearbeitet, damals hieß das Haus noch Stadttheater und war ein Vierspartenbetrieb, mittlerweile ist alles auf das Schauspiel fokussiert. Das Haus hat sich sehr verändert, aber ich finde die neue Struktur für mich sehr passend, weil ich ja ursprünglich Schauspieldramaturgin bin.

MM: Diesen wird mitunter angelastet, dass sie für ein kopflastiges Theater stünden.

Rötzer: Kopflastig ist ja nicht unbedingt negativ, sagen wir doch kopfbefreiend oder kopfluftig. Auf jeden Fall geht es mir darum, dass wir über uns selber nachdenken sollten. Was heißt Menschsein? Warum sind wir hier? Was hebt uns übers Normale hinaus? Theater hat die Möglichkeit, dies alles sehr lustvoll zu überlegen, sinnlich zu sein. Ich finde es schön, wenn man am Theater lachen kann, wenn man sich gut unterhält, aber auch, wenn unterschiedlichste Kunstdisziplinen gezeigt werden, wenn Musik, Lichtdramaturgie, Video und anderem gearbeitet wird. Und natürlich mit der Körperlichkeit der Schauspieler.

MM: Wenn wir nun schon bei Ästhetiken sind: Warum haben Sie das Haus violett gebrandet? Eine aufregende Farbe …

Rötzer: Wir wollten unseren Neustart mit einer prägnanten Farbe kenntlich machen. Violett hat sehr schöne Assoziationen, es steht für Spiritualität, Frieden, Schönheit. Das sind alles Dinge, die gut mit dem Theater in Einklang zu bringen sind.

MM: Lassen Sie uns über die Dinge sprechen, die neu werden. Erstens: das Ensemble.

Rötzer: Als künstlerische Leiterin wollte ich natürlich Menschen mitbringen, mit denen ich schon gearbeitet habe und die ich gut kenne. Außerdem wollten sich viele, die hier waren, verändern. Ich habe ein Drittel des bisherigen Ensembles übernommen, Michael Scherff, Lukas Spisser, Helmut Wiesinger und Othmar Schratt. Dazu kommen nun unter anderem Kollegen von Graz bis Mainz. Katharina Knap kommt aus Stuttgart, sie wurde von Theater heute 2014 zur besten Nachwuchsschauspielerin gewählt. Bettina Kerl kommt aus Düsseldorf, die kennt man, weil sie schon bei Andreas Beck am Schauspielhaus Wien gearbeitet hat. Tim Breyvogel, der in der Wiener Off-Szene sehr bekannt ist, kommt zu uns; er war zuletzt im Werk X in der „Proleten Passion 2015ff.“ zu sehen. Und dann Stanislaus Dick, ein Abgänger vom Konservatorium Wien, der für mich ein Phänomen ist, weil er mehrere Instrumente spielt. Wie überhaupt das Ensemble mit Musik sehr vertraut ist, singen kann und ein gutes Rhythmusgefühl. Außerdem haben wir noch Tobias Artner, Vidina Popov und Zeynep Bozbay, drei Mozarteum-Absolventen engagiert.

MM: Und Sie bringen Johannes Silberschneider, der mir noch in Graz gesagt hat, niemals, niemals nach Wien.

Rötzer: Jaha (sie lacht). Es macht ihm Spaß bei uns, er ist gerade mitten in den Proben mit Sandy Lopičić. Johannes Silberschneider ist ein wunderbarer Schauspieler.

Erste Premiere: "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" mit Johannes Silberschneider, Zeynep Bozbay und Stanislaus Dick. Bild: Alexi Pelekanos

Erste Premiere: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ mit Johannes Silberschneider, Zeynep Bozbay und Stanislaus Dick. Bild: Alexi Pelekanos

Zweite Premiere: "Das goldene Vlies" mit Michael Scherff, Tobias Artner, Silja Bächli und Bettina Kerl. Bild: Alexi Pelekanos

Zweite Premiere: „Das goldene Vlies“ mit Michael Scherff, Tobias Artner, Silja Bächli und Bettina Kerl. Bild: Alexi Pelekanos

MM: Womit wir bei der ersten Produktion sind: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ nach dem Bestseller-Roman von Ilija Trojanow, Premiere am 16. September. Siehe Spielzeitmotto: Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Rötzer: Für mich ist Ilija Trojanow einer der Schriftsteller, der ganz explizit auch ein politischer Autor ist, der auch Texte und Essays über politische Themen verfasst. In seinen Romanen geht es immer um die Vielfalt der Welt, da gibt es ein großartiges Zitat, in dem er sagt, wie in der Natur die Vielfalt zur Entwicklung notwendig ist, so auch in der Gesellschaft. Diese Neugier auf fremde Kulturen, auf Menschen, die aus anderen Zusammenhängen kommen, diese Begegnung zwischen dem anderen und dem eigenen, das ist für ihn ein dramaturgischer Faden. Und das alles findet auch in „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ statt.

MM: Worum geht’s?

Rötzer: Um eine Fluchtgeschichte, die auch biografisch ist. Er erzählt sehr fantasievoll die Flucht, die er gemeinsam mit seinen Eltern aus dem kommunistischen System Bulgariens in den Westen geschafft hat, und erzählt aber auch sehr schonungslos von einer Desillusionierung. Dieser Traum, den man von einem besseren Leben geträumt hat, erfüllt sich für sein Alter Ego erstmal nicht, doch dann greift für ihn die Kraft der Poesie, indem er diesem Jugendlichen einen Paten aus dem fernen Bulgarien schickt – und so machen sich die beiden auf die ganze Welt zu erobern. Auf dieser Reise emanzipiert sich dieser Junge und merkt, wie bunt und aufregend das Leben sein kann. Er verliert Ängste und Depressionen, die er vorher hatte, er reist zu seinen Wurzeln und darüber findet er seine Identität. Mit einem Wort, ein modernes Märchen.

MM: Und eine schöne erste Gelegenheit, für einen Großteil des neuen Ensembles, sich dem Publikum vorzustellen.

Rötzer: Da es die Welt repräsentiert, ja, zwei Drittel des Ensembles sind in dieser Produktion und eben Johannes Silberschneider. Außerdem sind vier Musiker auf der Bühne, die Strottern, Matthias Loibner, der Drehleierspieler, und Maria Petrova, eine bulgarische Percussionistin, weil jede Station anders musikalisch erzählt werden wird.

MM: Trojanow wohnt ja in Wien. War er schon schauen?

Rötzer: Noch nicht, aber er wird auf jeden Fall zur Premiere kommen.

MM: Worauf freuen Sie sich sonst noch?

Rötzer: Jedes Projekt dieser Spielzeit ist für mich ein Herzensanliegen. Wir haben zwei Themenbereiche, die bereits angesprochene Achse Heimat und Fremde; der zweite Teil ist ein Nachdenken über Utopien, alternative Lebensformen, das Sichüberlebthaben des Kapitalismus, und da gibt es zwei besondere Produktionen: Shakespeares „Wie es euch gefällt“, bei der Regisseur Gottfried Breitfuß die in den Wald verbannte Hofgesellschaft als eine Art Hippiekommune zeigen wird, der es um die Freiheit der Liebe und der Rede geht, um eine emanzipierte Gesellschaft ohne Druck und Repressalien. Die andere wird in der Theaterwerkstatt sein, für die Dramaturgin Julia Engelmayer eine Idee darüber entwickelt hat, wie Leben auch anders funktionieren kann.

MM: Und wird heißen?

Rötzer: Sie heißt „Utopia“ und ist eine Anlehnung an das Werk von Thomas Morus, der bereits im 16. Jahrhundert über Werte wie Gleichheit der Menschen gearbeitet hat. Das wird die Grundlage für ein Projekt, mit dem wir aus dem Landestheater nach Niederösterreich hinausgehen wollen, das Theater sozusagen direkt zu den Menschen bringen wollen. Wir wollen vor Ort mit Menschen Interviews machen, die schon nach den Gedanken Thomas Morus‘ leben und dies in das Stück einfließen lassen. Es geht mir sehr darum, dass wir aus dem Theater treten, den Menschen entgegengehen, die Schwellenangst nehmen … Damit die Menschen nicht immer zu uns kommen müssen, sondern wir auch zu den Menschen gehen. Wir sind ein Teil von Niederösterreich und wollen die Niederösterreicher mit unserem Theatervirus begeistern.

MM: Dies gedacht als Maßnahmen, um ein neues, ein junges Publikum zum Theater zu holen?

Rötzer: Genau. Meine Vorstellung ist schon, dass sich Theater nicht nur hinter Mauern versteckt, sondern mitten im Leben stattfinden muss. Wir wollen mit einem möglichst großen Publikum in Kontakt kommen. Wir wollen Theater für alle machen.

MM: Das Landestheater Niederösterreich hat ja bereits eine große Tradition bei Publikumsbeteiligungsformaten. Nun führen Sie zwei neue ein: „Hier wird Ihre Sache verhandelt“ und „Außer der Reihe“. Was wird das sein?

Rötzer: „Hier wird Ihre Sache verhandelt“ entspricht dem Gedanken, den ich eingangs erwähnt habe, nämlich dass Theater eine Form des Dialogs ist. Wir laden die Menschen ein, über ihre Themen, Sorgen und Nöte zu sprechen, und dazu bitten wir „Fachleute“, Philosophen bis Politiker, ihre Haltung zu vertreten. „Außer der Reihe“ werden Monologe, Liederabende, Kabarettistisches …, die wir in Kaffeehäusern, Wirtshäusern, Wohnzimmern zeigen wollen.

MM: Sie machen alle Schubladen auf: Landestheater goes Off.

Rötzer: Landestheater goes on and goes outside. Ja, das sind alles ambitionierte Pläne, wir werden sehen, wie sich das alles wird umsetzen lassen. Aber Theater ist ja work in progress, wir wollen experimentieren und die Menschen auf diesen Weg mitnehmen.

MM: Erfolgsdruck, oder: wann wird für Sie Erfolg sein?

Rötzer: Natürlich wünsche ich mir, dass gleich unsere erste Premiere gut angenommen werden wird. Es kann nur miteinander gehen, ich kann nur ermöglichen und helfen, das sehe ich als meine Aufgabe als Intendantin.

Der Spielplan für die Saison 2016/17: www.mottingers-meinung.at/?p=20180

www.landestheater.net

Wien, 5. 9. 2016

Viertelfestival NÖ 2016: Die Highlights des Programms

April 26, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf der Flucht vor Kriegen, Ankommen im Mostviertel

Fliehen, Verirren, Verweilen. Bild: Rainer Vogler

Fliehen, Verirren, Verweilen. Bild: Rainer Vogler

Ab 5. Mai findet dieses Jahr das „Viertelfestival NÖ – Mostviertel 2016“ statt. Das Motto ist „Fliehkraft“ und die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler befassen sich dementsprechend mit den Themen Stadtflucht und dem Zuzug von Städtern aufs Land, beides verknüpft mit der Hoffnung, dass „es“, das Leben, woanders besser ist, beides zu sehen im Wechselspiel der Kräfte, die zwischen der Peripherie und den Ballungsräumen wirken.

Es geht um Migration, um Menschen, die im Mostviertel eine neue Heimat gefunden haben, die Ursachen für ihre Flucht auf der einen und den Grund für ihr Bleiben auf der anderen Seite. Neben diesem interkulturellen Austausch wird Flucht aber auch historisch beleuchtet.

Die Programmtipps:

wechselstrom ― Christoph Theiler & Renate Pittroff: „Rotationskörper. Groove der Kulturen“. Ab 5. Mai auf Kirchvorplätzen von Stift Göttweig bis Waidhofen an der Ybbs. Ein Projekt mit Glocken aus aller Welt, immer präsentiert während der Zeit des Glockengeläuts vor Ort. So wird der Ton Mostviertler Kirchenglocken mit javanischen Gongs, chinesischen und türkischen Becken, Glocken aus Mali und tibetanischen Klangschalen kontrapunktiert. Das Instrumentarium umfasst einen Querschnitt durch die Kulturen der Welt und symbolisiert die Möglichkeiten har­monischen Zusammenlebens. Alle Performances werden aufgezeichnet, zu einer Gesamtkom­position remixt und gegen Ende des Festivals im und am Klangturm St. Pölten präsentiert. Eintritt frei. Die Termine: www.wechsel-strom.net

Gerald Prüller: „Die Kraft zu fliehen. Flucht einst und jetzt“. Ab 7. Mai, Burgarena Reinsberg. In seinem Dokumentarfilm  spricht der Filmemacher mit Menschen aus dem Mostviertel über das Thema Flucht. Dabei kommen einerseits Personen zu Wort, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg flüchten mussten ― sei es als Soldat auf einem der Kriegsschauplätze oder als Frau vor den russischen Besatzern in der Region. Andererseits erzählen Menschen, die heute aus den verschiedensten Krisenherden der Welt auf der Flucht sind und hier einen Ort der Ruhe und Sicherheit gefunden haben, von ihren Erlebnissen. Zwei Zeitebenen, zueinander in Beziehung gesetzt, um zu zeigen, dass es auch hierzulande gab, was manche heute als „fremd“ ansehen. Eintritt: freiwillige Spende. www.viertelfestival-noe.at/diekraft-zu-fliehen

Rotationskörper. Bild: Christoph Theiler

Groove der Kulturen. Bild: Christoph Theiler

Kunst-Initiative Amstetten (KIAM): „weggehen > ankommen > wo bleiben?“. 11. Mai, Rathaus Amstetten. Inspiriert von der Tatsache, dass in Amstetten Menschen aus mehr als 70 Nationen von China über Aserbaidschan bis Mauritius leben, organisierten Wilfried Leitner und die Kunst-Initiative Amstetten unter dem Titel „weggehen > ankommen > wo bleiben“ eine Veranstal­tungs­reihe, in deren Zentrum eine Ausstellung und neunzehn Kunstinstallationen stehen. Eintritt frei. Alle Infos: www.kiam.co.at

Ping Frederiks, Atanas Kolev: „255.758.006 km bis Utopia. Mars-Auswanderer gesucht“. 12. Mai, Pöchlarn, Donaugelände. „255.758.006 km bis Utopia“ ist eine begehbare Installation von Atanas Kolev, mit der die Möglichkeit der Übersiedlung der Menschheit von der Erde auf den Mars thematisiert wird. Ein Gedankenspiel dazu, dass Migration eines der zentralen Themen dieses Jahrhunderts zu werden scheint. Die Installation steht auf einer drehbaren Plattform und besteht aus einer Kugel in Form der Erde, verformt durch die Beschleunigung der Zentrifugalkraft. Das Objekt mit vier Metern Durchmesser ist aufgebaut aus Meridianen aus Beton und Eisendraht und verkleidet mit Edelstahlblech. Besucher können in seinem Inneren durch ein Fernrohr hindurch den Planeten Mars betrachten. Eintritt frei. www.ping-atanas.com

Isabell Kneidinger, Gerfried Hinteregger, „Wir Haager!“: „Laden/Hüter. Haag revisited“. Ab 20. Mai, Haag. Leerstehende Geschäfte in Ortszentren sind einerseits Zeugen der Abwanderung und der Veränderung sozialer Strukturen, andererseits bieten die verwaisten Lokale Raum für kreative Ideen. In Stadt Haag setzen Künstler und Architekten neue Impulse zur Raumnutzung und bespielen unter dem Titel „Laden/Hüter“ zwei Monate solche Geschäftsflächen. Ein Lokal mutiert zur camera obscura, ungenutzte Auslagen werden zu Screens umfunktioniert, die historisches Filmmaterial über die Stadt ausstrahlen. In einer Ausstellung sind Objekte der Haager Bevölkerung mit persönlichen Geschichten zu sehen. Besucher dieser neuen „Räume“ sind aufgerufen, Wünsche an ihren Wohnort kundzutun. Eintritt frei. ladenhueter2016haag.wordpress.com

Die Kraft zu fliehen. Bild: Peter Faschingleitner, pictoresk

Die Kraft zu fliehen. Bild: Peter Faschingleitner, pictoresk

Kunstverein „raumgreifend“: „Fluchtwege. Auf den Spuren der Kremser Hasenjagd“. 21. Mai, Krems/Stein. Am Ende des Zweiten Weltkriegs, Anfang April 1945, wurden etwa 1.800 Häftlinge des Zuchthauses Stein, des größten Gefängnisses auf dem Gebiet der damaligen „Ostmark“, freigelassen. Unter den Insassen waren zu diesem Zeitpunkt viele Regimekritiker und politische Gefangene aus ganz Europa.

Mehr als 600 von ihnen wurden unmittelbar nach ihrer Freilassung von SS-, Wehr­machts- und Volkssturm-Mitgliedern gejagt und ermordet. Die Toten sind bis heute nicht geborgen. Der Künstler Gregor Kremser und der Historiker Robert Streibel laden zur Begehung einer der Fluchtrouten, nämlich von Stein über Mautern und Furth nach Paudorf ein, um das Schicksal einiger dieser Häftlinge zu thematisieren. Exklusiv für die Wanderung wird ein bisher noch unveröffentlichter Text über die Fluchtgeschichte des Stein-Häftlings Nikos Mavrakis vorgetragen. Künstler des Vereins „raumgreifend“ begleiten die Wanderung mit Aktionen, Performances und Installationen. Eine historische Karte mit den Fluchtrouten und eine Publikation sind in Planung. Eintritt frei. www.raumgreifend.org

Sini Coreth: „Fliehkraft – Die Flucht in sich selbst. Aktion gegen die Einsamkeit“. 21. Mai, Benediktinerstift Seitenstetten. In ihrem Dokumentationsprojekt „Fliehkraft“ beschäftigt sich die Künstlerin Sini Coreth mit der Einsamkeit alter und alleinstehender Menschen auf dem Land. Sie werden gebeten ihre Erinnerungen lebendig zu machen und ihre Geschichten zu erzählen. In einer Ausstellung werden die Porträts der Interviewten gezeigt und Videos von den Gesprächen mit den 80- bis 90-jährigen Mostviertlern abgespielt. www.viertelfestival-noe.at/fliehkraft-diefluchtinsichselbst

2016.viertelfestival-noe.at

Wien, 26. 4. 2016

Landestheater NÖ: Lichter der Vorstadt

April 23, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine feine Collage aus Kaurismäki-Filmen

Bild: Alexi Pelekanos

Im antikapitalistischen Protestcamp fordert ein Hard-Chor lautstark „Ein bisschen Frieden“. Bild: Alexi Pelekanos

Bild: Alexi Pelekanos

Arbeitsplatzpoker: Wer die falsche Spielkarte gezogen hat, fliegt in der Sekunde aus dem Job. Bild: Alexi Pelekanos

Zu Beginn wird ein Arbeiterchor zur Maschine. Er macht vor, wie der Film beginnt. Das Schälen der Baumstämme, die danach in Bänder geschnitten werden und dann in Streifen. Viele Anlagen und ein langes Band sind nötig, bis die Streichhölzer in der Schachtel landen, alles geht automatisch; der Mensch hat sich dem System unterworfen, selbst, wenn er isst, klingt es wie Industrielärm. Später werden aus diesem Chor Büroangestellte, allesamt Anzugträger, die um ihren Arbeitsplatz zittern. Wer die falsche Spielkarte zieht, das falsche Los, der fliegt. Am Schluss rockt dann im antikapitalistischen Protestcamp ein Hard-Chor „Ein bisschen Frieden“.

Alexander Charim zeigt am Landestheater Niederösterreich seine Collage aus Aki-Kaurismäki-Filmen. „Lichter der Vorstadt“ heißt der Abend, wiewohl dies so ziemlich das einzige Werk des finnischen Filmemachers ist, das nicht vorkommt. Trotzdem, die Reverenz an Großmeister Charlie Chaplin zieht sich natürlich durch Charims Inszenierung, sind doch auch hier alle Protagonisten gleichsam der Tramp. Gutherzige in einer gefühlskalten Umgebung, Empathiebegabte und Überlebensakrobaten, denen die Welt an sich und die Mitmenschen im Besonderen den Boden unter den Füßen wegziehen. Emotionell wie materiell. Dabei sind die Figuren bei weitem keine Sympathieträger, sondern karstig und wortkarg. Diese Schicksale im Sinkflug, sie werden ohne Sentiment vorgetragen, als Satire, Kaurismäki verbietet sich und anderen jede „Gefühlsduselei“.

In St. Pölten hat man die Kraft des gesamten Ensembles aufgeboten, um das darzustellen, und, jeder Darsteller in mehreren Rollen, welch eine Kraft. Es scheint, als wäre das Haus diese Saison von Produktion zu Produktion exzellenter geworden, und nun fast an deren Ende auf dem schauspielerischen Höhepunkt.

Charim montierte für seine Arbeit: „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“, die Geschichte von Iris, die keiner mag, bis sie sich ein rotes Kleid kauft, doch das Kleid wird ihr Verhängnis und sie greift zu Gift. „I Hired a Contract Killer“ über den lebensmüden, weil eben entlassenen Henri Boulanger, der einen Auftragsmörder engagiert, sich just im selben Moment verliebt und nicht mehr sterben will. „Wolken ziehen vorüber“, in dem das Ehepaar Ilona und Lauri zeitgleich die Jobs verliert, aber nicht den Mut, und mit dem Restaurant „Arbeit“ neu durchstartet. Und nach der Pause „Der Mann ohne Vergangenheit“, eine Erzählung über einen Reisenden, der überfallen und auf den Kopf geschlagen wird und sein Gedächtnis verliert; als anonymer M versucht er sein Leben zu rekonstruieren und findet statt sich selbst eine Frau …

Charims Arbeit ist im ersten Teil zwingend und dicht, von hohem Tempo und hoher Intensität; sie changiert zwischen tragikomisch und brutal grotesk und ist unter ihrer spleenigen Oberfläche lauernd gefährlich. Der Regisseur schiebt die Szenen ineinander, bringt die Working Class Zeros aus mehreren Storys gleichzeitig auf die Bühne, hinten Ilona und Lauri im neuen Lokal, vorne Henri und Margaret beim Rendezvous, das ist so fein verwoben, so fantastisch austariert, dieses Requiem für Aki Kaurismäkis Alltagsantihelden, dass im zweiten Teil der Leistungsabfall fast folgen musste.

„Der Mann ohne Vergangenheit“ erschließt sich einem nicht, auch wenn klar ist, was Charim meint: Alle sind hier M, die werktätige, gesichtslose Masse, austauschbare Nummern statt Namen, weil es mehr als einen Zahlencode fürs Bezahlen von Steuern und Sozialversicherung nicht braucht. Dann allzu abrupt aus, und verrätselt schön und gut, aber irgendwie fügte sich dieses Stück nicht in die anderen; die Frage ist, ob der Wachmann im Vorstadt-Einkaufscenter nicht doch die bessere Wahl gewesen wäre. Aber Charim suchte wohl einen versöhnlicheren Ausgang als es für diesen gibt. Aufgeben, sagt er zum abwesenden Koistinen, ist keine Option. Geh‘ den Weg gefälligst weiter als bis zur nächsten Biegung.

Tobias Voigt, Michael Scherff, Lisa Weidenmüller, Magdalena Helmig und Swintha Gersthofer. Bild: Alexi Pelekanos

Vorne „I Hired a Contract Killer“: Tobias Voigt, Michael Scherff und Lisa Weidenmüller; hinten „Wolken ziehen vorüber“: Magdalena Helmig und Swintha Gersthofer. Bild: Alexi Pelekanos

Marion Reiser, Swintha Gersthofer und Helmut Wiesinger. Bild: Alexi Pelekanos

„Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ in der unguten Stube: Marion Reiser, Swintha Gersthofer und Helmut Wiesinger. Bild: Alexi Pelekanos

Für all das hat Ivan Bazak einen drehbaren Kubus erdacht, der parallel die abgehauste Wohnstube von Iris‘ Eltern und eine grindige Kantine sein kann, als Bühnenprospekt eine hyperrealistisch glückliche Familie, die wie zum Hohn den Existenzen davor beim Scheitern zusieht. Matthias Jakisic und „Sofa Surfer“ Wolfgang Schlögl interpretieren mit Geige, Slide-Gitarre und Akkordeon einwandfrei den finnischen Tango. Charim erzählt sehr „filmisch“, in knappen Sequenzen, lässt neben den Dialogen einen Zwischentext wie Regieanweisungen vortragen und die Charaktere streckenweise gänzlich sprachlos sein … auch dies eine Verbeugung an das schwarze Schaf im Zahnradgetriebe. Die modernen Zeiten haben alle schwer erwischt.

Magdalena Helmig und Lukas Spisser, der Südtiroler ist seit Herbst am Haus und ein echter Gewinn, überzeugen anrührend als Ilona und Lauri, die von Staat und Banken im Stich gelassen beweisen, dass der Starke am mächtigsten zu zweit ist. Schön wie sie zeigen, wie man im größten Schlamassel, als Spielball einer „Unternehmenspolitik“, seine Würde wahren kann, und ist diese Episode der Suomi-trilogia auf Verbundenheit aufgebaut, folgt für Spisser mit Swintha Gersthofer als Iris pures Verlangen, eine beinah kunstturnerische Sexszene. Gersthofer gibt die junge Naive peinlich bis zum Fremdschämen, doch Vorsicht!, irgendwann wollen die working poor, will der Mensch nicht mehr Material sein, dann wird das Lämmchen zum Reiß-Wolf.

Tobias Voigt ist fabelhaft als tollpatschiger Todeskandidat Henri, der Beruf über privat stellt, bis ihn der Beruf vor die Tür setzt. In der zum Glück Lisa Weidenmüller als trotzig-rotzige Margaret steht, eine Aufrüttlerin, wie gemacht für den Durchhänger. Michael Scherff gibt mit großer Spielfreude den mutmaßlich traurigsten Killer der Theatergeschichte. Voigt erlaubt sich noch ein Kabinettstückchen als Hund Hannibal. In den brillanten Darstellerreigen fügen sich Marion Reiser und Helmut Wiesinger unter anderem als Iris‘ Eltern, Christine Jirku, Pascal Groß und Othmar Schratt als Ilonas Kollegen, und Jan Walter als Containerdorfbewohner oder Snack-Bar-Gast. Alle zusammen spielen sie noch, scharfkantig und trocken, Abteilungsleiter und Arbeitsvermittler, Steuerprüfer und Obdachlose und – M.

„Die Arbeiterklasse kennt kein Vaterland“, sagt eine der Figuren an einer Stelle. Das ist freilich eine Zuspitzung, aber: Finnland ist faktisch überall. Kaurismäkis Themen Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Einsamkeit sind so individuell wie universell. Doch das kleine Glück und die letzte Hoffnung müssen doch zu verteidigen sein, daran glaubt der Filmphilosoph fest. Alexander Charim hat aus seinen kurzen Geschichten, aus als solche empfundenen und tatsächlichen Katastrophen, ein im Vergleich zu den Originalen opulentes, auch erkennbar politischeres Gesellschaftspanorama entworfen, das Phänomene beleuchtet, die das Hierzulande betreffen. Nicht nur in diesem Sinne ist sein Abend allemal sehenswert. Schließlich: was will man schon groß?, mehr oder weniger alle dasselbe. Sing mit mir ein kleines Lied …

www.landestheater.net

BUCHTIPP: Willy Vlautin: Die Freien, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18508

Wien, 23. 4. 2016