Theater an der Wien im 3sat-Stream: Platée

April 4, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Gott Lagerfeld, Choupette und die neue Plus-Size-Muse

Eine Gurkenmaske für die künftige Göttergattin: Der brillante Marcel Beekman als Platée und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Werner Kmetitsch

Das Theater an der Wien zeigt via 3sat Robert Carsens bejubelte Inszenierung von „Platée“. Gestern Abend war TV-Premiere, in der Mediathek ist die Produktion noch bis 10. April kostenlos zu streamen: www.3sat.de/kultur/musik/platee-118.html – und gesagt werden kann, dass Rameaus Ballet bouffon unter der musikalischen Leitung von William Christie, der sein Ensemble Les Arts Florissants mit Verve dirigiert, einem Live-Erlebnis in kaum etwas nachsteht.

Da sich die Kamera immer wieder ans turbulente Treiben zoomt, sind die bestens aufgelegten Solistinnen und Solisten in Großaufnahme zu erleben, dies ein Positivum, das man den Kulturlockdown-bedingt auf den Bild- schirm verlegten Aufführungen abgewinnen mag – allen voran kommt’s hier dem brillanten Marcel Beekman als Platée zugute, der Tenor als selbstverliebte Sumpfnymphe auch was die Tontreffsicherheit betrifft herrlich neben der Spur und in diesem Käfig voller Opernnarren nicht nur punkto Exaltierheit eine ernsthafte Konkurrenz für Zaza.

„Nicht alle Tage lässt sich auf so hohem Niveau Musiktheater als Gesamtkunstwerk erleben“, stand an dieser Stelle anlässlich der Bühnen-Premiere. Robert Carsen hat das barocke Prachtstück mit einem Kunstgriff in die Gegenwart geholt: Das satirische Satyrspiel ereignet sich nun in der mondänen Modewelt. Rameaus Werk, 1745 zur Hochzeit von Louis, Dauphin von Viennois, in Versailles uraufgeführt, wird mitten in der Pariser Fashion Week wiedererweckt, ein Zerrbild der Reichen und Schönen einst und jetzt – von Ausstatter Gideon Davey allüberall mit spiegelnden, spiegelglatten Oberfläch(lichkeit)en verstärkt.

Die laut dem griechischen Dichter Pausanias wahrlich nicht mit Anmut gesegnete Platée hält sich also für ein unwiderstehliches Objekt der Begierden aller Männer, und setzt derart dem Berggott Cithéron zu, während eine vor Eifersucht rasende Junon die Menschen mit von Les Arts Florissants gewaltig-gewittrig umgesetzten Wetterkapriolen plagt. Da fassen Cithéron und Spezi Mercure einen Plan.

Jupiter höchstselbst soll vorgeben, die eitle Nymphe als neue Gattin auserkoren zu haben, Juno in die gefakte Hochzeitszeremonie platzen, und ob der Hässlichkeit ihrer Nebenbuhlerin erkennen, dass ihr notorischer Fremdgeher zur Untreue gar nicht fähig wäre. Es gibt ein On-dit, wonach die Frischvermählte des Dauphins, Infantin Maria Theresia, ebenfalls keine Augenweide gewesen sein soll …

Edwin Crossley-Mercer als Jupiter. Bild: © Werner Kmetitsch

Jeanine de Bique als La Folie. Bild: © Werner Kmetitsch

Cyril Auvity als Mercure und Marc Mauillon als „Garçon“ Cithéron. Bild: © Werner Kmetitsch

Nach dem oligaten Prolog (nicht ganz geglückt, durchtauchen!), währenddessen sich die von einem Bacchanal bezechten Thalie, Momus und Thespis aus ihren Chiton- und Chlamys-Leintüchern winden – Lagerfeld, über den noch zu sprechen sein wird, hätte ihnen in der Aufmachung längst den Kontrollverlust übers eigene Leben attestiert – und sie gegen gewagteste Haute-Couture-Kreationen tauschen, trippelt in Spa-Aufmachung und naja! Schönheitsmaske die Kreatur aus dem Teich herein – zum Gaudium der vornehmen Gesellschaft, die nach ihrer Orgie im angesagtesten Club des Olymp nun zum unfeinen Sturm auf die besten Pätze im Luxustempel bläst.

Ein Gewimmel und ein Gewusel ist das auf der Bühne, im Gerangel des Arnold Schoenberg Chors – geleitet von Erwin Ortner – sind Lookalikes von Anna Wintour bis Suzy Menkes auszumachen. Jede Figur eine Type, das trifft auch aufs Tanzensemble Anna Possarnig, Anna Konopska, Amanda Mitrevski, Felix Schnabel, Nikola Majtanova, Thomas Riess und Johann Ebert zu, für das Nicolas Paul Choreografien entwickelt hat, mit denen er seine Tänzervergangenheit bei Pina Bausch und John Neumeier nicht leugnen kann, die Herren mal als BDSM-Ballet, mal als Travestie-Grazien, die Damen affektiert beim Contredanse française, als Models auf dem Catwalk.

Marc Mauillon als „Garçon“ Cithéron und Cyril Auvity als des Göttervaters Faktotum Mercure sind nicht die einzigen, die’s im Rezitativ spöttisch und in den Arien stimmgewaltig können, die gesamte ausgesucht wohlklingende Besetzung harmoniert perfekt und ist auch schauspielerisch für jeden Jux zu haben. Mit fast frivolem Vergnügen delektiert sich Marcel Beekman an den von Rameau und seinem Librettisten Adrien-Joseph Le Valois d’Orville eingefügten Quaklauten für ihre Froschkönigin, jedes „Dis-donc!, Pourquoi? Quoi? Quoi?“ ein amphibischer Klagelaut. Die deutschsprachigen Untertitel der Fernsehaufzeichnung erleichtern den Zugang zu den französischen Textpointen und Doppeldeutigkeiten.

Und alldieweil die Handy-Hautevolee, die Smartphone-High-Society unterm Zentralgestirn der Discokugel prahlt und prunkt, steigt vom Modeolymp der Mode-Schöpfer herab, Edwin Crossley-Mercer als Jupiter im Lagerfeld-Style, eine lebendige Choupette im Arm, dem Model- und Medienhofstaat schon von der Showtreppe aus huldvoll zuwinkend. Für Platée gibt’s ein Geschenk im Chanel-Sackerl, was Wunder, dass Emilie Renard als Junon später Madame Coco im berühmten Bouclé-Kostüm gleichen wird, was Wunder, dass aber zunächst Platée von Jupiters Entourage hingerissen ist. Die Eitle in der Welt der Eitelkeiten …

Vom Gott ins Kameravisier genommen: Edwin Crossley-Mercer und Marcel Beekman. Bild: © Werner Kmetitsch

Paparazzo Auvity, Beekman, Crossley-Mercer, Mauillon und Padraic Rowan als Mommus. Bild: © Werner Kmetitsch

Fifty Shades of Platée: Beekman, das TänzerInnenensemble und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Werner Kmetitsch

BDSM-Ballett: Beekman mit den Tänzern Johann Ebert, Jean-François Martin, Pavel Strasil und Joni Österlund. Bild: © Werner Kmetitsch

Beekman gestaltet das glamourös peinlich, Platée, die so gern eine glutäugige Kokette sein will und doch nur eine glubschäugige Tölpelin ist, deren geziertes Kieren allzu schnell in gewöhnliches Keifen wechselt. Mit welcher Lust Beekman Platée frohlocken, rumstöckeln, Junon verhöhnen lässt, nein, die Titelantiheldin ist keine Gute und von Beekman dazu mit ausreichend Testosteron im Timbre ausgerüstet. Mit wogendem Busen wirft sie sich Jupiter zu Füßen, der daraufhin eine Lagerfeld’sche Fotosession mit seiner Plus-Size-Muse beginnt – alles originalgetreu. Der supersympathische Marcel Beekman erobert die Herzen des Publikums mit einem Wimpernschlag, man wünscht Platée das Happy End, zu dem es nicht kommen wird.

Jeanine de Bique ist als La Folie in diesem Setting folgerichtig eine Lady Gaga, zu deren buchstäblicher Wahnsinnsarie – de Bique erhält von William Christie exzessiv Gelegenheit, den hypervirtuosen Koloraturen-Wirbel vorzuführen – das Ballett bei einem Bad-Romance-Tanz eindeutig Positionen probt, ebenso wie bei den amourösen Verrenkungen vor dem im Wortsinn Himmelbett im dritten Akt, eine Sinnlichkeit, die den Schabernack der Götter konterkariert.

Der Schlusspunkt jeder Modeschau ist bekanntlich das Hochzeitskleid, das flugs von Mannequin-Maß auf Curvy Model ausgelassen werden muss, Platée – ein Bild von einer Braut, doch das dicke Ende naht mit Spott und Hohn, Body Shaming und keine Shape Wear, nirgendwo. Der allmächtige Männerbund hat das Mannweib besiegt. Der zuvor von Thespis mittels Rotwein ausgeknockte Amour, Emmanuelle de Negri, will ihr zu Hilfe eilen, da besinnt sich Platée darauf, dass Amours Pfeil auch eine Waffe ist … das ist berührend. Das macht die Inszenierung besonders. Beekman avancierte damit auf der Bühne zum akklamierten Liebling aller.

Fazit: Robert Carsens witzig-spritzige Regie besticht mit 1001 detailverliebt umgesetzten Einfällen zum Werk, das er in bravouröser Weise und in Verbindung mit der raffinierten Ausstattung Gideon Daveys neudeutet. Mit seiner präzisen Beobachtungsgabe und einem Händchen für Personenführung macht Carsen die Gesellschaftssatire in „Platée“ heutigen Zuschauerinnen und Zuschauern begreiflich – in modernem, aber absolut schlüssigem Ambiente, in dem der Text auch manch herrlich aktuell-komischen Doppelsinn erhält. Musikalisch ist ohnedies alles vom Feinsten. Les Arts Florissants machen ihrem Namen alle Ehre, sie lassen die „Platée“ zur Sumpfdotterblume erblühen, die Nymphe, für die’s keine Seerosen, lat.: Nymphaea, regnet.

Auf 3sat bis 10. April kostenlos zu streamen: www.3sat.de/kultur/musik/platee-118.html         Trailer: www.youtube.com/watch?v=OLUJaDis850           www.theater-wien.at

4. 4. 2021

Academy Awards Streaming: Sound of Metal

März 20, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Gehörlosendrama ist nominiert für sechs Oscars

Bei einem Gig bemerkt Ruben, dass er sein Gehör verliert: Riz Ahmed. Bild: © Amazon Studios

Bis dato war es vor allem Darsteller Paul Raci der eine der bisher verliehenen dreizehn Auszeichnungen einheimste. Nun ist das beim Filmstart noch als Geheimtipp gehandelte Gehörlosendrama „The Sound of Metal“, für das sich die Amazon Studios schon 2019 beim Toronto International Film Festival die Rechte sicherten, für sechs Academy Awards 2021 nominiert.

Und zwar in den Oscar-Kategorien: Bester Film, Riz Ahmed als Bester Hauptdarsteller, einmal mehr Paul Raci als Bester Nebendarsteller, Regisseur Darius Marder, Bruder und Mitautor Abraham Marder und Derek Cianfrance fürs Beste Originaldrehbuch, Mikkel E.G. Nielsen für den Besten Schnitt sowie Nicolas Becker, Phillip Bladh und Team für den Besten Ton. Hier nochmal die Filmrezension vom Jänner:

Gottes vergessener Schlagzeuger

Seit Jänner streamt Amazon auch in Österreich das Filmdrama „Sound of Metal“, das als bereits zehnte Auszeichnung am 9. Jänner von der National Society of Film Critics mit dem Nebendarstellerpreis für Paul Raci bedacht wurde, und sowohl von der Variety als auch von Awards Daily für die Oscars hoch gehandelt wird, und zwar neben Paul Raci auch Hauptdarsteller Riz Ahmed für den Best-Actor-Goldjungen. Ahmed, britischer Schauspieler, MC und Musiker mit pakistanischem Background, im Kino zuletzt zu sehen als Bösewicht-Wissenschaftler Dr. Drake/Riot in „Venom“, schlüpft in die Rolle des Ruben Stone.

Dieser Drummer eines Sludge-Duos, dessen Sängerin Lou, Olivia Cooke, auch seine Freundin ist. Im Wohnmobil fahren die beiden von Gig zu Gig – loud and proud, bis Ruben während eines Soundchecks, wo’s wie üblich was auf die Ohren gibt, erst ein schrilles Kreischen, dann wie durch Watte, dann gar nichts mehr hört. Ein Schlagzeuger-Schicksal, das Ruben mit Kollegen von Phil Collins bis Lars Ulrich teilt.

„Sound of Metal“ erzählt keine Sid-and-Nancy-Story, im Van sind Schmusesongs und Smoothies angesagt, der seit vier Jahren cleane Fixer und die ehemalige Ritzerin sind Familie, ihre Beziehung ist eine fragile, in der die Furcht vor den eigenen Abgründen mit einer berührenden Zärtlichkeit überbrückt wird. Und nun das! Ahmed zeigt’s ganz fabelhaft, die Angst und das Unverständnis in Rubens Augen, alle Geräusche gedämpft wie unter Wasser, unter der Dusche, hinter seiner Instrumenten-Batterie, im Drugstore, dessen Apotheker ihn zum Arzt schickt. Unvorstellbar, wie es sein muss, sich selbst nicht mehr sprechen zu hören, doch Riz Ahmed stellt dies Gefühl, für das man ihm beim Dreh sogenanntes „weißes Rauschen“ ins Gehör übertrug, höchst authentisch dar.

Regisseur Darius Marder und „Gravity“-Tonkünstler Nicolas Becker entwickelten dies Sounddesign in einem schalltoten Raum, Marder, der gemeinsam mit Bruder Abraham auch das Drehbuch schrieb, und dieser wiederum mit Becker die Filmmusik, Becker, der für Riz‘ Ruben eine Klangkulisse schuf, die die Zuschauerin, den Zuschauer komplett in Rubens Kopf versetzt. Heißt: man hört, wie Ruben hört – Hitchcock nannte dies den „Subjektiven Klang“, mit dem der Großmeister gelegentlich experimentierte. Das Ganze kommt mit Untertiteln, da Marder seinen Film von einem hörenden wie gehörlosen Publikum erlebt haben will.

Paul Raci als Joe. Bild: © Amazon Studios

Joes Wohngruppe: Paul Raci (M.). Bild: © Amazon Studios

Lauren Ridloff als Lehrerin Diane. Bild: © Amazon Studios

Schlagzeugunterricht: Riz Ahmed. Bild: © Amazon Studios

Beim HNO erfährt Ruben von der Möglichkeit eines Cochlea-Implantats, ein System mit Mikrofon und Signalprozessor, das den Hörnerv direkt mit dem Gehirn verbindet, doch die Kosten dafür sind unerschwinglich. Also checkt Lou für Ruben, der sich in den ersten vier der fünf Phasen der Trauer einigelt – Leugnen, Wut, Feilschen, Depression -, einen Platz in einer Gehörlosen-Wohngemeinschaft, die auf Suchtkranke spezialisiert ist. Während sie zu ihrem Vater fährt, Mathieu Amalric in einer Gastrolle, damit Ruben sich auf seine geänderte Situation fokussieren kann.

So will es auch der Leiter der Einrichtung, der trockene Alkoholiker und Vietnam-Veteran Joe, der sein Gehör im Krieg verloren hat: Auftritt Paul Raci, der 73-jährige Schauspieler, ein „CODA“, ein Kind gehörloser Eltern, der wie seine drei Geschwister als erste Sprache die American Sign Language lernte, ist als Joe eine harte, aber herzliche Vaterfigur, der seine Junkie-Schützlinge auf Trab hält und mit nicht immer sanftem Nachdruck auf den rechten Weg bringt.

Rubens Verbitterung auf alle und alles stößt beim Lippenleser auf im Wortsinn taube Ohren, man suche hier Lösungen fürs Gehirn, nicht fürs Gehör, bescheidet er dem ständig wie unter Strom stehenden Neuankömmling und dass dieser keinen „Moment der Stille“ in sich habe, und Ahmed verkörpert mit unterschiedlich hoch kochenden Emotionen, wie verloren ein Mensch sich fühlen kann. Weil ihm ohne seine Drums, die Musik der Rausch, der das Rauschgift ersetzte, ein Ventil fehlt, um seine inneren Dämonen auszutreiben, weil er ohne Kenntnis der Gebärdensprache natürlich zum Außenseiter der Gruppe wird, alldieweil ihm am Gesicht abzulesen ist, wie saudämlich er das wilde Gestikulieren um sich herum findet.

Dies eine der besten Szenen des Films: Ruben, um jedes Kommunikationsmittel gebracht – Hörende schreit er an: „Ich verstehe Sie nicht! Ich bin taub! Schreiben Sie es mir auf! -, inmitten der Abendbrotgesellschaft, die sich ausgelassen und herzhaft lachend unterhält, man selbst übers „Tischgespräch“ ebenso ahnungs- und verständnislos wie Ruben, da schneidet Nicolas Becker den Ton plötzlich von gehörlos auf hörend, eine kurze Einblendung des Lärms rund um die Tafel, ein Klopfen, ein Geschirrklappern, ein Remmidemmi. Eindrucksvoll überblendet Becker so beide Welten.

Olivia Cooke als Bühnen-Lou. Bild: © Amazon Studios

Olivia Cooke als Lou privat. Bild: © Amazon Studios

Ruben mit Implantat: Riz Ahmed. Bild: © Amazon Studios

Mathieu Amalric spielt Lous Vater. Bild: © Amazon Studios

Joe schickt Ruben zum Lernen in eine seiner Gruppe angeschlossene Schulklasse mit tauben Teenagern. Die gehörlose Schauspielerin Lauren Ridloff, bekannt aus „The Walking Dead“ und 2018 am Broadway in der Hauptrolle von „Gottes vergessene Kinder“ zu sehen, spielt deren Lehrerin Diane. Die Kinder fangen Rubens Absturz auf, bald hält er einen Drummer-Grundkurs, auf Plastikkübeln zur besseren Übertragung der Schwingungen, und wird zum „Teenie-Star“. Joe bietet ihm an als eine Art Lehrkraft zu bleiben, doch Ruben, innerlich immer noch voll trotzigen Grolls, verkauft von Mischpult bis Wohnmobil alles, um sich die Cochlea-OP endlich leisten zu können.

Worauf Joe ihn bitten muss zu gehen, da Ruben sein erstes Gebot, dass Taubheit nichts sei, das man „reparieren“ müsse, gebrochen habe. Die Redensart vom alten Leben, das einer nicht loslassen könne – Jage nicht dem hinterher, was du verloren hast, sondern schätze, was du noch besitzt!, kommt einem in den Sinn, und in Regelverletzter Rubens Augen spiegelt sich seine neuerliche Verletztheit. Einen ernüchternden Abstecher zu Lou und ihrem Vater später, sieht man ihn auf einer Parkbank sitzen, auch die Leistung des Implantats ist ernüchternd, die Stimmen zu un-, Lärm dafür überdeutlich.

In Summe klingt’s wie ein Radio im Sendersuchlauf, echoartig, irritierend metallisch und schmerzlich fehlerhaft, wodurch der Filmtitel „Sound of Metal“ von der Musik bis zu den verzerrten Tönen des Fremdkörpers Hörgerät auf einmal doppeldeutig wird. Doch Ruben wird ihn finden, den von Joe anempfohlenen Moment. In der Ruhe liegt die Kraft. „Sound of Metal“ besticht nicht nur durch seine Darsteller, allen voran der fulminante Paul Raci und Riz Ahmed, zum Glück mal nicht als Terrorist oder Terrorverdächtiger, der mit seiner sensationellen, gnadenlos glaubwürdigen, intensiven und zugleich zutiefst unsentimentalen Performance das Publikum in seinen Bann zieht.

Sondern auch mit seiner komplexen Klanglandschaft, in der etwa nach einer exzessiven Bühnenshow jene jedem Rockkonzertbesucher bekannte absolute Stille des Boxen-Stopps mitschwingt, die Marders Spielfilmdebüt zu einem hypnotisierenden Erlebnis werden lässt. Und last, but not least ermuntert „Sound of Metal“ auch zu mehr Offenheit gegenüber den Mitmenschen, zu mehr Bewusstsein und Empathie füreinander, losgelöst von jeglichen Normen und Erwartungen. Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=44091

Trailer: www.youtube.com/watch?v=VFOrGkAvjAE           www.amazon.de

20. 3. 2021

Kosmos Theater online: Fight Club Fantasy

Februar 17, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Anarchistische Farce über den Faschismus

Tyler Durden als Hohepriester seiner fellbemützten Proud Boys: Thomas Frank mit Hanna Binder und Nicolas Streit. Bild: © Bettina Frenzel

“Du bist nicht deine Arbeit. Du bist nicht dein Kontostand. Du bist nicht das Auto, das du fährst. Du bist nicht der Inhalt deiner Geldbörse. Du bist nicht deine scheiß Cargohose. Du bist der singende und tanzende Abschaum der Welt.” Schon gut, schon gut, Regel eins und zwei: Man redet nicht über den Fight Club. Wenn einem aber das Kosmos Theater in Koproduktion mit wirgehenschonmalvor eine „Fight Club Fantasy“ präsentiert, die mitten rein schlägt in die Realität –

was soll man machen, außer über ein paar Wahrheiten zu sprechen? Viel wurde um den Roman von Chuck Palahniuk gedeutelt, da braucht’s gar nicht, mit des Autors Mitgliedschaft in der Cacophony Society und deren Verbindungen zum Suicide Club of San Francisco anzufangen. Ganze Bücher wurden verfasst, von Andreas Köhler eines über Kastrationskomplex, Ich-Spaltung, Narzissmus, Sadomasochismus und Todestrieb. Palahniuks Schreibfaust ist eine Southpaw, und Regisseur Matthias Köhler nutzt den Rechtsausleger nun für seinen Theater-Film-Hybrid, wobei ihm die kritische Betrachtung der Angry White Men zur anarchistischen Farce über die Mechanismen des Faschismus gerät.

Dass er dabei eng an der Buchvorlage bleibt, ist so erstaunlich wie erfreulich. Nicolas Streit, Thomas Frank und Hanna Binder spielen im Wesentlichen die Palahniuk-Charaktere des namenlosen Erzählers/Protagonisten, von Tyler Durden und Marla Singer, Nestroy-Publikumspreisträger Frank außerdem hinreißend – und mit beachtlicher Körbchengröße – „Bob“ aus der Hodenkrebs-Selbsthilfegruppe „Wir bleiben Männer“.

Und darum geht’s – samt eines Kommentars zur konsumistischen Kultur und deren Gier – im Geheimkampfbund: die gesellschaftlich abgehängten jener sogenannten Mittelklassemänner, die sich von der „Gleichmacherei“ Frauen-Farbige-soziokulturelle-Diversität bedroht fühlen. Politkonservative Angstmache und der Ruf nach welche-auch-immer Traditionen befeuern Verschwörungstheorien und die Furcht vor dem Verlust eines Status‘, der vor gar nicht langer Zeit als gottgegeben galt. „Mann, im Fight Club sehe ich die stärksten und klügsten Männer kämpfen, die jemals gelebt haben. Ich sehe all dieses Potential und ich sehe die Verschwendung. Verdammt, eine gesamte Generation zapft Benzin, räumt Tische ab oder sie sind Bürosklaven in Anzügen.“

Tyler besiegt den Protagonisten im Kampf: Thomas Frank und Nicolas Streit. Bild: @ Bettina Frenzel

Hanna Binder als Marla Singer, Nicolas Streit und Thomas Frank im Batik-Dashiki. Bild: © Bettina Frenzel

Hodenkrebs-Selbsthilfegruppe „Wir bleiben Männer“: Thomas Frank als Bob. Bild: © Bettina Frenzel

Dass ihre Men-Only-Welt am Abgrund steht, kann einem schon die Watschen geben, die die Clubmitglieder sich gegenseitig austeilen. Nach einiger Überlegung soll, für die Handvoll, die weder Roman noch den David-Fincher-Film kennen, der Clou hier nicht verraten werden, aber kaum weit hergeholt ist angesichts der fellbemützten Darstellerin und Darsteller der Konnex zum Sturm aufs Washingtoner Kapitol am 6. Jänner: Jake Angeli, der Recke mit der Büffelhorn-Kojotenschweif-Kopfbedeckung ist Anhänger der QAnon-Lehre und Schamane der Star Seed Academy. Und hier setzt Köhler an.

Beim Project Mayhem / Projekt Chaos, Tylers Plan, sich die Handlungsmacht zurückzuerobern, mit einer auf Krawall getrimmten Truppe, die zwecks Destabilisierung der öffentlichen Ordnung Angriffe auf ebendiese unternimmt, Frank dabei ganz Guru, ein Esoteriker, mal im Thawb, mal im Batik-Dashiki, ein Geistführer mit Muschelkette und Mediator- wie Meditationsqualitäten, schließlich von Kostümbildner Ran Chai Bar-zvi angetan als Papst, als Hohepriester seines Irrglaubens. Bis es zum ersten Kampf kommt. Einem Schattenboxen, das Hanna Binder und Eva Jantschitschs Stimme mit dem Björk-Song „It’s Oh So Quiet“ begleiten. Bis die namenlose, im Abspann als „Lost Boy“ geführte Streit-Rolle zum Proud Boy wird. Und unterm Dashiki/Thawb die Springerstiefel und die Schusswaffe sichtbar werden.

Gleich Tylers „Nur eine Krise kann uns zu neuem Leben erwecken“-Sprüchen läuft Derartiges über den Bildschirm: „Bis der #Schmerz umschlägt in #Lust“, „Eines Tages wirst du sterben, und solange du das nicht weiß, bist du #nutzlos“. Bei der gemeinsamen Lektüre der Men’s Health erfährt man, dass Body Shaming auch ein Männerthema ist: (aus der aktuellen Online-Ausgabe) „So rettest du deinen Sixpack im Lockdown“, „So nimmst du zehn Kilo in acht Wochen ab“, „So kommst du mehrmals zum Höhepunkt“ … Ach, das schwache starke Geschlecht. Darauf ist ein Ekstase-Tanz im Seifenblasenhimmel angesagt, für Tyler ist Seife ja ein wichtiges Thema. Und irgendwo auf dem Weg zur Mannwerdung wird der Jekyll zum Hyde.

Ein Tänzchen mit Seifenblasen und den Bee Gees: Hanna Binder, Nicolas Streit und Thomas Frank. Bild: © Bettina Frenzel

Stark agiert das Trio infernal, Streits identitätskriselnder Nobody im – und wer führt den nicht? – Kampf gegen sich selbst, Franks Tyler, der mit einem Wimpernschlag von gemütlich auf gemeingefährlich switchen kann. Hanna Binders Marla ist der Katalysator fürs Kriminelle, des einen Mannes Leid, des anderen Freud, sie lässt die Buben zwischen Lust und Frust hängen, mal lautstarkes Extremisten- liebchen, mal Mauerblümchen auf Selbstmord- trip. Immer wieder arbeiten sich die drei in Bewegungschoreografien auf der Zuschauer- tribüne ab. Die mangels Livepublikum leeren Sitzreihen, das Bühnenbild von Thomas Garvie, fungieren gleichsam als pseudo-urbanes Gefälle.

Zur Musik von Eva Jantschitsch – und ein wenig Bee Gees-„I Started A Joke“-Karaoke – fallen Gänsehautsätze über „unsere Welt“ und ein „Alles zerstören, was man nicht haben kann“. Unterm Schwenken von Riesenfahnen, und ein Schelm, wer an den Karlsplatz am 13. Februar denkt, will Tyler seine Mannschaft „aus der Dunkelheit ans Licht führen“: „Die Kämpfe dauern so lange, wie sie dauern müssen“ wird eingeblendet. Die Männerbündler, ein gesichtsloser, gewalttätiger und für andere destruktiver Kader, dessen Lebensanschauungen in den Faschismus führen können, sie sind es, die „Fight Club Fantasy“ vorführt. Die Frage, wo der Männerverstand ins Toxische abgeglitten ist, kann letztlich aber nur behandelt, nicht beantwortet werden, und die Setzung des Bühnenfilms bringt’s mit sich, dass die Kellerkämpfe verhandelt, nicht ausgetragen werden können.

Doch apropos, Parallelgesellschaft, Tarnkleidungstrottel, Radikalrandalierer: Neue Videos aus dem US-Kapitol legen nahe, dass der Angriff vom 6. Jänner koordiniert wurde. Ex-Präsident Trump lässt sich derweil in Florida von Anhängern bejubeln. Man muss nicht besonders dystopisch denken, um zu vermuten, dass er 2024 – vielleicht sogar mit eigener Partei – den Wiedergänger gibt. In Österreich mischen sich derweil angegraute Neonazis und Identitären-„Führer“ unter Anti-Corona-Spaziergänger.

Der Roman endet mit dem Un-/Heilsversprechen „Alles läuft nach Plan. Wir werden die Zivilisation zerstören, damit wir etwas Besseres aus dieser Welt machen können. Wir freuen uns, Sie schon bald wieder bei uns zu haben.“ Im Kosmos Theater singen The Wailin‘ Jennys „Light of A Clear Blue Morning“.

On demand bis 20. Februar: kosmostheater.at/blog

kosmostheater.at          Trailer: www.youtube.com/watch?v=GjLXhIPyvsk

  1. 2. 2021

Streaming: Riz Ahmed im Oscar-Favorit „Sound of Metal“

Januar 12, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Gottes vergessener Schlagzeuger

Bei einem Gig bemerkt Ruben, dass er sein Gehör verliert: Riz Ahmed. Bild: © Amazon Studios

Seit einigen Tagen streamt Amazon auch in Österreich das Filmdrama „Sound of Metal“, das als bereits zehnte Auszeichnung am 9. Jänner von der National Society of Film Critics mit dem Nebendarstellerpreis für Paul Raci bedacht wurde, und sowohl von der Variety als auch von Awards Daily für die Oscars hoch gehandelt wird, und zwar neben Paul Raci auch Hauptdarsteller Riz

Ahmed für den Best-Actor-Goldjungen. Ahmed, britischer Schauspieler, MC und Musiker mit pakistanischem Background, im Kino zuletzt zu sehen als Bösewicht-Wissenschaftler Dr. Drake/Riot in „Venom“, schlüpft in die Rolle des Ruben Stone. Dieser Drummer eines Sludge-Duos, dessen Sängerin Lou, Olivia Cooke, auch seine Freundin ist. Im Wohnmobil fahren die beiden von Gig zu Gig – loud and proud, bis Ruben während eines Soundchecks, wo’s wie üblich was auf die Ohren gibt, erst ein schrilles Kreischen, dann wie durch Watte, dann gar nichts mehr hört. Ein Schlagzeuger-Schicksal, das Ruben mit Kollegen von Phil Collins bis Lars Ulrich teilt.

„Sound of Metal“ erzählt keine Sid-and-Nancy-Story, im Van sind Schmusesongs und Smoothies angesagt, der seit vier Jahren cleane Fixer und die ehemalige Ritzerin sind Familie, ihre Beziehung ist eine fragile, in der die Furcht vor den eigenen Abgründen mit einer berührenden Zärtlichkeit überbrückt wird. Und nun das! Ahmed zeigt’s ganz fabelhaft, die Angst und das Unverständnis in Rubens Augen, alle Geräusche gedämpft wie unter Wasser, unter der Dusche, hinter seiner Instrumenten-Batterie, im Drugstore, dessen Apotheker ihn zum Arzt schickt. Unvorstellbar, wie es sein muss, sich selbst nicht mehr sprechen zu hören, doch Riz Ahmed stellt dies Gefühl, für das man ihm beim Dreh sogenanntes „weißes Rauschen“ ins Gehör übertrug, höchst authentisch dar.

Regisseur Darius Mader und „Gravity“-Tonkünstler Nicolas Becker entwickelten dies Sounddesign in einem schalltoten Raum, Mader, der gemeinsam mit Bruder Abraham auch das Drehbuch schrieb, und dieser wiederum mit Becker die Filmmusik, Becker, der für Riz‘ Ruben eine Klangkulisse schuf, die die Zuschauerin, den Zuschauer komplett in Rubens Kopf versetzt. Heißt: man hört, wie Ruben hört – Hitchcock nannte dies den „Subjektiven Klang“, mit dem der Großmeister gelegentlich experimentierte. Das Ganze kommt mit Untertiteln, da Mader seinen Film von einem hörenden wie gehörlosen Publikum erlebt haben will.

Beim HNO erfährt Ruben von der Möglichkeit eines Cochlea-Implantats, ein System mit Mikrofon und Signalprozessor, das den Hörnerv direkt mit dem Gehirn verbindet, doch die Kosten dafür sind unerschwinglich. Also checkt Lou für Ruben, der sich in den ersten vier der fünf Phasen der Trauer einigelt – Leugnen, Wut, Feilschen, Depression -, einen Platz in einer Gehörlosen-Wohngemeinschaft, die auf Suchtkranke spezialisiert ist. Während sie zu ihrem Vater fährt, Mathieu Amalric in einer Gastrolle, damit Ruben sich auf seine geänderte Situation fokussieren kann.

Paul Raci als Joe. Bild: © Amazon Studios

Joes Wohngruppe: Paul Raci (M.). Bild: © Amazon Studios

Schlagzeugunterricht: Riz Ahmed. Bild: © Amazon Studios

Lauren Ridloff als Lehrerin Diane. Bild: © Amazon Studios

So will es auch der Leiter der Einrichtung, der trockene Alkoholiker und Vietnam-Veteran Joe, der sein Gehör im Krieg verloren hat: Auftritt Paul Raci, der 73-jährige Schauspieler, ein „CODA“, ein Kind gehörloser Eltern, der wie seine drei Geschwister als erste Sprache die American Sign Language lernte, ist als Joe eine harte, aber herzliche Vaterfigur, der seine Junkie-Schützlinge auf Trab hält und mit nicht immer sanftem Nachdruck auf den rechten Weg bringt.

Rubens Verbitterung auf alle und alles stößt beim Lippenleser auf im Wortsinn taube Ohren, man suche hier Lösungen fürs Gehirn, nicht fürs Gehör, bescheidet er dem ständig wie unter Strom stehenden Neuankömmling und dass dieser keinen „Moment der Stille“ in sich habe, und Ahmed verkörpert mit unterschiedlich hoch kochenden Emotionen, wie verloren ein Mensch sich fühlen kann. Weil ihm ohne seine Drums, die Musik der Rausch, der das Rauschgift ersetzte, ein Ventil fehlt, um seine inneren Dämonen auszutreiben, weil er ohne Kenntnis der Gebärdensprache natürlich zum Außenseiter der Gruppe wird, alldieweil ihm am Gesicht abzulesen ist, wie saudämlich er das wilde Gestikulieren um sich herum findet.

Dies eine der besten Szenen des Films: Ruben, um jedes Kommunikationsmittel gebracht – Hörende schreit er an: „Ich verstehe Sie nicht! Ich bin taub! Schreiben Sie es mir auf! -, inmitten der Abendbrotgesellschaft, die sich ausgelassen und herzhaft lachend unterhält, man selbst übers „Tischgespräch“ ebenso ahnungs- und verständnislos wie Ruben, da schneidet Nicolas Becker den Ton plötzlich von gehörlos auf hörend, eine kurze Einblendung des Lärms rund um die Tafel, ein Klopfen, ein Geschirrklappern, ein Remmidemmi. Eindrucksvoll überblendet Becker so beide Welten.

Olivia Cooke als Bühnen-Lou. Bild: © Amazon Studios

Olivia Cooke als Lou privat. Bild: © Amazon Studios

Ruben mit Implantat: Riz Ahmed. Bild: © Amazon Studios

Mathieu Amalric spielt Lous Vater. Bild: © Amazon Studios

Joe schickt Ruben zum Lernen in eine seiner Gruppe angeschlossene Schulklasse mit tauben Teenagern. Die gehörlose Schauspielerin Lauren Ridloff, bekannt aus „The Walking Dead“ und 2018 am Broadway in der Hauptrolle von „Gottes vergessene Kinder“ zu sehen, spielt deren Lehrerin Diane. Die Kinder fangen Rubens Absturz auf, bald hält er einen Drummer-Grundkurs, auf Plastikkübeln zur besseren Übertragung der Schwingungen, und wird zum „Teenie-Star“. Joe bietet ihm an als eine Art Lehrkraft zu bleiben, doch Ruben, innerlich immer noch voll trotzigen Grolls, verkauft von Mischpult bis Wohnmobil alles, um sich die Cochlea-OP endlich leisten zu können.

Worauf Joe ihn bitten muss zu gehen, da Ruben sein erstes Gebot, dass Taubheit nichts sei, das man „reparieren“ müsse, gebrochen habe. Die Redensart vom alten Leben, das einer nicht loslassen könne – Jage nicht dem hinterher, was du verloren hast, sondern schätze, was du noch besitzt!, kommt einem in den Sinn, und in Regelverletzter Rubens Augen spiegelt sich seine neuerliche Verletztheit. Einen ernüchternden Abstecher zu Lou und ihrem Vater später, sieht man ihn auf einer Parkbank sitzen, auch die Leistung des Implantats ist ernüchternd, die Stimmen zu un-, Lärm dafür überdeutlich.

In Summe klingt’s wie ein Radio im Sendersuchlauf, echoartig, irritierend metallisch und schmerzlich fehlerhaft, wodurch der Filmtitel „Sound of Metal“ von der Musik bis zu den verzerrten Tönen des Fremdkörpers Hörgerät auf einmal doppeldeutig wird. Doch Ruben wird ihn finden, den von Joe anempfohlenen Moment. In der Ruhe liegt die Kraft. „Sound of Metal“ besticht nicht nur durch seine Darsteller, allen voran der fulminante Paul Raci und Riz Ahmed, zum Glück mal nicht als Terrorist oder Terrorverdächtiger, der mit seiner sensationellen, gnadenlos glaubwürdigen, intensiven und zugleich zutiefst unsentimentalen Performance das Publikum in seinen Bann zieht.

Sondern auch mit seiner komplexen Klanglandschaft, in der etwa nach einer exzessiven Bühnenshow jene jedem Rockkonzertbesucher bekannte absolute Stille des Boxen-Stopps mitschwingt, die Marders Spielfilmdebüt zu einem hypnotisierenden Erlebnis werden lässt. Und last, but not least ermuntert „Sound of Metal“ auch zu mehr Offenheit gegenüber den Mitmenschen, zu mehr Bewusstsein und Empathie füreinander, losgelöst von jeglichen Normen und Erwartungen.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=VFOrGkAvjAE           www.amazon.de

  1. 1. 2021

Jean Ziegler – Der Optimismus des Willens

Juni 4, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein gewagtes Porträt des ewigen Revolutionärs

Jean Ziegler im Porträt: Regisseur Wadimoff würdigt den ewigen Revolutionär in einem sensiblen, schelmischen, aber auch kompromisslosen Film. Bild: © Thimfilm / Dreampixies

Zu Anfang zeigt Jean Ziegler Fotos von Noma, nein, nicht das dänische Luxusrestaurant, sondern die bakterielle, durch Unterernährung beförderte Erkrankung, die halbe Gesichter wegfrisst. Es sind Bilder von Kindern, und mit Sätzen, wie „Ein Kind, das durch Hunger stirbt, ist ein ermordetes Kind“, ist der 1934 geborene Schweizer, einer der renommiertesten Kapitalismuskritiker, zur Leitfigur der Antiglobal- isierungsbewegung geworden.

Regisseur Nicolas Wadimoff widmet ihm nun ein Porträt, „Jean Ziegler – Der Optimismus des Willens“, das derzeit in den heimischen Kinos läuft, und es ist ein sensibler, schelmischer, aber auch kompromissloser Film geworden. Keine Biografie. Wadimoff gelingt eine Würdigung des ewigen Revolutionärs, nicht ohne dessen Dogmatismus zu hinterfragen. Der Film ist von einer kritischen Empathie.

Das liegt daran, dass der Dokumentarfilmer den Kämpfer für eine gerechtere Welt auch nach Kuba begleitet. Anfang der 1960er-Jahre begegnete der junge Ziegler dem damals schon legendären Che Guevara auf einer internationalen Konferenz in Genf. Er wird quasi sein „Chauffeur“, und die langen Gespräche, die die beiden Männer im Auto führen, begeistern Ziegler so, dass er mit ihm aufbrechen will. Doch Che überzeugt ihn „an seinem Platz“ in Europa zu bleiben, um von hier gegen den „Kopf des kapitalistischen Monsters“ zu agieren. Ein Versprechen, das Ziegler tatsächlich bis heute nicht gebrochen hat. Jeder muss kämpfen, wo die Geburt ihn hingestellt hat, sagt er und dann spricht er vom „Glück der Geburt“.

Jean Ziegler während seines Aufenthalts in Havanna vor einem Wandgemälde des chilenischen Malers José Venturelli im Hotel Habana Libre. Bild: © Thimfilm / Dreampixies

Als Hauptredner bei der Münchner Großdemonstration gegen den G7-Gipfel auf Schloss Elmau. Bild: © Thimfilm / Dreampixies

Nun endlich ist er in Kuba, und man merkt: Er ist am fidelen Auge schwer kurzsichtig. Wie er die Errungenschaften (?) des Castro-Kommunismus lobt – einmal bei einer Autofahrt durch die nächtliche Finsternis, in Kuba gibt es so gut wie keine Straßenbeleuchtung -, das treibt sogar seine Frau Erica Deubner auf die Palme. Da wird sich dann gekabbelt, liebevoll versteht sich, denn was der Film auch zeigt, ist eine große Liebe und Gemeinschaft zweier älterer Leute, aber Ziegler lässt sowieso keinen Widerspruch zu. Und als er die freie Meinungsäußerung und die Pressefreiheit relativiert, kommt’s richtig zum Streit mit seinem ehemaligen Studenten Wadimoff.

Dafür lässt er die Kamera erstaunlich dicht an sich heran. Man sieht ihn in seinem Arbeitszimmer, in dem natürlich ein Foto vom Che hängt, daneben die Welthungerkarte. Man sieht ihn bei seinen Triumphen, aber auch bei seinen Niederlagen. Einmal, als ihm, dem Mitglied im Beratenden Ausschuss des UN- Menschenrechtsrates, ein Antrag abgelehnt wird.

Ihm aber nicht, wie er dachte, die Vereinigte Staaten in den Rücken gefallen sind, sondern ausgerechnet ein afrikanischer Staat. Da ist er den Tränen nahe, und schimpft über die Dummheit, „die systemische Feigheit“ der US-Vasallen. Ziegler schwebt irgendwie immer zwischen Zorn und Hoffnung. Leere Kilometer macht er viele. Das geht an die Substanz. Die Kamera kommt auch mit, als er für ein paar Tage ins Krankenhaus muss.

Der Kampf, den Ziegler derzeit ausficht, ist der „gegen den internationalen Wirtschaftsterrorismus“, sogenannte Geierfonds. Die kaufen Schulden problembeladener, zahlungsunfähiger Staaten, und treiben diese dann nach Anklage bei der Weltbank ein. Was das für diese Länder bedeutet, kann man sich vorstellen. Ziegler erklärt es so: Wenn ein armes Land einen Ernteüberschuss für ein schlechtes Jahr erwirtschaften konnte, wird es dadurch gezwungen, den Mais oder Weizen auf den Weltmarkt zu werfen. Kommt dann tatsächlich ein schlechtes Jahr – Hungerkatastrophe.

„Che schaut mir jeden Tag über die Schulter, und schaut, ob ich meinen Verpflichtungen treu bleibe, oder nicht,“ sagt Ziegler. Und Wadimoff zeigt, er kann nicht nur diplomatisches Parkett, er kann auch „Straßenkampf“. Vor jugendlicher Energie sprüht er als Hauptredner bei der Münchner Großdemonstration gegen den G7-Gipfel auf Schloss Elmau.

Mit seiner Frau Erica Deubner Ziegler auf Kuba. Bild: © Thimfilm / Dreampixies

Was es mit dem „Optimismus des Willens“ auf sich hat? Ziegler nennt zwei Gründe dafür: zum einen das Erstarken der Zivilgesellschaft, Stichwort: Willkommenskultur in der Flüchtlingskrise, zum anderen glaubt Ziegler an eine Reform der UNO, an eine Aufhebung des lähmenden Vetorechts im Sicherheitsrat, das 2006 schon der damalige Generalsekretär Kofi Annan forderte.

Dass „der Aufstand des Gewissens“, wie er es nennt, erfolgreich sein kann, daran glaubt er fest. Daran muss er glauben. Helfen, hofft er, kann auch dieses filmische Porträt: „Meine Glaubwürdigkeit ist die einzige Möglichkeit, die ich als Autor und UN-Sonderberichterstatter habe. Die kann durch ein negatives Bild im Film zerstört werden. Aber ich habe Wadimoff vertraut und habe es nie bereut, ihn gemacht zu haben. Dieser Film kann eine wichtige Unterstützung bei meinen Ideen sein.“

BUCHTIPP: C. Bertelsmann Verlag, Jean Ziegler: „Der schmale Grat der Hoffnung. Meine gewonnenen und verlorenen Kämpfe, und die, die wir gemeinsam gewinnen werden“, Sachbuch, 320 Seiten.

www.jeanziegler-film.com

Wien, 4. 6. 2017