Wiener Festwochen: Der Auftrag

Mai 24, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mehr Heiner Müller geht nicht

Regisseur Jürgen Kuttner als Heiner Müller, Hagen Oechel, Corinna Harfouch und Janko Kahle. Bild: © Katrin Ribbe

Regisseur Jürgen Kuttner als Heiner Müller mit der drapeau tricolore: Hagen Oechel, Corinna Harfouch und Janko Kahle. Bild: © Katrin Ribbe

Das mit den Königspudel-Cheerleadern erschließt sich nur bedingt. Wegen des von der ErstenLieben verlangten Vergewaltigungsakts der „schwarzen Hündin“? Au, Hirnverstauchung, das wär‘ aber ums Eck gedacht. Na, macht ja nix. Das Regieduo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner zeigt bei den Wiener Festwochen Heiner Müllers „Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution“, und die Produktion aus Hannover hat auf ihrem Weg ans Theater an der Wien nichts an Farbe eingebüßt.

Liberté, égalité, fraternité steht nicht nur in großen Lettern über der Bühne, sondern den Darstellern buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Auch das letztlich eine Ins-Konzept-Quetschung, weil, was hatten Debuisson und das Ideal der Gleichheit aller Menschen je miteinander zu tun? Aber, apropos Idee und Konzept, Unterwerfung unter beide, so noch das Wörtchen Regie- davor steht, muss sein. Und so laden Kühnel und Kuttner ins Varieté der Eitelkeiten, mitten rein also in die Politik, willkommen, bienvenue, welcome, was wird dieser Tage nicht ein Zirkus gemacht um Ideologien und politische Zeitenwenden, deren Stunde dann doch nicht schlägt. Es spricht, und zwar beinah ausschließlich, Heiner Müller himself. Die Regisseure machen den Mitschnitt einer Lesung aus dem Jahr 1980 zur Tonspur ihrer Inszenierung, das hat schon was, der DDR-Dichter und Andersdenker mit seiner nasalen, schmucklosen Stimme, die sich nie hebt und nichts hervorhebt, und man weiß spätestens jetzt, warum Heiner-Müller-Stücke als enigmatisch zu gelten haben: Die Schauspieler haben ihn mutmaßlich nicht verstanden, akustisch heißt das, übers Metaphorische lässt sich ohnedies nur orakeln.

Die Kaffeekannenbourgeoisie: Sarah Franke und Jonas Steglich. Bild: © Katrin Ribbe

Die Kaffeekannenbourgeoisie: Julia Schmalbrock und Jonas Steglich. Bild: © Katrin Ribbe

Im Theater der weißen Revolution: Corinna Harfouch beobachtet den Kampf Robespierre gegen Danton. Bild: © Katrin Ribbe

Theater der weißen Revolution: Papp-Danton gegen Karton-Robespierre. Bild: © Katrin Ribbe

Der Star in der Manege ist Corinna Harfouch als Debuisson, angetan als Weißclown und den Großteil des Abends als Müllers stumme Dienerin beschäftigt. Erst beim Fahrstuhl-Monolog darf sie die eigene Stimme erheben. Das tut sie anfangs karikaturhaft sächselnd, bis ihr das Clownesk-Komödiantische ins Grauen wegbricht. Dies ungefähr auch die beiden Temperaturen, zwischen denen die Aufführung wechselt. Wie sie ihren Debuisson mit großen, beinah stummfilmhaften Gesten, weil die Figur hier ja allegorisch-überlebensgroß erscheint, über die Bühne schiebt, ist eine Sensation. Sie hat sich selbst choreografiert, ihren Auftritt mit eckigen Bewegungen wie ein bizarres Ballett ausgestaltet. Harfouch ist der Höhepunkt des Abends. Ihre Mitrevolutionäre sind Janko Kahle als roter Löwenbändiger-Galloudec und Hagen Oechel als ein Sasportas, dem der Glaube an die Freiheit so eingebläut wurde, dass sich sogar seine Haut danach färbte. „Wir sind nicht gleich, bis wir einander nicht die Haut abgezogen haben“, sagt die Figur einmal und in diesem Fall könnte diese ihr Outfit an die Blue Man Group verleihen.

Artisten Tiere Attraktionen. In der nächsten Abteilung eine Käfignummer, ein Zaubertrick, der aber niemanden entfesselt. Der sterbende Sklave, dessen die drei Emissäre der Französischen Revolution bei ihrer Ankunft auf Jamaika als erstes ansichtig werden, muss in seinem Foltergefängnis verbleiben. Sie wissen schon, Zitat „Einem können wir nicht helfen“. Mit solcherart skurrilbunten Bildern und den sphärisch mahlenden Postrockklängen der „Tentakel von Delphi“ rund um Harfouch-Sohn Hannes Gwisdek geht es weiter. Antoine nebst Gattin sind zu biederbourgeouiser Petite-Fleur-Kaffeekanne nebst Tasse mutiert, er hat den überdimensionalen Ausgießer genau da, wo!, wenigstens das ein Glück; den Brief, der die Rückblende einleitet, überreicht ausgerechnet einer der Matrosen von Kronstadt. Rote-Fahne-Schwenken inklusive. Die ErsteLiebe lebt mit ihren Pudeln offensichtlich auf Tara, schlechte Tonqualität und Uralttechnicolor, jetzt passt das endlich, und Billie Holiday singt „Strange Fruit“. Das „Theater der weißen Revolution“ ist ein hinreißend gestalteter Livecomicfilm, in dem sich Danton und Robespierre zum „Rocky“-Theme die Pappkameradenköpfe einschlagen. Heiner Müller im Wunderlichland. Und an der Assoziationskette leuchten alle Tricolore-Lichter.

Le drapeau tricolore: Hagen Oechel, Corinna Harfouch und Janko Kahle. Bild: © Katrin Ribbe

Auch Zirkusartisten können keinen Sklaven aus seinem Käfig befreien: Hagen Oechel, Corinna Harfouch und Janko Kahle. Bild: © Katrin Ribbe

Dass die Burleske zur Müller-Pathetik über weite Strecken aufgeht, ist erstaunlich, aber Tatsache: Idee + Konzept = Regie. Kühnel und Kuttner haben ihren Auftrag erfüllt. Mehr Heiner Müller geht nicht. Nicht nur, weil Jürgen Kuttner als dessen quasi Alter Ego mit Krankenkassenbrille und zerlebter Lederjacke die Veranstaltung moderiert – ein Heiner Müller aus Karton wirft im Revolutionsring das Handtuch, ein anderer hängt als Fotografie an einer Wohnzimmerwand.

Sondern weil sie seine Botschaft aus dem Jahr 1979 konsequent weitergedacht haben. Am Ende, im Plattenbau-Verschlag, versammelt sich die linke Creme, Marx und Lenin und Stalin, Rosa Luxemburg, Mao und der Che, ihr Tun nicht einsichtig, sondern per Überwachungskamera ins außen übertragen. Sie werden für ihre Gedankenerbschaft sterben müssen. Die Revolution frisst bekanntlich ihre Kinder, um den Satz auch noch zu bemühen, manchmal aber fressen die Kinder ihre Revolution. Und immer schreien andere „Wir sind das Volk“. Debuisson sagt: „Jetzt weht der Wind aus gestern“, denn der von Heiner Müller beschriebene Krieg der Landschaften hat längst wieder begonnen. Das aufzuzeigen ist ein starkes Stück.

Video: www.youtube.com/watch?v=nFG7LyMUVEI

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Látszatélet/ Scheinleben: www.mottingers-meinung.at/?p=20141

Città del Vaticano: www.mottingers-meinung.at/?p=20120

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 24. 5. 2016

Eine fulminante Inszenierung, die leider kaum Fans fand

Februar 9, 2013 in Bühne

05.12.2011, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/9

Volkstheater: Schnitzler bleibt Schnitzler

Arthur Schnitzlers Schauspiel „Der einsame Weg“ im Wiener Volkstheater ist alles andere als Easy Viewing. Und das ist auch gut so!

Der Löwe, Leihgabe des Naturhistorischen Museums, ist das schönste Symbol fürs Stück. Selbst tot setzt er noch zum Sprung an, ein Leben zu nehmen. Welch eine Metapher für Arthur Schnitzlers Schauspiel „Der einsame Weg“.

Der Löwe dreht sich in einer weiß ausgeschlagenen Arena, mit ihm die wenigen Versatzstücke, die’s braucht, um Orte klarzumachen. Ein paar Stühle, ein Plastik-Gewächshaus, ein Servierwagen. Verdorrte Bäume hängen verkehrt von der Decke.
Dazu senkt sich bei Bedarf eine Leuchttafel. „Fort“ steht darauf – weg aus dieser Existenz, später: „Komm“ – mit in den Untergang.

Dazu gibt’s einen Autor von Sala in Plisseekleid und Glamrockledermantel, einen Maler Fichtner in Jogginghose zu nacktem Oberkörper. Felix, der k.u.k.-Offizier, trägt Tarnkampfanzug.

Ah, sagt die Optik im Volkstheater. Da hat sich einer einsam einen Weg geschneist und will ein wenig Regietheatersalz in Publikumswunden streuen.
Nein.

Regisseur Alexander Nerlich, er ist 32 Jahre alt, hat Schnitzler inszeniert. Wort für Wort. Ohne des Dichters Text auch nur in irgendeiner Form Gewalt anzutun.
Ohne aber auch Salonton-Singsang zuzulassen.
Der Weg ist hart. Heute.
Aufbruch in die Moderne!

Tod und Trieb

Für die Gewalt sorgen die Figuren, die am Ende mit Axt und Messer auf sich und andere losgehen. „Ruby Tuesday“ klampft Günter Franzmeier dazu auf der Stromgitarre, als Julian Fichtner ein lang schon angegrauter „junger Wilder“.

So erzählt Nerlich die Story: Eine Alt-68er-Kommunengeneration, wo jeder mit jeder. Und jetzt?

Liegen ihre besten Zeiten im Künstlergrab. Aber der Trieb ist noch da. Also?
Kramen die Egomanen in ihrer ach so glorreichen Vergangenheit und zerstören mit dem hervorgezauberten Zerrbild die Zukunft.

Alles ist Dekadenz. Man spielt Überdruss. Das macht das Aneinandervorbeireden leichter. Denn den eigenen Blickwinkel, das Trutzwinkerl, will eh keiner verlassen.
Nerlich unterlegt diesen Schnitzler’schen Subtext mit wunderbaren Bildern. Eine Schattenspiel-Umarmung in einem als Dia projizierten Sonnenuntergang.

Im Zentrum der Schauspieler tobt Franzmeier. Sein Fichtner holt diese Untergangsgesellschaft aus dem Wachkoma, nur um ihr den Todesstoß zu versetzen.
Denis Petkovic; bringt als am Herzkasperl laborierender Stephan von Sala noch die Kraft auf, „Johanna“ Nanette Waidmann zu verführen. Ein hocherotisches Paar. Das sich für Selbstmord entscheiden wird.

Simon Mantei überzeugt als Felix, der sich zwischen Erzeugervater Fichtner und Ernährervater Professor Wegrat (Erwin Ebenbauer) entscheiden muss. Die Väter bleiben über. Bleiben zurück. Sie haben den Löwensprung aus dem Leben verpasst.

Fazit: Ein rücksichtslos fordernder Abend

Stück: Über Professor Wegrat und seine sterbenskranke Frau Gabriele brechen Kunst-Figuren aus der Vergangenheit herein. Maler Fichtner, der ein Pantscherl mit Gabriele hatte, fordert seine Vaterrechte an Sohn Felix ein. Der sterbenskranke Autor Sala beginnt ein Pantscherl mit Tochter Johanna. Das Ende: tödlich.

Inszenierung: Rücksichtslos fordernd wie die Figuren im Stück. Easy viewing am Theater geht anders. Gut so! Regisseur Nerlich und Bühnenbildner Wolfgang Menardi setzen Maßstäbe. Schnitzler bleibt Schnitzler. Und entsteht dabei doch neu.