Dana Grigorcea: Die nicht sterben / Autorin im Gespräch

April 28, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Blutsauger im postkommunistischen Rumänien

„Ich kann nicht umhin, Ihnen diese Geschichte zu erzählen“, so wendet sich die Ich-Erzählerin an ihre Leserschaft. Es wird eine Schauergeschichte werden, voller Toter und Untoter, die „mich fassungslos und innerlich nackt zurücklassende Geschichte mit … dem Fürsten“, und, sagt die junge Bukarester Malerin, die nach ihrem Kunststudium in Paris in den Ferienort ihrer Kindheit in den rumänischen Karpaten zurückgekehrt ist:

„Sie werden in allem, was ich Ihnen erzähle, böse Anzeichen sehen, Ankündigungen für das, was später kam. Sie werden sich nach Vorboten fragen, den Vorboten des Schocks, der unvorstellbaren Grausamkeiten, des Todes aller Tode. Manche von Ihnen werden die Geschehnisse im Kontext jener barbarischen kommunistischen Zeit verstehen wollen, als Folge der vierzig Jahre währenden Diktatur in Rumänien, die einen anderen Menschenschlag hervorgebracht haben soll …“

Vom ersten Satz an erklingt „Die nicht sterben“ im Tonfall der Legenden. Besser hätt’s Bram Stocker in den Tagebüchern seiner Protagonisten nicht ausdrücken können, doch der rumänisch-

schweizerischen Schriftstellerin Dana Girgorcea geht’s nicht nur um den Gruselfaktor, das heißt: doch, aber in doppeltem Sinne. Vom Kult um Vlad III. Drăculea und den um ihn entstandenen Blutsauger-Mythos, vom Vampir-Regime des Nicolae Ceaușescu bis zur neokapitalistischen Gegenwart, schöpft Grigorcea für ihren Roman über ihr Geburtsland aus eigenen Erfahrungen und dem Familienfundus. Schaurig, tiefgründig, archaisch, atmosphärisch dicht, ein Schlachtengemälde – Girgorcea gelingt hier ein großer Wurf.

Mit enormer erzählerischer Kraft bricht die Autorin das Schweigen zwischen den Generationen im postkommunistischen Rumänien und zeigt, dass noch lebendig ist, was man überwunden glaubte: Populismus, Chauvinismus, die Geister der Vergangenheit – und die Sehnsucht nach der starken Hand, nach einem gestrengen, grausamen Richter, wie es einst Vlad der Pfähler war, besser bekannt als Graf Dracula. Noch ist da nicht zu ahnen, dass Grigorceas Anti-?/Heldin bald selbst gleich einer Fledermaus durch die Nacht flattern wird, im großen Silberspiegel kein Bild mehr von ihr, dafür ungeahnte neue Fähigkeiten – und ein Appetit. Man sollte dem, was sie so selbstironisch schildert nicht bedingungslos glauben …

Ort der Handlung ist das Dorf B., solcherart abgekürzt, da es „sinnbildlich für unsere walachische Moral“ steht. B., südlich von Transsilvanien, am Fuße des Apuseni-Gebirges gelegen, das war einst der Kurort der reichen Bukarester und Kronstädter; der Protagonistin Großtante Margot, von ihr Mamargot genannt, hat hier eine von den Kommunisten erst enteignete, später restituierte Villa am Waldrand. Und mit deren Bebilderung, die Schatten der Bäume bizarr auf alle Ecken des Hauses geworfen, beginnt die Gruselstory.

Zwischen dem Wandteppich „Entführung aus dem Serail“, türkischen Säbeln, arabischen Tellern und einem ausgestopften Eichhörchen, wo „die Umbra mortis lauerte“, finden sich allsommerlich Mamargots illustre Gäste ein. Deren strahlender Mittelpunkt Geo, ein gefeierter Bariton an der Bukarester Oper, ist, sein irakischer Ziehsohn Yunus, seine Frau Ninel und deren Mutter Madame Didina, diese wiederum Mamargots Cousine, Madame und Herr Tudoran, sowie im Turnus wechselnde andere, denen der Sinn nach Luftveränderung steht.

Bei den Einheimischen ziemlich unheimlichen nächtlichen Spaziergängen hat sich die städtische Landpartie angewöhnt, die Entführungsarie aus dem „Rigoletto“ zu intonieren, jedenfalls das „Zitti, zitti …“, worauf erst recht schallend laut gelacht wird. Der ehemalige Klassenfeind lässt es sich bourgeois gut gehen, Mamargot wird beschrieben als ein ewiges Mädchen aus jenen jenseitigen Tagen der Pferdekutschen und livrierten Diener, und mit versnobt herrschaftlichem Habitus wird herabgesehen auf die Basse-Classerie, deren Arbeitskraft diese Tschechow’sche Gesellschaft mangels Alltagstauglichkeit allerdings dringend braucht.

Kunst, und wie sich damit etwas ins Bild setzen lässt, ist eines der durchgängigen Themen des Romans. Während sich die operettenhaft blasierte Mamargot-Clique im intellektuellen Glanze von Schriftsteller George Enescu, der Opernsängerin Hariclea Darclée, des mönchischen Nicolae Steinhardt und des weltlichen Philosophen Emil Cioran sonnt, einer zitiert George Coșbuc‘ Dracula-Gedicht „Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor“, ein anderer gar Nationaldichter Mihai Eminescu, der angesichts der damaligen Fülle korrupter Politiker 1881 den Vers schrieb: „Ach, Pfähler! Herrscher! Kämst du doch, /Mit harter Hand zu richten“, während man also die im Lichte sieht, werkt im Dunkeln Zugehfrau Sanda.

Von Mamargot „meine Teure“ genannt, ein hagerer Lopachin in seiner abergläubischsten Ausgabe, „die überall Böses und Betrug witterte, vor dem sie uns bewahren wollte“. Lange sind das die „Wölfe“ genannten Securitate-Agenten, denn die lockeren Leutchen haben bezüglich des sein Volk aussaugenden Diktators und des ihn dennoch verherrlichenden Devolitionalienkitsches ein loses Mundwerk, dann, im Buch ist der Hochsommer 2004 angebrochen, „vor dem Leid, das über uns kam, das qualvolle Sterben, das unvorstellbare Grauen, die Rache“. Wer nun noch nicht mit Rotwein oder wahlweise Popcorn unter der Leselampe sitzt, dem ist nicht zu helfen.

Das B. der Nachwende- hat definitiv schon bessere -zeiten gesehen, die Kinder der Nomenklatura bevorzugen andere Urlaubsdestinationen, die Dorfjugend und somit der Erzählerin Freundeskreis ist zur Arbeitssuche ins EU-Ausland angehauen, überall bröselt’s und bröckelt’s, die Häuser- und die Betonruinen verrottender Rohbauten, und auch in den Köpfen jener Ultranationalisten, die sich „im Besitz der wahren, unverfälschten rumänischen Tradition wähnten und sich stolz in die Brust warfen, ihr legitimer Erbe und auserkorener Hüter zu sein“.

Alles scheint der Erzählerin dunkler und geschrumpfter, das verlassene, aufgegebene B. mit seinem Geruch nach Zerfall und Fäulnis wird ihr zur fremden Welt, der Leserin, dem Leser zu einer nachtmahrischen Zwischenwelt, auch der Protagonistin BFF-Schwestern Tina und Arina – Auge! – sind weg. Allein Geo schwadroniert unverdrossen über die „Gleichgültigkeit derer, die auf der geistigen Höhe wären, um die Situation zu beurteilen“ – erste Textzeile der Nationalhymne: „Wach auf, Rumäne, aus dem Todesschlaf“. Und in der Nacht hört die Protagonistin erstmals den „blutgefrierenden Schrei“. Eine menschenähnliche Kreatur klettert den Kopf nach unten die Hausmauer hinunter. „Es war in Schwarz gekleidet, sodass ich unweigerlich auf die weißen Hände schaute, lange, blasse Finger, klauenhaft verbogen, und als es sich umdrehte, erkannte ich es. ;Du?‘“

Derart unheiligen Boden bereitet Dana Grigorcea ihrer Gegenwartsdiagnose. Aus ihrem kuriosen Figurenkabinett nicht unerwähnt bleiben sollen der leutselig-lästige Bürgermeister Sabin, korrupter Ex-Kommunist und politischer Wiedergänger in allen Systemen, und dessen Sohn Atanasie, der dunkle Prinz Ata mit den appretierten Hemden, dem einsamen Auftreten und der Saga um seine sagenhafte Manneslust, der sich nahtlos in die Reihe der Vampir-Verdächtigen reiht. Es folgt ein Todesfall in Mamargots Entourage, daher, jetzt wird’s für Mitteleuropäer skurril, wie Grigorcea überhaupt ein Händchen fürs Grotesk-Komische hat, beginnt der Friedhofsputz.

Bild: pixabay.com

Das Dracula-Schloss im rumänischen Bran. Bild: pixabay.com

Repro: Porträt Vlads III. Drăculea, spätes 16. Jhdt. © KHM, Schloss Ambras

Zwischen den „alten Krypten und Grabsteinen und marmornen Grabstatuen mit gusseisernen Kreuzen, alles halb verdeckt vom Efeu“, hat auch Mamargot eine Familiengruft. Mit einem „kleinwüchsigen Zigeuner“ [sic!] steigt die Erzählerin hinab, um im Leinensackerl alte Gebeine zu bergen, die Platz für die neue Leiche machen müssen. Sie findet die 1490er-Grabstätte von Ecaterina Fronius Siegel, Drăculeas unsterblicher Geliebter, deren sterbliche Überreste samt kleinen grünen Seidenschuhen sie einsammelt, und daneben mit dem Wappen des Ordo Draconis auf dem Deckel die seine, die Grabstätte des mächtigen Fürsten und Woiwoden Vlad des Pfählers.

Zum Schock mit dieser Weltberühmtheit verwandt zu sein, die Protagonistin plagen ab da erotische Albträume vom geheimnisvoll-galanten Ahnen, dem sie auf vampireske Weise zu verfallen droht [„Berauscht gierte ich nach Ekstase. ,Wir sȋn gelȋchen bluotes‘, flüsterte er.“], gesellt sich am kommenden Morgen ein zweiter: In der Gruft wird ein Ermordeter aufgefunden, blutleer ausgesteckt auf Vlads Grab, und bald weiß die Polizei, was die Erzählerin gleich wusste: Der Tote ist Traian Fifor, vierzig Jahre alt, nebst mittlerweile spurlos verschwundener Ehefrau – Auge! – vor zehn Jahren nach Spanien ausgewandert – und nun geschlagen heimgekehrt. Er hauste im verwahrlosten, zugemüllten Bauernhof seiner verstorbenen Eltern, munkelt man.

Noch ein Tag später, und die Presse ist mit einem Tross an Schaulustigen am Schauplatz angelangt. Der geschäftstüchtige Sabin will die Krypta des Märtyrers Vlad öffentlich zugänglich machen, gegen Eintrittsgeld, versteht sich. Doch die Großtante verbittet sich jegliche Art Touristen-Krimes, deren hohe Bereitschaft hier alles und jeden bizarr zu finden, doch irritiere. Dennoch pflanzt sich im dank des wohltätigen Fürsten endlich wieder prosperierenden B. ein Souvenirstand neben dem nächsten, die Bauern posieren in walachisch-weißer Tracht für Fotos, und Sabin, schneller Gründer der „Transylvanian Vampire Inc.“, ernennt mit dem Segen des Tourismus- ministers ganz B. zum künftigen Dracula-Park, errichtet wie stets mit Staatsgeldern, die in seine Tasche fließen.

Doch schon verändern sich die Sinne der Erzählerin. Mit ihrem Atem kann sie Ereignisse vor- und zurückspulen, deutlich spürt sie im Blut die Niedertracht alles Lebendigen. Ein erster Streifzug durch die Nacht wird zum splatterhaften Höhenflug: Ein Rehbock „röhrte so laut und heiser, als würde er sich über seine Angst lustig machen. Mit einem Mal stürzte ich auf ihn herab und saugte ihm dieses Lachen aus.“ Den blutigen Mund wischt sie sich am Fell des Tieres ab. Doch danach scheint es mit der so luftigen Erzählerin talwärts zu gehen: Sie wirkt immer kulturpessimistischer und beklagt, dass es heutzutage nur noch Spott und Hohn gebe. Die Schuld am Verfall gibt sie dem zeitlos beherzten Bürgermeister.

Es ist gewagt und geglückt, wie Grigorcea dem Bram Stoker/Bela Lugosi-Dracula die innerrumänischen Mythen und Legenden um Vlad III. gegenüberstellt. An manchen Stellen wird der Roman gar zum Geschichtslehrbuch: Vlad im Krieg gegen Sultan Mehmed II. Abu al-Faith, Konstantinopel-bezwingender „Vater der Eroberung“, der durch einen Wald aufgespießter Leiber ritt, die einmal seine Soldaten waren, so dass er dem Schaitan den Rücken kehrte. Vlad, der zugunsten seines Volkes die handelsfreudigen Sachsen hinrichtete, der den osmanischen Botschaftern, da sie ihn abzunehmen sich weigerten, den Turban an die Stirn nageln ließ, der Bettler verbrannte, um ihren Weg aus dem Elend ins Himmelreich zu verkürzen. Vlad, der Verrat durch seinen abtrünnigen Bruder Radu erleiden musste.

Vlad, der nach dem Motto: „Wer kein Rückgrat hat, dem bohre ich eines“ seine Widersacher pfählen ließ. Vlad, der Nationalheld, weil er gegen Türken und Ungarn kämpfte, so dass er noch heute im EU-Balkanstaat für viele die Sehnsucht nach nationaler Selbstbestimmung verkörpert. Grigorcea spart nicht an Details von des Pfählers blutigen Scheußlichkeiten, die die Ich-Erzählerin den wohlig erschauernden Touristen als Anekdoten darbietet, alldieweil sie deren Porträts als Dracula-Karikaturen zeichnet. Doch auf dem Höhepunkt der Blutsauger-Story, als Parteipräsident Druga die Baustelle des Themenparks „mit Schloss, Geisterbahn und alldem“ besichtigen will, lässt die Schriftstellerin ihre Schöpfung in Flammen aufgehen.

„Die Regierung beschuldigte die Opposition der Brandstiftung, buchstäblich. Die Opposition hingegen die Regierung, buchstäblich wie im übertragenen Sinn. Erst hätten sie den tapfersten Fürsten des Landes entehrt und ihn zu einer Pappfigur in der Art amerikanischer Groschenromane gemacht, dann hätten sie eine Dracula-Aktiengesellschaft gegründet, das Geld daraus entwendet, und nun hätten sie Feuer gelegt an den eigenen Holzhütten, um riesige Verluste anzumelden, um noch mehr Geld mit den Versicherungen zu verdienen.“

Grigorceas Schauerroman mischt auf einzigartige Weise Politsatire und Persiflage auf den Dracula-Tourismus. Elegant gelingt es der Autorin historisch Belegtes, populäre Geschichte und das Dracula-Genre von Stoker bis Fantasy-Film mit einer messerscharfen Gesellschaftsanalyse zu verbinden. Ihr Text ist ein Plädoyer dafür, sich den Geschichtsbildern und ihrem Weiterwirken in der Gegenwart zu stellen. Der Spiegel, der leer bleibt beim Anblick eines Vampirs, ist dafür ein starkes Symbol – Pfähler wie Gepfählte, im modernen Rumänisch bedeutet „gepfählt worden“ betrogen worden zu sein, saugen einander so lange aus, bis das Land blutleer ist.

Und apropos, blutleer: Es kommt zum großen Showdown. Enttarnt wird, wer der schwarze Racheengel ist, so wie zuvor Sabins armseliges träges Stimmvieh, das die eigene Bequemlichkeit gesellschaftspolitischer Veränderung vorzieht. Keine Frage, dass Sabin, der – Achtung: Spoiler! – in die Tötung Traians involviert war, nun die Rechnung für seine Sünden bezahlen muss. Dass am Ende das Menschliche siegt, ist das Hoffnungszeichen in diesem sprachgewaltig schillernden Pageturner. Gegen all die Gewalt von gestern, gegen die ewiggestrige Gewalt setzt Dana Grigorcea die Überzeugung, dass sich der „Überlieferung“ mit Sinn und Verstand und klarem Blick beikommen lässt. Dass ihr das hier mit den Mitteln des Phantastischen gelingt, ist … fantastisch!

Abschließend, weil’s zu schön ist, ein letzter Absatz von einem Ausflug der Ich-Erzählerin in die Gefilde der Basse-Classerie, ein Liebespaar im Auto: „,Was zum Teufel!‘ Ungläubig sah er hoch. Und da geriet ich in sein Blickfeld, ein weißes Gespenst mit ausgebreiteten Armen und Beinen. Meine schwarzen Haare hingen mir übers Gesicht, meine nackten Brüste baumelten. Und meine Finger griffen abwärts, wurden zu Krallen. ,Meine Fresse‘, rief der Mann aus, er schüttelte den Kopf und begann zu lachen. ,Was ist, warum lachst du?‘, rief die blonde Frau, die nun ebenfalls ausstieg. Sodann deutete der Mann mit dem Kinn auf mich, und die Frau schaute hinauf. Sie schaute auf meinen nackten Körper, dann auf den Mann und wieder hinauf. ,Mein Gott, du ist wirklich ein Schwein!‘, rief sie schließlich und schmiss die Autotür zu: Ich gehe zu Fuß.‘“

Über die Autorin: Dana Grigorcea wurde 1979 in Bukarest geboren, sie studierte Germanistik und Nederlandistik und lebt seit vielen Jahren mit ihrer Familie in Zürich. Die Werke der rumänisch-schweizerischen Schriftstellerin, etwa der Roman „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ und die Novelle „Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen“, wurden in mehrere Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem 3sat-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb.

Penguin Verlag, Dana Grigorcea: „Die nicht sterben“, Roman, 272 Seiten.

www.penguinrandomhouse.de           www.grigorcea.ch

Screenshot: screenrant.com

„Es geht um den Vampirismus in unserer Gesellschaft“: Dana Grigorcea im Gespräch

Wie lebendig ist die Dracula-Legende in Rumänien heute?

Grigorcea: Vor der Wende hat man in Rumänien vor allem von dem einen Dracula geredet, dem blutrünstigen Diktator Nicolae Ceaușescu. Es gab auch die alten, schwülstigen Volksmärchen von Vampiren, die in der Nacht die jungen Mädchen sexuell „erwecken“, die dann am Folgetag bleich und ausgelaugt aufwachen und sich wieder nach der Nacht sehnen. Nach 1989, als sich das Land dem Tourismus öffnete und viele Touristen die Spuren der historischen Fürsten-Figur zu suchen begannen, die Bram Stoker zu seiner Dracula-Figur inspiriert hat, wollte der Tourismusminister einen Dracula-Park bauen, um diesen Mythos zu bedienen und daraus Kapital zu schlagen.

Wie bei Ihnen …

Grigorcea: In dieses Projekt haben korrupte Politiker und zwielichtige Geschäftsmänner investiert. Doch es gab einen großen Aufschrei im Land, dass man sich die Geschichte von Vlad dem Pfähler von Fremden deuten lässt. Da ist der Kult um diesen mittelalterlichen Fürsten erst richtig aufgekommen – ein unnachgiebiger Fürst, kühn und gerecht, der kurzen Prozess machte mit den Korrupten im Land: Er hat sie nämlich gepfählt.

Wofür steht der Dracula-Mythos im Buch?

Grigorcea: Für die Sehnsucht vieler Menschen nach der starken Hand, für den fast schon morbiden Wunsch, düstere Figuren wie den Autokraten Putin, einen Trump oder in Deutschland die AFD-Leute möglichst an der Macht zu sehen. Der Dracula-Mythos steht für die Ereignisse aus der Vergangenheit, die man längst begraben zu haben glaubte, die jetzt aber wieder aus dem Grabe kommen und uns heimsuchen. Letztendlich geht es um den Vampirismus in unserer Gesellschaft.

Ihre Protagonistin steigt, da beginnt der ganze Horror, in die Familiengruft hinab, um eigenhändig die Gebeine ferner Verwandter umzubetten, hierzulande ist das eher unüblich, wenn nicht sogar verboten …

Grigorcea: In Rumänien ist der Tod sichtbarer als hier: Es gibt noch die Totenwache, man wäscht den Toten, küsst ihn, in manchen Gegenden fotografiert man sich auch mit ihm. Auf den Friedhöfen hat man Familiengräber, und manche haben auch Gruften, die seit Jahrhunderten in Familienbesitz sind. Vor dem Begräbnis meiner Großmutter bin ich in die Familiengruft hinabgestiegen, um eben Platz zu machen für den neuen Sarg – und das, was ich im Roman beschreibe, das Aufbrechen des alten Grabes, das Einsammeln der alten Gebeine und auch die intakten grünen Schuhe von puppenhafter Größe, das habe ich selbst gesehen und erlebt.

Das von Ihnen beschriebene Schweigen zwischen den Generationen, ist das in Rumänien ein spezielles? Sie haben einmal gesagt, dass es Ihnen leichter fällt, an der Generation Ihrer Großeltern anzuknüpfen als an der Ihrer Eltern, woran liegt das?

Grigorcea: Ja, meine Generation wurde von den Großeltern großgezogen, die Geschichten von vor der Diktatur weitergegeben haben. Die Eltern, im Kommunismus geboren, haben gearbeitet. Und sie haben nicht viel mit den Kindern geredet, ihnen auch nichts erklärt oder anvertraut, zum Teil aus Angst, dass sich die Kinder verplappern und damit die ganze Familie in Gefahr bringen könnten. Diese Sprachlosigkeit hat sich erhalten.

Ihre Protagonistin hat an der Pariser Kunstakademie studiert und ist Malerin. Warum haben Sie diese Ebene der Kunstgeschichte eingeführt?

Grigorcea: Der Roman ist auch eine Reflexion über das Wesen der Kunst. Als Kind schaut sich die Protagonistin mit ihrer Großtante Mamargot Gemäldealben an, und diese sagt angesichts der Schönheit der Bilder und des Zustands der Kontemplation, in den sie sich beide versetzen können, den Satz: „Nichts kann uns brechen“. Es ist ein zentraler Satz im Buch, und der besagt, dass die Kunst einen rettet. So wird die Protagonistin auch Malerin, und ihre Wahrnehmungen von ihrer Umgebung sind die einer Malerin: sie ist eine genaue Beobachterin von Menschen, Farben und Formen und Stimmungen.

„Zu Hause ist man da, wo man Gastgeberin ist“, sagt Mamargot an einer Stelle. Wo ist das für Sie?

Grigorcea: Diesen Satz habe ich in meinem Präsentationsvideo für den Klagenfurt-Literaturwettbewerb gesagt und mich hier im Roman selbst zitiert. Was ich damit sagen will, ist, dass man da zu Hause ist, wo man großzügig sein kann, wo man in seinem Kreis und darüber hinaus wirken, anderen etwas geben kann. Ich bin in der Schweiz zu Hause, kann hier schreiben, habe meine Leser, organisiere monatliche Benefiz-Lesungen für Flüchtlinge, erziehe meine Kinder – und ich bin auch in Rumänien zu Hause, habe meine Leserschaft, nehme oft Stellung zu gesellschaftlichen und politischen Themen und habe sogar ein eigenes Kultur-Projekt.

28. 4. 2021

H. C. Artmann – Anlässlich des 100. Geburtstags: Eine Autobiografie aus Gesprächen

April 13, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Außerdem Klangbücher, Prosa- und Gedichtbände

H. C. Artmann war eine der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten der Nachkriegszeit und vielleicht der letzte literarische Lebemann. Er verstand sich als „kuppler und zuhälter von worten“, beschrieb „med ana schwoazzn dintn“ die düstere Seite der Wiener Gemütlichkeit und bleibt als virtuoser Sprachakrobat und individualistischer Exzentriker unvergessen. Am 12. Juni gilt es den 100. Geburtstag des im Jahr 2000 im Alter von 79 Jahren an Herzversagen verstorbenen Schriftstellers mit Büchern von und über ihn zu feiern. Hier eine persönliche Auswahl an bereits erschienenen und noch erscheinenden Biografien, Klangbüchern, Prosa- und Gedichtbänden:

H. C. Artmann: ich bin abenteurer und nicht dichter

In „ich bin abenteurer und nicht dichter“ versammelt Kurt Hofmann, ergänzt mit Werkausschnitten, die prägnantesten Originalaussagen Artmanns über sein Leben und Schaffen. Durch nächtelange Gespräche über Jahre hinweg wurde ORF-Redakteur Hofmann zum Vertrauten und Kenner Artmanns. Aus diesen Treffen resultiert die bis heute einzige „Autobiografie“ des literarischen Genies, dessen Faszination ungebrochen ist.

Amalthea Verlag, H. C. Artmann: „ich bin abenteurer und nicht dichter. Aus Gesprächen mit Kurt Hofmann“, Autobiografie, 240 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheint am 15. April amalthea.at

Kurt Hofmann im Amalthea-Gespräch:

Wie kam es zu den Treffen mit H. C. Artmann, und stand von Anfang an fest, dass eine Art Autobiografie aus den Gesprächen entstehen soll?
Hofmann: Als junger ORF-Redakteur in Salzburg wollte ich „den letzten literarischen Lebemann“ vors Mikrofon bekommen, wohl wissend, wenn er so etwas macht, dann sehr ungern. Die, die ihn näher kannten, rieten von so einem Projekt ab. Die, die ihn bisher interviewten, erst recht! Als er 1982 nach vielen vergeblichen Versuchen doch einwilligte, es probieren zu wollen, war wenig „Sendbares“ dabei. Da er viel zu viel überlegt hat und viel zu wenig er selbst dabei geblieben ist. Im Laufe der Jahre – mit monatelangen Pausen – wurde das Vertrauen größer bis zu dieser bei ihm seltenen Offenheit, die dann die Perspektive Richtung Buch erst ermöglichte. Die intensiven nächtelangen Interviews haben wir bis wenige Monate vor seinem Ableben geführt. Als er das Manuskript las, erschrak er: „Was haben wir gemacht!“ und: „Bring das erst raus, wenn ich nicht mehr bin!“

Warum war es so schwer, an H. C. Artmann ranzukommen?
Hofmann: In einer besinnlichen Minute zwischen drei und vier Uhr morgens, die Flasche Rotwein war längst leer, habe ich ihn genau das gefragt und bekam zur Antwort: „Weißt du … (lange Pause), ich bin menschenscheu, sehr menschenscheu. Bei einfachen Dingen zu meiner Person habe ich schon Schwierigkeiten. Ich bin kein Selbstdarsteller. Diese Selbst-Zur-Schau-Stellung, wie auf einer Schlachtbank. Da liegen die Kadaver, seht her. Und wer da alles mit dem Messer auf dich zugeht, mit einem stumpfen, damit es ja wehtut. Und dann wird in den Wunden herumgerührt und das Blut spritzt und die Leute begeilen sich daran. Auskunft geben über mich bereitet mir Übelkeit und Schmerzen. Sich vor Reportern und dem Fernsehen und all dem zu schützen, das ist Notwehr.“

Wie lässt sich die Faszination H. C. Artmanns erklären?
Hofmann: Man kann es nicht besser ausdrücken, als dies Klaus Reichert bei Artmanns Begräbnis getan hat: Kein Dichter in diesem mit ihm zu Ende gehenden Jahrhundert hat so bedingungslos wie H. C. Artmann die Existenz und die Würde des Dichtens noch einmal vorgelebt. Kein Dichter, auch Ezra Pound nicht, hat wie er auf andere gewirkt, weil er keine Richtung verfolgte, keine Prinzipien verkündete, außer solchen, die im nächsten Gedicht wieder aufgelöst werden konnten. So kam es, dass so viele Talente und große Begabungen sich von ihm herschreiben konnten, indem sie, durch ihn, zu ihrer eigenen Stimme fanden. Und das Erstaunlichste: Er war ein altersloser Dichter, dessen Zeit immer gekommen war. Jede Generation, bis herab zur jüngsten, konnte mit ihm, durch ihn, den Funken der Dichtung neu entfachen.

H. C. Artmann: um zu tauschen vers für kuss. Klangbuch mit CD von Erwin Steinhauer

H. C. Artmanns 100. Geburtstag ist auch für Erwin Steinhauer und seine Musiker-Freunde Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith Anlass, sich abermals mit dessen umfangreichem Werk zu beschäftigen. Für Alfred Kolleritsch ist „das werk h. c. s … die gesammelte rettung der poesie, die weite der sprache reicht hin in alle moeglichen welten der phantasie. sie schafft sich diese welten und erzählt ihre vielfalt. was freiheit des schreibens, des erfindens, des verzauberns ist, fand ich in seinem werk – dem freundlichsten anarchismus, den man sich vorstellen kann.“ Steinhauer erforscht gemeinsam mit seinen musikalischen Reisebegleitern diese fantastischen Welten des H. C. Artmann, die hier zu einer turbulenten, poetischen und humorvollen Text-Musik-Collage verwoben werden. Die Musik ist vielschichtig wie die Geschichten, jongliert mit vielen Stilen und zaubert Kino für die Ohren. Ein poetisches Klangabenteuer.

Mandelbaum Verlag, H. C. Artmann: „um zu tauschen vers für kuss“ Klangbuch mit einer CD von Erwin Steinhauer, Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith. 32 Seiten mit zahlreichen Abbildungen von Linda Wolfsgruber.  Erscheint im Mai www.mandelbaum.at         Trailer:www.youtube.com/watch?v=SdNu_xd3E9M         www.youtube.com/watch?v=ZjnwuMqZxXA

Von H. C. Artmann im Mandelbaum Verlag bereits erschienen sind: Dracula, Dracula, Klangbuch mit CD, gelesen von Erwin Steinhauer. Die von Georg Graf und Peter Rosmanith komponierte, und auf zahlreichen Perkussions- und Blasinstrumenten interpretierte Musik, bezieht ihre Einflüsse aus osteuropäischer Volksmusik, dem Jazz, Ambient- und der Minimalmusic.  Aus Sprache und Musik entsteht eine Symphonie des Grauens. Es empfiehlt sich daher beim Hören dieses Klangbuches immer etwas Knoblauch in Reichweite zu haben.

Flieger, grüß mir die Sonne, Klangbuch mit CD. Ein nicht gerade mit Vorzügen gesegneter Mann verwandelt sich mit Hilfe einer falschen Identität und unzähliger Prothesen in einen verwegenen Flieger und begibt sich auf Eroberungen. Doch glücklos wie er ist, kommt ihm einiges in die Quere und bald ist aller Lack ab. Georg Graf an diversen Blasinstrumenten, Peter Rosmanith mit seiner vielfältigen Perkussion und Joe Pinkl an Posaune, Tuba und Keyboard sorgen für manch gewagten Höhen­flug, ohne vor der unausweichlichen Bruchlandung zurück- zuschrecken. Tango, Walzer und Rumba dienen als rhythmischer Background für männliches Balzverhalten und treiben den Flieger zu mutigen Taten voran. Virtuos gesprochen wird der Text von Erwin Steinhauer.

Schreibe mir, meine Seltsame, schnell. Briefe an Didi 1960–1970. Mit Illustrationen von Susanne Schmögner – herausgegeben von Didi Macher und Ulf Birbaumer. 1960 schrieb H.C. Artmann Sehnsuchtsbriefe, denen er oft später veröffentlichte Liebesgedichte beilegte, aber auch aufmunternde, witzige Postkarten, adressiert an die junge Kärntner Schauspielerin Didi Macher in Klagenfurt, wo sie gerade eine längere Krankheit auskurieren musste und die der Dichter dort regelmäßig besuchte. Seine brieflichen und lyrischen Verbarien ergänzte er durch ausgerissene Karikaturen, durch Passagen in Sanskritschrift, die beide lesen und schreiben konnten. Auch getrocknete Sommerblüten klebte er in die Briefe und machte sie so zu einem poeti­schen Sehnsuchtsherbarium.

Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: H. C. Artmann. Eine Biografie

Veronika Premer und Marc-Oliver Schuster erzählen auf spannende Weise das unkonventionelle Leben H. C. Artmanns, der in seinem Werk den Bogen von Dialektdichtung bis zu Populärkultur spannte. Der Sohn eines Schuhmachermeisters schuf ein neues sprachliches Universum und polarisierte damit eine ganze Generation. Als Vorstadt-Poet und literarischer Weltbürger schrieb er sich in die Herzen seiner Anhänger und erneuerte die traditionelle Mundartlyrik mit gewitzten Sprachspielen. Er war ein Mitbegründer der legendären Wiener Gruppe, ein Reisender und unkonventioneller Dichter, der von Moden unbeeindruckt Worte, Stile und Sprachen mischte.

Residenz Verlag, Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: „H. C. Artmann. Eine Biografie“, 504 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheinungstermin 2022 www.residenzverlag.com

Von H. C. Artmann im Residenz Verlag bereits erschienen ist: Klaus Reichert (Hg.): „H. C. Artmann. Gesammelte Prosa“. Zwei Bände im Schuber. 1458 Seiten. H. C. Artmanns Zauber wirkt noch immer unvermindert und nirgends stärker, überraschender und facettenreicher als in seiner Prosa. Unzählige Seiten, und in jeder Zeile der sprühende Geist, der immense Reichtum an Formen und Einfällen, die subtile Komik einer Ausnahmeerscheinung der österreichischen Literatur.

H. C. Artmann: Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa

Magische Dinge geschehen in diesem Buch: Ein Schierling wird entgiftet, Küsse werden gegen Beeren getauscht, und der Farn redet mit Zungen. Und überall sprießen Knospen, stehen Blüten in voller Pracht und leuchten Früchte. Es sind die schönsten Naturgedichte und Prosastücke H. C. Artmanns, die dieser Band versammelt. Sie zeigen den Dichter in seiner ganzen Poesie: als Zauberer, der sich an den Traditionen bedient und aus fremden Sprachen und Dialekten schöpft, aber auch klassisch und formvollendet dichtet. Dass sein Zauber unvermindert fortwirkt, ist sich Clemens J. Setz beim Aufsagen der Verse und Zeilen sicher. Die Holzschnitte von Christian Thanhäuser sind zu den Gedichten entstanden.

Insel Bücherei/Suhrkamp, H. C. Artmann: „Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa“, 97 Seiten mit Illustrationen von Christian Thanhäuser und einem Nachwort von Clemens J. Setz. Erschienen am 8. März. www.suhrkamp.de

Über den Autor: H. C. Artmann, geboren am 12. Juni 1921 in Wien-Breitensee, gestorben am 4. Dezember 2000 in Wien. Schon früh ist er in vielen Sprachen bewandert. Längere Aufenthalte in Stockholm, Lund, Berlin, Malmö, Bern, Graz. Seit seiner ersten Lyrikveröffentlichung 1947 schreibt er Gedichte, Theaterstücke, Prosa. Er gehört zu den Mitbegründern der Wiener Gruppe. Sein erster Gedichtband „med ana schwoazzn dintn“ im Jahr 1958 macht Artmann berühmt. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhält er 1997 den Georg-Büchner-Preis. Bis zu seinem Tod im Dezember 2000 lebte Artmann vor allem in Wien und Salzburg.

amalthea.at           www.mandelbaum.at           www.residenzverlag.com           www.suhrkamp.de

13. 4. 2021

Werk X-Petersplatz streamt: Gott ist nicht schüchtern

März 3, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

La création de l`homme Baschar

La création de l`homme Baschar al-Assad, davor: Diana Kashlan. Bild: © Alexander Gotter

Amal: Und was stimmt mit dir nicht?

Hammoudi: Ich habe zugesehen, wie neunhundertsiebzehn Menschen starben.

Diese erste Szene ist das stärkste, das die Bühnenfassung von Olga Grjasnowas Roman „Gott ist nicht schüchtern“, erarbeitet von Regisseurin Susanne Draxler und Dramaturgin Lisa Kärcher, noch bis heute Mitternacht auf werk-x.at

kostenlos zu streamen, zu bieten hat. Mann und Frau, beide in blütenweißen Anzügen, sie flüstert ihm etwas ins Ohr, seine Miene verdüstert sich, das ist geheimnisvoll, da will man mehr erfahren … Gleich wird man wissen, dass die beiden hier am Schluss ihrer Geschichte angelangt sind, die Schauspielerin und der Chirurg, zwei junge Menschen, die sich im Arabischen Frühling in Damaskus engagierten und im syrischen Bürgerkrieg endeten – und es ist wichtig, dass es diese Inszenierung nun gibt, begeht doch dieser zwischen dem Regime Assad, der kurdischen Miliz, dem IS und Gott weiß noch wem ausgetragene Kampf 2021 sein schauriges zehnjähriges Jubiläum. Die Fluchtrouten aus der Krisenregion – geschlossen, die Festung Europa hat grad Pandemie. Bitte bleiben Sie Zuhause, auch wenn dieses eine unbeheizbare, durchnässte Notunterkunft am Rande von Nirgendwo ist! Einmal sagt Hammoudi Europa hätte „die neue Rasse Flüchtling“ erfunden.

Gott. Der kommt einem an diesem Abend des Öfteren in den Sinn. Nicht nur wegen des Buch- wie Stücktitels. Auch wegen der Bühnengestaltung von Hawy Rahman, der Bagdad-Wiener, der die drei Golfkriege überlebte, und für den Spielraum Petersplatz ein Graffito frei nach Chagalls „La création de l’homme“ entwarf. Doch, doch, man ist sich auch beim zweiten Hinsehen ziemlich sicher – und wird bestätigt, als Assad-Anhänger die Zeichen an der Wand mit „Baschar ist unser Gott“ preisen.

Es spielen die tschechisch-arabisch-österreichische Schauspielerin Diana Kashlan und Werk-Xler Johnny Mhanna, er tatsächlich in Damaskus geboren und vergangenen September live in „Geleemann“ zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41554). Das heißt: Die beiden spielen eben nicht, sie sind die meiste Zeit in der Erzählerrolle – wie das Romandramatisierungen halt oft so mit sich bringen, noch dazu eine von Olga Grjasnowa, in dem viel passiert, doch wenig gesprochen wird. Und so fehlt im Wortsinn das Dramatische, und die protokollarische, authentische Härte, mit der die Autorin und Ehefrau des syrischstämmigen Schauspielers Ayham Majid Agha auf Gewalt, Grausamkeit und Folterzellen blickt, wird zu einem künstlichen künstlerischen Distanzhalten.

Diana Kashlan und Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Verhört von der Geheimpolizei. Bild: © Alexander Gotter

Bild: © Alexander Gotter

Bild: © Alexander Gotter

Nur ab und zu blitzt auf, was Grjasnowa zu schildern hat. Mit Humor, wenn Mhannas Hammoudi, gerade auf dem Möbiusband einer Behördenendlosschleife gelandet, sagt, in Syrien seien diese Wartezimmer wie Gefängnisse, man wisse nicht warum und wie lange man sitzen müsse. Mit Schrecken, wenn Kashlans Amal, mitten in der Nacht von der Geheimpolizei verhaftet und zum Verhör gebracht, erklärt, was der Mensch der Reihe nach verliert: Zähne, Würde, Freiheit, Leben. Und nein, hier will niemand einen Gewaltporno sehen, und ja, es ist an dieser Stelle niemals üblich Künstlerinnen und Künstler mit Herkunfts- und Heimatbegriffen zu punzieren.

Aber diese österreichische Erstaufführung der „Nestbeschmutzer & innen“ hat eine Wahrhaftigkeit „verspielt“, die die Vorlage erstens hat, und für die die Autorin vom deutschen Feuilleton teils sogar getadelt wurde, und für die nicht zuletzt der großartige Johnny Mhanna ein Garant gewesen wäre. Und ginge es darum, ein österreichisches Publikum abzuholen, so hätte man die Claire-Story, Hammoudis Lebensgefährtin in Paris, wo er sieben Jahre lang gelebt und studiert hat, und zu der er nicht mehr zurückkehren wird, ausbauen können. Die Entsetzlichkeit, den geliebten Mann in einem Krisengebiet zu wissen und nur mit viel Glück eine Handyverbindung zu haben …

Für all das entschädigt, und das ist der Punkt: sehenswert, Johnny Mhanna mit einem abschließenden Monolog. Die Protagonisten begegnen einander in Berlin wieder. Er als gewesener Chirurg, der im Untergrund von Deir ez-Zor in einer illegalen Ambulanz die Notversorgung für die Bevölkerung aufrechterhielt, sie, die ihren Namen „auf der Liste“ fand, flüchtete und im Mittelmeer fast ertrunken wäre. Sie, die höchst erfolgreich eine TV-Kochshow über orientalische Spezialitäten moderiert, er, der ohne Papiere in Europa kein Mensch, geschweige denn ein Arzt ist.

Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Und wie bezeichnend sind diese letzten Augenblicke. Hammoudi berichtet von seiner Odyssee, Polizei, Erstaufnahmestelle, Unterbringung in Hostels quer durch Deutschland, fünf Asylwerber aus fünf verschiedenen Ländern mit fünf verschiedenen Sprachen schnarchen in einem Zimmer, „wir können uns gegenseitig nicht einmal Gute Nacht wünschen“. Das Warten auf die Anhörung, die Verachtung, die Missachtung, Asylverfahren

und Deutschkurs. Und schließlich Kashlan als gelangweilte Beamtin, die es nicht einmal der Höflichkeit Wert findet, Hammoudis Namen richtig auszusprechen, und die, was Deir ez-Zor und eine Flucht nach Deutschland betrifft, sprichwörtlich keine Ahnung hat, wo Gott wohnt und wie er heißt …

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  1. 3. 2021

mumok – Heimrad Bäcker: es kann sein, dass man uns nicht töten wird und uns erlauben wird, zu leben

September 29, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Fotografien gegen das Vergessen

Heimrad Bäcker: Wehrmachtsmitglied umgeben von einer Gruppe Kindern, 1933-34. Bild: © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung Michael Merighi

Ab den 1960er-Jahren – lange bevor die Erinnerung an NS-Verbrechen in Österreich eine kollektive Prägung erfuhr – entstanden Heimrad Bäckers Fotografien auf dem Areal der Konzentrationslager Mauthausen und Gusen. Es handelt sich dabei um eine umfangreiche fotografische Dokumentation des zunächst verlassenen, später anders genutzten Areals: die Bestandsaufnahme eines Ortes in mehr als 14.000 Fotografien.

Bäcker, dessen dichterisches und verlegerisches Werk zu den herausragenden Leistungen der österreichischen Literatur nach 1945 zählt, verstand Mauthausen und Gusen als Gedächtnisorte im Sinne des französischen Historikers Pierre Nora. Dieser hatte den Begriff „lieux de mémoire“ geprägt, um damit Orte zu bezeichnen, an denen sich das kollektive Gedächtnis kristallisiert. So wird Erinnerungskultur und historisch motivierte Identitätsstiftung ermöglicht.

Dabei ging es Bäcker im Gegensatz zu Nora nicht vorrangig um nationale Anliegen, sondern um die Verantwortung für ein Wissen und dessen Aufarbeitung. Seit 2015 befindet sich der fotografische Nachlass von Heimrad Bäcker als Schenkung seines Stiefsohns Michael Merighi im mumok. Es handelt sich dabei um ein Konvolut, das Zeugnis von einer lebenslangen Auseinandersetzung mit dem Ort und der ihm impliziten nationalsozialistischen Massenvernichtung ablegt. Im Rahmen der Ausstellung „es kann sein, dass man uns nicht töten wird und uns erlauben wird, zu leben“, zu sehen ab 27. September, wird eine Auswahl von etwa 140 Fotografien, Notizen, Textarbeiten und Fundstücken gezeigt. Auf den Fotografien sind brachliegende Anlagen zu sehen, die von Pflanzen überwuchert sind, oder aber bewusst einer anderen Verwendung zugeführt worden waren. Es sind oft ähnliche Motive, die graduelle Unterschiede in der Nachbearbeitung aufweisen und häufig seriell montiert sind.

Heimrad Bäcker: Jourhaus des KZ Gusen-Mauthausen (Zustand 1945-1993), 1975. Bild: © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung Michael Merighi

Heimrad Bäcker: Seziertisch Mauthausen, undatiert. Bild: © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung Michael Merighi

Heimrad Bäcker: „Todesstiege“ zum Steinbruch Wiener Graben des KZ Mauthausen, 1970-75. Bild: © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung Michael Merigh

Heimrad Bäcker: Hinrichtungsraum Berlin-Plötzensee, undatiert. Bild: © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung Michael Merighi

Die Bilder und Texte geben einen Einblick in die Herangehensweise Bäckers und können parallel zu seinen Textarbeiten „nachschrift“ aus dem Jahr 1986 und „nachschrift 2“ aus dem Jahr 1997 begriffen werden, die als „Erkenntnisarbeit zur Genese und Struktur des Holocaust“  eine Aufklärung über Nationalsozialismus und Schoah anstrebt. Es handelt sich dabei um eine Zitatensammlung aus der Perspektive von Täterinnen und Tätern, Opfern, Angeklagten und Klägerinnen und Klägern, die mit den Mitteln von Text und Sprache ein Narrativ der Vernichtung erstellt. Ausschnitte aus „nachschrift“ sind in der Ausstellung in einem von Bäcker selbst gesprochenen Text zu hören. Bäcker hatte in Zusammenhang mit der „nachschrift“ von einer „möglichkeit zur konkretion“ gesprochen.

Das vorgefundene Textmaterial weist eine gewisse Parallele zu seiner fotografischen Spurensuche auf und erschließt ebenfalls Fundstücke: Gegenstände, die er auf dem Areal gesammelt hatte, seien es kleine Nägel oder größere Holz- oder Betonfragmente. Bäcker suchte nach einer Form der Narration, die auf überprüfbaren Dokumenten basiert. Er verzichtet auf „einfälle und phantastik“, wie er es nannte, um in seinen Texten und Fotografien die Orte Mauthausen und Gusen gegen das Vergessen in Stellung zu bringen

Der Präsentation des Werks von Heimrad Bäcker werden im mumok zwei Arbeiten zeitgenössischer Künstler zur Seite gestellt: In der Sound-Arbeit „Ein mörderischer Lärm“ von Tatiana Lecomte berichtet der Zeitzeuge Jean-Jacques Boijentin, unterstützt vom professionellen Geräuschemacher Julien Baissat, vom unerträglichen Lärm in den Arbeitsstollen des Konzentrationslagers Gusen, verursacht durch die schweren Maschinen, die im Stollen zum Einsatz kamen. Rainer Iglars Fotostrecke „Mauthausen 1974“, die er als zwölfjähriges Schulkind bei einer Exkursion in das ehemalige Konzentrationslager angefertigt und als erwachsener Mann wiedergefunden hat, zeigt das Zusammentreffen der persönlichen Geschichte des Fotografen und der Geschichte des Ortes: „Der Ort ist markiert, es ist kein unschuldiger Ort.“

 

www.mumok.at

25. 9. 2019

Herrschaft der Niedertracht: Robert Misik im Gespräch

März 29, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Kurz ist der Mann mit dem gewissen Nichts“

Robert Misik. Bild: © Helena Wimmer

Nach einem Jahr türkisblauer Koalitionsregierung geht Publizist Robert Misik mit deren Protagonisten, ihren Ideen und dem politischen Zeitgeist, der nun weht, ins Gericht. Wie konnte sich der „neue Stil“, der weltweit auf dem Vormarsch zu sein scheint und den die österreichische Mitte-Rechts-Regierung für sich reklamiert, durchsetzen und wie gelangt er zu den verblüffend hohen Zustimmungsraten? Robert Misik im Gespräch über sein kürzlich im Picus Verlag erschienenes Buch „Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen!“:

MM: Inhaltlich kann dieses Gespräch nur eine Überforderung werden, gibt es doch täglich etwas Neues zu berichten über diese Regierung. Lassen Sie uns bei der von ihr angekündigten Auflösung der Identitären beginnen: Sie selber haben bereits angemerkt, dass eine solche rechtsstaatlich problematisch sei, und auch Vereinsrechtsexperte Maximilian Kralik sieht sie als unwahrscheinlich. Ist das nicht ein weiteres Blendmanöver, eine Angelegenheit, die im Nichts versickern wird, wie die Prüfung der Burschenschaften?

Robert Misik: In dem Fall sehe ich es anders, weil die Sache für die Regierung, insbesondere die FPÖ, sehr unangenehm ist, weil es nicht nur um personelle Verstrickungen mit den Identitären geht, sondern auch um ideologische. Diese Idee vom großen Austausch, in diesem Phantasma, wir würden hier durch Demografie ausgerottet und müssen daher Angst haben, steckt auch die FPÖ tief drinnen. Wenn solche Formulierungen sich nun auch im Manifest dieses Massenmörders in Neuseeland finden, ist man natürlich peinlich berührt, weil man auf eine Art und Weise mit etwas verbunden ist, das Menschenleben gekostet hat, heißt: wo die Verhetzung durch diese mörderische Ideologie von jemandem wörtlich genommen wird. Deswegen muss man sich distanzieren von den Identitären und sie prüfen. Natürlich ist das eine Blendgranate, und das ist gut so, weil es nicht die Aufgabe der Regierung ist, in einem rechtsstaatlichen System Vereine zu verbieten. Das ist die Aufgabe der zuständigen Behörden, und am Ende des Tages auch des Gerichts. Ich will von einem Bundeskanzler nicht hören, dass irgendetwas verboten ist. Das ist nicht sein Job.

MM: In Ihrem aktuellen Buch „Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen!“ nehmen Sie sich kein Blatt vor den Mund. Der Text ist sehr angriffig, an etlichen Stellen sogar polemisch zu nennen. Geschah das getreu der Redensart, dass auf einen groben Klotz ein grober Keil gehört?

Misik: Eine polemische Sprache, eine Angriffslust auch in der Formulierung, ist nicht unbedingt ein grober Keil, sondern ein bestimmter Gestus. Ich habe, um bei der Stilistik des Buches zu bleiben, Karl Marx und Kurt Tucholsky gelesen, all diese großen Polemiker des Pamphletismus, um mich beim Schreiben inspirieren zu lassen und in einen bestimmten Sound zu kommen – und mich, getreu des Brecht-Mottos, lax in Fragen des geistigen Eigentums zu sein, bei ihnen auch schamlos bedient. Ich glaube, dass das notwendig ist, denn dieses bedächtige Hin und Her, einerseits, andererseits, die nüchterne Sprache des Analysierenden, ist etwas anderes, als die politische Streitschrift. Und eine Streitschrift sollte es ein.

MM: Diese Streitschrift fällt nicht in die Kategorie Satire. Wie leicht kann man da geklagt werden.

Misik: Es ist relativ wenig drinnen, das geklagt werden kann, das kann man nur bei Beleidigungen und Falschbehauptungen, und so etwas habe ich nicht geschrieben. Allerdings stimmt es, die FPÖ klagt gerne, selbst in Fällen, wo sie nicht gewinnen kann. Wie man am Fall des Herrn Strache gegen Rudi Fußi sieht, und seiner Behauptung, dass ein echtes Foto gefälscht ist. Man kann jeden Unsinn klagen, da ist die FPÖ ganz geübt darin. Bei meinem Buch, denke ich, werden sie’s eher bleiben lassen, denn müsste ich in der Praxis das beweisen, was ich geschrieben habe, einen größeren Gefallen könnten sie mir gar nicht tun.

MM: Der Kabarettist Thomas Maurer hat in einem seiner Programme die Frage gestellt, wie viel Toleranz man gegenüber den Intoleranten aufbringen müsse. Was meinen Sie?

Misik: Das ist eine schwierige Frage, weil sich damit auch die Frage stellt, von welchen Menschen wir da reden. Ich brauche keine Toleranz gegenüber einer Regierung der Intoleranten zu haben. Bei Menschen, die vielleicht angesteckt sind, von einigen Motiven davon, Angst um die Zukunft, Angst um das Leben in der Stadt, da muss ich nicht den Inhalten gegenüber tolerant sein, den Menschen gegenüber aber sehr wohl. Mit denen dann in ein Gespräch zu kommen und Meinungen auszutauschen, ist wichtig. Abgesehen davon, dass nicht jeder, der nicht meiner Meinung ist, mein Gegner ist.

MM: So, wie Sie mit der gegenwärtigen Regierung ins Gericht gehen, möchte ich Sie fragen: Muss man ein Wahlergebnis nicht zur Kenntnis nehmen?

Misik: Ein Wahlergebnis muss man zur Kenntnis nehmen, man muss generell gesellschaftspolitische Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen. Nur, das hindert mich nicht daran, zu versuchen, diese Wirklichkeit zu verändern. Das ist ja der Sinn von Opposition in einer Demokratie: Sie muss die Regierung vom ersten Tag an bekämpfen und versuchen, dieses Wahlergebnis und diese Mehrheitsverhältnisse wieder zu verändern. Gerade bei der jetzigen Regierung gibt es ein großes Fragezeichen der Legitimität dieses Wahlergebnisses, denn die Überschreitung der Wahlkampfkosten ist keine Kleinigkeit gewesen. Wenn jemand statt sieben Millionen 13 Millionen ausgibt, dann ist das eine grobe Verzerrung der Grundlagen, so dass man die Rechtmäßigkeit des Wahlergebnisses zumindest diskutieren kann.

MM: Orten Sie so etwas wie eine wahre Stimmung im Land?

Misik: Die wahre Stimmung gibt es nicht. Es gibt keine Volksstimmung, weil es kein Volk, sondern nur eine Bevölkerung gibt. Es gibt verschiedenste Bevölkerungsgruppen und Milieus, die auf verschiedenste Weise ticken. Es ist immer ein Amalgam von Stimmungen, die die einzelnen Menschen, die einzelnen Gruppen haben. Wenn wir an der Oberflächlichkeit pro Regierung, contra Regierung bleiben, einem Fehlschluss erliegen, weil weder die Anhänger der Regierung noch die, die ihren Ansichten ein bisschen zuneigen, allesamt Rassisten, Ausländerfeinde, Menschen mit Hartherzigkeit sind, noch sind die anderen vollkommen das Gegenteil. Es gibt eine große Grauzone in der Mitte, in der viele sagen, diese Gehässigkeit, diese Politik der Niedertracht geht mir zu weit, aber ich verstehe schon, im Jahr 2015 haben wir uns mit den Flüchtlingen übernommen, heißt: dass in der Mitte der Bevölkerung beide Motive in einer Person schlummern können. Die wahre Stimmung im Land besteht eher aus diesem und vielen anderen Mischungsverhältnissen.

MM: Interessant, dass Sie das sagen. Der Soziologe Heinz Bude hat bei der Leipziger Buchmesse gerade gesagt, die so genannte Mitte gibt es nicht, sie ist eine Illusion, die es nie gegeben hat.

Misik: Das glaube ich ja auch, aber das heißt aber noch lange nicht, dass wir in der Gesellschaft nur aus zwei Menschenschlägen bestehen, die einen 100%-ig rechts, die anderen 100%-ig links. Nun kann man sich natürlich die Frage stellen, was diese Kategorisierungen heute für Wahlentscheidungen überhaupt noch bedeuten und inwieweit sie relevant sind. Es gibt definitiv Leute, die der Meinung sind, sie erhalten den Sozialstaat und die da oben richten sich’s, was eher eine sozialdemokratische Haltung wäre, und die gleichen Leute haben in Sicherheitsfragen oder Diversityfragen eher Haltungen, die wir als rechts bezeichnen würden. Na, was ist dann eine solche Person? Das ist ganz schön kompliziert.

MM: Ein ganzes Kapitel Ihres Buches widmen Sie Bundeskanzler Sebastian Kurz. Sie bezeichnen ihn unter anderem als Künstliche Intelligenz. Was meinen Sie damit?

Misik: Kurz hat hohes Talent, das ist unbestritten, sonst hätte er es nicht so weit gebracht. Seine Talente liegen, könnte man sagen, im Intrigantentum, positiv formuliert in der Bildung einer Seilschaft, einer verschworenen Prätorianergarde, die schon, als er noch „nur“ ein Ministeramt hatte, sich auf die Übernahme von allem vorbereitet hat. So zielstrebig mit einer Gruppe, die an einem Strang zieht und auch weiß, wo sie hin will, habe ich noch nie einen Politiker agieren sehen. Und das eigentlich, ohne dass es irgendwo rumpelt. Das zweite Talent ist, dass Kurz für nichts steht. Als er als Integrationsminister in diese Regierung gekommen ist, war er der junge Mann, der seine Partei symbolisch entlüftet hat, der von Willkommenskultur gesprochen hat. Das hat er glaubhaft verkörpert, bis er auf die Idee gekommen ist, dass, wenn er das Gegenteil behauptet, ihm das politisch nützlicher ist. Und auch das hat funktioniert, und zwar permanent umwölkt von Slogans, die nichts aussagen. Der Wahlkampf, der inhaltlich überhaupt nichts aussagte, war diesbezüglich der Höhepunkt. Das heißt, Kurz ist geradezu genial darin, nichts zu repräsentieren, außer offen für alle Projektionen zu sein. Deswegen nenne ich ihn ja auch, und das kann man zynisch oder auch gemein nennen, den Mann mit dem gewissen Nichts. Er ist einer, der versucht, so wenig wie möglich an Eigenschaft zu repräsentieren, und stattdessen offen zu sein für die Zuschreibungen von allen. Kurz hat diese Rolle immer perfekt gespielt. Wenn man ihm zuhört, hat man nie das Gefühl, da ist irgendein Satz nicht auswendig gelernt, da ist irgendeine Äußerung authentisch. Er redet wie ein Roboter.

MM: Wie steht’s um seine Machtpolitik hinter den Kulissen? Siehe die Kurz nachgesagten Verquickungen mit Investor René Benko.

Misik: Diese Verbandelung mit der Wirtschaft beherrscht Kurz als ÖVP-Schüler sehr gut. Aber über die Geschichte Kurz-Benko weiß man noch zu wenig, als dass ich da schon etwas analysieren möchte. Nicht zuletzt, da Benko es sich zum eigenen Vorteil gern mit vielen gutstellt – und was er mit der Kronen Zeitung vorhat: keine Ahnung? Oder mit dem Kurier.

MM: Sie besprechen auch den Umstand, dass es den privaten Sebastian Kurz nicht gibt, im Gegensatz zu H.C. Strache, der uns an seinem Vaterglück teilhaben lässt, oder dem neuerdings öffentlich frühstückenden Innenminister Kickl.

Misik: Wenn Kickl im Radio frühstückt, um bei diesem Beispiel zu bleiben, ist das auch eine Medieninszenierung. Was an Kurz interessant ist, ist, dass er diszipliniert ist, und das, was an ihm echt ist, nie nach außen dringen darf. Es wird schon irgendwas echt an ihm sein, es wird einen privaten, authentischen Kurz geben, nur hat den in der Öffentlichkeit noch niemand zu Gesicht bekommen.

MM: Wie kann man mit diesem Konzept reüssieren? Die Leute wollen doch in der Regel den Menschen hinter dem Macher erspüren, einen Schlüssellochblick auf die Mächtigen erhaschen.

Misik: Ja, das ist eine interessante Frage, in einer Zeit, in der auch Authentizität so hoch gehandelt wird, warum ein Politiker, der so unauthentisch ist, so gut funktioniert. In Wirklichkeit weiß jeder Zuseher, Kurz spielt eine Rolle und er spielt sie gut. Es gibt vielleicht eine Art Hochachtung vor dieser Professionalität, vor jemandem, der das durchzieht, ohne jemals zu stolpern und ohne jemals links oder rechts zu schauen.

MM: Es gibt einen Punkt in Ihrem Buch, mit dem ich nicht d’accord gehe. Sie bezeichnen den Innenminister als überfordert. Ist es nicht so, dass Herbert Kickl der Chefideologe, der Stippenzieher, und als solcher unantastbar ist.

Misik: Auch Kickl macht das, was er sein will, nämlich der Unruhestifter, der durch irrwitzige Forderungen die Unique Selling Proposition der FPÖ hervorkehrt, was gar nicht so einfach ist, nachdem ihnen die ÖVP die Hälfte des Wahlprogramms geklaut hat, hervorragend. Das hat schon eine Professionalität. Auf der anderen Seite führt er ein schwieriges Ministerium, und da ist er nicht erfolgreich, da misslingen ihm die Dinge dauernd. Den BVT so zu zerschlagen, dass es eine Staatsaffäre wird, und einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss am Hals zu haben, da gehört was dazu.

MM: Was wurde eigentlich aus der SPÖ?

Misik: Die SPÖ hat kurzfristige und langfristige Probleme. Das kurzfristige ist, dass sie aus der Regierung in die Opposition gekommen ist, was immer schwierig ist, weil du Politiker hast, die geschult sind, Regierungsarbeit zu machen, Ministerien zu administrieren, und die nicht die Rolle des angriffigen Underdogs positiv übernehmen. Das braucht eine Zeit, sich darauf einzustellen. Das langfristige Problem der SPÖ ist, dass ihre Anhängerschaft in zwei Milieus zerfallen ist, die früher eine Allianz waren: die unteren Mittelschichten, die ehemalige Arbeiterklasse, und die urbanen, liberalen Bürgerlichen. Aufgrund dessen hat sich auch eine Art Fraktionskampf entwickelt, auf der einen Seite die Vorstadt-, die Proletariats-Sozialdemokraten, auf den anderen die moderne Sozialdemokratie – sehr sehr versimpelt gesagt. Derartige Fraktionskämpfe werden zu Machtkämpfen, da werde Wunden geschlagen, bis sich am Ende alle gegenseitig hassen. Das gärt in der SPÖ schon länger, und das alles zusammen führt zu dem Zustand, in dem die SPÖ zurzeit ist. Dazu kann man negativ sagen, das ist die Abwärtsspirale aus der es kein Entrinnen mehr gibt, oder positiv, das ist eine andere Lage: Es gibt eine neue Vorsitzende, einen neuen Wiener Bürgermeister, der nächstes Jahr lebenswichtige Wahlen zu schlagen hat, man wird sich also zunehmend zusammenraufen. Man wird sehen, man weiß es nicht. Es ist zu früh, um da jetzt Prognosen abzugeben.

MM: Ist Frau Rendi-Wagner eventuell zu vornehm, um sich gegen die diversen Zurufer aus den Bundesländern zu wehren?

Misik: Das glaube ich nicht. Wenn ein Landeshauptmann aus dem Burgenland dauernd gegen die in Wien keppelt, dann nützt ihm das im Burgenland. Aber auf Bundesebene kann er damit nichts erreichen. Der Nummer eins das Leben schwer zu machen, ist etwas ganz anderes, als die Nummer eins zu sein.

MM: Trotzdem ist es eine Kunst, den Gemeindebau so ziemlich komplett zu verlieren. Was rennt da falsch?

Misik: Zum einen trauen diese Menschen der SPÖ nicht mehr zu, dass sie ihre ökonomischen und materiellen Bedingungen verbessert. Gleichzeitig haben sie das Gefühl, die SPÖ-Politiker sind vom Lebenskulturellen her nicht mehr ihre Leut‘, sondern die kommen aus einer anderen Welt. Diese Menschen haben das Gefühl, ihnen hört niemand mehr zu, ihre Interessen vertritt niemand, sie werden gesellschaftlich abgehängt, und das führt zu einem populistischen Moment, wenn einer kommt, der sagt, ich bin einer von euch, ich bin gegen die da oben, dann rennt man dem eher nach, sogar dann, wenn es einem eigentlich gar nicht so schlecht geht – und umso mehr, wenn man das Gefühl hat, zunehmend an den Rand gedrängt zu sein.

MM: Ihr Buch beinhaltet auch eine ziemlich harsche Medienschelte. Was konkret werfen Sie der österreichischen Presse vor?

Misik: Dass man in der Berichterstattung über eine bestimmte Angelegenheit nach zwei Monaten das Gefühl hat, das ist doch eh Normalität. Schluss mit der Dauerempörung, bleiben wir doch cool! Diese Haltung, die eine menschliche ist, führt dazu, dass man Dinge als gegeben nimmt, von denen man es nicht dürfte. Das betrifft im Prinzip jeden, doch bei den Kolleginnen und Kollegen von den Medien ist es besonders fatal, weil die eigentlich die Aufgabe hätten, die Regierung mit oppositioneller Verve zu verfolgen, und nicht, sich an sie anzubiedern. In diesem generellen Mechanismus gibt’s noch ein paar, die sich diesbezüglich besonders hervortun, und noch dazu dabei mitmachen, der Opposition nachzustellen, statt der Regierung nachzustellen. Auch da gibt es so eine Art Korpsgeist, man dürfe sich als Journalisten nicht gegenseitig kritisieren. Ich pfeife auf diesen Korpsgeist, den gibt es für mich nicht, das ist ja absurd.

MM: Hat diese Kniefallberichterstattung mit der Macht der Regierungsinserate und deren aktueller Verschiebung Richtung genehm berichtender Medien zu tun?

Misik: Die Inseratengeschichte spielt sicher eine Rolle, dass Medien, die ohnedies regierungstreu sind, mit Inseraten belohnt werden, während die, die regierungskritisch sind, mit Inseratenentzug bestraft werden. Alleine wissend um die Möglichkeit, dass das passieren könnte, führt ja das schon zu einem Anpassungsdruck. Dass in einem kleinen Land wie Österreich, in einer Zeit der Printkrise, das Ganze noch einmal ärger ist, ist logischerweise klar. In Deutschland können sich kritische Medien allein durch Wirtschaftsinserate von der Regierung unabhängig machen, in Österreich ist jeder finanziell zumindest ein bisschen abhängig von den Regierungsinseraten.

MM: Welche Position nehmen Sie als freier Journalist da ein – Gewissen der Nation, Aufdecker, Aufrüttler?

Misik: Freier Journalist zu sein, ist nur noch ein ganz kleines Spielbein von mir. Ich schreibe Bücher, halte Vorträge, kuratiere Veranstaltungen, mache Ausstellungen, Theaterstücke … Ich bin als Autor sicher einer der unabhängigsten, da ich so diversifiziert arbeite. Ich brauche mir weder um Medienkonzerninteressen noch politische Anpassungen große Gedanken zu machen, wenn mich wer nicht mehr will, bricht mir halt ein Teil meines Einkommens weg, den ich mir woanders wieder reinhole. Das gibt mir eine wahnsinnige Freiheit, die mich nur meiner persönlichen politischen Haltung verpflichtet hält.

MM: Wie wurde Ihr Buch denn bis dato rezensiert?

Misik: Nicht sehr. Die taz hat berichtet. Der Standard auch. Manches wird vielleicht noch kommen. Aber bei bestimmten Medien gibt es sicher so etwas, wie ein Totschweigen des Buchs, eine ganz kleine Verschwörung, darüber nicht zu schreiben.

MM: Ein Fazit aus dem, was sie geschrieben haben: Ist der Zug nun abgefahren oder nicht?

Misik: Der Zug ist nie abgefahren. Wir sind ein demokratisches Land mit einer Bevölkerung, der man diese Demokratie noch nicht ausgetrieben, die man nicht eingeschüchtert hat. Wir sind nicht Ungarn. Wir können aber Ungarn werden, ohne Zweifel. Nur ist Kurz nicht Orbán, Strache wäre Orbán. Wir haben eine schiefe Ebene etabliert, indem wir nun diese Regierung haben, die alles zur Delegitimierung der parlamentarischen Opposition, der zivilgesellschaftlichen Opposition tut. Sie tut alles, damit kritische Stimmen aus der Öffentlichkeit tendenziell verschwinden, damit die Medien auf Linientreue getrimmt werden …

MM: Was bleibt dann als Positives an diesem Land?

Misik: Dass es ganz viel Widerstand gibt. Die Wiener Bevölkerung ist grosso modo in Opposition. Es gibt Demonstrationen jeden Sonntag in Vorarlberg, die Caritas wehrt sich, es gibt viele Leute, die in einer Art positiver Kampfeslaune gegen diesen politischen Stil sind. Ich glaube, dass das irgendwann zu einem Kippeffekt führen muss. Die Leute werden für blöd verkauft, sie sind es aber nicht, sie durchschauen dieses Schüren von Hass, dieses Aufganseln, dieses Verbreiten simpler Wahrheiten. Das werden die Menschen bald satt haben, und wissend, dass die Wirklichkeit etwas Komplexes ist, wieder die komplexen Antworten hören wollen. Wir werden uns noch wundern, wie schnell die Menschen das satt haben werden.

TIPP: Am 1. April um 19 Uhr lädt das Bruno Kreisky Forum für internationalen Dialog (www.kreisky-forum.org) zur Diskussion über das „System der Niedertracht“. Mit Robert Misik sprechen Balazs Csekö, Politologe, Journalist und Blogger, Lorenz Gallmetzer, Journalist und Buchautor, und Susanne Hofer, gf. Bundesjugendvorsitzende des ÖGB.

Die Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32356          www.misik.at          www.picus.at

29. 3. 2019