Volkstheater: Viel Lärm um nichts

März 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Captain.in Hook und die Schneeschnupfer

Sie liebten und sie schlugen sich: Jan Thümer als Benedikt und Isabella Knöll als Beatrice. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dass der Souffleur einer der wortdeutlichsten Sprecher ist, ist eine Angelegenheit, die es eingangs zu besprechen gilt. Der Mann, Jürgen M. Weisert, kam auch überproportional zum Einsatz, hat Schauspieler Stefan Suske doch erkältungsbedingt seine Stimme verloren und konnte so als Leonato nur agieren, synchronisiert sozusagen von unten, von Weiserts Platz in der ersten Reihe. Dass die beiden Herren die Aufgabe mit Bravour und viel Applaus meisterten ist eine Sache.

Dass etliche andere auf der Bühne den Text verhaspeln und verschlucken eine andere, ebenso wie die Tatsache, dass das alles keine Rolle spielt, weil Sebastian Schugs Inszenierung vor allem lärmend lustig ist. Zwischen-, Unter- und leise Töne – Fehlanzeige.

„Viel Lärm um nichts“ am Volkstheater also. Ist ein Abend, an dem sich die Geister scheiden. An dieser Stelle hat man beschlossen ihn zu mögen. Weil Schug „Volkstheater“ im bestgemeinten Sinne macht. Er hat Shakespeare kunterbunt angemalt, fährt mit ihm und der Bühne Karrussel, alles dreht sich, alles bewegt sich, und das steht dem britischen Barden gar nicht schlecht. Schug beherrscht und kontrolliert das Chaos, das er selber anrichtet. Seine Regie setzt auf Gags und Gimmicks, diesbezüglich scheinen ihm die Ideen nie auszugehen, und wer daran Freude haben kann, kann sich wunderbar amüsieren.

Schug teilt die Welt in zwei Hälften (Bühne: Christian Kiehl). Die weibliche zeigt Leonatos Stammsitz samt Showbühne auf der gerockt, geliebt und gelitten wird, auf der männlichen dahinter wird in Zeitlupe fabelhaft gefochten, Donna Johns Hand abgeschlagen, wird von ihr die Intrige gesponnen. Ja, Donna John, den der Böse- ist eine -wichtin. Steffi Krautz spielt die Don Pedro’sche Halbschwester als eine Art Captain.in Hook mit Dreispitz, Gehrock und Handhaken (Kostüme: Nicole Zielke).

Braut und Jungfer: Isabella Knöll und Nadine Quittner als Hero. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auch Akrobatik kommt ins Spiel: Kaspar Locher als Claudio und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auf Verstümmelung folgt ein exzessiver Maskenball. Pater Francis legt eine Riesenline und zieht als erster unter all den Schneeschnupfern, Claudio freit seine Hero mittels Poledance, Benedikt und Beatrice belassen es nicht beim verbalen Schlagabtausch, sondern gehen erst mit Degen, dann beim Liebesgeständnis schließlich mit Fäusten zur Sache. Das ist der Stoff, aus dem Schugs Träume sind. Und man muss ihm zugutehalten, dass all diese Handlungen bis in die kleinsten Nebenfiguren durchdacht und ausgefeilt sind. Keine Sekunde ist auch nur eine von ihnen auf der Bühne, ohne dass sie wüsste, was zu tun ist. Saufen, sich schlagen oder schnackseln.

Diesezüglich ist Jan Thümers Benedikt der Mann der Stunde. Er ist es, den alle Frauen wollen, Evi Kehrstephans frivole Margaret und Claudia Sabitzers Ursula inklusive, und auch Nadine Quittners naiv-lüsterne Hero schmachtet ihn an. Doch der aufrechte Recke hat bald nur noch eine spitze Zunge für Beatrice. Isabella Knöll spielt sie schön kratzbürstig. Sie macht das Eheversprechen Benedikts im Wortsinn zum Ring-Kampf, gemeinsam singen die beiden Elvis‘ „Fools rush in“. Das ist, neben einem vertonten Shakespeare-Sonett, der Teil, der sich erschließt. Warum Schug Richard III.s Anfangsmonolog und Macbeths Hexenszene zitieren lässt, wird ein Rätsel bleiben. Derzeit ist dergleichen offenbar eine Theatermodeerscheinung.

Fabelhafte Fechtszenen: Jan Thümer, Thomas Frank, Kaspar Locher, Steffi Krautz, Sebastian Pass und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank verblödelt den Pater Francis völlig, ihm kommt es auch zu die aufklärenden Worte von Constable Dogberry zu sprechen. Damit ist die Falle von Peter Faschings Borachio aufgeflogen, Kaspar Lochers Claudio und Sebastian Pass‘ Don Pedro können aufatmen, als sich Hero als Un-Tote zu erkennen gibt. Es wäre zu viel verlangt, zu sagen, dass einer der Charaktere bis auf den Grund ausgelotet worden wäre.

Tatsächlich waten die Darsteller punkto Charakterzeichnung eher durch Untiefen. Wie gesagt: Es gilt den Abend anzunehmen als das, was er ist. Das ist ein Mordsspaß. Am Ende gab es viel Jubel für die Darsteller und zwei, drei Buhs für die Regie.

www.volkstheater.at

  1. 3. 2018

The Killing Of A Sacred Deer

Januar 10, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die amerikanische Oberschicht erfährt archaische Rache

Ihre klinisch kühle Ehe wird bedroht: Nicole Kidman und Colin Farrell. Bild: © Alamode Film

Der griechische Filmemacher Yorgos Lanthimos zählt nicht erst seit „Lobster“ zu den derzeit unkonventionellsten Regisseuren. Mit „The Killing Of A Sacred Deer“, ab 12. Jänner in den heimischen Kinos, legt er seinen zweiten Film in englischer Sprache vor, und beweist auch diesmal, dass er kein mit dem Mainstream Schwimmer ist. Sein Film ist ein vom antiken Iphigenie-Mythos inspiriertes, ausdrücklich metaphorisch zu sehendes Rachedrama.

Er paart provokant beklemmenden Horror mit einer kafkaesken Künstlichkeit, ist verteufelt spannend – und verstörend. Bei den Filmfestspielen von Cannes wurde „The Killing Of A Sacred Deer“ mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Auch diesmal steht Lanthimos Colin Farrell als Hauptdarsteller zur Verfügung, der den höchst erfolgreichen Herzchirurgen Dr. Steven Murphy spielt, der gemeinsam mit seiner Frau – Nicole Kidman großartig unterkühlt – den Banalitätentraum vom Spießerleben der amerikanischen Upper Class lebt. Bis er archaische Rache erfährt. Und feststellen muss, dass nichts im Leben ohne Konsequenzen bleibt. Eine uralte Macht, scheint’s, hat beim Kleinkrieg der Menschen die Hand im Spiel, und diese Hand ist verkörpert durch Martin, einen seltsamen jungen Mann, sehr schön spooky dargestellt von Barry Keoghan, mit dem sich der Arzt immer wieder trifft.

Grausame Eröffnungen in der Kantine: Colin Farrell und Barry Keoghan. Bild: © Alamode Film

Schon die erste Umarmung der beiden dauert zu lange und macht klar, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Einige Zeit ist man auf eine Pädophilie-Story eingestimmt, Herr Doktor treibt’s mit der Gattin ja nur in Vollnarkose-Sexspielchen und lügt im Krankenhaus wegen Martins Identität, doch bald wird klar: Die Abhängigkeit ist anders herum. Martins Vater nämlich ist auf Stevens OP-Tisch gestorben, die Mutter arbeitslos.

Der Teenager, darob verstört, sucht aber nicht nach neuem emotionalen Halt, sondern nach Vergeltung. Er verlangt von Steven als Ausgleich eines seiner Familienmitglieder zu opfern. „Du hast jemanden aus meiner Familie umgebracht, jetzt musst du jemanden aus deiner töten“, eröffnet er ihm in der Spitalskantine. Seine Macht demonstriert er zuerst an den Kindern, erst der Sohn, dann die Tochter werden gelähmt, hören auf zu essen, bluten aus den Augen … Wie immer bei Lanthimos ist der Film streng stilisiert, im Wortsinn klinisch, alles im Leben der Figuren läuft irgendwie mechanisch und ohne Gefühlsregungen ab, und apropos, Worte: er kommt mit wenigen aus, mit Sätzen, die wie nebenbei gesprochen fallen.

Martin verfolgt einen tödlichen Plan: Barry Keoghan. Bild: © Alamode Film

Lanthimos nimmt ein ungeheuerliches Szenario und entfaltet darin den ganzen Schrecken. Vor allem in der letzten halben Stunde geschehen Dinge, die weit jenseits des Menschlichen liegen. Doch schon bevor klar wird, wo der Weg überhaupt hinführen soll, schürt er eine Atmosphäre des Misstrauens – sowohl zwischen den Charakteren, aber auch zwischen Zuschauer und Film. Nichts ist hier, wie vorgesehen.

Weder in Bezug auf mögliche Sehgewohnheiten noch auf das Einhalten moralischer Schranken.. „The Killing Of A Sacred Deer“ ist ein langsamer Film, und sein Schöpfer treibt seine Figuren ganz gemächlich in die Enge, die Murphys in ihrem wie ohnmächtig ausgetragenen Überlebenskampf, bis ein permanentes Tut-doch-was! erst in pures Entsetzen, dann in tödliche Erlösung kippt.

Geschont wird hier niemand. Und auch auf ein gutes Ende braucht man nicht zu warten. Die so subtile wie schonungslose Inszenierung kombiniert in ihren besten Momenten brillant ein Sezieren der Gesellschaft mit absurder Groteske. Lanthimos erweist sich als Meister eines bitteren, exzentrischen Humors. Die schicksalhafte Bedrohung, die sich von der Raserei zur Katharsis entwickelt, ganz wie’s das griechische Drama vorgesehen hat, ist wie eine Hommage an Stanley Kubricks „The Shining“. Nicht umsonst wohl sieht Sunny Suljic als Sohn Bob dem Redrum-Jungen Danny schauderhaft ähnlich.

thekillingofasacreddeer-film.de/

  1. 1. 2018

Wiener Festwochen: Democracy in America

Mai 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Kapitalismus als Erbschuld der Gründerväter

Von allen guten Geistern verlassen: Elizabeth zweifelt in der neuen Heimat an ihrem alten Gottglauben. Bild: Guido Mencari

Es beginnt mit einer Glossolalie aus Oklahoma City. Die Gnadengabe des Heiligen Geistes wird ins Dunkel des Volkstheaters gewispert, gestöhnt, gesingsangt. Glossolalie, das ist etwas, auf das die Pfingstkirche sehr steht, es bedeutet „in Zungen reden“, also: es redet mich, und ist ein unverständlich gebrabbeltes Gebet. Interessant eigentlich, dass gerade die Erleuchteten nicht immer die hellsten sind.

Interessant auch, dass stets die, die einander am ähnlichsten sind, übereinander herfallen. Von Far West bis Near East, jedenfalls wird es in weiterer Folge noch viel um Zungenschlag, Zündeln und gespaltene … gehen. Die Socìetas von Romeo Castellucci ist einmal mehr mit einer bemerkenswerten Arbeit in Wien: „Democracy in America“. Der Bühnenmagier hat sich diesmal von Alexis de Tocquevilles 1835 erschienener Abhandlung „De la démocratie en Amérique“ inspirieren lassen – und er sagt’s dem Home of the Brave so richtig rein.

Bereits Tocqueville begutachtete die weiße Realutopie mit gemischten Gefühlen. Zwar war er von der Demokratie in der jungfräulichen Neuen Welt durchaus angefixt, doch sah er auch die Gefahren und die Grenzen des Konstrukts: die Tyrannei einer Mehrheit über viele Minderheiten, die Schwächung der Intellektualität und der auf die Fahnen gehefteten Freiheit durch populistische Rhetorik, letztlich die Kreation des Kapitalismus durch die Versklavung von Menschen, durch die Marginalisierung von Menschen. Die in der Verfassung und ihren Amendments, die in der Bill of Rights beschworene Gleichheit, sie ist bis heute Chimäre. Der Kapitalismus der USA ist eine Erbschuld.

Castellucci hat seine Inszenierung seit der Uraufführung in Antwerpen weiterentwickelt. Und er setzt diesmal beinah schon auf Narration. Natürlich, im Mittelpunkt der enigmatischen Aufführung stehen – im Wortsinn – im Gazenebel gehaltene Szenen, Tänze oft, fantastische Theaterbilder, die wegen ihrer Schönheit und in ihrer eindringlichen Stille betroffen machen. Eine Fahnenschwenktruppe formt Begriffe. Crime ist zu lesen, und Cynic. Eine blutüberströmt nackte Frau schält sich aus der Gruppierung und beginnt mit ihren langen, nassen Haaren auf einen Metallgalgen einzudreschen. Gong. Gong. Gong. Sie peitscht das Joch, das ihr der Schöpfer auferlegt hat, denn mehr als üblich arbeitet sich Castellucci diesmal am Gottesbegriff ab. Es geht um Aberglaube und Abfall vom Glauben, um Puritanismus, er letztlich die Grundlage der USA, um Bigotterie – und um das Gefühl, von Gott verlassen zu sein.

Von bösen Geistern umzingelt: Nathanael versucht die alten Indianerkräfte von seinem neuen Besitz fernzuhalten. Bild: Guido Mencari

Man hört den „Steinmetzsong“ schwarzer Häftlinge aus dem Jahr 1966, sieht einen gespenstischen Aufmarsch des Ku-Klux-Klans, schamanistische Visionen von God’s own Country, liest projizierte Geschichtsdaten. Schlacht folgt auf Schlacht. Geburt, auch die einer Nation, besteht aus Blut und Scheiße. Auf derart philosophische Sketches folgen bewegende Szenen. Der schweißrote Faden ist ein Siedlerschicksal zur Zeit der „Pilgerväter“.

Ein hart gewordener Menschenschlag in einem harten Land, Elizabeth und Nathanael. Sie verkauft ihre Tochter für Werkzeug und Saatgut, macht ihr Kind zum Pflugschar. Eine alte Indianerin beobachtet die Szene – und ergreift als Geist von der jungen Frau Besitz. Die beginnt nun besessen in einer indianischen Sprache wehzuklagen und den abwesend-schweigenden Gott zur Rede zu stellen. Blasphemie! Der Rest ist … Hexenjagd.

Schließlich, Schlussszene. Noch eine Tragödie hat die Theatercollage zu beleuchten: die der amerikanischen Ureinwohner. Zwei von ihnen lernen in einem Dialog die Migrantensprache – Englisch. Mühsam, warum nur klingt Hair fast wie Ear, meint aber nicht dasselbe? Sie wollen nicht Fremde im eigenen Land werden, sie wollen von der Mayflower-Mutter-Borg assimiliert werden. Lieber denn ausgerottet werden, besser denn auszusterben. Ihre Bemühungen haben nichts genützt, man weiß es. Im Land of the Free führte die hellhäutige Fackel die indigenen Völker in die Finsternis, das nationalistische Heilsversprechen der Staatengründer, es galt nicht für sie.

Castellucci Ensemble besteht nur aus Frauen: Evelin Facchini, Olivia Corsini, Gloria Dorliguzzo, Giulia Perelli, Stefanie Tansini, Sophia Danae Vorvila, Daniela Nitsch, Bianca Anne Braunesberger, Wendy Kok, Paolina Neugebauer, Anicka Prokopova, Nadine Schimetta, Nicole Steininger, Sarah Dworak, Magdalena Bönisch, Anja Struc, Irina Mocnik  und Janine Hickl. Ist das sein Woman is the Nigger of the World? Längst hat man verstanden, meint man verstanden zu haben, Castellucci geht’s in seiner suggestivkräftigen Arbeit um mehr Vereinigtes, als nur die Staaten. Sein Theaterrätsel scheint ein prinzipiell gemeinter Einspruch gegen „Herrscher“ und sozialdarwinistische Herrschaftsverhältnisse. Seine Performance ist ein Puzzle, wie stets auch diesmal ein Denk/Spiel, das dem Publikum Raum für individuelle Interpretation lässt.

Und dann ist man doch gedanklich wieder bei den USA und irgendwie der Hoffnung, dass, solange Europa Vordenker und Freigeister wie Castellucci hat, hier das Blasen von biblischen Trumpeten verhindert, heißt auch abgewählt, werden kann. Nämlich, von Democracy zu crazy ist es nur ein Buchstabe …

www.festwochen.at

24. 5. 2017

Lou Andreas-Salomé

September 8, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Frau, die über Nietzsche die Peitsche schwang

Lou Andreas-Salomé mit Paul Rée: Katharina Lorenz und Philipp Hauß. Bild: Polyfilm

Lou Andreas-Salomé mit Paul Rée: Katharina Lorenz und Philipp Hauß. Bild: Polyfilm

„Stellen Sie sich vor, ich sei ein Mann.“ Mit diesem Satz nahm Lou Andreas-Salomé Verehrern den Wind aus den Segeln. Deren hatte die Schöne viele. Paul Rée, Rainer Maria Rilke, Friedrich Nietzsche, Gerhart Hauptmann gehörten dazu, später sogar Sigmund Freud. Rilke widmete ihr Gedicht um Gedicht, Wedekind nannte angeblich sein Werk „Lulu“ nach ihr, mit Rée und Nietzsche ging sie kurzfristig eine geistige ménage à trois ein, geistig, weil sich Lou Andreas-Salomé der Körperlichkeit entzog.

Eine selbst auferlegte Askese, war sie doch überzeugt davon, nur der Zölibat schaffe ihr als Frau den nötigen Freiraum, in den Armen eines Mannes aber würde sie sich selbst zum Hausmütterchen degradieren … Es entstand das berühmte Dreierfoto, die Denker vor ihren Karren gespannt, sie mit der Peitsche in der Hand, und man fragt sich, ob in dieser Szene Nietzsches späterer Ausspruch vom Lederriemen und dem Weibe begründet liegt. Der sexuell abgewiesene, der über die Angebetete erst formulierte „Lou ist scharfsinnig wie ein Adler und mutig wie ein Löwe“, nannte sie dann nämlich die „dürre, schmutzige, übelriechende Äffin mit ihren falschen Brüsten“. Männer! Und unter ihnen so viele Hysteriker, es verwundert nicht, dass Freud folgen musste.

Lou Andreas-Salomé war Philosophin, Schriftstellerin und Psychoanalytikerin, geboren 1861 in St. Petersburg, gestorben 1937 in Göttingen, war sie eine der gelehrtesten und wissenschaftlich produktivsten Frauen ihrer Generation. Die Berliner Autorin und Regisseurin Cordula Kablitz-Post holt in ihrem Spielfilmdebüt „Lou Andreas-Salomé“, das ab 9. September im Kino zu sehen ist, dieses bewegte Leben aus der Vergessenheit. Entstanden ist ein faszinierendes Frauenporträt, das mit leisem Humor den Weg einer starrköpfigen Streiterin für mehr Rechte, für, wie sie es nannte, mehr „Raum für die Entwicklung der Frau“ nachgeht. Andreas-Salomé lebte die Emanzipation, wiewohl sie es stets weit von sich wies, eine, wie man heute sagen würde, Feministin zu sein.

Aufmüpfig als Kind: Liv Lisa Fries mit "Mutter" Petra Morzé. Bild: Polyfilm

Aufmüpfig als Kind: Liv Lisa Fries mit „Mutter“ Petra Morzé. Bild: Polyfilm

In späteren Jahren Revolutionärin der Psychotherapie: Nicole Heesters mit Matthias Lier als "Ernst Pfeiffer". Bild: Polyfilm

In späteren Jahren Revolutionärin der Psychotherapie: Nicole Heesters mit Matthias Lier als Ernst Pfeiffer. Bild: Polyfilm

Das Biopic ist bis in kleinste Rollen exzellent besetzt, mit dabei viele Burgtheaterschauspieler, Petra Morzé und Peter Simonischek spielen die Eltern Salomé, Philipp Hauß den Paul Rée. Merab Ninidze brilliert als Friedrich Carl Andreas, der Orientalist, der sich endlich als einziger auf eine sexlose Ehe mit Lou einließ, in seiner Not aber eine lebenslange Zweitliebe mit der Haushälterin einging. Alexander Scheer ist als Nietzsche augenrollend bedrohlicher und ergo skurriler wie Paulus Manker als Almas Kokoschka, Julius Feldmeier als Rilke ein weinerliches Bündel Mensch.

Man muss es sagen, der feinnervige Lyriker verliert in diesem Film deutlich an Boden, so raunzert ist das Bild, das Kablitz-Post von ihm entwirft. Lou Andreas-Salomé hatte ein Händchen dafür, Elegiebürscherln um sich zu sammeln, geknickte Männlichkeiten aufzurichten und künstlerische Karrieren in Schwung zu bringen. Sie war Inspiration, Muse, später auch Mäzenin. Doch so stark und bei messerscharfen Verstand, wie sie war, wirken die Herren der Schöpfung rund um sie wie schwache Männlein.

Diesen Eindruck verdichtet freilich die Darstellung von Katharina Lorenz und Nicole Heesters. Kablitz-Post hat die Figur der Andreas-Salomé in verschiedenen Lebensaltern auf die beiden formidablen Schauspielerinnen aufgeteilt, erstere gestaltet sie angespannt wie eine Feder, zweitere altersweise und ein wenig verschmitzt, die Lorenz ist von strenger Schönheit, die Heesters in überragender Spiellaune. Liv Lisa Fries spielt Andreas-Salomé als 16-Jährige, der Film bewegt sich zwischen den drei Zeiten hin und her, erzählt nicht chronologisch, sondern springt in den Ereignissen als wären’s die Erinnerungen der älteren an ihre gewesenen Ichs. Dies auch ein inhaltlicher Kniff der Filmemacherin, denn so kann sie friktionsfrei die später geschönte Biografie Andreas-Salomés mit anderen, ihr widersprechenden Quellen verknüpfen.

Lou Salomé mit Paul Rée und Friedrich Nietzsche. Bild: Copyright Dorothee Pfeiffer, Lou Andreas-Salomé Archiv

Lou Salomé mit Paul Rée und Friedrich Nietzsche. Bild: Copyright Dorothee Pfeiffer, Lou Andreas-Salomé Archiv

Ein Gutteil der Dokumente stammt aus dem Archiv von Ernst Pfeiffer, im Film verkörpert ihn Matthias Lier, Andreas-Salomés letzter Psychotherapiepatient und späterer Nachlassverwalter. Der rettete maßgebliche Teile ihres Werks vor dem Zugriff der Nationalsozialisten. Denn im Dritten Reich war man höchst erbost über diese Frau, die sich in den „jüdischen“ Disziplinen des Denkens übte. Und so beginnt der Film denn auch mit einer Bücherverbrennung …

„Lou Andreas-Salomé“ ist ein filmisches Beispiel dafür, dass ein Widerspruchsgeist zu sein und ein Freigeist sein zu wollen zu allererst des Geistes bedingt. Andreas-Salomé hatte alles davon, und im Übermaß. Sie war eine Kämpferin gegen Konventionen, dass sie für das Wegsperren ihrer Gefühle aber auch einen hohen Preis bezahlte, dass sie die nie versiegende Sehnsucht nach einem eigenen Kind schließlich zu einer ganz besonderen Tat verleitet hat, wird der Film am Ende erklären.

Er schließt mit einem Zitat, das die großartige Heesters vorträgt: „Die Welt, sie wird dich schlecht begaben. Glaube mir’s. Sofern du willst ein Leben haben, raube dir’s.“

 

Trailer: www.youtube.com/watch?v=0qyQgSsi920

Wien, 8. 9. 2016

wennessoweitist: Ganymed goes Europe

Februar 27, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Rückkehr ins Kunsthistorische Museum

Péter Esterházy Bild: khm

Péter Esterházy
Bild: khm

Mit ihren Produktionen „Die Reise“ (über Migranten-) und „Das Kind“ (über Kinderschicksale) am Volkstheater haben Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf alias „wennessoweitist“ berührt. Ebenso mit dem Kinderschlepperdrama „fly ganymed“. Der größte bisherige Erfolg des Theaterpaares war aber „Ganymed Boarding“ im Kunsthistorischen Museum. Nun wird das Projekt ab 12. März mit Kornmüllers neuer Inszenierung „Ganymed goes Europe“ fortgesetzt. 14 AutorInnen – darunter Péter Esterházy, Maja Haderlap und Josef Winkler – wurden eingeladen, Texte über Meisterwerke der Gemäldegalerie zu schreiben, um neue Sichtweisen auf Alte Meister zu eröffnen. Ein Ensemble aus 23 SchauspielerInnen, TänzerInnen und Musikern erweckt Bild und Betrachtung zu neuem Leben. Die BesucherInnen werden beim Rundgang durch das Museum in ein theatrales Zwischenreich gezogen und entscheiden selbst, wie lang sie wo verweilen. An jedem der Abende werden alle Stücke zeitgleich und mehrmals hintereinander aufgeführt. Partnerländer der Produktion sind Polen und Ungarn.

Die AutorInnen: Lajos Parti-Nagy, Milena Michiko Flasar, Klemens Lendl, Anna Kim, Maja Haderlap, Peter Esterhazy, Doron Rabinovici, Martin Pollack, Josef Winkler, Johanna von Doderer und Franz Schuh.

Die SchauspielerInnen, MusikerInnen, TänzerInnen: Mercedes Echerer, Nicole Heesters, Judith Aguilar, Frieda Lovisa Hamann, Hans Dieter Knebel, Katharina Stemberger, Janos Kulka, Bert Oberdorfer, Peter Wolf, Nicola Djoric, David Oberkogler, Die Strottern, Nicola Djoric, Yury Revich und Pál Szepesi.

www.wennessoweitist.com

www.khm.at/ganymed/

„Die Reise“: www.mottingers-meinung.at/kein-theater-die-wirklichkeit/

Interview mit Jacqueline Kornmüller: www.mottingers-meinung.at/urauffuhrung-von-das-kind-am-wiener-volkstheater/

„Das Kind“: www.mottingers-meinung.at/das-kind-am-volkstheater/

„fly ganymed“: www.mottingers-meinung.at/bedruckendes-stuck-uber-kinderschlepperbanden/

Wien, 27. 2. 2014