Kammerspiele: Mord im Orientexpress

November 23, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hercule Poirot und die Frauenpower

Der berühmte Detektiv vor dem ebensolchen Zug: Siegfried Walther als Hercule Poirot und Markus Kofler als Schaffner Michel; hinten: Martin Niedermair und Paul Matić. Bild: Astrid Knie

Einen Whodunit, bei dem mutmaßlich jeder weiß, wer’s war, auf die Bühne zu bringen, ist ein beachtliches Wagnis. Nach der Romanveröffent- lichung vor nunmehr 85 Jahren und diversen Verfilmungen, darunter die Oscar-prämierte All-Star-Produktion von Sidney Lumet und ein nicht weniger prominent besetztes, von Kenneth Branagh mittels eigener Eitelkeit dennoch gemeucheltes Remake, ist Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ nun als deutschsprachige Erstaufführung an den

Kammerspielen der Josefstadt zu sehen. Als Premierenfrage stellte sich die, da sich die Spannung hinsichtlich Tätersuche in Grenzen hält, wie es Regisseur Werner Sobotka und Ensemble gelingen kann, den Luxuszug Fahrt aufnehmen zu lassen; nach erfolgter Ermittlung zwischen Schlaf- und Salonwagen lässt sich ein Teilerfolg festhalten, erzielt durch Coupé-weises glänzendes Schauspiel, doch ist die Inszenierung insgesamt eine recht altbackene, besser als verstaubt passt wohl: verschneite Adaption des Krimiklassikers, optisch mit Eisenbahndampf, Schneegestöber und vorbeiziehender Landschaft als Hommage an die Kinovorbilder umgesetzt.

Kein Geringerer als US-Dramatiker Ken Ludwig, dessen Komödie „Othello darf nicht platzen“ dem Haus beinah 20 Jahre lang einen Kassenschlager bescherte, hat das Buch für die Bühne bearbeitet, und dabei die Zahl der Verdächtigen wie die der Messerstiche auf acht geschrumpft. Aber – die Figuren fehlen einem nicht nur, weil Fan, sondern auch dem Fortgang und der Folgerichtigkeit der Geschichte, die hantige Prinzessinnen-Zofe Hildegard Schmidt, der agile Geschäftsmann Antonio Foscarelli, der vornehme Graf Rudolph Andrenyi, der Arzt Dr. Stavros Constantine – wegen dessen Streichung die Gräfin Andrenyi brevi manu zur Medizinerin upgegradet wird …

Man entdeckt das Mordopfer: Lohner, Matić, Kofler, Nentwich und Niedermair. Bild: Astrid Knie

Poirot bei seiner typischen Abendtoilette mit Haarnetz und Bartbinde: Siegfried Walther. Bild: Astrid Knie

Mary wird verarztet: Krismer und Klamminger, Lohner, Nentwich, Matić, Walther und Maier. Bild: Astrid Knie

Umso absonderlicher ist, dass trotz Personalkürzung und einer Spieldauer von mehr als zwei Stunden, den Charakteren kaum Kontur verliehen wird, und die vielfach gebrochenen und ineinander verstrickten Biografien der Figuren nicht näher untersucht werden. Bis auf Ulli Maiers hinreißend nervtötende Mrs. Hubbard bleibt die illustre Gesellschaft ziemlich eindimensional und allzu oft dort auf lautstarken Klamauk eingeschworen, wo die Verschwörer durch ihre Spleens und Schrullen auf sich aufmerksam machen sollten. Simpel ersetzt subtil, auch am Ausdruck hapert’s, von Agatha Christies köstlich-kühler Stiff-Upper-Lip-Sprache bleibt zumindest in der deutschen Übersetzung nicht viel, und auffallen Sätze wie, Hercule Poirot zu Miss Debenham: „Sie hat recht …“, wo der belgische Meisterdetektiv bestimmt „Mademoiselle hat recht …“ formuliert hätte.

Als dieser erforscht Siegfried Walther den Mord am zwielichtigen Samuel Ratchett, und er tut das auf seine sympathische, liebenswürdige Weise, indem er das mitunter hochnäsig näselnde Auftreten seiner Rolle einfach mit Charme und ein wenig Tapsigkeit unterwandert, um mit derart Noblesse die noble Bande in die Enge zu treiben. Angetan mit den historisch korrekten Kostümen von Elisabeth Gressel und unterwegs im Nostalgiebühnenbild von Walter Vogelweider, beide von den obligaten Bartbinde und Haarnetz bis zum filigranen Jugendstildekor detailverliebt, zweiteres per 180-Grad-Wende vom Speise- zum Wag(g)on-Lits wechselnd, sind:

Johannes Seilern als galgenhumoriger Eisenbahndirektor Monsieur Bouc, Paul Matić als erst mafiös brummelnder Samuel Ratchett, nach dessen Ableben als militärisch stoischer Oberst Arbuthnot, Martin Niedermair als hektisch-ängstlicher Ratchett-Sekretär Hector MacQueen und Markus Kofler als so undurchsichtiger wie diensteifriger Schaffner Michel. Womit es Walthers Poirot aber tatsächlich zu tun bekommt, ist geballte Frauenpower. Allen voran Ulli Maier, deren wohldosiert ordinäre Mrs. Hubbard das Highlight des Abends ist, eine reiche, ergo resolute Amerikanerin auf Männerfang, wie sie durch anzügliches Gesichter-Schneiden Richtung Michel immer wieder verdeutlicht, aber auch die anderen Mesdames begnadete Künstlerinnen im Intrigenspiel.

Eine hinreißend nervtötende Mrs. Hubbard: Ulli Maier mit Markus Kofler, Siegfried Walther und Johannes Seilern. Bild: Astrid Knie

Tätersuche im Salonwagen: Therese Lohner, Marianne Nentwich, Siegfried Walther und Ulli Maier. Bild: Astrid Knie

Marianne Nentwich ist als Prinzessin Dragomiroff nie verlegen um markige Sprüche, die die Blaublütige knochentrocken zum Besten gibt. Michaela Klamminger, die bereits bei ihrem „Der Vorname“-Debüt positiv auffiel, macht aus der Gräfin Andrenyi keine Riechfläschchen-Nervöse, sondern eine patente junge Frau mit Hang zum Zupacken, ebenso Alexandra Krismer, die die Mary Debenham als kecke, selbstbewusste Britin spielt. Therese Lohner hat im Gegensatz dazu als Greta Ohlsson die Lacher auf ihrer Seite; mit der grotesken Ausgestaltung der bigott-verhuschten Missionarin gelingt ihr ein vor schriller Hysterie schillernder Spaß jenseits der Erinnerung an die brillante Ingrid Bergman.

Fazit: Werner Sobotka hat seinen „Mord im Orientexpress“ mit großen Stricknadeln gestrickt, er bevorzugt Amüsement vor Suspense, die Darstellerinnen und Darsteller dabei allzeit bereit zu boulevardbetriebenem Powerplay. Während also alle miteinander den Fahrhebel bis zum Anschlag hochkurbeln, hat sich Knall auf Fall der Fall auch schon erledigt. Die Aufklärung des Verbrechens passiert auf Video. Die Lösung ist eine einfache, nämlich dass dieses Agatha-Christie-Stück den Kammerspielen den nächsten Publikumserfolg bescheren wird. Der Applaus und der Vorverkauf lassen jedenfalls darauf schließen.

Video: www.youtube.com/watch?v=eW5H70YWqMs           www.josefstadt.org

  1. 11. 2019

Kabarett Niedermair – Mike Supancic: Familientreffen

November 5, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nordkorea-Gstanzln made in der Steiermark

Großartiger Kabarettist, begnadeter Parodist: Mike Supancic. Bild: © Ludwig Rusch

Die siebzehn im Vorfeld hinuntergestürzten Magenbitter machen die Verwandtschaft auch nicht leichter verdaulich, heißt: jene 68 Leute, die zum 80iger der Cecilia-Tant‘ kommen werden. Mike Supancic muss diesmal ran, nämlich an Vorbereitung und Vollzug des nächsten „Familientreffen“.

Dies der Titel des aktuellen Programms des steirischen Kabarettisten, und apropos, Magen-: so bitterböse hat man den Spaßmacher noch selten erlebt, kippt ihm doch die Sippschaft-Satire in ungewohnter Beständigkeit Richtung Politsarkasmus. Die Groteske wird regelrecht grausam, sobald er vom Alltäglichen ins Allzu-Unmenschliche schwenkt.

Die Fronten im Psychoclankrieg sind rasch geklärt, hie Onkel Rudi mit der indonesischen Katalogfrau Nr. 214-335 und der Kärntner Schitrainer Kurt, der immer noch vom „Pastern“ träumt, dort Tante Aloisia mit dem Wahlspruch „Ich kann nicht mehr!“ und Wahltante Wiltrud mit dem Wolfshund – und dann ist da noch der Hubsi, von dem niemand genau weiß, in welchem Verhältnis er zu wem steht, der aber gekonnt Opas Konten hackt und leer räumt. Die Supancics gehen einander über alles, auch gegenseitig über die Leichen.

Vom Weihwasser-Waterbording bis zum Vase-übern-Kopf-Stülpen wird keine Quälerei ausgelassen, und wenn Supancic in bester ian-anderson’scher Folk-Rock-Manier vom Gewerkschaftsbruder Jethro Tull singt, im zarten Alter von 41 bereits in den Unruhestand versetzt, weil ihn die Belegschaft schnellstens in den Betriebsratssarg wünschte, dann ist das so morbid und makaber, dass es nicht verwundert, dass auf den Entzug aller Du-Wörter auch die Degradierung „Du bist nicht mehr mein Großneffe zweiten Grades!“ folgen muss.

Das ungemütliche Stelldichein der Familie Supancic ist selbstverständlich musikalisch unübertrefflich. Der Meister der Melodien-Parodie kann’s von Volksdümmlich bis Heavy Metal, sein Nonsensattacken werden da wie immer schwer hintersinnig, um nicht zu sagen: hinterhältig, die Themen des Tages allesamt besungen – der FPÖ-Historikerbericht im Stil der Liederbuchaffäre, wobei „Ein Neger wollte Hochzeit machen“ freilich nicht im fröhlichen Fidiralala endet, und ein Blondi(e)-Song Hitlers Schäferhündin meint. Nach spöttischen Kim-Jong-un-Gstanzln erhebt überdies Donald Trump die Stimme, um zur „Shaft“-Titelmusik zu verkünden, dass er zwar ohne Plan auf wen, dafür prompt aus der Hüfte schieße.

Derart geht’s vom Klimaschutz-Speiseeis über tatsächlich explodierende Mietkosten bis zur Zusammenlegung der Sozialversicherungen, weil gerade erst Allerheiligen und Allerseelen war, präsentiert Sepp Forcher „Mei liabste Leich“ – und Fans, die dachten, der gute alte „O’Leary“ oder die „OEBB Train“ seien nicht zu toppen, dürfen auf das „Theo Lingen Selbstmord Medley“ gespannt sein. Die Supancics sind so skurril wie die Addams-, so gruselig wie die Kelly-, im Gegensatz zur Familie Putz vom Lutz sogar freiwillig komisch, und ihr „Familientreffen“ so leicht entflammbar und hitzig, als würde man die Brandstifter persönlich zum „Feuer aus!“ rufen. Auf zwei Stunden Schlager, Scharfsinn und Schlagfertigkeit folgte von Seiten des Publikums schallende Begeisterung.

www.niedermair.at           www.supancic.at           www.youtube.com/user/feinfein69

  1. 11. 2019

Niedermair: Hosea Ratschiller – Ein neuer Mensch

September 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und ein besseres Brot gib uns heute …

Charmant, charismatisch, gfeanzt: Hosea Ratschiller präsentiert sein aktuelles Programm „Ein neuer Mensch“. Bild: Ernesto Gelles

Sich in etwas „einetheatern“ bedeutet so viel, wie sich in eine Sache sinnlos verbeißen, sich ohne Maß und Zeil reinzusteigern. Kabarettist Hosea Ratschiller, bekennt er, hat ein Talent dafür. Der Kurator und Conférencier der – seit zwei Jahren sogar vom ORF gepowerten – „Pratersterne“ im Fluc, die er monatlich als die besten Shooting-Star-Comedians vorstellt, lud gestern zur Premiere seines neuen Programms „Ein neuer Mensch“ ins Niedermair.

Nun ist es Ratschillers Art, ein unaufgeregter Erzähler zu sein, chillig, charismatisch, charmant, doch kann den aufmerksamen Zuhörer dies Timbre nicht über den Tenor des Gesagten hinwegtäuschen. Ratschillers Samtstimme schnurrt nämlich vor Sarkasmus, wenn er unters scheinbar Private das Politische mengt, seine Kritik am Zustand ebendieser, am Anarcho-Kapitalismus, an der sozialen wie gesellschaftlichen Kälte loslässt. Dass das alles auch noch zum Lachen ist, zeigt die Größe des Kleinkünstlers: Ratschillers fein gesponnener, leis‘-melancholischer Humor ist einer, der verhindert, dass einem der Kragen platzt.

Der Bogen, den er diesmal spannt, ist weit. Von Gott und der Welt bis zu Kinderzimmer und Kosmos, aber nie reißt ihm dabei der Faden, schon gar nicht der Gedulds-, wenn’s ums Patscherte, ums Hoppertatschige, also ums Allzumenschliche geht. Da ist er eher der erste, der sich in eigenen Angelegenheiten um Anteilnahme anstellt. Derart switcht er von seinem Dasein als Familienvater „zack, zack, zack“ zum Aufstieg des Homo Sapiens vom „rattenartigen Schadnager“ zum Slim-Fit-Messias, wobei das mit dem „Sapiens“ …, bevor er kurz über Drahtzieher, Hintermänner, Mitläufer referiert.

„Räum‘ dein Zimmer auf!“ ist der Stehsatz von Ratschillers philosophischen Betrachtungen, die Aufforderung an die zehnjährige Tochter, deren Pfft! darauf beruht, dass der verbissen um Coolness ringende Papa der noch ärgere Messie ist. So schwinden dem Haushaltschaoten die erzieherischen Argumente; wenigstens am Staubsauger- roboter findet er sympathisch, dass auch die künstliche Intelligenz ihre Grenzen hat. In diesem Fall, dass sie nicht unters Bett oder in die Zimmerecken fahren kann. Und, apropos, Bett: Keiner sonst kann sich so elegant die eheliche tote Hose schönreden wie Ratschiller, hat er zufällig keine Elternpflichten, weil das Kind bei der Oma weilt, ergo er mit der Ehefrau allein daheim: „Da heißt es, nicht die Nerven verlieren! Parole: Gute Nacht!“

Bild: Ernesto Gelles

Bild: Ernesto Gelles

Bild: Ernesto Gelles

Bild: Ernesto Gelles

Die Großmutter übrigens hat ihrem „Hoseale“ das als Lebensweisheit mit auf den Weg gegeben: „Tiefe brauchen nur Menschen, die keine Breite haben“, ein Sinnspruch, mit dem er die harte Arbeit, sich sein Außenseitertum abzusichern, zwar nicht erklärt, aber eine Gestimmtheit, die schon zur Schulzeit mit einem Zwei-Schwammerl-speiben-sich-an-Motivpullover begonnen hat. Klar, ist Ratschiller einer, der im Urlaub prinzipiell krank wird, und mit Freunden darüber debattiert, ob uns China oder antibiotikaresistente Keime zuerst den Garaus machen werden.

Fast meint man’s zu sehen, wie Ratschillers Gehirn beim Schreiben dieses Textes Kapriolen schlug, wenn er vom Grönlandhai, dem im Polarmeer 400 Jahre Leben vergönnt sind, zum Bert Brecht’schen Zähnezeiger kommt, oder seine Unfähigkeit ausstellt, als Österreicher Kitsch von Kunst zu unterscheiden. Oder einen direkten ideologischen Zusammenhang vom Essen mit Besteck zum Nationalsozialismus herstellt, weshalb das Verwenden von Stäbchen eine Art „kulinarischer Entnazifizierung“ sei. Rastschillers Nonsense, in Szene gesetzt von Regisseurin Petra Dobetsberger, die es versteht, die Gabe ihres Protagonisten zum Gesichter-Ziehen, auszuspielen, hat immer einen Hintersinn. Der Satiriker grimassiert sich vom gefährlich grinsenden Knorpelfisch zum hingebungsvoll gläubigen Hosea, irr‘ witziger Blick beide Male inklusive.

Ein Kabinettstück, wie er den Einkauf beim „Bäcker mit dem besseren Brot“ als heilige Messe zelebriert, vom ungeduldigen Gerangel der Jünger in der Warteschlange, wo bald das Recht des Reicheren regiert, übers Stammeln der laibhaftigen Wünsche im Angesicht der himmlischen Herrlichkeiten – bis zur Erkenntnis, dass dem Sterblichen kein Stahl gegeben ist, scharf genug, um sich im verzweifelten Klingen-Kreuzen mit der Kruste auch nur eine Kante vom Paradies abzuschneiden. Ja, die Existenz steht immer auf des Messers Schneide, weiß Hosea Ratschiller, und das Leben hält selbst für den Frohgemutesten die Rückschläge stets griffbereit. Dass die zweite Silbe im Wort Wehmut auf die Courage verweist, die es nicht zu verlieren gilt, ist an dieser Stelle doch ein super Schluss. Fand wohl auch das Niedermair-Publikum und entließ den Künstler erst nach entsprechend langem Applaus.

www.niedermair.at           www.hosearatschiller.at

25. 9. 2019

Kammerspiele: Die Migrantigen

September 8, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kebap mit polit-scharf

Aus dem Schauspieler Benny und Start-up-Bobo Marko werden Omar Sharif und Tito: Luka Vlatković und Jakob Elsenwenger. Bild: Jan Frankl

Der Lieblingszweizeiler ereignet sich immer noch an Oktay Oncels Kebapbude, „Mit scharf?“ – „Nein, mit Lamm …“ Für die gestern in den Kammerspielen uraufgeführte Bühnenfassung des Erfolgsfilms „Die Migrantigen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25292) haben Regisseur Arman T. Riahi und seine beiden Hauptdarsteller Aleksandar Petrović und Faris Rahoma, die drei schon die Drehbuchautoren, den Spieß allerdings weitergedreht und mit einer Prise Politwitz gewürzt.

Die Welt rotierte in den zwei Jahren seit dem Kinostart bekanntlich nicht nur astronomisch nach rechts, und so kreisen die Sticheleien nun rund um Ibiza und doppelte Buchführung, „Zack, zack, zack“ Jobverlust für Journalisten – und Özaydin Akbaba, der dieselbe Figur auch im Film verkörperte, wettert als stolzer Marktstandler Oncel über den Mangel an gutem Personal, seit die Regierung Asylwerber mitten in der Lehre abschiebt.

Darüber regt er sich auf der Suche nach sozialen Hängemattlern beim AMS auf, wo die Handlung diesmal einsetzt. Mit der großartigen Susanna Wiegand als exjugoslawischer Putzfrau Romana. „Links, rechts, Mitte“ werde sie bis 29. September noch feudeln, verspricht sie, und ein Publikum, das Sarantos Georgios Zervoulakos‘ Inszenierung mit 90 Minuten Dauerlachen bedankt, schenkt ihr zustimmend den ersten Applaus. Riahi hat die Tour de Farce, auf die er seine Protagonisten Benny und Marko schickt, geschickt gestrafft und die Charaktere kompakter gemacht, ohne dass die genüsslich bedienten Klischees und Vorurteile, Schubladendenken und Stereotype Schaden nehmen, bevor er selbst sie in ihre Bestandteile zerlegt.

Zervoulakos‘ Regie steht der Vorlage in Tempo und Timing und auch Liebenswürdigkeit in nichts nach; Ausstatterin Ece Anisoglu hat dazu eine schnell wandelbare Sichtbeton-Optik erdacht, und Kostüme vom ordinär Feinsten. Im solcherart kenntlich gemachten Problemviertel tummelt sich wie gehabt ORG-〈gesprochen: oarg〉-Redakteurin Marlene Weizenhuber, wie im Film spielt sie Doris Schretzmayer, die dringend „jemand Authentisches“ für ihren angedachten TV-Dokutrash sucht, mit dem sie zwecks Quote ein möglichst katastrophales Bild des „Rudolfsgrund“ auf die Fernsehschirme werfen will. Ihr im Nacken sitzt nämlich der Sendungsverantwortliche Wolfgang Grün, Martin Niedermair als Nach-oben-buckeln-nach-unten-treten-Typ, der von ihr nicht weniger als eine Sensation erwartet, sonst – siehe „Zack“.

Der Sendungsverantwortliche Wolfgang Grün erwartet von Redakteurin Marlene Weizenhuber eine Sensation: Doris Schretzmayer und Martin Niedermair. Bild: Philine Hofmann

Beim AMS spricht aus Frau Weber „das goldene Wienerherz“: Martina Spitzer mit Doris Schretzmayer und Tamim Fattal als Kameramann Andrea. Bild: Philine Hofmann

Als Benny und Marko laufen ihr in den Kammerspielen Luka Vlatković und Jakob Elsenwenger in die Arme, ersterer immer noch bei Mutti wohnender Schauspieler, der es satt hat, auf Ausländerrollen festgelegt zu werden, zweiterer gerade mit einem Energydrink pleitegegangener Startup-Bobo, dessen schwangere Freundin Sophie, Gioia Osthoff, nichtsahnend um tausende Euro Babyartikel shoppt. Die Bedingungen des Nullbegriffs „Migrationshintergrund“ erfüllen sie mit ägyptischen beziehungsweise serbischen Wurzeln jedoch beide.

Und so wittert der eine Ruhm, der andere hofft auf Geld, als sie das Angebot der Weizenhuber annehmen, die Stars ihrer Serie zu werden. Auf absurd-aberwitzige Art zeigt Riahi nun, wie allzu leicht man Meinung macht, vor allem, wenn es die ist, an die ohnedies geglaubt werden will. Die Fehlerhaftigkeit dieses Ansatzes wird mit allen Mitteln der Satire durchdekliniert, das textende Trio verschont auch am Theater niemanden. Weder die Zuwanderer, die in ihrer mitgebrachten Mentalität steckenbleiben, noch die Einheimischen, die nicht über den Tellerrand hinaus sehen wollen. Und schon gar nicht die Medien, die sich auf der Suche nach Berichtenswertem aus sozialen Brennpunkten, nach dem Culture-Clash, wie die Trüffelschweine durch Blut und Boden wühlen.

Dass die beflissene „Weizi“ ob der neu angenommenen Namen der frisch erfundenen Kleinkriminellen „Omar Sharif“ und „Tito“ nicht stutzt, kommentiert die übliche Scheuklappensicht aufs vermeintlich Fremde. Dass die Bühnenfassung der „Migrantigen“ sich im Gegensatz zum Film keine Zeit nimmt, etwas über Bennys und Markos Zivilleben zwischen Castings und Geschäftsterminen zu erzählen, um so das von ihnen angenommene Anderssein als nicht gegeben zu entlarven, ist denn auch die einzige Schwachstelle der Aufführung. Schließlich haben Benny und Marko keine Ahnung, wie Gangsta geht, es gilt unter den „Brüdern“ im Ghetto zu recherchieren, und so engagieren sie den „echten“ Ganoven Juwel, um es ihnen beizubringen.

Der selbsternannte King im Grätzel ist eigentlich Oncels Gemüselieferant, aber Attitude und Machogehabe stimmen, Wilhelm Iben spielt das mit ausladender „Oida, wos geht?“-Geste, während er Vlatković mit glitzerndem Prolohemd und Elsenwenger mit Trainingsanzug einkleidet. Doch da er sich über die Möchtegerns, die sich in sein Revier vorwagten, ärgert, tischt er ihnen jeden nur erdenklichen Schwachsinn über Drogen-Sex-Geldwäschedeals und illegale Boxkämpfe im Wettbüro auf, der in Juwels Wortlaut an die Weizi weitergegeben wird, die von Flunkerei zu Flunkerei karrieretechnisch mehr aufblüht.

Benny „betreut“ Markos Sliwowitz-seligen Papa Herrn Bilic: Ljubiša Lupo Grujčić und Luka Vlatković. Bild: Philine Hofmann

Juwel zeigt den „Migrantigen“ wie Ausländer wirklich sind: Wilhelm Iben mit Jakob Elsenwenger und Luka Vlatković. Bild: Philine Hofmann

Die Stimme des Volkes, im Film spricht in einer sehr schönen Szene Prekariatsösterreich in die Kamera, wird auf der Bühne Martina Spitzer überantwortet. Als ehemalige Standlerin Frau Weber, die ihren in Konkurs gegangen Betrieb an Oktay Oncel abtreten musste, geht ihr erst im AMS „das goldene Wienerherz“ über, wenn sie über ein Leben ohne Leberkäs lamentiert, weil den verkaufen „die“ ja nicht und darüber will sie das von Weizi versprochene Millionenpublikum dringend informieren, bevor sie als nunmehrige Mitarbeiterin des Marktamts ihrem Erzfeind Oncel auf den Leib rückt.

Die Spitzer macht das sehr spaßig, naserümpfend-borniert, wie sie ihr verdächtige Lebensmittelproben in Plastiksackerln tütet und die Buchhaltung nach illegalen Einnahmen durchforstet. Alldieweil tanzen Vlatković und Elsenwenger urkomisch ihren verzweifelten Tanz auf Messers Schneide, um mit ihrem Schwindel nicht aufzufliegen. Was ihnen bei Sophie natürlich nicht gelingt, weshalb Gioia Osthoff einen Glanzauftritt als zu Hilfe eilende „Ostblocknutte Olga“ hat, der es immerhin gelingt, mit dem grauslichen Energydrink und werbewirksamem Twerking-Popo vor Tamim Fattals Kamera zu posieren.

Herzstück des Abends ist Ljubiša Lupo Grujčić als Markos Vater Herr Bilic, ein vom Sliwo-Witz angeregter Philosoph im Rollstuhl, ein unbeirrbarer Verehrer seines Marschalls, einer, der seinem Sohn unentwegt und ungebeten ununterbrochen Weisheiten mit auf den Weg gibt. Grujčić gehört auch der Highlight-Moment des Abends, sein Kabinettstück, als es der Weizi gelingt, in seine Wohnung vorzudringen, und er sich im elegant-dunklem Anzug als grimmig-gefährlicher Consigliere über dem Geschehen erhebt, um zu verhindern, dass Bennys und Markos übertriebenes Gehabe auf seinem Rudolfsgrund ernsthaft Unheil anrichten …

Und so bleiben „Die Migrantigen“ jene herrlich hundsgemeine Chaos-Komödie wie gehabt, die sich scharfsinnig und mutig mit Identitätsangelegenheiten befasst, darunter der, ob Herkunft und Nationalität zum bestimmenden Charakteristikum eines Menschen zu erklären sind. Riahis Stoff, so das Premiere-Fazit, ist in jeder Spielart von einer wilden Wahrhaftigkeit. Mit Vlatković, Elsenwenger, Schretzmayer, Grujčić und den anderen spielt eine tolle Truppe. Von der inklusive Regisseur Sarantos Georgios Zervoulakos etliche wissen, wie es ist, mit Erschlagworten wie Vaterland und Muttersprache konfrontiert zu werden. Herr Bilic bringt die Antworten auf diese Fragen auf den Punkt: „Weißt du was diese Stadt wäre, wenn sie keine Menschen wie uns hätte? Was dieser Bezirk ohne uns wäre? Diese Stadt würde nicht funktionieren. Keine Stadt der Welt würde funktionieren.“

www.josefstadt.org

  1. 9. 2019

Theater in der Josefstadt: Der Bauer als Millionär

Dezember 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geistreich geht’s durchs Geisterreich

Abschied von der Jugend: Michael Dangl und Sopranistin Theresa Dax. Bild: Erich Reismann

Die Drehbühne, eine Seite Feen-, andere irdische Welt, dominiert der Leuchtschriftzug „Geisterreich“, daraus wird, je nachdem welche Buchstaben gerade in Rot erglimmen, ein „geistreich“ oder nur „reich“, dann ein „erreicht“. Eine originelle Idee, die Regisseur Josef E. Köpplinger und Bühnenbildner Walter Vogelweider da hatten, und auch die modernste des Abends. Denn Köpplinger widersteht bei seiner Inszenierung von Ferdinand Raimunds „Der Bauer als Millionär“ am Theater in der Josefstadt jeder Versuchung zur Zwangsaktualisierung.

Bis auf eine Zeitstrophe beim „Aschenlied“, in der Fortunatus Wurzel von grenzenlosem Denken schwärmt und den kalten Wind, der von rechts weht, beklagt, lässt Köpplinger das „romantische Original-Zaubermärchen“ von Querverweisen unangetastet, weder Streikdrohung noch „Sonderbehandlung“ noch Sozialversicherungsreform müssen vorkommen, das ist dieser Theatertage mal was anderes – und offenbar so ungewöhnlich, dass Pausengespräche in die Richtung gingen, ob man das denn eigentlich dürfe.

Doch der derzeitige Chef des Münchner Gärtnerplatztheaters vertraut dem Dichter und dessen ewiggültiger Botschaft vom Geld, das allein nicht glücklich macht, und vertraut auch der Musik von Joseph Drechsler, die ein sechsköpfiges Orchester unter der Leitung von Jürgen Goriup mit Verve umsetzt. Diesem ist einer von zwei Höhepunkten des Abends zu verdanken, wenn Sopranistin Theresa Dax als Jugend ihr „Brüderlein fein“ singt, und sich nicht nur stimmlich auf höchstem Niveau, sondern schauspielerisch, angetan mit einem rosa Bubenanzug, als ein androgynes Wesen von anrührender Zartheit präsentiert. Ebenfalls Szenenapplaus gab es für ihr Pendant, Wolfgang Hübsch als das hohe Alter ein Respekt gebietender, resoluter Mann von Welt, der sich unversehens in einen zynischen, zahnlos scheinenden Mummelgreis verwandelt, sowie er Wurzel die nun anstehenden Zipperlein vor Augen führt. Hübschs trockener Humor, mit dem er seine Figur ausstattet, ist geradezu das Paradebeispiel für die Köpplinger-Handschrift dieser Aufführung.

Lacrimosa und ihre Vertrauten: Alexandra Krismer mit Alexander Strömer, Patrick Seletzky und Tamim Fattal. Bild: Erich Reismann

Hass, Neid und ihr Handlanger: Ljubiša Lupo Grujčić, Martin Niedermair und Dominic Oley. Bild: Erich Reismann

Das hohe Alter hält Einzug bei Fortunatus Wurzel: Wolfgang Hübsch mit Michael Dangl. Bild: Erich Reismann

Den Fortunatus Wurzel spielt Michael Dangl ziemlich deftig. Sein rabiat polternder Neureicher ist ein Bauer geblieben, das Gemüt schlicht, der Verstand verblendet, ein Trinker und Tunichtgut, als Aschenmann beinah ein Ebenbild der Kriehuber-Lithographie, und doch einer, dem man zwar Gebrochenheit und Läuterung, das Happy End aber nur bedingt abnimmt. Während Lisa-Carolin Nemec ein unauffällig-nettes Lottchen ist, gibt Tobias Reinthaller seinem armen Fischer Karl Schilf mit Temperament Kontur. Johannes Seilern macht sich gut als hinterlistiger Lorenz, Paul Matić darf als Habakuk ein Kabinettstück abliefern, dieses in Anlehnung an den Lurch der Addams Family, was ihm einiges an Lachen sichert.

Die Feenwelt nimmt Köpplinger absolut ernst, da wird nichts ironisiert oder karikiert, auch das ein wohltuender Zug an der Aufführung, wenn Alexandra Krismer als Lacrimosa einfach nur eine Mutter ist, die um das Wohlergehen ihrer Tochter bangt. Unter den sie umschwirrenden Geistern verströmt Alexander Pschill als Ajaxerle schwäbelnden Charme, Patrick Seletzky ist als Bustorius ein würdiger Zauberer aus Varaždin. Und weil die Bösen natürlich stets die besten Rollen sind, brillieren Dominic Oley als rotgewandeter Hass, Martin Niedermair als grüner Neid und Ljubiša Lupo Grujčić als deren heimtückisch-komischer Kammerdiener.

Warum Julia Stemberger ausgerechnet als Zufriedenheit ein schwarzes Trauerkleid tragen muss, die Kostüme sind von Alfred Mayerhofer und tatsächlich gibt es eine Friedhofsszene mit ein paar Grabstein schwingenden Untoten, erschließt sich einem ehrlich nicht. Schön hingegen, wie Köpplinger die Stemberger zur Spielmacherin, zur Strippenzieherin macht, die mit Durchsetzungskraft, und manchmal fast ein wenig hantig, schlussendlich die Geschicke der Geister und der Menschen lenkt.

Fazit: Köpplinger setzt auf Raimunds bissigen Wortwitz, würzt das Singspiel durchaus mit dessen Depression, verzichtet auf allzu Liebliches ebenso wie auf das Abklopfen von Leitartikelthemen – und das ergibt in Summe mehr Ferdinand Raimund, als andere Inszenierungen von sich sagen können. „Der Bauer als Millionär“ an der Josefstadt versteht sich als Unterhaltung. Mit Haltung.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=RqPTF4w0U6k

www.josefstadt.org

  1. 12. 2018