TAG: Die Ratten

April 4, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Kind als Kapital und Konsumgut

Herr John ist überglücklich, doch Frau John hat ihrem Bruder bereits einen mörderischen Auftrag erteilt: Michaela Kaspar und Jens Claßen, hinten: Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

„Frei nach“ Gerhart Hauptmann nennt Bernd Liepold-Mosser seine Version von dessen Tragikomödie „Die Ratten“, und kommt dabei dem Original in der Intentionen so nahe, dass es greifbarer kaum geht. Am TAG hat der Sozialphilosoph unter den Theatermachern seine Fassung des berühmten Naturalismusstücks zur Uraufführung gebracht, als ein Gedankenspiel, auf das man allerdings gewillt sein muss, sich einzulassen. Wer dies tut, wird mit einem Bühnenerlebnis der Extraklasse belohnt.

Liepold-Mosser und Ausstatterin Karla Fehlenberg versetzen die Akteure in eine Art dystopische Laborsituation. Weiße Wände umgrenzen die klinische Versuchsanordnung, aus der es kein Entkommen gibt, weshalb die fünf Schauspieler permanent auf der Spielfläche sind – ein Kraftakt, auch wegen des hohen Tempos, in dem das 90-minütige Geschehen abläuft. Was Liepold-Mosser in diesem Setting schildert, ist das Sozialdrama eines Mittelstands, der seine Existenz auf schwankenden Boden gebaut hat. Zwar gilt für Herrn John noch das von allen Figuren vorgebetete Mantra, als fix Verankerter auf dem Arbeitsmarkt, Nachsatz: „Was heutzutage etwas heißen will“, sei er eine wichtige Größe in der Erwerbswelt.

Der Warenhandel an der Wiege: Lisa Schrammel und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Inzestuöse Geschwisterliebe: Michaela Kaspar und Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Doch dräut am Horizont schon der „Abstieg“ ins freie Unternehmertum, weil, wer nicht zu hundert Prozent einsatzwillig für die Firma ist, in diesem Falle, man weiß es, wegen der vermuteten Vaterschaft, alleine schauen muss, wo er bleibt. Liepold-Mosser hinterfragt mit seiner „Ratten“-Interpretation derart nicht nur die Schattenseiten eines heutigen kapitalistischen Systems, er verschiebt Arbeitsdruck, Ausnutzung, Nutzbarmachung des Menschen auch vom Beruflichen ins Private – zu Frau John und Pauline. Der nämlich stellt die Kindswütige die Alleinerzieherinnen-Armutsfalle in Aussicht, sollte sie sich nicht zur Abgabe des Neugeborenen entschließen.

Die Gleichung, die Liepold-Mosser aufstellt, lautet: Kind ist gleich Paulines Kapital ist gleich ein Konsumgut für Frau John, und so ist es nicht verwunderlich, dass es im Weiteren „das Ding“ oder „die virale Sache“ genannt wird, die Pauline, als wär’s eine Maschine, bei Frau John schließlich doch „in Betrieb gegeben hat“. Der Geburtskanal als Vertriebskanal. Liepold-Mosser hat eine mäandernde, sich stetig wiederholende Kunstsprache erdacht, doch was vom Dialekt befreit ist, immerhin an der Donau verankert, in die sich Pauline statt des Berliner Landwehrkanals erst stürzen will.

Michaela Kaspar als Jette John und Lisa Schrammel als Pauline machen „Die Ratten“ mit ihrer intensiven Darstellung zum Königinnendrama, auch dies etwas von Hauptmann Gewolltes, war doch sein Credo, dass untere Gesellschaftsschichten um nichts weniger als gekrönte Häupter für die große Tragödie taugen. Kaspar und Schrammel gestalten den Infight zweier Frauen meisterlich, manipulativ schmeichlerisch, dann wieder beinhart bedrängend die eine, vehement ihr Recht einfordernd die andere, Pauline hier als 24-Stunden-Pflegekraft aus einem Drittstaat ausgewiesen und damit eine ebenso prekäre Person, wie ihre Piperkarcka-Vorgängerin, auch wenn ihr Frau John zynisch versichert, ohne Babypause könne sie endlich jobmäßig durchstarten.

Performt den Nachbarschaftssong: Georg Schubert mit Jens Claßen, hinten: Raphael Nicholas und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Bruno ist Pauline auf den Fersen: Raphael Nicholas und Lisa Schrammel, vorne: Michaela Kaspar und Jens Claßen. Bild: Anna Stöcher

Jens Claßen scheint als Herr John ein Versicherungsvertreter für Zukunftsvorsorgen zu sein, und Claßen erzählt den draußen erfolgreichen Pragmatiker daheim als gutgläubigen Toren, dem zu spät die Augen aufgehen. Wenn Frau John über ihren Mann punkto Fortpflanzung sagt, er sei kein begnadeter Miterzeuger, aber ein perfekter miterzeugender Verantwortlicher, so ist diese Figur treffend beschrieben. Georg Schubert versammelt als neugieriger, nervtötender, unangenehmer Nachbar das übrige Personal der zum noch nicht ganz abbezahlten Eigenheimrefugium mutierten Zinskaserne in sich.

Er hat als Lauscher das Ohr wahlweise an der Wand oder auf dem Boden. Als „verschärfte Kontrollinstanz“, wie sich der Nachbar selber nennt, singt und tanzt er, und bestreitet zweifelsfrei den von Hauptmann als satirisch überspitzt vorgesehen Komödienanteil am Drama. Und dann ist da noch Frau Johns kleinkrimineller Bruder Bruno, der sein Handeln bei Liepold-Mosser damit rechtfertigt, ein „Modernisierungsverlierer“ zu sein. Raphael Nicholas spielt ihn als eifersüchtiges Mannkind, der mit dem Säugling um die Liebe seiner Schwester buhlt.

Wobei die beiden aus ihren inzestuösen Anwandlungen kein großes Geheimnis machen. „Du bist die Festplatte, aber ich bin die Maus“, sagt dieser Bruno zu Jette, bevor er sich die Nagermaske aufsetzt und zum gefährlich die Szenerie umschleichenden Raubtier wird. Das von der Inszenierung festgeschriebene „Alles hat seinen Preis“ wird in voller Doppeldeutigkeit auch ihn treffen. Liepold-Mosser und Fehlenberg haben eine pastellästhetische Optik fürs düstere Treiben gewählt. Das verläuft an sprachlosen Stellen nach einem streng choreografierten Bewegungsmuster. Bei Frau Johns Irrsinnstango mit der von der Decke abgehängten Pappkartonwiege. Wenn Pauline und Bruno das Bühnengeviert abschreiten – und man nach der zweiten Kurve entsetzt bemerkt, dass er sie immer mehr einholt. Bruno gehört denn auch der finale Song über eine Wasserleiche als Nahrungsquelle für ein Rattennest. Ein Text, der das Homo homini rattus auf die Spitze treibt.

Liepold-Mosser zeigt den Menschen, wie er sich im engen Käfig seiner Lebenswünsche verfängt, und überlässt es dem Publikum Worten wie Ausbeutung oder Zerfleischung die Silbe „Selbst-“ voranzustellen. Dass sich seine „Ratten“ auf dem schmalen Grat zwischen Tragik und Komik abspielen, auch das ist im Sinne des Erfinders Hauptmann – und natürlich das künstlerische Charakteristikum des TAG.

Trailer: vimeo.com/327432694

dastag.at

  1. 4. 2019

Burgtheater: Die Ratten

März 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Versuchstiere irren durchs Lebenslabyrinth

Aug‘ in Aug‘ mit der Ratte: Sylvie Rohrer als Frau Hassenreuter. Bild: Bernd Uhlig

Zurzeit zeigt der Schweizer Fotograf Matthieu Gafsou im Rahmen des Foto-Wien-Festivals in der Otto-Wagner-Postsparkasse seine Bilderserie „H+“ zum Thema Transhumanismus. Darunter ist die Aufnahme einer Laborratte, mittels Gurtenkonstruktion künstlich auf den Hinterbeinen gehalten, in den Kopf eine Elektrode gesteckt, in ihrem Gesicht alles Leid der Welt.

Es ist dieses gequälte Tier, an das einen Andrea Breths Abschiedsinszenierung am Burgtheater von Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ denken lässt. Alles ist grau und Beklemmung und Plage, Breth versetzt des Dramatikers Homo homini rattus in eine Atmosphäre diffuser Angst – und selbst ein, zwei die Zuschauer zum Lachen animierende Momente, etwa, wenn die Gesamtschaft der Theatermenschen zu 1920er-Jahre-Schlagern stolpernd auf die Bühne tänzelt, enttarnen sich als kritischer Kommentar zu deren letzter verzweifelter Selbstbehauptung als bildungsbürgerlicher Kreis. Eine Empfindung von Ausweglosigkeit tut sich auf, unterstrichen vom Bühnenbild Martin Zehetgrubers, dieses ein Labyrinth aus durch Verdreckung opaken Plexiglaswänden, durch das die Figuren mal gehetzt laufen, mal wie somnambul irren.

Getriebene, auf der Flucht vor ihren Lebensumständen. Versuchstiere, deren Verhalten die Breth mit ihrer Arbeit erforschen will. Kein Dachboden, keine John’sche Wohnung mehr, kein oben oder unten, sondern ein sich beinahe beständig drehender Müllfundus aus versifften Matratzen, ausrangierten Kloschüsseln, der Boden bedeckt mit Zeitungsfetzen, später mit gesichtslosem Leichen-Volk, in Winkeln hockende Riesenratten. Durch diesen Schmutz-Filter sind die Szenen zu sehen, die Rotation eröffnet immer wieder neue Räume und Perspektiven, doch kein Durchlass, kein Entkommen nirgendwo. Ein Setting, in dem Breth als Großmeisterin des psychologischen Naturalismus nun die Zustände menschlicher Würde auslotet.

Maurerpolier John freut sich über das Söhnchen: Johanna Wokalek, Oliver Stokowski und Alina Fritsch. Bild: Bernd Uhlig

Doch Pauline Piperkarcka will ihr Kind um jeden Preis zurück: Sarah Viktoria Frick und Johanna Wokalek. Bild: Bernd Uhlig

Und in dessen Mittelpunkt sie bemerkenswerter Weise den oft so genannten und mitunter wenig verstandenen zweiten Handlungsstrang stellt – die Begebenheiten rund um den ehemaligen Theaterdirektor Hassenreuter, dessen Frau und Tochter und Schauspielschüler. Deren groteske Proben zu Schillers „Die Braut von Messina“ auf dem Mietshausspeicher, den daraus entstehenden Streit zwischen Hassenreuter und dem aus dem Theologiestudium ausgeschiedenen Erich Spitta. Hie ein Plädoyer für das Pathos, da die Ablehnung alles gestelzten Bombasts.

Spittas kühne Aussage, eine Putzfrau könne ebenso Protagonistin einer großen Tragödie sein, wie eine Shakespeare’sche Lady Macbeth, leitet Breth direkt über zum Drama der Frau John und des ungewollt schwanger gewordenen Dienstmädchens Pauline Piperkarcka.

Sven-Eric Bechtolf spielt sich als Hassenreuter brillant ins Zentrum der Aufführung. Wie alle Darstellerinnen und Darsteller des Abends beherrscht er die Kunst vielschichtiger Charakterzeichnung, Breth hat mit ihrem Ensemble in feinsten Nuancierungen herausgearbeitet, wann die Figuren vorgeben zu sein und wann sie wirklich sind.

Aus Hauptmanns satirischer Überspitzung macht Bechtolf eine brüchige Gestalt, die im Frack und mit Gehstock Halt in ihrer Großmannshaltung sucht. Er geriert sich als Theatergott, der vom hohen, reinen Parnassos in die Probleme der Zinskaserne gezogen wird, wo er gütig zwischen den Sterblichen zu vermitteln sucht, während tatsächlich sein Familienleben nicht weniger von Lüge und Argwohn umwölkt ist, wie das der Johns.

Beeindruckend ist auch Johanna Wokalek, die die Frau John früh changierend zwischen depressivem Irresein und kalter Berechnung anlegt. So, wie sich in dieser Inszenierung alles zwischen Wahnsinn und Wahnwitz bewegt, hält sie das Söhnchen der Piperkarcka bald für ihr eigenes, vor drei Jahren verstorbenes, und manipuliert ihren offensichtlich geistig beeinträchtigten Bruder, bis er zum Mörder wird. Nicholas Ofczarek macht aus diesem Bruno einen Psychopathen, der einen schaudern lässt und gleichzeitig doch auch Mitleid erregt. Wie man es hier angesichts dieser Erniedrigten, Ausgestoßenen, Hoffnungslosen eigentlich mit jedem hat. Oliver Stokowski gelingt als Maurerpolier John die imposante Studie eines gutherzigen Kerls, der den latenten Gewalttäter allerdings in sich trägt.

Frau Johns Bruder Bruno ist ein gefährlicher Psychopath: Nicholas Ofczarek und Johanna Wokalek. Bild: Bernd Uhlig

Hassenreuter versucht zu vermitteln: Sylvie Rohrer, Oliver Stokowski, Johanna Wokalek und Sven-Eric Bechtolf. Bild: Bernd Uhlig

Christoph Luser als aufmüpfiger Erich Spitta und Marie-Luise Stockinger als Walburga gehören ebenfalls zu den Erfreulichkeiten des Abends. Und natürlich Sarah Viktoria Frick, die als gekaufte und verratene Piperkarcka im Wortsinn gegen die ihr widerfahrenden Ungerechtigkeiten anrennt. Viel große Schauspielkunst zeigt sich auch in den kleineren Auftritten: Roland Koch als rigoroser Gottesmann Pastor Spitta, Stefan Hunstein, der als Käferstein ein Kabinettstück liefert, Elisabeth Augustin als Frau Kielbacke, Bernd Birkhahn als Schutzmann oder Branko Samarovski als Hausmeister Quaquaro.

Als Königinnen des Dramatischen beweisen sich einmal mehr Sylvie Rohrer als realitätsferne Hassenreuters-Gattin, Andrea Wenzl als Wienerisch parlierendes Hassenreuters-Pantscherl Alice Rütterbusch – und die wunderbare Andrea Eckert.

Bis sie erscheint, hält man die Morphinistin Knobbe in der Haushierarchie für die Geringste, doch dann kommt eine Aristokratin des Elends, die sich von den anwesenden Herren gern umgarnen lässt. Eindrucksvoll, wie die Eckert mit minimalen Mitteln maximale Wirkung erzielt. Das Ende ist ein leises. Alina Fritsch verkündet als Selma den Selbstmord der Frau John.

Darauf kein Aufschrei, kein Ausbruch, keine Anklage, sondern stumm stehen die Figuren auf und setzen ihren Gang durchs Lebenslabyrith fort … Dass Andrea Breth mitten im tosenden Schlussapplaus zum Mikrophon griff, um sich beim Burgtheater-Publikum „für seine Treue“ zu bedanken, kam unerwartet und war schön. Zu hoffen ist, dass dies nur den Abschied vom Haus, aber nicht von Wien bedeutet.

www.burgtheater.at

  1. 3. 2019

Die Burg

Februar 14, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf Besuch in der außerirdischen Blase

Vor einer Vorstellung von „Hotel Europa“: Aenne Schwarz, Michael Klammer, Fabian Krüger und Katharina Lorenz. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Tag der offenen Tür ist, und Menschengewühl ist, da hat sich ein Tourist im Treppauf-Treppab des riesigen Gebäudes verirrt. Eine freundliche Frau wird ihn in einem der Foyers ausmachen und ihm nicht nur den Weg weisen, sondern ihn auch mit wertvollen Tipps für seine weitere Besichtigungstour versorgen. „Sie sind ja vom Fach. Wer sind Sie?“, fragt der Mann erstaunt, und erhält als Antwort:

„Ich habe das Vergnügen und die Ehre die Direktorin dieses Hauses zu sein.“ So also trifft man Karin Bergmann persönlich. Rund um die Premiere von Ayad Akhtars „Geächtet“ machte Bergmann, wie sie selbst sagt, das Theater „zum ,Freiwild‘ für das Kameraauge, offen, ungeschützt, ungeprobt …“, der daraus entstandene Dokumentarfilm „Die Burg“ von Hans Andreas Guttner ist nun ab morgen in den Kinos zu sehen. Es ist ein ungewöhnlicher Blick, den der Regisseur auf die Szenerie wirft, sein Film folgt scheinbar keiner Stringenz, er wirft Schlaglichter mal da-, mal dorthin, doch all diese kaleidoskopischen Impressionen fügen sich zu einem großartigen Gesamtbild. Dieser Stil hat bereits bei „Das große Museum“ von Johannes Holzhausen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10605) und „Oper. L‘opéra de Paris“ von Jean-Stéphane Bron (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27920) bestens funktioniert, und tut es nun wieder.

Nicholas Ofczarek in der Maske vor „Die Affäre Rue de Lourcine“. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Toilettenfrau Veronika Fileccia ist bereits eine lokale Berühmtheit. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Karl-Peter Schmoll hält die Stellung an der Publikumsgarderobe. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Als immer wiederkehrendes Moment dient eben die Bühnenumsetzung von „Geächtet“. Man sieht die erste Leseprobe im Arsenal, eine Analyse des Texts und, schmerzhafter, der eigenen Befindlichkeit, die Arbeiten an Bühnenbild und Kostüm, Anproben, Hauptproben, Diskussionen um die Wahl der richtigen Handtasche, eine Einführungsmatinee, den aus den USA anreisenden Autor. Man sieht, wie falsche Schnauzbärte und Schuhe entstehen, ist Zuschauer im Kulissendepot und im Tonstudio.

Schaut Perückenmacherin, Maskenbildner, Lichtdesigner, Schnürbodentechniker, Bühnenarbeiter über die Schulter. Man sieht, wie deren Arbeit ineinandergreift, sieht Sinn- und Technikkrisen, und wie aus all dem der Zauber, die Bühnenmagie entsteht. Und es ist schon so, dass, wenn Guttner vom „minutiös durchorganisierten reibungslosen Betrieb“ schwärmt, während Nicholas Ofczarek von der für ihn täglich zu bewältigenden „Diskrepanz zwischen Disziplin und Exzess“ spricht, man beide versteht.

Katharina Lorenz, Maria Happel, Fabian Krüger kommen zu Wort, der unvergleichliche Robert Reinagl singt den „G’schupften Ferdl“, Christoph Radakovits ist beim Stimmtraining, bald aber tritt Guttner mit denen ins Gespräch, die dem Publikum nicht weniger wichtig sind als die Burg-Stars. Billeteur Karl-Peter Schmoll nimmt sich die Zeit in der Ruhe vor dem Sturm an seiner Publikumsgarderobe, begeistert sich über seinen Arbeitsplatz als „außerirdische Blase“, in die zu kommen er jeden Tag das Glück habe.

Begeistert sich weniger über Leute, die beim Anstellen vordrängeln, „so dass ich nicht weiß, wie ich sie hantieren soll. Es ist sehr lustig, wenn es nur Wiener sind und ich versuche, sie zu ordnen, das funktioniert nicht. Die Wiener wollen das Chaos. Sind viele Touristen aus Deutschland da, da brauche ich nur zweimal etwas zu sagen und sie stehen in Reih und Glied, und das gefällt mir natürlich besser“. Ein Wiener Original ersten Ranges ist auch Toilettenfrau Veronika Fileccia, die früher als Herzstück der Revuetänzerinnentruppe „Diamond Girls“ in Nachtclubs quer durch Europa und bis in den Nahen Osten aufgetreten ist. Und die heute in der Pause Trost und Rat hat, sollte einmal eine Aufführung nicht so gelungen sein. Stammgäste wissen, Damen-WC, Parkett rechts, dort finden allabendlich die ersten Kritikerinnenrunden statt.

Roman Chalupnik und Florian Milz sind mit ihren Kameras um die Vermeidung optischer Klischees bemüht, filmen das Geschehen gern auch aus der Perspektive der Seitenbühne oder des Souffleursitzes, zeigen unkonventionelle Bilder, immer wieder auch die unglamouröse Rückseite der Burg, Blicke wie in „schwarze Löcher“ hinter den Brettern, die die Welt bedeuten. Wo Lastwagen rangieren, Kulissen verladen werden, Werkstätten so groß wie Werkhallen.

Eine Sprechprobe zu „Geächtet“: Fabian Krüger und Katharina Lorenz mit Regisseurin Tina Lanik und deren Team. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Nach gut eineinhalb Stunden Film liegt vor, was Auskenner ohnedies wussten: Dass Theatermachen manchmal mehr Knochenarbeit als Heidenspaß ist. Was „Die Burg“ aber vor allem vermittelt, ist der Enthusiasmus und der Idealismus aller und an allen Stellen, der das Haus durchströmt. Maria Happel sagt es hier einmal: „Ich liebe dieses Theater und ich liebe sein Publikum.“

www.burg-film.com

  1. 2. 2019

TAG: Kirschgarten. Eine Komödie ohne Bäume

Februar 3, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Arturas Valudskis verzaubert Anton Tschechow

Einmal packt auch die Ranjewskaja zu: Michaela Kaspar und Raphael Nicholas als Trofimow, hinten: Georg Schubert und Jens Claßen. Bild: Georg Mayer

Sommergäste! Schnaubt die illustre Gesellschaft und findet den Gedanken so abwegig, dass sie darüber nur in Gelächter ausbrechen kann. Derart fein gearbeitet ist der Witz, mit dem Arturas Valudskis seinen „Kirschgarten“ im TAG gestaltet. Denn „Sommergäste“ ist gleich Gorki, und der wiederum war mit Tschechow zwar befreundet, doch teilte der ältere die politisch-revolutionären Ansichten des jüngeren nicht.

In einem Brief hielt Tschechow sogar fest, er misstraue der gesamten Intelligenzija, da heuchlerisch und hysterisch und einen Stillstand beklagend, der aus ihrem eigenen Schoß krieche. Womit das Personal seiner Obstplantagenkomödie versammelt wäre. Valudskis‘ Zugriff auf den Stoff ist ein radikaler. Aus dem Vergleichen verschiedener Textversionen ist sein Destillat entstanden, 90 Minuten bis „Baum fällt!“, und wie stets setzt der aus Litauen stammende Regisseur für sein schwarzes Theater, für sein – im Grotowski’schen Sinne – Armes Theater neben einer genauen Sprache auf die Körperpräsenz seiner Schauspieler. Die diesmal fast zur Gänze aus dem TAG-Ensemble sind. Michaela Kaspar spielt die aus Paris heimgekehrte Gutsbesitzerin Ljubow Ranjewskaja als elegant-elegische Erscheinung, nur einmal packt sie zu, aber da richtig, Georg Schubert deren Bruder Gajew als vom Billard besessenen Gemütsmenschen.

Gutsbesitzers sind pleite: Michaela Kaspar und Georg Schubert als Gajew. Bild: Georg Mayer

Raphael Nicholas als Firs, hinten: Georg Schubert, Jens Claßen und Michaela Kaspar. Bild: Georg Mayer

Lisa Schrammel ist sowohl als romantisch veranlagte Tochter Anja wie als patente Pflegetochter Warja zu sehen, TAG-Gast Karola Niederhuber kommen als Gouvernante Charlotta die clownesken Szenen zu, und auch Raphael Nicholas teilt sich in zwei Charaktere auf – ein von ihm wunderbar gezeichneter Kontrast als ewiger Student Trofimow und als gichtfingriger Tattergreis Firs. Jens Claßen schließlich gibt als Lopachin eine Glanzleistung. Von diesem kommt der verspottete Vorschlag, das Grundstück für Ferienhäuser zu parzellieren. Denn die Herrschaften sind bekanntlich pleite.

Der ehemalige Leibeigene, nun Kaufmann, ist der einzige, der über Vermögen verfügt. Der Rest hofft auf Gott oder Kredit oder Hilfe von Großtantchen. Valudskis erschafft poetische Bilder. Er verzaubert Tschechow. Ein Telegramm aus Paris landet als Papierflieger auf der Bühne und wird dort, weil unliebsamen Inhalts, zum Schnipselregen. Steine von der Seele fallen tatsächlich, und was sich hinter einer Türattrappe an Gerangel und Getrampel zuträgt, vermag man nicht einmal zu erahnen. Immer wieder trägt Charlotta im Hintergrund den im Fluss ertrunkenen kleinen Sohn der Ranjewskaja vorbei.

Eine Erinnerung ans Verlorenhaben. Das sind die Momente, in denen Valudskis die Situationskomik und den Wortwitz innehalten und die Tschechow’sche Melancholie zu ihrem Recht kommen lässt. Behutsam, beinah nur im Unterbewusstsein, platziert Valudskis diese Botschaften. Da steht das in seinen Ritualen festgefahrene Faktotum Firs für die gesamte änderungsunfähige Clique, die Lopachin wie eine lästige Fliege wegwedelt, weil nicht neu sein kann, was nicht sein darf. Da reden sich Kapitalist Lopachin und Sozialist Trofimow über die Definition des „stolzen Menschen“ die Köpfe heiß, der Proletariatsphilosoph und der wahrhaftige Mann aus der Arbeiterklasse, und als zweiterer von Warja schlussendlich den Schlüsselbund für Haus und Hof ausgehändigt bekommt, wirkt der darüber gar nicht glücklich, sondern – zornig, irgendwie.

Im Papierschnipselregen: Karola Niederhuber als clowneske Gouvernante Charlotta und Jens Claßen als Lopachin. Bild: Georg Mayer

Die Intensität, mit der das alles abläuft, ist hoch. Und weil das Beste zum Schluss kommt, hat sich Valudskis dafür ein besonderes da capo al fine ausgedacht. Während nämlich Lopachin an einer Stelle versucht, das Alte rauszuwerfen, heben, tragen, schleppen Gutsbesitzers ihre Habe an anderer wieder herein. Ein „Sesselkreis“, der klar macht, dass es gar nicht so einfach ist, das Gestern loszuwerden. Wofür Russland durchaus ein passendes Beispiel ist …

Trailer: vimeo.com/314104883

dastag.at

  1. 2. 2019

The Favourite – Intrigen und Irrsinn

Januar 22, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus der Gosse in die Gunst der Königin

Rachel Weisz und Olivia Colman. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Queen Anne hinkt verstimmt durch ihren Palast, Prunkraum um Prunkraum, vorbei an einem livrierten Lakaien, und diesen, noch ein halbes Kind, herrscht sie ohne Vorwarnung an: „Hast du mich etwa angesehen?“ Der Diener schaut scheu zu Boden und schüttelt seinen Kopf. Doch die Königin ist nun in Rage: „Schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!“ Er blickt betreten hoch – und bekommt eine schallende Ohrfeige. „Wie kannst du es wagen, mich anzusehen!“

Eine Szene aus Yorgos Lanthimos‘ jüngstem Film „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“, der am Freitag in den Kinos anläuft, und eine, die die Atmosphäre der Historienfarce, deren Färbung wohl tragische Ironie zu nennen ist, bestens beschreibt. Ebenso wie Lanthimos‘ beständiges Wechselspiel zwischen der Willkür der Adelsklasse und jenen Untertanen, die dieser ausgeliefert sind – bis eine erscheint, die zum Gegenangriff antritt. Die Figur der Königin Anne, erste Monarchin des United Kingdom, letzte aus dem Hause Stuart, wird dargestellt von der grandiosen Olivia Colman, von Venedig bis London, zuletzt mit dem Golden Globe, bereits ausgezeichnet. Zu Recht zählt „The Favourite“ auch zu den Oscar-Favoriten.

Dass, während das Publikum sich über die messerscharf geschliffenen Dialoge prächtig amüsieren kann, Domestiken der Krone im frühen 18. Jahrhundert nicht viel zu lachen haben, erfährt gleich zu Beginn Abigail, Baronesse Masham, als solche aufgrund der Spielsucht ihres Vaters tief, und als sie am St James’s Palace eintrifft, als erstes in einen der Kothaufen, die das Volk dem Hof vors Tor scheisst, gefallen. Angereist ist sie, um ihre entfernte Cousine Sarah Churchill, die Herzogin von Marlborough, um eine Anstellung zu bitten. Deren Ehemann John Churchill, der Duke, ist nicht nur oberster Feldherr, sondern auch begnadeter Ränkeschmied, doch Sarah läuft ihm diesbezüglich leicht den Rang ab, ist sie doch mehr als Annes Dame des Herzens die regierende Mätresse, heißt: dass statt der einfältigen, infantilen Anne Sarah die Staatsgeschäfte führt.

Emma Stone. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Nicholas Hoult. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Abigail aber ist gekommen, um Karriere zu machen. Als sich ihr die Gelegenheit bietet, von der Gosse in die Gunst der Königin aufzusteigen, lässt sie nichts unversucht, Sarah schachmatt zu setzen. Was in der Folge zu höchst unterhaltsamen Intrigen, Irrungen und zunehmendem Irrsinn führt. Lanthimos inszeniert diese gefährlichen Liebschaften stilistisch brillant und inhaltlich bissig.

Zwar ist die Handlung in den historischen Kontext der Schlachten gegen Frankreich im Zuge des Spanischen Erbfolgekriegs gebettet, doch lässt Lanthimos der real existiert habenden MachtMénage à trois, über deren sexuelle Seite anhand erhalten gebliebener Briefe freilich nur spekuliert werden kann, genug Raum, um über sie frei erzählen zu können. Tatsächlich ist „The Favourite“ im Vergleich zu seinen hermetischen Werken wie beispielsweise „The Lobster“ oder „The Killing Of A Sacred Deer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27854) erstaunlich gut zugänglich.

Mit den im Wortsinn Epoche machenden Sets von Fiona Crombie, der verschwenderischen Kostümfülle der dreifachen Oscar-Preisträgerin Sandy Powell und der raffinierten Kameraarbeit von Robbie Ryan erschafft der Arthouse-Kinomann Bilder wie Gemälde, Tableaux Vivants, in denen sich die Opulenz der Dekadenz feiert. Wobei es Ryan versteht, sowohl in der Düsternis von Kerzenlicht als auch mittels Weitwinkeloptik die Charaktere als Gefangene dieses Pomps sowie jedweden politischen Kalküls zu zeigen. Druckventil dafür sind seltsame Rituale wie Entenrennen oder eine Art Völkerball mit Orangen auf nackten Mann  – während die Küchenmägde, eine von ihnen anfangs Abigail, aus Platzmangel in den Katakomben des herrschaftlichen Gebäudes im Knäuel schlafen.

Rachel Weisz als Sarah und Emma Stone als Abigail schenken sich nichts, allerdings bleibt es vorerst bei tödlichen Blicken und spitzzüngigen Bemerkungen. Weisz‘ Sarah ist ihrer Herrscherin eine strenge Herrin, auch eine geübte Schützin auf Tauben, denen noch nicht die Silbe „Ton-“ vorangestellt ist, skurril diese Sequenz, wenn „Wurf!“ gerufen und ein lebender Vogel in die Luft geschleudert wird, und sie hat absolut den Willen zur Macht und zur Durchsetzung der Marlborough-Interessen. Stones Abigail scheint gegen die Härte dieser Frau liebenswert, integer, eine mit Herz – und wird sich doch als durchtriebenes Biest entpuppen. Als eine, die ihre körperlichen Geschütze in Stellung bringt, während Sarah inmitten all der höfischen Heuchelei, wenn nicht sympathisch, so zumindest ehrlich ist. Auch wenn sie der Queen sagt, mit ihrer Schminke sehe sie aus wie ein Dachs.

Rachel Weisz und Olivia Colman. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Die Vielschichtigkeit, die Abgründigkeit, die Hinterlistigkeit, mit der Weisz und Stone ihre Rollen ausstatten, wird nur übertroffen von Olivia Colman, die der mit ihrer Lächerlichkeit und ihrer Schwäche durchaus ringenden, vor Gichtschmerzen schreienden, Selbstmordversuche unternehmenden, inmitten der sie umringenden Höflingsmassen einsamen Anne eine große, tragische Würde verleiht.

Erwähnenswert ist auch die Leistung von Nicholas Hoult als Robert Harley, Anführer der Tory-Opposition, äußerlich ein Geck mit Puderperücke und aufgemaltem Schönheitsfleck, in Wirklichkeit aber ein gewiefter Strippenzieher hinter den Kulissen. Als politischer Gegner der Whigs und damit der Machenschaften der Marlboroughs, will er den Krieg und die damit einhergehenden permanenten Steuererhöhungen für die von ihm vertretenen Großgrundbesitzer beendet sehen.

Und so bildet er eine Allianz mit Abigail, die derweil, begleitet vom wuchtigen Soundtrack Händels, Vivaldis und Bachs, von der Küche bis in die Gemächer der Königin aufgestiegen ist. Um dort zum Eigennutz, aber auch im Auftrag Harleys, man erpresst und bedroht sich gegenseitig, die Ohren offen zu halten. Bald steigert sich zwischen Sarah und Abigail der Ehrgeiz zum Killerinstinkt, wird auch vor Giftanschlägen und arrangierten Reitunfällen nicht zurückgeschreckt, ist die Königin immer mehr Spielball beider Angelegenheiten. Doch wird die Siegerin schließlich erkennen müssen, dass sie auch auf ewig deren Sklavin, ausgeliefert ihren Launen und Schrullen und den siebzehn Kaninchen, die sich im Schlafzimmer tummeln, sein wird …

„The Favourite“ besticht mit überbordender Optik und mit exzellentem Spiel, mit hoher Theatralik und einem Witz, der very british ist. Dass Lanthimos keine seiner Figuren bloßem Spott und boshaftem Gelächter aussetzt, sondern stets versucht, ihre Beweggründe plausibel zu machen, zeichnet diesen Film aus. Derart gelingt es ihm, seine historische Fiktion nah an die Gegenwart zu rücken. Günstlingswirtschaft, unfähige Staatsoberhäupter und machthungrige Emporkömmlinge sind ja beileibe kein Phänomen von gestern.

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  1. 1. 2019