TAG: Weiße Neger sagt man nicht

Mai 9, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGERR

Vom Whitefacing in den Chefsessel katapuliert

Eine Trommelübung soll die Assessment-Center-Teilnehmer auflockern: Jens Claßen, Raphael Nicholas, Elisabeth Veit, Georg Schubert, Nancy Mensah-Offei und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

Dass hier niemand viel Wert auf political correctness legt, wusste man schon vor dem Schluss. Da nämlich entpuppt sich die geeignetste Kandidatin eines Assessment Centers als Nichte eines Bananenrepublik-Ministers, mehr noch: als dessen Erbin, die mit seinen „schwarzen“ Millionen den Konzern, von dem in den vorangegangenen 90 Minuten die Spreu vom Weizen selektiert wurde, aufgekauft hat. Darf man das schreiben: Schwarz + Bananen + Selektion?

Aber ja! Lasst uns im Gegenteil noch fröhlich einen (oder mehrere) draufsetzen. Topfenneger, I bin neger, Negerant, Negerkuss, Negerbrot, Mohr im Hemd und Meinl-Mohr und Franz Moor. Woman is The Nigger of the World. Horst Neger in der Wachau verkauft Kracherl, Thomas Neger in Mainz verkauft Metallsysteme, hat sich aber wegen seines Firmenlogos, ein hammerschwingender Schwarzer mit dicken Lippen und dicken Creolen, angreifbar gemacht. Sein Vater, der das Emblem erfand, erfand auch „Humbta tätära“.

So, uff. Der rassistische Witz leistet Rassismusbekämpfung. Am TAG kam diesbezüglich  „Weiße Neger sagt man nicht“ zur Uraufführung, Text und Regie von Esther Muschol, und wenn man einen Lauf wie derzeit das TAG hat, darf man sich auch mal verlaufen. Wie hier geschehen. Denn beim besten Willen geht einem bei dieser Produktion das Herz nicht auf. Muschol beruft sich auf Nestroys „Talisman“, und ja – das zu hörende Hintergrundgeräusch ist dessen Rotieren im Grab, nur hat sie die Haar- zu einer Hautfarbangelegenheit gemacht. Aus dem roten Titus Feuerfuchs wird die Schwarze Titania Coleman, auch sie rittert um einen Job, weil modern: in einem Führungskräfteauswahlverfahren, bis sich die Konstellationen drehen – und allen die schreckliche Wahrheit ins Gesicht gefärbt wird.

Dieses mittels Blackfacing, weil, wer Karriere machen will, dient sich auch dem gerade kräftigsten Teint an, beziehungsweise Whitefacing, denn offenbar wird der/die AfrikanerIn nur als Bleichgesicht zum Big Boss. Das Existenz bedrohende Feind- und Schreckensbild aller Populärrechten: der qualifizierte Schwarze. Lustig? Halb-! Was als Sarkasmus über den Bewerbungswahnsinn im Seminarraum Erzherzog Johann ein Feuerwerk an Esprit und Eloquenz hätte sein können, zündet nicht richtig. Die Alltagsrassismussätze über Fremdsein, „andere Welten“ und Verhaltensmuster sind zu wenig speziell, zu wenig ausgefeilt, die Figuren verrecken als Stereotype. Hoamatliada werden gesungen, und alle sind wie ein Herrgottsschnitzer-Holzschnitt.

Die Demütigungsspielchen treiben den einen beinah in den Herzinfarkt, …: Georg Schubert und Jens Claßen. Bild: © Anna Stöcher

… den anderen zwecks „Fleischbeschau“ in die Nacktheit: Raphael Nicholas mit Michaela Kaspar und Elisabeth Veit. Bild: © Anna Stöcher

Das TAG stolpert diesmal über seine eigene Vorgabe der Neu- und Überschreibung von Klassikern, hat doch nichts an dieser Aufführung irgend mit Nestroy zu tun. Nicht einmal „sehr frei nach …“. Es fehlt das Hinterfotzige, das G’feanzte, das Poetisch-Subtile des unerreichten Vorbilds; plakativ, bösartig, je abstruser desto besser, ist ja ganz gut – aber Doppeldeutigkeit, bitte? Muschol ergeht sich in Pfefferkörnergleichnissen (die schwarzen lassen sich besser zermahlen, die weißen springen vollemanzipatorisch aus der Mühle), Busch-/Trommelübungen und Demütigungsspielchen, die mehr mit S/M als mit der berüchtigten Briefkastenübung zu tun haben.

Dass das Ensemble erschreckend gut gelaunt ist, nimmt dem Abend diesmal fast die Schärfe. Jens Claßen ist wie so oft der dienstbeflissene Piefke, Georg Schubert wie so oft der hemdsärmelig-herzliche Prolet, Raphael Nicholas ist als geschwätziger Schnösel natürlich ein Journalist im zweiten Verbildungsweg. Immerhin: Michaela Kaspar brilliert als beflissene Vorzugsbewerberin, und Elisabeth Veit gelingt ein Kabinettstück als in die Privatwirtschaft zurückgeschasstes, ehemals niederösterreichisches Pröll-Parteikind.

Keiner (besser: fast keiner) von ihnen ist tatsächlich Rassist (vor allem nicht Kaspar als Amelia, die Titania ihr naturgemäß viel zu helles Make-up leiht), und alle ergeben sich Nancy Mensah-Offei, wenn sie als ebendiese das Feld von hinten aufrollt und die Herrschaftsverhältnisse alsbald umkehrt. Sie ist großartig als undurchschaubare Aufsteigerin und zynische Rächerin. Nun gilt es für die „Weißen“, denn eigentlich sind wir doch rosa, ihre „Negerqualitäten“ unter Beweis zu stellen und sich als gute Sklaven (samt der sprichwörtlichen Sklavenmentalität) zu erweisen. Für die African Queen wird ein Thron errichtet, alle singen eine Chumbalaya-Weise, ein Gewehr taucht auf, und – alte Theaterregel: Wo eine Waffe ist, wird auch geschossen.

Hat dieses Make-up die falsche oder die richtige Farbe? Nancy Mensah-Offei und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

Mit der Enttarnung Titanias nimmt der Abend tatsächlich endlich Fahrt auf, und wo er sagt, Anbiederung ist Rassismus in grauslichster Form, ist er am stärksten. Ansonsten machen viele nette Ideen noch keine Inszenierung, die Summe der einzelnen, mit Blackouts unterbrochenen Teile hätt’s vielleicht getan. So aber wirkt das Ganze szenisch unentschlossen.

Wie die Aufführung die üblichen Verdächtigen, Karrieristen aller Länder vereinigt euch! als arme Würschtln entlarvt, das hat viel mit Wirtschaftssatire zu tun – hätte aber auch ohne Schwarzweißmalerei funktioniert. Derart bereitet sich einem in der Gumpendorferstraße diesmal nur ein ungewohnt durchschnittliches Vergnügen. Naja, nur nicht schwarz sehen, die nächste Premiere folgt bestimmt.

Trailer: vimeo.com/215383618

dastag.at

Wien, 9. 5. 2017

Michael Schottenbergs Rückkehr ans Theater

November 26, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er inszeniert Nestroy an der Josefstadt

Regisseur Michael Schottenberg mit dem Ensemble: Thomas Kamper, Michou Friesz, Martin Zauner, Matthias Franz Stein und Doris Golpashin. Bild: Jan Frankl

Regisseur Michael Schottenberg mit dem Ensemble: Thomas Kamper, Michou Friesz, Martin Zauner, Matthias Franz Stein und Daniela Golpashin. Bild: Jan Frankl

Kaum mehr als ein Jahr hat die Quasi-Pension gedauert, nun kehrt Michael Schottenberg ans Theater zurück. An der Josefstadt inszeniert er Nestroys „Das Mädl aus der Vorstadt“. Premiere ist am 1. Dezember. Zum ersten Mal arbeitet der ehemalige Volkstheaterdirektor an dem Haus als Regisseur, an dem er 1976 als Schauspieler debütierte. Nestroy, natürlich. Titus Feuerfuchs. Ein Gespräch über „Nie wieder Theater!“, Gartenpflege ohne Garten – und warum Erni Mangold an allem Schuld ist:

MM: Als wir einander zum Abschiedsinterview Ihrer Volkstheaterdirektion zuletzt sprachen, meinten Sie „Nie wieder Theater!“ und Sie würden sich nunmehr der Gartenpflege widmen. Der Garten ist fertig?

Michael Schottenberg: Im Gegenteil, ich habe noch immer keinen! Ich habe mich selbst gepflegt. Ich arbeite seit vierzig Jahren in diesem Beruf, und das sind Hundejahre, also muss man sie mal sieben rechnen, und nun habe ich erstmals etwas getan, das ich noch nie gemacht habe: Ich habe mich um mich selbst gekümmert. Die Zeit war reif und ich habe sie notwendigst gebraucht. Nun ist mir die Josefstadt „dazwischen gekommen“, das war auch für mich eine Überraschung, das heißt aber nicht, dass ich meinem Wort untreu geworden bin. Die Rückkehr zum Theater ist nur eine temporäre.

MM: Ausgelöst eigentlich durch Erni Mangold …

Schottenberg: Eines Tages kam die Mangold und sagte: Du musst mit mir zu meinem 90er etwas machen, ich verlange das, ich fordere das ein. Und ich erwiderte: Erni, du erwischt mich am falschen Fuß, aber okay. Erni Mangold war meine Lehrerin, ist eine jahrzehntelange Weggefährtin, sie war an den wichtigsten Stationen meines Lebens präsent. Und wer könnte der immer schöner, immer jünger, immer frecher und ungehobelter und immer liebenswerter werdenden Erni schon etwas abschlagen? (Er lacht.) Also gab ein Wort das andere, und ich mache für sie und mit ihr im Jänner an den Kammerspielen „Harold und Maude“, und da ich nun diese Monate ohnedies schon am Haus bin …

MM: Schieben Sie noch einen Nestroy ein.

Schottenberg: Das hat sich so ergeben, das war nicht der Plan, aber es macht sehr viel Spaß.

MM: Nestroy war als Schauspieler und Regisseur Ihre erste Liebe. Sie haben nicht erst in Ihrer Zeit am Volkstheater eine neue Lesart, eine neue Ästhetik für Nestroy entwickelt. Was bedeutet er für Sie?

Schottenberg: Nestroy ist ein Himalaya, den es ohne Sauerstoffflasche zu bezwingen gilt. Von ihm ist das Gültigste und Richtigste und Schärfste, das jemals geschrieben wurde; er ist der Vorfahre von klaren Formulierern, politischen Denkern und mutigen Zeitgenossen wie Ödon von Horváth, Karl Krauss, Thomas Bernhard bis hin zu Josef Hader. Das sind Künstler, die die Menschen dieses Landes seziert haben, die den Stachel der Erkenntnis in dieses Land getrieben haben, die gültige Dinge über dieses Land gesagt haben. Nestroy wurde von der Bühne herunter verhaftet, er hat dem Metternich-Staat die Stirn geboten, warum?, weil er die Wahrheit gesagt hat. Und um nichts anderes geht es am Theater – die Wahrheit zu sagen.

MM: Nun ist aber „Das Mädl aus der Vorstadt“ nicht wirklich ein politisches Nestroy-Stück. Da gäbe es andere Beispiele.

Schottenberg: Es ist ein extrem Wienerisches Stück; und das Wienerische sehe ich darin, dass jeder mit aller Perfidie, aller Härte und aller Konsequenz seinem kleinen Glück nachjagt. Ohne Rücksicht auf den anderen. Der Chef der Hauptstadt, der Kauz, ist ein bösartiger, korrupter Spekulant, der in die Vorstadt einbricht und sich Mädln kauft, die Tabugrenzen und die Sphären anderer einfach durchbricht, moralisch ist er nur dann, wenn’s zu seinem eigenen Vorteil ist. Nestroys Untertitel „Ehrlich währt am längsten“ ist da der pure Sarkasmus. Trotzdem hat Nestroy diesen unappetitlichen Charakter lieb, und das finde ich einfach herrlich. Aber es stimmt: „politisch“ ist „Das Mädl“ nicht.

MM: Also keine Zeitstrophen am Vorabend des dritten Durchgangs der Bundespräsidentenwahl? Darf man das?

Schottenberg: Ich bin kein Freund von Zeitstrophen. Worüber sollen wir singen? Über Norbert Hofer? Nestroy ist nicht Rimini Protokoll oder SIGNA. Er schreibt nicht jetzt und heute. Wer nicht aus seinem Text heraushört, wer heute gemeint sein könnte, dem kann ich auch durch vereinfachende Interpretationen nicht auf die Sprünge helfen. Ich glaube, Nestroy kann und darf man nicht umschreiben, man muss ihn nicht in die heutige Zeit „herüberreißen“, weil man ihn dadurch nur verflachen würde. Er hat eine Poesie, und wer sich darauf nicht versteht, der hat verloren. Ich mache aber keinen Rüscherl-Nestroy, denn im Biedermeier lasse ich das „Mädl“ und die Mädlerie nicht, wir siedeln das Stück in den 1950-, 1960-Jahren an. Der Schnoferl ist bei uns ein Schlurf in Verwandtschaft zu Qualtingers „Gschupfen Ferdl“, die anderen sind Strizzis, Schwarzmarkthändler und Gescheiterte der Nachkriegsära. Ich gebe zu, dass ich da eine gewisse Affinität habe, weil das meine Jugendzeit war. Ich hoffe, unsere Arbeit wird erhellend, trocken und abgeschlankt sein. Wie ich meinen Nestroy halt sehe: Direkt und gradlinig und turbulent. Und natürlich soll man lachen.

Doris Golpashin als Vorstadtmädl Thekla. Bild: Jan Frankl

Daniela Golpashin als Vorstadtmädl Thekla. Bild: Jan Frankl

Thomas Kamper als Winkelagent Schnoferl, Martin Zauner als Spekulant Kauz und Matthias Franz Stein als Gigl. Bild: Jan Frankl

Thomas Kamper als Schnoferl, Martin Zauner als Spekulant Kauz und Matthias Franz Stein als Gigl. Bild: Jan Frankl

MM: Sie haben sich mit Hans Kudlich einen Bühnenbildner Ihres Vertrauens ans Haus geholt.

Schottenberg: Hans baut sehr genaue und kahle Räume, das habe ich gerne, weil der Text und seine Energie, also auch seine Wut, im Vordergrund stehen sollen.

MM: Wie ist es als Regisseur am Theater eines ehemaligen „Konkurrenten“ zu arbeiten?

Schottenberg: So was von problemlos. Herbert Föttinger und ich sind aus gleichen Theatergenen, der eine vielleicht ein bissl lauter, der andere ein bissl leiser. Ich kenne und verstehe alle seine Probleme als Intendant und er alle meine Probleme als Regisseur, da versteht man einander auf einer eigenen Ebene.

MM: Man sieht Sie auch regelmäßig im Volkstheater. Beobachten Sie die Entwicklung des Hauses?

Schottenberg: Anna Badora macht ihr Theater, ich mache meines.

MM: Wenn Sie mit den beiden Inszenierungen am Haus fertig sein werden, dann beschäftigen Sie sich wieder mit … dem noch nicht vorhandenen Garten?

Schottenberg: Ich schau‘ mir die Welt an; ich will und muss die Welt kennenlernen. Ich will andere Eindrücke, andere Menschen, andere Sprachen, selbst andere Gerüche wahrnehmen. Ich kenne viel zu wenig davon. Ich würde nichts lieber als Reisejournalist sein. Oder Reisen organisieren. Ich habe so viele Zuhauses auf der Welt, eines davon in Griechenland, eines in Südostasien wäre noch schön. Das ist für mich auch Heimat. Ich baue gerne Nester. Ich bin gern auf Schiffen, das habe ich sogar hier verankert (er zeigt ein Tattoo auf seinem Unterarm). Bring‘ mich in einen Hafen und ich bin glücklich.

MM: Wie finden Sie es dann, dass die Welt je kleiner sie wird, umso mehr auseinander driftet?

Schottenberg (seufzt): Es macht mich sprachlos, dass der Ruf nach starken Männern und „klaren“ Aussagen zyklisch wiederkommt. Dass es immer wieder dorthin gehend eskaliert, ist mir unerträglich und unbegreiflich, weil die Menschen aus Geschichte nichts lernen. Woran liegt es, dass wir immer wieder an einen Punkt kommen, an dem man sagen möchte: Freunde, da waren wir doch schon!? Dass man das so schürt, mit großer Demagogie und mit großer Härte und mit einer Brutalität sondergleichen, dass man immer wieder zu Worten greift, die verhöhnen, verletzen und töten! Man hätte gedacht, wir hätten all diese Muster schon erfahren, nein, die Menschen glauben, es geht ihnen schlecht und schon regieren die Tribunen. Die gewählten Tribunen. Man glaubt es nicht. Leider kann Theater nicht die Welt lösen, das müssen andere machen, pardon. Wir am Theater können nur politisch wach bleiben und versuchen aufzurütteln. Die Welt neu erfinden, können wir nicht.

www.josefstadt.org

Wien, 26. 11. 2016

Die Nestroy-Preisträger 2016

November 8, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sona MacDonald und Rainer Galke sind ausgezeichnet, „beste Regie“ ging an Andrea Breth

Montagabend wurden im Ronacher die Nestroys vergeben. Steffi Krautz und Markus Meyer führten, musikalisch unterstützt von Musikern der Vereinigten Bühnen Wien, charmant und rasant durch die diesjährige Gala zum Wiener Theaterpreis, bei dem die Auszeichnungen sehr ausgeglichen verliehen wurden. Die Preisträgerinnen und Preisträger:

ORF III  Publikumspreis: Nikolaus Habjan

Volkstheater: Das Missverständnis

Bester Nachwuchs weiblich/männlich: Julia Gräfner als Caliban in „Der Sturm“ am Schauspielhaus Graz und Luca Dimic als Tschick in „Tschick“ am Theater der Jugend

Beste Ausstattung: Harald B. Thor für „Wassa Schelesnowa“ am Burgtheater

Burgtheater: Wassa Schelesnowa

Beste Bundesländer-Aufführung: „Lichter der Vorstadt“ in Fassung und Regie von Alexander Charim, am Landestheater Niederösterreich

Landestheater NÖ: Lichter der Vorstadt

Beste Off-Produktion: „Kein Stück über Syrien“ von aktionstheater ensemble

Beste Nebenrolle: Martin Reinke in „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“, Akademietheater

Akademietheater: Die Wiedervereinigung der beiden Koreas

Spezialpreis: „Wir Hunde/Us Dogs“ von SIGNA

Bester Schauspieler: Rainer Galke als Irrsigler in „Alte Meister“ am Volkstheater

Volkstheater: Alte Meister

Neu am Volkstheater: Rainer Galke, Lukas Holzhausen

Beste Schauspielerin: Sona MacDonald in „Fräulein Julie“ an der Josefstadt und in „Blue Moon“ an den Kammerspielen

Theater in der Josefstadt: Fräulein Julie

Kammerspiele: Blue Moon. Hommage an Billie Holiday

Theater in der Josefstadt: SonaMacDonald im Gespräch

Beste Regie: Andrea Breth für „Diese Geschichte von Ihnen“ am Akademietheater

Akademietheater: Diese Geschichte von Ihnen

Bestes Stück – Autorenpreis: Yael Ronen und Ensemble für „Lost and Found“ am Volkstheater

Volkstheater: Lost and Found

Beste deutschsprachige Aufführung: „Engel in Amerika“, inszeniert von Simon Stone am Theater Basel

Lebenswerk: Frank Castorf

Wiener Festwochen: Frank Castorf zeigt „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“

www.nestroypreis.at

Wien, 8. 11. 2016

Akzent: Hubsi Kramar als „Häuptling Abendwind“

November 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Trashrevue zum Thema Sprachkannibalismus

Häuptling Abendwind sucht ein Opfer für sein Gastmahl: Hubsi Kramar. Bild: Lilli Crina Rosca

Häuptling Abendwind sucht ein Opfer für sein Gastmahl: Hubsi Kramar mit seinem All-Star-Team. Bild: Lilli Crina Rosca

Hubsi Kramar ruft wieder einmal zum Halali auf das, was andere liebevoller als er die österreichische Mentalität nennen. Im Theater Akzent zeigt er Nestroys letzten Streich, die Faschingsburleske „Häuptling Abendwind“, und das gar nicht so „frei nach“ dem genialischen Autor, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Kramar hat die Menschenfresserposse mit eigenen und Texten von Eva Schuster und Gunter Falk gespickt, die bitterbösen Couplets mit Musik von James Brown bis Queen aufgefettet, er zitiert von Faust bis Dreigroschenoper, er collagiert – und dies alles im Sinne des Erfinders. Wie der nämlich bereits anno 1862 eine Offenbach’sche Operette zur parodistischen Polemik gegen den stetig wachsenden Nationalismus und einen europäischen Kolonialimperialismus verwurstete, so tut’s Kramar nun auf seine Art. Als Theatermacher, der nicht müde wird, der Rechten nachzuweisen, wie link sie ist.

Das Thema seiner Trashrevue ist der allgegenwärtige Sprachkannibalismus, der hetzerische, Hass schürende, hirnlose Umgang mit Worten – und da serviert Kramar ein paar wahn/witzige Doppeldeutigkeiten, denn offenbar kann man die eine historische Tatsache wie ein Gulasch immer wieder aufwärmen: Man muss die Leut‘ nur lang genug mit Parolen hartkochen, bis sie „Fremde“ fressen. Häuptling Abendwind, ihn spielt Hubsi Kramar selber, ist ein solcher als Schiffbrüchiger auf die Insel gespült worden, was sich gut trifft, da er seinen Politgegner Biberhahn mit einem opulenten gräulichen Festmahl beeindrucken will. Dieser wiederum wartet auf seinen Sohn Arthur, den er in der Zivilisation in die Friseurlehre geschickt hat, und als sich in der Suppe diesbezüglich eindeutige Utensilien finden, scheint die Sache klar. Doch Arthur hat im aufgeklärten Europa erfahren, wie das so ist mit dem Fressen und der Moral, und so wurde ein anderer aufgetischt, und Arthur kann die Häuptlingstochter Atala heiraten. Eine diplomatisch höchst willkommene Liebesallianz.

Biberhahn findet in der Suppe kein Haar, sondern einen Kamm: Patrik Huber. Bild: Lilli Crina Rosca

Der heftige Biberhahn findet in der Suppe kein Haar, sondern einen Kamm: Patrik Huber. Bild: Lilli Crina Rosca

Doch zum Glück ist Friseursohn Arthur unversehrt: Stefano Bernardin mit Gioia Osthoff als Atala. Bild: Lilli Crina Rosca

Doch zum Glück ist Friseur-Sohn Arthur unversehrt: Stefano Bernardin mit Gioia Osthoff als Atala. Bild: Lilli Crina Rosca

Als Darsteller fungiert das Hubsi-Kramar-All-Star-Team: Patrik „Satchmo“ Huber ist der heftige Biberhahn, Gioia Osthoff eine resolut-liebreizende Atala. Stefano Bernardin kann als Arthur nicht nur spielerisch überzeugen, er erweist sich sogar gesanglich als echter Figaro. Sowieso immer ein Gustostückerl ist Diseuse Lucy McEvil, die unter anderem in einem großartigen russischen Chanson samt Ballett erzählt, wie die vornehme Petersburger Familie Stroganoff zu ihrem Boeuf kam, nämlich weil die Dame des Hauses einen Liebhaber hatte. Ein Leckerbissen ist auch Markus Kofler als politischer Gefangener in oranger Schwimmweste, dessen weltverbesserische Forderungen ganz Dada sind.

Der Star des Abends ist aber das Volk von Groß-Lulu, das im Bühnenbild von Markus Liszt in nach Kramars Vorgaben selbstgefertigten Kostümen agiert. Ob Sascha Tscheik als Hofkoch Ho-Gu, Hannes Lengauer als Hofschamane oder Christian Rajchl als Holofernes, sie alle ziehen eine fantastisch verrückte Show ab, spielen, singen, kriegstanzen, bedrohen das Publikum, dass es eine Freude ist. Die Zuschauer waren ob Kramars Nonsense mit Hintersinn höchst amüsiert. Nur vom Höchstrichter Er-Ich kam am Ende die Stückanfechtungsklage …

www.akzent.at

Wien, 5. 11. 2016

MuTh – Justus Neumann: Häuptling Abendwind oder Kaufe Niere – bezahle bar

September 13, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das beste Bratl aus dem Publikum

Justus Neumann als Häuptling Abendwind mit der Biberhahn-Puppe. Bild: Wolfgang Kalal

Justus Neumann als „Häuptling Abendwind“ im Clinch mit der Biberhahn-Puppe. Bild: Wolfgang Kalal

Meine Herren, die Männer haben’s in dieser Vorstellung wirklich nicht leicht. Weil: Immer wenn Justus Neumann „Meine Herren!“ sagt, müssen sie aufstehen und sich verbeugen. Als „Häuptling Abendwind“ sucht er das beste Bratl aus dem Publikum für seinen Gast, den Biberhahn, und da ist der eine Zuschauer zu zäh, der andere zu fett, ein dritter zu sehnig, um einen g’scheiten Festschmaus abzugeben.

Den eigentlich dafür angedachten, einen tamilischen Flüchtling aus Traiskirchen namens „Sohn der Sonne“, hat ihm nämlich die Fremdenpolizei in Schubhaft gesteckt, also muss Ersatz her … So ist es, wenn der große Neumann sich an Nestroys Kannibalenburleske macht.

Zum angedroht letzten Mal spielt Justus Neumann dieser Tage in Wien Theater. Im MuTh begeht er diesen Abschied von seiner Heimatstadt, weil ihm der Weg von Tasmanien an die Donau mittlerweile doch zu beschwerlich wird. Das heißt, eigentlich ist er gekommen, um zu bleiben. Als Klimaflüchtling. Australien ist abgebrannt und mit österreichischem Pass tut man sich hierzulande relativ leicht punkto Asyl.

Die Nestroy Gesellschaft fühlt sich verpflichtet etwas für den nunmehr Mittellosen zu tun, und bittet ihn die Faschingsposse „Häuptling Abendwind“ aufzuführen. Als Solo. Was Neumann vor eine schier unlösbare Aufgabe stellt …

Die er natürlich mit Bravour, Publikum und einer überlebensgroßen Biberhahn-Puppe von Meisei Koji meistert. Neumann bettet den Nestroy in seine eigene Geschichte ein, und das macht er so gewitzt wie g’feanzt wie clownek – echt Wienerisch eben. Im rotweißrot gestreiften Leiberl erzählt er von den menschlichen Grauslichkeiten, gibt Couplets von Bildungsnotstand bis Notstandsverordnung zum besten, und schiache Wienerlieder, in denen kein Herz golden, aber der Zustand ein b’soffener ist. Sein Sohn Julius Schwing begleitet ihn auf der E-Gitarre, da kommt ein bissl Steve Vai-Stimmung auf, und der Höhepunkt ist sowieso die Dialektfassung von Jimi Hendrix‘ „Hey Joe“.

Neumann muss nichts am Stück aktualisieren. Er singt sich einfach durch den österreichischen Literaturkanon, da erkennt man durchaus, dass dies „kein schöner Land“ einst k.k. Kriegstreibernation war, und besser ist es lange nicht geworden, bis der Kannibalismus als Thema dieser Tage wieder Einzug hielt. Die Niere verkauft übrigens einer, der sich ums Geld dafür eine Bootsfahrt in die bessere Hälfte der Welt leisten will. Das ist so tragisch und zugleich so komisch geschildert, Neumann, dieser Faun von einem Volksschauspieler, regt wie immer zum Lachen und Gedanken machen an. Und wie immer fährt seine Fantasie Ringelspiel, wenn er Luftschlösser und Kartenhäuser baut, wenn er an die Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten des Lebens Watschn austeilt, als wären sie sein persönlicher Calafati. Auch mit dem Biberhahn ringt er auf Leben und Tod, der würgt ihn, aber Neumann kann ihm schließlich doch den Kopf abreißen …

Der Nestroy Gesellschaft hat’s nicht gefallen, ihr Präsident reagierte sogar höchst erbost. Was Justus Neumann schlussendlich aber wurschtl ist. Selbst Nestroy ist mit diesem Stück durchgefallen, die Kritik fand die Handlung zu „abgeschmackt“. Sagt Neumann. Und lässt es aus einem Tennisschläger Seifenblasen regnen.

Regie: Hanspeter Horner. Vorstellungen bis 22. September.

www.muth.at

www.justusneumann.com

Wien, 13. 9. 2016