Bronski & Grünberg: Rigoletto – Denn er hat es nicht anders VERDIent

November 27, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein böser Hampelmann und sein Hofstaat blöder Clowns

Lisa Reichetseder, Julia Edtmeier, Aleksandra Corovic, Rouven Stöhr, Stefan Lasko, Lukas Strasser und Max Konrad. Bild: © Philine Hofmann

Das Bronski & Grünberg, dies Jahr für den Nestroy-Spezialpreis nominiert gewesen, zeigt als aktuelle Produktion „Rigoletto“ mit dem Untertitel „Denn er hat es nicht anders VERDIent“. Das schon als Hinweis darauf, dass hier natürlich nicht große Oper gegeben, sondern eine der feinen Grotesken gezeigt wird, für die sich das Theater im neunten Bezirk mehr und mehr einen guten Namen macht. Text und Bühnenbild sind von Julia Edtmeier und Kaja Dymnicki, Regie führte Alex Pschill.

Und wie! Pschill spielt seine ganze Kammerspiele-Erfahrung an Klipp-Klapp-Komödie aus, nur dreht er die Schraube weiter, überdreht sie, bis eine überdrehte Aufführung hervorschnellt, skurril, absurd und absolut zum Totlachen. Letzteres vor allem ein Verdienst der wunderbaren Julia Edtmeier, die als Rigoletto so erbarmungswürdig komisch ist, so verbissen ernsthaft im allgemeinen Wahnsinn, der sie umzingelt, dass man gar nicht anders kann, als ihren Hofnarren mitleidig zu mögen.

Wiewohl die Figuren ganz nahe bei Verdi geführt werden, ist der traurige Berufspossenreißer nicht der einzige Clown weit und breit. Edtmeier, Dymnicki und Pschill legen ihr Stück als Analyse dieses Seinszustands an.

Vom Arlecchino – tatsächlich lässt Pschill seine Darsteller etliche Lazzi spielen – bis zu Pennywise ist die Bandbreite ja groß, und so regiert hier ein böser Hampelmann über einen Hofstaat blöder Hanswurste. Rouven Stöhr ist dieser Herzog von Mantua, ein erotomanischer Einfaltspinsel, dem die meiste Zeit die Zunge aus dem Hals hängt, wenn er sich über die Ehefrauen seiner Untergebenen hermacht. Wie im Scherenschritt strampelt er über die Bühne, und lacht wie ein Wolf knapp vorm Zubeißen, glaubt einer, sich seinen Wünschen widersetzen zu können. Stöhr verpackt in die Rolle so viel Irresein, wie sie zulässt, sein Herzog ist ein gefährlicher Machtmensch, hinter dessen Charme das Verderben lauert.

Umringt ist er von Max Konrads „Ceprano“, Lukas Strassers „Marullo“ und Stefan Laskos „Bianco“ (er auch für die Musik zuständig, erstaunlich in wie vielen Variationen man „Caro nome“ und „La donna è mobile“ intonieren kann, erstere Arie einmal sogar als Orgasmus), drei Tölpel und Handlanger, die ihren Herrn hasslieben und ihre Rache an ihm stattdessen an Rigoletto ausleben wollen. Herrliche Szenen entstehen da, wenn das Trio versucht, sich im Tausend-Türen-Palast zu verstecken, um Gildas habhaft zu werden. Die Tochter des Rigoletto gestaltet Lisa Reichetseder hart an der Grenze zu einer modernen Colombina, als eine lebenslustige und selbstsichere Figur, die kein Blatt vor den Mund nimmt, und mit ihren 18 Jahren endlich wissen will, was die Männer-/Welt zu bieten hat. Aleksandra Corovic ist ein schön sinistrer Sparafucile.

Dreh- und Angelpunkt der durch Crowdfunding finanzierten Inszenierung ist aber, wie gesagt, Julia Edtmeiers Rigoletto. Laborierend an einer Déformation professionnelle ist dieser Außenseiter, ausgestattet mit einem Mikrophon wie ein – in diesem Falle schlechter – Stand-up-Comedian, in jeder Beziehung unlustig. Seine Witze zünden nicht, und auch, wenn er der Versuchung nicht widerstehen kann, auf der berühmten Bananenschale auszurutschen, findet das keiner komisch. Die Augen stets unstet, die zuckenden Mundwinkel nach unten gezogen, die Finger dauernd in angespannter Bewegung, so agiert Edtmeier als einer, der das Schlimmste – die Schändung seiner Tochter – verhindern will, und doch versagen muss.

Alles endet nicht in einem Sack, sondern mit einem Koffer. Doch wer da drin steckt … unbedingt anschauen!

www.bronski-gruenberg.at

27. 11. 2017

Schauspielhaus Wien: Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)

November 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hinterlassenschaft ist auch ein Wort für Scheiße

Sophia Löffler und der Chor. Bild: © Matthias Heschl

Thomas Köck ist wieder zu Hause. Künstlerisch zumindest ist das im Schauspielhaus Wien, wo die Diskurstexte des oberösterreichischen Dramatikers aufs perfekteste für die Bühne umgesetzt werden. Diesmal hat Köck erstmals selbst Hand an sein Stück gelegt, gemeinsam mit Elsa-Sophie Jach zeichnet er auch für die Regie von „Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)“ verantwortlich, das am Donnerstagabend in der Porzellangasse zur Uraufführung gebracht wurde.

Köck, ein Meister im Verfassen von poetisch-bedeutungsvoll raunenden Satzkaskaden, befasst sich diesmal mit dem Komplex Schulden/Erben. Ein überreifes Feld, um seine liebsten Problematiken zu beackern, und so mäandern des Autors Gedanken auch diesmal von Weltpolitik zu Weltfinanzkrise zu Weltklimakatastrophe und anderen De-facto-Pleiten wie Donald Trump. Heißt zu dem, was eine gewesene und eine jetzige Generation der zukünftigen mit ins Leben geben werden, eine Hinterlassenschaft aus Miseren und Konflikten, all die Scheiße also, die diese aber nicht länger hin- und annehmen will.

„kann aber nicht sein dass wir uns die hände nicht / schmutzig machen wollen es / wird nicht ohne hässliche bilder gehen es / es wird nicht ohne hässliche bilder gehen kurz / hätt ich was falsches gesagt / kurz / hätt ich mich verplappert / kurz“, steht dazu an einer Stelle über einen feschen, gegelten Sunnyboy, einem „alten Blutbad“ entstiegen, ein Strahlemann als Wiedergänger …

Wohl weil Misere zu Miserere führt, hat Köck seinen Text als Kantate angelegt, als Werk für Solistin und einen Chor. Erstere ist Sophia Löffler in ihrer ersten Rolle nach der Babypause. Die Musik stammt von Bach („Klagt, Kinder, klagt“ natürlich), reicht von Chinawoman, Alive She Died und Roy Orbison bis William Basinski und Max Richter. Köck hat sich für „Die Zukunft reicht uns nicht …“ eine eigene Zeitform erfunden, eine Art „Plusquamfutur“, in der Überlegung, die Sprache verlaufe nicht linear, sondern könne sich wie der Raum krümmen, und ergo alles immer gleichzeitig sein.

Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Matthias Heschl

Und so ist Löfflers Figur zunächst eine gewesene alte Frau, eine Seherin, Kassandra (später ein zukünftig reicher Erbe in New York), die wahrsagt, was gewesen sein wird werden. Mit ihr, eigentlich gegen sie, spielt ein 14-köpfiger Chor aus Jugendlichen, und die da gekommen sein werden, wollen sich nicht mehr von Sachlage, Schicksal und „Erbschuld“ verschaukeln lassen. Sie fordern Sophia Löffler, sie animieren sie zum Zwietracht säen. Es wird zum Konflikt gekommen sein müssen.

Jach und Köck lassen das alles auf weißer Bühne verhandeln, Leichensäcke liegen herum, ein Plastikvogel fliegt und stürzt ab, und eine Drohne, die stürzt nicht ab, mehr brauchen die beiden nicht an Ausstattung. Die schlanke Optik tut Köcks Text gut, sie unterstreicht ihn an den aussagestarken Stellen. Bemerkenswert ist, wie präsent der Chor im Geschehen ist, junge Menschen, Mona Abdel Baky, Nils Arztmann, Hanna Donald, Nathan Eckert, Magdalena Frauenberger, Alexander Gerlini, Ljubica Jaksic, Daniel Kisielow, Anna Kubiak, Rhea Kurzemann, Cordula Rieger, Karoline Sachslehner, Gemma Vanuzzi und Juri Zanger, die von der Musik, vom Tanz kommen, nur teilweise Theater-, etliche gar keine Bühnenerfahrung hatten. Mit kalkweißen Gesichtern und Glitzerleggings sind sie wie eine Legion von Verlorenen, eigentlich vermutete man sie in den Säcken, doch mit ihrem langsamen Auftritt ist klar, da kommt was auf uns zu. Präpotenz, Stolz, Provokation steht auf den blutig ernsten Mienen.

Bild: © Matthias Heschl

„ich scrolle gelangweilt durch / schneemangel waldsterben überhitzung desertifikation scrolle / mich erschöpft durch verbrannte erde / scheißhaus übermüllung wohin das auge reicht scrolle / durch plastikinseln in kontinentalem ausmaß scrolle / … durch sinkende rettungsboote scrolle / durch frisch gezogene außengrenzen mythologischen ausmaßes …“, skandieren sie, vier von ihnen, mit den Schriftzügen „Game over“, „No specials“, „Bad liar“ und „Eure Party ist Scheiße“ auf den Rücken ihrer Bomberjacken, stechen dabei aus der Masse heraus. Mit dem Chor entwickelt die Aufführung im doppelten Wortsinn eine ungeheure Wucht.

Noch schmeicheln sie, sehen in der Seherin Schutz und Schirm, eine Mutter, die diese nie hat sein wollen. Kassandra mutiert zu „Ivanka Kassandra on the 68th floor“, beide Seiten spekulieren über Mutter/Vater/Elternmord. Wurde ihr bisher zugesetzt, greift nun sie an. Beschuldigt den Klage-Chor, als die privilegierteste, überfüttertste aller Generationen nur zu schreien und zu jammern, „du mittelstandschor was hast du denn für zukunftssorgen?“. Pickt schließlich einen heraus, „der den halben kuchen ganz alleine kriegt“. So genüsslich humorvoll dieser Hakenschlag, so hart die darin liegende Realität. Laut aktueller Oxfam-Studie besitzen acht Milliardäre mehr als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Es steht derzeit 426 Milliarden US$ zu 409 Milliarden.

Und schon ist auf der Bühne Krieg. Blut wird fließen – sehr effektvoll vom Balkon herunter. In der letzten halben Stunde gewinnt die Inszenierung von Jach und Köck rasant an Fahrt. Und mit ihr vieles von dem, das ohnedies so klar scheint, an neuaufgeladener Bedeutung. Man fühlt sich gemeint und gemein, der eigene ökologische Fußabdruck sich plötzlich wie der eines Riesen an. So macht man das, macht Texte, wie diesen, fürs Theater unverzichtbar. Im Epilog auf seinen Abgesang bietet Köck übrigens einen Ausweg, eine Art Lösung an. „THE FUTURE IS FEMALE“ lautet sein letzter Satz. Wie schön. Dann darf sie aber nicht die May machen.

Thomas Köck und Elsa-Sophie Jach im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27173

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=8K_Yz8_feIU

www.schauspielhaus.at

  1. 11. 2017

Schauspielhaus Wien: Thomas Köck und Elsa-Sophie Jach im Gespräch

November 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Erben, Schulden erben und von der Erbschuld

Elsa-Sophie Jach und Thomas Köck in einem Bühnenbild von Stephan Weber. Bild: Oliver Matthias Kratochwill

Morgen wird am Schauspielhaus Wien Thomas Köcks neuer Text „Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)“ uraufgeführt. Köck, einer der derzeit erfolgreichsten jungen Gegenwartsdramatiker, denkt in seiner „postheroischen Schuldenkantate“ über das individuelle und das kollektive Erbe nach. Erstmals führt der Autor, gemeinsam mit Elsa-Sophie Jach, auch Regie. Es treten auf: Sophia Löffler und ein Chor von Jugendlichen. Thomas Köck und Elsa-Sophie Jach im Gespräch:

MM: „Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)“ heißt Ihr neuester Text, der am Donnerstag am Schauspielhaus Wien zur Uraufführung gebracht wird. Keine Interpretation, sondern eine Inhaltsangabe: Worum geht’s? Um Ihre Themen von Weltfinanzkrise bis Weltklimakatastrophe …

Thomas Köck: Ein kurzes, knappes Ja. Es geht um Schulden, um historische Schulden, die beim Geld anfangen und bei der Natur aufhören, und die die Familien durchwandern. Es geht ums Erben dieser Schulden – als Erbe der vorangegangenen Generation.

MM: Das ist ein sehr katholischer Gedanke: die „Erbschuld“. Ist der auch dem Umstand geschuldet, dass Sie aus dem sehr katholischen Bundesland Oberösterreich stammen?

Köck: Wahrscheinlich liegt mir Schuld auch, es geht im Stück auch viel um Tote, wahrscheinlich ist das mein verdrängter Katholizismus, wie bei jedem oberösterreichischen Autor. (Er lacht.) Mein Grundgedanke beim Schreiben des Textes war, von der Generation aus zu denken, die jetzt gerade wachsen wird, die jetzt aus der Pubertät rauskommt, und welche Welt die erben wird. Man lebt ja jetzt schon in den Schulden, die die einmal kriegen werden, siehe Brexit und der Generationen-Gap, den es in den Wahlumfragen gab. Politik wird von komischen, alten, weißen Herren gemacht, und die Generation, die die Welt ausbaden muss, die die nun erfinden, wird nicht gefragt oder überstimmt, und hat keine Optionen. Sie muss diese Welt so oder so annehmen. In dem Sinne meinen wir Schuld.

MM: Erzählen Sie wieder durch verschiedene Linsen und auf verschiedenen Zeitebenen?

Köck: Wir bewegen uns von der Antike bis weit in die Zukunft, wo keine Menschen mehr auf dem Planeten sein werden, aber man wird dem sehr einfach folgen können.

Elsa-Sophie Jach: Es geht auch um die Möglichkeit eines utopischen anderen Zeitverständnisses, nämlich eines, das davon ausgeht, dass die Zeit physikalisch gesehen begehbar sein müsste wie ein Raum, um das Stück zu zitieren.

MM: Also Stephen Hawking?

Jach: Ja.

Köck: Aber wir gehen davon aus, dass die grammatikalischen Regeln unserer Sprache das nicht zulassen. Wir können mit unserer Sprache, die Gleichzeitigkeit, die die Physik annimmt, nicht beschreiben.

MM: Das heißt, wir müssten in jeder Bedeutung des Wortes eine neue Zeit erfinden.

Köck: Genau, ein Plusquampräsensfutur.20.

MM: Ihre Texte sind immer Welttheater. Es geht um alles. Wenn Sie schreiben, denken Sie sich Think big?

Köck: Noch ein Zitat aus dem Stück, das allerdings ein O-Ton ist. Nein, es ist witzigerweise immer so, dass ich mir am Anfang immer Stille im Raum vorstelle. Und darin Raum für die großen Fragen: Was heißt Zeit? Was heißt Geschichte? Was heißt Leben? Ich fange also immer mit der maximalen Ruhe an, und denke mir, du machst was Kleines, Minimales über Menschen, die sich unterhalten und so. Es passiert dann immer wieder, dass sich die Dinge verselbstständigen, ich setze mich aber auf keinen Fall hin und denke Think big. Ich sehe beim Schreiben plötzlich einen großen Sehnsuchtsraum vor mir, das, was Theater im Idealfall sein kann für zwei Stunden. Das ist das Schöne an einem Theaterraum, dass er mit einfachen Mitteln, mit Licht einfach alles sein kann. Ich ritze nur Buchstaben auf Papier, die dann am Theater große Fantasien und Utopien anschieben.

MM: Sie knüpfen für den Zuschauer girlandenartige Assoziationsketten. Sie wollen sich selber nicht interpretieren und erklären, aber wenn man Texte wie die Ihren schreibt, gibt man doch gleichsam automatisch eine Message mit?

Köck: Die Message ist nach verschiedenen Richtungen offen. Es gibt nicht eine klare, lesbare Deutung, die ich vorgebe. Ich versuche immer mit Regisseuren zu reden, die noch zu verwirren und anzustacheln und sie andere Ebenen einschieben zu lassen, als ich selbst erkenne. Die Interpretation meines Stoffs ist mir also sehr wichtig, aber sie soll nicht von mir kommen, sondern von den Menschen, die sich damit beschäftigen. Von der Regie bis zum Publikum.

MM: Sie nennen diesen Text nun eine Kantate. Folgen Sie dem auch formal – mit Rezitativ, Arie und Chorsatz?

Köck: Mittlerweile kann ich das bejahen.

Jach: Es gibt Arien- und Mehrstimmigkeit, und es wird Musik geben, auch Bach. Thomas Texte sind wie Sedimente und wir arbeiten uns von Schicht zu Schicht zu Schicht und schauen, wo sind die Ablagerungen. Wir waren während der Proben auch im Naturhistorischen Museum und im mumok in „Naturgeschichten. Spuren des Politischen“. Und haben da viel fürs Stück mitgenommen. Fragen wie, was ist Welt „geworden“ durch Kultur oder Wirtschaft und was ist „natürlich“. Das sind Dinge, die auch im Text vorkommen.

Köck: Denn der Mensch greift in die Natur und beschreibt sie …

MM: Und was er nicht beschreibt, existiert nicht?

Köck: Genau. Die Sprache macht die Dinge. Das ist ein Gedanke der Aufklärung.

MM: Sie führen mit Frau Jach gemeinsam Regie. Für Sie ist das das erste Mal, ein Wunsch, entstanden aus einer gewesenen Enttäuschung oder in der Hoffnung auf zukünftige Entwicklung?

Köck: Die Lust am Probieren, die treibt mich auch beim Schreiben an. Ich habe ja auch bei „Strotter“ mit Tomas Schweigen zusammengearbeitet, das interessiert mich am Theater: Zusammenzuarbeiten. Ich versuche Theater als Gesamtheit zu begreifen. Wobei wir nicht reine Regie gemacht haben, sondern mit dem Chor auch Basic Training, wie Körperhaltung und Stimmbildung. Wobei es sicherlich ein Unterschied ist, einen Klassiker zu inszenieren, mit Sekundärliteratur und der Suche nach neuen Textstellen, als einen eigenen Text, bei dem ich uns der größtmöglichen Freiheit und den größtmöglichen Wahnsinn hingeben möchte. Das ist eine Gratwanderung.

MM: Aber ist das nicht eine Schizophrenie? Sie sind ein Autor, der in seinen Texten nie Anweisungen, Erläuterungen gibt, Vorschläge macht, nun müssen Sie’s als Regisseur?

Köck: Ich habe mich verflucht dafür. Das war wirklich so das Ding, dass ich bei diesem Text erstmals angefangen habe, Regieanweisungen zu schreiben, um mir klarzuwerden, welchen Raum ich da öffne und betrete. Es war jedenfalls eine ganz schöne Arbeit.

MM: Wie geht der Autor Köck mit dem Regisseur Köck um? Wie stehen die Mutterinstinkte gegenüber dem Text zu seiner Entjungferung durch die Inszenierung?

Jach: Ich fand, dass er ziemlich hart mit seinem eigenen Text war. Auf eine gute Art und Weise. Wie viel wir gestrichen haben, umgestellt, Szenen rausgenommen, Handlungsstränge rausgenommen, das muss man erst einmal aushalten. Thomas hat auf den Proben auch noch viel entwickelt und war an sehr vielen Stellen bereit, umzuschmeißen, neuzudenken. Eigentlich ist er radikaler mit dem Text umgegangen, als man am Anfang gedacht hätte.

MM: Es ist also von Vorteil, wenn man vom Schreibtisch wegkommt, und direkt an der Materie arbeitet?

Köck: Yes and no. Es gibt Texte, die ich gerne für mich entwickle, denen ich gerne auf Papier Form gebe, „paradies fluten“ beispielsweise. Das würde ich nie inszenieren wollen, sondern den Text herführen und verdichten. Bei „paradies fluten“ ist der Text schon dicht, da kann man sich als Regie daran reiben, und überlegen und suchen und sich bedienen an den Bildern. Dieser Text aber ist offen und in gewisser Weise „unfertig“, da macht es Spaß, mit den Kids zu quatschen und gemeinsam noch daran zu arbeiten.

MM: Sie haben die „Kids“ nun schon angesprochen. Es gibt einen Chor von Jugendlichen. Wie haben Sie die gecastet?

Jach: Wir haben mehrere Aufrufe und Castings gemacht. Wir haben auf unterschiedlichsten Wegen gesucht, weil wir nicht nur Leute mit Theatererfahrung wollten, sondern auch welche, die von der Musik oder vom Tanz kommen oder noch nie auf einer Bühne standen. Unser Chor besteht jetzt aus Jugendlichen von 15 bis 19 Jahren, eine ziemlich coole Gruppe. Die sich von 15 auf 14 reduziert hat, weil eine schon am Max-Reinhardt-Seminar aufgenommen wurde. Die Probenzeit war sehr intensiv, die Kids mussten viel Zeit investieren, drei, vier Mal die Woche Probe während der Schulzeit. Wir haben auch viel über das Thema gesprochen, haben zu den ersten Proben Texte von Maurizio Lazzarato, einem linken italienischen Philosophen, mitgebracht, der „Die Fabrik des verschuldeten Menschen“ geschrieben hat, wahnsinnig kompliziert, und es war schön, wie wir uns da durchdiskutiert haben. Auch durch Julia Friedrichs „Wir Erben“, die sehr genau aufarbeitet, dass nun die größte wirtschaftliche Erbmasse der Geschichte ansteht, die eine Generation an die nächste weitergibt.

MM: Kam da Input? Von den Betroffenen?

Jach: Auf jeden Fall! Sehr viel von den Gedanken ist auch in den Text gekommen. Friedrichs These ist tatsächlich, dass wir uns von einer Leistungs- zu einer Erbengesellschaft weiterbewegen, dass der Gedanke „wenn wir uns anstrengen, werden wir’s schaffen und aufsteigen“ eine Illusion ist, und dass Dynastien das Sagen übernehmen werden.

MM: Sophia Löffler kommt für eine Rolle aus der Babypause zurück.

Jach: Und das freut mich sehr, weil wir uns schon vom Staatsschauspiel Dresden kennen, seit mehr als sieben Jahren also. Damals war ich noch Regieassistentin und sie Schauspielstudentin. Sie wird die Protagonistin zum Chor sein.

Köck: Sie spricht über ein antikes Erbe und über ein futuristisches Erbe.

Jach: Wir haben Aspekte einer reichen Erbin in New York, und von der Anlage her spielt auch die antike Seherin Kassandra eine große Rolle, die unter einem Fluch steht, der ja in der Antike meist mehrere Generationen trifft und damit auch ein Erbe ist. Sie sieht, weil sie die Zukunft sieht, schon das Erbe. Eigentlich starten wir mit einer klassisch-antiken Situation: Kassandra und der Chor vor dem Palast, daraus entwickelt sich alles. Und all diese „verfluchten“ Frauen in einer verkörpert Sophia. Sie ist wirklich toll! Es ist ein Abend, an dem sie sehr viel zu tun hat, und wir ihr gerne dabei zuschauen.

MM: Wie steht es um Ihrer beider „Erbe“?

Köck: Jetzt sind wir bei den Erb-Massen. Ich gucke immer gern in die Richtung: was wird gewesen sein. Man ahnt ja jetzt schon, was man mal kriegen wird – im globalen Zusammenhang natürlich. Eines, das man nicht nicht erben kann, ist die Sprache, in die man wirklich hineingeworfen wird. Und damit erbt man die gesamte Struktur des Denkens. Das ist etwas, das mich interessiert:  Welche Denkregeln gibt einem die grammatikalische Struktur der Sprache vor? Kann man sich darüber hinwegsetzen? Das ist ein „Erbe“, das mich beschäftigt.

MM: Man erbt also Muttersprache. Erbt man auch Vaterland?

Köck: Dem versuche ich zu entgehen.

Jach: Ich würde gerne mit einem Zitat aus dem Stück antworten: „Europa Blut und Boden, tausend Jahre Männerkult“. Das finde ich auf jeden Fall ein Erbe, mit dem man viel zu kämpfen hat, das aber Gottseidank eines ist, das man auch verändern kann. Das ist ein Erbe, das man ungern mitnimmt, mit dem man lernen muss, umzugehen. Die letzte Regieanweisung in Thomas‘ Stück ist zum Glück: The Future is female. Damit hört es auf.

Die Rezension „Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, Klagt!)“: www.mottingers-meinung.at/?p=27228

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=8K_Yz8_feIU

www.schauspielhaus.at

8. 11. 2017

Soho in Ottakring: Die Arbeit ist noch nicht zu Ende

Oktober 20, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Fotoschau über das „Jenseits des Unbehagens“

honey & bunny: Putzen. Bild: Stummer, Hablesreiter und Akita

Ab 25. Oktober zeigt „Soho in Ottakring“ im Alten Kino im Sandleitenhof die Fotoausstellung „Die Arbeit ist noch nicht zu Ende“ als Teil des diesjährigen Festivalmottos „Jenseits des Unbehagens. Vom Arbeiten an der Gemeinschaft“. Gezeigt werden vier künstlerische Positionen, die sich mit Themen zu Arbeits- und Produktionsverhältnissen befassen.

Mit deren Bewertung aufgrund von Machthierarchien, mit Ausgrenzungen in der Arbeitswelt und mit Strategien der Selbster­mäch­tigung. In den modernen westlichen postindustriellen Gesellschaften ist Arbeit immer noch wesentlich für Anerkennung, Sinnfindung, und Überwindung von sozialen Ungleichheiten. Die Erwerbs­tätigkeit von Frauen oder die berufliche Integration von Migrantinnen und Migranten sind gute Beispiele, wie Teilhabe an der Arbeitswelt zu sozialer Gerechtigkeit führen kann. Der Arbeitsplatz ist vor allem ein Ort der Auseinandersetzung mit sozialen Realitäten: Menschen lösen Probleme und werden dadurch selbstbewusster, sie fühlen sich nützlich und integriert. Andererseits bewirken Arbeitslosigkeit und gesetzlicher Ausschluss aus der Erwerbstätigkeit Krisen. Gleichermaßen führen Tätigkeiten, die als minderwertig abgetan werden, zu Erfahrungen fehlender sozialer Achtung und zu einem sinkenden Selbstwertgefühl. Prekäre und flexible Arbeitszeitstrukturen verhindern, Arbeit als erfüllend zu erleben.

Teaching while black. Bild: Abiona Esther Ojo

Werkzeuggespräche 2017. Bild: Paul Sturm

Neben „Putzen“ von honey & bunny und „Fluxus Fire“ von FXXXism (Iv Toshain und Anna Ceeh) sind der Text- und Bildzyklus „Waste“ von Wolfgang Krammer und die Installation „Teaching while black“ von Belinda Kazeeem zu sehen. Während sich der Landschaftsfotograf mit dem „Wegwerfartikel“ Möbel befasst, zeigt Kazeem die Probleme schwarzer Unterrichtender in einem weißen Bildungssystem auf. Zu den Themen finden außerdem „Werkzeuggespräche“ statt.

www.sohoinottakring.at

20. 10. 2014

TAG: Weiße Neger sagt man nicht

Mai 9, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGERR

Vom Whitefacing in den Chefsessel katapuliert

Eine Trommelübung soll die Assessment-Center-Teilnehmer auflockern: Jens Claßen, Raphael Nicholas, Elisabeth Veit, Georg Schubert, Nancy Mensah-Offei und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

Dass hier niemand viel Wert auf political correctness legt, wusste man schon vor dem Schluss. Da nämlich entpuppt sich die geeignetste Kandidatin eines Assessment Centers als Nichte eines Bananenrepublik-Ministers, mehr noch: als dessen Erbin, die mit seinen „schwarzen“ Millionen den Konzern, von dem in den vorangegangenen 90 Minuten die Spreu vom Weizen selektiert wurde, aufgekauft hat. Darf man das schreiben: Schwarz + Bananen + Selektion?

Aber ja! Lasst uns im Gegenteil noch fröhlich einen (oder mehrere) draufsetzen. Topfenneger, I bin neger, Negerant, Negerkuss, Negerbrot, Mohr im Hemd und Meinl-Mohr und Franz Moor. Woman is The Nigger of the World. Horst Neger in der Wachau verkauft Kracherl, Thomas Neger in Mainz verkauft Metallsysteme, hat sich aber wegen seines Firmenlogos, ein hammerschwingender Schwarzer mit dicken Lippen und dicken Creolen, angreifbar gemacht. Sein Vater, der das Emblem erfand, erfand auch „Humbta tätära“.

So, uff. Der rassistische Witz leistet Rassismusbekämpfung. Am TAG kam diesbezüglich  „Weiße Neger sagt man nicht“ zur Uraufführung, Text und Regie von Esther Muschol, und wenn man einen Lauf wie derzeit das TAG hat, darf man sich auch mal verlaufen. Wie hier geschehen. Denn beim besten Willen geht einem bei dieser Produktion das Herz nicht auf. Muschol beruft sich auf Nestroys „Talisman“, und ja – das zu hörende Hintergrundgeräusch ist dessen Rotieren im Grab, nur hat sie die Haar- zu einer Hautfarbangelegenheit gemacht. Aus dem roten Titus Feuerfuchs wird die Schwarze Titania Coleman, auch sie rittert um einen Job, weil modern: in einem Führungskräfteauswahlverfahren, bis sich die Konstellationen drehen – und allen die schreckliche Wahrheit ins Gesicht gefärbt wird.

Dieses mittels Blackfacing, weil, wer Karriere machen will, dient sich auch dem gerade kräftigsten Teint an, beziehungsweise Whitefacing, denn offenbar wird der/die AfrikanerIn nur als Bleichgesicht zum Big Boss. Das Existenz bedrohende Feind- und Schreckensbild aller Populärrechten: der qualifizierte Schwarze. Lustig? Halb-! Was als Sarkasmus über den Bewerbungswahnsinn im Seminarraum Erzherzog Johann ein Feuerwerk an Esprit und Eloquenz hätte sein können, zündet nicht richtig. Die Alltagsrassismussätze über Fremdsein, „andere Welten“ und Verhaltensmuster sind zu wenig speziell, zu wenig ausgefeilt, die Figuren verrecken als Stereotype. Hoamatliada werden gesungen, und alle sind wie ein Herrgottsschnitzer-Holzschnitt.

Die Demütigungsspielchen treiben den einen beinah in den Herzinfarkt, …: Georg Schubert und Jens Claßen. Bild: © Anna Stöcher

… den anderen zwecks „Fleischbeschau“ in die Nacktheit: Raphael Nicholas mit Michaela Kaspar und Elisabeth Veit. Bild: © Anna Stöcher

Das TAG stolpert diesmal über seine eigene Vorgabe der Neu- und Überschreibung von Klassikern, hat doch nichts an dieser Aufführung irgend mit Nestroy zu tun. Nicht einmal „sehr frei nach …“. Es fehlt das Hinterfotzige, das G’feanzte, das Poetisch-Subtile des unerreichten Vorbilds; plakativ, bösartig, je abstruser desto besser, ist ja ganz gut – aber Doppeldeutigkeit, bitte? Muschol ergeht sich in Pfefferkörnergleichnissen (die schwarzen lassen sich besser zermahlen, die weißen springen vollemanzipatorisch aus der Mühle), Busch-/Trommelübungen und Demütigungsspielchen, die mehr mit S/M als mit der berüchtigten Briefkastenübung zu tun haben.

Dass das Ensemble erschreckend gut gelaunt ist, nimmt dem Abend diesmal fast die Schärfe. Jens Claßen ist wie so oft der dienstbeflissene Piefke, Georg Schubert wie so oft der hemdsärmelig-herzliche Prolet, Raphael Nicholas ist als geschwätziger Schnösel natürlich ein Journalist im zweiten Verbildungsweg. Immerhin: Michaela Kaspar brilliert als beflissene Vorzugsbewerberin, und Elisabeth Veit gelingt ein Kabinettstück als in die Privatwirtschaft zurückgeschasstes, ehemals niederösterreichisches Pröll-Parteikind.

Keiner (besser: fast keiner) von ihnen ist tatsächlich Rassist (vor allem nicht Kaspar als Amelia, die Titania ihr naturgemäß viel zu helles Make-up leiht), und alle ergeben sich Nancy Mensah-Offei, wenn sie als ebendiese das Feld von hinten aufrollt und die Herrschaftsverhältnisse alsbald umkehrt. Sie ist großartig als undurchschaubare Aufsteigerin und zynische Rächerin. Nun gilt es für die „Weißen“, denn eigentlich sind wir doch rosa, ihre „Negerqualitäten“ unter Beweis zu stellen und sich als gute Sklaven (samt der sprichwörtlichen Sklavenmentalität) zu erweisen. Für die African Queen wird ein Thron errichtet, alle singen eine Chumbalaya-Weise, ein Gewehr taucht auf, und – alte Theaterregel: Wo eine Waffe ist, wird auch geschossen.

Hat dieses Make-up die falsche oder die richtige Farbe? Nancy Mensah-Offei und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

Mit der Enttarnung Titanias nimmt der Abend tatsächlich endlich Fahrt auf, und wo er sagt, Anbiederung ist Rassismus in grauslichster Form, ist er am stärksten. Ansonsten machen viele nette Ideen noch keine Inszenierung, die Summe der einzelnen, mit Blackouts unterbrochenen Teile hätt’s vielleicht getan. So aber wirkt das Ganze szenisch unentschlossen.

Wie die Aufführung die üblichen Verdächtigen, Karrieristen aller Länder vereinigt euch! als arme Würschtln entlarvt, das hat viel mit Wirtschaftssatire zu tun – hätte aber auch ohne Schwarzweißmalerei funktioniert. Derart bereitet sich einem in der Gumpendorferstraße diesmal nur ein ungewohnt durchschnittliches Vergnügen. Naja, nur nicht schwarz sehen, die nächste Premiere folgt bestimmt.

Trailer: vimeo.com/215383618

dastag.at

Wien, 9. 5. 2017