Hamakom: Roland Schimmelpfennigs „100 Songs“

September 28, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Happy End ist eine aufgefangene Kaffeetasse

Gottfried Neuner, Sofia Falzberger, Sören Kneidl, Ana Grigalashvili, Katharina von Harsdorf und Tobias Voigt mit der Toten-Statisterie. Bild: © Marcel Köhler

„Songs Of Love and Death“ hieß vor Jahren das Debütalbum der bombastischen Symphonic-Metal-Band Beyond the Black, und auch wenn deren Dämonentanz im Theater Nestroyhof Hamakom nicht vorkommt, so ist dieser Danse macabre doch exakt Form und Inhalt von Roland Schimmelpfennigs „100 Songs“. Nach dem gesundheitsbedingten Rückzug von Frederic Lion hat die nunmehrige künstlerische Gesamtleiterin des Hauses,

Regisseurin Ingrid Lang, den Text als österreichische Erstaufführung inszeniert. Also sprach Schimmelpfennig über Nietzsches Apokatastasis. Denn des Philosophen zyklisches Geschichtsbild vom verlorenen hin zu einem Zustand der „Allaussöhnung“ und Einheit aller Wesen, wird die kommenden zwei Stunden bestimmend sein – die Gottesfrage sowieso. Auftreten in Schimmelpfennigs szenischer Versuchsanordnung Sofia Falzberger, Ana Grigalashvili, Katharina von Harsdorf, Sören Kneidl, Gottfried Neuner und Tobias Voigt als vom Autor sogenannte „Gruppe von Frauen und Männern“. Beobachter, Boten, Betroffene, Passanten, Passagiere, gar Erzähler aus dem Totenreich? Ratlos sind sie, da alles „zu kompliziert“, „erschreckend einfach“, „erschreckend kompliziert“ scheint. „Zu weit weg von allem, was man denken kann.“

Schimmelpfennig hat sein Stück im Gedenken an die Madrider Zuganschläge verfasst, Ingrid Lang holt es nach dem Attentat vom 2. November 2020 nach Wien. Das Thema dieser Jukebox der kollektiven Erinnerung ist: der Terror. Die Sprachlosigkeit im Angesicht des Unsagbaren, das betretene Schweigen, die Fantasie des Theaters, über den Tod mit der prallen Wucht des Lebens zu berichten. Zug fährt ein, Trillerpfeife schrillt, im Radio läuft „Bette Davis Eyes“ von Kim Carnes, Sally, der Serviererin im Bahnhofscafé, fällt eine Kaffeetasse zu Boden – und dann: noch mehr Songs, von Iggy Pops „The Passenger“ über „Upside down“ von Diana Ross zur „Road to Nowhere“ der Talking Heads.

„Es war, als ob hunderte Songs gleichzeitig liefen, Tausende von Songs, Millionen, Milliarden“, sagt Tobias Voigt, er und das Ensemble der vielstimmige Chor eines Requiems, eine Pop-Kakophonie aus Liedern, in denen ein paar Minuten ein ganzes Leben besingen. Im zerrissenen Bühnenbild von Vincent Mesnaritsch entwerfen Schimmelpfennigs Figuren Biografien, Beziehungsprobleme, beiläufige tragikomische Tragödien in Endlosschleife, und dies so banal, dass es besonders ist. Immer wieder von Neuem rekapitulieren sie ihre Sehnsüchte und Schwächen während der Vor-Katastrophen-Frist von 8.51 und 8.55 Uhr. Vier Minuten, und die sogenannte Zivilisation in Flammen, und die Zeit ihre Protagonistin.

Eben noch war Gottfried Neuner der Mann am Fenster gegenüber den Gleisen, schon ist er ein Verletzter auf dem Bahnsteig. Sofia Falzberger singt im Wortsinn den Sirenen-Gesang. Zwischen der zutiefst gläubigen Stripperin/ Ana Grigalashvili, dem Mann aus Kabul/ Sören Kneidl, der Fremdgeherin/ Katharina von Harsdorf, dem Verwaltungsbeamten in den besten Jahren/ Sofia Falzberger und Tobias Voigt als 16-jähriger Friseur-Azubi mit Katie Melua in den Kopfhörern sind die Gendergrenzen gesprengt wie die Waggons. Die Atmosphäre ist: Gefangen im Bardo.

Bild: © Marcel Köhler

Bild: © Marcel Köhler

Bild: © Marcel Köhler

Bild: © Marcel Köhler

Schön die getanzt-gefightete Szene, in der das studentische Liebespaar mit dem in Trennung befindlichen Ehepaar korrespondiert. Eine Frau verpasst die Abfahrt um Sekunden. Was rettet einem das Leben? Der Zufall, die Suche nach den Allergietabletten, Zuspätkommen, die Schicksalsmelodie? Und wieder ist es 8.55 Uhr. Zerfetzte Kopfdialoge, Gedanken-Gänge, Spiegelungen und Selbstgespräche, Trillerpfeifen-Alarm, das Leben, weiß der empathische Soziologe Schimmelpfennig, ist stets nur ein Vielleicht. Gottfried Neuner als Pfarrer, der zum Begräbnis eines 6-Jährigen unterwegs ist, wird in den Raum stellen, ob Gottes An- oder Abwesenheit für den Menschen günstiger ist.

Neuner ist es auch, der die Pferdemetapher aufbringt, mit Sleipnir, Odins achtbeinigem Kampfross; Kneidl, „dunkelhäutig“ und mit Vollbart, liest über Buraq, ein Reittier mit Frauenantlitz, das der Erzengel Gabriel dem Propheten Mohammed für seine Himmelfahrt überbrachte; der Pfarrer sieht in den Wolken die apokalyptischen Reiter. Ist das rote Pferd der Krieg oder die Liebe, das schwarze mit der Waage die Teuerung oder die Gerechtigkeit? Das weiße jedenfalls Jesus Christus und das fahle der Tod … Schimmelpfennigs zwischen Traum und Traumata schwebende Auslassungen sind so surreal wie die Sinnfrage, wie das Sterben an sich.

Und immer noch ist in all den ans Publikum gerichteten Paradoxien nicht klar, wer aus dem Figurenreigen der/die SelbstmordattentäterIn sein mag. In Schimmelpfennigs brutaler, vom Ensemble mit Verve auf die Spielfläche gebrachter, galgenhumorig-poetischer Playlist, ist eine oder einer die Vorstellung des und der anderen. Macht. Erregung. Angst? Erregung. Macht. Angst! Diese Topografie des Allzu-Unmenschlichen, dazu die von den Österreich-Touristen Voigt und von Harsdorf brennend ausgebreitete Landkarte, könnte auch nur der Polt einer Profiler-Fernsehserie sein. Eine Totenreich-Statisterie stellt jene St.-Jakobs-Lichter auf, die vor zwei Jahren den Desider-Friedmann-Platz zum Mahnmal machten.

Im vollbesetzten Hamakom singen Sofia Falzberger, Ana Grigalashvili, Katharina von Harsdorf, Sören Kneidl, Gottfried Neuner und Tobias Voigt „Don’t Dream It’s Over“ von Crowded House, hey now, hey now, eine Polonaise wär‘ ein Superschluss, beschließt man: Und Erwin fasst der Heidi von hinten an die  … Schulter … Im letzten Moment fängt Gottfried Neuner als „Mann mit der Sporttasche“ die Katharina von Harsdorfs Sally entglittene Kaffeetasse – „gerade nochmal gutgegangen“ und Happy End! Oder? Sie werden einander nur durch zwei Glasscheiben begegnen. Splitter, Scherben, der tolldreiste Gesellschafts- ein grausiger Totentanz, die „100 Songs“, Schimmelpfennigs Wunschkonzert zum Weltuntergang, jedenfalls ein Sog auf diesem Verschiebebahnhof von Gestern, Heute und Morgen. Bis 29. Oktober. Eine Empfehlung.

www.hamakom.at

  1. 9. 2021

TAG: „Von Mäusen und Menschen“

November 13, 2013 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

John Steinbecks Klassiker ins Heute geholt

Bild: Andreas Biedermann

Bild: Andreas Biedermann

Am 14. November hat im TAG John Steinbecks „Von Mäusen und Menschen“ in einer Bühnenfassung von Margit Mezgolich Premiere. Eine Koproduktion mit dem Theater BRAUSHAUS Litschau. Basierend auf dem Original „Of Mice and Men“ hat Mezgolich den Romanklassiker ins Heute geholt. Sie erzählt, gewürzt mit viel Humor, die berührende Geschichte zweier Saisonarbeiter und von prekären Lebenssituationen. Inhalt: Der Wanderarbeiter George und sein bärenstarker, aber geistig zurückgebliebener Freund Lennie ziehen als Erntehelfer durch die Lande. Ihr größter Wunsch ist es, irgendwann ein eigenes Stück Land gemeinsam zu besitzen. Doch dieser Traum vom besseren Leben zerplatzt, als Lennie eines Tages alleine auf die schöne Frau seines neuen Chefs trifft … Steinbecks Roman ist eine zeitlose Parabel über Freundschaft und Zusammenhalt in schwierigen Zeiten sowie ein berührendes Drama über das Scheitern von Träumen. Margit Mezgolich hat die Handlung ins Umfeld heutiger osteuropäischer Saisonarbeiter versetzt, und beweist, dass große menschliche Geschichten in jeder Zeit ihre Gültigkeit haben. Es spielen: Clemens Berndorff, Robert Kolar, Gottfried Neuner, Georg Schubert, Erol Ünsalan und Elisabeth Veit.

www.dastag.at

Wien, 13. 11. 2013

Wiederaufnahme: „Moorland“ im TAG

Februar 27, 2013 in Tipps

Die „gottverdammte“ Terroristenbande

mordet auch im Frühjahr

TAG Moorland

Gottfried Neuner, Julian Loidl
Bild: Anna Stöcher

Die im Dezember von der Kritik einhellig hochgelobte „Räuber“-Überschreibung von Regisseur Gernot Plass im Wiener TAG wird am 27. März wiederaufgenommen. Plass hat ein Faible für die Klassiker – von Shakespeare („Hamlet sein“) bis Schiller. Hoffentlich verrennt er sich da nicht immer in den selben Schmäh, hofft man. Aber nein, er findet immer wieder einen anderen. Diesmal heißt seine Inszenierung also „Moorland. Eine gottverdammte Terroristenbande“ – und führt ins Jahr 1977. Sie wissen schon: RAF, dritte Generation. Outlaws als Rächer einer Gesellschaft, die von ihnen gar nicht gerächt werden will. Sie wissen schon: Am Ende steht Mord, Vergewaltigung, Brandschatzung. Und bei Plass die Frage, ob dieser Karl Moor wirklich der edle Räuber, der Revolutionär, der sympathische Held der deutschen Literaturgeschichte ist. Oder der Psychopath, als den die Auskenner sonst so gern die Figur Franz, die Kanaille, aburteilen. Viel Stoff, um das versierte Versmaß geistreich und  in rasantem Tempo neu zu erzählen.

Bei Plass zeigen sechs Schauspieler in drei Stunden, welche Brisanz noch immer im alten Stürmer-und-Dränger Schiller steckt. Da ist es vielleicht gar keine abwegige Idee das Original mit ein bissl Marx aufzupeppen. Der alte Moor leidet offensichtlich unter multipler Persönlichkeitsspaltung, wird er doch von zwei Frauen und zwei Männern – mitunter im Chor sprechend – dargestellt. Es gibt kluge Streitereien und brutale Kämpfe. Wie Schiller halt ist: Zugleich Sensibelchen und Grobian. Zwischen verschiebbaren Paravents nimmt die „Revolution“ gegen das Establishment Gestalt an. Nicht die erste, nicht die letzte, die scheitert …

Mit „Moorland“ hat Gernot Plass einmal mehr gezeigt, was er kann, was in ihm steckt. Und ohne dem TAG ihren Kassenfüller entführen zu wollen: Er hat sich längst für Aufgaben an größeren Bühnen empfohlen.

Intendanten bitte melden!

Es spielen: Jens Claßen, Maya Henselek, Michaela Kaspar, Julian Loidl, Gottfried Neuner und Georg Schubert.

www.dastag.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 27. 2. 2013