Home-Stage – Das Online-Musical

Mai 20, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Gernot Kranners Antwort auf die #Corona-Krise

Bild: Home-Stage – Das Online-Musical

In Zeiten von #Corona suchte Sänger, Schauspieler und Regisseur Gernot Kranner Mitstreiter zur musikalischen Einfassung der Quarantäne-Isolation. Gesagt, getan – schon entstand „Home-Stage – Das Online-Musical“, dessen erste Episode nun zu sehen ist. Die Story: Sechs Darstellerinnen und Darsteller sollten einander bei den Finals einer Audition zu einem neuem Musical treffen.

Einer Uraufführung, über die bereits einiges spekuliert wurde, aber noch nichts Genaues bekannt ist. Doch dann kommt Corona und nichts ist mehr so wie vorher. Ab sofort gilt Kontaktverbot und Ausgangsbeschränkung. Der Regisseur bekommt gegen seinen Willen von den Produzenten die Vorgabe, einen Online-Workshop, der einmal wöchentlich stattfindet, abzuhalten, um die Produktion zu retten. Voraussetzung für die sechs, irgendwann einmal auch in dem Stück auf einer Bühne zu stehen, ist also, dass man einander alle zwei Wochen via Video-Konferenz trifft und gemeinsam einen neuen Song einstudiert und einander besser kennen lernt.

Also lassen sich alle sechs darauf ein. Was ist schon dabei, sich einmal via Skype zu sehen und gemeinsam zu proben und ein wenig besser kennen zu lernen? Marie, Debbie, Joe, Cake, Sam und Timmy sind nach kurzer anfänglicher Unsicherheit aufgrund der vollkommen neuen Situation relativ schnell bereit, bei dem Experiment mitzumachen. Und dann ist da noch Joes kleiner Bruder Tonio, der sich nichts sehnlicher wünscht, als ebenfalls einmal Musicaldarsteller zu werden, und der sich ziemlich selbstbewusst in das Geschehen einmischt.

Die Regisseure Reinwald und Gernot Kranner. Bild: Home-Stage – Das Online-Musical

In jeder Folge wird vom Regisseur zu Beginn das Material für einen neuen Song verteilt, der Teil der Show werden soll. Ab Folge zwei ist auch immer ein Special Guest, ein Musicalstar aus dem deutschsprachigen Raum, mit dabei. Man darf also gespannt sein … Regie führt Gernot Kranner, Musik und Buch sind von Katrin Schweiger und Thomas Neuwerth, die Choreografie von Barbara Castka. Den „Home-Stage“-Regisseur singt und spielt Gernot-Bruder Reinwald Kranner, mit ihm im Cast: André Haedicke, Nick Körber, Chris Green, Sarife Afonso, Nicole Rushing, Philipp Fichtner und Jonas Tonnhofer. Die Sets sind die Privatwohnungen der Darstellenden, ihr Gärten und andere Locations in Freien, soweit das die jeweiligen Corona-Maßnahmen erlauben.

www.facebook.com/homestagedasonlinemusical           Trailer: youtu.be/jjzqZQeXabk

www.youtube.com/channel/UC7lBktcTnxm9DfM5yT3LX2g

20. 5. 2020

National Theatre online: Frankenstein

Mai 3, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Benedict Cumberbatch brilliert als Monster wie Victor

Benedict Cumberbatch und Jonny Lee Miller spielen alternierend das Monster und dessen Schöpfer Victor Frankenstein. Bild: Clare Nicholson

Etwas wahrhaft Einmaliges bietet das Londoner National Theatre nun im kostenlosen Stream an: Mary Shelleys „Frankenstein“, für die Bühne adaptiert von Nick Dean, inszeniert vom als Filmemacher bekannten Danny Boyle – mit Superstar Benedict Cumberbatch und Boyles „Trainspotting“- Longtime-Companion Jonny Lee Miller in den Hauptrollen. Und dies alternierend! Zu sehen bis 8. Mai auf ntlive.nationaltheatre.org.uk.

Die Inszenierung ist mit einem Wort brillant. Boyle und Dean konzentrieren sich auf das Opfer der Wissenschaft, heißt: das „Monster“, erst nach mehr als der Hälfte der zweistündigen Spielzeit hat Victor Frankenstein seinen Auftritt, und entstanden ist so ein intensiver, intelligenter, von humanistischem Denken durchtränkter Abend. Eigentlich zwei, denn es lohnt, beide Versionen anzuschauen, da beide Darsteller doch differente Auffassungen der Schöpfung und ihres obsessiven Schöpfers verkörpern. Ihre Performances zu vergleichen, ist ein unvergleichliches Theatervergnügen.

Durch die schauspielerische Dopplung wird die Charakterspiegelung umso deutlicher, wird einer umso deutlicher des anderen Alter Ego, sehr heutig mutet diese Furcht vor dem Fremden und dem Unverständlichen an, auf das ergo Jagd gemacht werden muss, aber auch Mary Shelleys Aufbegehren gegen ungerechte sozial-gesellschaftliche Strukturen findet seinen modernen Widerhall. Wer jedoch, to cut a long story short, nur für eine Aufführung Zeit findet, sollte Miller als Kreatur und Cumberbatch als Victor wählen.

Das Setting, das Ausstatter Mark Tildesley und Lichtdesigner Bruno Poet, nomen est omen, entworfen haben, ist atemberaubend. Unterm rotglimmenden und elektrische Blitze aussendenden Sternenzelt wird unter Schmerzen die Kreatur geboren, als künstliche Gebärmutter steht eine riesige Hautmembran auf der blutig beleuchteten Bühne, darin pulst und bewegt es sich, bis es herausfällt – das Neugeborene, ecce homo, nackt und erbarmungswürdig, zappelnd wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Und der Schöpfer? Kein liebevoller Vater, sondern einer, der’s mit der Angst kriegt und seinen Schutzbefohlenen verstößt, direkt vor die Eisenbahn, auf deren dampfender Lokomotive Danny Boyles liebste Brit-Band Underworld, Karl Hyde und Rick Smith, nun angebraust kommt, als wär‘ das Industriezeitalter aller Laster Anfang. Mit „Dawn of Eden“ (www.youtube.com/watch?v=LLbbWlTgS4w) untermalt diese musikalisch, wie die Kreatur aufsteht, herumstolpert, sich an der Natur erfreut und ihr ausgeliefert ist, der eigenen wie Spatzenschwarm und Regenguss, verprügelt und halb verhungert, bis sie ein Buch findet, 〈Mary Shelleys?〉, und kichernd die Seiten rascheln lässt.

Miller wie Cumberbatch leisten körperliche Schwerstarbeit, die Performance aus sabberndem Grunzen und spastischen Gesten im Bildschirm-Closeup in ihren feinsten Nuancen zu würdigen, sehr symbolisch ist, was passiert – und in cineastischem Sinne sinnlich. Cumberbatchs Kreatur besitzt Humor wie Pathos: Sein Eintritt in die Welt ist ein hilfloses Hineinwackeln ins Land kindlicher Neugier; unter De Laceys Fittichen wird er zum Schüler – Karl Johnsohn auch als verarmter, vom Großbürger zum Altbauern gewordener Blinder ein King Lear.

Und wunderbar tragikomisch ist, wie der Lehrmeister seines Pflegesohns „Piss off! Bugger off!- denn etwas anderes hatte der zuvor nie gehört -Wortschatz erweitert. „Someone will love you, whoever you are. Love can overcome prejudice“, sagt De Lacey, der des Monsters Zurichtung freilich nur ertasten kann, und dieses erwidert erstaunt: „What is love?“ Da hat das Live-Publikum gut lachen, bei den Dialogen zwischen dem zaghaften Erkunder seiner Existenz und dem Philosophen, der weniger an Gott, denn an Verstand und Vernunft glaubt.

Benedict Cumberbatch und Haydon Downing. Bild: Catherine Ashmore

Benedict Cumberbatch und Jonny Lee Miller. Bild: Catherine Ashmore

Naomie Harris und Benedict Cumberbatch. Bild: Catherine Ashmore

Episch ist’s, wie Cumberbatch John Miltons „Paradise Lost“ rezitiert, und ergreifend, wie er die Friedhofserde als seinen Ursprungsort erkennt, entsetzlich, als er empört über seine neuerliche Vertreibung durch De Laceys Sohn Keusche samt Bewohnern niederbrennt. „I sweep to my revenge,“ diesen Satz schreit auch Jonny Lee Miller, doch seine Kreatur ist ungleich animalischer, auf eine gewisse Art männlicher, also gefährlicher, die Stimme rauer, tiefer, lauter, also aggressiver. Dass das Monster an Ella Smiths „Gretel‘s“ Schoß schnüffelt, hatte man bei Cumberbatch gar nicht bemerkt, auch nicht, dass es der Dirne den Schnaps aus der Hand nimmt, trinkt, spuckt.

Und auch die Tanzillusion von Andreea Paduraru als Female Creature wird durch Millers Reaktion zum eindeutig sexuell konnotierten Traum. Dazu passt nun neckisch De Laceys „Was it a good dream?“ – „It was pleasing!“, doch grauenhaft klar wird erst bei diesem zweiten Mal Sehen, dass Eva hier bereits ihr Ende andeutet. Wirkt Cumberbatch wie ein naiv Wissbegieriger, so Miller als ein verzweifelt Suchender, wo der eine schüchtern nachhakt, muss der andere vehement widersprechen. Mit Miller mutet die Inszenierung insgesamt gewalttätiger an, gegen Miller ist das Cumberbatch-Monster ein Elegiebürscherl, welch ein Paradebeispiel dafür, wie ein Protagonist das große Ganze prägt.

Wenn Millers Monster Frankensteins kleinen Bruder William auf seine Schultern hebt, bangt man in der Minute um dessen Leben. Bei Cumberbatch gehört die Schuld dafür, da ja zum Mord getrieben, letztlich Victor. Und als die Kreatur Victors Braut vergewaltigt, bevor sie sie tötet, ist es, als würde sie lediglich die dunklen, unterdrückten Wünsche ihres Schöpfers erfüllen. Jonny Lee Miller ist ein obsessiv-eisiger Wissenschaftler, der sein Werk vor die Liebe stellt, denn auch er kennt deren wahre Bedeutung nicht, sein Frankenstein ganz Herrenmensch, selbstgerecht und frauenverachtend, nur George Harris als sein Vater ist noch herrischer als er.

Nach der Panik in der Anfangssequenz platzt er nun vor Stolz auf sein großes Experiment, dies Ausdruck seines großen Geistes, und wird von Cumberbatchs Kreatur darob als „genius“ verspottet. Auf Millers überraschtes „It speaks!“ schleudert diese ihm ihre tiefe Verachtung entgegen – warum sie gemacht wurde? „To prove that I could!“ – „So you make sport with my life?“ – „In the cause of science!“ Und wieder Paradise Lost, und Cumberbatch sagt: „God was proud of Adam, but it’s Satan I sympathize with.“ Wie aus der natürlichen Veranlagung zum Guten durch gesellschaftliche Deformation Böses entsteht, wow! Nick Dean!

Der in der Figur von Frankensteins Dauerverlobter Elizabeth auch Mary Shelleys feministischer Kritik an der männlichen Usurpation des Gottesbegriffs zu ihrem Recht verhilft. Millers Frankenstein, der Egomane mit dem Gottkomplex, wird also in dieser Auseinandersetzung dank des Monsters Logik an die Wand argumentiert, die Szene das Herzstück der Aufführung, da begegnen sich zwei Ebenbürtige auf Augenhöhe, sowohl was die Charaktere als auch deren Darsteller betrifft. Und über allem steht Danny Boyles Frage zu Deans von Glaubensfragen durchzogenem Text – nämlich, wer das Monster ist, wer abstoßend, wer ekelerregend.

Beider Hybris ist herausragend, was Wunder, dass sie einen Pakt schließen, was Wunder, dass einer des anderen darling – und beide Male ist sie Frankensteins Braut – killen wird. Mary Shelleys zweiten Romantitel „The Modern Prometheus“ bedient Cumberbatch, indem er aus diesem eine Lord-Byron’sche Figur macht. Sein Frankenstein ist ein nobleman mit jungenhaftem Charme, gleichzeitig ein in sich und seine wissenschaftlichen Theorien versponnener Forscher, subtiler im Gift und Galle Spucken, enthusiasmiert und hibbelig, sobald das neue Projekt der Leichenteil-Braut ansteht.

Benedict Cumberbatch. Bild: Catherine Ashmore

Naomie Harris und Jonny Lee Miller. Bild: Catherine Ashmore

Karl Johnson und Cumberbatch. Bild: Catherine Ashmore

Underworld mit Ensemble. Bild: Catherine Ashmore

In beiden Rollen verhalten sich die Proportionen Millers zu Cumberbatchs wie eine archaische Religion zur reformierten Kirche, ist Millers Monster verstörender und einen emotional angreifender, so Cumberbatchs Frankenstein ein Künstler. Schock und Spaß sitzen nun an anderer Stelle, die Schlüsselszene ist jetzt die Präsentation der weiblichen Kreatur, ob der der grüblerische Schöpfergott und sein entfesselter Satan rasch zu Rivalen im Wettstreit ums ewige Weib werden.

Der Januskopf im Auge-um-Auge-Kampf, da hat auch Cumberbatchs „Mein Herz schlägt wie deines“-Griff an Elizabeths Busen nichts Harmloses mehr, weil sich Miller danach in den Schritt greift. The Erbsünde-apple is eaten, um’s Denglisch zu formulieren, he will harm her, und fabelhaft ist, wie sich die Mit- auf vier verschiedene Hauptakteure eingelassen haben. Allen voran Naomie Harris als Elizabeth, die dem Monster als gute Christin mit Mitgefühl begegnet und dafür dessen Rechnung mit Frankenstein bezahlt, ihre Schändung zweifellos der affektive Höhepunkt in deren Ringen, sein zu wollen, wer man ist und wer einen daran hindert.

Harris verleiht Elizabeth große Tiefe und harmoniert mit Miller wie Cumberbatch hervorragend, keineswegs unterwürfig konfrontiert sie ihren Endlich!-Ehemann mit der Klage, warum er ein künstliches Kind, statt eines so sehnlich gewünschten mit ihr erschaffen hat, eine Szene voll aufgestauten Leids und Leidenschaften. Den düsteren leeren Raum mit seiner ahnungsvollen Atmosphäre durchbricht Boyle mit kleinen skurrilen Momenten, wie’s nur die Briten können.

Mark Armstrong als Rab und John Stahl als dessen Onkel Ewan sind kauzige Grabräuber, die beim Buddeln unbeschwert in originellem Orcadian-Dialekt schwatzen, darin Hamlets Totengräbern nicht unähnlich, ebenso wie Ella Smith sowohl als des Monsters Prostituierte Gretel als auch als Frankensteins Bedienstete Clarice eine Falstaff-Frau ist. Hayden Downing ist als William Typ wohlerzogener Spitzbub.

Fazit: Cumberbatch und Miller brillieren in allen Facetten von Wahnsinn, ist des ersteren Kreatur ein sensibler Intellektueller, überzeugt Miller mit Gefühl und Furor. Kann Cumberbatch auch das lächerlich Selbstverliebte in Frankenstein zum Vorschein bringen, so Miller dessen irritierende Skrupellosigkeit. Der Rollentausch hebt die Ironie des Gezeigten hervor, wie schnell sich in der Welt doch der Platz von Herr und Sklave drehen, und am Ende … bleiben beide für immer Verbundene. Hier im ewigen Eis. Eine Warnung für zartbesaitete Gemüter: Bei der Brautkammerszene wäre ich vor Schreck fast vom Stuhl gefallen. Und das zweimal, nein!, eigentlich: viermal.

Cumberbatch und Jonny Lee Miller. Bild: Catherine Ashmore

Cumberbatch und Jonny Lee Miller. Bild: Catherine Ashmore

Cumberbatch als Monster, bis 7. Mai: www.youtube.com/watch?v=tl8jxNrtceQ&feature=youtu.be

Cumberbatch als Victor Frankenstein, bis 8. Mai: www.youtube.com/watch?v=dI88grIRAnY&feature=youtu.be

www.nationaltheatre.org.uk           ntlive.nationaltheatre.org.uk

Trailer: www.youtube.com/watch?v=DmkQHV8e4Rk          www.youtube.com/watch?v=XKNNZKAu12g            www.youtube.com/watch?v=9NPlf4CEExU           www.youtube.com/watch?v=psAtbHDdaOU&t=23s

Benedict Cumberbatch, Jonny Lee Miller, Danny Boyle und Nick Dear im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=wanlO8fb1co           www.youtube.com/watch?v=E67Ty4diDgE           www.youtube.com/watch?v=8yUMbxSTWqg

3.5. 2020

The Phantom of the Opera at the Royal Albert Hall – online auf The Show Must Go On!

April 18, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein viktorianisches Schauerstück wird zur Opernsatire

Der Rote Tod erscheint auf dem Maskenball: Ramin Karimloo als das Phantom auf Bühne und Leinwand. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

Musical-Titan Andrew Lloyd Webber bietet dieser Tage seine berühmtesten Werke auf dem Youtube-Channel „The Show Must Go On!“ als kostenlosen Stream an. Zum Wochenende je ein neues, am Karfreitag war das selbstverständlich „Jesus Christ Superstar“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39238), gestern folgte „The Phantom of the Opera at the Royal Albert Hall“ aus dem Jahr 2011, das bis inklusive Sonntagabend online ausgestrahlt wird.

Weiland war die Bühnenproduktion zum 25-Jahr-Jubiläum des Phantoms live in Kinosäle auf der ganzen Welt übertragen worden. Eine Aufzeichnung davon, die elektrisierende Atmosphäre des großen Ganzen und – als Überblendungen – spezielle Close-Ups der Darsteller gibt es nun zu sehen, die Gemeinschaftsarbeit von Theaterregisseur Laurence Connor und Filmregisseur Nick Morris eben mehr als ein „Mitschnitt“, sondern ein eigenständiges Erlebnis – und als solches eins nicht nur für eingefleischte „Phans“.

Denn tatsächlich, die zuletzt 1988 in der goldenen Peter-Weck-Ära gesehene Musikschmonzette hat an Dramatik nichts eingebüßt. Immer noch spektakulär ist der damalige Aha-Effekt aus Nebel-Wasser-Barke-Kerzenschein, die Hits von „The Music of the Night“ bis „The Point of No Return“ sowieso, und um’s gleich zu sagen: In London’s most iconic venue saust der Kronleuchter nicht mit Karacho Richtung der Zuschauerköpfe, er explodiert in der imperialen Höhe des Konzertsaals – fürs Filmpublikum heißt das natürlich Vogelperspektive und „hautnah“.

Derart sitzt man beim #stayathome auf den besten Plätzen. Was die Magie des Moments, die Emotionen, die leidenschaftliche Stimmung betrifft, und auch den Sound. Das von Anthony Inglis dirigierte 45 Mann und Frau starke Haus-Orchester thront dafür auf einer Plattform oberhalb des Bühnengeschehens, hinter sich eine gigantische Vidiwall für etwaige Groß- und Backstage-Aufnahmen, beispielsweise sieht man das Phantom beim Verfassen seiner „Operngeist“-Anweisungen an die Direktoren, alldieweil die Messieurs Firmin und André diese dreisten Billets bereits lesen. Gelungen auch die Phantom-Verdopplung bei dessen abruptem Erscheinen in der „Masquerade“-Szene, die Schädelmaske des Roten Tods in überlebensgroß besonders schaurig.

Ramin Karimloo und Sierra Boggess als Christine Daaé. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

Boggess flüchtet in die Arme von Hadley Frasers Raoul. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

Demaskiert: Ramin Karimloo als Phantom. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

Der Showdown mit Karimloo, Boggess und Fraser. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

Was im aus der Raumnot eine inszenatorische Tugend machenden Setting gezeigt wird, ist very british und wunderbar Vintage. Beginnend mit der holprigen „Hannibal“-Probe und dem poetischen „Think of Me“ zeigen Sierra Boggess und Wendy Ferguson was gesanglich und schauspielerisch in ihnen steckt, Boggess eine Christine Daaé, deren schöner lyrischer Sopran übers Anforderungsprofil „Musicalstimme“ weit hinausragt, Ferguson als Carlotta Giudicelli eine höchst theatralische Primadonna assoluta, die begnadete Komödiantin ein Glanzpunkt des Abends, wenn ihr Operndivenschein beim „Poor Fool He Makes Me Laugh“-Gequake in Schieflage gerät.

Und apropos, „Il Muto“: Ein Auskenner-Auge werfen sollte man auf den 2011-Gerade-noch-Shootingstar Sergei Polunin, der Ballett-Rebell hier mal als Slave Master im „Hannibal“, mal als Shepherd in „Il Muto“ Spitze, mittlerweile erwachsen gewordenes Enfant terrible, der seine bravouröse Technik auf Leinwand zuletzt im Biopic „Nurejew – The White Crow“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34617) demonstrierte. Ein zweites auf den Umstand, dass Regisseur und Webber-Experte Laurence Connor ins Gewand seines viktorianisch kostümierten Gothic Horror gekonnt eine humorvoll-gfeanzte Satire auf verschmockte Musiktheatermanierismen und ein opernweltliches Starunwesen kleidet. Kitsch meets Kunst.

Das gilt für Aufführung wie Ambiente. Denn selten zuvor war’s so ersichtlich, dass das Phantom, nicht nur mit einer abscheulichen Fratze, sondern auch mit dem absoluten Gehör gestraft, zugleich Zertrümmerer und Erneuerer im Musentempel ist. Einer, der mit der Atonalität der Avantgarde, siehe sein „Don Juan Triumphant“, das allzu Genregewöhnliche ausmerzen will, die Art Spearhead/Queer Head, der für seine Vision alle in den Wahnsinn treibt, ein Wesenszug, der Genies wie Möchtegerns anhaften mag, einer, der dafür Kollateralschäden in Kauf nimmt, ein mörderischer Pygmalion, der die von ihm erschaffene Göttin nicht loslassen kann und will.

Wendy Ferguson als Carlotta Guidicelli. Bild: The Really Useful Group Ltd.

Shootingstar Sergei Polunin. Bild: The Really Useful Group

Maskenball: Sierra Boggess und Hadley Fraser. Bild: The Really Useful Group Ltd.

Der in Teheran geborene Ramin Karimloo (www.raminkarimloo.com), mit seinen Eltern als Kleinkind vor dem Khomeini-Regime nach Kanada geflüchtet, spielt davon jede Facette. Der Phantom-Profi, seit er Anfang der 2000er erst in die Rolle des Raoul, dann in die des Phantoms schlüpfte, bietet in der Royal Albert Hall eine andere, eine unerwartete Interpretation der Figur. Selbstverständlich kann Karimloo Schmerz und Schreck und spooky sein, doch seine Augen hinter der Maske, mal funkensprühend böse, mal vor Tränen funkelnd, die Sehnsucht in seiner Körpersprache, dann wieder seine Hybris, die das Bemitleidenswerte übertüncht, diese subtilen Signale werden auf dem Bildschirm erst so richtig ersichtlich. Karimloo macht in düsteren Nuancen die gefährliche seelische Instabilität des Phantoms deutlich, und macht, was eindimensional sein könnte, so zum schillernden Main Charakter.

Dass zwischen Karimloo und Boggess die Chemie stimmt, weiß, wer die beiden bereits im Phantom-Sequel „Love Never Dies“ gesehen hat, sie tut’s auch zwischen Boggess und Hadley Fraser, der mit seinem angenehm sanften Bariton den Vicomte Raoul de Chagny gleich einem Fels in der Brandung singt. Man glaubt Fraser bis in jede Faser, dass er der ganze Mann ist, der sich gegen das Monster stellen wird, je hypnotischer das Phantom, desto wutentbrannter er, der Realist im irrationalen Treiben. Raouls beschützende Kraft ist dabei die gegen- sätzliche zur besitzergreifenden, obsessiven des Phantoms, mit dem Ergebnis, dass die beiden samt der zwischen zwei Lieben hin- und hergerissenen Christine der Sierra Boggess die perfekte Ménage à trois ergeben.

Ihr Highlight auch hier die „The Point of No Return“-Reprise, „The Final Lair“, das Grande Finale dargeboten mit vollem Schmelz, die Schraube, die das Phantom zweifelsohne locker hat, von Laurence Connor bis zum Abschlag angezogen, das Ende für Christine beinah ein emanzipatorisches, ihr „One Love, One Lifetime“ definitiv ans Phantom gerichtet. „Love conquers all“ heißt’s, also auch das Phantom, und bezüglich „Love Never Dies“, wer weiß, vielleicht wird das ja in einer der kommenden Wochen noch gestreamt.

Unterirdische Bootsfahrt mit Boggess und Karimloo. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

Wynne Evans, Wendy Ferguson, Daisy Maywood, Barry James, Gareth Snook und Hadley Fraser. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

„Il Muto“-Satire mit Stephen John Davis (re.) als Don Attilio. Bild mit freundl. Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

Zwölftongeorgel: Ramin Karimloo und Sierra Boggess. Bild mit freundlicher Genehmigung von The Really Useful Group Ltd.

„The Phantom of the Opera“ ist in seinem 35. Jahr immer noch phänomenal, das beweist diese Show aus der Royal Albert Hall. Die mit Barry James und Gareth Snook als amüsant-überhebliche Operndirektoren Monsieur Firmin und Monsieur André, Liz Robertson als gouvernantenhafte Unheilkünderin Madame Giry, Daisy Maywood als töchterliche Ballettmaus Meg Giry, Wynne Evans als Pavarotti-Lookalike Ubaldo Piangi und Nick Holder als finstere Späße treibenden Bühnenmeister Joseph Buquet auch in den weiteren Rollen tadellos besetzt ist.

Ein Tipp: Nach dem Schlussapplaus noch zwanzig Minuten dranbleiben. Es gibt eine Überraschung, Andrew Lloyd Webber tritt auf, und was dann folgt, hat sehr viel mit ihm und seinem persönlichen „Angel of Music“ Sarah Brightman zu tun. Gänsehaut garantiert! Die Royal Albert Hall jedenfalls tobte …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=C90eHuBPhS8

Die ganze Show: www.youtube.com/watch?v=nINQjT7Zr9w

www.youtube.com/channel/UCdmPjhKMaXNNeCr1FjuMvag     www.thephantomoftheopera.com         www.andrewlloydwebber.com            www.royalalberthall.com                    www.reallyuseful.com

18. 4. 2020

Marianne & Leonard: Words of Love

November 3, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein gefühlvolles Märchen von männlicher Grausamkeit

Leonard und Marianne als Liebespaar auf der Insel Hydra. Bild © Aviva Layton

„Marianne“, raunt die dunkelsamtige Stimme zu Filmanfang im Voiceover, „ich denke, dass ich dir bald folgen werde. Du kannst einfach deine Hand ausstrecken, und ich denke, du wirst meine erreichen …“ Hundert Minuten später sieht man die 81-jährige Leukämiekranke auf dem Sterbebett liegen, und ihr Freund, der norwegische Filmemacher Jan Christian Mollestad, liest ihr die verbliebenen Zeilen über ihre Anmut und Weisheit und seine Dankbarkeit vor:Endless love,

see you down the road, your Leonard.“ – „Das ist die Nachricht, die sie ein Leben lang hören wollte“, weint Mollestad leise Tränen in die Kamera. Es war Mariannes letzter Wille, dass dies alles gefilmt und gezeigt wird. Zwei Tage danach glitt Marianne Ihlen sanft hinüber, Leonard Cohen, ebenfalls an Blutkrebs erkrankt, folgte seiner Muse drei Monate später. Wen das nicht anrührt, der hat kein Herz, möchte man meinen, und dann passieren die Momente, in denen Marianne sagt: „Meine Liebe zu ihm hat mich zerstört“, oder zu Suzanne Elrod „Du hast mein Leben ruiniert“. Und da bricht das Herz erst recht.

Der britische Filmemacher Nick Broomfield, mit „Kurt & Courtney“ oder „Whitney: Can I Be Me“ hochgradig genre-erfahren, versucht in seiner jüngsten Dokumentation „Marianne & Leonard: Words Of Love“, ab 7. November in den Kinos, die außergewöhnliche Beziehung des kanadischen Singer-Songwriters mit der Norwegerin einzufangen. Den letzten Brief, den der Poet an „die schönste Frau, die ich jemals sah“ schrieb, mittlerweile wenig poetisch mit 50 anderen um mehr als eine Dreiviertelmillion Euro bei Christie’s versteigert, dient Broomfield als Klammer für sein gefühlvolles Märchen über männliche Grausamkeit.

Die beiden lernen einander 1960 auf der griechischen Insel Hydra kennen, Sommer, Sonne, LSD. Marianne ist die Lebensgefährtin des zu häuslicher Gewalt neigenden norwegischen Schriftstellers Axel Jensen und Mutter von Axel jr., Cohen vor zu viel Mutterliebe aus Montreal geflüchtet. Man wird ein Paar, er Vater ihres einjährigen Sohns, der einzige, den dieser je kannte, sie seine Inspirationsquelle. Der Romancier und Lyriker, gerade erst aufgefallen mit seinem Gedichtband „Flowers for Hitler“, entwickelt sich zu dem Liedermacher, als der er weltberühmt werden sollte. Er arbeitet wie im Wahn, Broomfield zeigt in seinem Mix aus aktuellen Interviews mit Zeitzeugen und Archivmaterial von diesen die Szene, in der Cohen zum ersten Mal vor Publikum singt – und aus Lampenfieber nach wenigen Minuten abgeht.

Marianne mit Statue. Bild: © Nick Broomfield

Spaziergang am Strand. Bild: © Babis Mores

Es ist Folksängerin Judy Collins, die ihn ermahnt, sich noch einmal vor das Mikrofon zu stellen, „und in diesem Augenblick“, so Collins heute, „wurde er von seiner eigenen Magie übermannt.“ Cohen erfindet sich nicht nur künstlerisch neu, der schüchterne Einzelgänger wird wiedergeboren als „Ladies man“, seine größten Hits – erlittene Liebesdramen, von „Suzanne“ Verdal und Janis „Chelsea Hotel“ Joplin bis „Take this longing“ Nico und „The Future“ für Rebecca De Mornay. Für Marianne schreibt er ein ganzes Album, „Songs of Leonard Cohen“, und ein zweites, die Cover-Rückseite der „Songs from a Room“ zeigt Ihlen an ihrem Schreibtisch auf Hydra – und natürlich gilt ihr das Abschiedslied „So Long Marianne“.

Denn schon 1965 geht Leonard zurück nach Montreal, „in die Wirklichkeit“, zuerst für sechs Monate im Jahr und in einer Art Doppellebensgemeinschaft, hie die Fotografin Suzanne Elrod mit Cohen-Sohn Adam und -Tochter Lorca, dort die Parallelfamilie Marianne und Axel jr. – bis er zum Superstar avanciert und nach New York übersiedelt. Es ist erstaunlich, wie die Frauen im Film darüber sprechen, Jugendfreundin Nancy Bacal, Folksängerin Judy Felix, Aviva Layton, Partnerin von Poet Irving Layton, sie alle schwärmen vom Feministen Cohen und beschwören das unsichtbare Band, das Marianne und ihn übers Ein-Paar-Sein hinaus verband, und selbstverständlich, sagt Aviva, war er kein guter „Ehemann“, da ja mit seiner Musik verheiratet.

Dies Wechselbad von intensiv empfundener Leidenschaft und verlängerter Urlaubsromanze muss der Zuschauer allein bewältigen, Broomfield maßt sich keine Meinung, nicht einmal eine nüchterne Betrachtung an. In Schwung kommt die Elegie, als Cohens Band- und Tourmitglieder zu Wort kommen, Road Manager Billy Donovan, Langzeitmanager Marty Machat, Gitarrist Ron Cornelius, der durchaus ein wenig spöttisch über des großen Denkers Körperverliebtheit spricht, dessen bevorzugter Aggregatzustand das Nacktsein war, was Aufnahmen im Hotelschwimmbad und unter der Dusche bestätigen.

Leonard Writing. Bild: © Axel Jensen Jr.

Zwischen Depressionen und Selbstmordgedanken und halluzinogenen Drogen, Ron sagt: „Leonard said, you have to be in the zone and we stayed in the zone, while he lived in darkness“, und mit Acid zugedröhnten Auftritten in der Royal Albert Hall oder der Wiener Staatsoper, sind es diese privaten Bilder, die die Doku sehenswert machen: Cohen, der sich in einer Konzertpause rasiert, weil ihn das beruhigt, Cohen, der belegte Brote an seine Freunde verteilt.

Bei der Afterparty einer Show in Deutschland wagt sich eine attraktive Brünette heran, die Leonard zu einem Abendessen überreden will. Der windet sich, sucht höflich Ausflüchte. Da schwenkt die Kamera zum gutaussehenden Begleiter von Schauspielerin Doris Kunstmann, der peinlich berührt bereits den Rückzug antritt: Es ist Udo Jürgens, der nun, da er merkt, dass er gefilmt wird, verlegen lächelt … Nach der Krebsdiagnose zieht sich Cohen zur „mind control“, wie er es nennt, in ein Zen-Kloster auf dem kalifornischen Mount Baldy zurück, im Film sitzt er Seite an Seite mit Meister Kyozan Sasaki Roshi.

Die Prä-Hippie-Künstlerkolonie Hydra, weiß Aviva Layton, wurde etlichen der zwischen kreativer Freiheit und freier Liebe aufgewachsenen Kindern zum Verhängnis. Axel jr. etwa musste, nachdem Vater Leonard ihn verlassen hatte, in eine geschlossene Anstalt eingewiesen werden, in der er laut Broomfield bis heute lebt. Zudem starben drei der vier Kinder von Cohens Mentor auf Hydra, dem australischen Schriftsteller George Johnston, jung an Alkoholismus, einer Überdosis oder begingen Suizid, nachdem die an ihrer Bohème-Existenz bankrottgegangen  Eltern mit ihnen das Eiland verlassen hatten. Wo gleisendes Spotlight, da auch finsterste Seelenschatten, davon in allen Facetten berichtet „Marianne & Leonard: Words Of Love“. Aufnahmen vom Strand, Liebende Hand in Hand, Marianne in einem Boot auf dem Meer, so sonnenblond wie ihr Sohn, sie beim Einkaufen, er beim Kaffee trinken, alles zu schön, um lange wahr zu sein.

Als er via Voiceover sein Weggehen verkündet, zoomt die Kamera sie heran, bis ihr Gesicht unscharf wird, als ob es sich ohne Cohen auflöste. Jeder ihrer Sätze danach ist die pure Sehnsucht, die Sehnsucht nach dem Zurückdrehen der Zeit. Leonard Cohen, erfährt man noch, hätte Marianne Ihlen bei jedem seiner Konzerte eine Karte in der ersten Reihe reserviert. Im August 2013 tritt er im Oslo Spektrum auf. „Marianne, I hope you are here“, ruft er in den Saal, bevor er ihren Song beginnt. Da schwenken die Handykameras auf die Ihlen, wie sie im Duett flüstert: „Well, you know that I love to live with you / But you make me forget so very much / I forget to pray for the angels / And then the angels forget to pray for us …“ So endet Broomfields Märchen von der Muse und dem Musikgenie. Und da sie doch gestorben sind, leben zumindest die Worte der Liebe mit jedem Anhören neu.

 

www.marianneandleonardwordsoflove.com/home

3. 11. 2019

Green Book – Eine besondere Freundschaft

Januar 31, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Aufs Klo gehen darf der Klavierstar nicht

Don Shirley (Mahershala Ali) und Tony Lip (Viggo Mortensen) begeben sich auf einen Roadtrip durch die Südstaaten der USA. Bild: © 2019 eOne Germany

Die Atmosphäre ist freudige Erwartung. Die Geschmeide der Damen funkeln mit dem Whiskey in den Gläsern um die Wette. Immerhin ist ein Klavierstar aus New York angereist, um hier in den Südstaaten aufzutreten, man hat ihn auch schon höflichst bewillkommnet, hat sogar seine – schwarze – Hand geschüttelt. Lästig nur, dass der Virtuose vor seinem Auftritt noch die Toilette benutzen möchte, und das geht auf der „für Weiße“ im Haus natürlich gar nicht.

Weil nun aber der Pianist das Plumpsklo im Freien ablehnt, bleibt nur eine Lösung: Die illustre Gesellschaft nimmt einen verspäteten Konzertbeginn in Kauf, damit ihr Gast den stillen Ort in seinem „Neger-Motel“ aufsuchen kann. Fahrtzeit tour-retour – vierzig Minuten … Mit solch durchaus tragikomischen Situationen beschreibt Regisseur Peter Farrelly in seinem Film „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ die gefährliche Tournee durch den segregierten Süden der USA, die Weltklassemusiker Don Shirley im Jahr 1962 unternahm. Die Geschichte basiert auf einer wahren und wurde von Nick Vallelonga, dem ältesten Sohn von Tony „Lip“ Vallelonga aufgezeichnet. Tony ist der Mann, den Don Shirley als Chauffeur und bald auch Bodyguard für seine Reise anheuerte. Am Freitag startet das für fünf Oscars nominierte Roadmovie in den Kinos, und um dies vorwegzunehmen: Don Shirley und Tony Lip blieben nach ihrem Trip ein Leben lang Freunde.

Viggo Mortensen und Mahershala Ali, beide Academy Awards Nominees, spielen die ungleichen Reisegefährten. Den italoamerikanischen Rausschmeißer, für den sich Mortensen einen üppigen Pasta-und-Bier-Bauch angefuttert hat, und den blasierten Kulturaristokraten, der keinen Zweifel an seiner bildungsbürgerlichen Überlegenheit lässt. Schon die erste Begegnung zwischen ihnen ist vom Feinsten. Tony, der „Lip“ genannt wird, weil er Menschen zu allem, was er will, überreden kann, braucht einen Übergangsjob für jene zwei Monate, in denen der Nachtclub, in dem er als Türsteher arbeitet, geschlossen hat. Doch als er sich bei Dr. Shirley, zu seiner Verwunderung kein Mediziner, sondern Künstler, als Fahrer bewirbt, thront dieser in seinem mit afrikanischer Kunst vollgestopfen Luxusappartement in einem güldenen Herrschersessel. Eine erhabene Position, die ein Von-oben-Herab eindrucksvoll ermöglicht.

Ein ungewöhnliches Bewerbungsgespräch: Viggo Mortensen und  Mahershala Ali. Bild: © 2019 eOne Germany

Kurz vor seinem Auftritt ist es Don (Mahershala Ali mit Viggo Mortensen) nicht erlaubt, im Countryclub zu essen. Bild: © 2019 eOne Germany

Tony (Viggo Mortensen) schreibt seiner Frau – und bekommt von Don (Mahershala Ali) Unterstützung. Bild: © 2019 eOne Germany

Hie Mafiamilieu, dort Konzertsaalstimmung, Polyesterhemd vs Seidenkaftan, ein schlaues Schlitzohr von der Straße in Kombination mit einem verkrampften Schöngeist – besser kann ein Buddyfilm gar nicht beginnen. Klar, dass sich Tony von Don Shirleys Attitüde nicht einschüchtern lässt, eine erste Szene führt ihn ein, wie er Wassergläser, aus denen zwei schwarze Handwerker, die in seiner Wohnung Reparaturen erledigen, getrunken haben, in den Mistkübel wirft. Ebenso klar, dass aus der Zweckgemeinschaft von Alltagsrassist und Ausnahmekünstler unterwegs mehr wird.

Was „Green Book“ über die Klischeehaftigkeit dieser Konstruktion erhebt, ist nicht nur die doppelbödige Ironie des Drehbuchs von Nick Vallelonga und Peter Farrelly, sondern sind vor allem die Darsteller, die aufs Wunderbarste kontrastieren. Mortensens Tony Lip ist eine massive Erscheinung, ein einfaches Gemüt mit einem explosiven Temperament, ein Macho aus einer von Männern dominierten Welt. Charakterzüge, die Mortensen mit verschmitztem Humor und einer so gehörigen Portion Menschlichkeit ausgleicht, dass man Tony die Wasserglas-Sache schnell verzeiht.

Da wird sich einer im anfänglichen Zweikampf von Klasse gegen Rasse bald als lernfähig erweisen und beginnen, aufgezwungene Unterschiede zu hinterfragen. Denn was dem Gegensatzpaar im Jim-Crow-Land zustößt, obwohl man sich peinlich genau an die Empfehlungen des filmtitelgebenden „Negro Motorist Green-Book“ hält, einem Reiseführer, in dem für afroamerikanische Autofahrer aufgelistet ist, in welchen Quartieren und Geschäften sie als Kunden akzeptiert werden, regt Tony zum Nachdenken an.

Er erlebt seinen Brötchengeber als Ehrengast in erlesensten Kreisen, bei seinen Auftritten bejubelt und gefeiert, und doch lässt man ihn in heruntergekommenen Herbergen „for colored only“ absteigen, während Tony in chicen Weißen-Hotels wohnt. Mal sehen sich Don und Tony von schwarzen Feldarbeitern bestaunt, der dunkle Gentleman mit dem hellhäutigen Bediensteten, mal muss Tony Don vor einer Prügelei in einer Dixieland-Bar retten. Er erfährt an „Bimbo“ Dons Seite Polizeiwillkür. Dons hohe Gagen zahlende Gastgeber erklären jovial, sie hätten „ihre Neger“ befragt, was der Nordstaaten-Schwarze wohl essen möge, und servieren die „Nigger-Leibspeise“ Fried Chicken. In einem Countryclub für betuchte Weiße soll Don zwar spielen, doch im Restaurant zu speisen, wird ihm untersagt. Was Tony erstmals zum Ausrasten bringt …

Mahershala Ali gestaltet die Rolle des stets einsamen, stets ein wenig traurigen, viel zu viel Alkohol trinkenden Don feinnervig und sensibel. Er weist dessen betonte Stiff-upper-Lip-Fassade als notwendigen Panzer gegen alle Anfeindungen von außen aus, gegen seine Hautfarbe, gegen seine Bildung, gegen seine Homosexualität. Auch derentwegen verprügelt und von Haudrauf Tony wieder einmal – im Wortsinn – rausgeboxt, bricht sich Dons Identitätskrise Bahn: „Wenn ich nicht schwarz genug bin und nicht weiß genug bin, wenn ich nicht Mann genug bin, dann sag mir doch, Tony: Was bin ich?“

Don Shirley (Mahershala Ali) hat Spaß bei einem spontanen Auftritt mit der Jazz-Band in einer Cajun Kitchen. Bild: © 2019 eOne Germany

Es ist ein Allgemeinplatz zu sagen, dass Menschen, wenn sie einander erst kennenlernen, feststellen, dass sie gar nicht so verschieden sind. Trotzdem ist es berührend Mortensen und Ali dabei zuzusehen, wie sie Tony und Don mit ihren jeweiligen Vorurteilen kämpfen lassen, und auch erheiternd, wenn die beiden beginnen, den Horizont des anderen zu erweitern. Tony, indem er Don via Autoradio mit der Musik von „seinen Leuten“, Aretha Franklin, Little Richard, Sam Cooke, bekannt macht.

Don, indem er Tony hilft, romantische Briefe an die Ehefrau zu formulieren. Am Ende wird der eine sich für die so genannte Hochkultur begeistern, und der andere sich im Frack, da sind sie gerade aus dem Countryclub geflogen, in einer Cajun Kitchen ans Piano setzen – und glückseligst mit der Band jammen. In einem Herrschaftshaus in Louisville, Kentucky, fragt Tony einen Cellisten, warum sich Don diese unheilvolle, für ihn finanziell gar nicht notwendige Tour de Force eigentlich antut, und der antwortet: „Um die Einstellung der Menschen zu ändern, und dafür braucht man Courage.“

www.foxfilm.at/green-book

Buchtipp zu „Green Book“, Rezension – Matt Ruff: „Lovecraft Country“: www.mottingers-meinung.at/?p=31095

  1. 1. 2019