Love Machine

Januar 29, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Womanizer mit Waschbärbauch

Georgy Hillmaier wird vom ambitionslosen Musiker zum erfolgreichen Callboy: Thomas Stipsits. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

„Sensibel, bissi Macho, lustig, aber ned bled“, solcherart charakterisiert Georgy Hillmaier das mängelfrei funktionierende Mannsbild, hat er doch selber mit dieser Grundausstattung den größten Erfolg. Wobei, apropos Grundausstattung, die wahrscheinlich längste Praline der Welt hat mit seinem guten Gedeihen im sogenannten ältesten Gewerbe schon auch etwas zu tun: Georgy Hillmaier bietet nämlich seit einiger Zeit als Callboy seine Liebesdienste an.

„Love Machine“ heißt folgerichtig die freche Filmkomödie von Andreas Schmied, die am Freitag in den Kinos anläuft, und in der Schauspieler und Kabarettist Thomas Stipsits den Georgy spielt. Der, ambitionsloses Mitglied einer Zwei-Mann-Combo für Geburtstage und andere Feiern, wird zunächst einmal vom Leben aus der Kurve getragen. Sein Musikerkollege stirbt mitten in einem Auftritt den plötzlichen Herztod, und weil Schulden da sind, verliert Georgy mit einem Schlag nicht nur den Job, sondern auch Auto und Wohnung. Eine Idee für eine neue Einnahmequelle muss also her, und eine solche hat Georgy mit dem Geistesblitz, er könnte doch professioneller Frauenverwöhner werden. Schwester Gitti unterstützt die Absicht nach anfänglicher Skepsis, kommt Georgy bei den Damen doch bestens an. Bald brummt das Geschäft – bis sich die Love Machine ernsthaft verliebt. Ein eher unpraktischer Gemütszustand in diesem Berufsfeld …

Noch sind Georgy und Gitti auf der Suche nach einer Geschäftsidee: Thomas Stipsits und Julia Edtmeier. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

Fahrlehrerin Jadwiga wird Georgys große Liebe: Claudia Kottal und Thomas Stipsits. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

Leicht hätte ein Stoff wie dieser zur Sexklamotte, zum Klamaukfilm werden können, doch Regisseur Schmied und sein Hauptdarsteller meistern bravourös die Gratwanderung zwischen gefühlvoll, kess und komisch. Für diesen Mix ist Thomas Stipsits eine Idealbesetzung. Mit Charme und Schmäh und dem ihm eigenen verschmitzten Lächeln gibt er den Womanizer mit dem wehmütigen Blick und dem Waschbärbauch. Wobei vor allem zweiterer Georgy auf die Kundinnen supersympathisch wirken lässt, sind etliche der einsamen Herzen doch in der Altersgruppe Fiftysomething, und sich der Attraktivität ihrer äußeren Erscheinung alles andere als sicher.

Gleich der erste Job scheint diesbezüglich in Peinlichkeit zu versinken, doch Georgy rettet die Situation mit dem Vorschlag, fürs Erste einmal miteinander zu reden. Klar, dass es zu mehr kommt, Stipsits lässt sich in seiner Rolle auf eine Reihe intimer Szenen ein, die kaum eine Spielart von Sex auslassen, und immer ist das Gezeigte stilvoll. Auch, wenn Oralverkehr mit Barbara Schöneberger natürlich zum Lachen ist. Der deutsche TV-Star ist nur eine der kongenialen Darstellerinnen rund um Stipsits‘ Georgy. Auch Lilian Klebow, Adele Neuhauser oder Julia Jelinek gehören zu dessen Klientel.

Mit seiner Ehefrau Katharina Straßer hat Stipsits außerdem eine köstliche Szene. Ihre Figur will Georgys Können geburtsanregend einsetzen – die Straßer dabei tatsächlich hochschwanger mit Töchterchen Lieselotte. Die grandiose Julia Edtmeier, bekannt als Teil der künstlerischen Leitung im Bronski & Grünberg (www.mottingers-meinung.at/?p=27524), ist als Georgys Schwester Gitti zu sehen, erst Waxingspezialistin im Beautysalon der Ulrike Beimpold, bis sie hauptberuflich zur – was Arbeitsaufträge betrifft unbarmherzigen und Leistung einfordernden – Zuhälterin wird.

Georgy wird optisch optimiert: Claudia Schwarz, Thomas Stipsits, Julia Edtmeier, Agnes Hausmann und Philipp Doboczky. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

Durch das Ableben seines Bandleaders lernt Georgy dessen Schwester, die Fahrlehrerin Jadwiga, kennen – und ist vom ersten Augenblick an für sie entflammt. Claudia Kottal gestaltet diese seltsam verkorkste junge Frau ganz fabelhaft, zwischen einer Schroffheit und einer Verletzlichkeit, deren Ursache sich erst später herausstellen wird. Georgy jedenfalls muss sich nun entscheiden, ob er weiter Callboy sein oder seine Liebesangelegenheit vorantreiben will.

Glaubt er. Denn einer, von dem jede Frau genau das bekommt, was sie im Moment höchsten Glücks braucht, hat natürlich auch der ausgerechnet in Sexfragen komplizierten Jadwiga etwas zu bieten … „Love Machine“ ist Kinovergnügen pur, mit einem hinreißenden Cast an großartigen Schauspielerinnen und einem Thomas Stipsits, der sich kein Blatt vor den … nimmt. Anschauen!

Thomas Stipsits im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=31440

lovemachine.derfilm.at

  1. 1. 2019

Love Machine: Thomas Stipsits im Gespräch

Januar 21, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Schreck der Frauen vor dem Sixpack

Thomas Stipsits: Von der Zwei-Mann-Combo ins Callboy-Business. Georgy Hillmaier stellt sich und seinen Körper der Damenwelt entgeltlich zur Verfügung. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

Kein Job, keine Wohnung und nur noch 8% Handyakku? Kein Problem für Thomas Stipsits, der im Film „Love Machine“ den arbeitslosen Musiker Georgy Hillmaier spielt. Am Tiefpunkt von dessen Leben eröffnet sich für Georgy nämlich eine unerwartete Karrierechance. Als Callboy bringt er künftig zahlenden Kundinnen viel Freude – und das nicht in erster Linie wegen seines Luxuskörpers. Dass er sich schließlich allerdings verliebt, macht das Ganze nicht unkomplizierter …

Am 1. Februar startet die freche Komödie von Regisseur Andreas Schmied in den Kinos. Mit dabei: Claudia Kottal, Julia Edtmeier, Ulrike Beimpold, Barbara Schöneberger, Lilian Klebow, Adele Neuhauser, Julia Jelinek und Katharina Straßer. Thomas Stipsits im Gespräch:

MM: „Love Machine“ Georgy Hillmaier verfügt über eine sagenhafte Grundausstattung, ich habe überlegt, wie wir ein seriöses Gespräch führen wollen, ohne die wahrscheinlich längste Praline der Welt zu erwähnen, aber …

Thomas Stipsits: Ja, darauf kommen die Leute immer wieder zurück. Fragen Sie einfach, wie es Sie überkommt.

MM: Gut also, was hat Sie daran angesprochen, in diese Filmkomödie einzusteigen?

Stipsits: Ich fand zum einen die Idee lustig, zum anderen hat mir gefallen, dass Andreas Schmied diesen Film inszenieren würde, weil ich ihn als Regisseur sehr schätze und mit ihm sehr gut kann. Ich habe bei ihm noch nie vor der Kamera gearbeitet, aber wir haben schon gemeinsam geschrieben und ich sollte schon mit einer kleinen Rolle bei „Die Werkstürmer“ dabei sein. Aber dann hat mir Wolfgang Murnberger eine Hauptrolle in „Steirerblut“ angeboten, und Andreas hat gesagt: Mach das! Was „Love Machine“ betrifft, hatten wir sofort den Konsens, dass dieses interessante Thema keine Sexklamotte, kein Slapstick oder Klamauk werden darf. Die Gefahr ist bei so etwas sehr hoch, deshalb gab es im Vorfeld auch viele Gespräche und Proben, damit die Szenen wirklich Intelligenz und Sinnlichkeit besitzen.

MM: Georgy ist der Womanizer mit dem wehmütigen Blick. Ein ungefährlicher Durchschnittsmann, der zum Superliebhaber wird. Ist das eine Figurencharakterisierung, die Ihnen entgegenkommt?

Stipsits: Natürlich liegen mir solche Figuren, weil ich abseits der Bühne eher kein offensiver Mensch bin. Ich bin ein großer Diplomat, gehe Streitereien lieber aus dem Weg, und ich glaube, dass mir Georgy darin nicht unähnlich ist. Ich habe mir vor Beginn der Dreharbeiten „Willkommen Mr. Chance“ mit Peter Sellers angeschaut, darin spielt er einen Gärtner, der eine gewisse Bauernschläue besitzt und unter einer Käseglocke durchs Leben wandelt, ohne dass ihm etwas passiert. Georgy Hillmaier ist ein ähnlicher Typ. Er macht sich wenig Gedanken, er hat keinen Plan fürs Leben, alles passiert ihm. Letztlich auch diese Callboy-Sache.

MM: Mit der Georgy gerade reüssiert, weil er kein Chippendale ist.

Stipsits: Genau. Ich denke, dass sich Frauen mehr schrecken, wenn einer mit Sixpack bei der Tür reinkommt. Trotzdem war es mir wichtig, als er die erste Kundin trifft, dass es beiden ein bissl peinlich ist. Er schlägt ihr vor, nur zu reden, und das meint er auch ernst. Er ist ein Seelenstreichler, und er bewertet nichts großartig, Frauen können ihren seelischen Müll bei ihm abladen, und er wird das nicht aburteilen.

MM: Als Mitglied dieser Gruppe, haben mich diese ganzen Fiftysomething-Frauen sehr berührt. Es ist tatsächlich nicht leicht, in diesem Alter noch einen g’scheiten Mann zu finden.

Stipsits: Das ist schön, wenn Sie so etwas sagen. Zwischen Georgy und seinen Kundinnen geht es nämlich schon um eine gewisse Art von Zuneigung, und auch wenn sie erkauft wird, will Georgy den Frauen nicht dieses Gefühl geben. Er schätzt seine Kundinnen wert, und er wächst an den Begegnungen selber menschlich, er ist anfangs viel oberflächlicher, bevor er sich auf diese „Heldenreise“ begibt. Ulrike Beimpold, die im Film auch mitspielt, hat gesagt, dass Georgy über den Sex zur Liebe findet.

MM: Sind Rollen wie Georgy Hillmaier solche, die Sie suchen? Mit Ihrem Gschau könnten Sie doch gut einmal einen Verbrecher spielen.

Stipsits: Das wäre sicher reizbar, einmal einen unsympathischen Charakter zu spielen. Es wird mir nachgesagt, dass mich nicht alle, aber manche, sehr sympathisch finden. Auf der Bühne, im Film. Und dafür kann ich halt nichts, das ist mir irgendwie angeboren.

Mit Barbara Schöneberger. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

Mit Katharina Straßer. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

MM: Sie waren in „Love Machine“ fast der einzige Mann am Set. Wie war’s mit so vielen Frauen?

Stipsits: Grundsätzlich einmal: schön. Gerade im Film gibt es viele Frauen, die hinter der Kamera arbeiten. Ich möchte mich jetzt wirklich nicht blöd einschleimen, aber Frauen am Set bringen eine gewisse Ruhe rein. Sie sind nicht so schnell aggressiv, sie sind Teamplayer, nicht auf dem Egotrip. Sie haben das große Ganze im Auge, sie schauen, dass sich jeder wohlfühlt, und versuchen, das Team in Harmonie zusammenzuhalten. Natürlich kommen in Gesprächen unter Frauen Themen auf, wo ich denke, das ist nicht meins, aber da muss ich ja nicht mitreden.

MM: Im Film gibt es themenbezogen viele intime Szenen, sei’s allein, sei’s zu zweit. Sie geben in diesen sehr viel von sich her. Wie schwierig ist das?

Stipsits: Das werde ich auch im privaten Bereich oft gefragt, und ich kann nur sagen, da haben sich die Proben, die Andreas Schmied angeregt hat, wieder einmal bezahlt gemacht, um die erste Scheu voreinander zu nehmen. Viele der Darstellerinnen kannte ich schon privat, Adele Neuhauser, Julia Jelinek, Claudia Kottal, aber herauszufinden, wie sich eine Sexszene anfühlt, das ist noch einmal etwas anderes. Andreas sagte uns: Macht, wie ihr euch wohlfühlt, ich bestehe auf nichts, es muss nur als Ganzes richtig rüberkommen. Eine Sexszene vor der Kamera, mit Leidenschaft auf Knopfdruck, hat nichts Prickelndes, und bei „Love Machine“ gab es keinen Moment, in dem jemand sagte, er fühlt sich jetzt ungut. Ich bin ja oft nackt im Film, aber ich hatte nie ein Schamgefühl, weil ich in diesem Team sicher aufgehoben war.

MM: Und konkret? Wie ist es mit Barbara Schöneberger im Schoß?

Stipsits: Sehr lustig. Sie ist wirklich grandios, ich kannte sie nicht, aber sie ist genau so, wie ich es mir gedacht habe, jemand, der gute Laune am Set verbreitet, und das ist auch immer wieder schön, dass diese ganz Großen total nett sind. Sie hatte einen eigenen Maskenbildner mit, der auch unfassbar witzig war, der auch sofort unseren Schmäh mitgemacht hat. Wir haben viel gelacht. Barbara musste Oralverkehr-Geräusche machen, und fragt den Tonmann, ob das Okay war, und er sagt im Vorbeigehen so nebenbei: Das Lutschen war gut. Das führt natürlich schon zu Heiterkeit.

MM: Sie haben mit Katharina Straßer eine Geburtsszene. Sind da private Erfahrungen eingeflossen?

Stipsits: Bei uns war’s viel konzentrierter und viel ruhiger. (Er lacht.) Aber natürlich ist es so, wenn man den fertigen Film sieht, und man weiß, da war die Tochter im Bauch von der Kathi …

MM: Der Schwangerschaftsbauch ist echt?

Stipsits: Jaja, Andreas wollte unbedingt, dass Kathi mitspielt, dann kam dieses Ereignis dazu, und so hat er für sie extra diese Szene geschrieben. Wir haben die zwei Wochen vor dem eigentlichen Drehstart aufgenommen, damit es sich mit dem Mutterschutz ausgeht.

MM: Da wir beim Thema sind: Sie sind seit September zum zweiten Mal Vater, nach Emil eine Lieselotte. Wieviel Humor braucht man als Eltern?

Stipsits: Viel. Sie ist sehr brav, das muss man sagen. Emil kostet uns schon Nerven. Lieselotte findet meine – Kathi nennt das – „Show“ noch lustig, der Emil nicht mehr so, der ist schon ein anspruchsvolles Publikum, da muss man das Programm sehr oft wechseln, damit man den bei Laune hält. Wenn’s ihm fad ist, steht er mittendrin auf und geht und ich bleib über mit meiner Performance. Das ist die ärgste Art zu sagen: Das gefällt mir überhaupt nicht. Aber Kathi und ich sagen im Spaß immer: Aber man kriegt ja so viel zurück.

Mit Julia Jelinek und Adele Neuhauser. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

Die große Liebe: Claudia Kottal als Fahrlehrerin Jadwiga. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

MM: Sie haben Ihre Karriere als Kabarettist begonnen. Wieso der Schritt zum Schauspieler?

Stipsits: Das war immer ein geheimer Wunsch.

MM: Und woher das Talent?

Stipsits: Das ist eine gute Frage. Vielleicht, weil wir eine lustige Familie sind, mein Vater, meine Mutter und mein Bruder. Natürlich habe ich mich am Anfang gefragt: Kann ich das wirklich oder unterliege ich meiner eigenen Selbstüberschätzung? Ich bin sozialisiert worden mit dem österreichischen Kabarettfilm, „Indien“, „Hinterholz 8“, „Muttertag“, und damals dachte ich schon, das wär’s, einmal in einem Film mitzuspielen. Ich hatte das große Glück, auf Kolleginnen und Kollegen zu treffen, erfahrene Leute, die mir Tipps mitgegeben haben. Marion Mitterhammer, mit der ich „Wie man leben soll“ gemacht habe, war zum Beispiel so eine.

MM: Aber als größtenteils Solokünstler, wie einfach sind Sie in Film- oder Fernsehprojekten zu führen? Ich habe oftmals den Eindruck, Sätze, die Sie da sprechen, sind original von Ihnen.

Stipsits: Das stimmt, weil ich bis jetzt immer mit Leuten arbeiten konnte, wo das absolut erwünscht war. Am Anfang habe ich gefragt, ob ich etwas so oder so sagen darf, das mache ich jetzt nicht mehr. Ich sag’s einfach, ich mache mir die Sätze mundgerecht. Es gibt eben Dialoge, bei denen man sich denkt: So redet niemand. Da ist es schon mein Bestreben, etwas zu finden, das zwar dasselbe heißt, aber anders formuliert ist.

MM: Sie haben für Ihre Kabarettprogramme Figuren kreiert, die mittlerweile legendär geworden sind. Man denke nur an Unteroffizier Steinschleifer. Wie erschaffen Sie die?

Stipsits: Im konkreten Fall stammt die Idee von meinem Papa, weil der so jemanden in seiner Ausbildung hatte. Ein sehr netter Kerl, der aufgrund seines S-Fehlers immer ausgelacht wurde. Ansonsten bin ich jemand der Leute beobachtet, in der Straßenbahn oder wo immer ich bin. Das Kabarett lebt ja von der Beobachtung, weniger von der Übertreibung. Oder ich treffe jemanden, von dem ich mir denke, der könnte was für die Bühne sein.

MM: Wie in Ihrem Buch „Das Glück hat einen Vogel“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26349), Kurzgeschichten nach Vornamen von A bis Z, drunter auch diverse Familienmitglieder. Mögen die das?

Stipsits: Teilweise. (Er lacht.) Sie sehen das alle mit einem Augenzwinkern. Bei der Familie sitzt man halt an der Quelle, und es ist immer leichter über Dinge zu schreiben oder zu reden, von denen man Ahnung hat, als man saugt sich irgendetwas aus den Fingern. Die Geschichten im Buch sind teils wahr, teils Fiktion, aber keine ist quasi ganz erfunden.

MM: Nun hätten Sie mit Lieselotte ein neues L.

Stipsits: Ja, ich mache aber lieber ein neues Buch. Einen Stinatz-Krimi mit einer Art Columbo-Kommissar.

MM: Apropos, Stinatz: Sie touren derzeit mit den „Stinatzer Delikatessen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28317), die zwei Drittel Best-of, ein Drittel neu sind. Wann kommt ganz neu?

Stipsits: Die „Delikatessen“ waren als Übergangsprogramm gedacht. Jetzt ist aber die Nachfrage so groß, was mich sehr freut, dass sie sicher noch bis 2020 laufen werden. Ich habe zwar schon Ideen fürs neue Programm, aber ich mache mir da keinen Stress. Ich habe neue Nummern, von denen ich weiß, sie funktionieren, und dabei belasse ich es einmal. Das gilt auch fürs Auftreten mit Manuel Rubey. Wir haben Ende des Jahres 2018 mit „Gott & Söhne“ aufgehört, und die Pause, die wir jetzt einlegen ist rein künstlerischer Natur. Privat verstehen wir uns bestens, aber um uns künstlerisch nicht zu wiederholen, macht jetzt jeder einmal sein Ding, und danach treffen wir uns wieder mit neu gefülltem Rucksack. Heißt: Stipsits & Rubey wird auf alle Fälle weitergehen.

MM: Sie arbeiten auch an einem Griechenland-Projekt, Ihr Lieblingsland.

Stipsits: Ein Kinofilm, eine Aussteigerkomödie mit bewusst starken Alexis-Sorbas-Motiven, die ich gemeinsam mit Harald Sicheritz und Georg Weissgram geschrieben habe, und in der wir der Frage nachgehen, warum es gerade über Griechenland diese „Irgendwann bleib‘ i dann dort“-Gedanken gibt. Ein Teil ist schon finanziert, auf einen „Topf“ warten wir noch. Wenn alles klappt, werden wir im Mai, Juni drehen. Mit Kathi. Das wird dann Family-Urlaub und Dreh in einem.

MM: Um nun noch einmal auf die Einstiegsfrage nach der Grundausstattung zurückzukommen …

Stipsits: Dazu muss ich schweigen!

Die Filmkritik: www.mottingers-meinung.at/?p=31598

lovemachine.derfilm.at          www.stipsits.com

21. 1. 2019

Christian Dolezal im Gespräch

Oktober 30, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Wählt von mir aus FPÖ, aber helft den Flüchtlingen“

Christian Dolezal Bild; Céline Nieszawer

Christian Dolezal
Bild: Céline Nieszawer

Am 30. Oktober spielt er im Rabenhof Theater die Wiederaufnahme von „Das bin doch ich“. Die Figur „Thomas Glavinic“ aus dem autobiographisch inspirierten Erfolgsroman von Thomas Glavinic muss sich mit allerhand Neurosen und Alltagssorgen herumschlagen und versucht dabei alle großen und kleinen Probleme des Lebens so gut es geht zu meistern. Ein Dasein zwischen Paranoia, Hypochondrie und lähmenden Gesprächen, das Christian Dolezal im Alleingang als Tour de Force performt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=7539). Es gibt noch Karten für diese sehenswerte Produktion! Der Schauspieler steht diesen Herbst außerdem im Volkstheater in „Fasching“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14584) und an der Volksoper in „Der Mann von La Mancha“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15433) auf der Bühne. Christian Dolezal im Gespräch über die flauschige Seele der Adele Neuhauser, die Anbetung der Smashing Pumpkins und das Leisten von Erster Hilfe auf dem Westbahnhof:

MM: Man hat das Gefühl, egal in welches Wiener Theater man derzeit geht, man stolpert über Sie. Sie sind ein großer Ensemblespieler, aber offenbar kein Ensembletier.

Christian Dolezal: Na, hoffentlich ist der Sturz nicht schmerzhaft, wenn man über mich stolpert. Ich war in einem Ensemble mit Ende 20, Anfang 30, in Innsbruck. Das möchte ich jetzt nicht mehr machen, weil ich Verschiedenes ausprobieren will, mitunter auch Dinge, die ich mir selbst überlege, so wie ich es in den vergangenen Jahren am Rabenhof durfte. Immer nur an einem Theater sein, ist bei weitem nicht so reizvoll als wenn man frei ist. Da kann man auch wählen, das gefällt mir schon besser. Ich kenne außerdem viele Leute, die viele Jahre in einem Ensemble waren – und mit Intendantenwechsel war dann Ende der Fahnenstange, dem beuge ich vor.

MM: Wenn man aber so von Haus zu Haus tingelt, falls ich das so sagen darf, …

Dolezal: Das ist ein treffendes Wort, tingeln …

MM: … wie ist es dann mit dem Aufsteigen zum Publikumsliebling? Bleibt man so nicht der ewige Geheimtipp?

Dolezal: Es fühlt sich ein bisschen so an, ja. Aber, wenn man es aufwiegt … es ist ja nicht mein innigstes Ziel Publikumsliebling zu werden, sondern Projekte zu machen, die mich interessieren. Das ist das Allerwichtigste. Ja, da ist was wahres dran, „der ewige Geheimtipp“, vielleicht bin ich das. Es ist eine ein bissel schlechte Position, man muss sich abrackern, man rackert sich ab. Ich komme mir vor, wie ein Schauspielarbeiter. Ich plane gerade ein Projekt für den Rabenhof für nächstes Jahr, das ist anstrengende Arbeit, selber was auf die Beine zu stellen, die anderen von der Idee zu überzeugen, die Leute an einen Tisch zu bekommen. Fix in einem Ensemble werden einem die Rollen angedient, das ist schon einfacher, aber es ist halt so, dass mich das Einfache nicht interessiert. Wenn ich es mir recht überlege, ich kann mich auch nicht erinnern, wann mir das letzte Mal jemand angeboten hat, fest in ein Ensemble zu kommen, andererseits habe ich auch immer gehofft, dass mich nie wer fragt. Ich will ja niemanden durch eine Absage beleidigen.

MM: Sind Sie prinzipiell unbequem, so dass Theaterdirektoren sagen: Den hol‘ ich mir, dann ist er in einem Jahr Ensemblesprecher, dann geht er mir nur noch auf den Sack. Oder …

Dolezal (er lacht): Also erstens würde ich nie Ensemblesprecher, zweitens müssen Sie das die Intendanten fragen. Ich finde, ich bin ein ganz Lieber. Sehr verträglich. Ich habe den Verdacht, dass ich ein guter Mensch bin. Ich agiere sehr oft nicht zu meinen Gunsten und gegen meinen Vorteil. Es kommen auch selten Kollegen zu mir, um sich unangenehm über andere auszulassen. Vielleicht spricht das für mich: Wenn’s irgendwelche Querelen oder Intrigen gibt, bin ich der letzte, der das mitkriegt. Eigentlich müsste ich sehr beliebt sein, denn ich habe über mich noch nie etwas Schlechtes gehört. Aber das kann wohl nicht stimmen, also überreiß‘ ich es vermutlich nicht.

MM: Reden wir über die Rollen, in denen man Sie zurzeit sehen kann. Vom „Thomas Glavinic“ in „Das bin doch ich“ bis zum  Lujo Warhejtl in „Fasching“, vom Staatsanwalt Hofmeister in den ORF-„CopStories“ bis zum Dr. Carrasco in „Der Mann von La Mancha“, Sie spielen in der Regel die kontroversiellen Charaktere, also: die Ungustln. Lieber ein guter Böser als ein schlechter Guter?

Dolezal: Welche gute Figur in der Weltliteratur ist schon interessant? Da müsst‘ ich lange nachdenken. Ist der Hamlet eine symphatische Figur? Dieser unentschlossene Zauderer, der so grob mit der Ophelia umgeht? Würde ich nicht sagen. Oder eine meiner Traumrollen, die ich bisher noch nicht spielen durfte, der Anatol von Schnitzler: Den hat zwar irgendwie jeder gern, er ist auch sehr unterhaltsam, aber wenn ich den Anatol spielen würde, würde ich zeigen, dass das ein einsamer, verzweifelter Sehnsüchtler ist, der sehr auf sich zurückgeworfen nicht viel mit sich anfangen kann. Eine tragische Figur. Aber Sie haben von Ungustln gesprochen, das ist der Anatol sicher nicht. Und auch nicht die Figur Glavinic. Ich kann den nachvollziehen. Er berührt mich auch. Und er ist sehr lustig. Er nimmt Situationen, in denen wir alle genervt reagieren würden, halt intensiver wahr als ein Durchschnittsmensch, und reagiert daher heftiger. Er ist nicht unsympathisch, sondern hyperneurotisch. Naja. Warum spiele ich so viele Ungustln? Vielleicht schaue ich so aus? Ich kann mich erinnern, mit Mitte 20 war ich ein wirklich fescher, sympathischer Kerl. Mein engster Freund sagt, er glaubt, ich spiele im Fernsehen nicht die sympathischen Leute, weil ich eine zu große Nase habe.

MM: Wenn Sie nicht wegen der Nase besetzt werden, nach welchen Kriterien suchen Sie Projekte und Rollen aus?

Dolezal: Das hat sich geändert. Früher waren die Kriterien „was und wo“, jetzt ist das Kriterium „mit wem“. Wer sind die Menschen, mit denen ich arbeiten werde, interessieren mich diese Menschen, möchte ich mit ihnen Lebenszeit verbringen? Es gibt ein paar, da weiß ich, dass ich mit ihnen nicht mehr arbeite, weil es nicht freudvoll war. Aber es gibt sehr viele sehr beglückende Begegnungen. Im Volkstheater, bei „Fasching“, war das Aufregende einmal etwas mit Adele Neuhauser zu machen, weil mich diese flauschige Seele berührt. Ich kannte sie vorher nicht, und mich hat interessiert, wie sie auf mich und ich auf sie reagiere. Es wurde genau so, wie ich es erwartet habe: Sie rührt mich auf der Bühne und sie rührt mich privat. Ein ganz hinreißender Mensch. Die Volksoper ist für mich alle paar Jahre wieder einmal ein Glücksbringer. Ich habe dort schon „Anatevka“ gemacht, jetzt den „Mann von La Mancha“, das sind zauberhafte Aufführungen. Ich schaue dem Robert Meyer zu und freue mich jedesmal. Er ist ein Könner alter Schule, er hat so einen Old-School-Stil beim Spielen, und das auf höchstem Niveau. Ich schaue ihm einfach gerne zu.

MM: Das Rabenhof Theater nimmt „Das bin doch ich“ nach längerer Pause wieder auf, da hat sich zwischenzeitlich mit Ihnen doch auch etwas getan, werden Sie die Rolle anders spielen, als man es schon gesehen hat?

Dolezal: Ich will vorgefertigte Betonungen, das „Eingeübte“, nicht wieder so machen, wie ich es schon gemacht habe. Ich will diese Sätze und Gedanken neu denken und neu begreifen, und tatsächlich fällt mir auf, dass ich, je älter ich werde, vieles beiläufiger sage und weniger betont spreche. Was für mich ein Zeichen ist, dass ich die Sätze jetzt in Wirklichkeit noch besser begreife. Je mehr man etwas begreift, desto weniger betont man es. Je mehr man etwas tatsächlich empfindet, umso weniger betont man es. Ich zumindest …

MM: Man weiß einiges über den Gitarristen Dolezal und die Rolling-Stones-Kassette vom Vater und die Gründung der Sofa Surfers, was ist mit dem Schauspieler sein? Sie haben an der Schauspielschule des Volkstheaters, als das Haus noch eine hatte, gelernt, was war Ihre Initialzündung für diesen Beruf?

Dolezal: Am Anfang wird man Schauspieler aus einer narzisstischen Störung heraus und, weil man attraktiv für Frauen sein will. Ich kann jemanden, der sagt, er will Schauspieler sein, weil er Schiller und Kleist liebt, gar nicht ernst nehmen. Man hat eine narzisstische Störung!

MM: Die haben Gitarristen aber auch.

Dolezal: Nein. Eitelkeit, ja. Eitelkeit ist ein künstlerischer Ausdruck. Aber, wenn man als Sechsjähriger zum ersten Mal die Rolling Stones hört, so eine Greatest-Hits-Raubkopie von einem Standl in San Marino, und einen das in der Sekunde komplett verändert und man weiß, man muss etwas machen mit dem, was man nicht erklären kann, weil es so geil ist, dann ist das Liebe fürs Leben. Ich habe als Sechsjähriger gesagt, ich werde einmal ein Mick Jagger und wurde eine Bonsai-Ausführung davon.

MM: Und was wollten Sie als Schauspieler werden? Oskar Werner?

Dolezal: Meine Vorbilder waren Louis de Funès, Adriano Celentano, weil ich mir gedacht habe, so eine elegante Machosau muss ich sein, Romy Schneider und Marlon Brando. Ich hatte bis zu dem Zeitpunkt, da ich beschloss Schauspieler zu werden, so viele Jahre mit Bands in Proberäumen verbracht, dass ich ohne umgehängte Gitarre, nur mit meinen Gliedmaßen in einem leeren Raum stehen wollte. Deshalb gefallen mir auch diese Monologe, wie „Spiel im Morgengrauen“ oder „Das bin doch ich“, deshalb achte ich auch darauf, möglichst keine Requisiten zu haben: nur der Schauspieler und das Publikum – diese Situation gefällt mir am allerbesten.

MM: Eine Eigendefinition?

Dolezal: Keine Ahnung. Je älter ich werde, umso weniger weiß ich, wer ich bin. Ich bin alles. So wie jeder Mensch alles ist, außer die dummen. Lustig und traurig und manchmal kompliziert und, wie meine Freunde sagen, der mit dem guten Schmäh.

MM: Und gesellschaftspolitisch engagiert. Sie haben für die Flüchtlinge in der Votivkirche ein Benefizkonzert gegeben, man trifft Sie regelmäßig auf dem Westbahnhof …

Dolezal: Das Konzert war super. Ich habe mit dem Schlagzeuger der Sofa Surfers, Michael Holzgruber, und einem Bassisten The Smashing Pumpkins gecovert. The Smashing Pumpkins sind eine Band, die ich anbete. Ich bin kein Fan, ich bete sie an, diese Worte sind bewusst gewählt. Und da einmal auf einer Bühne zu stehen und deren Songs zu spielen, das war eine große Sache. Da waren 20-, 25-Jährige drinnen, die The Smashing Pumpkins gar nicht mehr kennen. Die sagten zu mir: Woh, du kannst super Songs schreiben. Und ich dachte: Leider nicht, sonst würde ich nicht im Volkstheater und im Rabenhof spielen. Ich schreibe schon, aber ohne echtes Genie, also keine „einfachen“ Riffs, wie die Stones, sondern verzichtbare … Was den Westbahnhof betrifft: Da leiste ich Erste Hilfe. Wenn jemand neben mir im Wasser ersäuft, rette ich ihn auch und diskutiere nicht herum über Religion oder Politik. Es kann jeder, wenn er glaubt, dass das gescheit ist, die FPÖ wählen, aber auf seinem fetten Arsch zu Hause sitzen und nicht zu helfen, das ist obszön. Wählt von mir aus FPÖ, aber helft den Flüchtlingen.

MM: Ist das Ihre politische Botschaft?

Dolezal: Über Politik diskutiere ich nicht, darüber mache ich mir alleine Gedanken. Aber das Jahr 2015 wird uns lange in Erinnerung bleiben, und ich möchte mich einmal, wenn ich älter bin, nicht genieren für dieses Jahr. Jetzt wird’s prekär, jetzt kommt der Winter. Den Menschen ist saukalt und sie sind erschöpft. Die haben gesehen, solche habe ich selber kennen gelernt, wie ihren kleinen Kindern ins Gesicht geschossen wurde, wie eine Bombe ihren Kindern die Beine weggerissen hat, da gibt es diese Diskussionssituation mehr, diese Menschen rennen um ihre Existenz. Dass die EU derart keine Lösungen findet, ist blamabel.

MM: Hätten Sie eine Lösung oder zumindest einen Plan?

Dolezal: Ich bin kein Politiker, ich habe keinen Plan. Die Politiker, die viel Geld verdienen, haben sich Pläne zu überlegen und diese sofort umzusetzen. Ich leiste Erste Hilfe, das ist meine Pflicht als Mensch und Staatsbürger. Ich bin am Westbahnhof und reiche den Flüchtlingen etwas Warmes zum Essen und warme Kleidung, damit sie nicht sterben vor meinen Augen. Ich habe auch gespendet, ich verdiene nicht so viel, und das Geld, das ich dafür hergebe, spür‘ ich schon. Die Staaten sollten auch endlich ihrer Pflicht nachkommen und die Menschen aufnehmen. Mir würde das gefallen, wenn mehr Syrer in Österreich blieben, das wäre eine unbedingt nötige Auffrischung unserer Kultur. Ob diese vielen, neuen Menschen, die in unsere Länder strömen Fluch oder Segen sind, das hängt nur von uns ab, wie wir mit der Situation umgehen. In den letzten Jahren ist mit dem Thema Integration nicht besonders gut umgegangen worden, denn es gibt Parallelgesellschaften, es gibt Leute, die schon seit Jahrzehnten hier wohnen und keinen deutschsprachigen Satz herausbringen, da müsste die Politik schon ein bisschen fixer werden.

MM: Eine abschließende Frage über: Zukunftsaussichten?

Dolezal: Jetzt einmal abends spielen und die Tage im Museum verbringen. Ich schaue mir gern Bilder an. Ich bin so froh, gerade einmal nichts anderes machen zu müssen. Ich gehe in die Albertina, ich habe eine Jahreskarte, da könnte ich die ganze Woche drin verbringen. Also, wer herausfinden möchte, wie ich bin, weil Sie vorher gefragt haben, wie ich bin, dem kann ich zumindest sagen, wo ich bin: vorm „Schrei“ von Munch. Dort kann man mich gerne treffen und ansprechen.

MM (lacht).

www.facebook.com/christian.dolezal

twitter.com/chrdolezal

Wien, 30. 10. 2015

Volkstheater: Fasching

September 6, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Anna Badora beginnt mit Mut und Wut

Stefanie Reinsperger, Nikolaus Habjan, Nils Rovira-Muñoz Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Stefanie Reinsperger, Nikolaus Habjan, Nils Rovira-Muñoz
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Volkstheater startet ambitioniert in den Zeitraum Anna Badora. Die neue Intendantin hat gemeinsam mit ihrem Chefdramaturgen Roland Koberg eine zynische Textzusammenfassung von Gerhard Fritschs „Fasching“ erstellt; der Roman war bei Erscheinen 1967 unbequem und ist durch die Einwirkung nicht kommoder geworden, sondern gerade in den Tagen der Erstaufführung ein gfeanzter Grenzgänger, der beobachtet, wie sich wieder welche zu Herren über andere Menschen aufschwingen wollen. Badoras Inszenierung ist wie ein Exhibitionist, der unterm biederen Herrenmantel den Blick für nackte Scheußlichkeiten aufreißt. Sie zeigt die Provinzialität des Bösen. Sie wird in zwischendurch traumhaften Bildern Fritschs Poesie des Grauens gerecht. Sie spielt mit Geschlechtern, verwebt Gegenwart und Rückblicke zu einem brüchigen Kontinuum. Die kleinbürgerlichen Bürgerschrecke auf der Bühne lassen es bei ihren „Andeutungen“ an Deutlichkeit nicht fehlen. Botschaft verstanden: Der ganze Abend ist eine einzige Verkleidung. Changiert zwischen bodenlos beklemmend und irr witzig. Wie gespielt wird, ist – eine Farce.

Fritschs Nachkriegsdemaskerade erzählt von Felix Golub, der nach Jahren in russischer Gefangenschaft in das Städtchen zurückkehrt, in dem er einst, weil er kein Mörder unter den Mordbuben sein wollte, als Deserteur untergetaucht war. Dort wird der Umstand, dass die Tausendjährigen das Heft in der Hand behalten haben, nur notdürftig kaschiert. Katholisch pornografisch hatte Frau Baronin Pisani den Fahnenflüchtling zum Mädchen umgemodelt. Der nunmehr Zweigeschlechtliche wurde in beiden Häuten Missbrauchsopfer – der Baronin und des Herrn Ritterkreuzträger. Mit der Ermannung und der Auslieferung, letztlich aber Lebensrettung, weil nicht In-Grund-und-Boden-Bombung, des Ortes an die Sowjets folgte die Verbannung. Gegen die Meinungsmacht der Masse ist der einzelne machtlos – Felix wurde an die Besatzer ausgeliefert. Nun blasen die Moral- und Reuelosen zum erneuten Halali. Die skrupellose Spaßgesellschaft tarnt ihre Absichten zwar als Scherz, doch wer irritiert, sich nicht integriert, wer zuviel weiß, wird liquidiert. Das Bühnenbild von Michael Simon ist der weißgewaschene Rahmen, aus dem hier nichts fallen darf; die Welt eine schwarzweiße Strichzeichnung. Positiv/Negativ. Darin bewegt sich die ges(ch)ichtslose Menge in ihren „Braunhemden“, ein schlammiger Niedertrachtenlook von Denise Heschl, für die, die danach trachteten, sauber aus dem Sumpf zu steigen.

Nils Rovira-Muñoz und Nikolaus Habjan teilen sich die Rolle des Felix. Das heißt: es gibt vier davon. Rovira-Muñoz spielt den jungen Deserteur und den Heimkehrer als vehemente Verweigerer. Er ist auch waidwund noch im Widerstand gegen die Sich’s-Richter, er zeigt in Zivil Courage, geht angesichts der Lauter-Opfer-keine-Täter-Mentalität seiner Peiniger vor Wut im Wortsinn die Wand hoch, kann natürlich, obwohl das Schlussbild einer Pietà ähnelt, kein Mitleid erfahren. Habjan komplettiert die Figur mit seinen Figuren: einer berührenden Felix-Kinderpuppe und der inneren Stimme des erwachsenen Felix, einem feinstofflichen Rovira-Muñoz-Zwilling. Habjan gelingen mit die stärksten Momente des Abends, er nicht nur ein bekannt begnadeter Puppeteer, sondern als Schauspieler – stimmlich – so präsent wie es sich wünschen lässt. Zugegeben, er hat die lyrischsten Sätze, aber wie er beispielsweise mit benetzstrumpften Baroninbeinen und Felixkopf dazwischen eine Beschlafungsszene erzeugt, das ist große Kunst.

Die Pisani gibt Adele Neuhauser mit Bravour. Sie ist ein Monster in mondäner Erscheinung, das gierig die von ihm überwältigte und vergewaltigte Landmasse verwaltet. Neuhauser spielt Unechtheit als Effekt. Das ist beeindruckend. Ihr heiseres Hyänenlachen setzt sich im „Deserteur“-Geraunze des Dorfchors (von Christoph Rothenbuchner, Elena Schmidt, Katharina Klar, und darstellerisch herausragend: Christian Dolezal und Thomas Frank als Ritterkreuzträger und späterer Wurstfabrikant Lubits) fort. Sie alle verkörpern jenseits der Geschlechtergrenzen mehrere Charaktere, ekelhafte Charakterschweine, sind sie unter den Faschingsmasken doch noch mit Saurüssel ge- und somit enttarnt. Stefan Suske ist als Fotograf Wazurak, der Grund für Felix‘ Rückkehr, will er ihm doch sein Geschäft überschreiben, raumfüllend. Kein Wunder, er hat in Graz den Homburg gegeben … Ein Gag, der die angereisten Freunde des dortigen Schauspielhauses, Badoras vergangener Wirkungsstätte, hörbar freut. Der Sitznachbar hat’s zumindest so erzählt, dass man gemeinsam aus der Steiermark nach Wien gekommen ist – und es nicht bereut, siehe schlussendliches Klatschen und Bravorufen.

Stefanie Reinsperger, der „Theater heute“-Ausgezeichneten, wird bei ihrem Auftritt als Felix‘ Braut Hilga Pengg zurecht ein großer Bahnhof bereitet. Sie darf auch die Kulturwichtigen Wiens im Volkstheater neu begrüßen. Ihre Hilga brennt vor Feuer und Eifer und ist gleichzeitig, ganz Anpasserin an die ewiggestrigen Verhältnisse, in ihrem Enthusiasmus eiskalt. Reinsperger spielt die Vorurteilsscherze der ihrer Rolle zugeordneten Textpassagen gewaltig aus. Eine kraftvolle, vielschichtige, bestechende Darbietung. Die hier wohl am Deutlichsten das Wollen und Wirken der neuen Intendanz verkörpert. Mut ist da. Das hat Badora nicht nur auf Plakaten versprochen – nicht unkomisch, dass in Wiener Wahlkampfzeiten zu schreiben -, sondern mit dieser ersten Premiere auch gezeigt. Nun darf mit Spannung erwartet werden, wie’s weiter geht.

Hauptdarsteller Nils Rovira-Muñoz im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?s=nils

www.volkstheater.at

Wien, 6. 9. 2015

Anna Badora startet durch

August 17, 2015 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

„Fasching“ wird’s am Volkstheater. Mit Adele Neuhauser

Der Marienthaler Dachs: Günter Franzmeier als Vater Staat Bild:  © Robert Polster

Der Marienthaler Dachs: Günter Franzmeier als Vater Staat
Bild: © Robert Polster

Das klingt schon mal spannend! Das klingt nach gesellschaftspolitisch engagiertem Stadttheater! Was Wien dringend braucht … Mit einer Vielzahl von Programmpunkten eröffnet Anna Badora ihre Intendanz am Volkstheater, darunter „Hakoah Wien“ (Wiener Premiere: 9. September) als Übernahme von ihrer vorherigen Wirkungsstätte, dem Schauspielhaus Graz, ebenso wie „Nora³“ (Wiener Premiere: 12. September) vom Düsseldorfer Schauspielhaus.

Auf zwei Produktionen ist aber Augenmerk zu legen:

„Fasching“ von Gerhard Fritsch hat am 5. September Premiere. Badora selbst führt bei der österreichischen Erstaufführung des „verkannten Werks“ – Zitat – Regie. Der Wiener Schriftsteller Gerhard Fritsch (1924–1969) schuf mit seinem Opus magnum das eindrucksvolle Panorama einer Kommune ohne Reue, sexuell aufgeladen und politisch aggressiv. In wechselnden Masken und Kleidern wird der Ausnahmezustand Fasching zum Gesetz erklärt: Felix Golub kommt nach zwölf Jahren in das Städtchen zurück, in dem er als Deserteur untergetaucht war. Gerettet hatte den damals 17-Jährigen eine geheimnisumwitterte Baronin und Miedermacherin – sie folgte dabei vorgeblich einem alten Gesetz: „Der Feigling wird in Frauenkleider gesteckt.“ Felix hasste seine lebensrettende Frauenrolle, nutzte sie aber trickreich, um den verliebten Nazi-Befehlshaber zur Kapitulation zu bewegen. So bewahrte er im April 1945 die Stadt vor der Zerstörung … Als Felix nun aus russischer Kriegsgefangenschaft wiederkommt, wird er nicht als Heimkehrer oder Held begrüßt, sondern zur Lachnummer gemacht. Er verkennt die Zeichen – schließlich ist Fasching und jeder zu Scherzen aufgelegt. Zu spät begreift er, dass er der Spaßgesellschaft in die Falle geht. An den Ort des Verbrechens kehrt hier nicht der Täter zurück, sondern das Opfer. Um abermals Opfer zu werden … Die Bühnenfassung dieses exemplarischen Romans der österreichischen Vergangenheitsbewältigung und des schwarzen Humors stammt von Badora und Roland Koberg. Die sprachlich experimentelle Spielvorlage versuchen Christian Dolezal, Thomas Frank, Puppenbauer Nikolaus Habjan, Katharina Klar, Adele Neuhauser, Stefanie Reinsperger, Christoph Rothenbuchner, Nils Rovira-Munoz, Stefan Suske und Elena Schmidt mit Leben zu füllen.

Am 25. September folgt „Der Marienthaler Dachs“ von Ulf Schmidt in der Regie von Volker Lösch. In dem Gewinnerstück des Heidelberger Stückemarkts 2014 analysiert Schmidt in einer vielschichtigen Parabel die Zusammenhänge von Arbeits-, Wirtschafts- und Finanzwelt, ausgehend von der soziographischen Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von Marie Jahoda, Hans Zeisel und Paul Lazarsfeld. Zwischen dem Haus Bank-Rott, dem Marktplatz und der Nord- und Südbank lungern Arbeitslose aller Altersgruppen. Vater Staat ist konzeptionslos, denn Mutter Konzern schafft es nicht mehr, die Wirtschaft anzukurbeln. Beider konsumversessene Tochter Gesellschaft kommt ihren Verpflichtungen nicht nach, der Kleine Mann bleibt auf der Strecke. Während die Haustiere so mancher braver Bürger in fremden Suppentöpfen verschwinden, macht das Milchmädchen mit dem Herrn Knecht ihre eigene Rechnung. Es gibt keine Arbeit mehr, dabei haben doch alle im einstmals so glücklichen Marienthal ihren Selbstwert daraus bezogen. Die Schuldigen für die Misere stehen rasch fest, denn den Josefstalern jenseits der Grenze war noch nie zu trauen. Bald werben rivalisierende Heilsbringer um politische Anhängerschaft. Und in seinem Turm, hoch über allen, thront der Dachs, dem die Marienthaler bedingungslos ihre Opfer bringen. Zwar spricht er nur durch sein Medium zu ihnen. Aber die nervöse Befindlichkeit des Da(x)es dirigiert das öffentliche Leben. Dramatiker, Blogger und Digitalberater Schmidt konzipierte das böse Märchen als begehbare Installation. Lösch, der in vielen seiner politisch brisanten Arbeiten im deutschsprachigen Raum die Spezifik sozialer Gruppen untersucht, filtert daraus eine Analogversion mit Schauspielern und einem Laienchor aus Wiener Arbeitslosen. Mit Gabor Biedermann, Haymon Maria Buttinger, Günter Franzmeier, Sebastian Klein, Steffi Krautz, Evi Kehrstephan, Kaspar Locher, Elisabeth Prohaska, Nadine Quittner, Claudia Sabitzer, Christoph Rodler, Martin Schwanda, Jan Thümer, Martin Esser, Wolf Danny Homann, Niklas Maienschein und Dominik Puhl.

www.volkstheater.at

Wien, 17. 8. 2015