Burgtheater: Die Bakchen

September 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aufmarsch von rechts außen

Der Chor der Bakchen marschiert durch Ulrich Rasches Maschinentheater; vorne: Markus Meyer als Chorführer. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Nahe am Abgrund marschieren, nein: eigentlich schleichen, sie im Gleichschritt über sechs den Raum durchmessende Laufbänder, dreieinhalb Stunden in ständiger Bewegung, in angeschrägter Hoch- und Tieflage geht‘s mal steil hinauf, mal abschüssig hinab, doch sind statt des Rhythmus‘ aufstampfender Kampfstiefel im Stakkato hervorgestoßene Sätze zu hören – von Protagonisten wie Chor, schwarzgewandet allesamt.

Nicht mehr als Schemen sind sie, im schwefeligen Gegenlicht, im Infight mit der Macht der Maschine, die ganze Aufführung ein körperlicher Akt … Die Neuerfindung des Burgtheaters hat gestern Abend begonnen. Ulrich Rasche bescherte dem Publikum zum Auftakt der Direktion Martin Kušej eine Inszenierung der Extraklasse. Seit etwa einem Jahrzehnt feiert der Regisseur und Bühnenbildner mit seinem monumentalen Maschinentheater Triumphe, zelebriert bildgewaltig und textkonzentriert die Sinnlichkeit des Abstrakten, und erzählt des Themas nimmermüde von der Selbstentfremdung des Menschen im Wechselfall von exzessivem Individualismus und gewissenloser Konformität.

In Wien nun ließ Rasche die hypnotische Sogwirkung seiner Arbeiten sich via „Die Bakchen“ entfalten, Euripides‘ letztem Meisterwerk, geschrieben nach 30 Jahren Krieg mit Sparta und kurz vor der Niederlage Athens, uraufgeführt posthum, 405 v. Chr. bei den Tragödienwettbewerben der Polis, und deren Siegerstück. Diverses wurde über das Drama schon gedeutelt, in dem Dionysos in seiner Geburtsstadt Theben einfällt, um sich an deren Bewohnern zu rächen, weil diese die Göttlichkeit des Sohns von Zeus und König Kadmos‘ Tochter Semele nicht anerkennen. Lang stand bei den Theatermacherinnen und -machern der Schutzherr der Ekstase hoch im Kurs, doch scheint’s sind dieser Zeiten die ethischen Anliegen andere.

Rasche hat auf die Ambiguität der verstörenden Vorlage gepfiffen. Er blendet Problematiken, die sich durch die Gegenüberstellung von Ratio und Raserei stellen, blendet die Frage, ob tatsächlich der Rigorose oder der Wilde Despot ist, aus. Seine Sympathien gelten, sein Brennglasblick konsequent auf die Gegenwart gerichtet, eindeutig Thebens Herrscher Pentheus, für Rasche ein Verteidiger demokratischer Errungenschaften, dem zur Verdeutlichung seiner politischen Haltung eine Perikles-Rede und ein Fragment des Kritias in den Mund gelegen wurden, und der den dionysischen Ausschreitungen mit den Mitteln des Rechtsstaats den Garaus machen will. Er ist der Gegenpol zum grausamen, gewalttätigen Gott, der in dieser Aufführung ganz klar Anthroporrhaistes, der Menschenzerschmetterer, und nicht Lysios, der Sorgenbrecher, ist.

Franz Pätzold brilliert als wütender Gott Dionysos. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Martin Schwab als Kadmos, Felix Rech als Pentheus und Hans Dieter Knebel als Teiresias. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Auftritt der famose, mit Gänsehautstimme gesegnete Franz Pätzold als Dionysos, um seine bösen Absichten kundzutun, ein Hass sprühender, manipulativer, wenn man‘s so lesen will: „rechtspopulistischer“ Demagoge, der seine Anhängerschar, die fanatische Armee der Bakchen, Motto: Gehorsam sein anstatt sich eigene Gedanken machen, zu Mord, Totschlag, Gräueltat anführt. Und wie diese ihren totalitären Anspruch auf Land und Leute skandieren: „Wir holen uns unser Land zurück. Diese Stadt gehört uns. Wie haben kein Recht zu scheitern“, später: „Wir werden immer mehr. Unsere Erregung steigert sich zur Raserei!“

Derart bekundet Rasche sein Bestreben das griechische Theater als Vehikel für Äußerungen zur aktuellen Lage der Nation zu nutzen, ohne groß zu verschleiern, auf wen diese abzielen. Euripides wird zur Schablone für Rasches gesellschaftspolitisches Statement. Sein Schattenspiel in Slow Motion begleitet Minimalmusic von Nico van Wersch, dargeboten von einem Streichquintett, Tenor und Bariton und der großartigen Schlagwerkerin Katelyn King, die mit ihrer Batterie an Trommeln und Pauken nicht nur den Rhythmus fürs Geschehen vorgibt, sondern mit ihrem Sound eine archaisch anmutende Atmosphäre schafft.

Ihr Taktschlagen besiegelt sozusagen den Untergang der Zivilisation. Pätzolds charismatischem Dionysos entgegen stellt sich aber Pentheus, dargestellt von Felix Rech, um nichts weniger „lärmend“ als sein Widerpart, ein starker Machthaber, der nicht an einen Führer, sondern an Verfassung und Gesetze, freie Bürger und den Schutz für Unterdrückte glaubt. Wie Raubtiere lässt Rasche Rech und Pätzold nebeneinander her gleiten, ohne, dass sie einander auch nur einmal eines Blickes würdigen. Pentheus lässt den in Menschengestalt erschienenen Gott verhaften, was dem freilich kein Hindernis ist, die Thebanerinnen – und bei Rasche auch – Thebaner in seinen Bann zu ziehen und auf den Berg Kithairon zu locken. Unter den frisch rekrutierten Bakchen ist auch Pentheus‘ Mutter Agaue, Kadmos zweite Tochter, was Dionysos und Pentheus de facto zu Cousins macht.

Den gemeinsamen Großvater Kadmos gestaltet der Doyen der Produktion, Martin Schwab, wie einen modernen Altpolitiker. Schwabs Kadmos hat genug Wissen und Erfahrung, um die Vorgänge rund um Dionysos zu durchschauen, doch rät er aus opportunistischen Gründen dazu, sich ihnen nicht entgegenzustellen, sondern sie für die eigenen Zwecke einzusetzen. Er selbst erhofft sich durch die Verwandtschaft zum numinosen Enkel einiges: Ruhm und Ehre für die Sippe. Wie Schwab seinen alten Freund Teiresias, Hans Dieter Knebel als Hüter der Religion, dazu anstiftet, ihm zu zeigen, wie man tanzt, wollen sich die beiden Greise doch mit den Bakchen im Wald vergnügen, wie er einen kleinen Hüftschwung probiert, da menschelt es plötzlich an diesem ansonsten durchchoreografierten Abend.

Zu spät kommt über Agaue die Erkenntnis: Katja Bürkle, hinten: Martin Schwab als Kadmos. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Markus Meyer macht den Chorführer und hat als solcher auch einige Solostellen. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Dionysos lockt alldieweil Pentheus auf den Berg, vorgeblich, damit er die Bakchen-Briganten in ihrem kollektiven Rausch beobachten kann, doch er wird entdeckt und von der wütenden Meute in Stücke gerissen. Pätzold zitiert darüber im Hacksprech Nietzsches Zarathustra: “Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: – ihr – habt – noch – Chaos – in – euch!“ Die Masse hat über die Macht gesiegt. Zum Ende erklärt Kadmos seiner Tochter Agaue in quälerisch langsamer Behutsamkeit, dass der Kopf, den sie in der schwarzblutigen Hand hält, nicht der eines Berglöwen ist.

Sondern der ihres Sohnes, den ihr Toben tötete. Da entfährt Schwab ein so tiefer, grässlicher Klagelaut aus der Brust, dass es einen schaudern macht. Nach der ihren Gipfelpunkt erreicht habenden Gewalt-Orgie ist dies der unerwartete Antiklimax der Aufführung: Katja Bürkle überzeugt als Schmerzensmutter aus eigenem Verschulden, sie ist die gramgebeugte Menschin, die Verliererin im Kräftemessen der Männer, und wie die Bürkle das spielt, von Erstaunen zu Erkenntnis zu Entsetzen, beinhaltet mehr Emotionspsychologie, als die alten Griechen je zugelassen hätten.

Markus Meyer ist ein ausgezeichneter Chorführer, dem ein paar Solostellen überantwortet wurden, der aber auch in der Gruppe dank seiner besonderen Ausstrahlung jederzeit zu erkennen ist. Und während die Figur mit dem absoluten Machtanspruch, Dionysos, weiter zieht und die Zuschauer gleichsam durch die Zeitgeschichte führt, versuchen die Restthebaner, im Bewusstsein, wie steinig dieser Weg sein wird, zu einer geordneten Gesellschaft zurückzukehren. „Die Bakchen“ präsentiert Ulrich Rasche als „Ritualhandlung“, als im Wortsinn „schwarze Messe“. Hervorragend gelungen sind bei dieser Einstiegsproduktion des neuen Burgtheater-Teams außerdem die martialischen, viel Haut zeigenden Kostüme von Sara Schwartz und die – um den Einsatz einer Livekamera erweiterten – Videos von Sophie Lux.

Rasche indes hat es geschafft, bewährte und neue Ensemblemitglieder des Hauses nahtlos zusammenzufügen, alle miteinander Ausnahmeschauspieler, was Präzision und Präsenz betrifft, allesamt imstande gemeinsam mit der Laufbandhydraulik in höhere Sphären abzuheben – und dass Pätzold und Rech einander vom Typ, von der Körpersprache und der Stimmführung her ähnlich sind, ist ein zusätzlich prickelndes Moment. Man darf’s ruhig sagen: Diese „Bakchen“ sind ein Gesamtkunstwerk, anhand dessen Rasche gekonnt den Widerstreit zweier Weltsichten, den Kampf demokratischer vs. antidemokratischer Kräfte durchdekliniert. Auf welcher Seite Kušejs Burgtheater steht, ist logisch, auch, dass das Haus sich in dieser Stadt, in diesem Land politisch einmischen wird. Der Applaus dafür war laut und lang.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2019

theaterfink: Auferstehung der hingerichteten Theresia K** oder Das Mordsweib vom Hunglbrunn

August 30, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theresias Geist macht den Täter dingfest

Am Ufer des Liesingbachs liegt eine Frauenleiche: Matjaz Verdel, Walter Kukla und Sabine Perle. Bild: Joseph Vonblon

Keinen historischen Kriminalfall, sondern einen fiktiven in der Gegenwart handelnden zeigt theaterfink in seiner aktuellen Produktion. Nach dem vorjährigen Streifzug durch die Wiener Rechtsgeschichte mit dem „Abschiedslied der zum Tode verurteilten Theresia K**“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25243, es gibt neue Termine am 31. 8. sowie am 7. 14. und 21. 9.) spielt die Truppe rund um Prinzipalin Susita Fink und Dramaturgin Karin Sedlak bis

22. September die „Auferstehung der hingerichteten Theresia K** oder Das Mordsweib vom Hunglbrunn“. Gemordet wird diesmal in Atzgersdorf, Wien-Liesing, und das gleich in Serie. Nicht weniger als acht Frauen fallen dem Täter zum Opfer, wie es scheint haben sie sich zu Tode gelacht. Die einzige Auffälligkeit: Ihr Meuchler hat ihnen die Namen berühmter Frauenrechtlerinnen in die Haut geritzt. Den Stoff hat theaterfink anlässlich der Jubiläen 170 Jahre Kampf für Gleichberechtigung und 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich gewählt, und wiewohl das Stationentheater wie stets ein wunderbarer Mix aus Schau- und Puppenspiel ist, dient die Wanderung diesmal auch als Lehrstück in Sachen Emanzipation.

Während also das Publikum dem Akkordeonspiel von Heidelinde Gratzl von Tatort zu Tatort folgt, ermitteln Eva Billisch als Kriminalbeamtin Josefa Seisser und Walter Kukla als Gerichtsmediziner Leopold Breitenecker – dieser, tatsächlich existiert habend, bis 1981 eine Koryphäe auf seinem Gebiet – mit den Spurensicherern Sabine Perle, Susita Fink und Matjaz Verdel. Als Zuschauer ist man schnell einmal mitten drin im Geschehen, wird aufgefordert ein polizeiliches Absperrband zu halten oder wird als vermeintlicher Augenzeuge vernommen, und wird vom Breitenecker gescholten, weil man den Leichenfundort „kontaminiert“.

Eva Billisich mit Amalia Holst. Bild: Joseph Vonblon

Adelheid Popp kämpft für Frauenrechte. Bild: Joseph Vonblon

Wo theaterfink ist, ist Hallo. An vielen Fenstern und auf Balkonen lehnen die Leute und schauen zu, Zaungäste schließen sich dem Tross an, Billisich, Fink und Kukla sind jederzeit in der Lage zu improvisieren, drei glänzende Komödianten, drei Volksschauspieler, und gewohnt, auf Tuchfühlung mit dem Publikum auf dessen Zwischenrufe einzugehen. Bald wird klar, die Ermordeten waren alle frauenbewegt, darunter die Chefredakteurin der feministischen Zeitschrift „Umschläge“, die Leiterin eines Lehrinstituts für Mädchen, denen die Eltern den Schulbesuch verweigern, die Leiterin eines Frauenhauses, eine Ehrenamtliche im Dienst von Alleinerzieherinnen in Not …

An jeder Station wird der jeweiligen Vorkämpferin für Emanzipation gedacht: Von Olympe de Gouges, die während der französischen Revolution eine Frauenrechtsdeklaration veröffentlichte und dafür auf der Guillotine landete, Amalia Holst, die erste deutsche Frau mit Doktortitel, Karoline von Perrin, die Pionierin der österreichischen Frauenbewegung, Adelheid Popp, hierzulande die erste Berufspolitikerin, bis zu Österreichs erster Frauenministerin Johanna Dohnal. Die Streitbaren werden mit Moritaten geehrt, diese das Kernstück der Aufführung, und treten schließlich höchstpersönlich, heißt: als Puppen von Nico Oest, auf.

Noch ein Opfer des Serienmörders: Eva Billisich, Walter Kukla, Sabine Perle. Bild: Joseph Vonblon

Das geht gut, bis in einem Frauenhals der Name der Theresia Kandl eingraviert ist. Das kann der Geist der Resi, dargestellt und getanzt von Karin Sedlak, natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Und so eilt sie Frau Oberst Seisser zu Hilfe … Zwei Stunden dauert der Atzgersdorfer Rundgang, führt vom Kirchenplatz, vorbei an der Kandlkapelle in der Breitenfurter Straße – die Resi war ja eine gebürtige Atzgersdorferin – und entlang des Liesingbachs. Am Ende findet man sich in der „Gerichtsmedizin“ wieder, wo mit einem Schattenspiel der Fall geklärt wird. Die „Auferstehung der hingerichteten Theresia K**“ ist ein weiterer großartiger Abend von theaterfink. Einfach mitgehen und staunen!

Die wegen Gattenmords bei der Spinnerin am Kreuz 1809 als erste Frau gehängte Theresia Kandl soll übrigens heute noch Männer verfolgen, die Frauen Übles wollen. Ihr Skelett ist im Wiener Kriminalmuseum ausgestellt.

www.theaterfink.at/

  1. 8. 2018

theaterfink: Abschiedslied der zum Tode verurteilten Theresia K.

Juni 6, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie die Resi es Hackl zur Hülf holte

Theresia entsorgt ihren erschlagenen Ehemann (Walter Kukla) in der Buttn. Das Publikum marschiert mit. Bild: Hans-Georg Sedlak

Gestern Abend ist am Platzl vor der Wiedner Hauptstraße 91 ein Mord passiert. Theresia Kandl hat ihren Mann Matthias erschlagen. Er schlief, sie holte mit der Hacke zehn Mal aus – und aus. Das anwesende Volk war darob höchst amüsiert, a Geign und ein Akkordeon begleiteten die Bluttat. Und achtzig Menschen dann die Resi durch die Hungelbrunn, um zu sehen, wie sie ihren Mann in der Buttn entsorgte.

Erste Solidaritätsbezeugungen der weiblichen Zeugen kamen auf, er so ein Gfrast und die Resi so ein fesches Pupperl. Ja, das ist sie tatsächlich, eine Puppe. Die Truppe theaterfink lädt wieder zu einer ihrer längst legendären Theaterwanderungen durch die Wiener Kriminalgeschichte. Vier Mal (im Rahmen des Wir-sind-Wien-Festivals) und in verkürzter Form kann sie das diesen Sommer nur tun, weil eine ausreichende Subventionierung fehlt. Nichts desto trotz ist ihr Stationentheater an Originalschauplätzen mit Schauspiel, Puppenspiel und Moritatengesang so großartig wie immer. So beklemmend wie komisch. Eben Volkstheater vom Feinsten.

Prinzipalin Susita Fink und ihre Dramaturgin Karin Sedlak haben sich für einen Fall entschieden, der sich am 20. Dezember 1808 zutrug. Wie immer haben die beiden akribisch recherchiert, Archive und Dokumentensammlungen durchforstet, in Bezirksmuseen gestöbert, nach Memorabilien gesucht, und den „Wiener Pitaval“ studiert. Diese wissenschaftliche Arbeit wurde dann in ein Volksstück umgeformt, in das „Abschiedslied der zum Tode verurteilten Theresia K.“ Die Historie kurz: Theresia Teppich wurde 1785 in Atzgersdorf geboren, Vater Stephen war der Ortsrichter der Gemeinde, die Mutter in erster Linie unterwürfig. Auf die gutgebaute Resi wurden bald die Burschen aufmerksam, sie fehlte in den Armen des armen Fleischersohns Michael Pellmann, ergo uneheliches Kind, ergo keine gute Partie mehr.

Der Vater verschachert sie mehr oder weniger an den Greißler Matthias Kandl aus der Wiener Vorstadt Hungelbrunn, heute Teil des fünften Bezirks. Der kann nur saufen und herumhuren, aber die tüchtige und kluge Resi bringt die Greißlerei in die Höhe. Je mehr Erfolg sie hat, umso mehr prügelt er sie – bis zur Schicksalsnacht vor Weihnachten. Theresia wird des Mordes überführt und als einzige Frau in Wien bei der Spinnerin am Kreuz gehängt. Aus diesem knallharten Thriller machen die Schauspieler Eva Billisich und Walter Kukla – in jeweils mehreren Rollen, am schönsten als Vater und Mutter Teppich – eine Riesenhetz‘. Wie immer geht’s dabei über Plätze und durch Parks, diesmal vorne weg, noch vor dem Musikduo Rittmannsberger Soyka, ein sehr aufgeregter Rauhaardackel.

Die Mutter (Eva Billisich) will die Tochter vor allem eines lehren: die weibliche Tugend der Unterwürfigkeit. Bild: Susita Fink

Die Eltern Teppich (Eva Billisich und Walter Kukla) sind verzweifelt über ihr missratenes Kind. Bild: Susita Fink

Spektakel müssen sein, meinte schon Maria Theresia. Und wo der theaterfink ist, da ist auch eins. An allen Fenstern lehnen die Leute und schauen zu, Zaungäste schließen sich dem Tross an, in Margareten sind das viele Menschen originär nicht österreichischer Herkunft, die neugierig geworden mitmarschieren. Wer sich nicht auskennt, fragt, die Billisich und der Kukla sind jederzeit in der Lage zu improvisieren, zwei glänzende Komödianten, zwei Volksschauspieler, und gewohnt, auf Tuchfühlung mit dem Publikum auf dessen Zwischenrufe einzugehen. In dieser Art ist der theaterfink tatsächlich ein integratives Projekt.

Wer kein Geld hat, wird erfinderisch. Den beiden genügen zwei Häferln und eine Schüssel, um Bauch oder Busen darzustellen, und ein Flachmann in der Hose für, naja, eh schon wissen. An den skurrilen Perücken sind Koteletten und Löckchen abnehmbar – und schwupps: Geschlechtertausch. Wobei Kukla als blonder, äußerst gut ausgestatteter Pellmann schon eine arrogante Augenweide ist. Sein berückendstes Lazzo: eine Sexszene mit der Resi. Sie aber ist die Hauptrolle, die Puppe von Nico Oest, eine wahre Schönheit mit ordentlich Holz vor der Hüttn …

Susita Fink allerdings will mehr, als nur eine Spaßpartie zu veranstalten. Sie und Karin Sedlak machen die Erzählerinnen, und berichten dabei auch über die Situation der Frau im 19. Jahrhundert.

Wo Vater und Ehemann das Sagen über „das Weib“ hatten, die g’sunde Watschn zwar als unsittlich galt, aber nicht strafbar war. Und Scheidung in Katholikistan nicht verboten, aber unmöglich. Herauskristallisiert sich: Theresia Kandl hätte keine Chance gehabt, ihrer arrangierten, miserablen Ehe zu entkommen. Überführt wird sie nicht zuletzt, weil sie dem Untersuchungsbeamten als frisch gebackene Witwe zu professionell die Geschäfte weiterführt. Nach einem Abstecher in die Piaristen-Volksschule, wird der Resi vor der Kirche St. Thekla das Todesurteil verkündet. Genau zum neunten Glockenschlag. Doch sie kehrt noch einmal wieder. Als Knochenfrau. Man sagt, dass die Resi heute noch Männer verfolgt, die ihre Frauen schlecht behandeln. Das echte Kandl’sche Skelett steht übrigens im Wiener Kriminalmuseum (wien.kriminalmuseum.at/de/aktuelles/). So makaber wie die Realität, kann Theater gar nicht sein.

Susita Fink und Karin Sedlak im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=25205

www.theaterfink.at

Wien, 6. 6. 2017

theaterfink: Susita Fink und Karin Sedlak im Gespräch

Juni 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die ganze Stadt als Theaterbühne

Abschiedslied der zum Tode verurteilten Theresia K.: Susita Fink und ihre Resi. Bild: Alexander Zech Wienbibliothek Druckschriftensammlung Signatur C-3997518092_hoch (002)

Es wird wieder gemordet. Susita Fink und ihre Theatertruppe „theaterfink“ haben auch heuer wieder einen historischen Kriminalfall recheriert, der nun unter dem Titel „Abschiedslied der zum Tode verurteilten Theresia K.“ aufgeführt wird. Die Moritat beleuchtet das Leben der Theresia Kandl, die unglücklich verheiratet, ihren Ehemann mit der Hacke erschlug – und als einzige Frau in Wien bei der Spinnerin am Kreuz gehängt wurde. Es gibt Aufführungen in allen Bezirken, die mit der schönen Resi zu tun habe.

1. Bezirk: hier stand die Schranne, in der sie inhaftiert war; 5. Bezirk: der Wohnort; 13. Bezirk: hier wurde Theresia getraut; 23. Bezirk: der Ort ihrer Kindheit. Erwartet werden darf ein Streifzug durch die Wiener Kriminal-Geschichte mit Schauspiel, Puppenspiel und musikalischen Treibstoff beim Wandern. Es spielen Eva Billisich und Walter Kukla, das Duo Rittmannsberger Soyka sorgt für die Livemusik. Susita Fink und Dramaturgin Karin Sedlak im Gespräch über Glücksmomente mit dem Publikum und die Sorgen mit der Subventionierung:

MM: Was ist theaterfink?

Susita Fink: Ein politisches Straßentheater, das historische Kriminalfälle spielt, mit dem Hintergrund, Sozialgeschichte aufzurollen und Wiengeschichte aus einem kritischen Blickwinkel zu beäugen. So schön war die „gute alte Zeit“ nämlich nicht. Wir haben 2009 angefangen, mit Jura Soyfers „Der Lechner Edi schaut ins Paradies“, wir haben gespielt, wo sich die Dinge ereignet hatten, am Donaukanal, im dritten Bezirk, in Geschäftslokalen, in denen Jura Soyfer als Schüler eingekauft hat und die es immer noch gibt – und so ist unsere Truppe entstanden.

MM: Die alsbald auf die Mörderstorys umgeschwenkt ist. Die Hauptakteure Ihrer Produktionen sind meistens Puppen.

Fink: Ja, weil ich mir damals schon gedacht habe, niemand stirbt besser als eine Puppe. Gabriele Müller-Klomfar hat mir Bücher gegeben, in denen historische Kriminalfälle aufgelistet waren, oft bedienen wir uns am „Wiener Pitaval“, einer Sammlung aufsehenerregender Kriminalfälle im „alten Wien“ zwischen 1805 und 1844 und ich dachte, das muss doch gut funktionieren, das ist doch in Wien aufg’legt, das muss Publikum anziehen – und das tut es auch.

MM: Wie funktioniert nun theaterfink?

Fink: Nicht als einfaches Straßentheater, wir spielen nicht an einem Platz, sondern wir wandern dramaturgisch durchdacht zu zehn bis elf Stationen, die mit dem Kriminalfall zu tun haben – auch am Tatort vorbei! Da sich Wien seit dem 19. Jahrhundert natürlich stark verändert hat, suchen wir auch nach einer, zu einzelnen Szenen passenden, authentischen, schöne Wiener Kulisse. Wir haben Musikbegleitung, das Publikum folgt, und an jeder Station entspinnt sich eine Szene. Statt Bühnenbildwechsel gibt es bei uns Schauplatzwechsel.

Eva Billisich und die schöne Resi. Bild: Susita Fink

Die „theaterfinken“ fahren diesmal auch nobel Kutsche: Eva Billisisch, Walter Kukla und die Resi. Bild: Susita Fink

MM: Ich habe im vergangenen Jahr nicht nur beobachtet, dass Sie nicht nur so viel Publikum haben, 80 Zuschauer pro Abend, dass Leute nicht  mitwandern können, sondern, dass sich an den Stationen Menschen dem Zug noch angeschlossen haben. Es gibt also tatsächliches Interesse.

Fink: Ja, beides passiert natürlich: Dass wir Publikum abweisen müssen, aber dass andererseits zufällige Passanten oder Leute aus Wirtshäusern, vor denen wir spielen, rauskommen und mitgehen. Eigentlich war dies ja auch die Grundidee, es so aufzuziehen, wie das Gemeindebautheater von Didi Macher und Ulf Bierbaumer. Ich habe dieses Theater als Kind geliebt, wenn die Dario Fo gespielt haben, war ich mit meinen Eltern dort. Meine Idee war also wirklich politisches Straßentheater für alle zu machen, ein g’scheites, gut recherchiertes, lustiges Theater, das die Bevölkerung nichts kostet. Aber das funktioniert nicht, weil die Subventionsgeber kein Interesse daran haben.

MM: Bevor wir zum Negativen kommen, noch was Positives: „Von Grosskopfade und Sacklpicka III“ behandelt nach Georg Reznicek und Peter Ritter von Bohr endlich ein Mordsweib.

Fink: Richtig. Und wieder spielen Eva Billisich und Walter Kukla, die Musik sollte wieder Ernst Molden komponieren. Wir wollten diesmal nicht nur den Kriminalfall wiedergeben, sondern auch etwas über die Mädchenerziehung und das Frauenbild anno 18. Jahrhundert aussagen. Die Geschichte der Emanzipation, der Frauenrechte und von Frauen im Rechtssystem von der Seite einer Täterin aufrollen. Dass wir annähernd Gleichberechtigung haben, ist ja auch bei uns noch nicht so lange her, doch vieles muss noch erkämpft werden. Frauen machen zum Beispiel heute immer noch den Großteil der unbezahlten, beziehungsweise schlecht bezahlten Care-Arbeit. Das Konzept dazu wurde von den Fördergebern nicht unterstützt, jetzt gibt es eine Kurzversion, die sich rein mit den historischen Fakten beschäftigt.

MM: Worum geht’s?

Karin Sedlak: Um Theresia Teppich, 1785 in Atzgersdorf bei Wien geboren, Mutter eines unehelichen Kindes und ergo in weiterer Folge mit dem Greißler Matthias Kandl verheiratet. Alsbald lief in der Ehe einiges schief, weshalb sie zur Hacke griff und den Gatten erschlug. Die „Resi“ war die einzige Frau, die bei der Spinnerin am Kreuz öffentlich gehängt wurde. Leider existieren von ihrem Fall keine vollständigen Akten mehr, sondern lediglich Memorabilien im Wiener Stadt- und Landesarchiv. Darin wird festgehalten, sie war eine sehr attraktive Person, „von ziemlich großer, schlanker Leibesstatur, hat ein längliches sauberes Gesicht, gespitzte Nase, blaue Augen und blonde rückwärts in einen Chignon geschlungene Haare.“ Wienerisch würde man sagen, sie war ein „fesches Pupperl“, daher wird sie bei uns von einer Puppe dargestellt. Einer lebensgroßen, blonden Puppe, die Nico Oest gefertigt hat. In der Wienbibliothek haben wir sogar den Originaldruck einer Abschiedsmoritat gefunden, in der Theresia Kandls Leben musikalisch zusammengefasst wird. Sie wird bei unserer Theaterwanderung nicht nur zu hören sein, sondern ist auch das Gerüst für unsere Handlung.

So geht’s zu, wenn auf der Straße Theater gespielt wird. Bild: Susita Fink

Und dann wird natürlich gewandert. Bild: : Joseph Vonblon

MM: Wenn man Ihnen so zuhört: Sie arbeiten historisch höchst korrekt, Sie  recherchieren lange und ausführlich.

Sedlak: Für unser Projekt war eine lange Zeit der umfassenden Recherche in vielen unterschiedlichen Quellen nötig. Ausgehend vom historischen Recherchematerial erzählen wir  die Geschichte  der „schönen Greißlerin von Hungelbrunn“ mit dem Schwerpunkt auf Sozialgeschichte, der Lage der Frauen und der Geschlechterverhältnisse, sowie der damaligen der Gerichts- und Hinrichtungspraxis. Sogar digitalisierte Taufprotokolle der Protagonisten, Verlassenschaftsakten und historische Augenzeugenberichte haben wir finden können!  All diese Niederschriften sind in Kurrentschrift abgefasst –  was, wie jede persönliche Handschrift, oft viel Mühe im Entziffern verlangt! Wir haben in Bezirksmuseen recherchiert,  haben alte Stadtpläne auf die Lage der  historischen und heutigen Örtlichkeiten überprüft und um die damalige Erziehung der Mädchen zu erforschen, haben wir stapelweise betreffende Schriften des 18./19. Jahrhunderts studiert und exzerpiert.

Fink: Was uns an diesem Fall außerdem interessiert, ist nicht nur die Tat, sondern die feministische Frage, ob Resi in ihrer Zeit als Frau andere Möglichkeiten gehabt hätte, als den Kandl zu heiraten. Wir wollten uns diesmal nicht nur mit den historischen Akten beschäftigen, sondern eine Brücke zur Situation der Frauen dieser Tage schlagen. Das ist jetzt mal an der Finanzierung gescheitert, aber die Basis Kultur hat uns ermöglicht, die Kurzversion zu machen. Karin hat ja so viel historisches Material ausgegraben, dass es schade gewesen wäre, das jetzt liegen zu lassen. Ich habe daraus für das Festival der Bezirke eine Montage aus Erzählung und Szenen konzipiert, die aus recherchierten Zitaten besteht. Das Ganze wird sehr ins Komische gezogen, diese Texte, wie Mädchen sein sollen und wie sie erzogen werden sollen. Bei manchen Stellen bleibt einem allerdings das Lachen im Hals stecken, weil es heute immer noch Menschen gibt, die denken, dass Frauen so und nicht anders sein sollen. Die Musikstücke sind alte Wiener Tänze, gespielt vom Duo Rittmannsberger Soyka.

MM: Das „Abschiedslied der zum Tode verurteilten Theresia K.“ wird nun vier Mal im Rahmen des Festival „Wir sind Wien“ gezeigt.

Fink: Genau. Und zwar – Bezirksnummer ist gleich Datum. Die Treffpunkte sind die Bezugspunkte in den einzelnen Bezirken. Am Hohen Markt, im ersten Bezirk stand die Schranne, in der Resi inhaftiert war. In der Wiedner Hauptstraße, im fünften Bezirk, im damaligen Vorort Hungelbrunn, geschah der Mord. Am Hietzinger Platzl im 13. Bezirk hat sie den Kandl in der Kirche Maria Hietzing geheiratet. Im 23. Bezirk ist sie geboren und aufgewachsen, da treffen wir uns am Kirchenplatz in Atzgersdorf. Der Text ist je nach Ort adaptiert und erzählt in Vor- und Rückblenden- ihre Geschichte.

MM: Ein immenser Aufwand für vier Mal.

Fink: Ja, noch dazu, wenn man bedenkt, dass wir unterwegs einen Publikumsdienst haben, Beleuchter, Fahrzeuge auf der Wegstrecke, in denen Kostüme und Requisiten für uns verstaut sind und Puppe und Kostüm extra gefertigt wurden. theaterfink funktioniert überhaupt nur, weil Künstlerinnen und Künstler von der Sache so überzeugt sind, dass sie, wenn wir übers Finanzielle sprechen, sagen: „Das ist eine tolle Sache, gib mir, was du geben kannst.“. So darf’s nicht sein, so stellen wir nie Kostenwahrheit her und alle arbeiten für einen Hungerlohn. Karin und ich arbeiten ohnedies auch in anderen Projekten als Brotberuf, um uns unsere Kunst leisten zu können! Aber es arbeiten bei theaterfink nur Profis. Normalerweise haben wir im August/September immer eine längere Spielserie, doch ich habe drei Mal um Förderungen eingereicht, ein viertes Mal tu ich es noch, aber ich wurde immer abgelehnt.

MM: Mit welcher Begründung?

Fink: (sie lacht). Dabei hätte ich gerade das mit dem Licht heuer gern verstärkt eingebaut, denn eine Hinrichtungsszene, zu der wir wunderbare historische Tagebucheintragungen haben, das schreit geradezu nach Schattentheater.

Susita Fink hat sich für ihre Truppe vom Straßentheater der Didi Macher inspirieren lassen. Bild: Susita Fink

MM: Wie passt das zusammen, dass eine Theatertruppe mit einer Kurzversion zu einem Stadt-Wien-Festival eingeladen wird, man ihr aber darüberhinaus die lange Nase dreht? Schätzt man sie nun wert oder nicht?

Fink: Ich habe keine Ahnung, ich habe das auch jedes Mal gesagt, aber ich habe von der Stadt Wien schon so viele ablehnende Begründungen gehört . Dabei schätzen uns die Bezirke, die Bezirksvorsteher freuen sich in der Regel sehr, wenn wir kommen, und auch die Gastronomie. Wir machen ja in Lokalen halt und enden schließlich in einem Wirtshaus. Die rufen schon im Winter an und fragen: Kommt ihr im Sommer wieder?

MM: Kann ich bestätigen. Ich gehe immer noch ins „Ramasuri“… „Regiemangel“ war ja auch mitunter ein Kritikpunkt.

Fink: Erstens ist das eine Kostenfrage und zweitens eine strikte Regie, wie im Theaterraum, das geht nicht. Wir haben ein durchdachtes Konzept, wir haben Schau- und Puppenspieler, die absolut stück- und textsicher sind, aber sie müssen improvisieren können. Was glauben Sie, wie oft uns aus einem offenen Fenster schon was zugerufen wurde? Darauf muss man reagieren können, das macht den Charme unserer Aufführungen aus. Und es ist auch äußerst lustig.

MM: Was würden Sie brauchen?

Fink: 200.000 Euro für 40 Vorstellungen, die wir locker bespielen könnten. Es sind bei jeder Aufführung sowohl Künstlerinnen als auch für die Logistik und die Beleuchtung mindestens 12 Leute im Einsatz. Da gibt es viel Vorbereitungszeit und Organisation. Das muss gerecht bezahlt werden und darunter bekommt man kaum einen Profi wie Ernst Molden, der für uns immer wieder Moritaten schreibt. Walther Soyka, der uns seit der ersten Produktion musikalisch begleitet, ist ja auch kein Unbekannter. Das Meiste ist bei uns im Wahrheit Eigenleistung, das Ganze ist für mich und meine drei Kinder in Wahrheit existenzbedrohend.

MM: Und nun der positive Schlusssatz: Die Hoffnung stirbt zuletzt?

Fink: Kommen Sie, schauen Sie. Wir zeigen ein historisches Stück, sehr lustig. Ich glaube nämlich, dass man sich das Lachen nicht verderben lassen darf. Im Lachen liegt die wahre politische Kraft.

www.theaterfink.at

Schauspielhaus Graz: Die Neigung des Peter Rosegger

September 6, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Thomas Arzt auf den Spuren des Heimatdichters

Franz Xaver Zach wird zum Rosegger-Denkmal. Bild: Lupi Spuma

Franz Xaver Zach wird zum Rosegger-Denkmal. Bild: Lupi Spuma

Zur Eröffnung der zweiten Spielzeit von Iris Laufenberg am Schauspielhaus Graz hat der junge Dramatiker Thomas Arzt „Die Neigung des Peter Rosegger“ beigesteuert. Nina Gühlstorffs Inszenierung hat am 15. September Premiere. Der Inhalt des Stücks ist zeitgemäß brisant, denn in einer kleinen österreichischen Gemeinde kippt die Statue des Heimatdichters gefährlich nach rechts, wodurch nach und nach auch die Dorfgemeinschaft ins Wanken gerät. Vorzeigebürgermeister Wiesinger versucht zu beruhigen, erwartet man doch eine Delegation der UNESCO, die den alten Stadtkern zum Weltkulturerbe erklären soll.

Zwischenzeitlich aber hat ein Seismologe mit seinen Nachforschungen begonnen. Vielleicht ist ja eine Verschiebung der Eurasischen Platte die Ursache des Rechtsrucks, mit der möglichen Konsequenz, dass hier, mitten in der Steiermark, einer dieser neuen Gräben entstehen könnte, von denen man neuerdings so viel liest. Irgendetwas jedenfalls liegt im Argen und der Wiesinger steckt mittendrin …

Wie kaum ein anderer österreichischer Dichter hat Peter Rosegger in seinem Werk der bäuerlichen Lebenswelt – dem einfachen Leben auf dem Land – ein literarisches Denkmal gesetzt und damit ein Bild von Heimat geschaffen, das bis heute nachwirkt. Eine Heimat, die Vertrautheit und Aufgehobensein vermittelt, die es zu schützen galt gegen Bedrohungen von außen, was auch Roseggers spätere Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus begünstigte. Denn wo genau liegt die Grenze zwischen legitimer Sehnsucht nach einem „Daheim“ und der Angst vor dessen Verlust einerseits und Nationalismus respektive rechter Gesinnung andererseits? Fast 100 Jahre nach Roseggers Tod spürt der oberösterreichische Autor Arzt auf der Folie des ehemaligen „Waldbauernbubs“ eben dieser Frage mit feinfühligem Humor nach.

Kleinstadt in Aufruhr: Das Rosegger-Ensemble. Bild: Lupi Spuma

Kleinstadt in Aufruhr: Das Rosegger-Ensemble. Bild: Lupi Spuma

Nico Link und Franz Xaver Zach rätseln über den Rechtsruck des Heimatdichters, Florian Köhler ist derweil auf der Pirsch. Bild: Lupi Spuma

Nico Link, Franz Xaver Zach, Florian Köhler. Bild: Lupi Spuma

„Die Idee kam vom Schauspielhaus Graz. Ich hatte für die Grazer Spielzeiteröffnung 2015 einen Monolog über Identität, Heimat und Nationalismus verfasst. Als sich die Themen im Zuge der Flüchtlingsdebatte wieder neu zugespitzt haben, wurde ich gefragt, ob ich nicht ein Stück schreiben will, in Auseinandersetzung mit Peter Rosegger, der viel von dem, was wir als österreichische Identität bezeichnen, literarisch mitgeprägt hat, obwohl ihn heute kaum jemand mehr kennt. Ich war sofort begeistert“, sagt Thomas Arzt zu seinem jüngsten Werk. „Peter Rosegger ist ein Schriftsteller, der gern marginalisiert wird und den man auch extrem langweilig finden kann. Aber er ist, ohne seine Texte zu kennen, Teil eines kollektiven Gedächtnisses. Verstaubt, fast vergessen, aber latent im Untergrund lauernd. Das hat mich neugierig gemacht.“

Es spielen Henriette Blumenau, Florian Köhler, Nico Link, Evamaria Salcher, Susanne Konstanze Weber und Franz Xaver Zach. Die Bühnenmusik kommt von Johannes Fruhwirth, Lea Geisberger und Marcus Weberhofer.

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 6. 9. 2016