Theater in der Josefstadt: Der Bauer als Millionär

Dezember 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geistreich geht’s durchs Geisterreich

Abschied von der Jugend: Michael Dangl und Sopranistin Theresa Dax. Bild: Erich Reismann

Die Drehbühne, eine Seite Feen-, andere irdische Welt, dominiert der Leuchtschriftzug „Geisterreich“, daraus wird, je nachdem welche Buchstaben gerade in Rot erglimmen, ein „geistreich“ oder nur „reich“, dann ein „erreicht“. Eine originelle Idee, die Regisseur Josef E. Köpplinger und Bühnenbildner Walter Vogelweider da hatten, und auch die modernste des Abends. Denn Köpplinger widersteht bei seiner Inszenierung von Ferdinand Raimunds „Der Bauer als Millionär“ am Theater in der Josefstadt jeder Versuchung zur Zwangsaktualisierung.

Bis auf eine Zeitstrophe beim „Aschenlied“, in der Fortunatus Wurzel von grenzenlosem Denken schwärmt und den kalten Wind, der von rechts weht, beklagt, lässt Köpplinger das „romantische Original-Zaubermärchen“ von Querverweisen unangetastet, weder Streikdrohung noch „Sonderbehandlung“ noch Sozialversicherungsreform müssen vorkommen, das ist dieser Theatertage mal was anderes – und offenbar so ungewöhnlich, dass Pausengespräche in die Richtung gingen, ob man das denn eigentlich dürfe.

Doch der derzeitige Chef des Münchner Gärtnerplatztheaters vertraut dem Dichter und dessen ewiggültiger Botschaft vom Geld, das allein nicht glücklich macht, und vertraut auch der Musik von Joseph Drechsler, die ein sechsköpfiges Orchester unter der Leitung von Jürgen Goriup mit Verve umsetzt. Diesem ist einer von zwei Höhepunkten des Abends zu verdanken, wenn Sopranistin Theresa Dax als Jugend ihr „Brüderlein fein“ singt, und sich nicht nur stimmlich auf höchstem Niveau, sondern schauspielerisch, angetan mit einem rosa Bubenanzug, als ein androgynes Wesen von anrührender Zartheit präsentiert. Ebenfalls Szenenapplaus gab es für ihr Pendant, Wolfgang Hübsch als das hohe Alter ein Respekt gebietender, resoluter Mann von Welt, der sich unversehens in einen zynischen, zahnlos scheinenden Mummelgreis verwandelt, sowie er Wurzel die nun anstehenden Zipperlein vor Augen führt. Hübschs trockener Humor, mit dem er seine Figur ausstattet, ist geradezu das Paradebeispiel für die Köpplinger-Handschrift dieser Aufführung.

Lacrimosa und ihre Vertrauten: Alexandra Krismer mit Alexander Strömer, Patrick Seletzky und Tamim Fattal. Bild: Erich Reismann

Hass, Neid und ihr Handlanger: Ljubiša Lupo Grujčić, Martin Niedermair und Dominic Oley. Bild: Erich Reismann

Das hohe Alter hält Einzug bei Fortunatus Wurzel: Wolfgang Hübsch mit Michael Dangl. Bild: Erich Reismann

Den Fortunatus Wurzel spielt Michael Dangl ziemlich deftig. Sein rabiat polternder Neureicher ist ein Bauer geblieben, das Gemüt schlicht, der Verstand verblendet, ein Trinker und Tunichtgut, als Aschenmann beinah ein Ebenbild der Kriehuber-Lithographie, und doch einer, dem man zwar Gebrochenheit und Läuterung, das Happy End aber nur bedingt abnimmt. Während Lisa-Carolin Nemec ein unauffällig-nettes Lottchen ist, gibt Tobias Reinthaller seinem armen Fischer Karl Schilf mit Temperament Kontur. Johannes Seilern macht sich gut als hinterlistiger Lorenz, Paul Matić darf als Habakuk ein Kabinettstück abliefern, dieses in Anlehnung an den Lurch der Addams Family, was ihm einiges an Lachen sichert.

Die Feenwelt nimmt Köpplinger absolut ernst, da wird nichts ironisiert oder karikiert, auch das ein wohltuender Zug an der Aufführung, wenn Alexandra Krismer als Lacrimosa einfach nur eine Mutter ist, die um das Wohlergehen ihrer Tochter bangt. Unter den sie umschwirrenden Geistern verströmt Alexander Pschill als Ajaxerle schwäbelnden Charme, Patrick Seletzky ist als Bustorius ein würdiger Zauberer aus Varaždin. Und weil die Bösen natürlich stets die besten Rollen sind, brillieren Dominic Oley als rotgewandeter Hass, Martin Niedermair als grüner Neid und Ljubiša Lupo Grujčić als deren heimtückisch-komischer Kammerdiener.

Warum Julia Stemberger ausgerechnet als Zufriedenheit ein schwarzes Trauerkleid tragen muss, die Kostüme sind von Alfred Mayerhofer und tatsächlich gibt es eine Friedhofsszene mit ein paar Grabstein schwingenden Untoten, erschließt sich einem ehrlich nicht. Schön hingegen, wie Köpplinger die Stemberger zur Spielmacherin, zur Strippenzieherin macht, die mit Durchsetzungskraft, und manchmal fast ein wenig hantig, schlussendlich die Geschicke der Geister und der Menschen lenkt.

Fazit: Köpplinger setzt auf Raimunds bissigen Wortwitz, würzt das Singspiel durchaus mit dessen Depression, verzichtet auf allzu Liebliches ebenso wie auf das Abklopfen von Leitartikelthemen – und das ergibt in Summe mehr Ferdinand Raimund, als andere Inszenierungen von sich sagen können. „Der Bauer als Millionär“ an der Josefstadt versteht sich als Unterhaltung. Mit Haltung.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=RqPTF4w0U6k

www.josefstadt.org

  1. 12. 2018

Bronski & Grünberg: Titanic

Februar 1, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Was David Cameron nicht erzählt hat

Rette sich, wer das Geld dafür hat: Daniela Golpashin, Claudius von Stolzmann, Johanna Prosl, David Oberkogler, Lisa-Caroline Nemec. Bild: Andrea Peller

Zwanzig Jahre nachdem die „Titanic“ auf der großen Leinwand gesunken ist, tut sie’s nun im Bronski & Grünberg. Wenig hat sich seitdem verändert, Diverses verschlechtert sich gerade wieder, und die Rettungsboote sind immer noch für die Reichen gedacht. Regisseur und Autor Dominic Oley spart bei seiner Bühnen- adaption des Films nicht an Kritik zur Zeit, an Turbokapitalismus und Regierungen, die doch eben noch links waren, in erster Linie aber ist sein Stück ein Mordsspaß.

Mit Volldampf fährt nicht nur der Luxusliner auf den Eisberg zu, sondern auch die turbulente Komödie ein hohes Tempo. Nicht weniger als elf Schauspieler bevölkern die kleine Bühne, die dank einer weiteren genial-schlanken Lösung von Kaja Dymnicki im Handumdrehen von der Kapitänsbrücke zum Maschinenraum und vom Salon zum Zwischendeck werden kann. Vor allem das Bettenlager im zweiten Zwischendeck wird zum Austragungsort aller möglichen Leidenschaften, wird doch an Bord geliebt, gelogen und betrogen, dass sich die Schiffsbalken biegen.

Ein Auszug aus dem tollen Treiben: Schiffseigner Bruce Manchester (Claudius von Stolzmann) und seine kapriziöse Gattin (Daniela Golpashin) gehen mit jeweils Lord und Lady Wood (David Oberkogler und Johanna Prosl) fremd. Das heißt, zumindest versuchen sie es. Manchester ist außerdem Börsenspekulant und als solcher im Dauerclinch mit einem seiner Hauptaktionäre (Alexander Braunshör), Lord Wood will ein wertvolles Collier seiner Ehefrau verschwinden lassen, um die Versicherungssumme zu kassieren.

Dafür beauftragt er einen zwielichtigen Kubaner (Boris Popovic als Kommunist mit originell-ökonomischen Vorstellungen von der Welt), dem allerdings der Borddetektiv (Thomas Weissengruber) auf den Fersen ist. Thomas Kamper gibt sowohl Kapitän als auch Chefmaschinist, beide der festen Überzeugung, dass die Titanic sinken wird, wenn man die Maschinen nicht drosselt, aber auf sie hört natürlich keiner. Und am Ende taucht Serge Falck auf und interviewt die überlebende Rose. Ach ja: Das mit Rose (Lisa-Carolin Nemec), das war übrigens ganz anders, als David Cameron es erzählt hat. Ihr geliebter Jack (Paul Graf) soll in erster Linie dazu gut sein, Papa und Stiefmama Manchester zu schockieren. Kein Wunder also, dass er am Ende leichten Herzens den Wellen überantwortet wird …

Eisberg voraus: Claudius von Stolzmann und Thomas Kamper. Bild: Andrea Peller

Wandelt auf den Spuren von Leonardo DiCaprio: Paul Graf. Bild: Andrea Peller

Den Schiffbruch mit Seitenspringern und anderen Schlitzohren erzählt Oley mit Versprechern und Beiseitesprechern, so dass es im Publikum einfacher ist, den Überblick zu behalten, als es den Figuren gelingen mag. Dass eine Inszenierung wie diese auch auf Klamauk und Kalauer setzt, versteht sich. Diese „Titanic“ ist die Hochseilvariante von Slapstick – und offenbart dabei dennoch die tiefsten Abgründe menschlicher Seelen. Schade, dass das Schiff mit nur eineinviertel Stunden ein Absaufdatum hat.

www.bronski-gruenberg.at

  1. 2. 2018

Franz Novotny und Johannes Zeiler im Gespräch

Juni 23, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Deckname Holec“ zeigt Helmut Zilk als ČSSR-Spion

Franz Novotny, Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm / Dieter Nagl

Der Regisseur und sein Hauptdarsteller auf dem Filmset in Wien: Franz Novotny und Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm / Dieter Nagl

Am 29. Juli kommt mit „Deckname Holec“ der jüngste Film von Franz Novotny in die Kinos. Johannes Zeiler spielt darin Helmut Zilk in seiner Zeit als ORF-Direktor. Rund ums Jahr 1968, als Zilk mit „Stadtgesprächen“ in Prag Furore machte, soll er Informant für den tschechischen Geheimdienst gewesen sein. Von diesen Begebenheiten berichtet jedenfalls der tschechische Filmemacher Jan Němec in seiner Kurzgeschichte „Italská Spojka“, an der sich Novotnys Drehbuch orientiert. Im Film sieht Honza, ein junger tschechischer Regisseur, im Original eben Němec, der gerade die ersten Bilder des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag gefilmt hat, in Zilk die Chance, der Welt von dem Unrecht, das der ČSSR widerfährt, zu berichten.

Der systemkritische Filmemacher, dessen letzter Film von der Zensur verboten wurde, versucht die brisanten Aufnahmen nach Wien zu bringen. Was er nicht weiß: Zilk steht schon längst im Fokus des tschechischen Geheimdienstes. Denn dessen Faible für die aufstrebende Schauspielerin Eva, pikanterweise Honzas Geliebte, ist auch dem Agenten Nahodil nicht entgangen und ein schöner Grund, Zilk zu erpressen. Der soll anstelle realer Tatsachen gefälschtes Propagandamaterial senden und die sowjetische Okkupation im ORF als Befreiung verkaufen … Franz Novotny und Johannes Zeiler im Gespräch:

MM: Der Film ist spannend wie von John le Carré erfunden. Aber warum zeigen Sie ihn ausgerechnet jetzt?

Franz Novotny: Warum nicht? Man kann zwei pudernde Heuschrecken mit guter Musik als Kinofilm darstellen, sie sind zeitlos. Die Charakterbewegungen und Entwicklungen von Menschen sind auch zeitlos. Wir zeigen keine Geschichte, die 1968 spielt, sondern eine prototypische Charakterhaltung, das ist die Essenz des Films. Ob es tatsächlich so war, wie es bei uns ist, ist letztlich wurscht. Wie sagt Don Quichotte? Tatsachen sind der Feind der Wahrheit. Und die Klitterung der Geschichte ist stärker als eine dokumentarisch akribische Nacherzählung von einstigen Begebenheiten.

Johannes Zeiler: Mit einem Wort: Fiktion von Franz Novotny ist stärker als Realität.

MM: Trotzdem, Sie werden dem Publikum damit doch etwas sagen, ihm etwas mit auf den Weg geben wollen.

Novotny: Es ist nicht meine Aufgabe zu sagen, was der Film sagen soll, aber ich kann es versuchen. Der Film könnte sagen, zur richtigen Zeit muss man das Richtige machen, vor allem, wenn man zuerst das Falsche gemacht hat. Na? Auf uns umgelegt heißt das, Helmut Zilk macht dann doch das Richtige, er verrät nicht den Urheber des Schatzes, Jan Němec, und verbreitet, wiewohl er persönliches Risiko auf sich nimmt, die Wahrheit über den Einmarsch der Russen in der Tschechoslowakei.

MM: Ihre Quelle oder Vorlage ist die Kurzgeschichte von Jan NěmecItalská Spojka  / The Italian Connection“?

Novotny: Richtig, das ist die Basis. Nur haben wir eine österreichische Fassung erstellt. Bei Jan Němec war 20 Prozent Zilk, bei uns, da wir Hauptproduzenten und Österreicher sind, sind jetzt 80 Prozent Zilk. Die andere Quelle ist die wunderbare Geschichte von Herbert Lackner im profil (www.profil.at/home/helmut-zilk-spion-zilk-informant-cssr-geheimdienstes-237065), aus der als Wahrheitsbeweis über die Geschichte hervorgeht, dass sich kaum jemand die Arbeit macht, hunderte Meter von Akten zu fälschen, nur um jemanden zu schaden. Es wäre lebensfremd das anzunehmen. Lebensnah ist eher, dass es war, wie in den Akten dargestellt: dass Zilk sich für nutzlose Informationen bezahlen ließ. Und, dass er sich bei den Tschechen einen Luster bestellt hat.

MM: Das ist nachgewiesener Weise meine Lieblingsszene, wie er dann den Luster von der Decke reißt, weil er überreißt, dass er verwanzt ist. Dagmar Koller sagte nach der Filmvorführung, in der sie war, zu Ihnen, jetzt hätte sie endlich eine Vorstellung, wie dieser Luster, von dem sie so viel gehört hat, ausgeschaut habe.

Novotny: Ja, ich glaube, sie hat den Film adoriert, weil doch ihr Helmut nicht so schlecht wegkommt. Dabei wollte ich über die Person Helmut Zilk hinausgehend die Figur eines werdenden Politikers zeigen, den Werdegang eines aufsteigenden Menschen, der in die Politik kommt, und wie er dorthin kommt. Wie er seine Seilschaften benutzen kann und wie er unter Gewissenskonflikten dann doch das Richtige tut.

Zeiler: Ich fand dieses „Ihr wisst ja gar nicht, was alles möglich ist“ als Motiv dafür, was ihn antreibt, spannend: „Wenn ihr mir das und das gebt, könnt ihr euch gar nicht vorstellen, was ich damit alles machen kann“. Helmut Zilk gehört sicher zu den Menschen, die das maximale aus den Möglichkeiten rausholen, die sich ihnen geboten haben.

Novotny: Und er hat es auch mit Freude gemacht, davon bin ich überzeugt. Was ein wichtiges Element der Politik ist, dass man sie nicht mit Krampf, sondern spielerisch macht. Insofern ist er einer der letzten Männer, die Politik „gemacht“ haben. Er war selbstbestimmt, selbstgesteuert, bis auf die Spionagegeschichte, da war er ferngesteuert; er hat gute Politik gemacht, nachdem er Bürgermeister von Wien wurde, und wichtige Taten gesetzt, sieht man von der Spittelau-Hundertwasser-Behübschung ab. Ich muss den Zeiler loben, er hat den Zilk neu inszeniert. Er hat ihn nicht wie ein Papagei interpretiert, das wäre ja lächerlich, da hätten wir ihm auch noch die Haare färben müssen. Er spielt den Zilk wahrhaftiger, als der Zilk vielleicht war.

MM: Herr Zeiler, Sie sind offenbar der Mann für die Charakterköpfe der Sozialdemokratie. Am Theater waren Sie schon Bruno Kreisky, im Film nun Helmut Zilk. Was prädestiniert Sie für diese Rollen?

Zeiler: Dass diese Männer Machtmenschen sind. Ich habe auch schon den Faust gespielt, wieder ein Machtmensch, in CopStories bin ich der Chef … und das waren Kreisky und Zilk genauso. Dass die beiden Sozialdemokraten sind, ist Zufall. Ich müsste auch lange suchen, um einen weiteren zu finden, der so interessant ist, dass ich ihn spielen könnte.

MM: Ich habe den Eindruck, es ging Ihnen in Ihrem Spiel nicht darum, die Person Helmut Zilk zu imitieren, wiewohl er da sicher viele Anknüpfungspunkte bieten würde, sondern darum einen Typus Mensch zu gestalten. Wie haben Sie sich der Rolle genähert?

Zeiler: Stimmt, ich wollte nicht in ein Nachmachen fallen. Das haben viele vor mir gemacht, Zilk war ja oft Material für Parodien und Imitationen. Letztlich hätte mich das aber eingeengt, denn wenn ich die ganze Zeit nur mit verstopfter Nase gesprochen und gepoltert hätte, das wäre nicht fruchtbar gewesen. Ich wollte nicht von außen nach innen gehen, sondern es lieber umdrehen und mir Interpretationen suchen, die mir wichtig erscheinen. Zum Beispiel, dass er ein Genussmensch war, ein Mann der Tat, aber auch ein Mensch, der unglaublich gern berührt. Im wahrsten Sinn des Wortes: Er hat Leute gerne angegriffen. Ich habe mir viele Dinge nicht abgeschaut, sondern angeschaut. Die ganzen „Stadtgespräche“, das Ombudsmann-Format, obwohl das natürlich immer nur der Show-Zilk, der Theater-Zilk ist. Aber auch da kann man vom Rhythmus eines Menschen, von Vorlieben, Sprechweise bis hin zu persönlichen Charaktereigenschaften vieles erarbeiten.

MM: Gab’s jemals eine persönliche Begegnung mit Helmut Zilk?

Zeiler: Leider nein. Ich habe aber von vielen Menschen, die ihn kannten, gehört, dass er eine beeindruckende Erscheinung war. Aber davon musste ich mich befreien, daran zu denken, hätte mir nur Stress gemacht. Ich habe mich anders mit Zilk angereichert.

Novotny: Ich habe, wie viele in diesem Lande, eine Helmut-Zilk-Geschichte, aber die ist im Zusammenhang mit dem Film vernachlässigbar. Ich erzähle sie nur der Vollständigkeit halber: Einerseits hat mich der Zilk einmal berechtigter Weise aus dem ORF hinausgeworfen, wie ich Anfang 20 war. Da hatte ich einen Bericht gemacht über die Akademie am Schillerplatz ohne die Gegenseite zu befragen. Davor hatte ich ein Drehbuch „Johann Strauß – Der Mörder von Mayerling“ geschrieben, das dem Jörg Mauthe sehr gut gefiel, aber Helmut Zilk hat mir stattdessen einen Film über die Wiener Sängerknaben angetragen. Das habe ich in einem bösen Brief mit Empörung zurückgewiesen. Später habe ich ein paar Werbefilme für ihn gemacht, und einmal war ich für ihn tätig, um die bilateralen Beziehungen Kuba-Wien zu vertiefen, in der Form, dass ich für den ORF in Budapest eine Show mit einer wunderschönen Sängerin drehen durfte, wo ich vermute, dass die bilateralen Beziehungen von Herrn Direktor Zilk weiter vertieft wurden.

MM: Nun zeigen Sie ihn tatsächlich in privatesten Momenten und in privatesten Vorlieben. Geht man an Sexszenen schüchterner heran, wenn man weiß, man zeigt eine real existiert habende Person? Und Dagmar Koller schaut im Kino zu …

Zeiler: Schüchtern nicht, aber man hat natürlich Respekt davor. Aber, wenn ich jetzt dran denken würde, was Dagmar Koller oder ehemalige Mitarbeiter oder Zeitgenossen wie Teddy Podgorski über diese Szenen denken, da wäre ich verraten und verkauft.

Vica Kerekes, Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm

Zilk interessiert sich für die Schauspielerin Eva: Vica Kerekes und Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm

Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm

Zeit im Bild: Zilk-Zeiler persönlich berichtet über den Einmarsch der Russen in Prag. Bild: © Thimfilm

MM: Franz Novotny zeigt eine Figur Zilk, die kurz strauchelt, aber im Moment, in dem es darauf ankommt, das Richtige tut. Ist es das, was Sie recherchiert haben?

Zeiler: Das ist die Drehbuchstory, ich halte es aber für möglich, dass es wirklich so war. Beachtenswert ist die Geschichte, wie er 1943 von der Waffen-SS angeheuert werden sollte, die ganze Schulklasse hat mitgemacht, weil sie’s imposant fand oder sich vor Konsequenzen geängstigt hat, aber er hat sich dagegen entschieden. Ich glaub‘, dass das immer wieder in seinem Leben passiert ist, dass er sich konsequent und in aller Klarheit in seinen Entscheidungen auf die richtige Seite gestellt hat. Letztendlich hat er seine Haltung beinah einmal mit dem Leben bezahlt. Ein kleiner Aspekt ist das Hrdlicka-Denkmal, für das er vehement eingetreten ist: Des machma jetzt, aus, fertig. In dem Sinne war er ein Populist mit den richtigen Grundsätzen.

MM: Ist das ein Mut zu Entscheidungen, der Entscheidungsträgern heute fehlt?

Zeiler: Es war eine mutige Entscheidung von Journalisten damals dieses geschmuggelte Band zu zeigen, als einzige Sendeanstalt in Europa, und damit die Welt über die wahren Geschehnisse in der Tschechoslowakei zu informieren. Solche Durchsetzungskraft und solcher Mut, natürlich fehlen die heute.

MM: Der Film liefert keine Erklärung dafür, warum Helmut Zilk dem tschechischen Geheimdienst zugearbeitet haben soll. Haben Sie sich dazu etwas überlegt?

Zeiler: Für mich ist diese Spionagegeschichte überhaupt nichts außergewöhnliches, sondern logisch mit der Geschichte verbunden. Da hat er eine Situation falsch eingeschätzt, oder sich überschätzt, wenn es so war. Ich habe mir zusammengereimt, dass einer, der es liebt in Machtpositionen zu sitzen und daher gar nicht ohne Seilschaften auskommt, sich da eine weitere gesucht hat. Im Prinzip ist es ein Geben und Nehmen in Spionagekreisen. Nur hat er sich da ein bisserl verhoben. Wenn man sieht, mit welcher Freude und Inbrunst er dieses Format in Tschechien gemacht hat, als erster hinter dem Eisernen Vorhang eine der ersten Talkshowformen realisiert hat, und vielleicht schon überlegt hat, dort und da könnte es auch gehen, also rede ich mit denen und gebe ihnen ein bisschen, was sie wollen – na, dann macht er das natürlich.

MM: Für mich ist die Quintessenz der Figur der Satz, den der wunderbare Heribert Sasse als Polizeichef Fuchs spricht: Bist du so naiv oder ganz deppert? Ist es das?

Novotny: Das ist einer der Sätze, der das kennzeichnet, was wir mit dem Film sagen wollen. Viele dieser Sätze gehen in eine bestimmte Richtung, die wir gefühlsmäßig vom Bauch analysiert haben, ohne groß eine Botschaft zu verpacken. Man zeigt einfach den Lebensweg eines interessanten Menschen, der wie gesagt, einer der letzten Männer war.

MM: Wie und wo waren die Dreharbeiten? Das Set ist bestechend 1960er-Jahre-miefig …

Novotny: Wir haben in Prag und Wien gedreht, teilweise sind die Hintergründe digitalisiert. Das Setting ist wunderbar und orientiert sich an der Zeit selbst noch in kleinsten Details. Mein liebstes ist Zilks goldene Zigarettenweltkugel, die das Kolorit der Zeit perfekt darstellt. Auch, dass die Leute dauernd tschicken, ist ein Motiv der Zeit, heute undenkbar. So haben wir versucht, die 1960er-Jahre einzufangen.

Zeiler: Ich hatte herrliche Erlebnisse. Mit einem Fünfziger-Jahre-Mercedes durch Prag zu fahren, das ist schon eine G’schichte. Dann das Hotel International in Prag …

Novotny: .. das zu finden war ein wunderbarer Griff. Es ist ein ehemaliges Militärhotel, das in den 1950er-Jahren gebaut wurde …

Zeiler: … und dort mit unzähligen Statisten zu drehen, mit einer Karel-Gott-ähnlichen Musik beschallt, und du bist als Zilk hinter einer tollen Frau her, da braucht man sich als Schauspieler nur noch treiben lassen. Ja, es waren sehr viele schöne Sachen dabei. Wenn man einen Genussmenschen spielt, kommt man auch zu Genüssen.

MM: Im Film kommt Zilks Ehefrau Helga in die Fänge des tschechischen Geheimdienstes. Diese Entführungsgeschichte ist aber ausgedacht?

Novotny: Der ganze Film ist ausgedacht. Gehen wir davon aus: Alles Denkbare ist möglich. Im Sinne der Quantenphysik.

MM: Ganz gerne hätte man gewusst, wie es mit dem realen Jan Němec weiterging, nachdem er die Bänder übergeben hatte.

Novotny: Er ist zurückgegangen nach Prag, wurde aber unterdrückt, in der Husák-Diktatur hatte er nichts zum Husten. „Oratorio for Prague“ wurde zum Dokumentarfilm der Niederschlagung des Prager Frühlings, sogar Philip Kaufman baute 1988 Originalmaterial in seine Milan-Kundera-Verfilmung „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ ein. 1974 hat Němec die Tschechoslowakei Richtung USA verlassen. Später, nach der Befreiung, hat er wieder Filme in Prag gemacht. Er ist heuer im März erst gestorben. Aber er ist bis zum Schluss ein Freigeist geblieben. 2014 hat er die tschechische Verdienstmedaille aus Protest gegen Präsident Miloš Zeman zurückgegeben.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=F0rHupmFA0Y

www.decknameholec.at

Wien, 1. 7. 2016

Deckname Holec

Juni 23, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Franz Novotny zeigt Helmut Zilk als ČSSR-Spion

Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm

Johannes Zeiler als Helmut Zilk: Im ORF wird beraten, wie man über den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag berichten soll. Bild: © Thimfilm

Dass ein Filmemacher wie Franz Novotny einen Stoff wie diesen nicht links liegen lassen konnte, versteht sich. Vielmehr fragt sich, was ihn so lange aufgehalten hat, bis er ihn endlich für die Leinwand adaptierte. „Deckname Holec“ heißt sein nun ab 29. Juli in den heimischen Kinos zu sehender Film, und er erzählt eine Geschichte, die so fantastisch ist, dermaßen zu gut, um frei erfunden zu sein, dass sie nur … Ja, dies Hintertürchen lässt sich Novotny offen. Im Gespräch mit mottingers-meinung.at sagt er schelmisch: „Tatsachen sind der Feind der Wahrheit. Und die Klitterung der Geschichte ist stärker als eine dokumentarisch akribische Nacherzählung von einstigen Begebenheiten.“

Von diesen Begebenheiten berichtet jedenfalls der tschechische Filmemacher Jan Němec in seiner Kurzgeschichte „Italská Spojka“, an der sich Novotnys Drehbuch orientiert: Helmut Zilk, damals allerdings weder Unterrichtsminister noch Wiener Bürgermeister, sondern ORF-Direktor, soll jahrelang Informant des ČSSR-Geheimdiensts gewesen sein. Herbert Lackner schrieb 2009 im profil darüber: www.profil.at/home/helmut-zilk-spion-zilk-informant-cssr-geheimdienstes-237065. Wie es dazu kam, erklärt Novotny nicht; er ergeht sich erfrischend nicht in Spekulationen über Beweggründe oder Motivationen, er stellt das wenige dar, das bekannt scheint. Eine „Akte Zilk“ gibt es nämlich nicht. Im Film weht sie am Ende der Wind mit dem Wienfluss auf und davon.

Keine Angst, Novotny tut Zilk nicht weh. Der sonst nie um einen Skandal verlegen gewesene Regisseur hält sich an eine „Halb zogen sie ihn, halb sank er hin“-Version. Er malt das Bild eines kurz strauchelnden Helden, der aber im Moment der weltgeschichtlichen Wahrheit sofort wieder das Richtige tut. Auf mehr kommt’s im Leben bekanntlich nicht an; etwas anderes darzustellen wäre für einen Wiener Film wohl auch nicht möglich gewesen.

So begibt man sich auf eine Zeitreise nach Wien und Prag im Jahr 1968. Ein junger tschechischer Regisseur, in der Realität eben Jan Němec, der gerade die ersten Bilder des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag gefilmt hat, sieht in ORF-Direktor Zilk die Chance, der Welt von dem Unrecht, das der ČSSR widerfährt, zu berichten. Mit seiner Geliebten, der Schauspielerin Eva, versucht der systemkritische und ergo von der Zensur beäugte Honza, die brisanten Aufnahmen nach Wien zu bringen. Den smarten Zilk, Initiator der „Prager Stadtgespräche“, haben sie bei einer gemeinsamen Livesendung des tschechischen und österreichischen Fernsehens kennengelernt. Eva danach sogar sehr intim, doch das weiß Honza natürlich nicht.

Was die beiden sonst noch nicht wissen, ist, dass Zilk längst im Fokus des kommunistischen Geheimdienstes steht. Er wurde unter dem Decknamen Holec angeworben, um Geheimnisse aus SPÖ-Kreisen weiterzuleiten, etwa die Haltung Bruno Kreiskys zu Alexander Dubček, doch sind das Angelegenheiten, in die er gar keinen Einblick hat. Und so speist er die Tschechen mit uninteressantem Material ab. Doch nun steht’s Spitz auf Knopf. Zilk wird mit dem Wohl und Wehe seiner damaligen Ehefrau Helga erpresst, die entführt und festgehalten wird. Um ihr Leben zu retten, soll er im ORF statt Honzas Film gefälschtes Propagandamaterial senden und die Okkupation als sowjetische Befreiung verkaufen …

Krystof Hádek, Jenovéfa Boková. Bild: © Thimfilm

Honza riskiert sein Leben, als er die Russen filmt: Krystof Hádek mit Jenovéfa Boková. Bild: © Thimfilm

Ondřej Brzobohatý, Vica Kerekes. Bild: © Thimfilm

Währenddessen wirft Zilk ein Auge auf Honazs Geliebte Eva: Vica Kerekes mit Ondřej Brzobohatý. Bild: © Thimfilm

Der Rest ist Fernseh/Geschichte. Und was hier wie ein Agententhriller à la John le Carré klingt, sieht auch so aus. Novotny hat eine miefige 1960er-Jahre Atmosphäre neu erfunden und mit liebevollen Details wie Zilks güldenem Weltkugelzigarettenspender ausgestattet. In Prag war das ehemalige Parteibonzen-Hotel International ein perfekter Drehort, fürs Fehlende sorgt fabelhaftes CGI. Ein bedrohlich rotierender Deckenventilator durchschneidet die einzelnen Szenen.

Durch diese Welt, optisch von gestern, was Politik betrifft sehr von heute, bewegt sich Johannes Zeiler als Helmut Zilk. Das heißt, er bringt keine, was leicht gewesen wäre, polternde, näselnde Imitation des stadtbekannten Selbstdarstellers auf die Leinwand, er hebt seine Figur über den Rahmen Zilk hinaus und gestaltet das Porträt eines prototypischen Genuss- und Machtmenschen. Sein Zilk will Karriere um fast jeden Preis machen, Österreich-geschult glaubt er ans Prinzip des gegenseitigen Händewaschens, auch erliegt er seiner Eitelkeit wegen der ihm zugedachten Wichtigkeit, aber als er erkennt, in welche Falle er da getappt ist, rappelt’s in der Kiste. Wunderbar die Szene, in der Zeiler-Zilk in seiner Wiener Wohnung einen böhmischen Kristallluster – damals funktionierten Naturalien als Bestechungsgeschenke noch – von der Decke schleudert, weil er erkennt, dass er verwanzt ist.

Bei Damen ist er Connaisseur und Charmeur, inklusive Sexszenen, die privateste Vorlieben offenbaren, und so ist es kein Wunder, dass er seinen persönlichen Sozialismus mit dem menschlichen Antlitz von Schauspielerin Eva, gespielt von Vica Kerekes, auslebt. Das folgende Duell Lebemann vs Idealist, das er mit Honza Němec austrägt, der tschechische Schauspieler Kryštof Hádek schlüpft in diese Rolle und ist darin Zeiler ein ebenbürtiger Gegner, gehört zu den spannendsten ideologisch aufgeladenen Momenten in Novotnys Arbeit. Tatsächlich nimmt der Film erst durch die Konfrontation dieser beiden Männer so richtig Fahrt auf.

David Novotný, Heribert Sasse. Bild: © Thimfilm

Ein alter Fuchs: Heribert Sasse macht als Wiener Polizeichef Spion David Novotný das Leben schwer. Bild: © Thimfilm

Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm

Und am Ende verweht der Wien die verfängliche Akte Zilk mit dem Wienfluss auf und davon. Bild: © Thimfilm

Doch nicht nur Zeiler und Hádek agieren fantastisch. Eva Spreitzhofer ist eine wunderbar zickige Helga, David Novotný ein sinistrer Geheimagent Nahodil, Michael Fuith ein ob des zweimaligen Sinneswandels seines Chefs ratloser ORF-Mitarbeiter Popp. Er wird schließlich den Film-Fake der Russen erkennen und Zilks Entscheidung maßgeblich in die korrekte Richtung lenken. Zu Zilks Leuten gehört auch Polizeichef Fuchs, ein Freund, wie man ihn sich nur wünschen kann. Heribert Sasse gestaltet ihn ganz großartig als Kabinettstückchen eines Wiener Kiberers mit Herz und Hirn. Sein „Bist du so naiv oder ganz deppert?“-Satz zu Zilk ist gleichsam das Leitmotiv des Films. Er wird dem Helmerl nicht nur den A**llerwertesten retten, sondern ihm bleibt mit dem Austricksen Nahodils auch der Schlussgag vorbehalten.

Welch ein Film über Zeiten, als der Krieg zwar kalt, aber kommende Politiker heiß waren. In diesem Sinne ist „Deckname Holec“ ein Plädoyer für Zivilcourage auch in ausweglos erscheinenden Situationen. Oder wie Franz Novotny sagt: „Zur richtigen Zeit muss man das Richtige machen, vor allem, wenn man zuerst das Falsche gemacht hat.“ Dann wird auch aus dem Agent in eigener Sache ein bedeutender Ombudsmann. Dafür einen Smiley.

Franz Novotny und Johannes Zeiler im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=21047

Trailer: www.youtube.com/watch?v=F0rHupmFA0Y

www.decknameholec.at

Wien, 8. 7. 2016