Neue Oper Wien: Angels in America

September 27, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Himmlisch, brillant und hochaktuell

Der Engel steigt herab in Prior Walters Krankenhauszimmer: Caroline Melzer. Bild: Armin Bardel

Als Tony Kushner sein mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Theaterstück „Angels in America“ schrieb, hatte es in den USA gerade die George-Bush-Stunde geschlagen, es war die Zeit von Operation Desert Shield und den damit verbunden präsidentischen Lügen, und auch, wenn erst Sohn W. die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partner per entsprechendem Verfassungszusatz unterbinden wollte, so war das amerikanische Klima in den 1990er-Jahren alles andere als freundlich für die LGBT-Community.

Die Neue Oper Wien brachte nun gestern im Wiener MuseumsQuartier Péter Eötvös‘ auf Kushners Gay Fantasia on National Themes“ basierende Oper zur österreichischen Erstaufführung. Wie die Vorlage ist das musiktheatralische Werk, für das Mari Mezei das Libretto verfasste, gesellschaftspolitisch klugen Inhalts, wenn Eötvös auch statt der im Stück festgemachten Sozialkritik mehr an den Schicksalen der Protagonisten interessiert ist, deren Los, wie in Kushners Zwischen-Himmel-und-Erde-Text, in Halluzinationen, Visionen, Traumwelten widergespiegelt wird.

Mal verursacht durch den Missbrauch, mal durch die Verabreichung von Medikamenten. Das Thema von „Angels in America“ ist AIDS. Und dass dieses nach wie vor hochaktuell ist, belegen die jüngsten Statistiken der AIDS Hilfe Wien: Weltweit leben 36,9 Millionen Menschen mit HIV/AIDS, davon 1,8 Millionen Kinder unter 15 Jahren. In Österreich liegt die Zahl der Infizierten und Erkrankten bei acht- bis neuntausend, und täglich kommen ein, zwei weitere Fälle dazu. Dass sich außerdem homophobe Angriffe wieder häufen, ist eine erschreckende Tatsache. In einer vor dem Sommer erhobenen Studie der Stadt Wien beispielsweise gaben 28 Prozent der Stadtbewohner mit queeren Lebensmodellen an, 2017 deshalb diskriminiert, lächerlich gemacht und beschimpft worden zu sein, ein Viertel davon war sogar körperlicher Gewalt ausgesetzt.

Über Eötvös‘ Arbeit sagt Neue-Oper-Wien-Intendant und Dirigent des Abends Walter Kobéra in seinem unbedingt empfehlenswerten Einführungsgespräch: „Das Werk kommt von Herzen. Möge es zu Herzen gehen.“ Und so geschieht es. Eötvös, der sich stets gern vom Lokalkolorit des verwendeten Dramas inspirieren lässt, seien‘s russische Töne bei den „Tri Sestri“ nach Tschechow oder französisch anmutende bei „Le Balcon“ nach Jean Genet, hat diesmal punkto Klangsprache auf die Melodien der großen Broadwaymusicals zurückgegriffen – erkennbar an der Besetzung des amadeus ensemble-wien mit zusätzlich zwei Schlagwerken, Hammondorgel, Gitarre und E-Gitarre, die bei der Begegnung von Louis und Joe eine Art „Doppelkonzert“ geben.

Prior Walter und sein Lover Luis Ironson: David Adam Moore und Franz Gürtelschmied. Bild: Armin Bardel

Krankenpfleger Belize kümmert sich um den „Propheten“ Prior: Tim Severloh und David Adam Moore. Bild: Armin Bardel

Eötvös‘ Komposition ist trotz der Schwere des Sujets erstaunlich zugänglich, leicht und melodiös. Fürs Zwischenmenschliche hat er ein leis‘-poetisches Vokabular erdacht, die Metaebene Himmel illustriert er auf atemberaubend sinnliche Weise. An den schönsten Stellen greift all dies ineinander. Der Inhalt, als solcher nicht leicht zu fassen, hier kurz zusammengefasst: Der Hauptcharakter Prior Walter erfährt, dass er an AIDS erkrankt ist und nicht mehr lange zu leben hat. Auf Erden, heißt: in New York, bedeutet das für ihn, dass sich sein Lover Luis Ironson von ihm trennt, weil er vor dem qualvollen Sterben seines Partners fliehen will.

Vom Himmel herab steigt aber ein Engel, der Prior verkündet, „der Prophet“ zur Rettung der Menschheit zu sein, die er dazu bewegen soll, ihrem Fortschrittsglauben als der Wurzel allen Übels abzuschwören. Aus Salt Lake City ist das Mormonenehepaar Harper und Joseph „Joe“ Pitt neu in die Metropole am Hudson River gezogen. Die psychisch labile Harper ist der Großstadt nicht gewachsen und greift immer öfter zu Valium, da sieht sie in einer Vision Prior, der ihr offenbart, dass Joe schwul ist. Was dieser im Central Park, wo er Männerpaare bespannt, inzwischen selbst feststellt. Joe trifft Luis, die beiden gehen eine Beziehung ein, während im Spital Krankenpfleger Belize verzweifelt versucht, Prior klarzumachen:

Sein Engel war nur eine durchs Morphium ausgelöste Halluzination. Zwei real existiert habende Figuren gehören ebenfalls zum Personal: Roy Cohn, ein Staatsanwalt, der in der McCarthy-Ära zum berüchtigsten aller Kommunistenjäger aufstieg, und der in seiner Eigenbewertung als Präsidentenmacher als letztem Donald Trump das politische Handwerk beibrachte. Der ausgewiesene Schwulenhasser Cohn war selber homosexuell, 1984 wurde bei ihm AIDS diagnostiziert, doch bis zu seinem Tod zwei Jahre später gab er vor, an Leberkrebs zu leiden. In der Oper erscheint ihm knapp vor seinem Ende, um ihn zu verspotten, Ethel Rosenberg, in den 1950er-Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Julius wegen Spionage für die Sowjetunion angeklagt. Auf Cohns Betreiben wurde nicht nur er, sondern auch sie, bei der die Beweislage wesentlich dünner war, auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Cohn gab 1986 zu, dass die Regierung die Beweise gegen die Rosenbergs „hergestellt“ habe …

Regisseur Matthias Oldag setzt in seiner Inszenierung ganz auf den vom Werk vorgegebenen Dauerdreh von Tragik zu Komik. Nicht ohne Witz ist etwa eine celestische Konferenz der Engel aller Kontinente, in der sie versuchen, mittels steinaltem Röhrenradio Nachrichten von der Erde zu empfangen, dabei angetan wie eben noch die Obdachlosen, die sich in der Bronx um ein Mülltonnenfeuer versammelten. Auftritt „Prophet“ Prior, der zwar nicht das nietzscheeske „Gott ist tot“ verkündet, aber immerhin dessen Davonschleichen vor den Sorgen seiner Geschöpfe. Priors Aufforderung, ihm bei Wiedererscheinen den Prozess zu machen, statt Gottes Gericht – Gott vor Gericht, hinterlässt in Anbetracht seines Zustands beim Zuschauer einen ziemlichen Kloß im Hals.

Dies Wechselbad der Gefühle hat Bühnen- und Kostümbildner Nikolaus Webern für den schnellen Szenenwechsel ausgestattet. Wenige, von den Darstellern bewegte Versatzstücke definieren die diversen Schauplätze, oft sind mehrere zugleich auf der Bühne, vorne Harper allein am Schminktisch, hinten Cohns Büro, in dem er seinen Adlatus Joe herumkommandiert. Auch die Trennungen von Joe und Harper sowie Prior und Luis laufen parallel, dazu ringsum Projektionen – Hochhaussilhouette, Bow Brigde, Star-Spangled Banner und Live-Videos, die die Solistinnen und Solisten überlebensgroß an die Wand werfen. Auf dem Bühnenboden liegt Schnee (oder liegen da doch Engelsfedern?).

Luis und Joseph Pitt kommen sich im Central Park näher: Franz Gürtelschmied und Wolfgang Resch. Bild: Armin Bardel

Die auf sein Geheiß auf dem elektrischen Stuhl hingerichtete Ethel Rosenberg sucht Roy Cohn heim: Sophie Rennert und Karl Huml. Bild: Armin Bardel

Eötvös und Librettistin Mezei haben die in sich verwobene, ihrer Entwirrung harrende Handlung in einen feinen Humor gekleidet, haben daraus ein Spiel mit Geschlechtern und ihren Rollenbildern gemacht, in dem das Ensemble durchwegs brilliert. Caroline Melzer, derzeit an der Volksoper auch als „Gräfin Mariza“ zu erleben, schwebt als weißer, später schwarzer Engel aus den Lüften herab, und trägt mit ihrem wunderschönen Sopran am ehesten das vor, was man „Eötvös pur“ zu nennen vermag – eine Partie, extravagant klingend und extrem fordernd. David Adam Moore weiß seinen lyrischen Bariton gekonnt zu führen, und ist nicht nur sängerisch, sondern auch darstellerisch auf der Höhe, ob er sich „der Seuche“ nun leidend hingibt oder aufbegehrend entgegenstellt – oder sich vom Engel zum Orgasmus singen lässt.

Alle weiteren Solistinnen und Solisten sind in jeweils mehreren Rollen zu sehen: So ist etwa Sophie Rennert stark, wenn sie als Harper Pitt begreifen muss, dass Joe in ihr nur seinen „besten Kumpel“ sieht, und dessen als Eheretterin angereister Mutter Hannah gesteht, dass ihr Joes Penis fehlt. Inna Savchenko gestaltet diese Hannah mit perfekt großem Stimmumfang und in der Darstellung eindrucksvoll zurückgenommen, während sie anzunehmen trachtet, was sie bisher abgelehnt hat. Bariton Wolfgang Resch ist als verkrampfter Joe hin- und hergerissen zwischen Pflicht und Lust, da trifft er Franz Gürtelschmieds Luis, den der als lasziven Verführer gibt, dem es ein Leichtes ist „Klemmschwester“ Joe auf seine Seite des Sex‘ zu ziehen.

Überzeugend ist auch Countertenor Tim Severloh in seiner Rolle als Krankenpfleger Belize, eine ehemalige Drag Queen, die den Glitzerfummel gegens OP-Grün tauschte, und nun Prior und Roy betreut. Wie Severlohs Belize als Reaktion auf die Narreteien ihrer Patienten die Stimme bis zum Schrillpunkt in höchste Höhen schraubt, ist bemerkenswert. Karl Huml schließlich ist als Roy Cohn zu sehen, sein kräftiger Bassbariton wie maßgeschneidert für die Figur des windigen Anwalts, arrogant und zynisch selbst noch in maßloser Angst – in die ihn neben der Diagnose AIDS auch Ethel Rosenberg versetzt, noch einmal gilt es die Leistung von Sophie Renner hervorzuheben, die ihm samt Elektroden-Kopfriemen auf der Leinwand erscheint – unheimlich vor sich hin summend und vor Schadenfreude irre grinsend.

Für Prior steht vor dem Hingang die Hoffnung. Auf mehr Leben, zumindest darauf keinen Tod mehr im Geheimen sterben zu müssen. Er hat sich von den fortschrittsgegnerischen Engeln abgewandt, sein Prophetenbuch abgegeben, kann er doch der Modernität und mithin der Wissenschaft, die seither einiges in der HIV/AIDS-Forschung erreicht hat, nicht abschwören. Er will nun als Mensch sein Leid annehmen. Das macht ihn mehr zur Messiasgestalt als jede Predigt. Und das Ensemble verteilt Red Ribbons ans Publikum, das diesem und dem anwesenden Komponisten mit riesigem Jubel für diese rundum geglückte und beglückende Produktion dankte.

www.neueoperwien.at

  1. 9. 2019

MAK: Chinese Whispers

Januar 29, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ost interpretiert West

Ai Weiwei: Descending Light with A Missing Circle, 2017. © Ai Weiwei, Bild: Bruno Bühlmann, Foto Jung, Sursee/Schweiz

Ein umfassendes Bild chinesischer Gegenwartskunst präsentiert ab 30. Jänner die MAK-Ausstellung „Chinese Whispers. Neue Kunst aus der Sigg Collection“. Der Sammler Uli Sigg verfolgt seit Ende der 1970er-Jahre die Entwicklung zeitgenössischer Kunst in China und begann Mitte der 1990er-Jahre die weltweit repräsentativste Sammlung chinesischer Kunst aufzubauen. Die  Schau zeigt Arbeiten von international renommierten Künstlerinnen und Künstlern.

Darunter Ai Weiwei, Cao Fei, Feng Mengbo, He Xiangyu, Liu Ding oder Song Dong. Als Wirtschaftsjournalist, Unternehmer und Schweizer Botschafter in China, Nordkorea und der Mongolei hatte Sigg die Möglichkeit, hinter die Kulissen der enormen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen zu blicken, die – wie Chinas Vision einer Neuen Seidenstraße zeigt – der Tradition und der Zukunft verschrieben sind. Sigg förderte auch zahlreiche Karrieren wie jene von Ai Weiwei. „Chinese Whispers“  konzentriert sich auf Objekte der Privatsammlung. Mit Techniken wie Kalligrafie, Malerei, Fotografie, Skulptur, Installation und Video eröffnen die gezeigten Arbeiten ein breites Spektrum von traditionell analog bis zu digital produzierten Werken.

Die chinesische Gegenwartskunst ist ein Phänomen ohne Parallele. Auch nach der Kulturrevolution bleiben die Einflüsse des Sozialistischen Realismus und die Einschränkungen durch die Zensur spürbar. Dennoch erlebte zeitgenössische Kunst in China nach der zunehmenden politischen Öffnung in den 1980er-Jahren eine einschneidende Richtungsänderung. In kürzester Zeit griff eine neue Generation chinesischer Künstler moderne Strömungen des Westens auf. Die Inhalte lesen sich oft als Reaktion auf die politische und gesellschaftliche Situation der Zeit. Wang Xingwei etwa wählt im Gemälde „My Beautiful Life“eine Bildkomposition, die auf Edvard Munchs ikonengleiches Bild „Der Schrei“ verweist. Der Einsamkeit des Malers in Munchs Selbstbildnis stellt Wang Xingwei ein kontemplatives Porträt eines Paares auf einer Brücke gegenüber, dessen Blicke in einer Landschaft verebben, die durch Versatzstücke des modernen Konsums und des Fortschritts kontrastiert ist.

Wang Xingwei: My Beautiful Life, 1993–1995. Courtesy Sigg Collection. Bild:  © Wang Xingwei

He Xiangyu: The Death of Marat, 2011. Courtesy Sigg Collection. © He Xiangyu, Bild: Yangwei Photo Studio

Ai Weiwei untersucht die Grenze zwischen bildender Kunst und Design im Spiegel der Geschichte, wie in der eigens von der Sigg Collection beauftragten Installation „Descending Light with A Missing Circle“. Ein auf den Boden gestürzter monumentaler Luster aus roten Kristallperlen verweist auf den Verfall der modernen Gesellschaft. Die Farbe Rot, die in China traditionell das Glück in seinen spannungsreichen Facetten symbolisierte, wurde im 20. Jahrhundert durch die Ideologie des Kommunismus zur Farbe der Revolution, des Fortschritts und der politischen Macht.

Als ein Beispiel für die Auseinandersetzung mit dem Kulturtransfer zwischen Ost und West ist in der Ausstellung das Werk „The Death of Marat“ des Künstlers He Xiangyu zu sehen. Die Arbeit zeigt eine Szene mit Ai Weiwei und bezieht sich auf das gleichnamige Gemälde von Jacques-Louis David, eine Ikone der Französischen Revolution. Die Idee dazu entwickelte Xiangyu, als Ai Weiwei in China im Gefängnis war und gleichzeitig ein Staatsbesuch des damaligen Ministerpräsidenten Wen Jiabao in Deutschland stattfand. In der MAK-Ausstellung treten die Arbeiten der Sigg Collection in Dialog mit historischen Objekten aus China aus der MAK-Sammlung Asien.

Seit seiner Gründung mehr als 150 Jahren setzt das MAK einen musealen Schwerpunkt auf asiatisches Kunstgewerbe aus China, Japan und Korea. Bereits um 1900 konnte das Museum die Höhepunkte asiatischer Kulturen dokumentieren, ein Großteil des Sammlungsbestands des unter wirtschaftspolitischen Vorzeichen gegründeten Handelsmuseums kam 1907 an das heutige MAK. Die mehr als 25.000 Objekte umfassende Sammlung zählt zu den bedeutendsten in Europa und schafft somit eine besondere Plattform für die Präsentation der Sigg Collection.

www.mak.at

29. 1. 2019

Neue Oper Wien: Staatsoperette

September 14, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Servus, „Grüß Gott“ und Auf Wiedersehen

Gernot Heinrich als Starhemberg, Dieter Kschwendt-Michel als Schuschnigg, Hagen Matzeit als Dollfuß mit der Dollfuß-Puppe von Nikolaus Habjan. Bild: © Armin Bardel

Die Dollfuß-Puppe fistelt ihre Befehle: Gernot Heinrich als Starhemberg, Dieter Kschwendt-Michel als Schuschnigg und Hagen Matzeit als Dollfuß. Bild: © Armin Bardel

Die Neue Oper Wien zeigt ihre „Staatsoperette“ nach der vielbejubelten Uraufführung bei den Bregenzer Festspielen nun im Wiener Theater Akzent. Und über diese so eindringliche wie unterhaltsame Geschichtslektion in Sachen Zwischenkriegszeit ist nicht weniger zu sagen, als dass ihr Besuch quasi Pflichtfach werden sollte. Von wegen dieser Tage, wiewohl sich das neue künstlerische Team sehr klug jedem zwanghaften Bezüge-Herstellen entzogen hat. Man hat’s da aber auch leicht, man braucht nur hinzuzeigen, um aufzuzeigen.

Die Austrotragödie von Otto M. Zykan und Franz Novotny war einmal ein Film und war einmal ein Skandal. 1977 war das, da fühlten sich manche ob ihrer eigenen Rolle in den Jahren zwischen 1918 und 1938 noch auf den Schlips getreten, Nackerpatzln gab’s auch zu sehen, und einen Club 2, in dem Heribert Steinbauer der Empörung stellvertretend für seine Wählerschaft Luft machte. Der Film verschwand im Archiv. Zykans Weggefährtin Irene Suchy und Komponist Michael Mautner haben das Werk nun inhaltlich und musikalisch ergänzt, für Zweiteres aus dem reichen Schaffen Zykans geschöpft, und eine die Handlung erklärende Ebene eingezogen.

Neu sind nun ein Nestroy-hafter Kommentator, Stephan Rehm, der aus dem Stück erst recht ein Lehrstück macht, und zwei Frauenfiguren, die Linke und die Rechte, Laura Schneiderhan und Barbara Pöltl in Kittelschürze vs Trachtenkostüm, die entlang von Bassena-Räsonierereien die vox populi zum besten geben. Eingefügt sind Szenen, die damalige Fernsehverantwortliche schon im Vorfeld der zu erwartenden Erregung entfernen ließen, etwa das Schattendorfer Urteil oder Schuschniggs Besuch bei Hitler auf dem Obersalzberg.

Zykan zitiert Zeitgeschehen, zitiert Kirchen- oder Heurigenliedern, montiert Atonales mit Operettenhaftem, er reißt mit seiner Musik Witze. Sehr schön ist da eine Sequenz zum Nicht-miteinander-Können der politischen Lager, für deren Darstellung es heute einen ganzen desaströsen Runden Tisch brauchen würde; Zykan genügen zwei Worte, „Grüß Gott“ – und schon hat Ignaz Seipel den Otto Bauer abgefertigt. NOW-Intendant Walter Kobéra versteht es meisterlich diesen vertonten Sarkasmus umzusetzen, mit ihm am Pult flirrt und flimmert das amadeus ensemble-wien einmal mehr, dass es eine Freude ist.

Camillo dell’Antonio spielt Ignaz Seipl mal zwei. Bild: © Armin Bardel

Prälat-Bundeskanzler: Camillo dell’Antonio spielt Ignaz Seipel mal zwei. Bild: © Armin Bardel

Dieter Kschwendt-Michel im Zwiegespräch mit der Schuschnigg-Puppe. Bild: © Armin Bardel

Dieter Kschwendt-Michel im Zwiegespräch mit der Schuschnigg-Puppe. Bild: © Armin Bardel

In den Händen von Regisseur Simon Meusburger kommt die Groteske auch inszenatorisch zur Geltung. Er hat mit Bühnenbildner Nikolaus Webern als Ort des Geschehens einen devastierten Sitzungssaal erdacht, ein nachroyales Palais, verstaubt und überlebt, der Kronleuchter auf dem Boden, das Telefon an der Decke, denn das Unterste ist nach oben gekehrt, die Welt steht auf dem Kopf. Mit Graphic Novels à la Sin City werden die Protagonisten eingeführt, der „Blutprälat“ und der „Fürst der Finsternis“, und wenn diese dann auftreten, haben sie als Alter Ego eine Puppe von Nikolaus Habjan im Arm. Die Klappmäuler als politische Großmäuler, Ignaz Seipel, Engelbert Dollfuß, Kurt Schuschnigg, Benito Mussolini und als Anfang vom Ende Adolf Hitler, erfahren so eine karikaturhafte Überhöhung und bringen als solche ihre verqueren Botschaften über die Rampe. Das Fürchterliche ist ja auch immer lächerlich, sagt Thomas Bernhard. Das ist hier eindrücklich demonstriert.

Die Darsteller treten ins Zwiegespräch mit ihren zweiten Gesichtern, und wenn man bedenkt, wie vieles des Gesagten Original-Text ist, wird die „Staatsoperette“ zum Schwank zwischen Schaudern und Entsetzen. Es ist ein erschrecktes Auflachen, mit dem das Publikum auf die Komik der Situationen reagiert. Wenn’s über den Déjà-vu-Streit der großen Koalition heißt, er gehe eigentlich um belanglose Gründe. Wenn darüber debattiert wird, das sich „der kleine Mann von Stammtischgestammel verführen ließ“. Wenn im Wiener Kammerchor die einen die Haydn-Hymne noch auf Gott, Kaiser und Vaterland, die anderen schon als Deutschlandlied singen. Auf „Führer“, Völkisch, Vaterland.

Na, Servus. Starke Bilder sind das. Die ewige Furcht der europäischen Bourgeoisie vor links, doch nie vor rechts. Rot und Schwarz, die statt des Konsens‘ mit- den Kampf gegeneinander suchen, und so freilich dem Auftreten eines diabolischen Dritten Tür und Tor öffnen. Auch die Sozialdemokratie wird gescholten, Kolomann Wallisch und Otto Bauer, die als Arbeitervertreter auf ihren eingeschlagenen Wegen der Bewaffnung und der Beschwichtigung nicht zueinander finden können, Bauer, der es mit seinen theorieschwülstigen Formulierungen nicht schafft, sich „der Masse“ verständlich zu machen. Folge: Verlust des Gemeindebaus, Teil eins.

Die Solisten bestreiten größtenteils mehrere Rollen. Marco Di Sapia gefällt wie stets mit seinem wohlgeführten Bariton, er ist als sich selbst geiselnder Otto Bauer gleichsam die tragische Figur, der Anti?-Held des Werks, kann aber als Walter Pfrimer und Anton Rintelen wunderbar seine Qualitäten als Komödiant ausspielen und in den Rollen der verhinderten Putschisten zum allgemeinen Amüsement auch mit Steirischkenntnissen protzen. Wie es dem patscherten Sekundenkanzler nicht gelingt, sich nach der Ermordung Dollfuß‘ in seinem Hotelzimmer zu entleiben, da gelingt Di Sapia sogar ein gruseliges Kabinettstückchen.

Camillo dell‘ Antonio gibt den Seipel mal zwei, einen pitzeligen Prälat-Bundeskanzler, der politisch immer Lust auf mehr hat. Daheim knüppelt er, vor dem Duce kriecht er – ums Geld. Da ist es nur logisch, dass ihn Gernot Heinrich als Mussolini einen cretino schimpft. Heinrich gestaltet ihn als gutgelaunten „italienischen Tenor“, umringt von barbusigen Schönen und stets um die höchste Stellung bemüht. Weshalb es ihm im Sitzstreit mit Seipel auf der Schaukel auch nicht ums internationale Gleichgewicht oder politisches Die-Waage-Halten geht … Als Heimwehrführer „Fürst“ Starhemberg kann Heinrich diese süßlich-grausliche Seite dann noch deutlicher zeigen.

Der Anfang vom Ende: Hagen Matzeit als Hitler mit Hitler-Puppe, links: Laura Schneiderhan, rechts: Barbara Pöltl und der Wiener Kammerchor. Bild: © Armin Bardel

Der Anfang vom Ende: Hagen Matzeit als Hitler, links: Laura Schneiderhan, rechts: Barbara Pöltl und der Wiener Kammerchor. Bild: © Armin Bardel

Hagen Matzeit, ein famoser Opernsänger, der sowohl Bariton als auch Countertenor „kann“ (www.matzeit.de), macht aus dem Dollfuß dank seiner Puppe einen bösen Kobold mit Falsettstimme. Mit Karl-Kraus’schen Bumsti!-Rufen führt er seine Hälfte des Volkes gegen die andere, ein Ritt auf dem Kanonenrohr, während dem Thomas Weinhappel als Wallisch seinen republikanischen Schutzbund in Stellung bringt.

Beklemmend ist das, wie Meusburger zeigt, dass unter den Menschen kein Politwirrkopf, sondern die nackte Angst regiert. Sie werden aufgestellt und abgeschossen, aufgestellt und abgeschossen … Volk verliert, Volk fällt zu beiden Seiten. Die letzten Tage der Menschlichkeit. Matzeit wird zu deren Ende auch noch Adolf Hitler sein, Dieter Kschwendt-Michel sich ihm als Schuschnigg ergeben. Dem „Führer“ schenkt Matzeit kein menschliches Organ, er hat weder Sing- noch Sprechstimme, die Puppe grunzt und faucht und schnarrt, aber wenn sich im Schlussbild alles zu ihr hinwendet, ist deutlich, wie gut sie auf dem Heldenplatz einst verstanden wurde.

Beim begeisterten Applaus kann sich Matzeit der Hakenkreuzarmbinde gar nicht schnell genug entledigen, er wirft sie zu Boden und tritt danach. Ein abschließendes Statement, das beim Publikum bestens ankommt: Niemals vergessen. Dass die, die vorgeben, die Fäden in der Hand zu haben, auch nur jemandes Marionetten sind. Dass selbsternannte Heimatschützer unter dem Vorwand demokratische Mechanismen zu behüten eben diese aushebeln. Bei Zykan besingen sie als „wahre Sieger“ ihr Auf-Wiedersehen, da fehlt eindeutig ein „Nimmer“.

www.neueoperwien.at

Wien, 14. 9. 2016

Landestheater NÖ: Neue Intendantin Marie Rötzer

Mai 23, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Programm der Spielzeit 2016/17: „Die Welt ist groß“

Spielplanpräsentation im Landestheater Niederösterreich: Die neue Intendantin Marie Rötzer mit Johannes Silberschneider und Julia Engelmayer: Bild: Gerald Lehner/www.herrundfraulechner.at

Spielplanpräsentation im Landestheater Niederösterreich: Die neue Intendantin Marie Rötzer mit Gastschauspieler Johannes Silberschneider und Dramaturgin Julia Engelmayer: Bild: Gerald Lehner/www.herrundfraulechner.at

„Die Welt ist groß“, unter dieses Motto stellt die neue Intendantin des Landestheater Niederösterreich ihre erste Saison. Montag Vormittag präsentierte Marie Rötzer ihre Pläne für die kommende, ihre erste Spielzeit. Namhafte Gäste, internationale Gastspiele, Kindertheater und Lesungen werden auch weiterhin im Landestheater zu sehen sein. Neue Formate wie das „Theater – Stücke – Fest“, die Gesprächsreihe „Hier wird deine Sache verhandelt“ oder „Außer der Reihe“ sind in Planung. Rötzers Ensemble besteht aus elf Schauspielern.

Zu Michael Scherff,  Lukas Spisser, Othmar Schratt und Helmut Wiesinger kommen neu Tobias Artner, Zeynep Bozbay, Tim Breyvogel, Stanislaus Dick, Bettina Kerl, Katharina Knap und Vidina Popov ans Haus. Als Gäste werden unter anderem Johannes Silberschneider, Toni Slama, Claus Peymann, Bibiana Beglau und Die Strottern zu sehen sein.  „Das Theater ist ein großer Spielraum, in dem vieles möglich ist und vieles möglich sein muss. Das Theater in einer Balance zwischen Unterhaltung und Aufklärung soll die Herzen öffnen und das Denken verändern. Das Landestheater im speziellen soll ein Mutmacher und eine Ideenmaschine für die Zukunft sein, gesellschaftspolitische Verantwortung übernehmen und sich als Spiel- und Denkraum ohne Grenzen präsentieren“, sagt Rötzer.

Das Bürgertheater wird unter der neuen Leitung von Nehle Dick weitergeführt und mit Alfred Komarek als Autor auf Spurensuche nach verschwundenen Orten in St. Pölten und Niederösterreich gehen. Geplant sind vier Uraufführungen, eine österreichische Erstaufführung und drei Österreich-Premieren, gespielt wird ab diesem Herbst zwei Monate länger, die Spielzeit beginnt im September und endet im Juni.

Eröffnet wird die erste Spielzeit von Marie Rötzer am 16. September mit der Premiere von Die Welt ist groß und Rettung lauert überall nach Ilija Trojanow. Der Musiker und Regisseur Sandy Lopičić wird das moderne Märchen über Heimat, Flucht und Fremde als musikalisch-theatrale Reise auf die Bühne bringen. Mit dabei sind die Die Strottern und Johannes Silberschneider. Am 17. September gibt es ein großes Eröffnungsfest, einer der Höhepunkte ist Philipp Hochmairs theatral-musikalische Performance  Jedermann reloaded. Der Schauspieler zeigt gemeinsam mit der Band Die Elektrohand Gottes am Rathausplatz seinen außergewöhnlichen Theaterabend nach Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“.

Am 1. Oktober steht die Premiere von Franz Grillparzers Das goldene Vlies auf dem Spielplan. Die junge katalanische Regisseurin Alia Luque, die zuletzt für das Burgtheater die Uraufführung „die hockenden“ inszenierte, bringt alle drei Teile des Epos – „Der Gastfreund“  „Die Argonauten“ und „ Medea“ – in kompakter Besetzung auf die Bühne und verfolgt mit ihrer Inszenierung die Frage, welche Opfer der Erwerb von Macht verlangt. Als Gast im Ensemble ist Silja Bächli in der Rolle der Medea zu sehen. Danach inszeniert Sarantos Zervoulakos Alan Ayckbourns Schöne Bescherungen, Premiere ist am 1. Dezember.

Die Spielzeit in der Theaterwerkstatt eröffnet die Uraufführung von Josef Winklers Romandramatisierung Roppongi am 20. Jänner. Die Regisseurin Julia Jost möchte in ihrer Dramatisierung den dörflichen und familiären Kosmos des Romans auf der Bühne erfahrbar machen, dabei den Bogen nach Japan und Indien schlagen und erkunden, was die Menschen hier mit diesen weit entfernten Orten, den Menschen dort und ihren Traditionen verbindet – oder trennt. Am 4. März folgt die nächste Uraufführung in der Theaterwerkstatt: Utopia nach Thomas Morus. Das Wiener Theaterkollektiv YZMA nimmt den Roman zum Ausgangspunkt für eine Entdeckungsreise zu neuen, heutigen Utopien. Auf der Basis von Videointerviews und dokumentarischem Material vermessen die Performer dieses Land für eine Landkarte der Utopien und hinterlassen dabei ihrerseits Spuren aus der Zukunft. Regie führt Milena Michalek.

Tim Breyvogel ist neu im Ensemble. Bild: Katja Kuhl

Tim Breyvogel ist neu im Ensemble. Bild: Katja Kuhl

Toni Slama kommt als Gast. Bild: Landestheater NÖ

Toni Slama kommt als Gast. Bild: Landestheater NÖ

Gottfried Breitfuß, Schauspieler am Zürcher Schauspielhaus und Regisseur, wird Wie es euch gefällt von William Shakespeare inszenieren. Als Gäste im Ensemble werden, neben dem Musiker Helmut Stippich, André Willmund und Toni Slama zu sehen sein. Premiere ist am 18. März. Regie-Shootingstar Matthias Rippert zeigt am 28. April in der Theaterwerkstatt die österreichische Erstaufführung von Schere Faust Papier von Michel Decar. Das Stück versteht sich als künstlerische Antwort auf die Absurdität und Komplexität des Weltenlaufs, der Versuch, das Ungreifbare zu durchdringen: bunt, temporeich und ungemein komisch.

Die letzte Premiere im Großen Haus ist am 5. Mai die Uraufführung von Die Eroberung des goldenen Apfels – Geschichte einer Belagerung, ein Theaterprojekt von Hakan Savaş Mican. In einer Theatercollage mit viel Musik lotet der in Berlin lebende, türkischstämmige Regisseur das historisch gewachsene Verhältnis zwischen Europa und der Türkei aus. Szenen aus der Zeit der Türkenbelagerungen und zeitgenössische Dokumente, wie Briefe junger Dschihad-Sympathisanten, spannen einen Bogen über Jahrhunderte, die von Faszination, Ressentiments und kulturellem Austausch geprägt sind.

Neben den Eigenproduktionen gibt es drei Gastspiele als Österreich-Premieren: Am 13. Oktober kommt das Deutsche Theater Berlin mit münchhausen von Armin Petras. In der Inszenierung von Jan Bosse wurde der geisteswitzsprühende Monolog über den Schauspieler als Künstler und Mensch zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen. Das Schauspielhaus Zürich zeigt am 17. und 18. Februar Gotthold Ephraim Lessings Nathan der Weise in der Inszenierung von Daniela Löffner mit Gottfried Breitfuß, Robert Hunger-Bühler und Elisa Plüss. Und das Thalia Theater Hamburg ist am 8. und 9. Juni mit Warten auf Godot von Samuel Beckett zu Gast, eine Inszenierung von Stefan Pucher.

Die abgelaufene Saison 2015/2016, die letzte von Bettina Hering vor ihrem Wechsel zu den Salzburger Festspielen, hatte bei insgesamt 201 Vorstellungen mit etwa 40.000 Besuchern eine Auslastung von mehr als 90 Prozent. Mit 2.763 Abonnenten konnte zudem ein Allzeit-Rekord seit Bestehen des Landestheaters aufgestellt werden.

Zur Person Marie Rötzer:

Marie Rötzer, geboren in Niederösterreich, studierte in Wien Theaterwissenschaft und Germanistik. Während ihres Studiums war sie am damaligen Stadttheater St. Pölten als Dramaturgin engagiert.  Sie arbeitete in der Dramaturgie des Berliner Maxim Gorki Theater, dann als Chefdramaturgin am Schauspielhaus Graz, ab 2006 im Team von Intendant Matthias Fontheim als Chefdramaturgin am Staatstheater Mainz. Neben dieser Tätigkeit ist sie an der Uni Mainz als Lehrbeauftragte und bei der Theaterbiennale „Neue Stücke aus Europa“ als Kuratorin engagiert. Von Dezember 2012 bis September 2015 war Marie Rötzer Persönliche Referentin des Intendanten Joachim Lux am Thalia Theater in Hamburg.

www.landestheater.net

Wien, 23. 5. 2016

Neue Oper Wien: Das Programm der Saison 2016/17

März 30, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der „Staatsoperette“ bis „Pallas Athene weint“

Walter Kobéra Bild: Armin Bardel

Walter Kobéra. Bild: Armin Bardel

„Finanzkrise, Eurokrise, Griechenlandkrise, zuletzt die Flüchtlingskrise, bestimmen die Nachrichten. Der Fokus verschiebt sich auf die jeweils neue und mündet in der Suggestion, die vorangegangenen wären bereits bewältigt. Europa steht vor der Herausforderung Lösungen zu finden, ansonsten droht eine Spaltung der Gesellschaft. Genau darum geht es in den Werken des Spielplans 2016/17“, erklärt Walter Kobéra, Intendant und musikalischer Leiter der Neuen Oper Wien bei dessen Präsentation.

Das Programm startet am 2. August mit der Uraufführung von Otto M. Zykans „Staatsoperette“, einer Koproduktion mit den Bregenzer Festspielen, einer Bühnenfassung des 1977er-„Skandalfilms“ von Regisseur Franz Novotny. Zykan plante bereits damals eine Bühnenfassung, die jedoch nie fertiggestellt oder szenisch aufgeführt werden konnte. Das Fragment erfuhr nun eine Überarbeitung, die Darstellung der politischen Akteure werden Puppen übernehmen.

„Das“, so Kobéra, „verdeutlicht ihre Austauschbarkeit und zeigt somit auch, dass die Macht diverser Lobbys die Welt der Politik heute immer noch beherrscht.“ Nikolaus Habjan coacht die Sänger, darunter Marco Di Sapia, Camillo Dell’ Antonio, Thomas Weinhappel, Barbara Pöltl und Laura Schneiderhahn. Regie führt Simon Meusburger. Ab 13. September ist die Produktion im Wiener Theater Akzent zu sehen.

Ernst Kreneks Todestag jährt sich 2016 zum 25. Mal. Seine Oper „Pallas Athene weint“ steht deshalb ab 25. Oktober in der Halle E im MuseumsQuartier Wien auf dem Programm. Unter dem Vorwand die Werte Athens beschützen zu müssen, wird für die handelnden Figuren im peloponnesischen Krieg jedes Mittel legitim. Die Lehren des Mentors Sokrates werden, unterschiedlich gedeutet, für eigene Zwecke missbraucht. Zunehmend kommt es zum Beschneiden der Rechte des Einzelnen, für die man eigentlich vorgibt zu kämpfen. Reflexion und Selbstkritik fallen blindem Egozentrismus zum Opfer und tragen zum gemeinsamen Untergang bei. Pallas Athene ist von der eigenen Stadt um ihre Werte betrogen … Kreneks Werk setzt sich mit dem Phänomen des Populismus auseinander und zeigt beängstigend aktuell daraus entstehende Konflikte und Krisen. Er komponierte dieses Werk in den USA unter dem Eindruck der McCarthy-Ära, die darin dargestellte „Krisenbewältigung“ ist jedoch bis in die Gegenwart gültig. Es singen unter anderem Mareike Jankowski, Megan Kahts, Klemens Sander und Lorin Wey; es inszeniert Christoph Zauner.

„Le Maletendu“ – „Das Missverständnis“, Theaterstück von Albert Camus, wurde vom Argentinier Fabian Panisello vertont. Im April 2016 wird Walter Kobéra dieses Werk in Buenos Aires uraufführen, am 21. Februar 2017 wird es im Semper-Depot Wien seine europäische Erstaufführung erleben und danach in Madrid gezeigt. Die Regie übernimmt Mariano Tenconi Blanco, es spielt und singt das amadeus ensemble-wien.

"Die Nase" aus der Saison 2015/16: Georg Klimbacher, Lorin Weg und der Wiener Kammerchor. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15005. Bild: Armin Bardel

Die Nase: Georg Klimbacher, Lorin Weg und der Wiener Kammerchor. Bild: Armin Bardel

Im April zeigt die Neue Oper Wien die erfolgreiche Produktion „Die Nase“ in Trient. Am 4. Mai präsentieren die Schülerinnen und Schüler der AHS Diefenbachgasse gemeinsam mit drei jugendlichen Flüchtlingen ihr zu diesem Werk selbst erarbeitetes Stück im Rahmen der jungen oper wien.

„Das Einbinden von jugendlichen Flüchtlingen in das Projekt junge oper wien und das Mitwirken von Flüchtlingen als Statisten bei der Oper ,Pallas Athene weint‘ vermittelt zentrale Werte für einen gelungenen Integrationsprozess: gegenseitige Wertschätzung und Respekt, gewaltfreie Kommunikation, Reflexionsfähigkeit und das Erkennen von eigenen Begabungen“, sagt Kobéra. „Berührungsängste und andere Hürden sollen im Zuge dieser Projekte von beiden Seiten überwunden werden. Das Medium Musiktheater mit all seinen Kunstformen bietet die Chance, dies niederschwellig, leicht zugänglich und intuitiv zu bewältigen“. Mit dem Georg Danzer Haus und dem Verein Alpine Peace Crossing hat die Neue Oper Wien zwei perfekte Partner für diese Aufgabe gefunden.

NEU: Zum ersten Mal bietet die Neue Oper Wien ein Abonnement an. Bestellungen sind ab sofort unter ticket@neueoperwien.at möglich. Der Verkauf von Einzelkarten startet am 13. Juni 2016.

www.neueoperwien.at

Wien, 30. 3. 2016