Academy Awards Streaming: Neues aus der Welt

April 7, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Paul Greengrass‘ Western ist nominiert für vier Oscars

Captain Jefferson Kyle Kidd will Johanna zu ihren Verwandten bringen: Tom Hanks und Helena Zengel. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Zwar in keiner der Hauptkategorien, aber immerhin in vieren ist Paul Greengrass‘ Westerndrama „Neues aus der Welt“ mit Tom Hanks und Helena Zengel nominiert. Am 25. April, bei den Academy Awards 2021, könnte es punkto Beste Kamera für Dariusz Wolski, Bestes Szenenbild für David Crank und Elizabeth Keenan, Beste Filmmusik für James Newton Howard und Bester Schnitt für Oliver Tarney und Team „and the Oscar goes to“ heißen. Hier noch mal die Filmkritik vom Februar 2021:

Die Frohe Botschaft im Vorhof der Hölle verkünden

Eine Kinopremiere blieb Regisseur und Drehbuchautor Paul Greengrass‘ Westerndrama „Neues aus der Welt“ Corona-bedingt versagt, und so kam Netflix die Ehre zu, die Produktion der Universal Studios ins Programm zu nehmen. Oscar-Preisträger Tom Hanks und Helena Zengel, die bereits in „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt mit ihrer schauspielerischen Stärke beeindruckte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34792), fahren als Sezessionskriegsveteran und Waisenmädchen durch tief gespaltene Vereinigte Staaten.

Ein Western als Gegenwartskritik. Diesbezüglich angesprochen auf „Lügenpresse“ und Fake News, auf #BlackLivesMatter und Verschwörungstheorien, Stickwort: Mauer zu Mexiko, sagte ein schmunzelnder Greengrass zu deadline.com, er hätte den Roman von Paulette Jiles gelesen und seine „Wünschelrute“ habe eben reagiert. In seinem epischen Werk der wenigen Worte schickt er Tom Hank als ehemaligen Südstaaten-Helden auf ein Himmelfahrtskommando; dies das Bild, das dieses Roadmovie bestimmt:

Mitten im Post-Bürgerkriegs-Purgatorium steht Jefferson Kyle Kidd im Wortsinn mit dem Rücken zur Wand, umringt von einem volltrunkenen Lynchmob verrohter Büffelschlächter, Mexikaner-Mörder, Schwarzen-Killer und Indianer-Hasser. In den Augen der Männer kocht heiß die durch das Unionsheer erlittene Schmach, die Demütigung durch den Norden, als wär’s nicht schon fünf Jahre her und immer noch hat der Feind in der Heimat das Sagen, ein wahrer Hexersabbat, ein Teufelstanz ist in Erath County zugange.

Herr und Meister über dies gesetzlose Niemandsland ist ein diabolischer Uncle Sam namens Mr. Farley, Darsteller ist Thomas Frances Murphy, der seine „Familie“ mit eiserner Faust befehligt, und damit dies auch so bleibt Kidd und Johanna mit gezogener Waffe in seine Stadt bittet … Johanna? Ah ja! Zurück auf Anfang: Als gewesener Konföderierten-Captain Jefferson Kyle Kidd kutschiert Tom Hanks im Jahr 1870 kreuz und quer durch Texas, um sich seinen bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen, indem er Unterhaltsames, Wundersames, Grausames aus den aktuellen Zeitungen vorliest – im Schummerlicht der Gaslaterne und mit Vergrößerungsaugenglas fürs Kleingedruckte.

Er berichtet vom Eisenbahnbau, von tödlichen Epidemien und Abenteuern aus fernen Welten, für sein leseunkundiges Publikum meist hochdramatisch aufbereitet – und mit Cheers! und Boohs! und „Texas first!“ bedankt, letzterer ein Ruf, bei dem die Yankee-Soldaten am Eingang in Habtachstellung gehen. Kidd bringt den Bildungsfernen im Wilden Westen laut Titel „Neues aus der Welt“, Infotainment für einen Dime, Nachrichten von jenseits des Horizonts samt den „Federal News“, die hier keiner hören mag, die Forderung von Präsident Ulysses S. Grant, in Texas endlich die Sklaverei abzuschaffen, heißt: die Ratifizierung des 13. Zusatzartikels der Verfassung, ein Muss, damit die Region wieder Teil der Union und ein Bundesstaat werden kann.

Captain Kid und Johanna wehren sich … Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

… gegen Almays Männer: Michael Angelo Covino. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Leonberger: Neil Sandilands und Winsome Brown. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Abschiedsschmerz: Helena Zengel und Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Da, eines Tages auf dem Weg, ein umgestürzter Wagen, ein erhängter Schwarzer, der wohl auf Beamte der Indianerbehörde hoffte, aber offensichtlich Gegnern der Sklavenbefreiung in die Hände fiel, an die Brust geheftet ein Zettel: „Texas sagt Nein! Das ist das Land der Weißen“, und ein blondes Mädchen, gekleidet wie eine Indianerin, die Kidds Fragen in schlechtem Deutsch oder perfektem Kiowa beantwortet.

Zikade nennt sich die Kleine, als die Helena Zengel den großen Tom Hanks ziemlich an die Wand spielt, und einem Schreiben entnimmt er, dass „Johanna Leonberger“, deren deutschstämmige Siedler-Eltern vor Jahren von den Kiowa abgeschlachtet und sie als Kleinkind vom Stamm entführt worden waren, zu Verwandten nach Castroville gebracht werden soll. Die Aufmerksamkeit des internationalen Filmbusiness‘ ist der Zwölfjährigen mit diesem Auftritt als Findelkind gewiss. Zengel schlüpft in die Rolle der doppelt verwaisten, denn nun haben die Weißen ihre Kiowa-Eltern getötet, der Sprachbarrieren wegen fast stummen Johanna wie diese in ihr Lederkleid.

In den Augen den wissenden Blick einer jahrhundertealten Weltenkenntnis, das Temperament, die Temperatur wechselnd von Verletzlichkeit zu Verzweiflung, von Sturheit zu Trotz zu einer stolzen Eiseskälte, mit der die junge Frau der First Nation die Errungenschaften der Neuen Nation ablehnt, Rüschenkleidchen, Essbesteck etc., derart ist Zengel die Sensation des Films. Greengrass braucht Johannes Story nicht in Flashbacks erzählen, er erzählt sie einzig und allein über Helena Zengels Gesicht.

Welch ein Sittenbild. Rebellen unterm Blood-Stained Banner auf Kriegspfad gegen die Washingtoner Gesetzeshüter – das Hinterland, durch das Kidd zieht, fühlt sich damals wie heute vom Kapitol verraten -, die Native Americans bis zur Grenze des Genozids verfolgt, eine Besatzungsarmee, der alles egal ist, solang der Eisenbahnbau voranschreitet, eine verheerte, verkehrte Welt – und zwischendrin Tom Hanks‘ Kidd, der wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind kommt.

Denn niemand will die „Wilde“, keiner fühlt sich zuständig. Bei diesem selbstbestimmten, aufmüpfigen Kind endet die christliche Nächstenliebe. Kidd und Johanna, die keiner der sich hysterisch befehdenden Gruppen zugehören, mussten im Lone Star State zueinanderfinden, ihre Annäherung erfolgt in der Einsamkeit der weiten Prärie, womit „Neues aus der Welt“ alle Westernelemente hat, die’s braucht. Er lehrt sie „Zivilisation“, sie bringt ihm die Natur in ihrer Ganzheit und deren Schützenswürdigkeit nahe.

Winsome Brown. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Helena Zengel. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Hanks wirft sein komplettes Guter-Kerl-Sein in die Waagschale, wie ein Prediger verkündet Vorleser Kidd Greengrass‘ Frohe Botschaft im Vorhof der Hölle: Nur wenn alle bereit sind, einander zuzuhören, voneinander zu lernen, kann Frieden entstehen. Allein Humanität und Respekt vor allem Lebendigen – und das inkludiert Mutter Erde – machen aus den Schlacht- wieder Erntefelder. Schade, dass diverse FilmkritikerInnen diesen Gedanken alsbald als „totgeritten“ empfanden.

Greengrass bedient sich gleichnishafter Szenen: In Dallas, wo man erfährt, dass Witwer Kidd durchaus kein Heiliger ist, da er in Saloonbesitzerin Miss Gannett, Elizabeth Marvel, eine Bettgenossin hat, will ihm der Schurke Almay mit seinen Kumpanen, schön sinister: Michael Angelo Covino mit Clay James und Cash Lilley, Johanna für 50 Dollar abkaufen. Die Kunde von der verwaisten „Rothaut“ aus Wichita Falls hat bereits die Runde gemacht, die Männer wollen sich mit einem exotischen Spielzeug vergnügen, erst „die Blauen“ beenden die Schlägerei.

Dass Almay blutige Rache schwört, führt zu einer der wohldosierten Actionszenen im Film, ein Shootout, bei dem sich Johanna als erfahrene Kämpferin erweist. Die Bildmacht, mit der Kameramann Dariusz Wolski zu überwältigen weiß, ist überbordend. Vom Himmel her fängt er entgrenzende Panoramen ein, Landschaftsgemälde von einem Viehtrieb oder einem Planwagentreck, alle unterwegs dorthin, wo das Gras grüner sein soll. Wolski drückt sich im Halbdunkel an Türöffnungen mit freiem Blick auf Liebeslager vorbei, er rast mit einer sich überschlagenden Kutsche den Berg hinunter und duckt sich bei Schusswechseln hinter Felsen.

„Neues aus der Welt“ ist ein Kinostart von Herzen zu wünschen, auf der großen Leinwand wird das alles besser zur Geltung kommen: die Verfolgungsjagd durch die potenziellen Kidnapper Johannas, die Schießerei und die Prügelei. Das macht Tempo, bevor sich Raum und Zeit auf dem Marsch unter gleißender Sonne wieder zerdehnen. Wie ein Geistbild wirkt Johannas Gang ins Haus der Toten; Kidd und sie finden eine zerstörte Kiowa-Siedlung; Johanna entdeckt in Chaos und Gerümpel eine Strohpuppe und behält sie. Nur wer sich erinnert, kann nach vorne blicken, sagt sie im Kiowa-Englisch-Deutsch-Gemisch, das ihre gemeinsame Sprache mit Kidd wird.

Im beredten Schweigen finden sich Kidd und Kind. Nur einmal verlieren sie einander, in einem Sandsturm, der auf zauberische Art und Weise einen Indianerstamm auf dem Zug in die Reservate materialisiert, Schemen von zermürbten Gesichtern und zerlumpten Gestalten – und wieder verweht. Noch ein Geistbild, und kein stolzer Krieger, nirgendwo. Message kann Greengrass auch in der eingangs beschriebenen Farley-Szene. Der Clan-Chef will Kidd als Propagandist seiner zu Heldentaten stilisierten Gräueltaten missbrauchen.

Der Indianerbeamte als Opfer eines Lynchmob. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Im Wagentreck: Helena Zengel und Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Die Metropole Dallas anno 1870. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Umzingelt von Mr. Farleys „Familie“. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Doch statt aus Farleys County-Postille vorzulesen, beginnt Kidd mit einer Parabel aus Pennsylvania. Dort hätten sich nach einem schweren Minenunglück einige wenige der lebendig Begrabenen aus der Tiefe ans Licht, in die Freiheit gekämpft, worauf die Kohlekumpel gegen die schlechten Arbeitsbedingungen protestierten, ja, sogar eine Gewerkschaft gründeten! Was Wunder, dass Mr. Farley sich alsbald mit einem Aufstand in den eigenen Reihen konfrontiert sieht. Kurioser lässt sich das „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ kaum illustrieren.

Bleibt: Castroville, wo Kidd Johanna den seltsamen, bigotten Onkel und Tante Wilhelm und Anna Leonberger, Neil Sandilands und Winsome Brown, aushändigt [um ein Haar hätte man geschrieben: ausliefert]. Sie mögen das traumatisierte Kind, das Menschlichkeit und Wärme braucht, in seinem Wissensdrang befördern und ihm Bücher geben, empfiehlt Kidd. „Sie muss arbeiten“, befindet der Onkel, und da das nicht funktioniert und sie immer wieder wegläuft, wird Johanna wie ein Tier mit einem Strick an einen Pfosten gebunden. Zum Glück kommen Kidd, der seit Tagen unterwegs nach San Antonio ist, Zweifel, ob seine Entscheidung Johanna den Leonbergers zu überlassen richtig war. Die wilde Waise hat sein vom Krieg gebrochenes Herz kuriert …

Mit „Neues aus der Welt“ ist der Zuschauer, die Zuschauerin unterwegs in einer Welt der Weißen, und es wird an keiner Stelle so getan, als hätten die Vertriebenen oder eben noch Versklavten schon Anspruch auf einen Platz darin bekommen. Präsent sind sie dennoch, die Schuld steht verdrängt im Raum. Das Elend der vermeintlich Privilegierten allerdings auch. Nur schlimmste Verbrecher, wie Almay und Mr. Farley, sind von Grund auf böse, allen anderen gewährt Greengrass eine zweite Chance.

Trotz Zeitbezug vermeidet „Neues aus der Welt“ tagesaktuelle Predigten und lässt stattdessen lieber Tom Hanks seine ganze Gravitas in der ersten (!) Wildwest-Variante seines Good American ausspielen. „Ich verstehe euch ja“, sagt der vernunftbegabte Kidd zu seinen Zuhörern, „wir alle leiden“, doch es könne nicht länger um den Nord-Süd-Konflikt gehen, man müsse endlich eins werden. Dass Kidd nach 1865 auf der Verliererseite und nicht auf der der Gewinner steht, ist ein Kunstgriff von Autorin Jiles, den Hanks mit breitgekautem Texas-Idiom zu bedienen weiß.

Zu Helena Zengel entwickelt der Hollywood-Star eine natürlich wirkende distanzierte Nähe, die den Film mühelos über zwei Stunden trägt. Des alten weißen Mannes und des sich indigen fühlenden Mädchens vorsichtige, versöhnliche Annäherung und ihre stoisch-melancholische Heilsgeschichte ist genau der Western, den die Welt gerade braucht.

Trailer dt./engl.: www.youtube.com/watch?v=yGod2iwZQCs           www.youtube.com/watch?v=ZfrO7za1MBY           www.netflix.com

BUCHTIPP:

Sebastian Barry: „Tage ohne Ende“ und „Tausend Monde“: Die Bürgerkriegssoldaten Thomas McNulty und sein Geliebter John Cole adoptieren die Indianerwaise Winona – und finden in all dem Horror ein stilles Glück (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31215); in der Fortsetzung leben sie glücklich auf einer Tabakfarm in Tennessee – doch alte Feinde lassen nicht lange auf sich warten (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=42818).

7. 4. 2021

Streaming – Bridgerton: Die Serien-Sensation der Saison

Januar 3, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Colorblind Casting und ein Vergewaltigungsskandal

Simon, der Duke of Hastings, und seine angetraute Daphne im bonbonfarbenen Fairy-Tale-Land: Regé-Jean Page und Phoebe Dynevor. Bild: Liam Daniel/Netflix © 2020

Als knapp nach Weihnachten die US-Serie „Bridgerton“ auf Netflix ihre Premiere hatte, war das Binge! von den Bildschirmen bis auf die Straßen zu hören. Staffel eins steht komplett online, eine Kostümschmonzette, die Shonda Rhimes mit ihrer Produktionsfirma Shondaland nach den Büchern von Bestsellerautorin Julia Quinn realisiert hat. Quinn, deren historische Liebesromane aus dem britischen Regency wegen ihres frechen Humors, ihrer spritzigen Dialoge und

eines absolut unzeitgemäßen Feminismus Millionen Fans haben. Und so wirkt auch „Bridgerton“, als wäre das „Gossip Girl“ die verloren geglaubte sechste Bennet-Schwester. Die Bridgertons sind sogar acht Geschwister, die’s zwischen Stolz und Vorurteil, Verstand und Gefühl hin und her reißt, mittendrin Eloise, eine wahrhafte Jane-Austen-Figur. Der Rest ist schnell erzählt: In einer bonbonbunten Fairy-Tale-Welt schuftet sich die Londoner High Society durch die Ballsaison anno 1813 – übrigens das Jahr, in dem „Pride and Prejudice“ dereinst erschienen ist.

Ehrgeizige Mütter treiben ihre pubertären Gänse auf den Heiratsmarkt, doch alle Debütantinnen werden überstrahlt von der Anmut Daphne Bridgertons, der sogar Königin Charlotte zugesteht, „ein Diamant erster Güte“ zu sein. Auftritt Simon Basset, seit dem Ableben seines Vaters der Duke of Hastings, und weil er die aufdringlichen Mütter und sie einen ebensolchen Verehrer loswerden will, schmieden Daphne und Simon den sinistren Plan, sich so lange als Turteltauben zu gerieren, bis er Ruhe und sie einen annehmbaren Antrag hat.

Allein, das Experiment läuft aus dem Ruder, das Nicht-Liebespaar, das natürlich totalmente ineinander verschossen ist, landet mit allen erdenklichen Folgen vorm Altar – und über all das und mehr klatscht und tratscht die mysteriöse Lady Whistledown in ihrem Boulevardblättchen, Lady Whistledown eine Whistleblowerin d’amour, die Vorfahrin aller spitzzüngigen Gesellschaftskolumnisten. So weit, so eh schon wissen, würde sich „Bridgerton“ nicht durch eine Wokeness auszeichnen, die in derlei Serien-Paketen selten ist – und sehr, sehr, seehr viel Sex.

Wobei die Objekte der Begierde hier eine ansehnliche Reihe junger Herren ist, die mit blanker Brust und Pobacken glänzen. Allen voran Regé-Jean Page, der als Duke of Hastings so schön ist, wie weiland Denzel Washington als Don Pedro in Kenneth Branaghs „Viel Lärm um nichts“, und Jonathan Bailey als Daphnes großer Bruder Viscount Anthony Bridgerton.

Claudia Jessie als Eloise und Ruth Gemmell als Lady Violet Bridgerton. Bild: Liam Daniel/Netflix © 2020

National-Theatre-Star Adjoa Andoh als süffisant spöttelnde Lady Danbury. Bild: Liam Daniel/Netflix © 2020

Von der lesbischen Othello zu Königin Charlotte: die britische Bühnengröße Golda Rosheuvel. Bild: Liam Daniel/Netflix © 2020

Die Featheringtons: Polly Walker, Ruby Barker und Kathryn Drysdale als Genevieve. Bild: Liam Daniel/Netflix © 2020

Fünf Punkte, die „Bridgerton“ besonders machen (Inhalt kann Spoiler enthalten)

1. Das Matriarchat. Rund um den Grosvenor Square regiert das Matriarchat, das heißt eigentlich beginnt dieses schon im Kew Palace, von wo aus Königin Charlotte das Volk im mütterlich festem Griff hat – Schauspielerin Golda Rosheuvel, die Nachrichten aus dem Gemach ihres wegen seiner Stoffwechsel- an einer Geisteskrankheit leidenden Gemahl George III., „Eure Majestät, der König …“, mit einem hoffnungsvollen „Ist er tot?“ quittiert.

Unter ihr herrschen Ruth Gemmell als verwitwete Lady Violet Bridgerton, die ihren Clan mit viel Liebe an die Kandare nimmt, Nachbarin und, da Mutter dreier von der Natur weniger begünstigter Töchter, Rivalin Lady Portia Featherington, verkörpert von Polly Walker, deren liederlich-trotteliger Ehemann das Familienvermögen verspielt und verhurt – und die unvergleichliche Großmeisterin des süffisant spöttelnden Smalltalks, Adjoa Andoh als Lady Danbury, die Klein-Simon großzog, da sein Vater das vor Angst stotternde Kind aus den Augen haben wollte.

Die nächste Generation ist nicht minder frühemanzipiert: Claudia Jessie als Freigeist Eloise Bridgerton, die an die Universität statt unter die Haube will, ihre beste Freundin Penelope Featherington, Nicola Coughlan, der Verstand vor Gewicht geht, und schließlich Anthonys Affäre, die selbstbewusste Opernsopranistin Siena Rosso, Sabrina Bartlett, und die geschäftstüchtige Modemacherin Genevieve Delacroix, Kathryn Drysdale – die noch dazu ein nächtliches Doppelleben führt, infolgedessen sie Sohn Nummer zwei Benedict Bridgerton bei einer Party von dessen bisexuellem Hofmaler-Freund zu ihrem Geliebten macht.

Die ärmliche, vom Land in die Stadt verfrachtete Featherington-Cousine Marina Thompson, Ruby Barker spielt die Schönheit, weigert sich trotz geheim gehaltener Schwangerschaft den Nächstschlechtesten zu ehelichen, stattdessen stürzt sie sich im Wortsinn auf den dritten Bridgerton-Bruder, den unschuldigen, den naiven Colin … Jede dieser Frauen hätte das Zeug dazu, Lady Whistledown zu sein.

2. Das Colorblind Casting. Die Ensemble-Diversität in „Bridgeton“ lässt die Frage nach Hautfarbe gar nicht erst aufkommen. Showrunner Chris Van Dusen hat quer durch den britischen Adel weiße und nicht-weiße Schauspielerinnen und Schauspieler besetzt. An britischen Theaterhäusern, von denen etliche der Engagierten kommen, hat das Colorblind Casting eine lange Tradition, siehe die Rezensionen von www.mottingers-meinung.at über das Londoner Shakespeare’s Globe Theatre beim Art Carnuntum Festival.

Die Besetzung der People of Color wurde als ein Statement getroffen, so Van Dusen, angefangen bei der renommierten Theaterschauspielerin Golda Rosheuvel, zu deren Bühnen-Credits „Macbeth“, „Romeo und Julia“ und 2018 eine lesbische „Othello“ zählen. Hier ist sie Königin Charlotte, über deren „afrikanisches Antlitz“ Zeitgenossen tatsächlich munkelten, und das Historiker heute auf die portugiesische Linie der von Mecklenburg-Strelitzens zurückführen.

Dieser Aspekt immerhin schien Van Dusen so bemerkenswert, dass er die historische Persönlichkeit ins Setting einführte, in den Büchern kommt die Königin nämlich nicht vor, in der Serie leitet Rosheuvel den Cast an – von Regé-Jean Page bis Adjoa Andoh, von Ruby Barker bis zu Simons Freund und Boxtrainer, Martins Imhangbe als Will Mondrich, und Simons Butler, Jason Barnett als Jeffries. Kathryn Drysdale ist topaktuell für die Rolle der Meghan Markle im Gespräch.

Anthony Bridgerton ist soeben dem Bett seiner Mätresse entstiegen: Jonathan Bailey. Bild: Liam Daniel/Netflix © 2020

Serien-Beau Regé-Jean Page als Simon Basset, Duke of Hastings, in ähnlicher Situation. Bild: Liam Daniel/Netflix © 2020

Daphne erprobt ihre Verführungskunst: Phoebe Dynevor und Regé-Jean Page. Bild: Liam Daniel/Netflix © 2020

Der Höhepunkt der Vergewaltigungsszene: Regé-Jean Page sorgt für Skandal. Bild: Liam Daniel/Netflix © 2020

3. Der Vergewaltigungsszenen-Skandal. An Liebesszenen wird in „Bridgerton“ nicht gespart, vor allem zwischen Daphne und Simon. Nicht nur erklärt er ihr, wie man die Wonnen des Orgasmus für sich allein entdecken kann, sie zieht ihn mit ihren Blicken quasi aus, bevor er es selber tun kann. Ob Beau Page nun lasziv einen Eislöffel ableckt oder beim Training im Boxring seine Muskeln spielen lässt, in „Bridgerton“ ist fürs weibliche Herz allerhand dabei. Eine Szene mit der zauberhaften Phoebe Dynevor erregt allerdings die männlichen Gemüter – und nein, nicht so.

Daphnes sexuelle Erweckung ist einer der wichtigsten Themenstränge der Serie. Von Mama und ihrer Herumdruckserei denkbar unaufgeklärt, sagt ihr Simons Verhalten knapp vor dem Kommen, sich wegdrehen und in ein Taschentuch stöhnen, erst nichts. Der Herzog hat vor seinem sterbenden, ihm verhassten Vater den Schwur getan, die Hastings aussterben zu lassen, heißt: niemals ein Kind zu zeugen, daher der Hang zum Interruptus.

Es bedarf der Kammerzofe Polly, um ihrer Herrin zu erklären, wie das mit den Bienen und Blüten funktioniert, also inszeniert Daphne einen Samenraub de luxe, sie dreht den Spieß ist gleich die Beischlafpositionen um, und so kann Simon noch so sehr ums „Bitte aufhören!“ betteln, der Höhepunkt steht wie eine Eins. Skandal, skandiert’s nun durch die Social Media, eine Vergewaltigungsszene wird vom Publikum bagatellisiert. Im Roman war’s noch ärger, da machte Daphne Simon sogar betrunken und willfährig – tja …

4. Julie Andrews. Wem’s irgend möglich ist, der sollte sich „Bridgerton“ im englischen Original ansehen. Julie Andrews näselt sich als Lady Whistledown aus dem Off very british durch deren boshafte kleine Sticheleien, auch Eloise hat ein entzückend loses Mundwerk, und überhaupt sind die Dialoge im O-Ton ein so rasantes wie sarkastisches Ping-Pong-Spiel. Und siehe: Plötzlich ist „Bridgerton“ eine Serie, die sich so gar nicht todernst nimmt. Wenn Frauen die Tuscheltrommel rühren, um die hochfahrenden, allerdings hirnrissigen Pläne der Männer samt und sonders zu ruinieren …

Penelope Featherington wird noch eine wichtige Rolle spielen: die wunderbare Nicola Coughlan. Bild: Liam Daniel/Netflix © 2020

5. Die zweite Staffel. Ist in Planung, die Dreharbeiten sollen im März starten, laut Gerüchten aber ohne Daphne und Simon. In Julia Quinns Buchreihe hat die Autorin jedem der acht Bridgerton-Kinder einen Roman gewidmet. In Band zwei ist ergo Anthony an der Reihe, dem auf dem Bildschirm die wegen seiner Hop-on-Hop-off-Liebe erzürnte Siena gerade die Tür vor der Nase zugeschlagen hat. Erzählenswert ist zweifellos aber auch die Geschichte von Eloise, die nach Daphne in Season 2 in die Gesellschaft eingeführt werden

soll, dies aber um die Burg nicht will. Francesca Bridgerton, die zweitjüngste Tochter, kehrt in den letzten Minuten der Staffel eins erst aus Bath zurück, über sie weiß man also noch gar nichts. Und auch die heillos in Colin verliebte Penelope ist der Aufmerksamkeit wert. Und last, but not least gilt es nach wie vor die Identität der Lady Whistledown aufzudecken.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=gpv7ayf_tyE           www.youtube.com/watch?v=XM8-Q_dssYI           www.netflix.com

  1. 1. 2021

Terrence Malick: Ein verborgenes Leben

Januar 30, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

August Diehl brilliert als Franz Jägerstätter

Dorf- und Liebesidyll: August Diehl und Valerie Pachner als Franz und Fani Jägerstätter. Bild: © Filmladen Filmverleih

Masse-und-Macht-Bilder von Leni Riefenstahl überschneiden sich mit Dorf- und Liebesidyll, Gras mähen, Vieh füttern, Küsse geben, gewaltige Choräle mit filigranen Violinklängen, im fernen Berlin jubeln die Menschen jenem Mann zu, der sich zu ihrem „Führer“ aufgeschwungen hat, und auch in St. Radegund heben die Leute zu seinen Ehren den rechten Grußarm. Nur Franz Jägerstätter macht die neuen Sitten nicht mit, ihm ist es statt ums „Sieg Heil!“ um sein Seelenheil zu tun, weshalb der Bauer Begegnungen auf dem Feldweg mit einem „Pfui Hitler!“ beendet.

Das ist 1940 im oberösterreichischen Bezirk Braunau brandgefährlich. Kinomystiker Terrence Malick hat in seinem ab morgen auf den heimischen Leinwänden zu sehenden Film „Ein verborgenes Leben“ das reale des Franz Jägerstätter verfilmt. In Österreich ist die Geschichte des Wehrdienst-, weil Führereid-Verweigerers seit Axel Cortis Film, Erna Putzs Büchern und Felix Mitterers Drama (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=4764, Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=4738) bekannt.

Nun wird das Schicksal des stillen Widerstandskämpfers, der 1943 im Zuchthaus Brandenburg von den Nationalsozialisten hingerichtet und 2007 im Linzer Mariä-Empfängnis-Dom seliggesprochen wurde, dies wohl auch international werden. Regisseur und Drehbuchautor Malick nimmt sich für seine Story gute drei Stunden Zeit, um von Jägerstätters Blinde-Kuh-Spiel mit seinen Kindern zur blinden Wut des Volkskörpers zu kommen. Er erzählt weniger Handlung als Stimmungen, Emotionen, erzählt vom Fluss der Zeit, vom Sonnenstand, während sich ein Glaubenssatz im Gehirn festsetzt. Immer wieder verschneidet er Original-Wochenschauen, Tod, Zerstörung, Sinnlosigkeit, mit den grandiosen Aufnahmen von Kameramann Jörg Widmer.

Dessen Kamera lässt die Protagonisten mitunter fast steil ins Bild ragen, so als seien sie fragile Zeugen ihrer selbst. Das hat man so noch nicht gesehen. So wie Widmer an den Originalschauplätzen von der Weite der Landschaft in die Enge der Gefängniszellen, von sattem Grün zu wild und düster zu bleichem Grau-in-Grau wechselt, so schaffen die mal melancholische, mal minimalistische, mal auf Beethoven, mal auf Arvo Pärt zurückgreifende Musik von James Newton Howard, und die Tatsache, dass August Diehl und Valerie Pachner aus dem Off aus dem Briefwechsel zwischen Jägerstätter und seiner Frau Franzis­ka vorlesen, zusätzlich Atmosphäre.

Tobias Moretti als Vikar Fürthauer. Bild: © Filmladen Filmverleih

Inhaftiert im Linzer Ursulinenhof. Bild: © Filmladen Filmverleih

Franz findet Kraft im Gebet. Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit Bruno Ganz als Richter Lueben. Bild: © Filmladen Filmverleih

Diehl ist in seiner feinnervigen, von einem inneren Leuchten beseelten Darstellung des Charakters Jägerstätter brillant, und Malick umwebt den Gewissens- auf seinem Weg zum Schmerzensmann sanft und behutsam mit passendem szenischen Panorama, gemeinsam erkunden sie den Kosmos ihrer Schlüsselfigur bis ins Kleinste. „Besser die Hände gefesselt als der Wille!“ Dieser Ruf des Tiefgläubigen ist überliefert, und Malick macht in seiner Umsetzung des Stoffes deutlich, dass diese unpathetisch und elegisch zugleich geht. Der Herrgott ist allüberall, vom Winkel bis zum Marterl, Worte werden wenige gewechselt, doch jeder zweite Satz ist wie ein Bibelzitat, wuchtig, eindringlich, Jeremia 23. Gegen das Böse aufzustehen, heißt dabei der Amboss, nicht der Hammer zu sein. Auch, wenn Malick selbst dies verneint, er hat einen Märtyrerfilm gedreht.

Ob Diehls Jägerstätter als Sämann übers Feld stapft. Ob er sich im finsteren Wehrmachtsuntersuchungs- gefängnis des Linzer Ursulinenhofs, während – Schnitt – Jörg Widmer ein Waldmüller-Licht auf die Gesichter seiner drei Töchter fallen lässt, den Hochmut vorwirft, durch seine stolze Entscheidung besser als die anderen Eingezogenen sein zu wollen. Ob er verlegt nach Berlin-Tegel die Demütigungen und Misshandlungen mit Demut und Erinnerungsrückblenden an daheim erträgt. Diehl spielt Verzweiflung, Müdigkeit, Tränen stets nur an, nie aus. Bemerkenswert ist, wie er körperlich mehr und mehr verfällt, seine Überzeugung von den Nazi-Schergen bis zur letzten Sekunde geprüft, Diehls stumm leidendes Gesicht dabei, im Hintergrund Hass und Flehen, Befehls- und Schmerzensschreie, in Großaufnahme. Am Ende wankt er zwischen der Kraft des Gebets und seinem Zweifel am Glauben, soviel zu Matthäus 27 bis Lukas 23.

In seiner Bezugnahme auf das Christentum ist Malick kompromiss- und furchtlos, ohne Berührungsängste, aber, siehe Michael Nyqvist als Bischof Fliesser, der Jägerstätter anordnet dem Vaterland zu dienen, kritisch gegenüber der Institution Kirche. „Ein verborgenes Leben“ ist ein Antikriegsfilm ohne Front und Schlachtfelder und Gemetzel. Heidegger-Übersetzer Malick und mit ihm Widmer machen die Abwesenheit ihres Helden durch Verlassenheit deutlich, im Haus, im Stall, Blicke auf leere Stiegen und Türstaffeln, verwaiste Holzpantoffel, dazu Valerie Pachner, die als Fani Jägerstätter den Volkszorn wegen ihres Verräter-Ehemanns stoisch erträgt. Malick ist nicht der Filmemacher, dem es darum ist, Gegenwart herzustellen, und doch gelingt es ihm hier auf besondere Art – und dank eines hochkarätigen Casts, Ausnahmeschauspieler allesamt, die in noch in kürzesten Szenen eindringlich ihr Können zeigen.

Die Demütigungen und Misshandlungen mit Demut erdulden: August Diehl. Bild: © Filmladen Filmverleih

Allen voran Karl Markovics, der als St. Radegunds regimetreuer Bürgermeister Kraus aktuell anmutende Phrasen wie „Ausländer überfluten unsere Straßen, Immigranten ohne Achtung vor unserer Vergangenheit, wir müssen unser Land verteidigen!“ drischt. Oder Tobias Moretti als Vikar Ferdinand Fürthauer, der Jägerstätter mit beinah denselben Worten vor den existenziellen Konsequenzen seines „Opfers“ warnt. Johannes Krisch als Müller Trakl und Wolfgang Michael als Eckinger sind zumindest im Kopf Widerständler. Ulrich Matthes begleitet als Fanis Vater Lorenz Schwaninger diese bis nach Berlin.

Martin Wuttke hat als Major Kiel eine Epilepsie-Epiphanie, Michael Steinocher ist als Offizier Kersting ein brutaler Gefangenenwärter, Thomas Mraz der windige Staatsanwalt Kleint, Berlinale-Pensionist Dieter Kosslick der Richter Musshoff. Zwei herausragende Szenen gibt es mit Franz Rogowski als ebenfalls zum Tode verurteilten Waldland, der sich in eine gespenstische Enthauptungsfantasie hineinsteigert, und mit Bruno Ganz, der als Richter Werner Lueben kein zweiter Freisler ist.

Sondern versonnen im Verhör, eine Pontius-Pilatus-Figur, deren Frage an Jägerstätter „Verurteilen Sie mich?“ den späteren Suizid des Senatspräsidenten beim Reichskriegsgericht – offiziell: plötzlicher Tod wegen seelischen Erschöpfungszustands, vermutet: Gewissensnot wegen seiner Todesurteile gegen drei Pfarrer, Verstrickung in die Attentatspläne gegen Adolf Hitler – vorwegnimmt. In beiden Begegnungen erkennt Jägerstätter, dass Mitgefühl, nicht Mitleid, denn was nützt es, wenn ein anderer mit einem leidet, den Christenmenschen macht.

Dass Malick zum Schluss seine ruhige Konsequenz mit dem Gang zum Schafott, einem Bild des Fallbeils, dem lapidaren Ruf des Scharfrichters „Der nächste …“ bricht, hätte zwar nicht sein müssen, denn in seiner Gesamtheit ist „Ein verborgenes Leben“ ein kostbares Kinogeschenk, diese Geschichte einer reinen Seele, eines Menschen, der lieber Außenseiter ist, als Teil einer Gemeinschaft potenziell gewalttätiger Mitläufer und ergo Mittäter. Jägerstätter-Tochter Maria hat den Film über ihren Vater bereits gesehen. Im Sonntag-Interview bekräftigt sie, wie wichtig es sei, „dass man nicht alles nachmachen soll, was einem so vorgegeben wird, sondern überlegen, ob das auch gut ist“: „Nicht auf das schauen, was die anderen sagen, sondern sich selbst informieren und nachdenken, was ist richtig und was nicht.“

www.ein-verborgenes-leben.de

  1. 1. 2020

Ben Is Back

Januar 6, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Und plötzlich steht der drogensüchtige Sohn vor der Tür

Die verzweifelte Holly zeigt ihrem Sohn Ben, wo er landen wird, wenn er sein Leben nicht ändert: Julia Roberts und Lucas Hedges. Bild: © Tobis Film GmbH.

Der junge Mann, die Hoodie-Kapuze tief in die Stirn gezogen, nähert sich dem Vorstadthaus. Stapft mit aggressiven Schritten durch den Schneematsch, untersucht ungeduldig, ob sich Tür oder Fenster öffnen lassen. Wird wütend, als sich kein Schlüssel in den üblichen Verstecken, unterm Blumentopf, unter der Fußmatte, finden lässt. „Ben Is Back“ – der drogensüchtige Sohn von Holly Burns ist ausgerechnet am Heiligen Abend heimgekehrt.

Seiner Mutter wird er sagen, seine Betreuer in der Entzugsklinik hätten ihm für die Weihnachtsfeiertage freigegeben. Doch die Gesichter der Familie sprechen Bände, die Festtagsstimmung kippt in schiere Panik. Zu viel Hölle hat man wegen Ben schon durchleben müssen.

Regisseur und Drehbuchautor Peter Hedges, als zweiteres unter anderem verantwortlich für „Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“ und „About A Boy“, ist mit „Ben Is Back“, der am 11. Jänner in den Kinos anläuft, ein eindrückliches Familienkammerspiel gelungen, das sich immer mehr zum beklemmenden Thriller entwickelt. Die aufwühlende Story lebt vor allem vom Zusammenspiel, vom Infight der grandios furiosen Julia Roberts, die als Holly Burns eine der besten Performances ihrer Karriere zeigt, mit Peter Hedges‘ Sohn Lucas Hedges als Ben, in den USA nicht umsonst als der Nachwuchsstar des Independent-Kinos gehandelt.

Wie dieser Ben gleichzeitig Mitgefühl erregend, undurchschaubar und unberechenbar ist, wie er immer wieder ein Lügner zu sein scheint, all das stellt Lucas Hedges mit beeindruckender Mehrdeutigkeit dar. Als Zuschauer ist man in jeder Sekunde versucht, seine Absichten zu hinterfragen, aber weiß meist nicht, ob man ihn in den Arm nehmen und trösten möchte oder ihn wegstoßen und fürchten soll. So ergeht es auch Julia Roberts‘ Holly, aus deren Perspektive und mit deren Wissensstand man das Drogendrama betrachtet. Denn Peter Hedges geht, was die Spannung bis ins Unerträgliche steigert, mit Informationen sehr sparsam um. Er verknappt das Geschehen auf 24 Stunden, was immer sich davor ereignet hat, Eskalationen, Versprechungen, Enttäuschungen, fließt nur in Halbsätzen in die Handlung ein.

Stiefvater Neal misstraut Ben: Courtney B. Vance und Julia Roberts. Bild: © Tobis Film GmbH.

Ben mit seiner Schwester Ivy: Lucas Hedges mit Kathryn Newton. Bild: © Tobis Film GmbH.

Holly schließt mit der Familie, Courtney B. Vance als ihr zweiter Ehemann Neal, Kathryn Newton als Tochter Ivy, einen Pakt. Ben darf, nachdem er einen Drogenschnelltest bestanden hat, für einen Tag bleiben. Unter der Bedingung, dass ihm die Mutter nicht von der Seite weichen wird. Es ist eine der stärksten Szenen, wie Holly in Windeseile ihren Schmuck und die Medikamente aus dem Badezimmerschrank vor Ben versteckt. Und schon folgt man den beiden. Vom Shoppingcenter für letzte Geschenkeinkäufe auf den Friedhof, wo Holly Ben sein Ende vor Augen führt, so er sein Leben nicht ändert, schließlich in die Sitzung einer Selbsthilfegruppe, bei der Ben sich zu melden hat. Die Atmosphäre die ganze Zeit über – Kleinstadtklaustrophobie.

Und überall sieht sich Ben mit seiner Vergangenheit konfrontiert, begegnet er Junkies, die seine Drogenfreunde waren, Eltern, deren Kinder er mit ins Unheil gerissen hat und die ihm nun mit blankem Hass begegnen. Die Situation gerät außer Kontrolle, also muss Ben, begleitet von Holly, wieder in jenes kriminelle Milieu abtauchen, von dessen Existenz seine Mutter keine Ahnung hatte. Die beiden begeben sich auf einen gefährlichen Trip, auch hier eine gewaltige Sequenz, als Ben das – noch dazu abgelegene – Haus seines ehemaligen Lieferanten betritt, und die unruhig im Wagen wartende Holly sich nicht entscheiden kann, ob sie hinterherlaufen oder die Tür verriegeln soll. Holly muss sich fragen, war ihr Sohn ein Dealer, ein Stricher, ein Einbrecher?

Verhält sich Ben verdächtig oder sind das Vorurteile? Lucas Hedges glänzt in seiner Rolle als Drogensüchtiger. Bild: © Tobis Film GmbH.

Mit „Ben Is Back“ hat Peter Hedges mit viel Feingefühl einen Film über Familienzusammenhalt, über Abhängigkeit und die Falle der Co-Abhängigkeit inszeniert. Er lässt seinen Protagonisten Julia Roberts und Lucas Hedges den Raum, das zwischen den Zeilen Ungesagte, die Ängste, Zweifel, Widersprüche, stehen zu lassen. Beide setzen bei ihrer Darstellung auf diese Momente der Stille, ihr Spiel dabei zurückhaltend und unprätentiös.

Roberts als Löwenmutter und Lucas Hedges als Ben, der selbst am besten um seine Abgründe weiß, agieren bestechend. Schon im Frühjahr kommt dessen nächster Film „Der verlorene Sohn“ ins Kino. Darin spielt Lucas Hedges einen schwulen Collegestudenten, dessen bibelfester Vater ihn mit einem Zwölf-Punkte-Programm „heilen“ will. Man darf gespannt sein …

www.BenIsBack.de

  1. 1. 2019

Berliner Theatertreffen: Zement

Mai 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Vermächtnis des Dimiter Gotscheff

Sebastian Blomberg, Bibiana Beglau Bild: Armin Smailovic/Residenztheater München

Sebastian Blomberg, Bibiana Beglau
Bild: Armin Smailovic/Residenztheater München

Festspielintendant Thomas Oberender eröffnete  das 51. Berliner Theatertreffen mit einer Inszenierung aus dem Münchner Residenztheater: Dimiter Gotscheff hatte Heiner Müllers „Zement“ inszeniert – es war seine erste Arbeit am Haus und seine letzte bevor der Regisseur verstarb. Und wenn man eines von Beginn des dreistündigen Abend (der in München übrigens höchst kontrovers aufgenommen worden war) an sagen konnte, dann: Er fehlt. Dieser Theaterberserker, der vor Archaik und Pathos nicht zurückschreckte, der Herz und Hirn in Gleichklang bringt, der es schafft ein Publikum zu berühren und anzurempeln – der „seinen“ Heiner Müller so auf die Bühne bringt, dass man versteht, was einen der Große „von damals“ noch angeht. Und dabei die Schönheit seiner Sprache in den Mittelpunkt stellt. Gotscheff zeigt Müllers dystopisches Revolutionsstück „Zement“ aus dem Jahr 1972, geschickt verpackt zwischen Zeilen und Szenen des Autors und des Regisseurs zwiespältiges Verhältnis zum Arbeiter- und Bauernstaat. Den Sowjet im Sinn, kommt man auf die DDR hin. Müllers Dramatisierung eines Romans von Fjodor Gladkow aus dem Jahr 1925 behandelt die Geschichte der russischen Revolution. Gleb Tschumalow (Sebastian Blomberg), Schlosser und kommunistischer Bürgerkriegsheld gegen die weißen Garden, kehrt heim. Das Zementwerk ist stillgelegt, seine traumatisierte und fanatisierte Frau Dascha (Bibiana Beglau) ist erkaltet wie der heimische Herd. Seine Tochter wird im Kinderheim verhungern, sie derweil die Frauenbewegung anführen. Die Revolution frißt ihre Kinder.

Das Ganze: Eine Tragödie griechischen Ausmaßes. Gespielt in einem grauen Betonwürfel, desssen Boden/Podium sich steiler und steiler aufrichtet. Die Kostüme schmutziggrauweiß, ein Chor mit Gesichtsmasken aus Strümpfen, Mützen – die er für einen kurzen Moment, da das Werk wieder läuft, abnehmen wird. Doch dann siegt das Kollektiv über das Individuum. Und sie vermummen sich wieder zur anonymen Masse. Einmal müssen sie sogar die Schreibmaschine sein. Auch Revolution braucht Bürokratie. Sie erschlägt sich mit Papier. Valery Tscheplanowa, das tote Kind, klein und allein, erzählt, singt dazu. Vom an den Felsen geschmiedeten Prometheus, vom trojanischen Krieg, von der Kindsmörderin Medea. Von Gleb und Dascha. Er, ein russigschwarzes Gespenst, dem die Maschinen zuschreien: Mach‘, dass unser Zementwerk läuft. Sie, Frau Oberbolschewikin, hart wie Stein. Vom Feind gefoltert und missbraucht, um den Aufenthaltsort ihres Mannes preiszugeben – der jetzt nach drei Jahren Absenz Sex will. Man ist sich fremd geworden. Und wird sich auch nicht mehr finden. Mit kleinsten Gesten erzählen die Gotscheff-Vertrauten Beglau und Blomberg das. Das Ende der Zwischenmenschlichkeit, den Beginn des Sowjetmenschen. Ein neues Land steht auf in diesem Infight der Protagonisten. Man hat nicht mehr die selben Lebensziele, so endet diese Liebesgeschichte. Beide spielen sie das gestochen scharf und trotzdem mit gebrochenem Herzen. Zwei Verletzte, die sich ihre Wunden nicht zeigen wollen oder können. Beide umkreisen sich mit atemberaubender Körperspannung. Eine großartige schauspielerische Leistung. Ebenso großartig, wie Gotscheff den Chor einsetzt, der einerseits von Politfunktionär, vom Apparatschik bis zum Bürger alle nachahmt, gleichzeitig jederzeit Lynchmob ist. Hauptsache, es gibt jemanden, an den man sich klammern kann. Das Feuer der Revolution hat ihnen die Köpfe enteignet. „Keine Sklaven mehr und keine Herren“, skandieren sie. Ob sie schon wissen, dass es nicht stimmen wird?

Gotscheff schuf großes, wuchtiges Theater. Dargeboten als Weihespiel. Es geht um Politik vs Wirtschaft. Den kategorische Imperativ. Die kampfverliebte Polja (Leitsatz: „An den Gewehren war die beste Zeit!“) und der anerkennungssüchtige, weil aus bourgeoiser Familie stammender Iwagin (Lukas Turtur) – das Gegenpaar zu Gleb und Dascha – stecken sich nach ihrem Parteiausschluss ihre zu Pistolen gekrümmten Zeigefinger in den Mund und versinken im Boden. Gewalt regiert und geschrieen wird viel. Der Kommunismus ist kein Traum, sondern Arbeit. Zeit und Welt sind bei Müller/Gotscheff aus den Fugen. Das ist der Stoff aus dem politisches Theater von und für Heute ist. Ein Menschheitsalbtraumtraumadrama.

www.berlinerfestspiele.de

www.residenztheater.de

Wien, 5. 5. 2014