Theater in der Josefstadt: Madame Bovary

April 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Zwangsjacke der Borderlinerin

Die Bovarys mal fünf sind von Rodolphe Boulanger hingerissen: Bea Brocks, Silvia Meisterle, Therese Lohner, Ulli Fessl, Maria Köstlinger und Christian Nickel. Bild: Astrid Knie

Dass Charles‘ Landarztkittel sich knapp vor der Pause in eine Zwangsjacke für Ehefrau Emma verwandelt, macht Sinn, fühlt sich die doch in ihrer Situation ausweglos gefangen und ergo unglücklich. Regisseurin Anna Bergmann (über-)dreht Gustave Flauberts Fantasien zu seiner Protagonistin. Bei ihr wird die überspannte Provinzgattin zur Borderlinerin – Bergmanns liebste Interpretation, inszeniert sie Weltliteratur-Frauenfiguren -, und die gibt es nicht nur ein Mal, sondern gleich mal fünf:

„Madame Bovary“ am Theater in der Josefstadt. Da gelingt Bergmann vor allem im ersten Teil Großes. So ideendurchtränkt ist ihre durchchoreografierte Arbeit, dass man’s teils mit fünf Sinnen gar nicht fassen kann. Was gut ist, lässt man den sechsten zu. Maria Köstlinger allen voran gestaltet die Bovary, umringt von Bea Brocks, Ulli Fessl, Therese Lohner und Silvia Meisterle. Das ist eine Frau in fünf Lebensaltern, das sind Stimmen im Kopf, eine Frau und ihre Erinnerungen und Vorausahnungen. Emma in ihrem Totenhaus immer selbst ihre Spinne Langweile, von Schatten umringt, von Anfang an ein Gespenst.

Denn erzählt wird gleichsam posthum. Bergmann setzt auf Prosa, und einen großartigen Christian Nickel als Rodolphe Boulanger als Berichterstatter ein. Er schildert das Drama bis zum Untergang, diese kurze Existenz, die er gekannt hat, der Selbstmord am Ende scheußlich und die Liebe nimmerwährend. Eindrückliche Bilder gelingen da. Ein Albtraumreigen, der sich immer schneller dreht. Emma aus Luken und über Wände kletternd, der Geliebte mit Fetischfuchsmaske, Horrorgestalten in Lack und Leder. So subtil, wie Flaubert es verdient hat, weißt Bergmann darauf hin, dass es im Roman höchst realitätsnah um sexuelle Obsession und erotomanische Fixierungen geht.

Ein unnahbares Elegiebürschchen: Meo Wulf und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Doppelbild von Heiliger und Hure: Bea Brocks und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Aggressive Bösartigkeit liegt in der Luft. Nickels Rodolphe decouvriert sich als ennuyierter Zyniker, Köstlinger, alles gebend, ist von kalter Leidenschaft, ihrer Emma Zauber, wie es geschrieben steht, ein eisiger. Selbst Meo Wulf als Léon Dupuis bleibt als Elegiebürschchen unnahbar, wenn er auf seinem Elektro-Pedalo um die Bovary kurvt. Auch das eine gelungene Übersetzung für den ersten Ritt, den die beiden original bei einer wilden Kutschfahrt haben. Noch mehr Gegenwärtiges darf sein, im zweiten Teil in zeitgenössischen Kostümen und ebensolcher Sprache. Auch das tut Bergmann gern, Figuren durch die Epochen zu deklinieren, als Zeichen fürs Nichts-ändert-Sich. Emmas Schulden werden in Euro aufaddiert.

Da haben die Darsteller die Lacher auf ihrer Seite, wenn Roman Schmelzer – ein wunderbar langweilig-gutmütiger Charles Bovary – und die Köstlinger nach der Pause in der Theaterloge sitzen, während Bea Brocks als Madonnen-Königin-der-Nacht-Mix vom Himmel schwebt, und Schmelzer seinen Charles sagen lässt, er sei bemüht, die Bühnenvorgänge verstehen zu wollen. Bergmanns Deutung der Titelrolle zwischen Heiliger und Hure, eingesperrt nicht im Mittelstandshäuschen, sondern im herrschaftlichen, krank-grünen Sanatorium (Bühnenbild: Katharina Faltner), angetan mal mit großem Gothic-Kostüm von Lane Schäfer, mal nur in der Wäsche umherkriechend. Mal am Klavier Portisheads „It’s A Fire“ singend, mal Rodolphe im Slingbett beglückend. Das Publikum dankte jedenfalls für den Assoziationsfreiraum, den ihm die Aufführung ließ, mit viel freundlichem Applaus.

Berthe als spooky Puppe ist auch keine Sympathieträgerin: Roman Schmelzer, Suse Wächter und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Ins Wahnsinnsspiel passt auch Suse Wächter, die Berthe Bovary als Puppe führt, zu spooky für eine Sympathieträgerin, ein Hassliebeobjekt für die Mutter und Erdulderin von deren Launen, darin ganz der Vater. Siegfried Walther gibt Monsieur Homais als Laboratoriumsratte und den Lheureux als diabolischen Verführer mit Lagerfeldzopf, der Emmas Kaufrausch mit immer neuen Luxuslabeltragtaschen befeuert.

Beginnt der Abend mit Pantomime, so endet er mit leerem Raum, in dem die Worte aus dem Off hallen. Emma allein auf der Bühne, der Rest ihre Kopfgeburten. Ulli Fessl ist noch da, die nie mehr gelebt haben werdende Emma, und deklamiert in Trauerrobe den Ophelia-Monolog aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“, wird zur Frau, „die der Fluss nicht behalten hat. Die Frau am Strick. Die Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern. Die Frau mit der Überdosis. Die Frau mit dem Kopf im Gasherd …“ Dass Bergmann damit der Bovary pathologisches Betragen in den Schmerz der Welttragödie steigert, schafft deren Hysterie eine Bedeutsamkeit, die angesichts des 20. Jahrhunderts überzogen scheint. Dies als Fußnote nach einem Dreistundenabend, der ansonsten überzeugte.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=ftf7DJJ04cU

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  1. 4. 2018

Theater in der Josefstadt: Professor Bernhardi

November 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Heraufdämmern einer neuen Zeit

Der Herrscher und der Kronprinz-Gegenspieler: Herbert Föttinger als Bernhardi, Florian Teichtmeister als Ebenwald. Bild: Sepp Gallauer

Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ ist stets das Stück zur Zeit, geht es um Kalkül und politisches Kleingeld. Selten aber tritt das so zutage, wie in der Inszenierung von Janusz Kica am Theater in der Josefstadt, die Donnerstagabend Premiere hatte. Beinah fröstelt es einen ob der Aktualität der hier gesagten Sätze. Kica arbeitet das Heraufdämmern einer neuen Zeit, den Schnitzler’schen Subtext, mit scharfer Klinge heraus, dabei steht ihm ein exzellent agierendes Ensemble zur Seite, beinah zwei Dutzend der Spitzenkräfte des Hauses, mit Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger in der Titelrolle – ein primus inter pares. Mutmaßlich noch nie war Föttinger so brillant denn als Professor Bernhardi.

Drei Stunden lang entrollt sich das Spiel für Männer (mit Alma Hasun in der einzigen Frauenrolle der Krankenschwester Ludmilla) in der renommierten Privatklinik Elisabethinum. Hierarchien werden ausgelotet, Intrigen und Pläne geschmiedet, Machtkämpfe um Karrierebestrebungen ausgetragen. Da begeht Bernhardi fast im Wortsinn den „Kardinalfehler“. Er lässt einen Pfarrer nicht zu einer Sterbenden vor, die sich in ihren letzten Stunden in einem euphorischen Zustand befindet.

Er möchte ihr einen schönen Tod bereiten, die Letzte Ölung soll sie nicht erschrecken. Die Frau stirbt ohne Salbung, und ein unfassbare Hexenjagd gegen den „Juden“ setzt sich in Gang. Etwas, das man heute wohl Dirty Campaigning nennen würde … Föttinger hat sich den Bernhardi anverwandelt, er holt die Figur nahe an sich heran. So nahe, dass man sicher meint Dinge, wie „Dass ich im Ernstfall der Mann bin durchzusetzen, was ich will, habe ich schon einige Male bewiesen“ oder „Es ist immer meine Gewohnheit gewesen, den Leuten ins Gesicht zu sagen, was ich denke“, nicht nur aus dem Mund des Klinik-, sondern auch des Theaterdirektors schon im Wortlaut gehört zu haben. Viel von sich hat er in die Figur fließen lassen. Föttingers Bernhardi ist erst ein nonchalanter, dennoch apodiktischer Herrscher, changierend zwischen dem freundlichen Wissen um seine Bedeutung und deren Überschätzung, als er den Sturm auf sich zukommen sieht. Dann aber ist er bereit, den Preis für seine Integrität zu bezahlen.

Auf ironische Art hinterfragt er die ernstesten Angelegenheiten, wie Kicas Arbeit überhaupt bemüht ist, den schwarzen Humor der Götter in Weiß, den sarkastischen Grundton des Schnitzler-Textes nicht in der Gedankenschwere des Themas versinken zu lassen. Fürs Ende, nach Bernhardis Verbüßung seiner Haftstrafe, hat sich Föttinger weder ein Aufbegehren noch die Resignation überlegt. Sein Bernhardi ist ruhiger geworden, auch grantiger. Mitten im Weltanschauungskonflikt tritt er leise ab. Er will mit Politik, die ihn mittels einer nicht namentlich genannten Parlamentspartei erst zum Buhmann degradierte, nun – die Liberalen natürlich – zur Lichtgestalt machen will, nichts zu tun haben.

Die Ärzteschaft in heller Aufregung: Wojo van Brouwer, Johannes Seilern, Alexander Strömer, André Pohl, Peter Scholz und Michael König. Bild: Sepp Gallauer

Hochwürden hat keine Handschlagqualität: Matthias Franz Stein mit Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Aussprache mit dem Minister: Bernhard Schir als Teflonmann Flint mit Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Womit er der einzige ist. In Kicas Lesart macht jeder Politik, selbst der Geistliche, Matthias Franz Stein hat als Franz Reder seinen großen Auftritt nach der Pause, der die Moral seiner Kirche über medizinische Barmherzigkeit stellt, und der keinen Präzedenzfall schaffen wollte, indem er auf sein Recht aufs Sakrament verzichtete. Das Elisabethinum ist in zwei Lager gespalten. Für Bernhardi sind André Pohl als Ehrenmann Dr. Cyprian, Michael König als aufbrausender Dr. Pflugfelder oder – ganz wunderbar – Johannes Seilern als schelmischer Idealist Dr. Löwenstein.

Auf der Gegenseite gehen die Christen in Stellung. „Gegenüber anständigen Juden gibt es keinen Antisemitismus“, befindet Christian Nickel als Dr. Filitz mit vor Empörung zitternder Unterlippe ob der Affäre Bernhardi und droht zu demissionieren. Peter Scholz‘ Dr. Adler versucht sich mit Opportunismus über die Runden zu retten, doch selbst das Bernhardi-Protegé Wenger (Alexander Strömer) stellt sich gegen seinen Beförderer …

Kica lässt das alles in großer Einfachheit und Klarheit spielen. Keine Geste ist hier zu viel, kein Tonfall eine Übertreibung, die Aufführung ist so straight, wie die Männer, die in ihr auftreten. Das Bühnenbild ist weiß-grau-karg; zwei verschiebbare Wände und ein paar Versatzstücke genügen Kica, um Klinik und Privatwohnung des Professors anzudeuten.

Mit Föttinger dominieren zwei Darsteller das Geschehen. Florian Teichtmeister ist als Vizedirektor Dr. Ebenwald der Kronprinz-Gegenspieler und outet sich gleich in der ersten Szene als Antisemit. Weil Bernhardi bei der Klärung einer Fachfrage die Oberhand behalten hat, schießt er mit judenfeindlichem Geschütz: „Große Freude in Israel – wie?“

Gallig süffisant und gleichzeitig jovial dauergrinsend ist Teichtmeisters Ebenwald (im Pausengespräch meinte jemand: „Zum Speiben gut!“), ein ehemaliger Burschenschafter mit immer noch buberlhaftem Charme, den die Überzeugung verließ, als sie der Karriere schadete. Nun kann sie wieder hochkochen. Bernhard Schir überzeugt als Minister Flint (mit einem großartig bärbeißig-beamteten Martin Zauner als Hofrat Winkler an seiner Seite), ein eitler, großsprecherischer Teflonmann, als Politiker ein so guter Schauspieler, dass er seine Parolen bald selber glaubt. Schir gestaltet den Flint als Karl-Kraus’sche Figur. Er sei der Mann, der eben mache, was gemacht werden müsse, kommt ihm locker über die Lippen. Auch solche Aussagen erkennt man aus diesen Tagen wieder.

Bernhardis Maxime „Du sollst dich nicht in die Nähe der Politik begeben“ hält Föttinger übrigens nicht immer durch. In einer Werbekampagne zu Saisonbeginn produzierte die Josefstadt selbst satirische Fake News. Unter anderem fand sich da die „Meldung“, HC Strache gehe für ein Jahr in Bildungskarenz. Das veranlasste die FPÖ im Gemeinderat zu einer Anfrage an Andreas Mailath-Pokorny: Wegen der „Ehrenrührigkeit“ der Aussage solle er die Subventionsgelder vom Theater zurückfordern. Der Kulturstadtrat hat naturgemäß abgelehnt.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=uk82aGywkiM

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  1. 11. 2017

Theater in der Josefstadt: Der Schwierige

Oktober 7, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Konversationston den Kern getroffen

Michael Dangl als Kari Bühl und Matthias Franz Stein als Stani. Bild: Erich Reismann

Vom Leben leicht, aber doch ennuyiert: Michael Dangl als Kari Bühl und Matthias Franz Stein als Stani. Bild: Erich Reismann

Als die Mauer des Schweigens endlich fällt, sind nur Geschwätz, Geplapper, Plattitüden zu hören. Als die Fassade zusammenbricht, wird der Blick frei auf eine Schattenwelt der Reichen und Mächtigen. Denn ohne es selbst zu wissen, sind sie schon die Randfiguren, die über das Schicksal des Jahrhunderts nicht mehr bestimmen werden. Dafür lassen sie bereits einen anderen an der Außenlinie ihrer Gesellschaft balancieren. In kornblumenblauem Anzug und mit Blondschopf.

„Es gibt Leut‘, in deren Mund sich alle Nuancen verändern“, heißt es an einer Stelle über ihn. Janusz Kica hat am Theater in der Josefstadt Hugo von Hofmannsthals „Der Schwierige“ inszeniert, jenes hintergründige Lustspiel, an dem der Autor elf Jahre feilte, Hofmannsthal, der Sprachzweifler und -verzweifler, der genau diese Eigenschaften seinem Protagonisten auf den Leib schreib. An einem einzigen Tag hat dieser Hans Karl Bühl, genannt Kari, mehrere Liebesangelegenheiten zu lösen. Er will seinen besten Freund Hechingen wieder mit dessen Ehefrau Antoinette versöhnen, sie nebenbei Karis letzte Affäre, und soll auf Geheiß seiner Schwester Crescence seinen Neffen Stani mit der jungen Helene Altenwyl verloben. Für die aber hegt Kari Gefühle, die er sich nicht einzugestehen vermag.

Der Rest sind Irrungen und Wirrungen und ein groß angelegtes Panorama einer Welt von Gestern, die bei Kica ihre Ansprüche allerdings erst aktuell abgegeben zu haben scheint. Als wär’s ein Wahlgang. An dessen Ende bekanntlich immer eine Urne steht. Kica trifft mit dem Hofmannsthal’schen Konversationston den Kern der Sache, er hat an der Patina dieses Gesellschaftstableaus gekratzt, bis einem die Gegenwart grell entgegenleuchtet, er holt dieses doch ein wenig aus der Zeit gefallene Stück vortrefflich ins Hier und Jetzt. Und die Josefstädter verstehen all diese subtilen Zwischentöne auch zu spielen. Der Tonfall, er ist eben der ihre, die Sachverständigen für Salonkomödie bewegen sich gepflegt und sicher auf ihrem Terrain. Über das sie herrschen, wie wohl derzeit kaum ein anderes Theater im deutschsprachigen Raum.

Alma Hasun als Helene Altenwyl mit Michael Dangl. Bild: Erich Reismann

Noch keine Liebeserklärung: Alma Hasun als Helene Altenwyl mit Michael Dangl. Bild: Erich Reismann

Roman Schmelzer als Hechingen mit Pauline Knof als Ehefrau Antoinette. Bild: Erich Reismann

Roman Schmelzer als Hechingen mit Pauline Knof als Ehefrau Antoinette. Bild: Erich Reismann

Im spartanischen Bühnenbild von Karin Fritz brilliert Michael Dangl als Kari Bühl. Er ist weniger Molière’scher Misanthrop, auch dieser Art wird der Charakter ja mitunter gedeutet, als ein charmanter Äquidistanz-Halter zum (anderen) Ende der Menschheit, und er ist ein durchaus spitzbübisches Schlitzohr. Als Baseline spielt Dangl dazu das Trauma eines Kriegsheimkehrers, eines im Feld verschütteten, und vielleicht rührt daher ja diese Furcht vor allem, was im Leben gut und schön sein kann. Kari schwärmt vom Clown Furlani, einem dummen August im Zirkus, und dies die treffendste Beschreibung für Dangls Rollengestaltung: einer, der allen helfen möchte, alles klären möchte, und alles in Konfusion bringt; einer, der nichts mit Absicht tut, aber beständig auf die Absichten der anderen reagieren muss. Dann wieder berührt er in intimen Momenten mit Alma Hasuns Helene. Er gibt seinem Spiel tausend Facetten und alle sind sie faszinierend anzuschauen.

Mit ihm auf der Bühne ganz großartig Ulli Maier als seine exaltierte Schwester Crescence, Pauline Knof als manisch-hysterische Antoinette Hechingen, Alexandra Krismer als ihre geschwätzige Freundin Edine oder Therese Lohner als ihre Kammerjungfer, die sich mit ihrer Herrin längst als ein „Wir“ versteht. Die Damen schrauben sich darstellerisch in lichte Höhen, daneben gibt Roman Schmelzer als abservierter Ehemann Hechingen den guten Tropf, die dritte Partei, der definitiv das Je ne sais quoi und die Sleekness fürs großbürgerliche Parkett fehlt.

Zweitere bringt per Geburt der Stani von Matthias Franz Stein mit. Stein gestaltet einen Schnösel par excellence, einen, der von den eigenen großen Plänen leicht, aber doch ennuyiert ist, gestaltet die Sorte Reiterhammerl-Rich-Kid, die, mit dem goldenen Löffel großgefüttert, nun glaubt, über das Wohl und Wehe anderer urteilen zu dürfen. Mutmaßlich nie zuvor war Stein in seiner Darstellung so prägnant, wie in dieser Rolle, als einer, der nie um eine Antwort verlegen ist, an dem nie auch nur der geringste Selbstzweifel nagt, das personifizierte Coming out des neuen Selbstbewusstseins – man sieht seinem Stani zu, wie er sich mit Teflon überzieht und weiß, da wird einer, auch wenn er jetzt noch in der zweiten Reihe steht, Karriere machen. Der Tag X wird kommen.

Die Schattenwelt und der Eindringling: Alma Hasun, Michael König, Michael Dangl, Ulli Maier und Christian Nickel als Neuhoff. Bild: Erich Reismann

Die Schattenwelt und der Eindringling: Alma Hasun, Michael König, Michael Dangl, Ulli Maier und Christian Nickel als Neuhoff. Bild: Erich Reismann

Wohl auch für Christian Nickels Neuhoff. Der sympathische Schauspieler überzeugt in einer für ihn ungewöhnlichen Position als unsympathischer Emporkömmling. Sein Neuhoff ist ein Anbiederer an die alten Machtverhältnisse und speit vor Zorn Gift und Galle über sie. Er verachtet vor allem Kari und will ihn durch Schmeicheleien doch für sich gewinnen. Er ist der Raubfisch im gutsituiert-trägen Karpfenteich.

Wie er stammtisch-eloquent herumscharwenzelt, aber wenn er seine Ziele nicht erreicht, dann plötzlich in pure Gewalt ausbricht, da zeigt Nickel neue Seiten seiner Kunst. Noch wird sein Neuhoff geschlagen vom Platz gehen, noch haben Stani und er sich in gegenseitiger Geringschätzung nichts zu sagen, noch … Janusz Kica ist es mit seiner Arbeit nicht nur gelungen, den Hofmannsthal’schen Text mit hohem Anspruch umzusetzen, er hat daraus auch eine Art Gesellschaftsfarce gemacht, eine, wenn man’s denn so sehen möchte, Politsatire, die auf Fragen verweist, auf die man sich möglichst schnell eine Antwort suchen sollte. Die Bilder gleichen sich, die Personen sind bekannt.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Ty5qAJv13nQ

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Wien, 7. 10. 2016

Theater in der Josefstadt: Auslöschung

Februar 26, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fulminantes Solo für vier Schauspieler

Wolfgang Michael und Udo Samel Bild: Sepp Gallauer

Wolfgang Michael und Udo Samel
Bild: Sepp Gallauer

Der Vorhang geht erst gar nicht auf. Rot und schwer lastet er auf der Bühne und bewegt sich später nur, um den Blick auf eine Holzhölle freizugeben: Baumstämme eines Stammbaumschattenreiches mit Fluchtlinie im Nirgendwo. Man kann seinem Erbe nicht entkommen, sagt Thomas Bernhard, sagt das hierfür von Hansjörg Hartung erfundene Bild. Franz-Josef Murau, der dem Publikum seine Geschichte erzählt, ist zu diesem Zeitpunkt längst tot, aber das erklärt sich nicht, das ist überflüssig. Weil sich ohnedies erschließt, dass die vier Männer, die er sind, ein Geist, besser: eines Widerspruchsgeistes sind, und das Gespenst ihrer Vergangenheit jagen. Oliver Reese, Chef des Schauspiel Frankfurt und designierter Leiter des Berliner Ensemble, hat am Theater in der Josefstadt Thomas Berhards „Auslöschung“ inszeniert.

„Auslöschung“ ist das letzte befindlichkeitsverliebte Bernhard-Bulletin, die Zerfallsschrift eines monomanischen Monologprotagonisten, eben jener Murau, nunmehr Professor in Rom, früher Familiengefangener im verhassten oberösterreichischen Wolfsegg, wo ihn das Nationalsozialistischkatholische und die dumpfe Dummheit seiner Umgebung fast zu Grunde gehen ließen. Ein Umstand, ein Zustand, den er mit einem ins Uferlose mäandernden Erzählfluss einzudämmen sucht. Ein sich selbst bemitleidendes Leiden, lebenslänglich, dem erst intellektuelles Ersatzdenken eine lindernde Existenz verschaffte. Nun aber Autounfall, Telegramm, Begräbnis, Testament und deshalb Heimkehr. Reese hat den Bernhard’schen Tonfall gut getroffen. Besser als andere, die sich an anderer Stelle um die dramaturgische Destillation dessen bemühten, das sich nach Leibeskräften dem Theatralen zu entziehen sucht. Es scheint, denkt man, seit Längerem eine Art Romanuraufführungserkrankung unter Regisseuren zu geben, doch Reese hat Erfahrung. In Frankfurt hat er alle fünf autobiografischen Bernhard-Bücher in einen Theaterabend gepackt. Was von den dortigen Zuschauern heftig akklamiert wurde. Nun ist ihm mit seiner szenischen Einrichtung von „Auslöschung“ in Wien naturgemäß selbiges gelungen.

Reese wendet einen Theatertrick an. Er teilt den Murau auf vier Spieler, heißt: auf vier Stimmen in einem Kopf: ich denke – wie ich denke – was ich denke – während ich es denke. Wolfgang Michael, Christian Nickel, Udo Samel und Martin Zauner üben sich als Pars pro toto im Parallelselbstgespräch; der Mensch wird während dieses Solos für vier Schauspieler ein Abbild seiner Imagination. Reese hat seinen superlativischen Suderanten sehr schön den Bernhard’schen Schalk in den Nacken gesetzt, mit ihnen der Erregung am Zerfall, der Lust an dieser Erregung und der Auflehnung im Aufschreiben nachgefühlt. Die familiär zugefügten Deformationen sind ja immer die schlimmsten, und so ist dieser Murau ein weiterer hassverschwenderischer Herrenhausvertriebener des literarischen Wiederholungstäters, den die Darsteller je nach körpereigener Betriebstemperatur zwischen Verzweiflungsvirtuosen, Mißmutsmanieristen und Verdrossenheitskomiker anlegen. Wie es hier steht, ist es schon falsch, weil zu einschränkend, zu beschreiben, Nickel verkörpere das lebenslang Liebe suchende, verletzte Kind, Samel den im Genussverbotscharakter versteckten Epikueer und Zauner die Art Zyniker, die Thomas Bernhard als vorletzten österreichischen Volksdichter ausweist. Mit Wolfgang Michael jedenfalls zieht der Wahnsinn in die Figur ein.

Das Quartett erweist sich als hochgradig geeignet für Bernhards hochmusikalische Übertreibungskunst. Seiner fulminanten Bühnenpräsenz ist es zu danken, dass der Abend Schauspiel statt Vortragsstück geworden ist. Aus Muraus Kopf evozieren sie weitere Dustergestalten, Samel und Nickel verzücken als tödlich schwesterliches Dirndl-Duett Caecilia und Amalia, Samel zeigt sich auch noch als Nestbeschmutzer-Onkel Georg, Nickel als Mutters erzbischöflicher Ex-Liebhaber und Muraus Möglichkeitsvater SpadoloniZauner schlurft als einer von Muraus „feinnervigen“ Gärtnern über die Bühne. Sie alle sind von Reese wie aus den Schilderungen Muraus herausgeschält. Reese erweist sich als sehr exakter Regisseur, der seine Schauspieler präzise zu führen weiß, seine detailverliebten Einfälle statten deren Kanon aus.

Reese interessiert sich mehr für die Wolfsegger Familienaufstellung denn für die Bernhard’sche Perpetuum-mobile-Staatsschelte, als deren Opus summum „Auslöschung“ gelten darf. Er lässt die Zustandsbeschreibung eines immer noch an der offenen Gruft seiner Vergangenheit und dabei schon am Grenzzaun seiner Zukunft stehenden Landes fast zur Gänze aus. Dieser das Österreichertum als die Todesstrafe unter den Nationalitäten auslassende Blick, dieser des politischen Querulantentums entkleidete Zugang, ist ein hierzulande ungewohnter zum Werk des heuer 85 Jahre alt geworden wärenen Autors. Wo doch seine skandalumwehten Pauschalurteile naturgemäß als ewig gültige gelten müssen! Sozialdemokratische Parteiführer und katholische Kirchenfürsten im Schweigen übers Menschenunrecht vereint. An jedem Morgen, in den hinein wir aufwachen, müssten wir uns ja für dieses heutige Österreich zutode schämen. Vielleicht hat Oliver Reese ja erkannt, dass das ohne Martin Humer ohnedies nur noch der halbe Spaß gewesen wäre …

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Wien, 26. 2. 2016

Theater in der Josefstadt: Wolfgang Michael im Gespräch

Theater in der Josefstadt: Vor Sonnenuntergang

September 4, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Michael König brilliert als alter Clausen

Martina Ebm, Michael König Bild: Sepp Gallauer

Martina Ebm, Michael König
Bild: Sepp Gallauer

„Bin ich noch in meinem Haus?“, sind die kolportiert letzten Worte von Gerhart Hauptmann. Der Literaturnobelpreisträger hätte sie auch seinem letzten großen Theaterhelden, dem Geheimen Kommerzienrat Matthias Clausen, in den Mund legen können. Wollen den doch seine Kinder und Schwiegerkinder von der Macht in die Ohnmacht verbringen, weil der zuletzt am Leben schwächelnde Witwer sich im hohen Alter von 70 Jahren erdreistet mit einer jungen Frau, Inken Peters, wieder zu Kräften zu kommen. Die Liebe! Oder so. Modern ist dieser Ansatz eines Stücks aus dem Jahr 1932, in dem ein geschundener Geist in einem gesunden Körper ein Pendant zu finden hofft. So zeitlos, wie die Regiearbeit von Janusz Kica, mit der das Theater in der Josefstadt die Saison eröffnete. Geboten wird, wäre dieses Wort nicht so absurd, weil es kein Theater ohne Schauspieler gibt, man müsste es hier schreiben: großes Schauspielertheater. Michael König brilliert als alter Clausen, Martina Ebm spielt die Inken. Das Ensemble der Josefstadt erweist sich in diesem Kampf der Generationen einmal mehr als homogen in Sprache und Stil. Und Kica einmal mehr als einer, der seine Akteure liebt und anzuleiten weiß.

Im kühlen Bühnenbild von Karin Fritz – ein drehbares Podest als sachlicher Salon, das zuletzt noch mit einem Lichteffekt punktet, ein großkotziger Kamin in Grabsteinoptik – entfaltet er den Hauptmann’schen Figurenreigen. 16 Personen. Und Kica hat sie alle im Blick. Keine, die er nicht mit feiner Feder skizziert, keine, die er nicht in ihrer Vielseitigkeit schillern lässt. Er inszeniert das große Ganze bis ins kleinste Detail, sozusagen das missbilligende Lupfen der einen und anderen Augenbraue als ob es das ganz Große wäre. Er inszeniert vielsagende Blicke, beredtes Schweigen, stummen Protest, der mindestens so laut ist wie der wortreiche, und bringt so einen gewissen Witz ins Spiel (beispielsweise beim großartig grotesken „Tanz“ rund um den Frühstückstisch, wenn Clausen Inken seiner Familie vorstellt). Die Geste, gleichberechtigt, konterkariert oder unterstreicht das Gesagte. Der Text wird so lapidar fallengelassen, so nebenbei ausgestoßen, wie der Zigarettendunst, mit dem sich die großbürgerliche Familie unzulässige Emotionen in Kette wegraucht. Bis zur Pause hält Kica die Darsteller auf Betriebstemperatur, dann erhöht er von Szene zu Szene auf meist rotierender Bühne die Drehzahl. Bis zur Überhitzung. Wirkungssicher.

Die Josefstadt hat die Kräfte, die Kicas Regieintentionen stemmen können. Etwa Martina Stilp als kalte, arrogante Schwiegertochter Paula, von Hauptmann als „Paprikaschote“ beschrieben, hier eine Königs Kobra, die ihrem schwachen Ehemann die Männlichkeit, wenn schon nicht genommen, so zumindest abgesprochen hat. Den, Wolfgang, Clausens ältesten Sohn, einen Philosophieprofessor, gibt Christian Nickel mit aufgesetzt rechtschaffener Entrüstung als einen, der neben der Welt steht – außer, wenn es ums Geld geht.  Gebildet, aber ohne Herzensbildung. Raphael von Bargen ist als Schwiegersohn Klamroth ein grauslicher Managertyp, selbsternannter Nachfolger Clausens als Rudelführer, der beim Alles-Tun für den Machterhalt zwischen Privatsekretär Wuttke (Matthias Franz Stein) und Diener Winter (eine Type: Alexander Waechter) gegen Wände läuft. Pauline Knof legt Clausen-Tochter Bettina zerfahren hektisch an, eine bigotte Schein-Heilige, eine seufzende Pflichterfüllerin, die doch nur um ihren Platz als erste Dame des Hauses fürchtet. In dieser Schlangengrube ist Siegfried Walther als loyales Schlitzohr Dr. Steynitz einer der wenigen Verbündeten des neuen Paares.

Martina Ebm hat ihre Inken vom Image des Kleineleutemädchens losgelöst, sie ist kein bisschen „Backfisch“, sondern sehr bald aufmüpfig, selbst bestimmt und – so fragt man sich zumindest im ersten Teil – auch berechnend? Dass sie laut Hauptmann „burschikos“, also in Hosen, geht, passt. Sie hat trotz Altersunterschied in der Beziehung die Hosen an. Michael König ist als Zeitungsmagnat und Potentat darstellerisch Primus inter Pares. Seinen Kindern gegenüber aufbrausend, versprüht er für Inken subtil-verhalten genau die Dosis Charme und Virilität, die glaubhaft macht, dass ihm eine so junge Frau zufliegt. Sein Herz und Hirn stehen in Flammen. Und mutmaßlich die Hose. Ebm fehlt das Vokabular der Verliebten. Sie ist von Anfang an mehr auf Konfrontations- denn auf Kuschelkurs. Kica holt sich den sogar bei der Uraufführung verschmähten fünften Akt heran. Bei ihm stirbt Mann doch nicht am Herzen, wiewohl man’s beim ultimativen Verrat heftig brechen hört, so einer muss sich selbst aus dem Leben schaffen! „Der neue Lear“ wollte Hauptmann sein Drama ursprünglich nennen, und wie der Shakespeare-Charakter wird nun auch Michael König überlebensgroß. Vom Verdammer zum Verdammten. Wahnsinnig. Nackt in der Ödnis. Am Ende jeder Unternehmens/Kultur. Das Publikum bedankte die Vorstellung mit lautem Jubel. Müßig hier Superlative zu bemühen. Clausen ist tot, lange lebe der König!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=4p0vxYHvzHs

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Wien, 4. 9. 2015