Nestroy-ORF-III-Publikumspreis

November 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ab heute kann gewählt werden

Bild: © Michael Seirer Photography

Heute startet das Voting für den Nestroy-ORF-III-Publikumspreis!

Zur Wahl stehen fünf Schauspielerinnen und fünf Schauspieler: Ruth Brauer-Kvam, Thomas Frank, Pauline Knof, Johannes Krisch, Lucy McEvil, Birgit Minichmayr, Tobias Moretti, Caroline Peters, Bernhard Schir und Peter Simonischek.

 

Zum Voting: tv.orf.at/orf3/stories/2994083           www.nestroypreis.at

Alle Nominierten: www.mottingers-meinung.at/?p=35311

  1. 11. 2019

Theater Akzent: Frühere Verhältnisse

November 7, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hubsi Kramar befördert die Posse ins politische Jetzt

Adriana Zartl, Julian Loidl, Tania Golden und Hubsi Kramar rhythm ’n‘ bluesn sich durch Eva Schusters und Michael Reitingers akutpolitische Couplets. Bild: © Karl Satzinger

Eine Handvoll rotiert im Hintergrund, als wären sie ein einziges großes Schicksals-, während Hubsi Kramar an der Rampe Bert Brechts „Ballade vom Wasserrad“ rezitiert: „Freilich dreht das Rad sich immer weiter / dass, was oben ist, nicht oben bleibt. / Aber für das Wasser unten heißt das leider / nur: Dass es das Rad halt ewig treibt …“ Klar, wenn der längst mit dem Titel „Grandseigneur der freien Wiener Theaterszene“ geadelte Kramar nach einem Stück

seines Haus- und Hofautors greift, bleibt’s nicht bei der puren Nestroy’schen Posse. Dafür sind dem Bühnenmenschen die Kapriolen der aktuellen Innenpolitik denn doch zu gewaltig und der Possenreißer auf den diversen Politbühnen zu viele. Kramar ruft anfangs das Jahr 1848 als Zeitzeugen an, sein liebster Volksstückeschreiber, ist er überzeugt, hat Karl Marx‘ Kommunistisches Manifest garantiert gelesen, und also baut er seine Brücke zu Brecht und Proletariat. Schon ahnt man dessen Tschuchen das Theater Akzent erstürmen, die Arbeiterklasse im ewig antibourgeoisen Klassenkampfmodus, doch Regisseur Kramar twistet „Über die Unsicherheit menschlicher -“ und die von ihm angeklagten jetzigen zum Originaltext:

„Frühere Verhältnisse“, Einakter, entstanden 1861 als Nestroys vorletztes Werk, von Kramar auf stolze Fast-Zwei-Stunden gestreckt. Tania Golden als von der Tragödin zur Dienstbotin rückbeförderte Peppi Amsel, Adriana Zartl als Professorentöchterl Josephine und Julian Loidl als deren Gatte Herr von Scheitermann spielen mit Hubsi Kramar, der selbst die Figur des Hausknechts Anton Muffl übernimmt. Das heißt, vor allem auch singen sie, denn die Aufführung beginnt à la Chansonabend, und die großartigen neuen Couplets und Coupletstrophen von Liedtexterin Eva Schuster und Komponist wie Gitarrist Michael Reitinger erweisen sich bei der gestrigen Premiere bald als die Highlights der Produktion.

Musikalisch wird sich über Luftballon-Egos, diese zwar seelenlos, aber dafür mit Schmiss, über Arroganz und Süffisanz lustig gemacht, eine bizarre Mozartkugel-Politdebatte entspinnt sich, die Golden swingt, Loidl rockt, Kramar hat, weiß man seit seiner Leonard-Cohen-Hommage „Dance Me To The End Of Love“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28633) sowieso den Blues, und wenn Adriana Zartl beim Song „Nur a Einzelfall“ erklärt, dass die Rechnung für die eh immer gleichen aufgeht, dann sind die Sinne fürs Folgende satirisch-scharf gestellt. Rasch wird nun in Kostüme und Rollen geschlüpft, erstere karikaturistische Kreationen von Maddalena Hirschal, im Bühnenbild von Markus Liszt hebt die Handlung an, und siehe da:

Je altersloser, desto authentischer: Hubsi Kramar besingt die grundschlechten Leut‘. Bild: © Karl Satzinger

Da tanzen die Gefühle Twist: Tania Golden als Peppi Amsel und Hubsi Kramar als Hausknecht Muffl. Bild: © Karl Satzinger

Nestroy braucht keine Verjüngungskur, seine Pointen sitzen auch ohne Unwort-Nominee „zack, zack, zack“, die Charaktere sind durch die Komödie ohnedies schon zur Kenntlichkeit entstellt. Das Darstellerquartett präsentiert sich als formidable Nestroy-Spieler, Nestroy-Debütant Julian Loidl als ebenfalls mit dem entsprechenden Komödianten-Gen ausgestattet. Zwischen dem, was einer anrichtet, ein anderer ausrichtet, und wie sich’s einer richtet, taumeln Hochstapler, Emporkömmlinge und tief Gefallene, Intriganten fangen sich beim Intrigen spinnen im Netz irrwitziger Irrungen und Wirrungen, so verstrickt sind sie, dass Golden und Loidl kurz unfreiwillig lachen.

Loidl ist als Holzhändler Herr von Scheitermann ein Neureicher, der schwer an seinen Altlasten trägt, war der nunmehrige Hausherr doch vor gar nicht langer Zeit noch Hausdiener, was die holde Gattin niemals erfahren darf. Adriana Zartl setzt als diese Josephine ihr zartes Gemüt samt dazugehöriger Verstörtheit als ihre stärkste Waffe ein. In Wahrheit eine ziemliche Keifzange, degradiert sie ihren Angetrauten zum Pantoffelhelden, großartig ist das, wenn sie aufseufzend nach Luft schnappt und Scheitermann, den nächsten Nervenzusammenbruch befürchtend, schnell ein glitzerndes Geschmeide zur Hand hat, das ihr im Wortsinn in den Schoß fällt.

Unfrieden ins häusliche Unglück bringen die beiden frisch engagierten Angestellten: Tania Golden als theater- damische Köchin Peppi Amsel, die mit ihrem berühmten Auftrittscouplet „Theater, oh Theater du, der Kunst geweihter Tempel, raubst manch’ Geschöpfen Herzensruh, ich bin so ein Exempel …“ vom Zuschauersaal aus die Bühne erklimmt, die als gewesene Küchenchefin des Professors über die Kein-Kind-von-Traurigkeit-Vergangenheit von dessen „höherer Tochter“ nur allzu gut Bescheid weiß – und außerdem eine Verflossene von Anton Muffl ist.

Köchin und Dienstherrin sind einem Geheimnis auf der Spur: Golden und Adriana Zartl als Josephine Scheitermann. Bild: © Karl Satzinger

Herr von Scheitermann darf bei seiner Frau nicht scheitern: Nestroy-Debütant Julian Loidl und Adriana Zartl. Bild: © Karl Satzinger

Als dieser stellt sich Hubsi Kramar ein, mit dem legendären Liedzitat über die vielen guten Mensch’n, aber die grundschlechten Leut‘, das ehemals aktionistische Enfant terrible gereift zum Weltanschauungsphilosophen, zwar immer noch verärgert, aber nicht mehr wutschäumend über den diese regierenden Wahnsinn. Kramar wird, scheint’s, je altersloser, desto authentischer. Es ist schön, ihm dabei zuzusehen, wie er im Charakter aufgeht, sein Muffl erst ganz defätistisch-sarkastischer Diener, bis der bankrottgegangene Geschäftsmann im noblen Herrn seinen Ex-Knecht erkennt.

So wird er zum Erpresser, dessen scharfzüngiges Schweigen jenes Gold ist, das ihm der Parvenü nun reichlich in die Taschen füllen muss. Verursacht durch die allgemeine Geheimniskrämerei glauben die Frauen die Männer in einen Bankraub verwickelt, weshalb die Harfe von Anja Pichler nach kakophonischen Tönen schließlich Krimiklänge zur Suspense-Posse intoniert … Das alles schwappt wunderbar Wienerisch übers Publikum. Kramars Inszenierung von „Frühere Verhältnisse“ ist eine hochamüsante Hanswurstiade, dank Tania Golden auch hochtheatralisch, Nestroys schwarzhumorige Gesellschaftssatire ihm

gleichzeitig der perfekte Anknüpfungspunkt an akute Zustände und allgemeine Befindlichkeiten. Kramar demonstriert am Stück die gar nicht so sehr vormaligen Verwerfungen des Kapitalismus, heute: Neoliberalismus, von Menschen, denen Solidarität ein Fremdbegriff ist, den zu begreifen ihnen ihre Selbstbezogenheit verbietet. Er führt Narr-ziss wie Schandmaul vor, bevor er beide bloßstellt – das ist Unterhaltung bis in ihre Abgründe ausgelotet. Und nur noch fünf Mal zu sehen!

www.akzent.at           www.facebook.com/hubsi.kramar

  1. 11. 2019

Nestroy-Preis 2019: Die Nominierungen

Oktober 15, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Andrea Breth wird für ihr Lebenswerk ausgezeichnet

Andrea Breths Burgtheater-Inszenierung von „Die Ratten“: Sylvie Rohrer,Oliver Stokowski, Johanna Wokalek und Sven-Eric Bechtolf. Bild: Bernd Uhlig

39 Nominierte und zwei bereits fixierte Preisträgerinnen in dreizehn Kategorien stehen am 24. November ab 19.30 Uhr im Theater an der Wien im Mittelpunkt der 20. Nestroy-Gala im Theater an der Wien. Durch den Abend führen die Publikumslieblinge Maria Köstlinger und Florian Teichtmeister gemeinsam mit ORF-III-Moderator Peter Fässlacher, für das Buch konnte wie bereits im Jahr 2018 Schauspieler und Autor Nicolaus Hagg gewonnen werden.

Zwei Nestroy-Preisträgerinnen stehen bereits fest: Andrea Breth erhält den Preis für das Lebenswerk und der Nestroy-Autorenpreis für das „Beste Stück“ geht an Sibylle Berg für „Hass-Triptychon –Wege aus der Krise“ im Rahmen der Wiener Festwochen www.mottingers-meinung.at/?p=33485. Für den Nestroy-ORF-III-Publikumspreis stehen fünf Schauspielerinnen und fünf Schauspiele zur Wahl: Ruth Brauer-Kvam, Thomas Frank, Pauline Knof, Johannes Krisch, Lucy McEvil, Birgit Minichmayr, Tobias Moretti, Caroline Peters, Bernhard Schir und Peter Simonischek. Die Abstimmung startet am 11. November tv.orf.at/orfdrei.

Die Nominierungen:

Beste Schauspielerin

„Endstation Sehnsucht“: Steffi Krautz als Blanche mit Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Medea“: Steven Scharf als Lucas und Caroline Peters als Anna. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Glaube Liebe Hoffnung“: Andrea Wenzl als Elisabeth. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Anna Drexler als Marie in „Woyzeck“ von Georg Büchner, Akademietheater www.mottingers-meinung.at/?p=32719

Steffi Krautz als Blanche DuBois in „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams, Volkstheater www.mottingers-meinung.at/?p=32562

Caroline Peters als Anna in „Medea“ von Simon Stone nach Euripides, Burgtheater www.mottingers-meinung.at/?p=31048

Andrea Wenzl als Elisabeth in „Glaube, Liebe, Hoffnung“ von Ödön von Horváth, Burgtheater www.mottingers-meinung.at/?p=29672

Maja Schöne als Julie in „Liliom“ von Ferenc Molnár, Salzburger Festspiele

Bester Schauspieler

Benny Claessens als weißer Hassmaster in Sibylle Bergs „Hass-Tritychon“. Bild: © Judith Buss

„König Ottokars Glück und Ende“: Lukas Holzhausen als Rudolf von Habsburg und Karel Dobrý als Ottokar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Benny Claessens in „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“ von Sibylle Berg, Uraufführung, Wiener Festwochen www.mottingers-meinung.at/?p=33485

Lukas Holzhausen als Rudolf von Habsburg in „König Ottokars Glück und Ende“ von Franz Grillparzer, Volkstheater www.mottingers-meinung.at/?p=31195

Jörg Pohl als Liliom in „Liliom“ von Ferenc Molnár, Salzburger Festspiele

Steven Scharf als Lucas in „Medea“ von Simon Stone nach Euripides, Burgtheater und als Franz Woyzeck in „Woyzeck“ von Georg Büchner, Akademietheater www.mottingers-meinung.at/?p=31048     www.mottingers-meinung.at/?p=32719

Johannes Silberschneider als Jacobowsky in „Jacobowsky und der Oberst“ von Franz Werfel, Theater in der Josefstadt www.mottingers-meinung.at/?p=32890

„Jacobowsky und der Oberst“: Johannes Silberschneider und Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

„König Ottokars Glück und Ende“: Rainer Galke als Margarethe. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Radetzkymarsch“: Alexandra Krismer (M.) mit Pauline Knof, Alexander Absenger, Michael König und Oliver Rosskopf. Bild: Moritz Schell

Beste Darstellung einer Nebenrolle

Rainer Galke als Margarethe von Österreich/Paltram Vatzo/Friedrich Zollern in „König Ottokars Glück und Ende“ von Franz Grillparzer, Volkstheater www.mottingers-meinung.at/?p=31195

Evi Kehrstephan als Anna in „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch, Volkstheater www.mottingers-meinung.at/?p=31708

Alexandra Krismer als Oberst Kovacs, Valerie von Taußig, Fräulein Hirschwitz, Polizeirat Fuchs in „Radetzkymarsch“ von Joseph Roth, Dramatisierung von Elmar Goerden, Uraufführung, Theater in der Josefstadt www.mottingers-meinung.at/?p=33412

Christoph Luser als Erich Spitta in „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann, Burgtheater www.mottingers-meinung.at/?p=32521

Oda Thormeyer als Frau Muskat in „Liliom“ von Ferenc Molnár, Salzburger Festspiele

Beste Regie

Steven Scharf als „Woyzeck“. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Woyzeck“: Anna Drexler und Guy Clemens. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kornél Mundruczó mit „Liliom“ von Ferenc Molnár, Salzburger Festspiele

Dušan David Pařizek mit „König Ottokars Glück und Ende“ von Franz Grillparzer, Volkstheater www.mottingers-meinung.at/?p=31195

Johan Simons mit „Woyzeck“ von Georg Büchner, Akademietheater www.mottingers-meinung.at/?p=32719

Bester Nachwuchs weiblich

„Endstation Sehnsucht“: Nils Hohenhövel, Alaedin Gamian, Katharina Klar, Birgit Stöger, Günter Franzmeier und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„AUTOS“: Johanna Baader, Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger, Steffen Link und Simon Bauer. Bild: © Matthias Heschl

Pinar Karabulut mit der Inszenierung „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams, Volkstheater www.mottingers-meinung.at/?p=32562

Enis Maci als Autorin von „AUTOS“, Uraufführung, Schauspielhaus Wien www.mottingers-meinung.at/?p=31271

Anna Rieser als Grace in „Dogville“ von Lars von Trier, Landestheater Linz

Bester Nachwuchs männlich

Moritz Beichl mit der Inszenierung „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“ von Paulus Hochgatterer, Uraufführung, Landestheater Niederösterreich

Niklas Doddo als Phil in „Die Mitte der Welt“ von Andreas Steinhöfel, in einer Fassung von Werner Sobotka, Theater der Jugend

Matthias Rippert mit der Inszenierung „Ernst ist das Leben – Bunbury“ von Oscar Wilde, deutsche Fassung von Elfriede Jelinek, Landestheater Linz

Beste Ausstattung

„Deponie Highfield“: Martin Wuttke und Caroline Peters. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Der einsame Weg“: Therese Lohner, Marcus Bluhm, Alexander Absenger, Alma Hasun und Bernhard Schir. Bild: Astrid Knie

Katrin Brack für „Deponie Highfield“ von René Pollesch, Uraufführung, Koproduktion Wiener Festwochen, Burgtheater www.mottingers-meinung.at/?p=33469

Raimund Orfeo Voigt für „Der einsame Weg“ von Arthur Schnitzler, Theater in der Josefstadt und für „Sommergäste“ von Maxim Gorki, Salzburger Festspiele www.mottingers-meinung.at/?p=30503

Monika Pormale für „Liliom“ von Ferenc Molnár, bearbeitet von Alfred Polgar, Koproduktion Salzburger Festspiele, Thalia Theater Hamburg

Spezialpreis

„Das Dorf“ von Nesterval, Konzept und Regie Herr Finnland, Uraufführung, Koproduktion Nesterval und brut Wien

„Ungebetene Gäste“ von DARUM (Laura Andreß, Victoria Halper, Kai Krösche), Uraufführung, Produktion DARUM, Kooperation mit WERK X-Petersplatz www.mottingers-meinung.at/?p=32445

„3 Episodes of Life“ von Markus Öhrn, Uraufführung, Wiener Festwochen

„Ungebetene Gäste“. Bild: DARUM

„Anstoß – Ein Sportstück“: Johannes Scherzer und Ensemble. Bild: © Jakub Kavin

Beste Off-Produktion

„Anstoß – Ein Sportstück“ von Jakub Kavin, Uraufführung, TheaterArche www.mottingers-meinung.at/?p=31865

„Liliom.Club“ nach „Liliom“ von Franz Molnár und „Fight Club“ von David Fincher, Regie und Konzept Ernst Kurt Weigel, Uraufführung, Koproduktion Das Off-Theater und das.bernhard.ensemble

„The Bruno Kreisky Lookalike“ a Sitcom in 10 Episodes von Toxic Dreams, Text und Regie Yosi Wanunu, Uraufführung, Koproduktion Toxic Dreams und WUK performing arts 

Beste Bundesländer-Aufführung

„Die Revolution frisst ihre Kinder!“ ein Film- und Theaterprojekt von Jan-Christoph Gockel & Ensemble, Uraufführung, Kooperation Schauspielhaus Graz, Africolognefestival

„Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horváth, Inszenierung Susanne Lietzow, Landestheater Linz

„Vor Sonnenaufgang“ von Ewald Palmetshofer nach Gerhart Hauptmann, Inszenierung Georg Schmiedleitner, Stadttheater Klagenfurt

Beste Aufführung im deutschsprachigen Raum

„Dionysos Stadt“ Inszenierung Christopher Rüping, Münchner Kammerspiele

„Häuptling Abendwind“ von Johann Nepomuk Nestroy, Inszenierung Christoph Marthaler, Deutsches SchauSpielHaus Hamburg

„Tartuffe oder das Schwein der Weisen“ von PeterLicht nach Moliére, Uraufführung, Inszenierung Claudia Bauer, Theater Basel

www.nestroypreis.at           Abstimmung/Publikumspreis: tv.orf.at/orfdrei

14. 10. 2019

Theater in der Josefstadt: Einen Jux will er sich machen

Oktober 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch kann herrlich süßholzheucheln

Der Lehrbub steht dem Kommis in nichts nach: Die Josefstadt-Debütanten Johannes Krisch und Julian Valerio Rehrl als Weinberl und Christopherl. Bild: Rita Newman

Das Ereignis der gestrigen Nestroy-Possen-Premiere „Einen Jux will er sich machen“ am Theater in der Josefstadt sind tatsächlich deren drei. Selbstredend das Hausdebüt von Johannes Krisch. Der nach dreißig Jahren Mitgliedschaft am Burgtheater aufgrund von „Altlasten“ und im Sinne der „Selbstachtung“, wie Krisch das Thema im Bühne-Interview kurz abfertigte, nicht länger auf dessen Ensembleliste steht. Und hierauf von Herbert Föttinger herzlichst bewillkommnet wurde.

Und nun an seine erste Rolle im achten Hieb, den Handlungsdiener Weinberl, mit einem verschmitztem Charme und derart viel Wiener Schmäh herangeht, mit einem vor Spielfreude hell brennenden Herzen, dass es die des Publikums im Handumdrehen entflammt. Der Charakterschauspieler ist ein Glück, das man hoffentlich verstehen wird, festzuhalten, nicht nur Vollblutkomödiant, sondern auch einer von der immer seltener werdenden Sorte der Volksschauspieler – wobei diesbezüglich en tout Vienne um die Josefstadt am wenigsten zu fürchten ist. Wie Krisch seinen Midlife-„Greißler“ zum „verfluchten Kerl“ avanciert, wie er dessen verrückte Sehnsucht nach einmal Exzess im Leben anlegt, wie dieser Weinberl bei den folgenden Verstrickungen in Sachen Hochstapelei zur Hochform aufläuft, der eben noch beflissene Kommis, der jetzt prahlt und in seiner Not, entlarvt zu werden, profimäßig improvisiert, wie er vor den Damen süßholzheuchelt, das ist große Kunst.

Um nichts weniger erfreulich, die anderen zwei Neuzugänge: Robert Joseph Bartl, Krimifans bekannt als München-„Tatort“-Gerichtsmediziner Dr. Mathias Steinbrecher, der als Gewürzkrämer Zangler sein ganzes Gewicht in die Figur legt, und als – dieweil ihn sein Hausstaat ohnedies nicht ernst nimmt – strenger Herr mit batzweichem Kern den Zuschauern einen Riesenspaß macht. Ebenso wie Julian Valerio Rehrl, nagelneu aus der Schauspielschule Ernst Busch, der als Lehrling Christopherl zwischen spitzbübisch und panisch schwankt, ersteres in Anwesenheit der Mesdames, zweiteres, wenn er angesichts der Ausweglosigkeit von Situationen am liebsten „o‘fohrn“ möchte.

Mit Rehrl hat Föttinger ein junges Talent entdeckt, das sich mit Verve in seine Aufgaben wirft, seien’s die von der Regie vorgesehenen grobmotorischen Slapstick-Momente, seien’s die choreografisch fein getänzelten Szenen mit Johannes Krisch. An dessen Seite Rehrl grandios besteht, die beiden per ihrer punkgestreiften Hosen als bühnenverwandte Seelen ausgewiesen, und als solche fürs Uptempo der Aufführung zuständig. Diese hat Stephan Müller zu verantworten, der Schweizer Theatermacher, den Krisch noch von seinen „Nothing Special“-Gigs im Burgtheater-Kasino kennt, und der mit dieser Arbeit seinen ersten Nestroy inszeniert.

Marie und ihr Herzensmann August Sonders auf der Flucht: Anna Laimanee und Tobias Reinthaller. Bild: Rita Newman

Das is klassisch! Martin Zauner als Melchior mit Josefstadt-Neuzugang Robert Joseph Bartl als Zangler. Bild: Rita Newman

Für den er gewissermaßen eine kokette Künstlichkeit zur Methode erhebt. Müllers Zugang zum „Jux“ heißt schräg, skurril, schrullig. Was bedeutet, dass er mit dem so leicht ins Lächerliche zu ziehenden Soziotop des städtischen Bürgertums weit mehr anfangen kann, denn mit Nestroys Gesellschaftskritik – die er umschifft, als hätte der „Jux“ in den Charakteren Weinberl und Christopherl kein „Zu ebener Erde“. Nur einmal darf der Kommis über die „Kapitalisierung des Verstandes“ sinnieren, und zweifellos ist die tumultöse Handlung perfekt getimt, werden die Pointen so treffsicher ge-, wie Müller auf punktgenaue Sprache setzt, aber der gfeanzte Subtext, der fiese Sarkasmus, mit dem der Volkstheaterdichter die nicht nur früheren Verhältnisse beschreibt, fehlen.

Müllers Synonym für Posse ist Schwank, nicht Farce, und auch die neuen Coupletstrophen von Autor Thomas Arzt sind ziemlich handzahm, höflicher gesagt: übersubtil, es geht um die Eh-schon-wissen-Themen von Klimakrise über #MeToo bis zum von Krisch im Wortsinn frisch aus dem Hut gezauberten Politstatement „Die rechte Hand in die Höh‘ – das is ganz a blöde Idee.“ Die Musiker, die Krisch begleiten, sind Matthias Jakisic mit der E-Geige und Thomas Hojsa mit dem Akkordeon, deren Interpretation von Alt-Wiener Melodien Protagonist wie Publikum von den diesjährigen Festspielen Gutenstein kennen, wo Krisch in Felix Mitterers „Brüderlein fein“ den Nestroy-Konkurrenten Ferdinand Raimund verkörperte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34049).

Alles trifft sich im Haus des Fräulein von Blumenblatt: Elfriede Schüsseleder (M.) mit Martina Stilp als Madame Knorr, Robert Joseph Bartl, Paul Matić als Wächter, Anna Laimanee und Alexandra Krismer als Frau von Fischer. Bild: Rita Newman

Für Müllers 130-minütiges kunterbuntes Treiben haben Sophie Lux und Birgit Hutter ein entsprechendes Bühnenbild und Kostüme entworfen, von der in sich geschlossenen Bretter-vorm-Kopf-Welt des Zangler’schen G‘wölbs bis zur grünabgesteppten Gummizelle, die die Wohnung des Fräulein von Blumenblatt markiert. Den Modesalon der Madame Knorr säumen orange-güldene Wolkenstores, in selbem Material und Farben glänzt die Toilette der Couturière und ihrer Busenfreundin Frau von Fischer.

Optische Gustostücke, und wie die gesamte Garderobe von gigantischen Zylindern bis zu Zanglers zu engem Schützenrock grotesk überzeichnete Biedermeierzitate, die mittels Zugband bis zum Juhu gerafft werden können. Was Martina Stilp und Alexandra Krismer, beide festgelegt auf den Typ flatterhafte Funsn, genüsslich wieder und wieder zur Schau stellen. Martin Zauner amüsiert als Hausknecht Melchior unfehlbar „klassisch“ mit seinen Kabinettstückchen, ein wichtigtuerischer Kommentator des Geschehens, der, wo noch keine Verwirrung herrscht, garantiert für diese sorgt. Anna Laimanee und Tobias Reinthaller wissen als Liebespaar Zangler-Mündel Marie und August Sonders, wie man, was sich nicht schickt, auf gewiefte Weise trotzdem durchführen kann.

Von den etlichen, die in mehreren Rollen zu sehen sind, passt Elfriede Schüsseleder als überspannt, überkandideltes Fräulein von Blumenblatt wohl am besten ins Müller’sche Konzept. Für ihre ins Absurde gesteigerte Gestaltung dieser – wie die Knorr gleich ihren Wänden gekleideten – Kunstfigur, davor gibt Schüsseleder Zanglers hantige Wirtschafterin Frau Gertrud, gab’s den gebührenden Applaus, wie Cast und Crew überhaupt mit viel Jubel bedankt wurden. Nach dieser Begeisterung beim Premierenabend scheint’s, als hätte die Josefstadt mit dem „Jux“ einen weiteren Publikumshit zu verbuchen.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=ZqYGG-Z2558           www.josefstadt.org

  1. 10. 2019

Nestroy-Preis 2018: Die Gewinner

November 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Keine besonderen Vorkommnisse

The Who and The What: Peter Simonischek mit Aenne Schwarz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Für den Gag des Abends sorgte Peter Simonischek in Abwesenheit. Weil er Samstagabend kurzfristig mit einer Vorstellung einspringen musste, konnte er nicht bei der Nestroy-Preis-Verleihung im Theater an der Wien sein. Die Auszeichnung entgegen nahm sein Sohn Benedikt, der brav des Vaters Dankesworte verlas, von einem Zettel, auf dessen Rückseite deutlich Simonischeks Statement „Na endlich!“ zu erkennen war.

Erhielt der Burgschauspieler mit der Goldtrophäe für seine Leistung in „The Who and The What“ doch tatsächlich erst seinen ersten „Nestroy“. Für die frech festgehaltene Feststellung gab’s viel Gelächter und Applaus im Publikum.

Ansonsten, so könnte man sagen, keine besonderen Vorkommnisse. Es wirkte, als hätten die Theaterkünstlerinnen und – künstler des Landes zu dessen aktueller Lage nichts zu sagen. Mit Ausnahme von Autor Ferdinand Schmalz, der sich bezüglich „Bundespopulisten“ und „Vorurteilsfäulnis“ kein Blatt vor den Mund nahm. Schmalz‘ Kritik richtete sich an jene, die „gern an der Festung Europa“ bauen, „obwohl man meinen könnte, dass die, die heute wirklich unsere Sicherheit gefährden, in den Ministerien sitzen.“ Der Dramatiker: „Wir dürfen nicht vergessen, dass mit der Zukunft der Demokratie auch die Zukunft des Theaters auf dem Spiel steht.“ Und auch Regisseur Dušan David Pařízek warnte vor „Rechtsruck“ und einer „weltfremden linken Elite“.

Laudator Klaus Maria Brandauer verneigte sich mit einer „Satzbiografie“ vor Peter Handke für dessen Lebenswerk. Der war ganz im Glück und antwortete mit einer launigen Rede. Kein Glück hatte indes Nikolaus Habjan. Bereits zum zweiten Mal mit dem ORF III-Publikumspreis bedacht, konnte er diesen, weil erkrankt, nicht selbst entgegennehmen. Er schickte seine Schwester. Durch den Abend führten, nach dem Buch von Nicolaus Hagg, Maria Happel, Viktor Gernot und Peter Fässlacher als sympathisches und nicht nur sängerisch talentiertes Moderatorentrio – überraschte doch Fässlacher mit einer Showeinlage als Taschenspieler und Gernot mit einer täuschend echten Otto-Schenk-Parodie. Das Theater in der Josefstadt ging unverständlicherweise völlig leer aus.

Die Preisträger:

Vor Sonnenaufgang: Dörte Lyssewski mit Markus Meyer und Michael Maertens. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

jedermann (stirbt) von Ferdinand Schmalz. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die Zehn Gebote: Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Muttersprache Mameloschn: Suse Lichtenberger, Michèle Rohrbach, Martina Rösler und Jelena Popržan. Bild: Bettina Frenzel

Lebenswerk: Peter Handke www.mottingers-meinung.at/?p=18269   http://www.mottingers-meinung.at/?p=23720

Bestes Stück – Autorenpreis: Ferdinand Schmalz für „jedermann (stirbt)“ am Burgtheater www.mottingers-meinung.at/?p=28390

Beste Ausstattung: Alice Babidge für „Hotel Strindberg“ am Akademietheater www.mottingers-meinung.at/?p=28131

ORF III-Publikumspreis: Nikolaus Habjan www.mottingers-meinung.at/?p=26649

Beste Schauspielerin: Caroline Peters in „Hotel Strindberg“ am Akademietheater www.mottingers-meinung.at/?p=28131

Bester Schauspieler: Peter Simonischek in „The Who and the What“ am Akademietheater www.mottingers-meinung.at/?p=28977

Beste Darstellung einer Nebenrolle: Dörte Lyssewski in „Vor Sonnenaufgang“ am Akademietheater www.mottingers-meinung.at/?p=27733

Beste Regie: Dušan David Parizek mit „Vor Sonnenaufgang“ am Akademietheater www.mottingers-meinung.at/?p=27733

Bester Nachwuchs weiblich: Lara Sienczak in „Die Weiße Rose“ am Theater der Jugend

Bester Nachwuchs männlich: Peter Fasching in „Die Zehn Gebote“ am Volkstheater www.mottingers-meinung.at/?p=27700

Spezialpreis: „Die Kinder der Toten“, Regie Nature Theater of Oklahoma beim steirischen herbst www.mottingers-meinung.at/?p=26015

Beste Off-Produktion: „Muttersprache Mameloschn“, Inszenierung Sara Ostertag am KosmosTheater www.mottingers-meinung.at/?p=27612

Beste Bundesländer-Aufführung: „Iwanow“, Inszenierung Mateja Koležnik am Stadttheater Klagenfurt www.mottingers-meinung.at/?p=24871   www.mottingers-meinung.at/?p=30503

Beste Aufführung im deutschsprachigen Raum:Die Perser“, Inszenierung Ulrich Rasche bei den Salzburger Festspielen

www.nestroypreis.at

  1. 11. 2018