Landestheater NÖ: Das Programm der Saison 2019/20

September 2, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Highlights der startenden Spielzeit

Präsentierten das Programm der Spielzeit 2019/20: Ludwig zur Hörst, Julia Engelmayer, Marie Rötzer und Olivia Khalil. Bild: Franziska Liehl

Eröffnet wird die vierte Spielzeit von Marie Rötzer am Landestheater Niederösterreich am 12. September im Großen Haus mit der Premiere von Friedrich Schillers Der Parasit. Der große klassische Dramatiker Schiller erweist sich auch in dieser Komödie als Meister des Spannungsaufbaus und der Figurenzeichnung. Die Handlung des Stücks stammt aus der Feder von Louis Benoît Picard. Bei Schiller ist der Parasit auf den mittleren Sprossen der Karriereleiter zu finden.

Dort siedelt er im gehobenen Beamtenmilieu sein furioses Lustspiel an, das mit feinstem Komödienbesteck die Winkelzüge des titelgebenden Parasiten Selicour und die Mechanismen von Manipulation und Machtgewinn filetiert. Der junge Schweizer Regisseur Fabian Alder inszeniert die überraschende, in „schillernder“ Sprache verfasste Komödie als Koproduktion des Landestheaters Niederösterreich und des Stadttheaters Klagenfurt. Als Gäste im Ensemble sind unter anderen Heike Kretschmer und Tobias Voigt zu sehen.

Am 27. September steht im Großen Haus die Premiere von William Shakespeares Hamlet auf dem Spielplan. Der junge Prinz erlebt seine Wirklichkeit wie einen bösen Traum, in dem sämtliche Regeln und Gesetze außer Kraft gesetzt sind. Denn wie kann es anders sein, wenn seine Mutter den Mann heiratet, der seinen Vater ermordet hat? Und Claudius, nun der Stiefvater Hamlets und neue König, den Mord tief und fest verleugnet? Wie kann Gerechtigkeit herrschen, wenn die Welt auf Lügen aufgebaut ist? Der junge britische Regisseur Rikki Henry war Teilnehmer des Marstallplan-Festivals 2018 für junge Regie am Residenztheater München und früherer Mitarbeiter der Theaterlegende Peter Brook. In seiner ersten Arbeit am Landestheater Niederösterreich inszeniert er Shakespeares rätselhafte Tragödie als modernen Mythos über Macht und Moral.

Der Parasit: Heike Kretschmer, Tobias Artner, René Dumont und Tobias Voigt. Bild: Alexi Pelekanos

Hamlet: Tim Breyvogel übernimmt die Rolle des dänischen Prinzen. Bild: Alexi Pelekanos

Scharfsichtig und mit witzigen Dialogen spiegelt Ödön von Horváth in seiner abgründigen Komödie Italienische Nacht die politischen Verhältnisse der 1930er-Jahre und ihre Folgen. Noch während die Proben zur Uraufführung in Berlin liefen, sprengten im Februar 1931 Nationalsozialisten eine Versammlung der Sozialdemokraten. Horváth war Zeuge der Massenschlägerei, die 26 Verletzte und mehr als 100 kaputte Bierkrüge hinterließ. Nach „Das goldene Vlies“, „Dantons Tod“ und „Ödipus / Antigone“ inszeniert die spanische Regisseurin Alia Luque erneut einen hochpolitischen Theaterstoff am Landestheater, Premiere ist am 30. November.

Am 30. Jänner findet im Großen Haus die Uraufführung von Figaros Hochzeit (Aber nicht die Oper!) – Die Geschichte eines revolutionären Friseurs nach Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo Da Ponte statt. Gemeinsam mit seinem Schauspiel-Ensemble begibt sich der Regisseur Philipp Moschitz lustvoll auf eine musikalisch-theatrale Entdeckungsreise in die unbekannten Regionen des Mozart’schen Kosmos. Moschitz hat in der vergangenen Spielzeit mit seiner Inszenierung der Komödie „Um die Wette“ für Begeisterung gesorgt und wurde damit zum renommierten internationalen Regie-Festival „Radikal jung“ in München eingeladen.

Es ist die Zeit der weltpolitischen Krisen und gesellschaftlichen Verunsicherungen am Vorabend des Ersten Weltkrieges, als Thomas Mann mit Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull seinen erfolgreichsten Roman beginnt. Mit der ihm eigenen Ironie und Doppelbödigkeit schildert er seine „Helden des Zeitalters“, die gespaltenen Figuren, die am Widerspruch zwischen Schein und Sein, zwischen äußerer Geltung und innerer Einsamkeit leiden. Regisseur Felix Hafner, der zuletzt sehr erfolgreich am Landestheater Stefan Zweigs „Flucht ohne Ende“ inszeniert hat, nimmt die Geschichte des gerissenen Kriminellen und Phantasten zum Anlass, um die Frage „Will die Welt betrogen werden?“ neu zu stellen. Premiere ist am 14. März in der Theaterwerkstatt.

Als der Entdecker und Seefahrer Christoph Kolumbus 1492 in See sticht, um die Weststrecke nach Indien zu erkunden, befindet sich Europa mitten in extremen Umbrüchen. Es ist der Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse, zum Beispiel, dass die Erde keine Scheibe ist, verändern den Kontinent in all seinen Gewissheiten. Was für die einen den Weltuntergang bedeutet, ist für die anderen der Weg in eine strahlende Zukunft. Der kroatische Dramatiker Miroslav Krleža, 1893 in Zagreb geboren, gilt als einer der großen europäischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. In seinem 1917 entstandenen Stück Christoph Kolumbus verdichtet er die Ideale des Sozialismus mit der Botschaft aus der katholischen Heilsgeschichte.

In starken, expressionistischen Bildern erzählt Krleža von Kolumbus’ abenteuerlicher Seefahrt und zieht Parallelen zwischen der Epoche der Renaissance und der revolutionären Aufbruchsstimmung Kroatiens vor dem Ersten Weltkrieg. Der kroatische Regisseur Rene Medvešek hat das Kolumbus-Projekt bereits 2014 in Zagreb als großes, formstarkes Musiktheater mit Schauspielern inszeniert. Mit den Ensembles des Landestheaters Niederösterreich und der Vereinigten Bühnen Bozen kommt es nun zu einer Neuinszenierung, deutschsprachige Erstaufführung ist am 20. März.

„Einer für alle, alle für einen!“ Diese Losung war eine politische Proklamation, denn die berühmte Soldatentruppe der Musketiere kämpfte im frühen 17. Jahrhundert mit ihren schnellen Degen im Dienst des französischen Königspaares Ludwig XIII. und Anna von Österreich. 200 Jahre später, im Jahr 1840, verband Alexandre Dumas die historischen Ereignisse mit erfundenen Geschichten rund um den jungen Gascogner Soldaten D’Artagnan. Entstanden ist mit Die drei Musketiere eines der berühmtesten Abenteuerepen über Treue und Tapferkeit, Liebe und Freundschaft. Eingebettet in einen stimmungsvollen Hintergrund, inszeniert Regisseur Robert Gerloff den Mantel-und-Degen-Stoff mit viel Humor, Live-Musik und packenden Kampfchoreografien für Jung und Alt. Premiere ist am 10. Juni.

Alex, ein junger Vater, erzählt von seinem privaten Familienglück, den alljährlichen Urlaubswochen in Südfrankreich, von einem idyllischen Sommertag. Schwimmen im Meer, Tauchen zu den Unterwasserklippen an der Steilwand, Sonnenbaden am Strand. Völlige Harmonie – bis das Entsetzliche passiert und eine kleine Unachtsamkeit Alex’ Leben für immer erschüttert. Simon Stephens, einer der wichtigsten britischen Dramatiker der Gegenwart und vielfach ausgezeichnet, stellt in Steilwand die universale Frage nach Schuld und Erlösung. Tim Breyvogel, seit 2016 Ensemblemitglied am Landestheater Niederösterreich, wird den dichten Monolog nicht nur schauspielerisch, sondern mit einem rhythmisch-klangvollen und vielstimmigen Sound aus seinem DJ-Pult als multimediales Erlebnis an unterschiedlichen Orten und Plätzen in St. Pölten auf die Bühne bringen. Die Orte und Termine werden noch bekannt gegeben.

Caligula: Ben Becker. Bild: Christina Baumann-Canaval

Schiller Balladen: Philipp Hochmair. Bild: Heike Blenk

An Gastspielen sind unter anderem angekündigt:

Schiller Balladen mit Philipp Hochmair und Die Elektrohand Gottes. Feinste deutsche Lyrik meets Elektro-Beats: Philipp Hochmair und seine Band verwandeln Schillers berühmte Balladen in ein exzessives Rockkonzert. Die mehr als zweihundert Jahre alten Verse sind dem Schauspielerstar absolutes Lebenselixier, sie haben für ihn nichts mit Schulzwang und Bildungsbürgertum zu tun, sondern mit Techno, Industrial und Ekstase. Am 23. November. Mit Konfrontation!

NT Gent: Black/The Sorrows of Belgium I: Congo. In seiner Trilogie „Black“, „Yellow“ und „Red“, den belgischen Nationalfarben, verarbeitet Regisseur Luk Perceval die Geschichte und Identität Belgiens. Der erste Teil „Black“ befasst sich mit dem kolonialen Erbe im Kongo. Bei der Berliner Kongo-Konferenz 1884/85 wurde dem belgischen König Leopold II. der Kongo als Privatbesitz zugesprochen. Damit begann für die Bevölkerung des rohstoffreichen Landes ein Martyrium schrecklichen Ausmaßes: mit ungeheurer Brutalität wurde die gesamte Bevölkerung für die Kautschukernte herangezogen. Leopold II. war verantwortlich für grausamste Menschenrechtsverletzungen. Im Mittelpunkt der bildstarken und musikalischen Inszenierung steht der afroamerikanische Missionar William Henry Sheppard, der dies dokumentierte und Aufmerksamkeit schuf für ein Verbrechen, das in Belgien bis heute weitgehend verdrängt wird. Österreich-Premiere ist am 14. Februar.

Salzburger Landestheater: Caligula von Albert Camus. Die Sehnsucht nach dem Amoralischen treibt diesen tyrannischen Herrscher an – und der Wunsch, einmal den Mond zu besitzen. „Caligula“ ist die Tragödie maßlosen Machtwillens. Der vom Drang nach dem Absoluten besessene Caligula glaubt, die Treue zu sich durch die Untreue gegen die anderen gewinnen zu können. Caligula ist kein brutaler Despot, sondern ein raffinierter, intellektueller Verbrecher, der seine Untertanen immer weiter treibt, wie in einem Experiment, um zu prüfen, was sie alles erdulden. Als er endlich unter den Dolchen der Verschwörer zusammenbricht, sind seine letzten Worte: „Ich lebe. Ich lebe.“ Eine Paraderolle für Ben Becker, Inszenierung John von Düffel und Marike Moiteaux. Gastspielpremiere ist am 22. April.

www.landestheater.net

2. 9. 2019

Landestheater NÖ: Quasi Jedermann

Januar 27, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Verschluckt an der österreichischen Seele

Herr Karl hoch fünf: Michael Scherff, Tobias Artner, Tim Breyvogel , Hanna Binder und Josephine Bloéb teilen sich den Qualtinger-Monolog. Bild: Alexi Pelekanos

Wer ist denn dieser Querulant im Publikum? Zuschauer drehen sich zu dem Mann in der Reihe hinter ihnen um, dem’s nicht passt, dass da vorn nix weidageht, und der sich ausdauernd darüber beschwert. Lauta Weiba, sagt er mit Blick auf die Besetzungsliste, und drei Piefke, des haaßt deutscher Humor gegen unsan Schmäh, und erklimmt auch schon die Bühne, steigert sich hoch, vom Privaten ins Politische, und steigert sich rein, von Voreingenommenheit zum Vorurteil zur Verurteilung.

Weil, auch wenn St. Pölten nicht Wien ist, da kennt sich einer aus mit Frühaufstehen und Wachsein. „Mir brauchen se gar nix erzählen.“ Mit diesem Satz beginnt Helmut Qualtingers „Der Herr Karl“ und nun auch der Abend zu seinen Ehren – „Quasi Jedermann“ am Landestheater Niederösterreich. Für den sich Schauspieler Michael Scherff eben jenen brillant beckmesserischen Prolog verfasste. Regisseurin Christina Tscharyiski, die zuletzt mit der Stefanie-Sargnagel-Collage „Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis“ im Rabenhof überzeugte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24674), hat zum 90. Geburtstag des Satiregenies Qualtinger etliche von dessen in Zusammenarbeit mit Carl Merz entstandenen Texte zu einem Ganzen verbunden.

Als Klammer dient selbstverständlich die Lebensbeichte des berühmt-berüchtigten Feinkost-Lageristen, und es überrascht, wie neu diese klingt, man hat ja das Original „quasi“ im Ohr, wenn die Widersprüche, in die sich der ewige Raunzer verstrickt, auf mehrere Stimmen aufgeteilt gleich einer Vox populi werden. Mit Scherff spielen Tobias Artner, Hanna Binder, Josephine Bloéb und Tim Breyvogel, und die fünf verstehen es meisterlich ein Herr-Karl-Gefühl aufkommen zu lassen, wenn sie einen weit hinunter in dessen österreichische Seele blicken lassen, so dass man sich am Lachen über deren Abgründe schnell einmal verschluckt.

Burschenschafter am Würstelstand: Tim Breyvogel und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Rosen für die Trottoirschwalbe: Josephine Bloéb und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Die Darsteller wissen die Pointen treffsicher zu setzen, sie bringen Qualtingers schwarzhumorigen Tiefsinn, seine bitterböse Verzweiflung ob herrschender Verhältnisse, seine urkomischen Dialoge angetan als Burschenschafter, Rosenverkäufer oder Heurigenbesucher, die Kostüme sind von Miriam Draxl, auf den Punkt. Als Bühnenbild hat ihnen Sarah Sassen einen Pflock hingestellt, der durch Drehung zu Blumen- oder Würstelstand wird, aber auch wie eine Bunkeranlage wirkt.

Tscharyiskis Text-Auslese reicht vom Travnicek-Sketch über „Der Menschen Würde ist in Eure Hand gegeben“ und „Jahrhunderte blicken herab“ bis zur Striptease-Familie. Und wie sie sich bei „Ja, eh!“ Liedermacher Voodoo Jürgens als musikalischen Zeremonienmeister holte, sind diesmal die Wienerlied-Beatboxer Wiener Blond mit von der Partie.

Verena Doublier und Sebastian Radon, unterstützt vom Kontrabassisten Navid Djawadi, sind in hohem Maße mitverantwortlich für diesen gewissen anderen, den lapidaren Tonfall der Aufführung. Verkleidet als Country-Duo animieren Doublier und Radon das Ensemble zum „Vereinsmeier Bossa“ und verleiten es bei „Da liegt ana, da pickt ana“ zum Can Can.

Und weil Wiener Blond wissen, wo das goldene Wienerherz schlägt, geht’s liedtechnisch auch in den „Gemeindebau“ oder lassen sie in „I kumm ned weida“ wissen „Lieber das Krügerl vuam Gsicht, ois die Hackn im Kreuz. Lieber a Leber voi Gift, ois a Pantscherl des eh kaan mehr gfreut“. Das passt zum Qualtinger wie Arsch auf Eimer, um noch mal auf die Nachbarn zu sprechen zu kommen. Hanna Binder berlinert sich mitunter durchs heimische Idiom, sagt sie Hitler, wird daraus ein Schluckauf-Hicks, will sie „Die Bürgschaft“ rezitieren, wird ihr das Aufsagen von Terroristenlyrik so lange verboten, bis sie beim Gabalier’schen „Hulapalu“ landet. Dessen Hodi odi ohh di ho di eh auf klassische Art vorgetragen, das hat was … Michael Scherff wiederum mutiert zu St. Pöltens Antwort auf Charles Aznavour und erläutert seinen migrantischen Mitspielern, dass Lavendel nicht zwangsläufig eine lila Pflanze ist. Und apropos, Lippenblütler, geschüttelt, heißt: gereimt, wird auch. Auf Teufel komm‘ raus und tief unter der Gürtellinie.

Wiener Blond im Country-Look und mit Kontrabassist: Verena Doublier, Navid Djawadi und Sebastian Radon. Bild: Alexi Pelekanos

Josephine Bloéb singt als Trottoirschwalbe mit hinreißender Hingabe das Leopold/Werner-Lied „I schupf alles nur mit l’amour“, und erklärt Tobias Artner Tim Breyvogel, er habe vor der nächsten Wahl eine Operation vor, meint er damit keinen politischen Rechtsruck, sondern seinen Leistenbruch. Mit ihrer Hommage „Quasi Jedermann“ gelingt Christina Tscharyiski politisch-poetisches Volkstheater, das sich dem großen Vorbild als durchaus würdig erweist.

Sie treibt den Stachel, den Qualtinger einst einer geschichtsverleugnenden Nachkriegszeit ins Fleisch bohrte, der neu aufkommenden Kleingeistigkeit ins Gehirn. Eine Tiefenbohrung, die bei allem Freilegen gesellschaftlicher Tatbestände trotzdem auch Riesenspaß macht. Zum Schluss servieren Wiener Blond endlich, worauf alles gewartet hat: Qualtingers Greatest-Hits-Medley, vom „G’schupften Ferdl“ übern „Bundesbahnblues“ bis zum Papa, der’s schon richten wird.

Vorstellungen am Landestheater bis 9. März, zu Gast an der Bühne Baden am 23. August.

www.landestheater.net          www.wienerblond.at          www.buehnebaden.at

  1. 1. 2019

Landestheater NÖ: Der Revisor

Mai 5, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie eine Spinne im eigenen Lügennetz

Die Schauspieler als Kletterkünstler: Tim Breyvogel und Jevgenij Sitochin. Bild: Alexi Pelekanos

Beginnt die Beschreibung bei der Kulisse, so ein alter Rezensentenwitz, hat das in weiterer Folge meist nichts Gutes zu bedeuten. Nicht so am Landestheater Niederösterreich, wo Regisseur Sandy Lopičić und Bühnenbildner Michael Köpke mit der äußeren Form der Arbeit deren Innenwelt bloßlegen. Gogols „Der Revisor“ wird gegeben, und was fiele einem da zur Optik nicht alles ein.

Da ist im Wortsinn ein ganzes russisches Städtchen auf die schiefe Bahn geraten, haften sich dessen Bewohner gerade noch wie insektische Klebekünstler an der glatten Oberfläche an, während über ihnen der Chlestakow wie eine Spinne in seinem Lügennetz sitzt. Da wird geschlittert und geklettert, was das Zeug hält, und wer was Geheimes zu künden hat, agiert aus Luken aus dem Untergrund – wie Springteufel schnell wird daraus auf- und wieder abgetaucht. Hochmusikalisch ist Lopičićs Inszenierung außerdem, er selbst für die Arrangements zuständig lässt sich von Florian Fennes, Rina Kaçinari, Didi Kern und Imre Lichtenberger Bozoki unterstützen. Die, mit einer Art Commedia dell’arte-Masken, auch den einen oder anderen Dorfcharakter mimen, um ihren Mitbürgern die Flöten- (heißt in diesem Fall: Tuba, Trompete oder Klarinette) -töne beizubringen.

Lopičić versteht Gogols hinterlistige Komödie über betrogene Betrüger richtig als Groteske, er macht daraus eine Kasperliade, in der clownesk karikierte Gauner versuchen, einander mit ihren hysterischen Bestechungsversuchen zu übertrumpfen und zu retten, was noch zu retten ist. Was derlei reich an Slapstick und Klamauk ist, ist um reichlich Text ärmer. Lopičić lässt etliches davon weg, führt wenig Szenen bis zum Ende aus, die tiefere Bedeutung, das Maßgebliche dieser Parabel auf Korruption und Geisteskleinheit erschließt sich dennoch – dies immerhin eine Kunst, die nicht jeder schräge Bühnenspuk schafft.    

Auf die schiefe Bahn geraten: Jevgenij Sitochin, Tim Breyvogel, Michael Scherff, Josephine Bloéb und die Musiker. Bild: Alexi Pelekanos

Wer was Geheimes zu künden hat, agiert lieber aus dem Untergrund: Hanna Binder und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Vor der vielen harten Arbeit der durch die Szenerie turnenden Schauspieler, dem Tempo, dem Timing, vor Lopičićs gekonntem Feinschliff, gilt es den Hut zu ziehen. Tim Breyvogel gibt virtuos den insolventen Hochstapler, der sich für einen gestrengen Moskauer Beamten halten lässt, gekommen, um den moralischen Pegelstand im Städtchen zu vermessen, und der darob Panikreaktionen auslöst. Mit aufbrausender Süffisanz lehrt er vom Stadthauptmann abwärts alle Angst und Schrecken, wobei er selbst es ist, der fürchten muss, aufzufliegen. Breyvogel gelingt es im allgemeinen Tohuwabohu tadellos, die Ambivalenz seiner Figur zwischen hochfliegend und niedergeschmettert darzulegen.

An seiner Seite Jevgenij Sitochin als Ossip, Prototyp des schlauen Dieners, der zur Abreise mahnt, bevor alles zu spät ist. Michael Scherff brilliert als schmieriger Stadthauptmann, der so gern Tyrann sein möchte, aber von seinen Untergebenen unterspielt und wenig ernst genommen wird. Dazu agieren einwandfrei Katharina Haindl als seine seitensprungwillige Frau Anna und Josephine Bloéb als heiratswütige Tochter Marja, die den Revisor beide fest im Visier haben.

Und auch Tobias Artner und Hanna Binder können als Dobtschinski, Bobtschinksi (und flugs auch in alle anderen Einwohner verwandelt) ihr komödiantisches wie ihr akrobatisches Talent voll ausspielen.

www.landestheater.net

  1. 5. 2018

Landestheater NÖ: Marie Rötzer im Gespräch

September 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die neue Intendantin über ihre Pläne für das Haus

Marie Rötzer ist die neue künstlerische Leiterin des Landestheater Niederösterreich. Bild: Peter Hönnemann

Marie Rötzer ist beginnend mit dieser Saison die neue künstlerische Leiterin des Landestheater Niederösterreich. Bild: Peter Hönnemann

Am 16. September startet das Landestheater Niederösterreich unter neuer Leitung in die neue Saison. Marie Rötzer hat die Intendanz des Hauses in St. Pölten übernommen und große Pläne. Ein Gespräch über die ersten Premieren, das junge Ensemble – und wie Rötzer das Theater zum Publikum bringen will:

MM: Warum Theater?

Marie Rötzer: Das hat mit der großen Liebe zur Literatur begonnen. Aber erst am Theater wird der Text lebendig. Am Theater haben wir es mit Menschen zu tun. Theater ist hautnah, ein Live-Erlebnis, ein Gemeinschaftserlebnis. Die Geschichte wird durch den Schauspieler greifbar gemacht. Die Darstellung des Menschen, des Menschseins, das finde ich am Theater als Kunstform am faszinierendsten.

MM: Was muss Theater für Sie können? Glauben Sie an Theater als moralische Anstalt?

Rötzer: Für mich ist Theater ganz klar eine politische Kunstform, mit den verschiedensten Ausdrucksmöglichkeiten dessen, was politische Kunst sein kann und soll. Ich glaube, dass man als ein anderer Mensch aus dem Theater hinausgeht, als man hineingegangen ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass Theater den Menschen verändern kann, ihn zu einem besseren Menschen machen kann.

MM: Da Sie von verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten sprechen, welchen Stempel wollen Sie dem Landestheater Niederösterreich aufdrücken? Wie wird Ihre Handschrift sein?

Rötzer: Mir ist sehr daran gelegen, dass wir erneut eine Humanismus-Debatte entfachen, dass wir ganz konkret über Werte nachdenken, über Werte der Aufklärung, Toleranz, Freiheit, Meinungsfreiheit, da möchte ich ganz klar auf heutige Geschehnisse eingehen. Wir leben in einer sehr turbulenten, schwierigen Zeit, einer Umbruchszeit, in der sich in Europa neue Situationen darstellen. Darauf möchte ich mit dem Theater auf jeden Fall reagieren. Auch in dem Sinn, dass man am Theater wie in einer Laborsituation über unterschiedlichste Dinge nachdenken kann. Mein Schlagwort dafür ist „Denk- und Spielraum ohne Grenzen“. Im Kopf und im Herzen. Ich denke nicht, dass wir uns in einem europäischen Schrebergarten einigeln können. Wir müssen uns weiter öffnen.

MM: In diesem Sinne lautet auch Ihr erstes Spielzeitmotto „Die Welt ist groß“?

Rötzer: Richtig. Das hat damit zu tun, dass ich denke, dass uns die Offenheit nur bereichern kann. Auch, wenn viele Fragen ungeklärt sind und man nicht auf alles Antworten geben kann, muss man die Angst überwinden. Wir können einander Geschichten erzählen, die erklären, wie eine Welt ohne Grenzen aussehen könnte. Am Theater kann man die Welt darstellen, nicht wie sie ist, sondern wie sie sein könnte. Man kann über Visionen, Utopien nachdenke.

MM: Sie waren in Ihren beruflichen Anfängen schon einmal am Landestheater, in der Dramaturgie. Ist das jetzt eine Art Heimkommen?

Rötzer: Ich habe während meines Studiums zwei Spielzeiten hier gearbeitet, damals hieß das Haus noch Stadttheater und war ein Vierspartenbetrieb, mittlerweile ist alles auf das Schauspiel fokussiert. Das Haus hat sich sehr verändert, aber ich finde die neue Struktur für mich sehr passend, weil ich ja ursprünglich Schauspieldramaturgin bin.

MM: Diesen wird mitunter angelastet, dass sie für ein kopflastiges Theater stünden.

Rötzer: Kopflastig ist ja nicht unbedingt negativ, sagen wir doch kopfbefreiend oder kopfluftig. Auf jeden Fall geht es mir darum, dass wir über uns selber nachdenken sollten. Was heißt Menschsein? Warum sind wir hier? Was hebt uns übers Normale hinaus? Theater hat die Möglichkeit, dies alles sehr lustvoll zu überlegen, sinnlich zu sein. Ich finde es schön, wenn man am Theater lachen kann, wenn man sich gut unterhält, aber auch, wenn unterschiedlichste Kunstdisziplinen gezeigt werden, wenn Musik, Lichtdramaturgie, Video und anderem gearbeitet wird. Und natürlich mit der Körperlichkeit der Schauspieler.

MM: Wenn wir nun schon bei Ästhetiken sind: Warum haben Sie das Haus violett gebrandet? Eine aufregende Farbe …

Rötzer: Wir wollten unseren Neustart mit einer prägnanten Farbe kenntlich machen. Violett hat sehr schöne Assoziationen, es steht für Spiritualität, Frieden, Schönheit. Das sind alles Dinge, die gut mit dem Theater in Einklang zu bringen sind.

MM: Lassen Sie uns über die Dinge sprechen, die neu werden. Erstens: das Ensemble.

Rötzer: Als künstlerische Leiterin wollte ich natürlich Menschen mitbringen, mit denen ich schon gearbeitet habe und die ich gut kenne. Außerdem wollten sich viele, die hier waren, verändern. Ich habe ein Drittel des bisherigen Ensembles übernommen, Michael Scherff, Lukas Spisser, Helmut Wiesinger und Othmar Schratt. Dazu kommen nun unter anderem Kollegen von Graz bis Mainz. Katharina Knap kommt aus Stuttgart, sie wurde von Theater heute 2014 zur besten Nachwuchsschauspielerin gewählt. Bettina Kerl kommt aus Düsseldorf, die kennt man, weil sie schon bei Andreas Beck am Schauspielhaus Wien gearbeitet hat. Tim Breyvogel, der in der Wiener Off-Szene sehr bekannt ist, kommt zu uns; er war zuletzt im Werk X in der „Proleten Passion 2015ff.“ zu sehen. Und dann Stanislaus Dick, ein Abgänger vom Konservatorium Wien, der für mich ein Phänomen ist, weil er mehrere Instrumente spielt. Wie überhaupt das Ensemble mit Musik sehr vertraut ist, singen kann und ein gutes Rhythmusgefühl. Außerdem haben wir noch Tobias Artner, Vidina Popov und Zeynep Bozbay, drei Mozarteum-Absolventen engagiert.

MM: Und Sie bringen Johannes Silberschneider, der mir noch in Graz gesagt hat, niemals, niemals nach Wien.

Rötzer: Jaha (sie lacht). Es macht ihm Spaß bei uns, er ist gerade mitten in den Proben mit Sandy Lopičić. Johannes Silberschneider ist ein wunderbarer Schauspieler.

Erste Premiere: "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" mit Johannes Silberschneider, Zeynep Bozbay und Stanislaus Dick. Bild: Alexi Pelekanos

Erste Premiere: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ mit Johannes Silberschneider, Zeynep Bozbay und Stanislaus Dick. Bild: Alexi Pelekanos

Zweite Premiere: "Das goldene Vlies" mit Michael Scherff, Tobias Artner, Silja Bächli und Bettina Kerl. Bild: Alexi Pelekanos

Zweite Premiere: „Das goldene Vlies“ mit Michael Scherff, Tobias Artner, Silja Bächli und Bettina Kerl. Bild: Alexi Pelekanos

MM: Womit wir bei der ersten Produktion sind: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ nach dem Bestseller-Roman von Ilija Trojanow, Premiere am 16. September. Siehe Spielzeitmotto: Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Rötzer: Für mich ist Ilija Trojanow einer der Schriftsteller, der ganz explizit auch ein politischer Autor ist, der auch Texte und Essays über politische Themen verfasst. In seinen Romanen geht es immer um die Vielfalt der Welt, da gibt es ein großartiges Zitat, in dem er sagt, wie in der Natur die Vielfalt zur Entwicklung notwendig ist, so auch in der Gesellschaft. Diese Neugier auf fremde Kulturen, auf Menschen, die aus anderen Zusammenhängen kommen, diese Begegnung zwischen dem anderen und dem eigenen, das ist für ihn ein dramaturgischer Faden. Und das alles findet auch in „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ statt.

MM: Worum geht’s?

Rötzer: Um eine Fluchtgeschichte, die auch biografisch ist. Er erzählt sehr fantasievoll die Flucht, die er gemeinsam mit seinen Eltern aus dem kommunistischen System Bulgariens in den Westen geschafft hat, und erzählt aber auch sehr schonungslos von einer Desillusionierung. Dieser Traum, den man von einem besseren Leben geträumt hat, erfüllt sich für sein Alter Ego erstmal nicht, doch dann greift für ihn die Kraft der Poesie, indem er diesem Jugendlichen einen Paten aus dem fernen Bulgarien schickt – und so machen sich die beiden auf die ganze Welt zu erobern. Auf dieser Reise emanzipiert sich dieser Junge und merkt, wie bunt und aufregend das Leben sein kann. Er verliert Ängste und Depressionen, die er vorher hatte, er reist zu seinen Wurzeln und darüber findet er seine Identität. Mit einem Wort, ein modernes Märchen.

MM: Und eine schöne erste Gelegenheit, für einen Großteil des neuen Ensembles, sich dem Publikum vorzustellen.

Rötzer: Da es die Welt repräsentiert, ja, zwei Drittel des Ensembles sind in dieser Produktion und eben Johannes Silberschneider. Außerdem sind vier Musiker auf der Bühne, die Strottern, Matthias Loibner, der Drehleierspieler, und Maria Petrova, eine bulgarische Percussionistin, weil jede Station anders musikalisch erzählt werden wird.

MM: Trojanow wohnt ja in Wien. War er schon schauen?

Rötzer: Noch nicht, aber er wird auf jeden Fall zur Premiere kommen.

MM: Worauf freuen Sie sich sonst noch?

Rötzer: Jedes Projekt dieser Spielzeit ist für mich ein Herzensanliegen. Wir haben zwei Themenbereiche, die bereits angesprochene Achse Heimat und Fremde; der zweite Teil ist ein Nachdenken über Utopien, alternative Lebensformen, das Sichüberlebthaben des Kapitalismus, und da gibt es zwei besondere Produktionen: Shakespeares „Wie es euch gefällt“, bei der Regisseur Gottfried Breitfuß die in den Wald verbannte Hofgesellschaft als eine Art Hippiekommune zeigen wird, der es um die Freiheit der Liebe und der Rede geht, um eine emanzipierte Gesellschaft ohne Druck und Repressalien. Die andere wird in der Theaterwerkstatt sein, für die Dramaturgin Julia Engelmayer eine Idee darüber entwickelt hat, wie Leben auch anders funktionieren kann.

MM: Und wird heißen?

Rötzer: Sie heißt „Utopia“ und ist eine Anlehnung an das Werk von Thomas Morus, der bereits im 16. Jahrhundert über Werte wie Gleichheit der Menschen gearbeitet hat. Das wird die Grundlage für ein Projekt, mit dem wir aus dem Landestheater nach Niederösterreich hinausgehen wollen, das Theater sozusagen direkt zu den Menschen bringen wollen. Wir wollen vor Ort mit Menschen Interviews machen, die schon nach den Gedanken Thomas Morus‘ leben und dies in das Stück einfließen lassen. Es geht mir sehr darum, dass wir aus dem Theater treten, den Menschen entgegengehen, die Schwellenangst nehmen … Damit die Menschen nicht immer zu uns kommen müssen, sondern wir auch zu den Menschen gehen. Wir sind ein Teil von Niederösterreich und wollen die Niederösterreicher mit unserem Theatervirus begeistern.

MM: Dies gedacht als Maßnahmen, um ein neues, ein junges Publikum zum Theater zu holen?

Rötzer: Genau. Meine Vorstellung ist schon, dass sich Theater nicht nur hinter Mauern versteckt, sondern mitten im Leben stattfinden muss. Wir wollen mit einem möglichst großen Publikum in Kontakt kommen. Wir wollen Theater für alle machen.

MM: Das Landestheater Niederösterreich hat ja bereits eine große Tradition bei Publikumsbeteiligungsformaten. Nun führen Sie zwei neue ein: „Hier wird Ihre Sache verhandelt“ und „Außer der Reihe“. Was wird das sein?

Rötzer: „Hier wird Ihre Sache verhandelt“ entspricht dem Gedanken, den ich eingangs erwähnt habe, nämlich dass Theater eine Form des Dialogs ist. Wir laden die Menschen ein, über ihre Themen, Sorgen und Nöte zu sprechen, und dazu bitten wir „Fachleute“, Philosophen bis Politiker, ihre Haltung zu vertreten. „Außer der Reihe“ werden Monologe, Liederabende, Kabarettistisches …, die wir in Kaffeehäusern, Wirtshäusern, Wohnzimmern zeigen wollen.

MM: Sie machen alle Schubladen auf: Landestheater goes Off.

Rötzer: Landestheater goes on and goes outside. Ja, das sind alles ambitionierte Pläne, wir werden sehen, wie sich das alles wird umsetzen lassen. Aber Theater ist ja work in progress, wir wollen experimentieren und die Menschen auf diesen Weg mitnehmen.

MM: Erfolgsdruck, oder: wann wird für Sie Erfolg sein?

Rötzer: Natürlich wünsche ich mir, dass gleich unsere erste Premiere gut angenommen werden wird. Es kann nur miteinander gehen, ich kann nur ermöglichen und helfen, das sehe ich als meine Aufgabe als Intendantin.

Der Spielplan für die Saison 2016/17: www.mottingers-meinung.at/?p=20180

www.landestheater.net

Wien, 5. 9. 2016

Viertelfestival NÖ 2016: Die Highlights des Programms

April 26, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf der Flucht vor Kriegen, Ankommen im Mostviertel

Fliehen, Verirren, Verweilen. Bild: Rainer Vogler

Fliehen, Verirren, Verweilen. Bild: Rainer Vogler

Ab 5. Mai findet dieses Jahr das „Viertelfestival NÖ – Mostviertel 2016“ statt. Das Motto ist „Fliehkraft“ und die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler befassen sich dementsprechend mit den Themen Stadtflucht und dem Zuzug von Städtern aufs Land, beides verknüpft mit der Hoffnung, dass „es“, das Leben, woanders besser ist, beides zu sehen im Wechselspiel der Kräfte, die zwischen der Peripherie und den Ballungsräumen wirken.

Es geht um Migration, um Menschen, die im Mostviertel eine neue Heimat gefunden haben, die Ursachen für ihre Flucht auf der einen und den Grund für ihr Bleiben auf der anderen Seite. Neben diesem interkulturellen Austausch wird Flucht aber auch historisch beleuchtet.

Die Programmtipps:

wechselstrom ― Christoph Theiler & Renate Pittroff: „Rotationskörper. Groove der Kulturen“. Ab 5. Mai auf Kirchvorplätzen von Stift Göttweig bis Waidhofen an der Ybbs. Ein Projekt mit Glocken aus aller Welt, immer präsentiert während der Zeit des Glockengeläuts vor Ort. So wird der Ton Mostviertler Kirchenglocken mit javanischen Gongs, chinesischen und türkischen Becken, Glocken aus Mali und tibetanischen Klangschalen kontrapunktiert. Das Instrumentarium umfasst einen Querschnitt durch die Kulturen der Welt und symbolisiert die Möglichkeiten har­monischen Zusammenlebens. Alle Performances werden aufgezeichnet, zu einer Gesamtkom­position remixt und gegen Ende des Festivals im und am Klangturm St. Pölten präsentiert. Eintritt frei. Die Termine: www.wechsel-strom.net

Gerald Prüller: „Die Kraft zu fliehen. Flucht einst und jetzt“. Ab 7. Mai, Burgarena Reinsberg. In seinem Dokumentarfilm  spricht der Filmemacher mit Menschen aus dem Mostviertel über das Thema Flucht. Dabei kommen einerseits Personen zu Wort, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg flüchten mussten ― sei es als Soldat auf einem der Kriegsschauplätze oder als Frau vor den russischen Besatzern in der Region. Andererseits erzählen Menschen, die heute aus den verschiedensten Krisenherden der Welt auf der Flucht sind und hier einen Ort der Ruhe und Sicherheit gefunden haben, von ihren Erlebnissen. Zwei Zeitebenen, zueinander in Beziehung gesetzt, um zu zeigen, dass es auch hierzulande gab, was manche heute als „fremd“ ansehen. Eintritt: freiwillige Spende. www.viertelfestival-noe.at/diekraft-zu-fliehen

Rotationskörper. Bild: Christoph Theiler

Groove der Kulturen. Bild: Christoph Theiler

Kunst-Initiative Amstetten (KIAM): „weggehen > ankommen > wo bleiben?“. 11. Mai, Rathaus Amstetten. Inspiriert von der Tatsache, dass in Amstetten Menschen aus mehr als 70 Nationen von China über Aserbaidschan bis Mauritius leben, organisierten Wilfried Leitner und die Kunst-Initiative Amstetten unter dem Titel „weggehen > ankommen > wo bleiben“ eine Veranstal­tungs­reihe, in deren Zentrum eine Ausstellung und neunzehn Kunstinstallationen stehen. Eintritt frei. Alle Infos: www.kiam.co.at

Ping Frederiks, Atanas Kolev: „255.758.006 km bis Utopia. Mars-Auswanderer gesucht“. 12. Mai, Pöchlarn, Donaugelände. „255.758.006 km bis Utopia“ ist eine begehbare Installation von Atanas Kolev, mit der die Möglichkeit der Übersiedlung der Menschheit von der Erde auf den Mars thematisiert wird. Ein Gedankenspiel dazu, dass Migration eines der zentralen Themen dieses Jahrhunderts zu werden scheint. Die Installation steht auf einer drehbaren Plattform und besteht aus einer Kugel in Form der Erde, verformt durch die Beschleunigung der Zentrifugalkraft. Das Objekt mit vier Metern Durchmesser ist aufgebaut aus Meridianen aus Beton und Eisendraht und verkleidet mit Edelstahlblech. Besucher können in seinem Inneren durch ein Fernrohr hindurch den Planeten Mars betrachten. Eintritt frei. www.ping-atanas.com

Isabell Kneidinger, Gerfried Hinteregger, „Wir Haager!“: „Laden/Hüter. Haag revisited“. Ab 20. Mai, Haag. Leerstehende Geschäfte in Ortszentren sind einerseits Zeugen der Abwanderung und der Veränderung sozialer Strukturen, andererseits bieten die verwaisten Lokale Raum für kreative Ideen. In Stadt Haag setzen Künstler und Architekten neue Impulse zur Raumnutzung und bespielen unter dem Titel „Laden/Hüter“ zwei Monate solche Geschäftsflächen. Ein Lokal mutiert zur camera obscura, ungenutzte Auslagen werden zu Screens umfunktioniert, die historisches Filmmaterial über die Stadt ausstrahlen. In einer Ausstellung sind Objekte der Haager Bevölkerung mit persönlichen Geschichten zu sehen. Besucher dieser neuen „Räume“ sind aufgerufen, Wünsche an ihren Wohnort kundzutun. Eintritt frei. ladenhueter2016haag.wordpress.com

Die Kraft zu fliehen. Bild: Peter Faschingleitner, pictoresk

Die Kraft zu fliehen. Bild: Peter Faschingleitner, pictoresk

Kunstverein „raumgreifend“: „Fluchtwege. Auf den Spuren der Kremser Hasenjagd“. 21. Mai, Krems/Stein. Am Ende des Zweiten Weltkriegs, Anfang April 1945, wurden etwa 1.800 Häftlinge des Zuchthauses Stein, des größten Gefängnisses auf dem Gebiet der damaligen „Ostmark“, freigelassen. Unter den Insassen waren zu diesem Zeitpunkt viele Regimekritiker und politische Gefangene aus ganz Europa.

Mehr als 600 von ihnen wurden unmittelbar nach ihrer Freilassung von SS-, Wehr­machts- und Volkssturm-Mitgliedern gejagt und ermordet. Die Toten sind bis heute nicht geborgen. Der Künstler Gregor Kremser und der Historiker Robert Streibel laden zur Begehung einer der Fluchtrouten, nämlich von Stein über Mautern und Furth nach Paudorf ein, um das Schicksal einiger dieser Häftlinge zu thematisieren. Exklusiv für die Wanderung wird ein bisher noch unveröffentlichter Text über die Fluchtgeschichte des Stein-Häftlings Nikos Mavrakis vorgetragen. Künstler des Vereins „raumgreifend“ begleiten die Wanderung mit Aktionen, Performances und Installationen. Eine historische Karte mit den Fluchtrouten und eine Publikation sind in Planung. Eintritt frei. www.raumgreifend.org

Sini Coreth: „Fliehkraft – Die Flucht in sich selbst. Aktion gegen die Einsamkeit“. 21. Mai, Benediktinerstift Seitenstetten. In ihrem Dokumentationsprojekt „Fliehkraft“ beschäftigt sich die Künstlerin Sini Coreth mit der Einsamkeit alter und alleinstehender Menschen auf dem Land. Sie werden gebeten ihre Erinnerungen lebendig zu machen und ihre Geschichten zu erzählen. In einer Ausstellung werden die Porträts der Interviewten gezeigt und Videos von den Gesprächen mit den 80- bis 90-jährigen Mostviertlern abgespielt. www.viertelfestival-noe.at/fliehkraft-diefluchtinsichselbst

2016.viertelfestival-noe.at

Wien, 26. 4. 2016