Volkstheater: Viel Lärm um nichts

März 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Captain.in Hook und die Schneeschnupfer

Sie liebten und sie schlugen sich: Jan Thümer als Benedikt und Isabella Knöll als Beatrice. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dass der Souffleur einer der wortdeutlichsten Sprecher ist, ist eine Angelegenheit, die es eingangs zu besprechen gilt. Der Mann, Jürgen M. Weisert, kam auch überproportional zum Einsatz, hat Schauspieler Stefan Suske doch erkältungsbedingt seine Stimme verloren und konnte so als Leonato nur agieren, synchronisiert sozusagen von unten, von Weiserts Platz in der ersten Reihe. Dass die beiden Herren die Aufgabe mit Bravour und viel Applaus meisterten ist eine Sache.

Dass etliche andere auf der Bühne den Text verhaspeln und verschlucken eine andere, ebenso wie die Tatsache, dass das alles keine Rolle spielt, weil Sebastian Schugs Inszenierung vor allem lärmend lustig ist. Zwischen-, Unter- und leise Töne – Fehlanzeige.

„Viel Lärm um nichts“ am Volkstheater also. Ist ein Abend, an dem sich die Geister scheiden. An dieser Stelle hat man beschlossen ihn zu mögen. Weil Schug „Volkstheater“ im bestgemeinten Sinne macht. Er hat Shakespeare kunterbunt angemalt, fährt mit ihm und der Bühne Karrussel, alles dreht sich, alles bewegt sich, und das steht dem britischen Barden gar nicht schlecht. Schug beherrscht und kontrolliert das Chaos, das er selber anrichtet. Seine Regie setzt auf Gags und Gimmicks, diesbezüglich scheinen ihm die Ideen nie auszugehen, und wer daran Freude haben kann, kann sich wunderbar amüsieren.

Schug teilt die Welt in zwei Hälften (Bühne: Christian Kiehl). Die weibliche zeigt Leonatos Stammsitz samt Showbühne auf der gerockt, geliebt und gelitten wird, auf der männlichen dahinter wird in Zeitlupe fabelhaft gefochten, Donna Johns Hand abgeschlagen, wird von ihr die Intrige gesponnen. Ja, Donna John, den der Böse- ist eine -wichtin. Steffi Krautz spielt die Don Pedro’sche Halbschwester als eine Art Captain.in Hook mit Dreispitz, Gehrock und Handhaken (Kostüme: Nicole Zielke).

Braut und Jungfer: Isabella Knöll und Nadine Quittner als Hero. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auch Akrobatik kommt ins Spiel: Kaspar Locher als Claudio und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auf Verstümmelung folgt ein exzessiver Maskenball. Pater Francis legt eine Riesenline und zieht als erster unter all den Schneeschnupfern, Claudio freit seine Hero mittels Poledance, Benedikt und Beatrice belassen es nicht beim verbalen Schlagabtausch, sondern gehen erst mit Degen, dann beim Liebesgeständnis schließlich mit Fäusten zur Sache. Das ist der Stoff, aus dem Schugs Träume sind. Und man muss ihm zugutehalten, dass all diese Handlungen bis in die kleinsten Nebenfiguren durchdacht und ausgefeilt sind. Keine Sekunde ist auch nur eine von ihnen auf der Bühne, ohne dass sie wüsste, was zu tun ist. Saufen, sich schlagen oder schnackseln.

Diesezüglich ist Jan Thümers Benedikt der Mann der Stunde. Er ist es, den alle Frauen wollen, Evi Kehrstephans frivole Margaret und Claudia Sabitzers Ursula inklusive, und auch Nadine Quittners naiv-lüsterne Hero schmachtet ihn an. Doch der aufrechte Recke hat bald nur noch eine spitze Zunge für Beatrice. Isabella Knöll spielt sie schön kratzbürstig. Sie macht das Eheversprechen Benedikts im Wortsinn zum Ring-Kampf, gemeinsam singen die beiden Elvis‘ „Fools rush in“. Das ist, neben einem vertonten Shakespeare-Sonett, der Teil, der sich erschließt. Warum Schug Richard III.s Anfangsmonolog und Macbeths Hexenszene zitieren lässt, wird ein Rätsel bleiben. Derzeit ist dergleichen offenbar eine Theatermodeerscheinung.

Fabelhafte Fechtszenen: Jan Thümer, Thomas Frank, Kaspar Locher, Steffi Krautz, Sebastian Pass und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank verblödelt den Pater Francis völlig, ihm kommt es auch zu die aufklärenden Worte von Constable Dogberry zu sprechen. Damit ist die Falle von Peter Faschings Borachio aufgeflogen, Kaspar Lochers Claudio und Sebastian Pass‘ Don Pedro können aufatmen, als sich Hero als Un-Tote zu erkennen gibt. Es wäre zu viel verlangt, zu sagen, dass einer der Charaktere bis auf den Grund ausgelotet worden wäre.

Tatsächlich waten die Darsteller punkto Charakterzeichnung eher durch Untiefen. Wie gesagt: Es gilt den Abend anzunehmen als das, was er ist. Das ist ein Mordsspaß. Am Ende gab es viel Jubel für die Darsteller und zwei, drei Buhs für die Regie.

www.volkstheater.at

  1. 3. 2018

Landestheater Niederösterreich: Wolf Bachofner spielt in „Minna von Barnhelm“

Dezember 5, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Maxim Gorki Theater kommt mit Sibylle Berg

Wolf Bachofner, Pascal Groß  Bild: Robin Weigelt

Wolf Bachofner, Pascal Groß
Bild: Robin Weigelt

Minna von Barnhelm, Premiere am 5. 12.:

Die Komödie um das beherzte Fräulein Minna von Barnhelm (Lisa Wiedenmüller) beginnt mit der unehrenhaften Entlassung ihres Verlobten Major von Tellheim. Der verdienstvolle Major hatte am Ende des Siebenjährigen Krieges bei der Eintreibung von Kriegskontributionen besondere Milde walten lassen und wird nun der Bestechlichkeit verdächtigt. Zutiefst beschämt, mittellos und körperlich versehrt bricht Tellheim jeglichen Kontakt zu seiner Verlobten ab. Er quartiert sich mit seinem Diener Just in einem entlegenen Landgasthof ein, um auf Nachricht von der Militärverwaltung zu warten. Doch Minna macht sich mit ihrer Kammerzofe Franziska auf die Suche nach Tellheim. Die beiden reisen durch das kriegszerstörte Land und erreichen bald selbigen Gasthof. Als Minna entdeckt, dass Tellheim bereits ihren Verlobungsring versetzt hat, weil er aus lauter Ehrgefühl sogar die finanzielle Hilfe seines Freundes Paul Werner ausschlägt, beginnt sie ihr Spiel …

Der tiefe Fall eines strahlenden Helden: Nur durch Minnas liebevolle Intrige gelingt Major von Tellheim die Rückkehr in die Normalität des Friedens. Gotthold Ephraim Lessing, der große Menschenfreund und Erneuerer des deutschen Theaters, entwarf seine bühnenwirksame Komödie 1763 am Ende des Siebenjährigen Krieges. Ihm gelang damit eine Gattungsnovität, ein Lustspiel als aktuelles Zeitstück (Botho Strauß). Die leichte Form der Verhandlung eines schwerwiegenden Problems gilt als literarische Wegmarke ebenso wie die lebensnahe Zeichnung der Figuren, in deren Zentrum eine ganz und gar moderne Frauenfigur steht.

Die junge Regisseurin Katrin Plötner, die sich u. a. mit Arbeiten am Münchner Residenztheater und am Theater Regensburg vorgestellt hat und in der letzten Spielzeit am Landestheater Niederösterreich Horace inszenierte, führt Regie. Für die Ausstattung zeichnen der Bühnenbildner Martin Miotk und die Kostümbildnerin Eugenia Leis verantwortlich. Für Tellheim und seinen treuen Freund Werner konnten Lars Wellings, der u. a. am Residenztheater München und am Staatstheater Wiesbaden engagiert war, und der bekannte TV- und Theaterschauspieler Wolf Bachofner gewonnen werden.

Maxim Gorki Theaters, Berlin: „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ von Sibylle Berg, 10. 12.

Abends, eine junge Frau allein in ihrer Wohnung. Freundinnen kontaktieren sie per Skype und per Chat, Kurznachrichten treffen ein, die Mutter ruft an. Einige Stockwerke tiefer im Keller: ein gefesselter und geknebelter Mann …

Von den Medien und der Werbeindustrie produzierte Frauenbilder, der Imperativ eines erfolgreichen Lebensentwurfs und eigene Ängste und Sehnsüchte schlagen sich in den Leben der jungen Frauen nieder: nächtliche Prügeltouren durch die Stadt, Körperkult und Fitnesswahn, Shoppingexzesse zwischen den BWL-Vorlesungen und der Vertrieb von selbstsynthetisierten Drogen über das Internet. Daneben stehen Fragen, wie die Frauen leben wollen und wo sie die Ursachen für ihre Orientierungslosigkeit suchen. Es entsteht die wütende, beißend-komische Bestandsaufnahme einer jungen Frau, die sich selbst und andere Frauen in ihren Reaktionen auf die Welt befragt.

Die Schriftstellerin Sibylle Berg wurde in Weimar geboren und lebt in Zürich. In ihren Kolumnen, Romanen und Theaterstücken erzählt sie schonungslos vom Unglück, in das sich die Menschen stürzen. Für ihre Werke wurde sie u.a. mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien 2012 ihr Roman Vielen Dank für das Leben und 2013 Wie halte ich das nur alles aus? Fragen Sie Frau Sibylle.

Regie führt Sebastian Nübling. Er studierte Kulturwissenschaften an der Universität Hildesheim und lehrte dort als Dozent. 2002 wurde er mit seiner Basler Inszenierung von Henrik Ibsens John Gabriel Borkman zum ersten Mal zum Berliner Theatertreffen eingeladen und von der Zeitschrift Theater heute zum Nachwuchsregisseur des Jahres gewählt. Seine Stücke werden regelmäßig bei renommierten Festivals gezeigt. Seit der Spielzeit 13/14 ist Sebastian Nübling Hausregisseur am Maxim Gorki Theater.

Es spielen: Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski und Cynthia Micas.

www.landestheater.net 

Wien, 5. 12. 2014

Burgstar Roland Koch inszeniert Shakespeare

Februar 22, 2013 in Tipps

Anne Bennent macht in St. Pölten „Viel Lärm um nichts“

Es ist schon erstaunlich, aus welchen Stoffen Shakespeare eine Komödie flechten konnte. „Viel Lärm um nichts“ ist diesbezüglich seine „grausamste“. Da wird eine Frischverlobte durch eine Intrige der Untreue bezichtigt, scheidet aus Schmach – wieder ein Schmäh – aus dem Leben. Der Vater nimmt sich aus Gram fast das seine. Aber zum Glück gibt’s einen „Deus ex machina“-Prinzen, der alles zum Guten wendet. Und außerdem neben Claudio und Hero, dem ernsthaften Liebespaar, Benedikt und und Heros Kusine Beatrice, damit neben Duellen mit scharfen Schwertern auch solche mit scharfen Zungen gefochten werden können. Wer den Kinofilm mit Kenneth Branagh, Emma Thompson und Denzel Washington kennt, weiß das eh alles …

Landestheater NÖ

Tobias Voigt, Pascal Gross, Michael Scherff, Benno Ifland
Bild:Sepp Gallauer

Burgtheaterschauspieler Roland Koch, Darsteller in zahlreichen Shakespeare-Stücken, hat am Landestheater Niederösterreich/St. Pölten nun „Viel Lärm um nichts“ inszeniert. Am Burgtheater führte er bereits mit großem Erfolg bei  „Was Ihr wollt“ Regie (er war damals kürzestfristig für die erkrankte Andrea Breth eingesprungen) – diesmal  nahm er sich Kollegen Moritz Vierboom (der ist ab 16. 3. auch in „Mamma Medea“, in der Regie von Philipp Hauß, einem weiteren Burg-Mitglied, zu sehen) als Ränkeschmieder Don Juan mit. Für die Rolle der Beatrice kehrt Anne Bennent nach mehrjähriger Pause wieder ans Landestheater zurück

Das Ergebnis: Ein Erfolg. Allen voran glänzt die Bennent, als bissige, verkrampfte „Männerhasserin“ Beatrice, die mit sich selbst nicht im Reinen ist. Schlägt doch auch in ihrem Busen die Sehnsucht, den Richtigen zu finden, bevor sie als alte Jungfrau endet. Immer wieder greift sie den Männern ans Gemächt, aber da muss das optimale wohl erst noch geschnitzt werden … Ein Glück, dass ihr Widerpart „Benedict“ Tobias Voigt zur Wandlung fähig ist. Der von ihr als Hofnarr beschimpfte Shakespeare-Intellektuelle wird vom Zyniker, vom Sprücheklopfer zum Liebenden. Apropos, Wandlung: Auch Benno Ifland als Leonato legt eine großartige hin. Vom leicht senil-outrierenden Hausherrn, läuft er, als seine Tochter Hero verunglimpft wird, zu Hochform auf. Reißt das Stück vom Tralala in die tragische Tiefe.

Tralala gibt es ohnedies genug. Koch inszeniert schräg und schrill, das Bühnenbild eine Sperrholzwand, in der sich die Darsteller immer wieder verheddern. In dieser Welt der Konventionen findet man nur schwer ein Schlupfloch.  Er hat den Geschlechter“kampf“ zeitgemäß eingedampft, wohl um ihnnicht überzustrapazieren. Dazu gibt’s viel Musik von einer wunderbaren Balkan-Turbofolk-Band (geleitet von Imre Lichtenberger Bozoki), die auch immer wieder schauspielerisch ins Geschehen eingreift. Schöne Idee. Souveräne Arbeit. Noch zu sehen bis 23. März.

www.landestheater.net

Von Michaela Mottinger
Wien, 22. 2. 2013

 

Das Volkstheater zeigt: Die Besten aus dem Osten!

Folge 11: Moldawien

Die Kurzfestival-Reihe „Die Besten aus dem Osten!“ der Volkstheater-Dependance „Hundsturm“  ist eine theatrale und literarische Erkundungstour durch unsere Nachbarländer. Seit 2006 waren in mittlerweile 11 Folgen  Rumänien, Polen, Ungarn, Kroatien, Slowenien, Tschechien, Estland, die Türkei, Serbien und zuletzt der Kosovo  zu Gast.

Nun präsentiert Moldawien am 22. und 23. Februar, jeweils ab 19 Uhr, einen Einblick in die Vielschichtigkeit seiner Theaterszene mit Texten, Performances und zwei Gastspielen in Landessprache mit englischen Übertiteln. Irina Wolf, eine renommierte Kennerin der moldawischen Theaterlandschaft, wird in beide Abende einführen und Lectures zur aktuellen politischen Lage und zur Situation der Theaterschaffenden in Moldawien geben.

Am 22. Februar wird das Dokumentarprojekt „Casam“ von Foosbook gezeigt. Die Produktion wurde erst kürzlich beim rumänischen Theatertreffen in Bukarest ausgezeichnet und nimmt sich dem Tabuthema häuslicher Gewalt an. Der 23. Februar dreht sich um das Teatru Spalatorie. Das Künstler-Kollektiv zeigt mit „Rogvaiv“ eine ebenfalls preisgekrönte Dokumentar-Performance des rumänischen Polit-Aktivisten Bogdan Georgescu, die gegen von Politikern öffentlich artikulierte Intoleranz und gegen jede Form von Diskriminierung polemisiert. Für die  Leitung des Projekts ist die im Westen zurzeit bekannteste moldawische Dramatikerin und Theatermacherin Nicoleta Esinencu verantwortlich. Ihr neuer Text „Gegenmittel“ wird in einer szenischen Lesung von den Volkstheater-Schauspielern Andrea Bröderbauer, Nanette Waidmann, Robet Prinzler und Jan Sabo vorgestellt.

Zum Abschluss gibt es eine aufsehenerregende Performance von Ion Bors auf einer alten sowjetischen Kettensäge – Drujba. Dabei geht es um die Reflektion darüber, wie ein Staat seine Macht über andere Länder via diplomatische Kanäle stülpt und so die Basis von Freundschaft auf ein Element eindampft: Angst. Nach den Vorstellungen gibt es an beiden Abenden DJ-Lines und Party!

www.volkstheater.at

Von Michaela Mottinger
Wien, 22. 2. 2013