Filmmuseum: Let’s Spend the Night Together

Juni 26, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Musikfilme aus den Jahren 1908 bis 2021

The Rolling Stones: Let’s Spend the Night Together, 1982, Hal Ashby, Bild: © Filmarchiv Austria

Lange musste das Publikum in den vergangenen zwei Jahren aufs Kino, aber noch länger auf Konzerte, Tanz- und Musikveranstaltungen verzichten, und das, obwohl es Musik auf eine einzigartige Art und Weise schafft zu bewegen, die Körper und Herzen der Menschen im selben Rhythmus schwingen zu lassen und über alle Sprachbarrieren hinweg Kulturen zu verbinden. Das Österreichische Filmmuseum widmet deshalb sein diesjähriges Sommerprogramm von 1. Juli bis 7. August der universellen Magie von Musikfilmen.

Mit Dokumentarfilmen zu Personen, Persönlichkeiten und Ikonen der Musikgeschichte wie „U2: Rattle and Hum“ (US 1988), „Let’s Spend the Night Together“ (US 1982) über die Rolling Stones, „Madonna: Truth or Dare“ (US 1991), „Jimi Hendrix“ (US 1973) oder „Metallica: Some Kind of Monster“ (US 2004) sowie Musical-Klassikern wie“Singin’ in the Rain“ (US 1952) oder „Gentlemen Prefer Blondes “ (US 1973) mit Marilyn Monroe zeigt das Österreichische Filmmuseum  Filme aus eigener Sammlung, die die Festivalsaison hochleben lassen und jedes Film- und Musikfreakherz aus dem Ruhemodus bringen werden.

Metallica: Some Kind of Monster, 2004, Joe Berlinger, Bruce Sinofsky. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

Madonna: Truth or Dare, 1991, Alek Keshishian. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

The Beatles: A Hard Day’s Night, 1964, Richard Lester. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

Buena Vista Social Club, 1999, Wim Wenders, Bild: Filmarchiv Austria

Singin‘ in the Rain, 1952, Gene Kelly, Stanley Donen, Bild: Deutsche Kinemathek

Fred Astaire und Ginger Rogers: Swing Time, 1936, George Stevens. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

Weitere Highlights aus dem Programm

„Buena Vista Social Club“ von Wim Wenders 1999, „Chuck Berry – Hail! Hail! Rock ’n‘ Roll“ von Taylor Hackford 1987, „Die 3-Groschen-Oper“ von G. W. Pabst 1931, „The Beatles: Gimme Shelter“ von Albert und David Maysles 1970, „Meet Me In St. Louis“ von Vincente Minnelli mit Judy Garland 1944, „On connaît la chanson“ von Alain Resnais mit Jane Birkin 1997, und last, bust not least: „Rust Never Sleeps“ von und mit Neil Young 1979.

Films You Cannot See Elsewhere. Amos-Vogel-Atlas 9: Sound & Vision

Parallel zum Musikfilm-Sommerprogramm widmet sich am 21. und 22. Juli auch der Amos-Vogel-Atlas der filmischen Beschäftigung mit Musik, legt den Schwerpunkt aber auf die kurze Form. Denn gerade im Kurzfilmbereich sind in der Filmmuseum-Sammlung selten gezeigte Kleinodien mit unterschiedlichsten Arten von Musikbezug zu finden: Die Bandbreite reicht vom ultrararen ersten Dokument der Band Velvet Underground beim Proben bis zu Meisterwerken des Avantgardekinos, die ihrer Bilderstürmerei durch Verwendung von Pop oder klassischer Musik zusätzliche Dimensionen verleihen (wie Warren Sonberts „Friendly Witness“); von Animationskomödien (ob entfesselte Opernparodie bei Chuck Jones oder minimalistische Merkwürdigkeit bei Nicolas Mahler) bis zum ungewöhnlichen Musikvideo.

Der Ball, 1982, Ulrich Seidl. Bild: © Ulrich Seidl Film Produktion

Happy End, 1982, Peter Tscherkassky. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

Invocation of My Demon Brohter, 1969, Kenneth Anger. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

Suspiria, 1977, Dario Argento. Bild: © Österreichisches Filmmuseum

Dieses weitere Kapitel des Vogel-Atlasses versucht ganz im Sinne seines Namensgebers, völlig verschiedenartigen Zugänge zusammenzubringen: als konzisen Überblick der reichen kinematografischen Möglichkeiten, mit Musik umzugehen, aber auch als herausfordernde Gegenüberstellung von völlig gegensätzlichen Arbeitsmethoden. Vom politischen Einsatz und den Projektionswirkungen der Musik in den Transatlantischen Beziehungen“ des ersten Programms bis zu ihrer Verwendung als gleichwertiges Gestaltungsmittel für einen rauschhaften audiovisuellen Horror-Trip in Dario Argentos „Suspiria“ – der als abendfüllender Spielfilm nochmal eine ganz andere Perspektive bietet.

www.filmmuseum.at

26. 6. 2022

Academy Awards Streaming: One Night in Miami

April 14, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Regina Kings Regiedebüt ist nominiert für drei Oscars

Kingsley Ben-Adir als Malcolm X, Aldis Hodge als Jim Brown, Eli Goree als Cassius Clay und Leslie Odom Jr. als Sam Cooke. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Für ihren ersten Kinospielfilm vereint Regisseurin Regina King vier Männer, die im Kampf gegen Rassismus in den USA Geschichte machten: die Boxlegende Cassius Clay aka Muhammad Ali, Bürgerrechtskämpfer und lange Zeit Nation-of-Islam-Frontman Malcolm X, NFL-Superstar Jim Brown und „Father of Soul“ Sam Cooke. Nach 57 Auszeichnungen und 177 Nominierungen empfiehlt sich das ins Programm von Amazon Prime Video aufgenommene Drama

„One Night in Miami“ jetzt auch für die Oscars. Nominiert sind Dramatiker Kemp Powers für das Beste adaptierte Drehbuch – nach seinem 2013 uraufgeführten Theaterstück, Leslie Odom Jr. für seine Verkörperung des Sam Cooke als Bester Nebendarsteller und Leslie Odom Jr. gemeinsam mit Sam Ashworth für den Besten Filmsong – „Speak Now“, der im Abspann zu hören ist. Hier noch einmal die Kritik vom Jänner:

Die Nacht, in der aus Cassius Clay Muhammad Ali wurde

Vier Afroamerikaner eines Nachts in einem spärlich möblierten Zimmer des Hampton House Motels in Miami, no Sex, no Drugs, no Rock’n’Roll, nur wie zum Hohn eine Packung Vanilleeis im Eiskasten. Eine Enttäuschung für Cassius Clay, der eben im Miami Beach Convention Center – unter Buhrufen einerseits und „I shook up the world!“ und „I am the greatest!“-Skandieren seinerseits – durch einen unerwarteten Sieg über Sonny Liston neuer Schwergewichts-Box-Weltmeister geworden ist.

Frustrierend für Sam Cooke, dessen Show im New Yorker Nachtclub Copacabana das ressentimentgeladene weiße Publikum erst kürzlich fluchtartig verließ, was den sonst so souveränen Soulisten derart aus der Fassung brachte, dass er über den Mikroständer stolperte …

Ein neuerlicher Dämpfer für Jim Brown, dessen Ausflug zu seinem Sponsor Mr. Carlton in Georgia, ganz kurz und sehr jovial: Beau Bridges, damit endete, dass dieser trotz des Lobs über seines Schützlings sportliche Erfolge und der Zusicherung jeder Art von Kooperation erklärte: „Du weißt ja, wir lassen keine Neger ins Haus“. Dies mit einer Selbstverständlichkeit, als handle es sich um eine Hausregel wie Schuhe ausziehen, die Rassentrennung so verinnerlicht, dass sie Carlton selbst gar nicht negativ auffiel. Ruhm, Repräsentationspolitik und Rassendiskriminierung, es nimmt einem den Atem …

Die frugale Feier ausgerichtet hat Malcolm X, der die Freunde zum Gespräch, zum Nachdenken, nicht zu einem Gelage einladen will, und – da hatte er sich bereits mit Nation-Leader Elijah Muhammad wegen Vorwürfen der Bereicherung, Sexaffären, der Korruption und eines „Lifestyles wie ein Pharao“ überworfen – der mit Champ Cassius weiterführende Pläne hat.

Die Nacht ist die des 25. Februars 1964, und das Treffen der vier tatsächlichen Freunde gab es wirklich, was allerdings gesprochen wurde, da beginnt die Fiktion. Der afroamerikanische Dramatiker Kemp Powers imaginierte die Gespräche für sein 2013 uraufgeführtes Theaterstück „One Night in Miami“. Für Filmregisseurin Regina King hat er seine „Momentaufnahme eines entscheidenden Augenblicks in der afroamerikanischen Geschichte mit weitreichenden Auswirkungen auf die Gesellschaft“ [© Zitat Powers] nun als Drehbuch adaptiert. Nach Corona-bedingt abgebrochenem Kinostart wurde das Drama ins Programm von Amazon Prime Video aufgenommen.

Was Regina King und Kamerafrau Tami Reiker mit dem scharfsinnigen Drehbuch gemacht haben, in dem sich alles um die Frage: das System unterwandern und von seinem Zentrum aus oder in der offenen Konfrontation bekämpfen?, ist auch dank der beiden visuellem Selbstvertrauen ein kluges und vielschichtiges Kammerspiel. Von Rückblenden zum Boxring, von mondänen Miami-Bildern zum Molotowcocktail. King weiß, was sie will, wenn sie ihre Protagonisten beim funzeligen Licht der schäbig-braunen Bude zusammenbringt: Sie will sie reden lassen und dass man ihnen zuhört, ihnen zuschaut, wie sie einander anblicken, wie sie aufeinander reagieren.

Sie will die Komplexität dieser „schwarzen Berühmtheiten“, die alle am Scheideweg ihres Lebens und ihrer Karrieren stehen, in ihrem gedanklichen Tiefgang, manche auch am Tiefpunkt zeigen. Ihre Innenperspektive auf die „schwarze Identität“, ihre illusionslose Sicht auf die persönliche und der anderen Situation und ihre Zweifel an den eigenen und der anderen Möglichkeiten. Ihre Unterschiede und Differenzen, ihre Sexyness, ihren Stolz, ihre Streitereien, ihre Ahnung vom gesellschaftspolitischen Gewicht, das ihnen bisweilen zukommt – und eine beinah prophetische Traurigkeit übers Scheitern und – den Tod.

Regina King und Eli Goree bei den Dreharbeiten. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Sam Cookes Show im Copacabana geht schief: Leslie Odom Jr. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Jim Brown machen die Streitereien immer ärgerlicher: Aldis Hodge. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Malcolm X hat eine Vorahnung seines Todes: Kingsley Ben-Adir. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Auf die eine oder andere Weise ist jedem der vier klar, dass sie lediglich die Clowns, die Spaßmacher, die Entertainer des weißen Publikums sind, geduldet nur so lange ihre Performance passt; und Ironie des Schicksals ist, dass Sam Cooke, der sich hier mit Malcolm X in der Causa Sich-den-Weißen-Andienen am heftigsten in die Haare kriegt, ein Jahr vor dem Aktivisten ermordet wurde. 1964 im Hacinda Motel in Los Angeles, von dessen Managerin unter bis heute ungeklärten Umständen, Malcolm X 1965 während eines Vortrags in New York, erschossen von drei Attentätern wegen seiner Kritik an Elijah Muhammad.

Noch aber ist alles eitel Wonne. Man sieht Malcolm X mit „Bruder“ Cassius beim Gebet, ein kleines Störgeräusch sind vor der Tür die beiden Leibwächter, Christian Magby als gutgelaunter Autogrammjäger Jamaal und Lance Reddick als gestrenger Gott-ist-groß-Bruder Kareem X. Dass die Investoren sauer sind, weil sich der Champ den „Demagogen“ zur spirituellen Unterstützung geholt hat, kann die Harmonie nicht trüben. Jimmy, eingesetzt als Co-Kommentator am Ring, wird bald zu Cassius Sparringpartner in Sachen Großmäuligkeit werden, Sam zum Entsetzen Malcolms den Flachmann aus dem Gitarrenkoffer zaubern.

Es amüsieren sich vier Charaktere, die unterschiedlicher kaum sein könnten und dennoch Buddies for Life sind, das lockere Mundwerk, der Tonfall zwischen ihnen ist entsprechend humorvoll hänselnd. „Nur weil ich ,militant‘ bin, heißt das nicht, dass ich nicht weiß, wie man sich’s gutgehen lässt“, feixt Malcolm unter Gelächter übers entdeckte Vanilleeis. Als Cassius Clay, dem „kein Rassist was anhaben kann, weil ich ein Sieger bin“, Brown foppt, warum er der Nation nicht beitrete, wehrt der ab mit: „Kennst du die Schweinekoteletts meiner Groß- mutter?“ Vom Feinsten auch Cookes Spruch: „Alle wollen ein Stück vom Kuchen, ich nicht, ich will das Rezept.“

Doch spätestens als Malcolm ausgerechnet den NFL-Runningback angreift, der den subtilen Football-Rassismus stets mit sprödem Wesen, schnoddrigem Charakter und brutaler Aufrichtigkeit kontert, weil Jim jüngst auf Filmschauspieler macht, wo er doch nur die „schwachen Opfer“ zu spielen bekäme, kippt die Stimmung.

Regina King, selbst Schauspielerin und Oscar-prämiert für ihre Rolle der Sharon Rivers in James Baldwins „Beale Street“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32324), versteht es, jedem Einzelnen in ihrem Ensemble den benötigten Raum zu geben, damit er Kontur gewinnen kann, um Konflikte und Zusammenhalt, Rivalität und verbindende Ideen, Wut und Verletzlichkeit sichtbar werden zu lassen. Dynamik entsteht in diesem Setting einzig durch die hitzigen Debatten.

King inszeniert mit flirrend emotionalem Flair; die vier Darsteller verleihen dem Film eine sagenhafte Authentizität: Eli Goree als Cassius Clay, Kingsley Ben-Adir als Malcolm X, Aldis Hodge als Jim Brown und Leslie Odom Jr. als Sam Cooke sind sensationell in ihren Rollen, sie eignen sich die Psyche der jeweiligen Leitfigur, der Vorreiter und Vorbilder an, der sarkastische Sam, das übermütige „Riesenbaby“ Cassius, Scherzkeks Jimmy, „der affektierte Malcolm“, schlüpfen in den Mythos, die Manierismen, die Widersprüche wie in einen seidigen Handschuh.

„Dieser Film“, sagt Regina King in einem Regiestatement, „ist ein Liebesbrief an die Erfahrungen des schwarzen Mannes in Amerika. Wie die jüngsten Morde an George Floyd und Breonna Taylor [und am 20-jährigen Daunte Wright vor drei Tagen in Minnesota, Anm.] gezeigt haben, ist unser Kampf um Gleichberechtigung leider noch lange nicht vorbei. Wir brauchen einander mehr denn je, unsere Stimmen sind zu einer vereint, unmöglich zu ignorieren und laut genug, um endlich gehört zu werden.“

Genau dies der Knackpunkt zwischen Sam Cooke und Malcolm X, dem Botschafter der Musik vs. dem Botschafter des Glaubens, der „Bourgeois-Neger“ gegen den „Nigga“. Der eine, überzeugt, dass es irgendwann keine weißen und schwarzen, sondern nur mehr „die Charts“ geben wird, muss sich vom anderen sagen lassen, er habe sich verirrt, weil er die Seele der Weißen berühren will, der erwidert punkto Propagandawort „weiße Teufel“: „Du machst die Leute nur zornig!“ Solcherart wird politisiert und provoziert, die Frage nach der Selbstermächtigung akut. Doch keiner gesteht alles ein, immer bleibt ein Rest, den man aus Eitelkeit oder Verlegenheit unterschlägt.

Kingsley Ben-Adir, Aldis Hodge und Leslie Odom Jr. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Aaron D. Alexander als Sonny Liston und Eli Goree. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Eli Goree und Michael Imperioli als Trainer Angelo Dundee. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Lance Reddick als Kareem X, Eli Goree und Kingsley Ben-Adir. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Beinahe kommt’s auf der Dachterrasse zur Schlägerei, Sam und Malcolm lassen die Situation eskalieren, zwischen den Zeilen steht die Anschuldigung, dass X Clay „rekrutieren“ will, der gutmütige Cassius und der zunehmend ang‘fressene Jim kalmieren. Großartig, wie Odom Jr., Ben-Adir, Goree und Hodge diese Szene gestalten, allen voran der zweifach Oscar-nominierte Leslie Odom Jr. als Macher, Musiklabelgründer, Megaverdiener Sam Cooke, für den Freiheit – Schnickschnack: politisch oder religiös! – bei der wirtschaftlichen beginnt, und Kingsley Ben-Adir als grüblerischer, nichtsdestotrotz selbstgerechter, radikaler, die FBI-Hoover-Agenten vor seinem Fenster seinerseits bespitzelnder Malcolm X.

Ben-Adir, der auch schon Barack Obama spielte, wird in seiner Rolle zu jenem Intellektuellen, der mit seinen Worten die anderen hellauf begeistern, aber auch abgrundtief kränken kann, ein X, der so klarsichtig ist, dass er die Prekarität seines Standpunkts und inmitten der bessersituierten Freunde auch seiner Person begreift. Ben-Adir verleiht dem Bürgerrechtskämpfer eine zerrissene Komplexität und zugleich ein inneres Leuchten, die sich der Zuschauerin, dem Zuschauer so nachhaltig einprägen, dass man nicht anders kann, als sich mit dessen Zukunftsbild auseinanderzusetzen.

Doch auch Jim Brown hat ein Scharmützel mit dem „hellhäutigen“ Malcolm X und dessen harter Linie: „Wir sind nicht alle gleich“, schreit er, und: „Wem willst Du eigentlich etwas beweisen? Den Weißen, oder doch vielleicht den Schwarzen?“ Wie sehr er die selbsternannt vorurteilsfreien, „toleranten“ Liberalen hasse, die „sich auf die Schulter klopfen, weil sie uns fast wie Menschen behandeln“. Da seien ihm ja die ehrlichen Rednecks aus dem Rust Belt oder die hinterwäldlerischen Hillbillys mit ihrem erdigen, offenen Schwarzenhass lieber! Erst Cassius Clay spricht’s aus: „Wir brauchen Macht!“ Black Power! Es hört sich an wie Sätze von heute.

King gibt’s den Zuschauerinnen und Zuschauern kalt-warm, auf Explosion folgt innere Einkehr, Malcolm, der Sams Wirkung auf dessen Fans bei einem Konzert in Boston miterlebt hat, als er mit ihnen, weil die Tonanlage streikte, eine Acapella-Version seines Hits „Chain Gang“ sang, sagt: „Du könntest die lauteste Stimme von uns allen sein!“ In einer Vorausblende sieht man Sam Cooke bei einem Fernsehauftritt, bei dem er zum ersten Mal seinen Polit-Song, die spätere Hymne der Bürgerrechtsbewegung, „A Change Is Gonna Coming“ präsentiert. Applaus im Studio danach: Null.

[Hintergrund: Sam Cooke und seine Ehefrau Barbara wollten in einem Hotel in Shreveport, Louisiana, übernachten, doch ein nervöser Rezeptionist verkündete, es gäbe keine freien Betten mehr – (weil man prinzipiell keine Zimmer an Afroamerikaner vermietete). Cooke verlangte nach dem Manager, während Barbara versuchte, ihn mit der Warnung „They’ll kill you“ zum Gehen zu bewegen. Der Sänger soll darauf geantwortet haben „They ain’t gonna kill me, because I’m Sam Cooke“. Nachdem es gelungen war, den Sänger zum Verlassen des Hotels zu überreden, fuhren er und sein Gefolge laut hupend und schimpfend davon. In der Innenstadt wurden sie von der Polizei empfangen und wegen Landfriedensbruchs festgenommen. Die New York Times titelte am nächsten Tag „Negro Bandleader Held in Shreveport“.]

„One Night in Miami“ ist ein Film über Männer, die erkennen, dass sie Geschichte machen, und die diese Aufgabe gut machen wollen – wenn auch, wie das heutige Publikum weiß, manche nur für allzu kurze Zeit. Kunst und Kultur von Afroamerikanern hat eine politische Verantwortung, solange die dominante Kultur die herrschenden Machtverhältnisse frohgemut reproduziert. Regina King weiß das nur zu gut, und deswegen strebt ihr Film keiner versöhnlichen Auflösung zu. Ihre Verpflichtung angesichts der Tatsache, dass „täglich Schwarze in den Straßen sterben“ können die vier Protagonisten nämlich nicht restlos klären. King lässt die Divergenzen eines aufwühlenden Abends bestehen, den keiner, auch nicht das Publikum, unverändert verlassen wird.

Dafür steigt zum Schluss doch noch ein Fest. In der Motel-Bar. Da hat Malcolm X sein Geheimnis endlich gelüftet, er gedenke eine neue Organisation zu gründen und wünsche sich Cassius Clay als treibende Kraft hinter seiner Vision. Und die Presse hat die Celebrities aufgestöbert. Im Blitzlichtgewitter und vor laufenden Kameras teilt Cassius Clay mit Malcolm X an der Seite der Öffentlichkeit mit, dass er seinen Sklavennamen ablege, der Nation of Islam beitrete und von nun an Muhammad Ali heiße.

Im April 1967 wurde ebendiesem der Weltmeistertitel aberkannt, nachdem er sich geweigert hatte, den Wehrdienst in Vietnam anzutreten. „Nein“, sagte Muhammad Ali, „ich werde nicht 10.000 Meilen von zu Hause entfernt helfen, eine andere arme Nation zu ermorden und niederzubrennen, nur um die Vorherrschaft weißer Sklavenherren über die dunkleren Völker der Welt sichern zu helfen.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=ZprXMxKg–w          www.youtube.com/watch?v=K8vf_Cmh9nY           www.amazon.de

14. 4. 2021

Das Stadtkino geht online: Neun neue Filme ab 1. Mai

April 30, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit dabei ist auch Lola-Preisträger „Born in Evin“

Symbolische Schönbilder kontrastieren Schmerz und Schrecken: Maryam Zaree träumt sich in „Born in Evin“ zurück in den Mutterleib. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Das Stadtkino macht neue Filme online zugänglich. Ab 1. Mai gehen die ersten vier Titel ins Netz, gefolgt von weiteren fünf am 8. Mai. Mit dabei ist „Born in Evin“ von Maryam Zaree, der vergangene Woche beim Deutschen Filmpreis mit der Lola für den Besten Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Auch zu sehen ist – und zwar knapp nach dem Kinostart  – „The Royal Train“. Alle Filme sind auf Kino VOD CLUB und Flimmit abrufbar.

Die Filme ab 1. Mai:

The Royal Train von Johannes HolzhausenIn Rumänien fährt einmal im Jahr ein ganz besonderer Zug durchs Land: Von vielen tausend Menschen begeistert bejubelt befinden sich in dem Zug einige der Nachfahren des legendären Ex-Königs Mihai von Rumänien. Der Film zeigt die Hintergründe dieser nostalgisch anmutenden Fahrt und nimmt die Zugreise als Ausgangspunkt für eine filmische Expedition in die Geschichte und Gegenwart des osteuropäischen Staates. Trailer: www.youtube.com/watch?v=HIC9BqKFLXQ

Dieser Film ist ein Geschenk ist ein Film von Anja Salomonowitz über den Künstler Daniel Spoerri. Eigentlich ist es ein Film über einen Gedanken von Daniel Spoerri: ein Film fast ohne Daniel Spoerri, eigentlich wird er meistens von einem Kind nachgespielt – um nicht weniger zu sagen, als dass alles immer irgendwie weitergeht im Leben, auch wenn man dazwischen mal stirbt. Trailer: www.youtube.com/watch?v=BfCPKfn_I38

Chaos von Sara Fattahi ist die Geschichte von drei syrischen Frauen. Jede von ihnen lebt an einem anderen Ort. Was sie voneinander trennt ist gleichzeitig das, was sie vereint – der Verlust und das Trauma. Trailer: www.youtube.com/watch?v=PTvFcxEysBk

Abschied von den Eltern von Astrid Johanna Ofner nach Peter Weiss. „Ein Film über Flucht, Familie, Kunst, über Städte, Bilder, Sexualität, Einsamkeit, Geschichte, Gewalt und Freundschaft. Und auf eine eigenartige Weise ein Film über Häuser und über das alte und ein neues Europa“, so die Filmemacherin. Peter-Weiss-Lesung: www.youtube.com/watch?v=CCBLiPfgZxs

Dieser Film ist ein Geschenk. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Chaos. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Abschied von den Eltern. Bild: © Stadtkino Filmverleih

The Royal Train. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Die Filme ab 8. Mai:

To The Night ist der dritte Langfilm des österreichischen Regisseurs und Musikers Peter Brunner, der mit seinem unverkennbaren Stil die internationale Festivallandschaft begeistert. In der Hauptrolle einer versehrten Künstlernatur glänzt das US-Talent Caleb Landry Jones. Trailer: www.youtube.com/watch?v=PWn8j2vHZH4&t=

Erde. Mehrere Milliarden Tonnen Erde werden durch Menschen jährlich bewegt – mit Schaufeln, Baggern oder Dynamit. Filmemacher Nikolaus Geyrhalter beobachtet in Minen, Steinbrüchen, Großbaustellen Menschen bei ihrem ständigen Kampf, sich den Planeten anzueignen. Trailer: www.youtube.com/watch?v=Dch-x56eJIs

Lillian als Emigrantin in New York gestrandet, will zu Fuß in ihre Heimat Russland zurückgehen. Entschlossen macht sie sich auf den langen Weg. Ein Road Movie, quer durch die USA, hinein in die Kälte Alaskas. Die Chronik eines langsamen Verschwindens. Der Film von Andreas Horvath hatte seine Weltpremiere bei den Filmfestspielen von Cannes 2019. Trailer: www.youtube.com/watch?v=uUkWJOBX9hM

Der Stoff, aus dem Träume sind. Anhand von sechs Meilensteinen selbstorganisierten und selbstverwalteten Wohnbaus in Österreich nähert sich der Dokumentarfilm von Michael Rieper und Lotte Schreiber auf facettenreiche Art an die unterschiedlichen Themen kooperativer Wohnprozesse von 1975 bis heute an. Trailer: www.youtube.com/watch?v=q4nxqQr1UCU

Lillian: Bild: © Stadtkino Filmverleih

Regisseurin Sara Fattahi. Bild: © Michela di Savino / Stadtkino Filmverleih

To The Night von Peter Brunner. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Filmkritik – Born in Evin: Das „Licht der Welt“ am dunkelsten Ort

Schließlich sprechen die Frauen doch mit ihr. Sahar Delijani über ihre ermordete Mutter: „Wenn sie zum Verhör gerufen wurde, sagte sie trotzig: ,Die wollen mit mir reden, ich habe alle Zeit der Welt‘, und richtete sich in aller Ruhe ihre Augenbinde. Sie erzählte das, als ob sie sich für eine Party schick gemacht hätte“, sagt Delijani über diese stolze Frau, die auch durch Angst und Gewalt nicht gebrochen werden konnte. Vor dem Iran-Tribunal in Den Haag verliest Chowra Makaremi das, man kann’s nicht anders bezeichnen, Folter-Protokoll, das ihr Großvater über den zu Tode geschundenen Körper seiner Tochter geführt hat. Gebrochene Wirbelsäule, Verbrennungen von Elektrodrähten, ausgeschlagene Zähne, nach Jahren endlich gehenkt.

Sahar Delijani lebt in Kanada, sie ist die Autorin des Buches „Kinder des Jacarandabaums“ (www.youtube.com/watch?v=ffwVNvmQ_GI). Die französische Filmemacherin Chowra Makaremi veröffentlichte 2019 ihre Dokumentation „Hitch, une histoire iranienne“. In London spricht die Psychologin Nina Zandkarimi über die Albträume, die sie als Teenager verfolgten. Blut auf der Brust der Mutter, Schreie, Maschinengewehre, ein Kleinkind, das die Misshandlungen mitansehen muss. Solch nächtliche Heimsuchungen kennt auch Maryam Zaree. Lange hat sie nicht verstanden, woher diese Bilder kamen, dann hat sie begriffen, sie sind früheste Erinnerungen. Zaree ist, gleich ihren Gesprächspartnerinnen, in einem iranischen Foltergefängnis geboren, sie 1983 in Evin am nördlichen Stadtrand von Teheran, wo ihre Eltern als politische Gefangene inhaftiert waren.

Der Mutter gelang mit der zweijährigen Maryam die Flucht nach Deutschland, der Vater musste sieben Jahre in dieser Hölle aushalten. Obwohl täglich mit dem Vollzug der über ihn verhängten Todesstrafe bedroht, überlebte er sogar die Massenhinrichtungen im Jahr 1988. Geredet wurde in der Familie über Evin nie. Bis sich die Schauspielerin, Regisseurin und Autorin, bekannt aus dem mit zehn Auszeichnungen Lola-Großabräumer „Systemsprenger“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34792) und als Gerichtsmedizinerin Nasrin Reza im Berliner „Tatort“, entschloss, den jahrzehntelangen Schleier des Schweigens zu lüften.

„Born in Evin“ heißt ihr Debüt als Dokumentaristin. Wer könne von sich schon sagen, er hätte „das Licht der Welt“ an einem deren dunkelster Orte erblickt, ist ihr flapsiger Einstieg in die eigene Lebensgeschichte, in der sie mittels Fallschirmsprung landet. Später wird sie sich in einem sonnendurchfluteten Swimmingpool zurück in den Mutterleib imaginieren. Symbolische Schönbilder, die die erfahrene Realität durchkreuzen. Die Filmemacherin schont sich nicht, starrköpfig stellt sie ihre Fragen, zeigt Emotionen, die bisher ungeweinten Tränen ihres Kindheitstraumas. Zeigt sich entmutigt, erschüttert, von Kamerafrau Siri Klug nüchtern-schlicht festgehalten, auf Konferenzen von Exil-Iranern, Arm in Arm.

Mit Mutter Nargess. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Beim Iran-Tribunal in Den Haag. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit Exil-Iranern in Florenz. Bild: © Real Fiction Filmverleih

Mit Vater Kasra Zareh. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit all den Facetten ihres Seins lässt Zaree ihren Film beginnen. Im Gang vor einer Studiogarderobe schimpft sie über das „beschissen recherchierte deutsche Fernsehen“, weil ihr für eine Rolle ein Hidschāb verpasst wurde, ein schwarzes Körperverhüllungsklischee: „So sieht keine Geflüchtete aus, wenn sie in Deutschland ankommt.“ Gleich darauf zeigen private Aufnahmen Maryam als neugierig plappernde Schülerin, die mit ihren Deutschkenntnissen prahlt und dabei genüsslich Eis isst.

Als nächstes verstörende Buntstiftzeichnungen, zu viel Rot und Schwarz, dann Mutter Nargess Eskandari-Grünberg und wie die Grünpolitikerin für das Amt der Oberbürgermeisterin in Frankfurt kandidiert. Wer „Born in Evin“ sieht, lernt eine viel tiefergehende Bedeutung des Wortes Herkunft kennen, als die so gern populistisch etikettierte. Doch für Zaree gestaltet es sich schwierig, Menschen zu finden, die aussagen wollen. Sprechen ist Schmerz. Weder Mütter noch Väter noch die Häftlingsbabys wollen die alten Wunden aufreißen.

Eine der berührenden Sequenzen ist eine Videobotschaft, die Zarees Vater aus Evin schickte, aus dem „Hotel“, wie er der kleinen Maryam sagt, während er ihr Foto küsst. Heute, auf seinem Wohnzimmersofa, nennt Kasra Zareh die Dinge beim Namen – „Gefängnis“. Und weil die Tochter nicht lockerlässt, kramt er aus dem Bettkasten sein buchstäblich „letztes Hemd“ vor seiner erwarteten Hinrichtung hervor. Kasra Zareh flüchtet sich in Anekdoten, wenn er erzählt. Das kennt man vom eigenen Vater und dessen Schwejkiaden aus der russischen Kriegsgefangenschaft.

In Evin hat der unter Schah Reza Pahlavi begonnene und von Ajatollah Chomeini fortgesetzte Schrecken kein Ende. Die Fotografin Zahra Kazemi wurde 2003 wegen Aufnahmen vor dem Gefängnis zu Tode gefoltert. Die Schriftstellerin Marina Nemat saß mehr als zwei Jahre in Evin, in Zelle 246 – wie Nargess Eskandari-Grünberg. Gegenwärtig befindet sich dort die Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotudeh in Haft, die am 6. März 2019 wegen ihres Einsatzes für die Rechte von Frauen zu 33 Jahren Gefängnis und 148 Peitschenhieben verurteilt wurde … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=38221

stadtkinowien.at           stadtkinowien.vodclub.online           www.flimmit.com

30. 4. 2020

Belvedere: Teilweise Wiedereröffnung ab 15. Mai

April 24, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Into The Night und Herbert Brandl

Rudolf Schlichter: Damenkneipe, circa 1925, (Detail). © Privatsammlung

Das Belvedere beginnt seine Wiedereröffnung am 15. Mai mit der Ausstellung „Into the Night“ im Unteren Belvedere. Das Belvedere 21 startet am 1. Juni mit den beiden laufenden Ausstellungen von Herbert Brandl und Eva Grubinger, die bis in den Herbst verlängert werden. Der Museumsbetrieb im Oberen Belvedere wird mit 1. Juli wieder aufgenommen, mit der Schausammlung, mit Renate Bertlmann und dem Meister von Mondsee.

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Into the Night. Die Avantgarde im Nachtcafé: Willkommen, Bienvenue, Welcome!

Kabaretts, Clubs und Cafés waren bis in die 1960er-Jahre die Treffpunkte der Moderne, boten sie doch Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform für kreativen Ideenaustausch und wandelten sich so in Orte, an denen tabubrechende neue Ausdrucksformen ihren Anfang nahmen. Aus Perspektive dieser alternativen Szenen erzählt „Into the Night. Die Avantgarde im Nachtcafé“ im Unteren Belvedere und in der Orangerie vom dortigen Geschehen ab den 1880er-Jahren.

In Wien war es das 1907 von Protagonisten der Wiener Werkstätte gegründete und ausgestattete Kabarett Fledermaus, das den Übergang vom Secessionismus zum Expressionismus markierte. In Paris nahm das Chat Noir mit seinem Schattentheater in den 1880ern die Kinokultur vorweg. Im Zürcher Cabaret Voltaire wurde Dada gegründet. Der von Giacomo Balla designte Nachtclub Bal Tic Tac und das von Fortunato Depero entworfene Cabaret del Diavolo in Rom waren Brutstätten des Futurismus. Das minimalistische Design des Café L’Aubette in Straßburg stammte zum Teil von Theo van Doesburg, dem Mitbegründer von De Stijl. Im Berlin der Zwischenkriegszeit befeuerte die vibrierende Energie der Nachtclubs die Künstlerinnen und Künstler des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit wie Otto Dix, Jeanne Mammen oder Elfriede Lohse-Wächtler.

Elfriede Lohse-Wächtler: Ausblick im Nachtlokal, 1930. © Privatsammlung, Berlin

Karl Hofer: Tiller Girls, vor 1927. © Kunsthalle Emden – Stiftung Henri und Eske Nannen

Erna Schmidt-Carroll: Chansonette, 1928. Privatsammlung © Nachlass Erna Schmidt-Caroll

Die Schau durchbricht bewusst die Grenzen eines eurozentristischen Blickwinkels. Thematisiert werden nicht nur die bekannten Schauplätze der Avantgarde, sondern auch das Café de Nadie in Mexiko-Stadt oder die Harlem-Renaissance in New Yorker Jazzclubs der 1920er- und 1930er-Jahre, deren Stammbesucher sich im Kampf gegen Rassismus engagierten. Den Schlusspunkt der Ausstellung bildet der 1966 in Teheran eröffnete Künstlerclub Rasht 29.

Die Besonderheiten der Ausstellung: Architektonische Rekonstruktionen machen die kreative Atmosphäre der Schauplätze neu erlebbar. Im Unteren Belvedere wird das Schattenspiel des Café Chat Noir wieder lebendig. Susanne Wengers Fassadengestaltung für den Mbari Mbayo Club in Oshogbo wurde ebenso nachempfunden wie die Wandbemalungen von Uche Okeke für den Mbari Artists and Writers Club in Ibadan, beide in Nigeria. In der Orangerie werden der Kino- und Tanzsaal des Café L’Aubette wie auch der berühmte Barbereich mit Mosaikfliesen aus dem Wiener Kabarett Fledermaus nachgebaut … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=38050

Herbert Brandl. Exposed To Painting: Blow-up-Bilder einer bedrohten Natur

Mit seinen großformatigen Bilderwelten zählt Herbert Brandl zu den erfolgreichsten österreichischen Malern der Gegenwart. Das Belvedere 21 präsentiert sein Œuvre mit dem Schwerpunkt auf Arbeiten der vergangenen beiden Jahrzehnte bis hin zu Werken, die der Künstler eigens für die Ausstellung schafft.

Das Naturmotiv dominiert das Werk Brandls und tritt vielfältig in Erscheinung. Mit Gebirgsbildern und -panoramen, die den Blick ins Monumentale öffnen, sowie „Zoom-ins“ und „Blow-ups“ von Bächen und Wasserläufen wechselt er zwischen Nah- und Fernsichten auf die Natur. Sein Werk changiert dabei zwischen figurativen und abstrahierenden Tendenzen, bis hin zur starken Abstraktion. Brandl denkt Natur in ihrer ursprünglichen Form, das heißt im Sinne von organisch und anorganisch Selbstgewachsenem, das ohne jeglichen Eingriff durch den Menschen entsteht und besteht. In einzelnen Werkgruppen nimmt sich der Künstler auch bedrohter Naturgebiete an. Diese Arbeiten lassen sich wie empathische Bestandsaufnahmen eines exponierten, in seinem Fortbestehen gefährdeten Naturraums lesen. Sie proklamieren ein Idealbild von unberührter Natur, das es in der Realität zu verteidigen gilt … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=37590

www.belvedere.at

24. 4. 2020

Herbert Brandl: Ohne Titel, 2001. Privatsammlung, Wien. Galerie nächst St. Stephan R. Schwarzwälder, Wien, Bild: Markus Wörgötter

Herbert Brandl: Ohne Titel, 2005. Bärbel Grässlin, Frankfurt am Main, Bild: Wolfgang Günzel

Belvedere: Into The Night. Die Avantgarde im Nachtcafé

Februar 11, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen, Bienvenue, Welcome!

Rudolf Schlichter: Damenkneipe, circa 1925, (Detail). © Privatsammlung

Kabaretts, Clubs und Cafés waren bis in die 1960er-Jahre die Treffpunkte der Moderne, boten sie doch Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform für kreativen Ideenaustausch und wandelten sich so in Orte, an denen tabubrechende neue Ausdrucksformen ihren Anfang nahmen. Aus Perspektive dieser alternativen Szenen erzählt „Into the Night. Die Avantgarde im Nachtcafé“ ab 14. Februar im Unteren Belvedere und in der Orangerie vom dortigen Geschehen ab den 1880er-Jahren.

In Wien war es das 1907 von Protagonisten der Wiener Werkstätte gegründete und ausgestattete Kabarett Fledermaus, das den Übergang vom Secessionismus zum Expressionismus markierte. In Paris nahm das Chat Noir mit seinem Schattentheater in den 1880ern die Kinokultur vorweg. Im Zürcher Cabaret Voltaire wurde Dada gegründet. Der von Giacomo Balla designte Nachtclub Bal Tic Tac und das von Fortunato Depero entworfene Cabaret del Diavolo in Rom waren Brutstätten des Futurismus. Das minimalistische Design des Café L’Aubette in Straßburg stammte zum Teil von Theo van Doesburg, dem Mitbegründer von De Stijl. Im Berlin der Zwischenkriegszeit befeuerte die vibrierende Energie der Nachtclubs die Künstlerinnen und Künstler des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit wie Otto Dix, Jeanne Mammen oder Elfriede Lohse-Wächtler.

Dieser pulsierende Kosmos inspirierte Kunstschaffende weltweit und war Schnittstelle zwischen Malerei und Grafik, Architektur und Design, Literatur, Musik und Tanz, wie Werke von Henri de Toulouse-Lautrec, Josef Hoffmann, Oskar Kokoschka, Koloman Moser, Hans Arp, Sophie Taeuber-Arp, Hugo Ball, Max Beckmann, Henri Rivière oder Prince Twins Seven Seven zeigen. „Into the Night“ betrachtet zahlreiche Schauplätze und spürt dem vibrierenden künstlerischen Miteinander nach, das von dort aus die Kunstgeschichte nachhaltig prägte.

Die Schau durchbricht bewusst die Grenzen eines eurozentristischen Blickwinkels. Thematisiert werden nicht nur die bekannten Schauplätze der Avantgarde, sondern auch das Café de Nadie in Mexiko-Stadt oder die Harlem-Renaissance in New Yorker Jazzclubs der 1920er- und 1930er-Jahre, deren Stammbesucher sich im Kampf gegen Rassismus engagierten. Den Schlusspunkt der Ausstellung bilden die Mbari Clubs, die Anfang der 1960er in Ibadan und Oshogbo, Nigeria, gegründet wurden, sowie der 1966 in Teheran eröffnete Künstlerclub Rasht 29.

Elfriede Lohse-Wächtler: Ausblick im Nachtlokal, 1930. © Privatsammlung, Berlin

Karl Hofer: Tiller Girls, vor 1927. © Kunsthalle Emden – Stiftung Henri und Eske Nannen

Erna Schmidt-Carroll: Chansonette, 1928. Privatsammlung © Nachlass Erna Schmidt-Caroll

Die Besonderheiten der Ausstellung: Architektonische Rekonstruktionen machen die kreative Atmosphäre des Kabarett Fledermaus oder des Chat Noir erlebbar. Ein umfassendes Begleitprogramm mit Theater, Konzerten, Lesungen und Tanzperformances bildet den Rahmen der Schau. Als Figurentheater erzählt beispielsweise am 27. Februar das Ensemble des Kabinetttheaters die dadaistische, lautpoetisch begleitete Weihnachtsgeschichte von Hugo Ball, die am 31. Mai 1916 im Zürcher Cabaret Voltaire uraufgeführt wurde. Der Evangelientext wird dabei vom pfeifenden Wind, von blökenden Schafen und vom „Ramba Ramba“-Gemurmel von Maria und Josef untermalt. Die Sängerin Anna Clare Hauf bringt als Bruitistin die „Geräuschinsel“ zum Klingen, das Figurenspiel übernehmen Katarina Csanyiova, Tanja Ghetta und Walter Kukla. Am 16. April folgt eine Hommage ans Kabarett Fledermaus.

Am 23. April führt Cheikh M’Boup mit der Petaw Band von den Wurzeln des Afrobeat in Nigeria in den 1960ern über Griot-Melodien aus dem Senegal bis zum südamerikanischen Salsa. Die Kaurimuschel – in der Sprache Wolof „Petaw“ genannt – ist das Symbol für dieses Konzer: Als Glücksbringer wie als Tauschmittel steht sie für die Verbindungen von Zentral- und Westafrika bis nach Südamerika.

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11. 2. 2020