Museum NÖ – Der junge Hitler: Ausstellung geht ins Netz

November 25, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Grundstein für Nationalismus und Rassismus

Das Kaiserpanorama, Bilder von 1914. Bild: © Daniel Hinterramskogler

Die Sonderausstellung „Der junge Hitler. Prägende Jahre eines Diktators. 1889-1914“ ist das bisher inhaltlich ambitionierteste Projekt im Haus der Geschichte in St. Pölten. Sie traf dort auf ein interessiertes Publikum und erfuhr internationale Medienaufmerksamkeit. Bis Ende Oktober 2021 war die Ausstellung im Nordico Linz zu sehen. Ab sofort ist sie als virtueller Rundgang auf abzurufen: www.museumnoe.at/ausstellungjungehitler

„Normalerweise wird in Ausstellungen nur der aktuelle Wissensstand vermittelt. Bei diesem Projekt war es anders. Die Ausstellung wurde selbst zum Impulsgeber für neue Forschungen“, hält Christian Rapp, wissenschaftlicher Leiter des Hauses der Geschichte fest. „Bei unserem Workshop ‚Hitler und das Fin de Siècle‘ im Herbst 2020 hat Roman Sandgruber erstmals seine Forschungen zu Adolf Hitlers Vater Alois vorgestellt. Auch wir selbst konnten wichtige neue Quellen zu Kindheit und Jugend Hitlers beisteuern. Im April 2021 wurden diese dann in der Linzer Fassung der Ausstellung für das Nordico integriert.“ Die Beiträge des internationalen Workshops „Hitler und das Fin de Siècle“ und eine kurze Einführung von Christian Rapp sind hier abrufbar: https://www.museumnoe.at/de/haus-der-geschichte/Sonderausstellung/der_junge_Hitler.

Und hier noch einmal die Rezension der Schau vom Februar 2020: Vor 75 Jahren endete mit dem Zweiten Weltkrieg auch der Holocaust, beides entfesselt von Adolf Hitler und den Nationalsozialisten. Das Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich nimmt das zum Anlass, nach den Anfängen zu fragen: Woher kamen Militarismus, Rassenhass und Antisemitismus? Wie weit waren sie in der Gesellschaft bereits verankert? Die Parallelerzählung „Der junge Hitler. Prägende Jahre eines Diktators. 1889-1914“ beleuchtet die frühe Biografie des späteren „Führer“ und die politischen Strömungen dieser Zeit.

Porträt von Mutter Klara Hitler. © ÖNB/Wien

Hitlers Vater Alois, in seiner Uniform als Zollbeamter, um 1890. © ÖNB/Wien

Der 16-jährige Adolf Hitler, gezeichnet von einem Mitschüler namens Sturmlechner in der Realschule Steyr, 1905. © Sammlung Rauch / Interfoto / picturedesk.com

„Die Ausstellung eignet sich nicht zur Heldenverehrung. Anhand authentischer Dokumente zeichnet sich vielmehr das Bild eines früh Gescheiterten ab und eines Außenseiters, der stets die Umwelt für eigenes Versagen verantwortlich macht“, schließt Christian Rapp jedes Missverständnis aus. „Ganz wichtig ist es uns gleichzeitig, die düsteren Seiten der Jahrhundertwende darzustellen. Viele Objekte der Ausstellung machen deutlich, wie die Politiker jener Zeit mit Ängsten und Vorurteilen Stimmung gemacht haben, ob es sich um den radikalen Deutschnationalen Georg von Schönerer handelt oder um den antisemitischen Bürgermeister Karl Lueger. Ihre Parolen haben sie in ihren Reden, ihren Zeitungen, aber auch auf Werbemarken und auf Zierporzellan verbreitet. Mit Objekten und Bildern lassen sich auch die abstrusen Lehren von Rassen- hygienikern gut dokumentieren, die rassistische Überheblichkeit der Europäer als Kolonialherren, die Frauen- feindlichkeit und die Kriegsbegeisterung. Sie prägen Adolf Hitler und seine Zeitgenossen“, so Rapp.

Das Parlament – Aquarell von Adolf Hitler. © Verlag Alinari

Michaelerplatz – Aquarell von Adolf Hitler. © Verlag Alinari

„Über die Kindheit und Jugend von Adolf Hitler wurde schon viel geschrieben und publiziert. Aufgabe unserer wissenschaftlichen Aufarbeitung war es nun, akribisch Geschichte von Geschichten zu trennen“, ergänzt Hannes Leidinger, der gemeinsam mit Rapp ein Buch zum Thema veröffentlicht hat. „Wichtig war es uns, neuerlich an die Quellen zu gehen und die neuen elektronischen Recherchemethoden zu nutzen. Außerdem war uns erstmals der Nachlass seines Jugendfreundes August Kubizek zugänglich. Wir zeigen daraus einige aufschlussreiche Originale wie ein Notenblatt, das entstand, als Adolf Hitler sich als Opernkomponist im Stile Richard Wagners versucht hat. Hier wird die fatale Selbstüberschätzung bereits sichtbar“, so Leidinger. Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=38606

www.museumnoe.at           www.museumnoe.at/ausstellungjungehitler

25. 11. 2021

Neue Oper Wien: Death in Venice

Oktober 10, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Memento mori beim Strand-Dance-Battle

Alexander Kaimbacher als Gustav von Aschenbach, Ray Chenez als Apollo ad personam und Andreas Jankowitsch als mephistophelischer Dionysos. Bild: © Armin Bardel

„The Most Beautiful Boy in the World“, so der Titel des Dokumentarfilms, den Kristina Lindström und Kristian Petri just dieses Jahr beim Sundance Festival vorstellten, ein Biopic über den weiland Visconti-Auserwählten Björn Andrésen für die Rolle des Tadzio – dieser Rolle wird Rafael Lesage 50 Jahre später nicht mehr gerecht. Ein Glück. Der Sohn eines Tänzerpaars, der zunächst im Performing Center Austria HipHop-Klassen nahm, bevor er mit der Compagnie Diversity Queens und dem Studio Indeed Unique einige Preise gewann

(www.youtube.com/watch?v=KUSnQTYuIBc), ist längst kein schüchterner „Bub“ mehr. Sondern ein selbstbewusster junger Mann, der seinen Tadzio dementsprechend performt. Kraftstrotzend, arrogant, ein wenig aggressiv auch, sich seiner aufkeimenden Virilität und deren Wirkung auf dem ihm verfallenen, verfallenden Aschenbach bewusst. Mit dem er nonverbal sein homoerotisches Spielchen zu treiben scheint, sich sogar ein Buch des – heute würde man sagen – Bestsellerautors signieren lässt, ein Blick, ein lässig vom perfekten Body gestreiftes Handtuch, ein Beinah-Kuss. Als ob sich die morbide Schönheit Venedigs in ihm spiegeln würde …

Die Neue Oper Wien brachte im MuseumsQuartier Benjamin Brittens „Death in Venice“ zur dunkel-wuchtigen Premiere. Mit Intendant Walter Kobéra als Dirigent des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich, in einer Inszenierung von Christoph Zauner, Bühne und Kostüme von Christof Cremer, womit das eine Dreigestirn der Aufführung genannt wäre. Eine Trinität, die Brittens Thomas-Mann-Vertonung als Aschenbachs albtraumhafte Gedankenreise, anders gesagt: mit dem vielgestaltigen Andreas Jankowitsch und dem Wiener Kammerchor als Totentanz anlegt.

Brittens letzte ist sozusagen eine „Große Kammeroper“, für die Kobéra eine charismatische Klangwelt, einen emotionalen Sturm aus 49 Musikerinnen und Musikern, davon fünf am Schlagwerk plus ein Paukist, zu entfesseln, jedoch in den intimen Momenten von Aschenbachs Innenschau zu bändigen versteht. In Brittens Kompositionsthriller mit Sog Richtung letalem Finale, dirigiert Kobéra Aschenbachs Gefangenschaft im Gefühlschaos, dessen Leidenschaft, Verwirrung und Verlust der Würde gleich einem fortwährenden Subtext.

Kaimbacher und Chenez als Lookalike-Apollo. Bild: © Armin Bardel

Rafael Lesage adoleszenter Tadio. Bild: © Armin Bardel

Countertenor Ray Chenez als Apollo. Bild: © Armin Bardel

Um diesen „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“-Zweikampf zwischen Ratio und Passio Gestalt zu verleihen, gesellt Regisseur Zauner Andreas Jankowitsch als Geck, Gondoliere, Hotelier, Coiffeur und Dionysos Countertenor Ray Chenez als Apollo bei – er optisch ein jüngeres Alter Ego des alternden Literaten, dem er in Permanenz und mit Drohgebärde die Schreibmaschine auf den Knien platziert. Zu alldem, der feinziselierten Charakterführung Kobéras wie Zauners, ihrer Achtsamkeit auf Gesten und den durchdachten Details, hat Cremer ein Setting erdacht, ein Labyrinth aus Venedigs Brücken und Badestegen, schmale Grate, auf denen es die Balance zu halten gibt, inmitten eines Meers aus Sand ist gleich Asche, umringt von den rostigen Wänden eines Schiffsbauchs, als hätte Aschenbach die „Esmeralda“ nie verlassen.

Derart als Memento mori, oder: eine Morbidezza nicht der Malerei, sondern der Morschheit der Moral, entspinnt sich ein Licht- und Schattenspiel. Fabelhaft Andreas Jankowitsch, der vom Gondoliere-Charon an Aschenbachs diabolischer Gegenspieler ist, der sich im Chor zu einem „Mein Name ist Legion!“ steigert. Diese Gesellschaft am Lido gehüllt ins Graublau der Serenissima-Tauben und umringt von grotesk-grausamen Gauklern und Schreckgespenstern wie Catalina Paz als Erdbeerverkäuferin oder Elisabeth Kirchner als Bettlerin im Namen ihrer verhungernden Kinder.

Die Cholera, Seuche das Bühnenthema 2021, sie klopft schon an die Tore der Lagunenstadt. Die Seemöwen die anfangs durchs Video segelten, sind längst deren wurmartigem Erreger gewichen, unter den Stegen wabern tödliche Dämpfe – die Cholera, sie ist gelb. Symbolik und Farbantagonismen als Metaphern für einen drangsalierten Geist, sie sind bei Zauner und Cremer großgeschrieben. Doch noch steht die Schlacht zwischen dem apollinischem und dem dionysischen Prinzip an, und an dieser Stelle gilt es endlich zu sagen:

Dies ist der Abend des Alexander Kaimbacher, der als Gustav von Aschenbach drei Stunden lang sängerisch höchstpräzise und schauspielerisch höchstpräsent mal mit metalischem, mal fragilem Timbre alles gibt. Sich in der Britten seinem Lebensgefährten Peter Pears auf den Leib geschneiderten Rolle entäußert, entleibt, sich von Zweifel über Verzweiflung zu Selbstzerfleischung aller darstellerischen Schranken entledigt, die Kalvarienberg-Stationen der Figur durchwandert, durchleidet, ein Faust auf der Suche nach und in ständiger Begegnung mit seinem Mephisto-Jankowitsch – selten ward psychische Zerrissenheit so nobel über die Rampe gebracht.

Wr. Kammerchor als Matrosen. Bild: © Armin Bardel

Lesage und Kaimbacher. Bild: © Armin Bardel

Die Straßensänger. Bild: © Armin Bardel

Und überall der schöne Jüngling. Bild © Armin Bardel

Fulminant! Kaimbacher mit Jankowitsch und Chenez das andere Dreigestirn der Aufführung, wenn die Götter um den Sterblichen ringen, dessen Bedenken ob seiner „ungesunden“ Begierde austricksen, wobei es – in dieser Interpretation wenig überraschend – der ewig strahlende Delpher sein wird, der seinem Schützling in den Schritt greift, eine orgasmische Petite-Mort-Szene, Aschenbach bald so kreidebleich wie des Dionysos‘ geisterhafte Gefolgschaft …

Viel gibt es bei dieser Arbeit der Neuen Oper Wien zu interpretieren und zu überlegen, etliche Einfälle gilt es noch zu würdigen. Etwa das Kräftemessen von „Tadzio“ Rafael Lesage und seinem besten Freund Jaschu aka der Latino-Wiener Luis Rivera Arias, das als Dance-Battle am Lido-Strand ausgetragen wird, als Trainerin und Trainer die Tänzerin Leonie Wahl (www.mottingers-meinung.at/?p=36197) und Tänzer Ardan Hussain, die Choreografie für Brittens konzertante Zwischenspiele, ein Sonnenbad, ein Wasserballmatch, ein Flanieren auf der Promenade, das Champagnisieren angesichts der Katastrophe: Saskia Hölbling.

Oder Kaimbacher-Aschenbachs Besuch bei Coiffeur-Jankowitsch, dessen schwarzer Frisiermantel sich mittels zweier Chormitglieder zur Tracht eines Pestdoktors, ja, zu einer bewegten Version von Rodins Höllentor steigert. Zum Schluss zieht der junge Apoll-Aschenbach gegen Tadzio eine Pistole, das stumme Objekt der Begierde, meint der vorherige, muss zur Beendigung der Qualen des derzeitigen Aschenbach weg … zu spät fürs Entkommen des Abyssos‘ und ergo keinesfalls mehr dazu. Außer einem: So steht’s im Libretto nicht. Und einem Bravissimo sowie der Empfehlung, sich diese bemerkenswerte Produktion anzuschauen.

neueoperwien.at          Video: www.youtube.com/watch?v=zAZIsnvhM-k

  1. 10. 2021

Landestheater NÖ – Luk Perceval & NTGent: Yellow. The Sorrows of Belgium II: Rex

Oktober 1, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Front- und Fluchtbriefe auf dem Billardtisch

Vabanquespiel auf dem Billardtisch: Peter Seynaeve, Lien Wildemeersch, Philip Leonhard Kelz, Chris Thys, Oscar Van Rompay und Valéry Warnotte. Bild: © Maria Shulga

Ab 8. Oktober zeigt das Landestheater Niederösterreich LIVE im Großen Haus Luk Percevals Uraufführung von „Yellow – The Sorrows of Belgium II: Rex“, LIVE hier besonders großgeschrieben, da es COV19-bedingt im Frühjahr bereits eine Filmversion zu streamen gab. Hier zum Einlesen die Rezension dazu: Mit dem Verlesen eines Artikels einer neuen rechtsradikalen französischsprachigen Zeitung, der vor den neuen rechten Schlagwörtern nur so strotzt, großer Austausch, Kulturmarxismus vs. christliche Werte,

die Linke unterstützt den Islam, um mit der Frustration der Minderheiten die westliche Zivilisation zu zerstören …, legt Luk Perceval den Finger in eine Wunde, die längst noch nicht vernarbt ist. Nationalsozialismus in Belgien, darüber weiß man hierzulande wenig. Belgien war neutral, doch griffen im Mai 1940 die nazideutschen Truppen an; nach der campagne des 18 jours ergab sich die belgische Armee bedingungslos. In „Yellow – The Sorrows of Belgium II: Rex“ beschäftigt sich Perceval nun mit der Kollaboration seiner Landsleute mit den Nationalsozialisten und damit gleichsam mit dem bis heute schwelenden Konflikt der Wallonen mit den Flamen.

Yellow“ ist der zweite Teil von Percevals nach den Farben der belgischen Nationalflagge benannten Trilogie, Teil eins „Black“ befasst sich mit den Kolonialverbrechen Belgiens im Kongo, Teil drei „Red“ wird von den aus Brüssel stammenden IS-Attentätern handeln. Zwei alte Männer also, der eine sitzt an einem Billardtisch mit abgesägten Beinen und studiert Fotos, Briefe, verlesen, gelesen wird viel in dieser Produktion, der andere hinter ihm sagt etwas, unhörbar, seine Stimme geht im melancholischen Yellow Waltz von Sam Gysel unter. „Jef? Jef?”, stammelt der Mann am Tisch, Peter Seynaeve als dessen Vater Staf, gleich wird er mit sich überschlagender Stimme Parolen deklamieren, man ist in den 1940ern – bei jenen Flamen, die sich als Deutsche sehen, als Teil der „germanischen Rasse”.

Nach dem Text von Autor Peter van Kraaij verfolgt Perceval das Schicksal der von Hitlers Reden entflammten flämischen Familie Goemmaere. „Der Führer lässt Flandern wieder an der Geschichte teilnehmen”, ist man überzeugt. Wallonen gegen Flamen, das hat was von Kain und Abel, die Französischsprachigen werden seit Jahrhunderten, genauer seit 1302 als ein bäuerliches Infantrieheer einer französischen Ritterarmee gegenüberstand, als Unterdrücker betrachtet. Jetzt ist der Glaube an Gott und das Tausendjährige Reich geweckt. Staf hat Sohn Jef mit der Flämischen Legion, Freiwilligen der Waffen-SS, in den Kampf gegen die Sowjets geschickt. Staf selbst ist Mitglied der Dietse Militia des Rechtsnationalisten Jef François, Tochter Mie bei den Dietse Meisjesscharen und Priester-Onkel Laurens ein fanatischer Faschist.

Einzig Stafs Bruder Hubert hält sich von der Hurra-Stimmung fürs NS-Regime fern, eine Hurra-Stimmung, eine Kriegsbegeisterung, die im Laufe der kommenden zwei Stunden mehr und mehr zu Kadavergehorsam wird, geschildert dies alles ohne moralische Gehässigkeit, das „Heil!” auf dem Heldenplatz kam den Menschen um nichts weniger enthusiastisch über die Lippen als hier den Flamen, alldieweil sich Mutter Marije, Chris Thys, um ihren Sohn, der qua einer Andeutung auch Huberts sein dürfte, die Augen ausweint. Ein sphärischer Soundtrack wabert durch den Theaterraum, der Billardtisch ist bald eine zweite Spielebene; die Fahnen, die wehen, sind weiß wie die der ethischen Kapitulation, die Rekapitulation einer historischen Desillusionierung – im emblemlosen Flaggenwald geht’s so zackig zu, „Deutscher Gruß” und deutsche Disziplin, dass keine Fragen offenbleiben.

Fast schon wähnt man den Regisseur in satirischer Distanz zu seinen Figuren; wie in einem abstrakten Leo erscheinen Valéry Warnotte als Léon Degrelle, Gründer der faschisten Bewegung Rex – siehe Stücktitel – und Aktiver in der Wallonischen Legion, Warnotte als Demagoge und Phrasendrescher der Inszenierung, und als Österreich-Import Obersturmbannführer Otto Skorzeny, dem der Mythos der Mussolini-Befreiung zu einiger Berühmtheit verhalf. An diesen real existiert habenden Charakteren dokumentiert Perceval scheint’s die absurde Groteske von Geschichte.

Seynaeve, Van Rompay, Wildemeersch, Kelz und Thys, vorne: Luk Perceval. Bild: © Maria Shulga

Strammer „Deutscher Gruß“: Lien Wildemeersch, Philip Leonhard Kelz und Valéry Warnotte. Bild: © Fred Debrock

Seynaeve, Van Rompay, vorne: Wildemeersch und Kelz, Warnotte und Thys. Bild: © Maria Shulga

 

Die beiden Alt-Nazis werden einander später im Spa, nicht Belgien, sondern mit Bademantel und Wellnesscocktail in Spanien begegnen. Der nunmehrige „José de Ramirez Reina” und der Firmenvertreter für Nivea und die Voest haben sich vom gefallenen „Führer” unter Francos Fittiche gerettet, um dem Diktator beim Machterhalt zu helfen und in Skorzenys Fall – „Ich will doch nicht enden wie Eichmann!” – Waffengeschäfte mit dem Mossad zu machen. Eine Episode, unglaublich, doch historisch belegt, die zu den besten des Abends gehört; die Freunde überbieten sich in Hitler-Anekdoten: „He was such a nice guy!”

Doch noch ist es nicht so weit. Philip Leonhard Kelz, Ensemblemitglied des Landestheaters, agiert, agitiert sich als Otto Skorzeny in den Mittelpunkt des Geschehens. Mit dem Laurens von Oscar Van Rompay übt er ein Burschenschafter-Duell, das ins Homoerotische entgleitet, bei einem lasziven Tänzchen wird er sich an die Mie von Lien Wildemeersch schmiegen, Kelz ganz Stimmungsmacher, Spielmacher, geschmeidig wie die Schlange der Versuchung – er, der offensichtlich weiß, was gewesen sein wird, und seine Schilderungen in Vergangenheitsform setzt.

Wenn er als „überzeugter Europäer” von „sozialer Gerechtigkeit” spricht, werden die Floskeln aus der falschen Ecke zeitgemäß. In diesem vielschichtigen Spiel, in dem sich keiner schont, fügt sich Kelz mit seiner starken, in schönster Verschmitztheit das Österreichertum ausstellenden Performance nahtlos ins Genter Ensemble ein. Der Flamen-Clan saugt Skorzenys Heilsversprechen gierig auf, der Kamerazoom zeigt die Gesichter erwartungsvoll, stolz, euphorisch, Marijes unter Tränen – und hassverzerrt wie die Fratzen in Hieronimus Boschs „Christus trägt das Kreuz”, das im Museum für Schöne Künste in Gent hängt.

Vor allem Lien Wildemeersch als Mie schafft es, dass man auf deren blindwütige Gläubigkeit zunehmend zornig wird, und Oscar Van Rompays Laurens mit seinen vor religiöser Extase aufgerissenen Augen. Der Russlandfeldzug, er ist ein Heiliger Krieg, die Soldaten Kreuzritter für „unsere Zivilisation”. „Flandern frei! Und für Belgien nix!” wird skandiert. Bis das nationalistische Narrentreiben und sein schwärmerischer Rassismus von ersten Frontberichten gestört werden.

Chris Thys, Peter Seynaeve, Lien Wildemeersch und Philip Leonhard Kelz. Bild: © Maria Shulga

Oscar Van Rompay, Lien Wildemeersch, Philip Leonhard Kelz, Chris Thys und Valéry Warnotte. Bild: © Maria Shulga

Gleich Eva und der Schlange der Versuchung: Philip Leonhard Kelz und Lien Wildemeersch. Bild: © Maria Shulga

Van Rompay, Seynaeve, Warnotte, Thys, Shulga und Wildemeersch. Bild: © Fred Debrock

Die Briefe also. Sie kommen von Jef, dem stillen Bücherwurm, der nach Stafs Willen im Schützengraben zum Mann geschmiedet werden soll, und Aloysius, der Mie von den Meisjesscharen als Korrespondenz-Kamerad zugeteilt wird, eine Nahebeziehung in Worten, die von Kelz und Wildemeersch mit Körpernähe und Mut zur Initimität als elegische Liebesfantasie ausgelebt wird. Jefs Post spricht eine andere Sprache, weit und breit kein flämischer Offizier und die Flamen von der Herrenrasse auf Französisch angebrüllt; Grausamkeiten, Gräueltaten und die Abstumpfung dagegen kriegen beim Lautlesen eine seltsame Intensität – eine Poesie des Schreckens.

Briefe kommen auch von Bert Luppes’ Hubert. Der hat die geflohene Wiener Jüdin Channa, Maria Shulga, versteckt, wird entdeckt und entkommt mit ihr nach Antwerpen. Gleich Skorzeny erzählt auch Channa Vergangenes, das charmante, leichtlebige Wien, das sich nicht er- sondern hingegeben hat, ihr Verlobter, dessen Mutter sie anflehte ihn freizugeben, damit er nicht in die Fänge der Gestapo gerät, Hubert in seinen Schreiben von Zerstörung, Hunger und der Polizei, die „für eine neue Aufgabe” ausgebildet wird. Channa wird deportiert werden, „nach Osten, Jef hinterher”, kommentiert Hubert zynisch.

Da hat Familie Goemmaere ihre Verblendung längst erkannt. Schnee fällt auf Front und Familiengeheimnisse, ein unbekannter Fronturlauber bringt Nachricht von dort – und der Wahnsinn greift um sich. „Yellow”, diese bedächtige, andächtige Aufführung, deren Melancholie eben noch in Lethargie kippte, wird von Geschrei und Sirenengeheul zerschnitten. Kelz kiert konsonatenknatternd im Hitler-Ton, Mie, als Krankenschwester im Lazarett, schnappt angesichts der vielen Versehrten allmählich über.

Szene um Szene montiert Luk Perceval zu seiner Collage, diese teils pathetisch, teils bizarr, immer leidenschaftlich, mit stilisierter Action und den Mitteln des Körpertheaters, didaktisch – Prädikat: wertvoll. Seine extrem präsenten, expressiv agierenden Darstellerinnnen und Darsteller schultern mit Verve das Paradoxon ein Chor monologierender Stimmen zu sein. Ihr Spiel ist im besten Sinne der Bedeutung sinnlich.

Zum Schlussakkord gehört Hubert, der nach dem Krieg Wien besucht, Museum rein, Museum raus, und raus zum Zentralfriedhof, dem jüdischen Teil. Dutzende Grabstätten, aber sehr viel freie Fläche. Ein Symbol. Hier sei von jüdischen Familien Land gekauft worden für Gräber, die es nun nicht mehr gibt, meint Hubert. Zum Schlussakkord gehört Laurens im Gefängnis. „Geduld”, sagt er. „Geduld, meine Seele, die Saat keimt noch nicht.” Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=44919

Trailer: www.youtube.com/watch?v=pOC9NaqoKYA           vimeo.com/519872206           Interview mit Dramaturgin Margit Niederhuber: www.youtube.com/watch?v=D-aHuHj_VpI            www.ntgent.be/en          www.lukperceval.info

www.landestheater.net

1. 10. 2021

Landestheater Niederösterreich streamt: Demian

April 17, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dann frag halt Dr. Sommer!

Ein Spazierstock für den Pfad der Selbsterkenntnis: Philip Leonhard Kelz als Emil Sinclair und dessen Lebenshilfe Max Demian. Bild: © Alexi Pelekanos

„Mancher wird niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise …“, liest der Knabe mit groß-erstaunten Augen. Jaja, schon gut, der alte Schinken vom Hermann Hesse liegt auch auf seinem Tisch, aber woran sich Emil Sinclairs zehnjähriges Perplex-Sein grad festsaugt, dass ist die Bravo, die Dr.-Sommer-Seite – Aufklärung, eh klar. Im Web-Kapitel über Selbstliebe steht aktuell: Ändere dich nicht, um anderen zu gefallen! Mach dich nicht kleiner als du bist! Versuche

dich an neuen Dingen! – und schließlich: Nur Mut! Na, das passt doch wie der Faust aufs Gretchen zum „Demian“, Hermann Hesses Erzählung, heut‘ würd‘ man sagen: die Coming-of-Age-Story des Emil Sinclair, und dieser Name auch das Pseudonym unter dem der Schriftsteller seine „Geschichte einer Jugend“ 1919 erstmals veröffentlichte, in der’s heißt: „Es ist falsch, der Welt etwas geben zu wollen. Ich bin ein Wurf der Natur, um nichts als mich selbst zu suchen, um zu mir selbst zu kommen.“

Regisseurin Anna Marboe hat das mehr als 100 Jahre alte Werk am Landestheater NÖ klug und einfühlsam an der Jetztzeit angedockt; Ensemblemitglied Philip Leonhard Kelz, eben erst in Luk Percevals „Yellow: The Sorrows of Belgium II: Rex“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44919) höchst positiv aufgefallen, gestaltet den Protagonisten und seine Mit- wie Gegenspieler. Von Johannes Hammel für die Online-Premiere der hauseigenen #wirkommenwieder-Reihe neu verfilmt, ist Marbos Inszenierung nun bis Sonntagabend auf www.landestheater.net als kostenloser Stream zu sehen – das Ganze von der Theaterpädagogik um eine Materialmappe ergänzt.

Da sitzt er nun mit rosa Holzkarussell. Aus der Spieluhr tönt’s kitsch-lieblich, ein Symbol für die schöne, heile Mama-Papa-Welt, doch erspürt Emil schon die dunkle, die um die Ecke lauert. Hesse-Kenner wissen es: der erpresserische Franz Kromer, den Kelz mit Hoodie und Gold-Crown-Brille gibt, der den Vogerltanz pfeift und der alsbald Emils rosa – what else? – Mini-Drachen-Sparbüchse schlachtet. „Nun hielt der Teufel meine Hand“, bangt Emil, während Philip Kelz von Rolle zu Rolle switcht.

Mit Verve schlüpft er in die verschiedenen Charaktere rund um seinen Ich-Erzähler, dessen Bericht er gleich einer Beichte ablegt – Kelz ganze Emil-Performance wie ein Bußgang, doch eigentlich ein Spaziergang, denn flugs ist der dazugehörige Stock zusammengeschraubt. Die Szenerie färbt sich rot, Auftritt Max Demian mit seiner denkbar unkonventionellen Definition von Gott und der Welt, Demian, der sinnbildlich gesprochen Sinclairs Gehhilfe zum Erwachsenwerden wird …

Bild: © Alexi Pelekanos

Kelz als Kromer. Bild: © Alexi Pelekanos

Bild: © Alexi Pelekanos

Anna Marboe hat den Text fürs Format auf die Quintessenz dessen reduziert, was einen jungen Menschen umtreibt, den es, wie’s im Text steht, „in hundert Dingen frühreif, in hundert Dingen unreif“ hin und her reißt. Die Quintessenz, Emils Weg zu sich selbst, geht interessanterweise auf Kosten der Frauenfiguren, Beatrice fehlt, leider auch die dämonische Muttergöttin Frau Eva und mit ihr all die Mystik und Magie. Selbst aus Pistorius‘ Sätzen: „Ich weiß, dass Sie Träume haben müssen, die Sie mir nicht sagen …“ sind die Straßendirnen entfernt.

[Pistorius ist ein Kirchenorganist, den Sinclair im Kapitel „Der Vogel kämpft sich aus dem Ei“ kennenlernt, ein verhuschter, aber intellektueller Sonderling, den Kelz mit rosa Blasharmonika und mittelschwerem Augentick ausstattet, und dem Hesse großartige Sätze zugeschrieben hat: „,Halt‘, rief Pistorius. ‚Es ist ein großer Unterschied, ob Sie bloß die Welt in sich tragen oder ob Sie das auch wissen! Ein Wahnsinniger kann Gedanken hervorbringen, die an Plato erinnern.“  – „Sie halten sich manchmal für sonderbar, Sie werfen sich vor, dass Sie andere Wege gehen als die meisten. Das müssen Sie verlernen.“ – „,Kommen Sie‘, rief er nach einer Weile, ,wir wollen jetzt ein wenig Philosophie üben, das heißt das Maul halten, auf dem Bauch liegen und denken.‘“]

An Requisiten in der Theaterwerkstatt genügen Tisch, Stuhl, ein paar Schachteln, aus denen Kelz allerlei Zeug hervorkramt, Kelz, der die kahle Spielfläche allein mit seiner Präsenz füllt. Als Soundtrack dienen Songs von Anna Marboes erstem Album „die oma hat die susi so geliebt“, erschienen unter ihrem Singer-Songwriter-Namen Anna Mabo bei Ernst Moldens „Bader Molden Recordings“ (www.badermolden.com/anna-mabo), und ihrem zweiten Album „Notre Dame“, das am 7. Mai ebendort veröffentlicht wird.

So geht’s durch den demianischen Kosmos, von den beiden Schächern, von denen Demian eindeutig nicht den „weinerlich bekehrten“, sondern den mit Rückgrat bevorzugt, über Jakobs Kampf zum Anfang vom Ende – die Aufführung ist in dem Sinne ein Erklärstück, dass sie lehrreich ist. Was Hesse zu dogmatischer Starrheit, bigotter Moral und bildwütigem Nationalismus zu sagen hat, ist gesellschaftspolitisch nach wie vor relevant. „Demian“ erschien, als eine traumatisierte Jugend gerade aus dem Ersten Weltkrieg – in den auch Sinclair und Demain als Soldaten hineingezogen werden – zurückkam, und Hesse von den Polemik-Attacken der Presse wegen seiner Ablehnung von Hurra-Patriotismus und Kadavergehorsam zutiefst verletzt war.

Im Zweiten Weltkrieg gehörte „Demian“ zur im Dritten Reich verpönten Literatur, gefolgt von einem Verlegestopp für die Bücher Hesses, gefolgt von einem Hesse-Boom durch die erneute Selbstsuche der desolaten Kriegsheimkehrer. Genau dies der (Spreng-)Stoff, den der Literaturnobelpreisträger in seinem Werk auslegt: die Suche nach sich selbst, im „Siddharta“ und dessen Entwicklungsstufen vom Brahmanen zum Samana zum Erleuchteten vielleicht noch deutlicher gemacht.

Bild: © Alexi Pelekanos

Demian, „kein Schüler, sondern ein Forscher der eigenen Probleme“, führt Sinclair in einen diesem unbekannten Gedankenraum, wobei Kelz im Zwiegespräch zwischen dem ernsten, dominanten und dem verlegen grinsenden wechselt. Er spricht – der Lesbarkeit halber erspare man sich hier den kompletten Abraxas-Komplex, der gnostische Gott, der Gut und Böse in sich vereint, und der als Aufforderung an Sinclair auch seine Schattenseiten anzunehmen gedeutet werden kann – Demian also redet dem Individualismus das Wort, jenem natürlichen Feind der Gesellschafts(zuge)hörigkeit, jenem Ausfallschritt aus dem Stechschritt der

Uniformgeher, der die Masse Richtung Demokratiefeindlichkeit und Diktatur zu lenken pflegt. Besser mit seinen Dämonen kämpfen, als den Götzen der Konvention anzubeten, sagt Kelz‘ Demian, doch weiß er: „Nichts auf der Welt ist dem Menschen mehr zuwider, als den Weg zu gehen, der ihn zu sich selber führt.“ „,Gemeinsamkeit‘, sagte Demian, ‚ist eine schöne Sache. Aber was wir da überall blühen sehen, ist gar keine.’“ Welch ein Spruch, denkt man an die Beschwörungsformeln der heutigen Heilsversprecher. Wir sind auf einem guten Weg! Alles kein Weltuntergang! Genug ist genug … Vom Konfirmationsunterricht übers Internat zur Universität, immer wieder manifestiert sich Demian just dann, wenn Emil Sinclair eine Sinnkrise hat, wenn sich unter ihm seelische Abgründe auftun, wenn er einen Freund braucht.

Demian, beim ihm im Traum erschienenen Namen mag Hesse an Sokrates‘ Daimonion gedacht haben, der warnenden inneren Stimme, die den griechischen Philosophen von falschen Entscheidungen abhielt, und Sinclair glaubt tatsächlich, „dass in uns drinnen einer ist, der alles weiß“. Und dementsprechend spielt Philip Kelz das auch, nach einem persönlichen Exkurs über einen Freund, der seinen ungeliebten Job hinwarf, um spätberufener Schauspielschüler zu werden, „cooler Typ“, sagt Kelz, sein Gleichnis ein zeitgemäßer Ankerpunkt in Hesses Aphorismenansammlung. So also spielt Kelz, so wie der Mephisto schon als zweites Ich des Faust gezeigt wurde, denkt man, und schon zitiert Kelz aus der Studierstube: Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht.

„Ein Faustschlag ins Gesicht der Pietät gehört zu den Taten, ohne welche man nicht von der Schürze der Mutter loskommt“, das Zitat ist von Hesse. Man denkt an Freuds ÜberIch-Ich-Es, aber nein, Hesses Freund war C.G. Jung, die Formel lautet daher wie folgt: Das Ich + das Selbst = die Ich-Werdung. Das Ideal der Masse = die Anpassung minus der Angst vorm eigenen Inneren = der Aufbruch zur Ich-Werdung. „Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören“, steht auf einem Zettel, den Demian Emil in die Schulmappe steckt.

Das alles geschieht Sinclair schließlich im Krieg, in dem es gilt, für ein Ideal zu sterben, das nicht frei gewählt, sondern ein gemeinsam übernommenes ist. Emil wird verwundet, landet im Lazarett, wo auf der Pritsche neben ihm Demian liegt – um sich zu verabschieden: „Ich werde fortgehen müssen. Du wirst mich vielleicht einmal wieder brauchen. Wenn du mich dann rufst, dann komme ich nicht mehr so grob auf einem Pferd geritten oder mit der Eisenbahn. Du musst dann in dich hineinhören, dann merkst du, dass ich in dir drinnen bin.“

Da schaut Sinclair und den Spiegel und zurückschaut „… der Blick Demians. Ich sehe mein eigenes Bild, das nun ganz Ihm gleicht, Ihm, meinem Freund …“ Anna Mabo singt: Ich bin noch nicht, was ich bin, aber ich glaub‘ ich bin am Werden … und Anna Marboe sagt: „Erwachsen klingt immer so fertig. Ich denke, das bin ich noch nicht. Maximal: erwachsend. Und das hoffentlich noch lange.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Wo-bidDiPy4           www.landestheater.net

Zur Materialmappe: www.landestheater.net/de/theatervermittlung/schule-und-kindergarten/materialmappen/materialmappen-19-20/mm-demian

Anna Mabo auf dem Donauinselfest 2020: www.youtube.com/watch?v=5587bbBAKrQ           www.badermolden.com/anna-mabo

  1. 4. 2021

Landestheater NÖ streamt – Name: Sophie Scholl

April 10, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die lebenswichtige Loyalität zu sich selbst

Bettina Kerl als Sophie Scholl. Bild: © Alexi Pelekanos

„Ich heiße Sophie Scholl. Ja, und? Das ist ein Zufall, weiter nichts“, mit diesen Worten beginnt Bettina Kerl ihr Soliloquium. Scholl, dieser Name, er steht für Zivilcourage und Mut zum zivilen Ungehorsam, für eine Beherztheit und ein Heldinnen- tum, die Sophie in sich zu finden hofft. Die Jus-Studentin nämlich, auf deren Schultern die Bürde der Namens- gleichheit mit der Ikone des Widerstands schwer lastet.

„Name: Sophie Scholl“ heißt folgerichtig das Stück von Rike Reiniger, in dem die Berliner Autorin die beiden jungen Frauen einander gegenüberstellt. Vom Landestheater Niederösterreich als Klassenzimmertheater angedacht, ist die Inszenierung von Jana Vetten nun bis Sonntagabend auf www.landestheater.net als kostenloser Online-Stream zu sehen. Die Produktion wurde eigens für die #wirkommenwieder-Reihe neu verfilmt, die Protagonistin ist nach „Gandhi – Der schmale Grat“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44780) einmal mehr Ensemblemitglied Bettina Kerl – und das Ganze von der Theaterpädagogik um eine Materialmappe ergänzt.

Die Brillanz des Textes liegt naturgemäß in der Doppelfigur. Da ist die eine, die heute vor Gericht aussagen soll, lange weiß man nicht was und warum, die auf den Aufruf in den Zeugenstand wartet, und sich derweil allerhand Gedanken macht – bis dahin, auf ihrem Recht zu schweigen zu beharren. Eine Sophie Scholl, ausgerechnet! So führt das Grübeln zur anderen, zu deren letzten Tagen im Februar 1943. Eben haben Bruder Hans und Mitstreiter Alex Schmorell das sechste Flugblatt abgezogen, nun soll die Schrift, da bei Postzustellung die Briefe [und wie wunderbar wär’s gewesen, hätte man das Wort „eintüten“ gegen „kuvertieren“ ersetzt] meist bei der Gestapo abgegeben wurden, per Hand verteilt werden.

Rike Reiniger verwebt die Parallelführung der beiden Sophies klug und leichthändig, und in der Regie von Jana Vetten spielt Bettina Kerl wie stets unprätentiös und klar. Eindringlich, eindrücklich ist ihre Performance sowieso, und Kerl bräuchte auch nicht auf die darstellerische Tube drücken, denn die Sophie-Scholl-Sätze schneiden tief ins staatsbürgerliche Schuldbewusstsein. Wenn sie fragt: „Warum duldet ihr, dass diese Gewalthaber Schritt für Schritt, offen und im Verborgenen, eine Domäne eures Rechts nach der anderen rauben?“ Wenn sie davor warnt, dass „Selbstdenken und Selbstwerten im Nebel hohler Phrasen erstickt werden“. Wenn sie von der „sittlichen Pflicht“ spricht gegen das System aufzubegehren.

„Freiheit!“, sagt Bettina Kerl, hätten Hans, Alex und Willi Graf mit Teerfarbe an die Wände geschrieben, sie selber sprayt. Der Balkon, das Stiegenhaus, die Gasse vorm Theater, alles ist ihr Spielort, in dem sie die Pamphlete der Weißen Rose auslegt. Welch ein Bild vom Theatersaal, ein Sinnbild – die leeren Sitze im Parkett, körperlich abwesend, abtransportiert die einen, geistig und moralisch nicht vorhanden die anderen, und bemerkenswert, was Kerl alles aus dem Peter-Brook‘schen leeren Raum der Theaterwerkstatt rausholt.

Hausmeister Jakob Schmid schließlich hält die Geschwister Scholl nach ihrer Uni-Aktion fest. Gestapo-Haft wegen Hochverrats, Kriminalobersekretär Robert Mohr will mit Sophie um ihr Leben schachern. „Ich bereue nicht“, sagt sie im Verhör, und verlangt nur die Hinrichtungsart zu wissen. Ein Schauprozess am Volksgerichtshof unter Richter Roland Freisler. Aufrecht, sagt Sophie, sei Sophie zur Guillotine geschritten, und: „Ich will, dass mein Name die Geschichte anders erzählt, anspruchsloser, heutiger.“

Bild: © Alexi Pelekanos

Bild: © Alexi Pelekanos

Bild: © Alexi Pelekanos

Bild: © Alexi Pelekanos

Gesagt, getan. Bettina Kerl bringt einem die Antifa-Kämpferin näher, indem sie sie aus der Walhalla [Gedenkstätte, in der ihre Büste steht, Anm.] holt. Mehr und mehr wird der Monolog zur Zwiesprache, mehr und mehr überlappen die Charaktere. Welche Sophie raucht auf der Studentenparty? Welche der zwei tanzt mit ihrem Verlobten Fritz? Was sie gemeinsam haben, ist: beide sind sie Mädchen vom Land, die in der Stadt studieren, etwas bewirken wollen.

Nun enträtselt es sich – Achtung: Spoiler! Die Sophie der Jetztzeit ist in einen Prüfungsbetrug verwickelt. Justament jener Professor, der ihr schwuppdiwupp einen der begehrten Plätze in seinem Einser-Kurs beschaffte, hat um teures Geld mit den Prüfungsaufgaben gehandelt. Einmal aufgeflogen will er Sekretärin Frau Mühl zur Täterin abstempeln, und Sophie, die deren Unschuld beweisen kann, findet sich als Entlastungszeugin der Verteidigung wieder. Worauf ihr der Herr Professor ein unsauberes Geschäft vorschlägt …

Derart wird die unbeabsichtigte Namensverwandtschaft zum Prüfstein für Sophie Scholls Gewissen. In die Enge getrieben zwischen Gerechtigkeit und der persönlichen Zukunft im Rechtswesen, in der Zwickmühle zwischen der Aussicht auf einen Job mit astronomischem Einsteigergehalt und ihrem Glauben an den Rechtsstaat, muss sich die Studentin fragen, was es wert ist, „die Löschtaste fürs eigene Leben zu drücken“. Soll sie „aufrecht gehen“ und damit ihre Existenz zu Grabe tragen.

„Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen“, formulierte Hannah Arendt, und dass man einen harten Geist und ein weiches Herz haben müsse, meinte die historische Sophie Scholl. Freilich könne man deren Situation im Nationalsozialismus nicht mit der ihrigen vergleichen, erklärt Bettina Kerl als Sophie II, extrem gelungen ist das, dieser Ansatz wichtige gesellschaftspolitische Ansichten zu vermitteln, ohne „pädagogisch“ zu werden. Das Damen-Trio Reiniger, Vetten und – welch ein(e) – Kerl! hat das Thema fürs Klassenzimmertheater gekonnt auf die Realität seines jugendlichen Publikums heruntergebrochen. Entstanden ist daraus ein Filmprojekt für Zuschauerinnen und Zuschauer ab 14 Jahren bis 120.

Die StudentInnenbewegung der sich Sophie II gegenübersieht, hat statt Guerilla die Karriere im Sinn. „Sei ehrlich“, sagt eine Freundin. „Wir hätten die Flugblätter damals nicht einmal angefasst.“ „Das stimmt nicht“, erwidert Sophie. „Wir haben die Maßstäbe für unser Handeln in uns selbst.“ Die letzten sechs Sekunden vom 22. 2. 1943 fehlen. Als Scharfrichter Johann Reichert das Fallbeil auslöste. Was empfand Sophie Scholl während dieses Wimpernschlags? Panik? Reue? Eine innere Leere? Sophie Scholl glaubt: „Glück!“ Entscheidend ist, sagt Bettina Kerl, „die Loyalität zu sich selbst“. Ein bedeutsamer, auf den Nägeln brennender, unter die Haut gehender Abend!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=_o7nZlDjap0&t=1s           www.landestheater.net

Zur Materialmappe: www.landestheater.net/de/theatervermittlung/schule-und-kindergarten/materialmappen/materialmappe-sophie-scholl

  1. 4. 2021