Wiener Festwochen: Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt

Mai 30, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Ecce homo in extremen Bildern

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Wie sie da als gutgelaunte Truppe auf die Bühne stürmen, weiß man schon, das nimmt kein schönes Ende. Sie stellen sich vor, ihre Wurzeln reichen von Bergkarabach bis Bagdad, oder ihre Familien sind einst aus Syrien nach Jugoslawien eingewandert. Tito war ja ein großer Freund Hafiz al-Assads. Sie sind europäische Muslime, dieser Kontinent ist ihr Kontinent, und wie sie gehört auch der Islam hierher.

Sie haben Oliver Frljić kennengelernt, bei H & M oder im Kaffeehaus, und nun werden sie im Schauspielhaus Wien erst geschlagen, dann erschossen oder auf IS-Art geköpft. „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ heißt diese Arbeit, die Frljić im Rahmen der Wiener Festwochen zur Uraufführung brachte und für die er erstmals die Schauspielensembles des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka, er ist Intendant des Hauses, und des Mladinsko Theaters im slowenischen Ljubljana zusammenführt.

Frljićs unbequeme und politisch provozierende Arbeiten werden immer wieder zensuriert, er selbst sogar mit dem Tode bedroht (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=19920). Auch „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ wird manchen ein Stein des Anstoßes sein, befasst sich der 1976 in Bosnien geborene und nach Kroatien geflüchtete Theatermacher doch darin einmal mehr mit dem „christlichen Abendland“ und seinem Umgang mit Muslimen, mit neu erstarkenden faschistischen Strömungen, aktuell mit den Flüchtlingen und den unheiligen Verquickungen von Politik und Wirtschaft. Wie er sich an Europas Geschichte abarbeitet, so wohl auch an seiner eigenen. Denn den Terror, den er aus vermeintlich entlegenen Ecken der Erde zeigt, verbindet er inhaltlich mit dem gegen bosnische Muslime in den Lagern Ex-Jugoslawiens. Und nichts, was Frljić mit theatralen Mitteln darstellen könnte, ist so schockierend wie die in Den Haag eingegangenen Berichte von kastrierten, geschändeten, bis zur Zeugungsunfähigkeit gefolterten Frauen und Männern.

Frljić hat ein Synonym für die Schieflage der Nationen erdacht. Er lässt Uroš Kaurin als dornengekrönten Christus von einem Erdölkanisterkreuz steigen und eine Muslima vergewaltigen. Die ganze Aufführung ist ein Ecce homo in extremen, suggestiven Bildern, siehe, der Mensch, in all seiner Erbarmungswürdigkeit und Brutalität. Gefangene in Guantanamo-Orange müssen ihren Wächtern etwas vorsteppen, an der mazedonischen Grenze spielen Flüchtlinge mit Piepsstimme Kasperletheater, ihre Finger formen ein Hakenkreuz. Eine Frau mit grünem Hidschāb zieht sich einen rotweißroten Wimpel aus der Vagina, er wird den Umstehenden zum Heil-Symbol. Ein erotisches Ballett beginnt, nackte, mit arabischer Schrift bemalte Körper, als beschriebe dieser bitterzarte Moment den Anfang allen Lebens, doch schon startet eine ohrenbetäubende Party und Luftballons im Schwarze-Banner-Design fliegen ins Publikum. „Wenn Sie jetzt eine Frage haben?“, fordert Jerko Marčić auf, aber der gesittete Zuschauer hält natürlich im Theater den Mund, so wie er’s gelernt hat – und hat sich damit schon ins Unrecht gesetzt. Man solle hier nicht Balkan-Wundertiere bestaunen, sondern lieber Leben retten, heißt es. Und die Assoziationskette reißt nicht ab.

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Nicht nur die Leute im Saal, auch Alvis Hermanis kriegt sein Fett weg. Wegen seines Ausspruchs zur deutschen Flüchtlingspolitik. „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ ist eine Auftragsarbeit des HAU, des Berliner Theaters „Hebbel am Ufer“. Und Frljić, ja, er provoziert, wie jeder gute Revolutionär vertritt er laut und aufsässig seine Positionen, aber wann wurde ein leiser Mahner je gehört? Er zeigt bis zur Peinlichkeit plakatives Frontaltheater, führt Huntingtons Clash of Civilizations vor, dass es nur so klescht. Im heftig kritisierten Buch heißt es: „Der Westen eroberte die Welt nicht durch die Überlegenheit seiner Ideen oder Werte oder seiner Religion, sondern vielmehr durch seine Überlegenheit bei der Anwendung von organisierter Gewalt. Oftmals vergessen Westler diese Tatsache; Nichtwestler vergessen sie niemals.“ Frljić würde diesen Satz mutmaßlich unterschreiben, ein mutmaßlich gesteuerter Zwischenrufer im Schauspielhaus schreit: „Das wird hier alles einseitig dargestellt!“

Im Gespräch mit mottingers-meinung.at sagt Frljić: “ Wir sollten nicht vergessen, dass der Westen den radikalen Islam geschaffen hat (www.mottingers-meinung.at/?p=19920).“ Und, dass er keinen Wert auf ein Theater legt, das den Konsens sucht. In Leuchtlettern steht an der Bühnenrückwand: Die gegen den Faschismus sind, ohne gegen den Kapitalismus zu sein, wollen ihren Teil vom Kalb, ohne es zu schlachten.

Die Folie, auf die Frljić seinen Text projiziert, ist Peter Weiss‘ epochaler Roman-Essay „Die Ästhetik des Widerstands“. Tausend Seiten über die Möglichkeiten des antifaschistischen Widerstands aus der Sicht der Kunst, von Weiss selbst in die Nähe der Dante’schen Höllenkreise der Divina Commedia gerückt, von ersten Rezensenten in Unverständnis und einer verallgemeinernden Ablehnung alles „Roten“ angefeindet. Frljić lässt auf dem Höhepunkt seiner Hadeswanderung Matej Recer seinem Schauspielkollegen Blaž Šef Gewalt antun. Mit zwangseingeflößtem Schnaps und einem Schweinskopf, den er dem Muslim über das Gesicht stülpt. Auch das keine Erfindung, sondern lediglich eine Ausformulierung: Amnesty International und Human Rights Watch berichten immer wieder von Misshandlungen in Flüchtlingslagern. Wer hier leben will, muss auch so leben wie hier!
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Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Bild: Wiener Festwochen © Alexi Pelekanos

Frljić hätte seine Arbeit auch „Unsere Werte und eure Werte“ nennen können, oder besser „Unser Land und unsere Regeln“. Sie ist jedenfalls eine unverzichtbare Analyse der Seinszustände dieser Welt, sie ist ein politisches Pamphlet gegen den demokratisch legitimierten Rechtsschwenk Europas, ein wilder Aufschrei gegen systemische Gewalt – und eine Schweigeminute. Für die Opfer in Paris und Brüssel, in Marea und Azaz.

160.000 Menschen laufen dort gerade um ihr Leben, nur damit an Europas Grenzen das Kasperletheater wieder beginnen kann. Wie zur Versöhnung folgt am Ende eine christlich-islamische Pietà. Aber auch ein Bibelwort. „Also werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein“, zitiert Dragica Potočnjak, dann lacht sie. Zynisch.

Video: www.youtube.com/watch?v=54cE_2PT37E

www.festwochen.at

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Три сестры / Drei Schwestern: www.mottingers-meinung.at/?p=20364

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Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 30. 5. 2016

Theater Brett: Das Schicksal der Anderen

März 11, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Uraufführung nach dem Bestseller

„Mellettem elférsz” von Krisztián Grecsó

Bild: © Collegium Hungaricum Wien/ Theater Brett

Bild: © Collegium Hungaricum Wien/ Theater Brett

Am 18. März hat im Theater Brett „Das Schicksal der Anderen“ nach dem Roman des ungarischen Autors Krisztián Grecsó Premiere. Regie führt András Léner; es spielen Nika Brettschneider, Lukas Johne, Jakub Kavin, Sophie Resch, Agnieszka Salamon und Martin Vischer.

Das Wiener Theater Brett wird in Koproduktion mit dem Balassi Institut–Collegium Hungaricum Wien der Schauplatz einer einzigartigen österreichisch-ungarischen Produktion. Der preisgekrönte Bestseller-Roman des jungen Autors Krisztián Grecsó kommt als Theaterstück in deutscher Sprache unter der Regie von András Léner in hochkarätiger Besetzung erstmals auf die Bühne. Der Hauptdarsteller wird niemand geringerer als Martin Vischer sein,der zuvor im Wiener Schauspielhaus als Princip brillierte und 2014 von Joachim Lottmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Jahrhundertbegabung gepriesen wurde. Die aufwändige Produktion ist eines der Highlights dieses Jahres im Theater Brett, das heuer bereits sein 30-jähriges Bestehen feiert. Das Theaterstück wirkt wie ein vertracktes Märchen von parallelen Lebensgeschichten, basierend auf dem Familienroman von Krisztián Grecsó. Mellettem elférsz.
Dem Werk liegt die Idee zugrunde, dass neben Genen und Bräuchen auch unsere Geschichten und Schicksale weitervererbt werden. Die Taten vergangener Generationen, ihre Fehler und Verdienste, können bis in die Gegenwart nachwirken. Der Protagonist des Theaterstücks lebt im Budapest der Gegenwart. Er wird durch das schmerzhafte Ende einer Beziehung, das Auffinden des Tagebuches seiner Großmutter und durch einen Brief, der das Familienlegendar hinterfragt, zu seinem Weg der Identitätssuche veranlasst. Das Leben und die Geschichte dieses jungen Mannes, der sich selbst sucht, wahrnimmt, deutet, entfalten sich parallel dazu, wie er langsam an immer mehr oftmals geheime, wahre Geschichten der Familie gelangt. Alles, was der Protagonist erlebt und erfährt, sehen wir in parallel ablaufenden Geschichten erzählt, die das generationenübergreifende Leben auf einem Bauernhof und in einer Fabrik in den 1930er, 1960er und 1970er Jahren beleuchten. So erfahren wir etwa von einer sich vertiefenden Freundschaft zwischen zwei Männern im Umfeld einer Hanffabrik. (Später tritt einer von ihnen in einen Kirchenorden ein. Seine Geschichte wird zu einer Art Umkehrung der Jonas-Geschichte.) In den 1950er Jahren verliebt sich ein Bauarbeiter hoffnungslos in ein Mädchen aus dem Bürgerstand. Es entwickelt sich ein stürmisches Liebesdreieck, das von einer alten Dame aus der heutigen Zeit nacherzählt wird. Den zeitgeschichtlichen Hintergrund liefern die großen Zäsuren des 20. Jahrhunderts: der Zweite Weltkrieg, die Revolution von ’56 und die Wende 1989/90. Die Geschichten, in denen es stets um Liebe, Träume und die Beziehung zwischen Mann und Frau geht, spielen sich vor dem Hintergrund dieses sich wandelnden Osteuropas ab.
Der junge ungarische Autor Krisztián Grecsó begann seine literarische Karriere mit Gedichten, feierteseinen ersten großen Erfolg im Jahre 2001 aber mit seinem skandalösen Novellenband Pletykaanyu (übersetzt: Tratschtante). Seitdem erhielt er zahlreiche Preise und seine debütierende Bühnenarbeit Cigányok (übersetzt: ZigeunerInnen) wird seit vier Jahren mit großem Erfolg im József-Katona-Theater (Budapest) gespielt. Sein letzter Roman, Mellettem elférsz (2012), war monatelang der Spitzenreiter der ungarischen Bestsellerlisten und gleichzeitig auch der Roman des Jahres. In der turbulenten Welt des 20. Jahrhunderts begleitet uns der Autor auf eine Reise durch das Karpatenbecken und darüber hinaus, von Rumänien und Siebenbürgen bis nach Österreich und zu den Alpen. Von der Welt der Dienerschicht in den 1930er Jahren gelangen wir über die Budapester Arbeiterschicht der 1950er Jahre bis zu den Ruinenkneipen der Gegenwart.
Dem Stück gelingt es, das alles nicht bloß aufzuzählen und aufzulisten, sondern genussvoll bei den einzelnen Geschichten zu verweilen: Ehen zerfallen, Liebesgeschichten werden neu entfacht. In seiner Regiearbeit beschäftigt sich András Léner oft mit jenen Fragen, die für alle aktuell und wichtig sind: die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, der Familie, den Wurzeln und der Geschichte. Die zwei jungen HauptdarstellerInnen des Stücks, die österreichische Sophie Resch und der schweizerisch-ungarische MartinVischer, sind dem Wiener Publikum aus vielen Kurzfilmen, Theater- und Performanceaufführungen bekannt.

Wien, 11. 3. 2014