Theater in der Josefstadt: Ödön von Horváths „Niemand“

September 2, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

List und Tücke einer Uraufführung

Geri Drassl und Florian Teichtmeister überzeugen mit ihrem intensiven Spiel. Bild: Sepp Gallauer

Gerti Drassl und allen voran Florian Teichtmeister überzeugen mit ihrem intensiven Spiel. Bild: Sepp Gallauer

Fast ist man versucht zu formulieren, „Niemand“ hat Schuld. In Anlehnung an diese Schlüsselszene, in der Fürchtegott Lehmann Ihn anklagt. Hat er doch Sein Lachen gehört, und wer so lacht, der kann nicht weinen über das Schicksal der Menschen. Bleibt – ein sardonisches Grinsen, ein Verzerren der Mundwinkel, ein Zähneblecken wie nach einer Strychninvergiftung, um auszudrücken, was Leben heißt. Und genau dieses fehlt in Herbert Föttingers Uraufführungsinszenierung von Ödön von Horváths „Niemand“ am Theater in der Josefstadt. Eine Inszenierung, die sich auch mit einem „Aber ach!“ zusammenfassen ließe.

Bemüht sich der Hausherr als Horváth-Regisseur doch mit derart beflissener Sorgfalt und spürbarer Liebe zum Text, diesem gerecht zu werden, dass alles, was einem beim Lesen noch wie ein Raubtier angesprungen hat, auf dem Weg zur Bühne allzu handzahm wurde. Föttinger hat den Autor, wie es sich für eine Uraufführung gehört, beim Wort genommen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Das ist List und Tücke in einem. Es ist, als hätten sich alle Beteiligten so sehr ins demütige Gebet geduckt, Heiliger Horváth, bitt‘ für uns!, dass ihnen die Gotteslästerung nicht mehr gelingen konnte.

Mit im Wesentlichen einer Ausnahme. Namens Florian Teichtmeister. Er schraubt sich als Darsteller des Fürchtegott Lehmann in lichte Höhen. Mit seiner scharfkantigen Schauspielkunst, die einmal mehr tief in die dunklen Winkel einer Seele blicken lässt.

„Niemand“ ist ein Stück aus einer Zeit, bevor Horváth die vielsagende Pause als wichtigsten Dialogteil erfand, entstanden 1924, da war er 23, offenbar niemals aufgeführt, lange verschwunden, von Föttinger in der FAZ als Auktionsgegenstand wiederentdeckt, von der Wienbibliothek ersteigert und nun vom Thomas Sessler-Verlag vertreten (dessen Geschäftsführerin Maria Teuchmann im Gespräch über „Niemand“: www.mottingers-meinung.at/?p=21624). Im Zentrum der Handlung steht ein Zinshaus, hier von Walter Vogelweider als eine sich um ihre eigene Achse drehende Welt aufgebaut, in das Horváth bereits sein typisches Milieu und dessen Motive einziehen lässt.

Das Gebäude gehört dem jungen, verkrüppelten Wucherer Lehmann, und in seinem Stiegenhaus versammeln sich Huren samt ihren Zuhältern und Freiern, durstige Handwerker, Kellnerinnen und ihr Wirt, eine diebische Hausmeisterin und ein so arbeits- wie ergo mittelloser Musikant. 24 Rollen sind’s, die man an der Josefstadt natürlich bis in die kleinsten vorzüglich besetzen kann, etwa mit André Pohl als Konditor, Heribert Sasse als Uraltem Stutzer oder Martin Zauner als einem von vier „schwarz gekleideten Männern“. Die, und man fragt sich, ob Horváth tatsächlich so prophetisch sein konnte, kommen im schwarzen Wagen, um die Leichname abzuholen. Auch die zukünftigen. Föttinger ließ diesen Figuren zusätzlich weiße Brecht-Gesichter aufmalen.

Horváths Zinshausgesellschaft: Martina Stilp, Swintha Gersthofer, Roman Schmelzer, Alexander Strobele, Peter Scholz und Thomas Kamper. Bild: Sepp Gallauer

Horváths Zinshausgesellschaft: Martina Stilp, Swintha Gersthofer, Roman Schmelzer, Alexander Strobele, Peter Scholz und Thomas Kamper. Bild: Sepp Gallauer

Wie Kain und Abel: Teichtmeister mit Raphael von Bargen. Bild: Sepp Gallauer

Zwei Brüder wie Kain und Abel: Florian Teichtmeister mit Raphael von Bargen. Bild: Sepp Gallauer

Wie er überhaupt bei seiner Arbeit an diesem expressionistischen Werk auf diese Art von „Verfremdung“ setzt. Als wäre Distanz und Dezenz ein Löschpapier auf den jugendlich überhitzen, überladenen, teilweise überspannten Zeilen, lässt Föttinger seine Darsteller lediglich am Rande ihrer Rollen entlangbalancieren. Auf Aktion wird über weite Strecken verzichtet.

Die Schauspieler, sie sprechen auch die Regieanweisungen als wären sie Gesetzestexte, haben sich, so scheint’s, in kritischer Entfernung zu ihren Charakteren aufgestellt, mitunter sogar als Textaufsager an der Rampe, aber gelangen von dort aus freilich kaum zum Spielen. Dabei, man merkt es an Dominic Oley als Musiker Klein, Martina Stilp als Prostituierter Gilda oder Roman Schmelzer als ihrem Zuhälter Wladimir, wären sie mehr als heiß darauf. Aber ach …

Im Zentrum des Ganzen – Teichtmeister, der mit atemberaubender Ambivalenz den von der Liebe empor gehobenen und schließlich zerschmetterten Lehmann gibt. Er endlich erzählt von der Lächerlichkeit des Lebens, er kann einen Menschen in all seinen existenziellen Nöten schillern lassen, der Hartleibige wird weichherzig, was ihn logischerweise zerstören muss.

Dieser Lehmann ist so bedrohlich wie bemitleidenswert, und Teichtmeister spielt die Gottessuche und den Gottesfluch und letztlich die Frage, wer wem die Krücken wegschlägt, als wär’s eine nietzscheanische. Horváth hat viel gewollt und viel verrätselt in diesem Frühwerk, und Teichtmeister folgt ihm auf seinem Weg ins Jenseits von Gut und Böse. Raphael von Bargen ist ein ebenbürtiger Kain zu diesem Abel, der Fremde, der sich als Bruder entpuppen, und nach dem skrupellosen Recht des Stärkeren überleben wird. Gerti Drassl, ein versiertes Horváth-Fräulein, steht als Ursula zwischen den beiden. Sie ist in ihrem Leid von schmerzhafter Intensität, sie spielt alle Farben grau. Nur die eine lässt sie aus, die nämlich, mit der man sich ausmalen könnte, ob ihre erbarmungswürdige Ursula nicht auch aus Berechnung handelt. Doch zu Recht gilt diesem Trio am Ende der größte Applaus.

Föttingers Horváth-Hochamt an der Josefstadt ist wie eine Sehenswürdigkeit. Man muss sie gesehen haben. Schließlich gilt’s nicht alle Tage ein neues Werk des Meisters zu entdecken. Und schließlich: Niemand weiß, ob wie auch immer „bessere“ Aufführungen dieses schwierigen Stücks überhaupt gelingen können …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zVJJXgfnnVU

www.josefstadt.org

Wien, 2. 9. 2016

Maria Teuchmann im Gespräch über „Niemand“

August 23, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Lang verschollenes Horváth-Werk wird nun uraufgeführt

Maria Teuchmann. Bild: Thomas Sessler Verlag

Maria Teuchmann, Geschäftsführerin des Thomas Sessler Verlags, sicherte sich die Verwertungsrechte an „Niemand“. Bild: Aleksandra Pawloff

Die neue Theatersaison beginnt mit einer Sensation. Am 1. September wird am Theater in der Josefstadt Ödön von Horváths lange verschollenes Werk „Niemand“ uraufgeführt. Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger wird die Inszenierung dieses Frühwerks vornehmen; an der Spitze eines 24-köpfigen Ensembles spielen Florian Teichtmeister, Gerti Drassl, Raphael von Bargen, Dominic Oley und Martina Stilp. Horváth stand erst am Anfang seiner schriftstellerischen Karriere als er 1924 dies Theaterstück verfasste.

„Niemand“ sollte den Augen der Öffentlichkeit jedoch bis in das Jahr 2006 verborgen bleiben, damals tauchte es bei einer Auktion auf, verschwand jedoch wieder im Dunkeln. Wie es nun nach Wien kam und was man davon erwarten darf, schildert die Geschäftsführerin des Thomas Sessler Verlags – Maria Teuchmann im Gespräch:

MM: Wie findet man einen bis dato unbekannten Horváth-Text?

Maria Teuchmann: Durch die Aufmerksamkeit von Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger, der mich anrief und mir sagte: Weißt du das? In der FAZ steht, ein Horváth-Stück wird versteigert! Ich habe sofort das Auktionshaus recherchiert, gleich angerufen, war aber ein paar Sekunden zu spät dran, um ein Gebot abzugeben. Zum Glück stellte sich heraus, dass die Wienbibiliothek der Meistbieter war. Der Thomas Sessler Verlag hat sich also mit ihr in Verbindung gesetzt, und wegen unserer großen Horváth-Tradition und -Pflege sind wir übereingekommen: die Wienbibliothek ist nun Rechteinhaberin, wir sind der Verlag der Wienbibliothek, beziehungsweise der Freunde der Wienbibliothek mit den Verwertungsrechten. Diesem Verein kommen die Erlöse zu, damit können dann auch neue Nachlässe erworben, oder neue Schätze gehoben werden. Was wir bis jetzt herausgefunden haben, ist, dass das Typoskript seit Mitte der Neunziger-Jahre „herumgeistert“. In Traugott Krischkes 1980 erschienener Horváth-Biografie „Ein Kind seiner Zeit“ findet sich auch ein vager Hinweis: Lajos von Horváth, der jüngere Bruder, schreibt Krischke da, „konnte sich noch Jahrzehnte später an ein in expressionistischer Manier geschriebenes Stück ‚in einem blauen Umschlag‘ mit dem Titel ,Niemand‘ erinnern.“ Warum es nie aufgeführt wurde, wissen wir nicht.

MM: Wird es nun für die Erforschung freigegeben?

Teuchmann: Ist schon geschehen. Wir haben den Text als Buch herausgegeben, außerdem wird es in der kritischen Gesamtausgabe von Klaus Kastberger publiziert und analysiert werden. Er ist der ausgewiesene Horváth-Experte, hat aber keine Exklusivrechte in der Forschung, sondern es steht jedem frei, es zu begutachten. Wir haben viele Anfragen von Wissenschaftlern, die über „Niemand“ schreiben wollen.

MM: Wie ist das Stück denn? Ist es gut? Oft ist ja einfach nur schlecht, was als „verschollen“ gilt.

Teuchmann: Es ist erstaunlich gut. Und es ist ein Übermaß an dem da, was später Horváth ist. Die Wienbibliothek hat lange gebraucht, um dem Verlag das Stück zu übergeben, weil das Typoskript in einem schlechten Zustand ist und erst abfotografiert werden musste. Am Tag der Vertragsunterzeichnung am 24. September 2015 erhielt ich eine DVD mit dem abfotografierten Text. Im Verlag haben wir dann das Typoskript abgetippt und gemeinsam mit den Freunden der Wienbibliothek als kleines feines Bändchen gedruckt. Dieses kann man auch bei uns im Verlag erwerben. Die Prüfung, dass es sich hierbei um einen wirklichen Horváth-Text handle, geschah aber schon vorher. Kastberger hatte vor der Auktion schon festgestellt, dass es unzweifelhaft ein Horváth-Werk ist. Sogar handschriftliche Korrekturen im Text sind von ihm selbst. Ich war beim Lesen sofort geflasht von dieser Fülle an Horváth-Motiven. „Niemand“ ist einerseits ein ungestümes Frühwerk und liest sich andererseits schon, als würde der Autor sein Œuvre Revue passieren lassen. Es hat eine fast filmische Dramaturgie, mit vielen kleinen Nebenrollen, die für die Bedeutung des Werks aber unheimlich wichtig sind.

MM: Der Inhalt ist?

Teuchmann: Das ist schwierig. Das möchte ich gar nicht sagen, weil es viele Interpretationsmöglichkeiten gibt, und ich nicht weiß, was Herbert Föttinger aus diesem Text heraussuggerieren wird. Die Geschichte in sieben Bildern birgt viele Geheimnisse. „Niemand“ kann ein nihilistischer Gott sein, oder ganz ein anderer.

MM: Ja, aber zum Ein-bissl-Auskennen …

Teuchmann: „Niemand“ spielt in einem Mietshaus. Dort herrscht der verkrüppelte Hausbesitzer und Pfandleiher Fürchtegott Lehmann. Alle Bewohner stehen in seiner Schuld. Der mittellose Geiger Klein, dem die Delogierung aus seiner Dachkammer droht, die Prostituierte Gilda, die es auch manchmal umsonst macht, ihr Zuhälter Wladimir, der sie dafür verprügelt, die Kellnerin vom Großen Wirten, die aus Liebe zu Wladimir falsch abrechnet. Lehmann heiratet Ursula, doch die ekelt sich in der Hochzeitsnacht vor seinem entstellten Körper, und dann wird eine Leiche gefunden … Horváth verdichtet und überhöht mit wiederkehrenden Elementen und Motiven sein Stück zu einem surrealen Reigen. Es geht um die Verurteilung zum Dasein, und das Verlangen der Menschen, ihm zu entkommen. Und wie in einem Albtraum muss einer die Rolle des anderen übernehmen. Oder der eine war schon immer der andere. Man wird sehen.

Florian Teichtmeister spielt den Fürchtegott Lehmann, mit dabei: Gerti Drassl und Raphael von Bargen. Bild: Jan Frankl

Florian Teichtmeister spielt den Fürchtegott Lehmann, Gerti Drassl die Ursula und Raphael von Bargen einen geheimnisvollen Fremden. Bild: Jan Frankl

MM: Herbert Föttinger wird die Uraufführung am Theater in der Josefstadt als Regisseur verantworten. Konnten Sie für diese Inszenierung Wünsche anbringen?

Teuchmann: Das ist ein ganz wichtiges Thema. Es war nicht zwingend, das die Josefstadt die Uraufführung bekommt, es hätten sich auch andere dafür interessiert. Doch bei jedem Uraufführungstext ist es für mich maßgeblich, dass es eine Garantie gibt, ihn auf der Bühne möglichst textgetreu umzusetzen.

Andere Regisseure etwa wollten es nur mit vier Personen machen oder gröbere Striche vornehmen, oder sogar Fremdtexte oder Texte anderer Horváth-Stücke einfügen. Ich muss aber die Interessen des Autors vertreten und das nehme ich sehr ernst. Föttinger sagte zu mir: Bei mir wird jede Rolle besetzt, es werden 24 Personen auf der Bühne stehen, und wenn ich notwendige Kürzungen vornehme, dann nur innerhalb der Szenen. Deshalb hat er den Zuschlag bekommen – und weil eine Wiener Bühne auch der Wunsch der Wienbibliothek war. Was für uns aber bedeutet, dass sich einige, vorerst hellauf begeisterte deutsche Bühnen zurückgezogen haben, weil alle uraufführungsgeil sind. Das ist ein Phänomen, das nicht nur bei lebenden, sondern auch bei toten Autoren gilt. Ich bin aber dennoch sehr froh, dass das Deutsche Theater Berlin nicht nur die Uraufführung wollte, sondern sich sehr um die Deutsche Erstaufführung bemüht hat. Dort wird es kommenden März Dušan David Pařízek inszenieren. Davor werden wir noch am Landestheater Linz am 3. Dezember dieses Jahres die Inszenierung von Peter Wittenberg sehen. Christopher Hampton nimmt die Übersetzung ins Englische vor, in französischer Sprache erscheint das Stück demnächst als Buch und hoffentlich bald auf einer Bühne. An der Josefstadt habe ich mittlerweile schon eine Probe gesehen und ich bin sehr glücklich …

MM: Der Thomas Sessler Verlag hat viel Erfahrung mit Uraufführungen. Was braucht’s dazu? Wie hoch ist das Risiko?

Teuchmann: Es braucht eine gute Teamarbeit zwischen Theater und Autor, dann sinkt auch das Risiko. Dies hier ist ja der seltene Fall, dass eine Uraufführung in Abwesenheit des Dramatikers stattfindet. Oft genug übernehme ich die Rolle der Vermittlerin. Wobei es nicht so ist, dass ich ausschließlich die Schutzheilige der Autoren bin, gerade jüngere bewahre ich oft davor, zu sehr den eigenen Text zu verteidigen. Ich versuche ihnen zu erklären, dass auch Dramaturgen und Regisseure gute Ideen haben können. Gerade bei Auftragswerken ist es wichtig, dass einerseits mit dem Text der Autoren respektvoll umgegangen wird, andererseits verpflichten sich jene, die Schreibaufträge erhalten auch dazu, den Input der Theatermacher zu berücksichtigen. Die Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Autoren und auftraggebenden Theatern ist durchaus sinnvoll.

MM: Wie viele zeitgenössische Autoren betreuen Sie zurzeit?

Teuchmann: Es sind dreißig, mit denen ich regelmäßig kommunizieren, mit einigen davon telefoniere ich jede Woche, aber insgesamt sind es bestimmt mehr.

MM: Wie steht’s mit Verlagskonkurrenz aus Deutschland?

Teuchmann: Wir betreuen den deutschsprachigen Raum. Gerade im Boulevardbereich, von dem wir gut leben und in dem wir die besten Autoren haben. Sie werden in Deutschland viel mehr gespielt, als in Österreich, weil es dort mehr Privattheater gibt, in denen der gehobene Boulevard Tradition hat und gepflegt wird. Daniel Glattauers „Wunderüberung“ etwa lief schon an 40 Bühnen. Bei „Gut gegen Nordwind“ haben wir bei 100 aufgehört zu zählen und die Stücke von Stefan Vögel beherrschen die Spielpläne.

Maria Teuchmann zwischen Felix Mitterer und Peter Turrini bei der Spielplanpräsentation der Josefstadt. Bild: Herwig Prammer

Teuchmann zwischen Felix Mitterer und Peter Turrini bei der Spielplanpräsentation der Josefstadt, … Bild: Herwig Prammer

... wo sich Herbert Föttinger über seinen gelungenen Horvath-Coup freut. Bild: Herwig Prammer

… wo sich deren Direktor Herbert Föttinger über seinen gelungenen Horvath-Coup freut. Bild: Herwig Prammer

MM: Welche tollen andere Stücke haben Sie derzeit im Portfolio?

Teuchmann: Natürlich Daniel Kehlmanns „Heilig Abend“, das ebenfalls diese Saison an der Josefstadt uraufgeführt werden wird. Auch Peter Turrini hat an dieser Bühne wieder eine Uraufführung. Für Sandra Cervik schrieb er „Sieben Sekunden Ewigkeit“, einen Monolog über Hedy Lamarr. Susanne Wolf dramatisierte gemeinsam mit Bernhard Aichner dessen Thriller „Totenfrau“. Sie arbeitet auch an mehreren noch geheimen Projekten, erzählen aber darf man, dass Thomas Luft mit seinem Theaterlust in München nach dem großartigen „Die Päpstin“-Erfolg ein Stück über Hildegard von Bingen in Auftrag gab. Weil wir gerade bei Bestsellern sind: Josh Costello dramatisierte nach dem gleichnamigen Bestseller von Cory Doctorow „Little Brother“. Darin errichtet die Homeland Security in San Francisco unter dem Deckmantel der Terrorabwehr den totalen Überwachungsstaat. David Schalko schreibt gerade ein Stück, von dem ich mir Großartiges erwarte. An unseren österreichischen Jungautoren möchte ich Petra Maria Kraxner, Martin Plattner und Mario Wurmitzer mit ihren neuen Arbeiten empfehlen. Jérôme Junod kann sich heuer gleich über zwei Uraufführungen freuen. „Flirt“ wird in Darmstadt uraufgeführt und das Schauspielhaus Salzburg gab ein Stück über Hieronymus Bosch in Auftrag.

Nach ihrem Theatererfolg von „Der Junge wird beschnitten“ am Volkstheater hat die Filmemacherin Anja Salomonowitz zum Glück auch Lust bekommen, weiter für die Bühne zu arbeiten. Stephan Lacks „Odyssee“ war in Melk dermaßen erfolgreich, dass er auch nächstes Jahr wieder gemeinsam mit Alexander Hauer arbeitet, um die Bartholomäusnacht auf die Bühne zu bringen. Und auch Altbewährtes kann wieder prominent auf die Bühne gebracht werden. Peter Turrinis „Josef und Maria“ spielen nächstes Jahr zur Weihnachtszeit Thekla Carola Wied und Günther Maria Halmer in München und auf Tournee. Franzobel hat zwei großartige neue Stücke geschrieben. Die Komödie „Der kurze Tag vor einer langen Nacht“ und ein sehr politisches Stück „Das gelobte Land“. Sehr gespannt sind wir natürlich auch auf die vom Autor Thomas Glavinic selbst inszenierte Uraufführung seines Stückes „Mugshots“ am Volkstheater. Der Kinder- und Jugendbereich liegt uns sehr am Herzen. Momentan freuen wir uns über den großen Erfolg von Angela Schneiders Stück „Asip und Jenny“, das eine Flüchtlingsgeschichte aus einer für Jugendliche sehr verständlichen Perspektive erzählt. Der hervorragende Regisseur Folke Braband ist als Autor im Komödienfach zuhause und neu im Verlag. Unter den vielen Verfilmungsprojekten – es werden hauptsächlich Romane, die der Thomas Sessler Verlag für österreichische Buchverlage betreut, verfilmt – findet sich auch ein Theaterstück als Grundlage, „Arthur und Claire“ von Stefan Vögel. Zwei Selbstmordkandidaten, die das Schicksal übereinander stolpern lässt, mit Josef Hader. Am Theater in München wird Uwe Ochsenknecht den Arthur darstellen.

Der Spielplan des Theaters in der Josefstadt 2016/17: www.mottingers-meinung.at/?p=19749

www.josefstadt.org

www.sesslerverlag.at

Wien, 23. 8. 2016

Wienbibliothek ersteigert unbekanntes Ödön von Horváth-Theaterstück

März 25, 2015 in Buch, Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein frühes Werk mit dem Titel „Niemand“

Ödön_von_Horváth1Die Wienbibliothek im Rathaus konnte am 24. März 2015 bei Stargardt in Berlin ein bislang unbekanntes Theaterstück des österreichischen Dramatikers Ödön von Horváth ersteigern. Es handelt sich um ein frühes Werk mit dem Titel „Niemand“, das nur in einer einzigen Überlieferungsform vorliegt, nämlich als ein 95 Seiten umfassendes hektographiertes Typoskript mit eigenhändigen Korrekturen des Autors. Bei einem Ruf von 8.000 Euro erhielt die Wienbibliothek im Rathaus den Zuschlag für 11.000 Euro.

Das ersteigerte Manuskript ergänzt in hervorragender Weise den Bestand der Handschriftensammlung der Wienbibliothek, der sich aus rund 510 Blatt Werkdokumenten zu den Stücken „Geschichten aus dem Wienerwald“, „Kasimir und Karoline“ und „Don Juan kommt aus dem Krieg“ zusammensetzt. Die Sammlung beherbergt sowohl eigenhändige Manuskripte als auch Typoskripte mit eigenhändigen Korrekturen. Es war der Wienbibliothek ein wichtiges Anliegen, das mit 1924 datierte Manuskript nach Wien zu holen und der Forschung zur Verfügung zu stellen. Ursprünglich stammt das Theaterstück aus dem Berliner Verlag „Die Schmiede“ und befand sich zuletzt in privater Hand.

Große Teile des Horváth Nachlasses liegen in Wien, in der Wienbibliothek im Rathaus und in der Österreichischen Nationalbibliothek.

www.wienbibliothek.at

Wien, 25. 3. 2015

Raimund Theater: Aleksey Igudesman

September 15, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

„Niemand glaubt, dass ich ein Wiener bin“

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Mit seinem neuen Programm berührt Aleksey Igudesman  am 22. September im Raimund Theater ein Thema, das viele Menschen im Schmelztiegel Wien betrifft: Wann bin ich ein „echter“ Wiener? Der Violinvirtuose, Dirigent, Schauspieler und Filmemacher bietet humorvolle Antworten auf diese Fragen, gewürzt mit viel Poppigem und inspiriert von Musik aus Wien und der ganzen Welt. Unter dem Titel „Niemand glaubt, dass ich ein Wiener bin“ trifft Musik der Strauß-Dynastie auf Musical- Hits, die „Angry Birds“ finden sich ebenso wieder wie der Pop-Hit „Happy“ von Pharrell Williams zum symphonischen Ohrwurm wird. Begleitet wird Igudesman vom Orchester der Vereinigten Bühnen Wien.

Multitalent Igudesman hat sich nicht nur als großer Geiger, sondern auch als Komponist, Dirigent, Schauspieler und Filmemacher international einen Namen gemacht. Dabei hat er mit vielen Musikgrößen wie Bobby McFerrin, Billy Joel, Oscar-Preisträger Hans Zimmer und den StargeigerInnen Julian Rachlin, Janine Jansen, Roby Lakatos, Gidon Kremer, Vadim Repin, Dmitry Sitkowetsky und Viktoria Mullova zusammengearbeitet und musiziert. Er wurde in St. Petersburg in Russland geboren, studierte an der renommierten Yehudi Menuhin School in England und am Konservatorium Wien bei Boris Kuschnir.

Aleksey Igudesmans Kompositionen werden weltweit aufgeführt, unter anderem von Orchestern wie dem London Philharmonic, New York Philharmonic, Chicago Symphony Orchestra, dem Seattle Symphony Orchestra, dem Luzerner Sinfonieorchester, der Kremerata Baltica, der Hong Kong Sinfonietta, und den Taiwan Philharmonics, oft mit ihm selbst am Dirigentenpult stehend. Als Mitglied des Streichtrios Triology gab Igudesman zahlreiche Konzerte auf der ganzen Welt und produzierte mehrere CDs.

www.vbw.at

Eine Kostprobe: www.youtube.com/watch?v=ZGBDHsHLmG4

Wien, 15. 9. 2014